Hundert Jahre wie ein Tag - Kai Keller - E-Book

Hundert Jahre wie ein Tag E-Book

Kai Keller

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Beschreibung

Leo kehrt nach einer langen, einsamen Reise im Weltall, bei der er seine geliebte Louisa verlor, zur Erde zurück. Dort sind jedoch hundert Jahre vergangen. Und eine sonderbare Illusion hält seine Erinnerungen gefangen. Er taucht in die wunderbare Gesellschaft des 22. Jahrhunderts ein. Die Streitigkeiten und Kriege unserer Zeit sind beigelegt. Längst vergessene Tugenden haben die Menschen wiederentdeckt. Zusammen mit der attraktiven, gewitzten Charlotta begibt er sich auf eine gefährliche Weltreise, um Louisas Schicksal aufzuklären. Kann er seine Erinnerungen zurückerhalten und sein Glück in der neuen Welt finden? Was Leserinnen und Leser erwartet: eine temporeiche, einzigartige Erzählung in der Zukunft, mit bittersüßen Rückblenden in die Gegenwart, spannende, lustige, tiefgründige und berührende Szenen, mit einem fulminanten Schluss, beißend-satirische Kritik an den aktuellen Verhältnissen in Deutschland – und praktikable Lösungen.

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buchrückseite

Leo kehrt nach einer langen, einsamen Reise im Weltall, bei der er seine geliebte Louisa verlor, zur Erde zurück. Dort sind jedoch hundert Jahre vergangen. Und eine sonderbare Illusion hält seine Erinnerungen gefangen.

Er taucht in die wunderbare Gesellschaft des 22. Jahrhunderts ein. Die Streitigkeiten und Kriege unserer Zeit sind beigelegt. Längst vergessene Tugenden haben die Menschen wiederentdeckt.

Zusammen mit der attraktiven, gewitzten Charlotta begibt er sich auf eine gefährliche Weltreise, um Louisas Schicksal aufzuklären. Kann er seine Erinnerungen zurückerhalten und sein Glück in der neuen Welt finden?

Was Leserinnen und Leser erwartet:

eine temporeiche, einzigartige Erzählung in der Zukunft, mit bittersüßen Rückblenden in die Gegenwart,

spannende, lustige, tiefgründige und berührende Szenen, mit einem fulminanten Schluss,

beißend-satirische Kritik an den aktuellen Verhältnissen in Deutschland – und praktikable Lösungen.

Lesehinweis

Figuren und kursiv geschriebene Personen, Zitate und Begriffe können jederzeit im Register nachgeschlagen werden.

Zuweilen dient kursive Schrift auch zur Hervorhebung.

Impressum

Druck und Distribution:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg

Publikation und Verbreitung:

tredition GmbH, Abteilung Impressumservice, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg

E-Mail: [email protected]

Text, Satz, Umschlaggestaltung:

Kai Keller (Autorenname), E-Mail: [email protected]

Dieses Buch ist frei von KI-generierten Texten.

Lieben Dank an meine Familie und meine Freunde für ihre Hinweise und Anregungen!

Rechtliches:

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, auch von Teilen, ist ohne die Zustimmung des Autors unzulässig, ebenso die Nutzung einer automatisierten Analyse im Sinne von § 44b (2) Urhebergesetz. Markennamen und Warenzeichen sind Eigentum der jeweiligen Eigentümer. Druck, Distribution, Publikation und Verbreitung erfolgen im Namen des Autors. Die Kontaktadresse für Produktsicherheitsfragen ist der Impressumservice des Verlages.

ISBN:

978-3-38476-029-6 (Taschenbuch)

978-3-38476-030-2 (gebundenes Buch)

1. Ausgabe 2026

© 2026 Kai Keller

Inhalt

Die Landung

Die Mission

Charlotta

Der geheime Schlüssel

Das Leben im Weltall

Illusion oder Wirklichkeit

Der bunte Strudel

Der Sonnenaufgang

Der Verräter

Mario

Die moderne Welt

Larry

An Bord

Berlin

Herr Reuter

Antarktis

Surfers Paradise

Indien

Die Spur des Geldes

Buenos Aires

Don Carlos

Alexander

Las Vegas

Der Showdown

In der Wüste

Namibia

Geht’s noch?

Der Mars

Der Schlüssel zum Glück

Das Verhör

Der Staatsanwalt

Die Agentin

Die Aufstellung

Der Neustart

Nachwort

Anhang – Hintergründe

Register – Personen, Zitate und Begriffe

Die Landung

Es war absolute Stille. Alles schien weiß zu sein, obwohl Leo die Augen geschlossen hatte. Er fühlte sich wie in einem Raum voller Watte.

Leo mochte sich nicht bewegen, denn sein Körper war unendlich schwer, so als ob er hundert Jahre geschlafen hätte.

Er fragte sich, ob dies wirklich geschah oder ob er es sich nur einbildete. Soweit er sich erinnerte, war er gelandet. Auf der Erde. Nach einem Flug von Milliarden von Kilometern durch Raum und Zeit.

Noch wichtiger war die Frage, ob er überhaupt noch lebte. Doch wenn er denken konnte, musste er auch am Leben sein. Wenn all dies hier bloß eine Illusion war, würde er ein wenig Spaß haben wollen, denn in Illusionen lebte es sich reichlich unbeschwert.

Wenn das hier jedoch in Wirklichkeit geschah, konnte er es nicht ändern, sondern würde es annehmen. In diesem Fall müsste er jedoch vorsichtiger sein.

Leo beschloss, für den Moment keine der beiden Möglichkeiten auszuschließen.

Irgendetwas löste in ihm dennoch Unbehagen aus. Richtig, er hatte ein Problem. Ein riesengroßes Problem. Er hatte den Fluglotsen nach seiner Landung nach dem heutigen Datum gefragt.

„Klar, heute ist Heiligabend 42“, hatte der erwidert.

„Heiligabend 2042?“, fragte Leo, sich an das letzte Fünkchen Hoffnung klammernd, obwohl er die Antwort bereits ahnte.

