Hungerhölle im Geldparadies - Manfred Heuser - E-Book

Hungerhölle im Geldparadies E-Book

Manfred Heuser

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Beschreibung

Die herrschenden Paradigmen zum Abbau des Welthungers werden von der Entwicklungstheorie beeinflusst und meist auf Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern fokussiert. Zweifellos konnte die Anzahl der hungernden Menschen und der Hungertoten in den letzten Jahrzehnten reduziert werden - Wirtschaftswachstum war aber nicht der Hauptgrund. Der Hungergräuel mit rund 870 Millionen Hungernden (2017) wütet nach wie vor. Die Weltorganisationen möchten den Hunger bis zum Jahr 2030 auf Null reduzieren. Deren Programme lesen sich aber als altherbekanntes, erscheinen aufgewärmt und bekannt. Der Autor versucht die Ursachen von Hunger und Armut aus der Historie bis heute aufzudecken und stellt ein Konzept auf, das eine Selbstversorgung organisiert und den Hunger aus der Welt schaffen möchte. Damit soll auch das Problem der Migration entschärft werden, das sonst, bei einem weiter so, zu bisher nie dagewesenen Verwerfungen der Sozialstrukturen in den westlichen Industrieländern führen kann.

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Seitenzahl: 390

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung Vom Hungergräuel

Teil I

Entwicklungslinien der Nahrungsmittelversorgung

I.1 Vom Naturzustand zum Grundbesitz

I.1.1 Nahrungsgrundlage im Naturzustand

I.1.2 Grundbesitz und Herrschaft

I.2 Auflösung der Adelsherrschaft und Übergang zur Bürgermacht

I.3 Die drei Europäischen Revolutionen

I.4 Reichtum, „arme Teufel“ und die Hungersnot im Netz des Bevölkerungsgesetzes

I.5 Industrielle Entwicklung und Subsistenz-Versorgung

I.6 Das Fabrik-Proletariat, die Weltkriege und das Hungerelend

I.7 Staatssozialismus für alle und Hungertod für viele

I.8 Ursachen der Versorgungsunsicherheit und Maßnahmen der Nahrungsmittelversorgung aus der Historie

I.9 Effektivität der Nahrungsmittelversorgung und -verteilung

Teil II

Menschenrecht Nahrung im Hungerjahrhundert

II.1 Nahrungsrecht zwischen Anspruch und Gnade

II.2 Viele Papiertiger zum Recht auf Nahrung

II.3 In Demokratien gibt es Hunger aber keine Hungersnöte

II.4 Der Kampf gegen das Recht auf Nahrung, aber für Profite

II.5 Hilfsgelder können süchtig machen und Korruption fördern

II.6 Entwicklungshilfe Fluch oder Segen?

II.7 Entwicklungstheorien im Wandel der Entwicklung

II.8 Selbstversorgung statt Kapitalspritzen in der EZ?

II.9 Der Papst schlägt zurück

II.10 Wer kann, holt sich seine Nahrung bei den Reichen

II.11 Buschfleisch - eine Gefahr für die ganze Welt

II.12 Recht auf Nahrung zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Teil III

Wo bleibt der Big Push?

III.1 Von Apellen allein wird kein Hungernder satt

III.2 Das mächtige Investitionsprogramm zünden

III.3 Vorzeigeprojekte und Modelldörfer

III.4 Vorzeigedörfer auf der chinesischen Experimentierbühne

III.5 Die neue Grüne Revolution in Afrika

III.6 Wertschöpfungsketten im Agrarbusiness

III.7 Ökologie vs. Technologie

III.8 Satt durch Geschäftsideen?

III.9 G8: Neue Allianz für Ernährungssicherheit

III.10 Zeit für eine globale landwirtschaftliche Arbeitsteilung

III.11 Bisher kein Big Push in Sicht

Teil IV

Hungerproblem in Widersprüche verwickelt

IV.1 Fallstrick des Hungers ist Ungerechtigkeit

IV.2 Verteilungsfrage zwischen Gut und Böse

IV.3 Eisenerz kann man nicht essen

IV.4 Afrika kann von vielen lernen, auch von China

IV.5 Geld gegen den Hunger - aber auch Arbeit muss sein

IV.6 Quinoa: Vom Armenteller zum Bioladen

IV.7 Afrika zwischen Zerstörung und Potential

IV.8 Hohe Wachstumsraten, gedämpfte Stimmung

IV.9 Die alte, neue Massenarmut

IV.10 Lösungsversuche im Wirrwarr der Komplexität

Planskizze und Schlusswort

Anmerkungen

Register

Vorwort

Die Anzahl der hungernden Menschen in der Welt hat sich im Jahr 2017 gegenüber den Vorjahren auf 870 Millionen erhöht. Obwohl die UN für das Jahr 2030 eine vom Hunger befreite Welt erreichen möchte, ist das eingetreten, was nicht sein sollte, was auch nicht in den strategischen Plan der Weltorganisationen passt, denn eigentlich müsste die Anzahl der Hungernden zurückgehen. Mag sein, dass gegenläufige Effekte wie Kriege, Unruhen und Dürren die Oberhand gewannen und die Statistik nach oben trieb, kann aber auch sein, dass nicht das Notwendige zum Abbau des Hungers unternommen wurde. Das, was im vergangenen Jahr zu der – sicherlich von der Flüchtlingskrise getriebenen – verstärkten Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika gesagt wurde, war eher alter Wein in neuen Schläuchen. Es ging wieder einmal um Maßnahmen wie Entwicklungsgelder, Investitionen und eine engere Zusammenarbeit, wohl hauptsächlich deswegen, die Zahl Ausreisewilliger Afrikaner zurückzuhalten, zumindest aber der Versuch, deren Zufuhr nach Europa zu regeln. Es bleibt bei alledem aber das alte Problem ungelöst und wird verstärkend zum Neuen: Armut und Hungerelend abzustellen – und das bei wachsender Bevölkerung in Afrika.