„Nein, Sir, Heiligabend 2142.“

Fluglotsen waren typischerweise bei der Arbeit nicht zu Späßen aufgelegt. Einmal, es war an einem 1. April, hatte sich ein Fluglotse ein Späßchen mit einer Raumschiff-Crew erlaubt, die dringend um Landeerlaubnis bat. Er sprach mit monotoner Stimme: „Wir bekommen zurzeit sehr viele Anfragen. Die Bearbeitung Ihres Landeanliegens kann noch etwas dauern. Besuchen Sie gern unsere Homepage, auf der Sie wertvolle Tipps und Tricks zur Vorbereitung auf Ihre Landung erhalten.“

Die Homepage zu besuchen, war für die Crew insofern nur die zweitbeste Option, als dass ihr Energievorrat nahezu aufgebraucht war. Ein Weiterflug hätte sicherlich mit einem negativen Szenario geendet, das dann auch ihr letztes gewesen wäre. Die Crew verzweifelte schon, als im letzten Moment die Teamleiterin einschritt.

Wie man sich erzählt, wurde der Fluglotse in das Callcenter eines Energieversorgers versetzt und geht dort ungestört seinen Späßen nach.

Heiligabend 2142 – schöne Bescherung, hatte Leo gerade noch gedacht, bevor er in Ohnmacht gefallen war.

Nun fand er sich in liegender Position wieder. Während seiner knapp zehnjährigen Reise durch das Weltall sollen also hundert Jahre auf der Erde vergangen sein. Das bedeutete, er würde niemanden mehr auf der Erde kennen – niemanden!

Er hatte bei seinem Abflug zwar in Kauf genommen, dass er seine Familie und Freunde nie wiedersehen könnte, jedoch hatte ihn die Gewissheit ausgeknockt.

In sehr schnell fliegenden Raumschiffen verging die Zeit wesentlich langsamer, wie Albert Einstein herausgefunden hatte. In seinem Fall machte dies etwa neunzig Jahre aus.

Leo erlebte die große Veränderung in seinem Leben genauso wie viele andere Menschen vor ihm. Zuerst wollten sie es nicht wahrhaben, dann setzte Widerstand ein, gefolgt von Wut oder Trauer. Erst danach waren sie in der Lage, sich mit den Veränderungen auseinanderzusetzen.

Diesem Einstein sollte man posthum seinen Nobelpreis aberkennen, dachte er. Jedoch verwarf er den Gedanken schnell wieder, weil Einstein den Nobelpreis merkwürdigerweise nicht für seine Relativitätstheorie bekommen hatte. Zudem trug Einstein keine Schuld an seinem Problem.

Leos einzige Hoffnung war, dass er sich all dies hier nur einbildete. Denn er wollte es noch nicht wahrhaben.

Schritte auf dem Flur rissen ihn aus seinen Gedanken. Die Tür wurde geöffnet und jemand kam herein. Er versuchte, die Augen zu öffnen, jedoch fühlten sich seine Augenlider so schwer an wie sein restlicher Körper.

„Ich dachte mir, dass Du jetzt aufwachen würdest“, sagte eine weibliche Stimme. „Du bist offenbar in Deinem Raumgleiter ohnmächtig geworden. Wir sind hier auf der Krankenstation des Raumfahrtzentrums in Houston, Planet Erde.“

Das Raumfahrtzentrum hieß früher einmal Raumfahrtbahnhof. Jedoch waren es die Piloten leid, typischerweise nur Minuten vor dem Start Meldungen wie diese zu erhalten: „Ihr Abflug ist soeben von Basis 3 nach Basis 15 verlegt worden …“, woraufhin die Piloten in voller Montur und mit Sack und Pack zu einer weit entfernt liegenden Abflugbasis rennen mussten. Nur um kurz vor dem Start wieder zu der ursprünglichen zurückbeordert zu werden.

Mit der Umbenennung von Bahnhof in Zentrum verschwanden diese Probleme aus unerfindlichen Gründen.

Leo blinzelte. Er sah eine Frau, die einen futuristisch aussehenden, silbernen Overall mit vielen farbigen Applikationen trug. Sie war mittelgroß und hatte kastanienbraune Haare bis über die Schultern.

Ein menschliches Wesen, dachte er. Die Frau sah tatsächlich so aus wie in seiner Vorstellung von der Zukunft. Sie musste Mitte dreißig sein, also etwa so alt wie er selbst.

„Willkommen zu Hause!“, sagte die Frau mit einem Lächeln.

Und dann passierte etwas Merkwürdiges. Vor Leos innerem Auge lösten sich die farbigen Applikationen von ihrem Overall, stiegen auf in die Luft und sammelten sich über ihrem Kopf. Sie begannen sich zu drehen. Ein bunter Strudelentstand, von dem er magisch angezogen wurde.

Seine Sinne schwanden. Er konnte die Frau in seinem Zimmer nicht mehr sehen und nicht mehr hören. Auch das Zimmer verschwand. Im Inneren des bunten Strudels erkannte er einen Mann. Leo kam dichter heran. Der Mann hatte graues, kurzes Haar. Er war ungefähr fünfzig. Leo erkannte den Mann jedoch nicht.

Dann verschwand der bunte Strudel wieder. Die Frau stand wieder in seinem Zimmer, und die farbigen Applikationen waren wieder zurück auf ihrem Overall.

Leo war verwirrt. Er fühlte sich wie bei einem Déjà-vu. Denn irgendwo hatte er den bunten Strudel schon einmal gesehen. War er sogar schon einmal darin gewesen? Er schien jedenfalls seine geistigen Fähigkeiten zu beeinträchtigen. Auf seinen scharfen Verstand hat er sich immer verlassen können, daher kam ihm eine solche Illusion fremd vor.

Leo fühlte sich in dem Gedanken bestärkt, dass der bunte Strudel eine Art Tor zu einer Scheinwelt war. Oder war es ein Tor aus der Scheinwelt heraus? War er vielleicht nie wirklich der Illusion entkommen und befand sich immer noch in einer Traumwelt?

Er musste aufpassen, dass er nicht verrückt wurde, dachte er. Oder war er es schon? Dieser Gedanke ließ ihn wieder etwas entspannen. Denn wenn man sich noch fragen konnte, ob man verrückt geworden war, dann war man es meistens nicht.

Ein weiterer Umstand verhinderte, dass Leo schon wieder vollends an die Realität anknüpfen konnte. Über die vergangenen Jahre hatte er seine eigenen Vorstellungen über den möglichen Fortschritt auf der Erde entwickelt. Und so fragte er sich, ob die Frau in seinem Zimmer ein Mensch war oder ein Humanoid.

Wenn sie ein künstliches Wesen war, dann machten die hier einen verdammt guten Job, dachte er. Denn sie war auf natürliche Weise schön, aber eben nicht perfekt, wenn es so etwas überhaupt gab.

Zudem schien sie ein freundliches Wesen zu sein. Es war an der Zeit, ihre Begrüßung zu erwidern. Er wollte vorsichtig sein, denn es war eine Ewigkeit her, dass er zuletzt jemandem begegnet war. Er war ein wenig aus der Übung. Und vielleicht galten für Humanoide besondere Regeln.

„Hallo“, erwiderte Leo schließlich. „Sind Sie ein Mensch oder ein Humanoid? Und wie darf ich Sie ansprechen?“

Sie schaute irritiert zum Fenster und fasste sich ans Ohr. Leo wusste nicht, ob sie vielleicht etwas pikiert über seine Frage war oder ob die Anrede „Sie“ möglicherweise veraltet war.

In jedem Fall war seine Begrüßung etwas unglücklich, dachte er. Er kam sich vor wie ein Mitfünfziger, der sich in den angesagtesten Club der Stadt verirrte und sich bei einer jungen Kellnerin einen Pfefferminzlikör bestellte. Im Grunde war er sogar weit über hundert, wenn sich das alles hier in der Wirklichkeit abspielte.

Doch sie schaute ihn nun wieder an und wirkte in keiner Weise verärgert. Leo war erleichtert.

„Wie wäre es, wenn Du mich Charlotta nennst?“, antwortete sie. „Ich möchte Dir helfen, Dich auf der Erde zurechtzufinden. Denn seit Deiner Abreise hat sich hier so einiges verändert.“

„Nur wenn Du es möchtest“, fügte sie hinzu und schaute ihn fragend an.

Sie hatte recht, dachte Leo, denn er würde eine Menge lernen müssen über das, was sich in den vergangenen hundert Jahren auf der Erde ereignet hat. Noch mehr als das interessierte ihn jedoch, was ziemlich genau vor hundert Jahren passiert war, während seiner Mission.

Nachdem er so lange Zeit auf sich allein gestellt gewesen war, fiel es Leo schwer, anderen Menschen spontan zu vertrauen. Ihm war aufgefallen, dass sich Charlotta an ihr Ohr gegriffen hatte. Er fragte sich, ob sie irgendeine Technik im Ohr hatte und Anweisungen von jemandem erhielt.

Befand er sich womöglich inmitten einer Realityshow? Leo erinnerte sich an den Kinofilm „Truman Show“, den er an Bord gesehen hatte. In dem Film befand sich Truman seit seiner Geburt ohne sein Wissen in einem riesigen Filmstudio. Die Öffentlichkeit nahm jeden Tag Anteil an seinem – scheinbar normalen – Leben.

Waren dann Charlotta und die Belegschaft des „Raumfahrtzentrums in Houston, Planet Erde“ allesamt Schauspieler? Möglicherweise war es Charlottas erste Rolle, in der sie Regieanweisungen erhielt wie die folgende: „Sei ja nett zu dem. Er spielt jetzt die Hauptrolle in dieser äußerst beliebten, äußerst teuren Produktion. Während Du hier am Set nur eine kleine Nummer bist, die jederzeit den Filmtod erleiden kann wie Deine Vorgängerin.“

Leo hielt es für möglich, dass er ein wenig der Realität entrückt war. Dennoch fiel es ihm nach der langen Reise schwer, sich gegen Gedanken wie den an die Truman Show aufzulehnen.

Er spürte, dass Charlotta ein hilfsbereites Wesen war. Und er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie recht er damit hatte. Also zählte er gedanklich bis drei, um einen neuen Einstieg in das Gespräch zu finden.

„Entschuldige bitte, Charlotta, wie dumm von mir! Deine Hilfe nehme ich gern an. Ich frage mich, ob sich das alles hier gerade in der Wirklichkeit abspielt?“

„Ist kein Problem“, erwiderte sie. „Über Deine Frage können wir gleich sprechen. Es wäre gut, wenn ich Dich zunächst im Computernetzwerk registrieren kann. Denn die mögen es im Raumfahrtzentrum gar nicht, wenn sich hier Unbekannte aufhalten.“

Leos Intuition funktionierte trotz des langen Alleinseins recht gut. Er spürte, dass sie seine Frage nach der Wirklichkeit auch gestört haben könnte. Vom Ton her erinnerte ihre Antwort an eine freundliche Reiseleiterin, die ihren Gästen gerade einen kostenfreien Ausflug in einen Souvenirladen anbot, in dem man „selbstverständlich“ nichts kaufen müsste.

Ihre Antwort war tatsächlich in einem geschäftsmäßigen Ton gehalten, jedoch aus einem anderen Grund, als er vermutete. Er war nicht wieder im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten, dachte Charlotta. Und er hatte soeben einen kurzen Blackout gehabt. Zuerst müsste sie ihn daher in kleinen Schritten wieder an die Realität heranführen und ihm Orientierung in der neuen Welt geben. Dazu wäre es gut, wenn sie sein Vertrauen gewinnen könnte. Diskussionen über philosophische Fragen von René Descarteswären da eher hinderlich. Denn ob man sich in der Realität oder in einer Illusion befand, konnte man selbst mit der besten Fragetechnik nicht herausfinden.

„Das weltweite Computernetzwerk heißt übrigens Capitan“, fuhr sie fort, „nicht mehr World Wide Web. Man neigt heutzutage zur Personifizierung von alltäglichen Dingen. Deine Registrierung ist notwendig, denn wir kommen an keine Daten aus dem 21. Jahrhundert heran. Daher ist im Capitan nichts über Dich gespeichert.“

Sie stellte sich direkt neben ihn. Er verspürte einen dezenten Geruch von Iris.

„Nenn mir bitte Deinen Namen“, sagte sie.

„Leo“, antwortete er.

Sie tippte sich zweimal ans Kinn. Dann berührte sie noch zweimal ihr Kinn, vermutlich aufgrund technischer Probleme oder um neue Regieanweisungen anzufordern, dachte er.

„Fertig“, sagte sie. „Du bist jetzt im Capitan registriert.“

Leo war erstaunt.