Die Rezensionen, die mein Buch „Zeitbombe Welthunger – Massengräber, Exodus oder Marshallplan“, ausgelöst hat, sind sehr unterschiedlich, insbesondere, was den Lösungsansatz der bedarfsgerechten Selbstversorgung und der vorgeschlagenen Organisationsstruktur, geführt von Papst Franziskus, betrifft. Die Konzepte wurden teils als weltfremd und utopisch bezeichnet, andererseits aber auch als äußerst fundiert, kompetent und konstruktiv bewertet. Die Konzepte entwickeln einen idealen Normalfall, der alle Menschen satt machen möchte. Das neoliberale Welthandelssystem hat sich dagegen nicht als Garant für die Ernährungssicherheit erwiesen. Dieses System bündelt die Machtverhältnisse an der Kapitalseite und ist dem Profit Untertan. Die Wertschöpfungsketten sind in der Hand von preissetzenden Konzernen, die die landwirtschaftlichen Erzeuger in die „Kostenzange“ nehmen. Die Nachteile sind allseits bekannt: Arme hungern bei hohen Preisen und die Existenzen kleinbäuerlicher Familien werden bei niedrigen Preisen vernichtet. Auch auf die Wetter-Frühwarnsysteme wird zu spät reagiert: Weil der Regen seit Jahren in Ostafrika ausfällt, droht vielen Millionen Menschen in 2017 der Hungertod.1 Deutschland gibt der Region weitere 100 Millionen Euro Hungerhilfe. Sinnvoller angelegt wäre das Geld allerdings beim Aufbau der Selbstversorgung. Diese ist aber, obwohl umfangreiche Schriften zum Hunger die Bibliotheksregale füllen, nicht in Sicht. Das vorliegende Buch soll daher auf die Gefahren hinweisen, die durch ein weiter so eintreten könnten: Massengräber und Exodus. Es macht Vorschläge, wie dieses Elend beseitigt und die Ernährungssicherheit realisiert werden kann. Das Buch soll den interessierten Leser zu einem besseren Verständnis der globalen Zusammenhänge verhelfen, die den menschengemachten Hunger und den Hungertod erst möglich machen. Er wird informiert, wie die Apparate der Weltengemeinschaft mit dem Hungerproblem umgehen und wie sie auf Hungersnöte reagieren. Es scheint so, als wäre der Hunger in der Welt geduldet, weil seit vielen Jahrzehnten zwar Entwicklungsgelder fließen, aber der Hungergräuel weiter tobt. Von der UN, insbesondere Weltbank, IWF und FAO werden immer wieder neue Programmnamen für den Kampf gegen den Hunger kreiert, wie Marshallplan und Ziele für nachhaltige Entwicklung; aber Überschriften sind noch kein wirksam strukturiertes Programm gegen den Hunger. Entwicklungshilfe, Spendengelder und der Einsatz tausender Hilfsorganisationen sind zwar zu verdanken, dass viele Hungertote vermieden wurden, aber nachhaltig abgestellt wurde der Hunger bisher nicht. Auch die Kirchenvertreter könnten deutlich mehr tun, und mit erfolgreichen Aufbaumaßnahmen die Selbstversorgung in Gang bringen. Die riesigen Kirchenvermögen sind Schatzhaltung und nicht im Sinne der Propheten und erst recht nicht Gottes Auftrag. Mit Spendenaufrufen zu Notstandseinsätzen in den Hungerregionen kann nur aktuelle Not gelindert werden. Diese ist zwar erforderlich, wäre aber überflüssig, wenn es den kirchlichen und weltlichen Organisationen gelungen wäre, Ernährungssicherheit in den Entwicklungsländern aufzubauen. Dies ist seit vielen Jahrzehnten mit hohen Mitteln – allein für Afrika mit rund zwei Billionen US Dollar – bisher nicht gelungen. Seitdem beschäftigt der Hungergräuel Tausende Dauerarbeitsplätze in einer unüberschaubar hohen Anzahl von Hilfsorganisationen. Die afrikanischen Machthaber lassen sich die Entwicklungsgelder gern gefallen und die Korrupten von ihnen greifen oft sanktionslos in die gefüllten Kassen. Beide Vorgehensweisen verhindern eine Selbstversorgung der Hungernden und Armen. Dabei ist aber die Selbstversorgung an Nahrungsmitteln der einzig effiziente Weg, den Hunger aus der Welt zu verbannen. Die Geschichte des Hungers lehrt, dass man sich auf Strukturmaßnahmen des IWF, ungezielte Entwicklungszusammenarbeit und den neoliberalen Welthandel nicht weiter verlassen darf, will man künftig weitere Massengräber an Hungertoten vermeiden. Und wer das Ziel verfolgt, den Hunger ernsthaft abzubauen, kommt nicht umhin ganz andere Maßnahmen wie bisher, in den Entwicklungsländern umzusetzen. Das vorliegende Buch deckt die klaffende Lücke zwischen den Entwicklungen des Hungers und deren Bekämpfungsstrategien auf und weist auf Möglichkeiten hin, den Hunger auszumerzen.