„Erwartet Euer Supercomputer, also der Capitan, denn keine Eintragung von Geburtsdatum, Geburtsort, Augenfarbe, Größe und so weiter?“

„Wird weggelassen“, erwiderte sie knapp, während sie eine von den Weintrauben probierte, die auf dem Tischchen neben Leos Liege lagen.

„Solche Angaben sind freiwillig und Privatsache. Das Weglassen funktioniert heutzutage klasse: weniger Bürokratie, weniger Streit“, ergänzte sie schelmisch.

„Wie werde ich denn identifiziert?“, fragte Leo.

„Mit einem kleinen Sensor im Ohr. Der teilt dem Capitan Deine biologischen Merkmale mit.“

Leo fasste sich erst ans linke Ohr, dann ans rechte, wo sich ein kleiner Ohrstöpsel mit einem Sensor darin befand. Er zog ihn kurz heraus und steckte ihn wieder hinein.

„Wenn ich mir zweimal mit dem kleinen Finger ans Kinn tippe“, fuhr sie fort, „speichere ich im Capitan etwas ab. So wie eben Deine Registrierung. Ich trage auch digitale Linsen. Die ersetzen die Virtual-Reality-Brillen von damals. Ich sehe damit die Namen von den Leuten, denen ich begegne. Bei Dir sehe ich jetzt Deinen Namen. Vor Deiner Registrierung stand da nichts.“

Leo erinnerte sich wieder an die Technik mit den VR-Brillen.

„Zudem kann ich allein mit meinen Gedanken mit dem Capitan kommunizieren“, fuhr sie fort. „Und ich kann auf diesem Weg sogar mit anderen Personen Nachrichten austauschen, wenn beide sich darauf verständigen. Das mache ich jedoch nur ausnahmsweise. Damit mir nicht versehentlich etwas herausrutscht.“

Sie lachte.

„Faszinierend!“, sagte Leo.

Aber schon im nächsten Moment fragte er sich, welche Gedanken sie nicht unbedacht preisgeben wollte.

Ein junger, sehr kräftig aussehender Pfleger stand plötzlich im Türrahmen. Mit seinem komplett weißen Overall wirkte er auf Leo wie ein Pfleger in einer psychiatrischen Einrichtung.

„Hallo Charlotta, alles in Ordnung hier? Ich habe einen Alarm gehört.“

„Alles bestens“, erwiderte sie.

Der Pfleger verschwand wieder.

In einem Irrenhaus gelandet zu sein, erweiterte die Möglichkeiten für Leo um eine weitere. In eine Zwangsjacke wollte er nicht gesteckt werden. Er vermutete ohnehin eher, dass der Pfleger von der „Regie“ geschickt worden war, um ihn einzuschüchtern. Er sollte bloß nicht auf die Idee kommen, mit Gewalt die Wahrheit aus Charlotta herauspressen zu wollen. Aber Leo verabscheute Gewalt ohnehin, schon gar gegenüber Frauen.

Charlotta hielt sich die Hand vor den Mund, um ihr Lachen zu verstecken.

„Entschuldige, Leo. Du siehst erschrocken aus. Wir ziehen unseren Kollegen auch immer mit seinem Aussehen auf … Keine Sorge, dies ist kein Irrenhaus. Aber lass den Sensor im Moment besser im Ohr, weil Du keinen Chip trägst.“

„Mir wird ein Chip eingepflanzt?“

„Viele haben einen. Heutzutage gibt es jedoch keinen Zwang mehr, Eingriffe in seinen Körper zu erlauben. Der Chip erleichtert so einiges im Alltag. Das kannst Du alles später entscheiden. Auch, ob Du die andere Technik haben möchtest.“

„Danke, im Moment eher nicht“, erwiderte Leo.

Seine Gedanken schweiften ab. Er musste schleunigst einige Dinge herausfinden. Dieser Supercomputer hatte angeblich keine Daten aus dem 21. Jahrhundert. Schirmten sie etwa seine Vergangenheit vor ihm ab? Wenn das alles hier nicht real war, machten sie auch damit einen verdammt guten Job.

In jedem Fall musste er schnellstens die Aufzeichnungen von seiner Mission finden. Dies hatte ihn wie nichts anderes angetrieben, zur Erde zurückzukehren. Und Charlotta, so hilfsbereit sie auch zu sein schien, würde ihm hierüber bestimmt nichts sagen wollen oder können, denn sie hat auf seine Frage nach der Wirklichkeit ausweichend reagiert. Dachte Leo jedenfalls.

Er fühlte sich jetzt körperlich wieder halbwegs fit und setzte beide Füße auf den Boden der Erde. Das erste Mal seit einer Ewigkeit. Es war ein erhebendes Gefühl.

Wieder piepste der Alarm. Charlotta machte eine kurze Wischbewegung vor ihren Augen, um ihn abzustellen.

„Stell Deine Füße im Moment besser nicht auf den Boden. Die Computersysteme müssen sich noch synchronisieren. Es kann komische Effekte geben, wenn der Sensor in der Liege Dich erkennt, aber nicht der im Fußboden. Die Synchronisation dauert etwas, denn der Capitan hat gerade viel zu tun. Er ist auf der Mars-Kolonie gewesen. Nun ist er zurück auf der Erde. Wegen Sicherheitslücken.“

Charlotta war in ihrem Element. Sie liebte die moderne Welt mit ihren pragmatischen Problemlösungen. Sie war immer gut gelaunt, außer wenn sie Hunger hatte oder ihr kalt war. Und sie fasste schnell Vertrauen in andere Menschen und schloss neue Freundschaften. Aber am meisten liebte sie Tiere und künstliche Wesen und setzte sich für sie ein. Und so erzählte sie Leo, dass man diese Wesen in der heutigen Welt in seine Gemeinschaft aufnehmen konnte, ohne von anderen schief angesehen zu werden.

Leos Gedanken schweiften erneut ab. Er war seiner netten Filmpartnerin, Reiseleiterin oder was immer sie war, dankbar für ihre Bemühungen, ihm die moderne Gesellschaft näherzubringen. Jedoch hatte er im Moment ganz andere Probleme. Zuerst musste er herausfinden, ob das alles hier eine Illusion war.

Dafür würde es das Beste sein, sich sein ganzes bisheriges Leben noch einmal in Erinnerung zu rufen, soweit ihm das zurzeit möglich war.