Dank gilt meiner Frau Gertrud, die meine Arbeit geduldig unterstützt hat.

Juli 2018 Manfred W. Heuser

Abkürzungsverzeichnis

ADM

Archer Daniels Midland Company

AG

Aktien Gesellschaft

AGEZ

Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit

AGRA

Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika

ASFA

Alliance for Food Sovereignty in Africa

AU

Afrikanische Union

BfN

Bundesamt für Naturschutz

Big Push

Förderungsschub in Entwicklungsländern

BIP

Brutto Inlandsprodukt

BMZ

Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

BoP

Bottom of the Pyramid

BRAC

Bangladesh Rual Advancement Committee

BSP

Brutto Sozialprodukt

BSV

Bedarfsgerechte Selbstversorgung

ccrs

Center for Corporate Responsibility and Sustainability

CDU

Christlich Demokratische Union

CESCR

COMMITTEE ON ECONOMIC, SOCIAL AND CULTURAL RIGHTS (UN- Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte)

CFTC

Commodity Futures Trade Commission

CPI

Corruption Perceptions Index (Korruptionswahrnehmungsindex)

CSU

Christlich Soziale Union

DDR

Deutsche Demokratische Republik

DEG

Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH

div.

diverse

DNA

Desoxyribonukleinsäure

DR

Demokratische Republik

EDV

Elektronische Daten Verarbeitung

EFSA

European Food Safety Authority (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit)

ENV

Ernährungsnotfallvorsorge

ERBD

Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung

ERP

European Recovery Program (offizielle Bezeichnung des Marshallplans nach dem Zweiten Weltkrieg)

etc.

et cetera, und so weiter

EU

Europäische Union

e.V.

eingetragener Verein

EZ

Entwicklungs-Zusammenarbeit

EZB

Europäische Zentralbank

FAO

Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations)

FDI

foreign direct investment

FED

Federal Reserve Board

Fewsnet Network

Famine Early Warning System

FIAN

Food First Informations- und Aktions-Netzwerk

foraus

Forum Außenpolitik

G8

Gruppe der acht größten Industrienationen

GEZ

Gebühreneinzugszentrale

GFI

Global Financial Integrity

GFP

German Food Partnership

ggf.

gegebenenfalls

GIZ

Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit

GPS

Global Positioning System (Globales Positionsbestimmungssystem)

GTZ

Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit

HDI

Human Development Index

IAASTD

The International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development

IIASA

Internationales Institut für Angewandte Systemanalyse

IDE

International Development Enterprises

IFAD

International Fund for Agricultural Development

IFPRI

International Food Policy Research Institute

IT ITC

Informationstechnik Imperial Tobacco Company, ein indisches Mischunternehmen

ITF

Infrastructure Trust Fund for Africa

IWF

Internationaler Währungsfond (International Monetary Fund)

IWMI

Institut für Internationales Wassermanagement

KP

Kommunistische Partei

LIFDC-Länder

Low Income Food- Deficit Countries

MCC

Millennium Challenge Corporation

MDG

Millennium Development Goal

NASA

National Aeronautics and Space Administration

NRO

Nichtregierungsorganisation, engl.: NGO (non-governmental organization)

OECD

Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

OPEC

Organization of the Petroleum Exporting Countries, Organisation erdölexportierender Länder

OTC

Over the Counter (außerbörslicher Handel, auch Freiverkehrshandel genannt)

PC

Personal Computer

PGF

Programmorientierte Gemeinschaftsfinanzierungen

PIA SAPRI

Potato Initiative Africa Structural Adjustment Participatory Review Initiative

SDGs

Sustainable Development Goals

SODIS

Solar Water Disinfection

sog.

sogenannte

u.a.

unter anderem

UN

Vereinte Nationen (United Nations)

UNESCO

United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization

UNICEF

United Nations International

Children’s Emergency Fund, (Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen)

UNO

United Nations Organization (Organisation der Vereinten Nationen)

USA

United States of America

USAID

United States Agency for International Development (Behörde der Vereinigten Staaten für internationale Entwicklung)

VENRO

Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen

VR

Volksrepublik

vs.

versus

WFP

UN World Food Programm

WHI

Welthunger Index

WTO

Welthandelsorganisation (World Trade Organization)

WWF

World Wide Fund For Nature

z.B.

zum Beispiel.

Einleitung - Vom Hungergräuel

Ausgangslage

Europa entwickelte sich zur Zeit der industriellen Revolution zu einer Ware produzierenden „Kapitalwelt“. Geld und Vermögen wurde nun von Handwerksmeistern, Kaufleuten und Adligen in die Fabrikation von Waren investiert und das Kapital beständig aufkummuliert. Die Einkommen der Arbeiter, am Limit kalkuliert, reichten gerade zur Reproduktion, oft nicht einmal zum Überleben aller Familienmitglieder aus. Heute hungern immer noch etwa 800 Millionen Menschen; 24.000 sterben täglich an den Folgen des Hungers, obwohl der Reichtum an Bruttogeldvermögen in der Welt unvorstellbare 118 Billionen US-Dollar erreicht hat.2

Die Hungerursache wird nach Meinung der Experten einhellig als Armut festgemacht - Dürren, Kriege und grausame Regime ausgenommen. Arme Menschen haben keine Mittel wie Geld oder Vermögensgegenstände, um damit Lebensmittel zu kaufen oder etwas Brauchbares, was für andere einen Wert hat, in Nahrung zu tauschen.

Die Hungernden leben überwiegend in Entwicklungsländern. Die meisten davon leben auf dem Land. Darunter sind auch kleinbäuerliche Familien, die keine Landrechte besitzen und bei Landentzug vor dem Nichts stehen. Wandern diese Familien in die Städte aus, leben sie häufig an den Stadträndern von Gelegenheitsjobs, von deren kargen Einnahmen sie oft weiter hungern müssen. Die UN definiert absolute Armut für Menschen, denen nicht mehr als 1,25 US-Dollar pro Tag zur Verfügung stehen - das waren in 2015 etwa 700 Millionen Menschen, rund 10 Prozent. Der Hunger ist zum großen Teil eine Fehlallokation der Ressourcen, weil man arme Menschen vom Nahrungsreichtum ausgrenzt. Die UN definiert den Hunger als ein Mangel an Energie und Proteinen; es wird weniger Nahrung aufgenommen, als der Körper braucht. Der Schwellenwert wird von der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO auf 1.800 Kilokalorien täglich festgelegt.3 Dagegen steht ein vergleichsweiser Verbrauch von mehr als 3.500 Kilokalorien, den ein Deutscher täglich verzehrt. Bei diesen Durchschnittswerten muss man relativierend hinzufügen, dass ein stark körperlich arbeitender Bauer in Afrika eine höhere Energieaufnahme wie den Schwellenwert benötigt. Während schon heute viele Millionen Menschen in den Entwicklungsländern hungern müssen, ist bisher nicht absehbar, wie die wachsende Weltbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten ernährt werden soll. Diese könnte bis zum Jahr 2050 auf etwa zehn Milliarden zunehmen – in Afrika zeichnet sich eine Verdoppelung auf zwei Milliarden Menschen ab. Gerade in Afrika, in dem schon heute viele Menschen hungern und am Hungertod sterben, wird der Bevölkerungsschub Nahrungsprobleme aufwerfen und bei einem weiter so, eine nie da gewesene Migrationswelle in Richtung Europa auslösen; viele Menschen werden den Hungertod sterben.

Hungerhistorie

Hunger aus Armutsgründen ist keine neuzeitliche Erscheinung. Auch der wirtschaftliche Wandel zur industriellen Revolution brachte der Arbeiterklasse, dem Proletariat, zunächst bittere Armut und Hunger ein. In der zurückliegenden Menschheitsgeschichte wurden ganze Kulturen ausgelöscht, weil sie ihre Ernährungsgrundlage aufs Spiel setzten. So hatten die Mayas vor ihrem Untergang ein Ernährungsproblem, weil die Ernteerträge durch viele Kriege und Bodenerosion reduziert wurden und die Überbevölkerung nicht mehr ernährt werden konnte. Berichte aus dem alten China der Dynastien zeugen davon, dass die Bevölkerung die Hungersnöte den jeweils regierenden Kaisern anlasteten, wenn diese versäumt hatten, für entsprechende Lagerbestände zu sorgen.4

Die Kleine Eiszeit Im mittelalterlichen Europa hatte Hungersnöte ausgelöst, deren Tote durch Verhungern und Folgeerkrankungen allein in den Jahren 1315 bis 1323 in die Millionen gingen.5

Die Kleine Eiszeit begann Anfang des 14. Jahrhunderts mit einem Klimawandel zu kaltem wechselhaften Wetter, das zunächst mit Überschwemmungen begann und 1342 zu einer Hochwasserkatastrophe in Mitteleuropa führte. Um 1640 war der Höhepunkt erreicht: in Süd- und Südwestdeutschland verursachen nasskalte Sommer häufig Missernten, da das Getreide nicht mehr ausreifen konnte und Ernten verfaulten.

Die Kernzeit der Kleinen Eiszeit wird von Blümel ab 1330; vor allem zwischen 1550 -1850 n. Chr. verortet.6 Die Temperaturreduzierung um 1-2 Grad Celsius gegenüber der mittelalterlichen Warmzeit sorgte für Dauerregen, der die Ernten in vielen Ländern Europas vernichtete. In England sank der Ernteertrag an Weizen und Hafer um sechzig Prozent gegenüber früherer Durchschnittswerte und zog die Preise hoch: der Preis für Weizen stieg im Winter 1315/1316 in Antwerpen um rund 320 Prozent.7 Die europäische Landwirtschaft konnte unter diesem Klima die vorher angestiegene Bevölkerung nicht mehr ernähren, obwohl auch die Aussaat auf den schlechten Böden aufgebracht wurde. Durch die Knappheit der Agrargüter stiegen die Preise so dramatisch, dass die Armen aus dem Warenkreislauf ausgeschlossen wurden und zu allem griffen, was essbar, aber nicht gesund war.

Die Geschichte zeigt, dass der Hunger kein Naturgesetz ist und auch nicht ausschließlich vom Klima verursacht wurde. So war die Hungerkrise bei den Mayas selbst verschuldet. Sie waren in zu vielen Kriegen verwickelt, haben Wälder gelichtet und Bodenerosion erzeugt. Dazu kam ein starkes Bevölkerungswachstum, das die Landarbeiter nicht mehr ernähren konnten.