Die Mission

Leo wurde in Deutschland geboren. Zu Beginn der 2030er Jahre, als er Teenager war, starben seine Eltern bei einem Autounfall. Sein Vater war ein guter Autofahrer gewesen, der zuvor noch nie in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen war. Aber eines Tages hatte die zuständige Verkehrsbehörde an einer Autobahnauffahrt die intuitive Vorfahrtsregelung in eine äußerst ungewöhnliche geändert.

Aus Nachlässigkeit hatte man nur ein einziges Schild aufgestellt und die übrige Verkehrsführung so belassen. Der Fahrer des Lkw, der nun Vorfahrt hatte, erlitt einen Schock. Die herbeigeholten Notärzte konnten nichts mehr für Leos Eltern tun, während er und seine Schwester Veronika nur wenige Blessuren davontrugen.

Leos Schicksalsschlag veränderte sein Leben grundlegend. Seit diesem Tage übernahm er die volle Verantwortung für sich und sein Leben und zögerte nie wieder, Entscheidungen zu treffen. Auch beklagte er sich nie wieder über etwas, das er nicht ändern konnte.

Leo und Veronika kamen zu ihrer Tante und ihrem Onkel in die Vereinigten Staaten. Leo begann dort ein Studium der Raumfahrt an der University of Houston. Er war ein hervorragender Student, der sich durch Intuition, Kreativität und Mut auszeichnete. Er lernte Daniel kennen, der ebenso spontan und dazu ein wenig verrückt war. Die beiden waren unzertrennlich.

Im dritten Jahr an der Universität traf er Louisa. Er war sofort fasziniert von ihr. Sie war ein wenig jünger als er. Ihre Mutter hatte ihre Tochter aus Liebe zu ihrer Heimat Louisiana so genannt. Ihren Vater hatte sie nicht kennengelernt. Louisa war begabt, wissbegierig und lernte schnell. Sie erhielt ein Stipendium der Physik und der Psychologie, wobei ihre große Leidenschaft Ersterem galt.

Physik hatte Leo schon in der Schule nicht gemocht. Seine Physiklehrerin war aus unerfindlichen Gründen seit Jahren nicht zum Unterricht erschienen. Und der einzig verbliebene Physiklehrer interessierte sich mehr für die Ausbildung der Mädchen als für die der Jungen.

Und mit den Paradoxien der Quantenphysik wie „Schrödingers Katze“, die angeblich gleichzeitig lebte und tot war, konnte er nicht viel anfangen.

Louisa und Leo waren wie verrückt nach allem, was mit dem Weltall und der Raumfahrt zu tun hatte. Schon bald verbrachten sie gemeinsam Abende im Observatorium und beobachteten die Sterne. Sie wurden ein Paar. Sie schienen wie füreinander geschaffen zu sein.

Zu Beginn der 2040er Jahre schlug der Leiter des Observatoriums die beiden für die Mission zur Besiedlung des Saturnmondes Titan vor. Auf Titan sollte die zweite Kolonie der Menschheit im Weltall entstehen, nachdem vor ein paar Jahren die erste auf dem Mars gegründet worden war.

Man suchte junge, talentierte Forscher, die noch keine Kinder hatten und bereit waren, ein gewisses Risiko einzugehen. Zudem wollte man bevorzugt Paare auf die Mission schicken. Und so gehörten die beiden zu den acht Auserwählten.

Fast wäre Leos Bewerbung für die Titan-Mission gescheitert, weil er seit seiner Geburt nur auf einem Auge gut sehen konnte und daher die Welt zweidimensional sah. Jedoch hatte diese Einschränkung dazu geführt, dass er eine große Vorstellungskraft für alles Räumliche entwickelte, was für Weltraumpiloten enorm wichtig war.

Louisa machte sich viel mehr Sorgen als Leo darüber, ob die gewagte Mission gut gehen würde. Jedoch liebte sie Leo über alles und vertraute seinen Fähigkeiten, weswegen sie der Mission schließlich zustimmte.

Die Titan-Mission war streng geheim gewesen, denn zu dieser Zeit befand sich die Weltgemeinschaft in einer tiefen Krise. Ausgaben für die Raumfahrt wurden von den Medien als „Verschwendung“ abgetan, obwohl für die Mission weder das Geld der Steuerzahler noch das der Medienanstalten ausgegeben wurde. Die Geheimhaltung ging so weit, dass die Teilnehmer nur ihre Eltern und Geschwister einweihen durften. Leo machte eine Ausnahme und weihte auch Daniel ein.

Kurz nach dem Start der Mission witterten einige Medienvertreter eine große Verschwörung, weil acht Wissenschaftler urplötzlich von der Bildfläche verschwanden. Aber alle Angehörigen und auch Daniel hielten Wort und erzählten nichts von der Mission.

Ein paar Tage lang hatte die Raumfahrtbehörde damit zu tun, die Vorwürfe mit Presseerklärungen abzuwehren. Die Politik lieferte schließlich die notwendige Expertise und Unterstützung, um den Vorfall unter den Teppich zu kehren. Und schon nach kurzer Zeit wandten sich die Medienvertreter anderen Themen zu, wie der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Die Titan-Mission stand von Beginn an unter keinem gutenStern. Schon beim Zwischenstopp auf dem Mars gab es Probleme mit der Energieübertragung vom Mutterschiff zu den beiden Raumgleitern. Die Raumgleiter entsprachen den Beibooten oder Rettungsbooten in der Seefahrt.

Aber dann bahnte sich die Katastrophe an. Zunächst wurde im Asteroidengürtel nahe dem Zwergplaneten Ceres ein Solarkollektor des Raumschiffs von Gestein getroffen. Die beiden Raumgleiter wurden ausgesetzt, um den Defekt zu beheben. In dem einen saß Leo. Louisa wollte mit an Bord, jedoch hatte Jeff, der Computerexperte der Mission, die Dinge wie immer auf den Punkt gebracht.

„Louisa“, sagte er, „Du bist unsere einzige Physikerin an Bord. Wenn Dir etwas zustößt, gerät die gesamte Mission in Gefahr. Ohne Dich wären wir auf Titan verloren.“

Louisa wollte zunächst fragen, ob der Pilot, der zufällig ihr Freund sei, auf Titan dann wohl überflüssig sei. Jedoch erkannte sie, dass sie ihre persönlichen Interessen nicht über die der Mission stellen durfte.