Mit politisch ideologischen Programmen haben die sozialistischen Regime Russlands und Chinas selbstgemachte Hungersnöte ausgelöst, weil sie an die Allmacht ihrer Planungsmöglichkeiten glaubten. Auch die westliche Ignoranz der Menschenrechte auf Nahrung zu Beginn und während der industriellen Revolution, war vom Menschen gemacht. Das deutsche Volk war noch nach dem zweiten Weltkrieg - wegen der brachliegenden Landwirtschaft und des eingestellten Handels - stark vom Hunger geplagt. Deutsche Ärzte richteten deshalb ein Schreiben an die Weltöffentlichkeit, mit der Forderung, die völlige Ausrottung des deutschen Volkes durch den Hunger zu verhindern.

Kapitelübersicht

Die Analyse des Hungers setzt in Teil I mit den Entwicklungslinien in sehr frühen Zeiten an, skizziert die Nahrungsversorgung im Naturzustand und führt an Beispielen weiter durch die Jahrhunderte, die von Versorgungsengpässen und Hungersnöten gekennzeichnet waren, bis zum 20. Jahrhundert. Zwar wiederholen sich nicht alle damaligen Ursachen des Hungers im Detail, die Hauptmotive sind allerdings auch heute aktuell wie Kriege, Dürren, Armut und Gier. Aus der Geschichte des Hungers lernen soll heißen, es heute besser zu machen, soll auch heißen, mit dem Geld der Geberländer die Entwicklungshilfe heute erfolgreicher umzusetzen als in den letzten fünf Jahrzehnten.

Das Menschenrecht auf Nahrung ist ein altes und ewiges Gesetz, das in der Bibel durch Gottes Wort häufig und eindringlich zitiert wird: Beispielsweise sollen die Schnitter keine Nachlese machen; die liegengebliebenen Gaben sind für die Witwen und Armen.

Teil II beschäftigt sich mit dem Wortlaut der Menschenrechte und den bisherigen Taten: Der Anspruch auf Nahrung ist eher Gnade, die zu oft nicht folgt. In unseren Demokratien ist zwar für einige Menschen der Hunger nicht ganz gewichen, aber Hungersnöte sind tabu. Tafeln und Hilfsorganisationen machen es möglich, dass arme Menschen mit Lebensmitteln versorgt werden. Im Rest der Welt, insbesondere in den Entwicklungsländern, stehen die Armen oft allein da, selbst Kleinbauern müssen hungern und der Arm der Entwicklungshilfe reicht nicht überall hin. Das Welthandelssystem sieht nur die Profite und einige Regierungseliten in den Entwicklungsländern stecken sich die Hilfsgelder in die eigenen Taschen. Der große Erfolg mit den Geldern der Entwicklungshilfe ist ausgeblieben; aber die kleinen Teilerfolge gegen den Hunger sind ein Erfolg, wenn auch die Enttäuschung insgesamt groß ist. Aus der Vergangenheit lernen und die Meinung und Kenntnis der Menschen, die es betrifft, einbeziehen, ist das Gebot der Stunde, will man endlich mit dem Hungergräuel aufräumen. Dabei müssen auch die Afrikaner umdenken und anders handeln als bisher: Sie müssen sich vom „süßen Gift“ der Entwicklungshilfe befreien und konkrete Hilfe zur Selbsthilfe einfordern und umsetzen.

Die unterschiedlichen Entwicklungstheorien haben sich am Problemkomplex der wirtschaftlich zurückliegenden Länder abgearbeitet und nach Ursachen, Erklärungen und schließlich Lösungen gesucht. Deren Ergebnisse haben auch die politische Entwicklungshilfe beeinflusst, die zunächst auf Investitionsbeihilfen setzte, um damit die eigene Investitionsfähigkeit in den Entwicklungsländern in Gang zu setzen. Damit sollte eine selbsttragende Wirtschaftsentwicklung erreicht werden, mit einer Verbesserung der Lebensbedingungen der Armen (trickle down Effekt). Studien, die sich mit dem Wirtschaftswachstum in Afrika befassten, sind allerdings zu dem Ergebnis gekommen, dass eine vom Wachstum induzierte Wohlstandsverbesserung in der armen Bevölkerung nicht nachweisbar ist. Selbst ein positiver Zusammenhang zwischen Entwicklungshilfe und Wirtschaftswachstum wird von einigen Studien angezweifelt. Wenn der Einfluss der Entwicklungshilfe mit der Höhe der Zuflüsse auf das Wachstum sogar abnimmt, muss man fragen, was dann ein „Big Push“ ausrichten soll. Keine Frage, dass sich der Papst in die Politik der handelnden Eliten einmischt und auf Erfolge in der Hunger- und Armutsbekämpfung drängt. Zu groß sind die Gräben zwischen Reich und Arm geworden, die verantwortliche Politiker durch ihre Wirtschafts-, Handels- und Sozialpolitik mit verantwortet haben. Und auch Armut und Hunger sind Motive, die eine wachsende Zahl Menschen von Süd nach Nord bewegt. Wenn das künftige Klima als Hungerverstärker dazu kommen sollte, könnten Massenwanderungen einsetzen, die die Welt bislang noch nicht gesehen hat. Diese zu vermeiden wäre ein weiterer Grund, die Hungersituation zu beenden. Dabei muss sich auch Schwarzafrika umstellen: die 100 000 Dollar-Millionäre sollten lieber in ihr Land investieren, anstatt mit Industrieaktien zu handeln. Die Regierungen sollten die erfahrenen weißen Farmer besser schützen und pflegen, anstatt sie zu vertreiben und töten zu lassen. Es ist bitter, aber allein die beiden Beispiele zeigen ein desaströses Desinteresse einiger Eliten an ihrer Bevölkerung und an ihrem Land, desto mehr an ihrem eigenen Wohlergehen. Die schiefe Verteilung von Geld und Vermögen fällt in den demokratischen Staaten seichter aus, weil die Sozialpolitik die gröbsten Verwerfungen durch Steuereinnahmen kitten kann: In den Entwicklungsländern ist dieses Instrument nicht für die Absicherung der Armen vorhanden.