Leider gab es einen weiteren unglücklichen Umstand. Das Tempo der Entscheidungen innerhalb der Raumfahrtbehörde entsprach dem der übrigen Behörden. Es sollten schon seit Längerem die Verkehrsregeln im Weltall geändert werden, sodass ein Flugobjekt, das sich nur ein klein wenig rechts von dem anderen befand, nun Vorfahrt hatte.

Die Sache wurde in Ausschüsse geschoben, und Gutachten folgte auf Gutachten, weil niemand die Verantwortung für eine Entscheidung übernehmen wollte. Bis sich schließlich ein ambitionierter Verkehrspolitiker profilieren wollte und die Änderung durchsetzte. Unglücklicherweise hatte die zuständige Behörde die Entscheidung noch nicht verkündet, weil sich eine Mitarbeiterin seit Wochen krankgemeldet hatte und die andere zur Schulung war.

Die Pilotin des anderen Raumgleiters hatte die Änderung bereits inoffiziell von ihrer Freundin aus dem Ausschuss erfahren und dachte, die neuen Regeln würden schon gelten.

Es kam, wie es kommen musste: Leo und die andere Pilotin stießen fast zusammen. Jedoch erhielt Leos Raumgleiter einen kräftigen Energiestoß von dem anderen und geriet dadurch in eine Rotationsbewegung.

Jeff reagierte blitzschnell und wies den Piloten des Mutterschiffs an, sich mit Leos Raumgleiter mitzudrehen, um ihn damit zu halten. Jedoch spielte die Energieübertragung zwischen den beiden Flugobjekten nun völlig verrückt. Beide drehten sich immer schneller und Leos Raumgleiter zog unerklärlicherweise riesige Energiemengen vom Mutterschiff ab. Das Mutterschiff verlor rapide seine Energie und würde dies nicht mehr lange durchhalten können.

„Wie viel Zeit haben wir noch?“, fragte Leo über die Videokonferenz.

Hinter Jeff stand die entsetzt dreinblickende Louisa. Jeff kam wie immer direkt zum Punkt.

„Dreißig Sekunden, vielleicht vierzig. Wir müssen es mit unserer Energie noch zurück zum Mars schaffen!“

„Gib mir Louisa, schnell!“, sagte Leo.

Louisa gelang es beim besten Willen nicht, sich professionell zu verhalten.

„Mein Liebling …“, brachte sie heraus, die Hände vor dem Gesicht.

Leo stand auf, zog eine kleine blaue Schachtel hervor und öffnete sie. Er hielt Louisa den goldenen Ring hin, der sich darin befand, und ging vor ihr auf die Knie.

Im Hintergrund hörte er Jeff: „Beeil Dich, wir können Dich nicht mehr lange halten.“

Leo schaute sie an.

„Louisa, Du bist das Beste, was mir in meinem Leben jemals passiert ist. Möchtest Du meine Frau werden?“

Alle hielten den Atem an. Louisa nahm die Hände vom Gesicht, um zu antworten.

Doch dann brach die Verbindung plötzlich ab. Leo spürte eine unbändige, seltsame Kraft, die ihn fortriss. Das Letzte, was er sah, war, dass das Mutterschiff mitsamt dem anderen Raumgleiter weggeschleudert wurde und im Nu außer Sichtweite geriet.

Leos Raumgleiter wurde extrem beschleunigt, sodass er gegen die Außenwand geschleudert wurde. Er hing dort und konnte sich nicht mehr bewegen. Seine Sinne schwanden.

Über viele Stunden – er hatte keine Ahnung, wie viele – klebte er an der Außenwand seines Raumgleiters. Dann fiel er zu Boden und wachte auf. Die Beschleunigung hatte offenbar aufgehört.

Er war geschockt und traurig. Ob Louisa und die anderen es überlebt haben? Würden sie es bis zum Mars schaffen? Die kleine blaue Schachtel mit dem goldenen Ring lag wie zum Hohn direkt neben ihm. Sie kam ihm vor wie ein stummer Zeuge aus vergangenen Zeiten. Er nahm den Ring aus der Schachtel, drehte ihn hin und her und las die Gravur „Louisa & Leo“. Er dachte an sie, seinen Sonnenschein, seine große Liebe.

Leo fühlte sich furchtbar. Vor allem plagte ihn das schlechte Gewissen darüber, dass er den Kommandanten des Mutterschiffs nicht aufgefordert hatte, seinen Raumgleiter loszulassen. Dann wäre nur er selbst betroffen gewesen. Damit hätte er leben können.

Mit Grauen fiel ihm das Schicksal seiner Eltern ein und dass ihm nun Ähnliches widerfahren war, mit dem Unterschied, dass er noch etwas weiterleben würde. Er starrte vor sich hin.

Viele Stunden hatte er so dagelegen. Die Ungewissheit nagte an ihm. Er musste etwas tun, sagte er sich schließlich, anstatt sich dem Selbstmitleid auszusetzen. Er hatte zwar im Moment nur sich, aber sich selbst hatte er voll und ganz.

Zudem gab es Arbeit. Er hatte seine Position zu bestimmen, die Ereignisse zu dokumentieren und zur Erde zu funken, damit künftige Missionen aus der Katastrophe lernen konnten. Nur dann wäre das alles nicht umsonst gewesen. Die Menschheit sollte einmal ein interstellares Wesen werden, und er werde dazu beitragen, solange er lebte, sagte er sich.

Die Raumgleiter waren für zwei Personen, kurzfristig auch für vier, ausgelegt. Sie waren mit allem ausgestattet, was man benötigte, um langfristig darin überleben zu können. Er würde also nicht verhungern oder verdursten.

Er raffte sich auf. Zunächst musste er ein paar elementare Dinge überprüfen. Seit dem Unfall waren viele Stunden vergangen, wie ihm seine Borduhr zeigte. In welche Richtung würde er fliegen? Zurück zur Erde oder zum Mars oder von den Planeten weg? Wie weit wäre es noch bis Titan?

Er schaute aus den Fenstern, konnte aber weder Planeten noch Monde erkennen. Er suchte nochmals gründlich alles ab: vorn, hinten, oben, unten, rechts und links. Es waren keine Planeten zu sehen, nirgends, nur einige entfernte Sterne. Zu seinem Entsetzen stellte er fest, dass noch etwas anderes fehlte, etwas sehr Wichtiges – die Sonne!