Teil III zeigt auf, mit welchen Programmideen die Entwicklungsländer vom Hunger befreit werden sollten. Diese handeln von Investitionsmaßnahmen in rückständige Sektoren (Böden, Maschinen, Sozialstruktur). Beim Vergleich mit den alten Ideen, die vor fünfzig Jahren aufgeführt wurden, fällt auf, dass sie fast identisch sind, aber bisher nicht umgesetzt wurden.

Die G8 (Gruppe der Acht) ist ein Zusammenschluss von Industrienationen mit den USA, Japan und Deutschland. Im Jahr 2012 gründete die Gruppe die „Neue Allianz für Ernährungssicherheit“, die auch Investitionsmaßnahmen zur Weiterentwicklung Afrikas verfolgt. Bisher wurden mit zehn afrikanischen Ländern8 Vereinbarungen abgeschlossen. Diese sehen rechtliche, politische und institutionelle Reformen vor und geben im Gegenzug Finanzmittel zur Umsetzung frei. Die Finanzmittel sollen öffentliche Geldgeber, private Unternehmen und Stiftungen bereitstellen. Brot für die Welt und 90 weitere Organisationen befürchten, dass die Politikmaßnahmen den Kleinbauern eher schaden, weil sie auf einen Entzug der Kontrolle von Land und Saatgut hinauslaufen, lokale Märkte gefährden und den Verlust von Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit beschleunigen. Die Umsetzung der Neuen Allianz bestätigt, dass die Bedenken nicht sehr weit hergeholt sind: Burkina Faso ändert seine Saatgutgesetzgebung; Nigeria hat einen Investor hereingeholt, der im großen Stil Land Grabbing betreibt und die Produktion von lokalen Nahrungsmitteln zurückdrängt; Tansania lässt Landinvestitionen zu, ohne die lokale Bevölkerung ausreichend konsultiert zu haben.9

Saatgut und Agrartechnik sind in Wissenschaft, Politik, zwischen Landwirtschaftsexperten und Entwicklungsorganisationen zum „Zankapfel“ geworden. Die Frage lautet: Ökologie oder Technologie? Die einen bevorzugen Gen-Saatgut mit großen Agrarfarmen und hohen Erträgen, die anderen verlangen den Einsatz von Bio-Saatgut mit kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Erhalt der Biodiversität. Dabei geht es natürlich auch immer um das Geschäft für die Agroindustrie: Gen-Saatgut muss von den Bauern jedes Jahr neu für die Saat zugekauft werden, während Bio-Saatgut nachhaltig verwertbar ist.

Die Widersprüche in der Verteilungsfrage werden in Teil IV dargestellt, sind sie doch ein wichtiger Baustein bei der Lösung des Welthungers. Die katholischen Enzykliken fordern eine gerechte Güterverteilung ein, die auch für die Armen genug zum Leben übrig hat. Die ökonomische Zunft ist mit ihrer Meinung eher gespalten. Die mehr linksorientierten Wirtschaftswissenschaftler fordern eine Vermögensverteilung sogar beim Bestand, von oben nach unten, während die liberalen Vertreter des Fachs einen Spielraum erst beim Wirtschaftswachstum einräumen. Studien belegen jedoch, dass bisher vom anziehenden Wirtschaftswachstum in verschiedenen afrikanischen Ländern keine nennenswerte Verteilungsänderung in Richtung der Armen erkennbar ist.

Auch der freie Welthandel sollte – so hat es die Welthandelsorganisation versprochen – den armen Ländern eine erhebliche Wohlstandsmehrung bescheren. Gekommen ist es aber anders herum: Die großen Agrarkonzerne haben von der Marktöffnung im Süden profitiert. Wenn der Preis für Nahrungsmittel mal hoch und mal runter geht (Preisvolatilität), werden hohe Preise zum „Türöffner“ von Hungerrevolten und niedrige Preise zum Job-Vernichter in den Entwicklungsländern - mit der Folge, dass Ackerflächen vernachlässigt werden und die Zahl der Armen sowie Hungernden weiter steigt. Die Nahrungsmittelverknappung in den Jahren 2007/2008, die durch hohe Preisspitzen in 49 Ländern zu Hungerrevolten führte, wäre wahrscheinlich durch eine Bedarfssteuerung frühzeitig erkannt und mittels Nothilfen gelöst worden. Weil aber das bisherige System des Weltmarkts beim Getreide preisorientiert gesteuert wird, wurde der höhere Bedarf übersehen. Nach dieser Konstruktion werden somit bei hohen Preisen die Hilfslieferungen an die Bedürftigen knapp und bei sinkenden Preisen werden Überschüsse verschenkt: auch in Regionen, die keine Hilfe benötigen; die eigenen Erzeugnisse werden dadurch auf den lokalen Märkten verdrängt und die Selbstversorgung mit Getreide verhindert. Von hohen Preisen bei Nahrungsmittelknappheit werden die Netto-Lebensmittelimporteure am stärksten getroffen - das sind fast alle afrikanischen Länder, die Philippinen, Indonesien und China. Wobei China dank der neuen landwirtschaftlichen Reformen die Preisuntergrenze für Produkte aus den Landwirtschaftsbetrieben angehoben und die Landrechte deutlich verbessert hat. So konnte die Hungersituation für mehrere hundert Millionen Menschen verbessert werden und die Bewegung der Bauernmassen, die eine starke Verbesserung im Agrarbereich bewirkte, könnte den Afrikanern zum Lehrstück gereichen: Die Zielvorgabe der Pekinger Regierung sieht eine Selbstversorgungsrate von 95 Prozent bei den Grundnahrungsmitteln vor.