Er stürzte zum Kommandoplatz und überprüfte Position und Geschwindigkeit. Er konnte es nicht glauben: Die Sonne war einer der weit entfernt liegenden Sterne. Daher war es so dunkel. Die Geschwindigkeit betrug beinahe dreihunderttausend Kilometer pro Sekunde, also fast so schnell wie das Licht.

Es war furchtbar. Er suchte den Orbit nach Signalen ab. Aber breiteten sich Funksignale nicht auch mit Lichtgeschwindigkeit aus? Konnten die Signale ihn dann überhaupt erreichen? Hätte er Louisa doch nur genauer zugehört, als sie des Öfteren begeistert von all dem physikalischen Zeug gesprochen hat.

Leo war mitten im Weltall und wusste nicht, wie er jemals zur Erde zurückkehren könnte. Er war viel zu schnell, als dass er die notwendige Energie gehabt hätte, um abzubremsen, umzukehren und erneut zu beschleunigen.

Es wurde ihm klar, dass er wohl im Weltall sterben würde. Dieses Szenario waren sie bei den Vorbereitungen zur Titan-Mission durchgegangen. Er war jung und unerschrocken gewesen und hatte das Risiko in Kauf genommen.

Er hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass er es allein und ohne Louisa durchstehen müsste. Auf ein solches Szenario konnte einen die beste Ausbildung der Welt nicht vorbereiten. Aber am schwersten lastete die Unsicherheit über Louisas Schicksal und das der Crew auf ihm.

Ohne die geringste Hoffnung flog er durch das Weltall und entfernte sich weiter und weiter von der Sonne und dem wunderbaren blauen Planeten.

Er wünschte sich, dass Louisa seinen Heiratsantrag noch gehört hatte. Und „ja“ gesagt hat. Dann würde er seinen Frieden finden, ganz gleich, wo er war.

Charlotta

„Erde an Leo. Jemand zu Hause?“, riss Charlotta ihn aus seinen Gedanken.

„Gute Frage“, erwiderte er nachdenklich.

Er war sich tatsächlich nicht sicher, ob er wirklich zu Hause war.

Charlotta war sonnenklar, dass mit Leo irgendetwas nicht stimmte. Sie musste sein Vertrauen gewinnen. Dies wäre eine Voraussetzung für das, was sie noch vorhatte. Zuerst wollte sie jedoch das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden.

„Wir können später weitermachen“, sagte sie. „Du hast sicherlich eine Menge zu verarbeiten. Weißt Du was? Ich zeige Dir die Stadt, und wir gehen etwas essen. Ich lade Dich ein.“

„Das kann ich unmöglich …“, setzte Leo an.

Er stellte jedoch fest, dass er Hunger hatte, aber kein Geld. Jedenfalls mit Sicherheit keines, das auf der Erde noch irgendetwas wert sein würde.

„… nicht annehmen“, beendete er den Satz. „Ich habe einen Bärenhunger.“

„Bevor wir hinausgehen“, sagte sie, „muss ich Dir etwas Wichtiges mitteilen. Nur mein Team, also Alexander, den alle Alex nennen, Larry und ich, wissen, wer Du bist. Du sollst Zeit haben, selbst zu entscheiden, wie viel Du von Deiner wahren Identität und Deinen Erlebnissen preisgeben möchtest. Wir finden, das ist Dein Recht. Es würde zudem einen riesigen Hype um Deine Person auslösen, wenn die Öffentlichkeit erführe, wer Du bist. Du wärst dann nicht mehr sicher.“

„Vielen lieben Dank“, sagte Leo.

Er dachte dabei auch an seine Nachforschungen, denen er sehr viel besser nachgehen konnte, wenn er unbehelligt blieb.

„Tu also einfach so, als wärst Du ein normaler Erdenbürger in der modernen Welt“, fuhr sie fort. „Ich werde Dir bei den ersten Schritten zur Seite stehen.“

Sie ging zu einem Schrank und musterte die darin befindlichen Kleidungsstücke.

„Der hier sollte passen.“

Sie hielt Leo einen schlichten, dunkelgrauen Overall hin und wartete. Leo zögerte. Er fragte sich, ob das Umziehen vor fremden Personen, noch dazu vor einer attraktiven Frau, nun zum modernen Standard gehörte.

„Drehst Du Dich bitte um, Charlotta?“

„Klar, entschuldige!“

Sie tippte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und drehte sich um.

„Deine Geste mit der flachen Hand …, stellt die auch eine Verbindung zu Eurem Supercomputer her?“, fragte er.

„Nein“, erwiderte sie, „die bedeutet etwa so viel wie: ‚Wie dumm von mir!‘“

Beim Umziehen schossen ihm noch unzählige andere Fragen durch den Kopf. Was wusste sie über die Titan-Mission? Hat sie noch weitere Gründe, das Wissen über die Mission geheimzuhalten? Weshalb bemühte sie sich so um ihn?

Jedenfalls würde er sie im Moment nichts von alledem fragen. Denn der Beginn des Gesprächs mit ihr war als mäßig zu bezeichnen, wenn man es wohlwollend betrachtete. Er würde einfach seiner Intuition folgen und selbst herausfinden, wer sie war und was sie vorhatte.

Manchmal schien sie freundlich zu sein und erfreut darüber, dass er hier war. Und manchmal wirkte sie eher geschäftsmäßig, so als ob sie etwas mit ihm vorhatte. Dies würde er noch ergründen müssen.

Charlotta öffnete die Tür zum Gang.

„Willkommen in der modernen Welt“, sagte sie. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen …“

„… aber ein riesiger Sprung für einen Löwen“, ergänzte Leo mit einem Lächeln.

Charlotta freute sich über sein Lächeln, denn es war sein erstes seit seiner Rückkehr.

Auf den ersten Blick sah das Raumfahrtzentrum ganz normal aus. Eckige Türen, keine runden, wie in den Zukunftsfilmen aus seiner Zeit. Der Flur war in schlichtem Weiß gehalten und schmucklos. Keine Roboter waren zu sehen.

Am Treppenhaus angekommen, ging ein Mann mit kurzen Haaren, schlanker Statur, mittlerer Größe von etwa Ende dreißig vorüber.

„Dies ist Larry aus meinem Team“, sagte Charlotta.

„Hi … Leo“, grüßte er.

Larry wirkte so erstaunt, als hätte seine Kollegin sich einen Alien aus dem Urlaub im Weltall mitgebracht. Larrys digitale Linsen schienen zu funktionieren, dachte Leo und grüßte ebenfalls. Er fühlte sich an die Bürotürme erinnert, in denen sein Vater arbeitete. Mittags quoll dort „Mahlzeit“ aus jeder Pore des Betons hervor.

Leo hatte das Gefühl, dass sich Charlotta und Larry sehr gut kannten, sogar vertraut miteinander waren.

„Larry schien verwirrt zu sein, mich hier zu sehen“, sagte Leo, als sie im Treppenhaus waren. „Sehe ich wie ein Alien aus?“

„Daran wirst Du wohl noch arbeiten müssen“, antwortete sie. „Larry weiß Bescheid. Vermutlich war er gerade tief in Gedanken, bei seinem neuen Computerprogramm. Erkläre ich Dir nachher.“

„Und hält man heutzutage Smalltalk auf den Fluren?“, fragte Leo, während sie die Treppe nach oben nahmen.

„Ist unüblich, außer Du willst flirten“, erwiderte sie mit einem Lächeln. „In der heutigen Arbeitswelt hat man immer den Anreiz, bestimmte Ergebnisse zu erzielen. Ist man schneller fertig, hat man mehr Freizeit.“

Oben angekommen, gingen sie durch eine Schleuse nach draußen. Leo war beeindruckt: Etwa fünfzehn führerlose Flugtaxis standen für sie bereit. Sie stieg in eines davon ein, als ob es das Normalste der Welt wäre. Leo folgte ihr. Charlotta sprach das Flugziel aus und erklärte ihm, dass er sich hier jederzeit ein Flugtaxi mieten könnte und sie autonom fliegen würden.

Kurz darauf flogen sie über den Dächern von Houston. Leo erblickte die Bauten, die Grünflächen und die Wasserläufe. Er hatte vergessen, wie schön und einzigartig der blaue Planet war. Er dachte daran, wie lang es diesen schon gab, und hoffte, dass es ihn noch sehr lange geben würde.

Nachdem Charlotta die Bestellung für das Essen im Restaurant aufgegeben hatte, ließ Leo die faszinierende Welt auf sich wirken. Ihm kamen Erinnerungen an den ersten Jahrestag des Kennenlernens mit Louisa hoch. Sie waren händchenhaltend in einem Hubschrauber geflogen und anschließend auf dem Dach eines Restaurants gelandet.

Charlotta stellte sich vor, was Leo in seiner fast zehnjährigen Einsamkeit durchgemacht hatte. Sie schwieg für den Moment.

Kurze Zeit später saßen sie in einem überdachten Garten eines Restaurants, nahe einem kleinen Bach. Kein menschliches Personal war zu sehen. Das Essen und die Getränke wurden von Humanoiden gebracht. Leo aß mit großem Genuss, denn er hatte das Essen von der guten alten Erde vermisst. Für seinen Magen war die Welt offenbar sehr real, dachte er und musste darüber schmunzeln.

Auch Charlotta liebte das Essen, obwohl man ihr das nicht ansah. Beim Essen erzählte sie ihm von den aktuellen Trends. Dabei versprühte sie eine Begeisterung für die moderne Gesellschaft, die Leo ganz und gar nicht an einen Humanoiden erinnerte. Das Geschäftsmäßige in ihrer Stimme war verschwunden.

Leo ertappte sich dabei, dass er wieder an Louisa und die Crew dachte. Haben sie überlebt? Falls nicht, waren sie jemals gefunden worden? Und weshalb wussten so wenige Menschen über die Titan-Mission Bescheid? Er könnte Charlotta danach fragen, aber konnte er ihr vertrauen?

Solange Leo in seinem Leben unter Menschen gewesen war, fiel es ihm leicht, Vertrauen zu anderen aufzubauen. Diese Fähigkeit musste er nun wieder lernen.

Im Moment konnte er den Gedanken nicht vermeiden, dass Charlotta möglicherweise eine Agentin war, die von den Mächtigen geschickt wurde, um ihn auszuspionieren. Und ihn anschließend zu beseitigen, um die letzten Spuren von der Titan-Mission zu verwischen.

Wenn er sie jedoch ansah, wie sie gerade genussvoll den letzten Löffel ihrer Joghurt-Honig-Creme verspeiste, konnte er sich schwerlich vorstellen, dass sie so etwas tun könnte.

„Was weißt Du über die Titan-Mission?“, fragte er.

„Ich dachte schon, Du fragst nie“, antwortete sie. „Komm, lass uns spazieren gehen.“

Der geheime Schlüssel

Charlotta und Leo gingen hinaus in eine nahe gelegene Parkanlage. Für die meisten Menschen war dies ein ganz normaler Weg, der ihren Arbeitsplatz mit dem Restaurant oder ihr Zuhause mit dem Shoppingcenter verband. Nicht so für Leo.

Er genoss den Moment. Viele Jahre lang hatte er keinen Baum gesehen, nicht einmal Sträucher oder Pflanzen, mit Ausnahme des Obstes und des Gemüses, das er an Bord seines Raumgleiters angebaut hatte.

Er staunte über jeden Baum und jeden Busch, als ob er ein Weltwunder vor sich hätte. Er hörte den Vögeln zu, die es im winterlichen Houston gab, wie sie krächzten oder trällerten, je nach Gattung und Talent.

Er atmete den Geruch der Sträucher und Pflanzen ein. Er freute sich wie ein kleines Kind an einem Springbrunnen und hielt seine Hand unter das kühle, frische Wasser.

Konnte das alles wirklich eine Illusion sein?

Charlotta ließ ihm Zeit, die Natur zu genießen.

Nach einer Weile begann sie zu erzählen.

„Du hast nach der Titan-Mission gefragt. Vermutlich sind Larry, Alex und ich die Einzigen, die überhaupt etwas darüber wissen. Wir drei bilden ein Team im Raumfahrtzentrum. Larry und ich haben direkt nach dem Studium im Raumfahrtzentrum angefangen. Alex arbeitet schon länger dort.

Als uns die ersten Signale Deines Raumgleiters erreichten, hatten wir gerade Dienst im Tower. Wir konnten es kaum glauben. Larry hat Deine Flugbewegungen und die Signale im Capitan chiffriert, sodass die anderen Teams Deinen Raumgleiter nicht erkennen konnten.