Nach den Millenniumszielen der UN sollte der Hunger ausgehend von 1990 bis zum Jahr 2015 halbiert werden. Die tatsächliche Hungerentwicklung ist aber nach einem Bericht der UN bis 2015 unterschiedlich verlaufen: Ostasien und Südostasien haben das Ziel der Halbierung des Hungers erreicht, wobei allerdings allein China zwei Drittel des Rückgangs der Hungernden in dieser Region bewirkt hat. Neben der Karibik, Südasien und Ozeanien ist Afrika südlich der Sahara immer noch das Sorgenkind: Die Unterernährung beträgt dort im Zeitraum 2014-2016 noch gravierende 23 Prozent.

Die UN ist entschlossen, der Armut und dem Hunger bis zum Jahr 2030 ein Ende zu setzen. Was die Mittel betrifft, sind deren Maßnahmen sachlich nicht ganz neu: Investitionen, Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze. Seit Jahrzehnten soll Geld die große Wende in den Entwicklungsländern bringen, aber auch aufgeblasene Programmnamen wie Big Push oder Marshall Plan haben es bisher nicht geschafft. Das Buch stellt auch klar, dass die Auswirkungen ausländischer Direktinvestitionen und des Welthandelssystems auf Hunger und Armut in den Entwicklungsländern – dass beide dem Kapitalismus immanente Bestandteile - sich nicht wohlstandsfördernd für die Armen auswirken. Auch wenn die Bundeskanzlerin in den aktuellen Afrikagesprächen wieder die alten Investitionsinstrumente für den Aufbau in Afrika als Allheilmittel – wohl auch als Gegenmaßnahme zur Flüchtlingskrise – aufführt, kann kein Marshallplan die Afrikaner retten. Vor dem Hungergräuel retten kann dieses Land nur eine Selbstversorgung und Infrastrukturen, deren Aufbau zwar schwieriger aber weitaus erfolgreicher sein könnte, wie ein Investitionsbündel, das wie in der Vergangenheit mit hoher Wahrscheinlichkeit nur ein Strohfeuer auslösen würde.

Teil I Entwicklungslinien der Nahrungsmittelversorgung

I.1 Vom Naturzustand zum Grundbesitz

Die Geschichte der Nahrungsmittelbeschaffung und –versorgung der Menschen beginnt im Naturzustand. Der Boden unterlag keinem privaten Eigentumsrecht, sondern war kollektivistischer Gemeinbesitz der Urvölker. Wann genau die Besitznahme von Boden zum Eigentum wurde, ist zwar ungewiss, die Auswirkungen auf den Welthunger sind aber heute noch sichtbar.

Die Allokation der Ressourcen für die Nahrungsmittelproduktion war auch in Vorzeiten eine ökonomische Entscheidung. Solange noch kein Handel betrieben wurde, musste der Bedarf der Sippen/Stämme nach der Personenanzahl und den Jahreszeiten, mit einem Puffer für schlechte Zeiten, geplant und beschafft werden, denn nur dann konnten Hungersnöte vermieden werden. Neben dem Prozess der Nahrungsmittelproduktion und -verteilung, der in jeder Epoche gleichbleibend als Input, Prozess, Output und Verwendung abgebildet wird, sind die Naturvorkommen von Land, Wasser, Klima und Ressourcen (Menschen, Rohstoffe und Landanbau) in der Entwicklungsgeschichte zu berücksichtigen. Im Zeitverlauf ändern sich viele Kriterien der Nahrungsmittelproduktion: Bodenquantitäten/–qualitäten, Bevölkerungsanzahl und Bevölkerungswachstum, Gesellschaftsmodelle und finanzielle Mittel, Naturkatastrophen und auch Kriege beeinflussten die Nahrungsmittelversorgung meistens negativ.

I.1.1 Nahrungsgrundlage im Naturzustand

Die Erzählungen der Urgeschichte der Menschheit sind in der GENESIS der Bibel als Glaubensaussagen und nicht als Geschichtsdarstellung die älteste Überlieferung, die von der Nahrungsmittelversorgung der ersten Menschen berichtet. Gott, der Herr, setzte Adam und Eva in den Garten Eden, der von den Menschen bebaut und gepflegt werden sollte. Der Garten bot ein reichhaltiges Angebot an Früchten von Feld und Bäumen.10 Nach dem Sündenfall vertrieb Gott, der Herr, beide aus dem Paradies, auf dass sie im Schweiße ihres Angesichtes ihr Brot essen und ihre Nahrung dem Ackerboden abringen mussten.11 Nahrungsmangel bestand weder im Garten Eden, noch nach der Zwangsversetzung in die vom Herrn geschaffene Natur. Der große Unterschied im einsetzenden Prozess der Nahrungsmittelproduktion wurde körperliche Arbeit, die nun zur Feldbearbeitung erforderlich war. Diese erste Familie, beschaffte ihre Nahrung als Jäger und Sammler, sie konnte aber auch schon die Domestizierung von Pflanzen und Vieh betrieben haben.

Die fünf Bücher des Moses gehen bis auf die Zeit des Moses im 13. Jahrhundert v. Chr. zurück, deren Zeitintervall liegt damit zwischen der mittleren (16.- 13. Jahrhundert v. Chr.) und späten Bronzezeit (13.- 8. Jahrhundert v. Chr.). In dieser Zeit, im 13. Jahrhundert v. Chr., löste eine Dürre über sieben Jahre eine Hungersnot in Ägypten und der Umgebung aus, der Zehntausende zum Opfer fielen.13 Von sieben fetten und mageren Jahren berichtet die Bibel in der Josefgeschichte14, nach der in Ägypten eine siebenjährige Hungersnot ausbricht.15 Ganz Ägypten,16 aber auch Kanaan17 und alle Länder leiden darunter, was Josef durch den Traum des Pharao im Voraus hatte deuten können.18 Verortet man diese Zeit historisch nach Palästina, so bildeten sich dort schon Stadtstaaten, die zwischen den damaligen Hochkulturen von Ägypten, Syrien und Mesopotamien angesiedelt waren und als Durchgangsland von diesen stark beeinflusst wurden.19 Die bronzezeitlichen Kulturen waren meist landwirtschaftlich geprägt. Ackerbau und Viehzucht wurzelten bereits in der vorangehenden Jungsteinzeit, deren Beginn als Neolithische Revolution20 bezeichnet wird und produzierende Wirtschaftsweisen bei Ackerbau, Viehzucht und Vorratshaltung hervorbrachte.21 Die Vorratshaltung der Ernte durch Josef in den sieben fetten Jahren konnte in Ägypten und Umgebung während der folgenden sieben Jahre der Missernten auch zur Versorgung der Armen verteilt werden.22

Eine neuerliche Entdeckung, die Archäologen im heutigen Jordanien ausmachten, könnte das Sesshaftwerden der Menschheit um eintausend Jahre zurückdatieren. Ian Kujit von der Universität Notre Dame und sein Kollege Bill Finlayson vom Rat für Britische Forschung fanden drei verschiedene Gebäudestrukturen, von denen zwei vermutlich der Nahrungsmittelverarbeitung und als Wohnstätte dienten, während das dritte Gebäude vielleicht als Kornspeicher genutzt wurde und 11.000 Jahre alt sein könnte. Wenn sich diese Vermutung bestätigt, könnte die Anwesenheit des Kornspeichers, die Übergangsphase von Jäger- und Sammlergemeinschaften zu größeren Ackerbaukulturen in der Geschichte zeitlich neu zuordnen.23 Dieser frühzeitlichen Epoche lassen sich spezielle soziale Organisationsformen menschlichen Zusammenlebens zuordnen, welche einen wesentlichen Einfluss auf den Prozess der Nahrungsmittelproduktion und –versorgung ausübten.

Kesselring unterscheidet fünf Typen sozialer Organisationsformen, die historisch nacheinander entstanden sind, von denen die ersten drei Typen die bisher betrachtete Frühzeit charakterisieren.24 Definiert werden dort offene Gruppen oder Horden, Sippen und Häuptlingsgesellschaften bzw. Stammesfürstentümer. Horden bilden horizontale Gesellschaften ohne Oberhaupt, leben als Jäger und Sammler in kleinen Verbänden und teilen ihre Beute unter denen, die sich beteiligen auf. Die Mitglieder verfügen nur über Werkzeuge und Waffen als persönliches Eigentum. Benachbarte Horden tauschen Geschenke untereinander aus.

In der Gesellschaftsstruktur der Sippen regiert kein Oberhaupt. Gesteuert wird die Organisation aber durch eine oder mehrere Respektspersonen. Historisch erscheinen die Sippen im Zusammenhang mit der Domestikation von Pflanzen und Tieren. Dabei sind sie mit Ackerbau und Viehzucht entweder sesshaft oder nomadisierend, indem sie Wanderfeldbau betreiben oder mit ihren Viehherden umherziehen. Jeder Arbeitsertrag der Ernte wird an die Mitglieder der Gruppe verteilt - „in Teilen Afrikas sichern Hexerei und Zauberei diese [Um-]Verteilung bis heute.“25

Häuptlingsgesellschaften sind vertikalhierarchisch durch ein Stammesoberhaupt strukturiert. Dieses Stadium ist durch eine zunehmende Produktivität der Nahrungsmittelproduktion und eine wachsende Bevölkerungsdichte möglich geworden. Überschüsse der Nahrungsmittelproduktion werden gehortet, dadurch bekommen von der täglichen Arbeit freigestellte Mitglieder neue, bisher unterlassene Aufgaben, wie etwa die Hortbewachung, Töpferei, Metallschmelzen, Waffenschmieden und religiöse Aufgaben (Kopfarbeit). Der Häuptling koordiniert die Nahrungsmittelverteilung, Verteidigung und schlichtet im Streitfall. Sein Amt ist erblich. Historisch an diese Sozialstruktur gebunden ist einerseits die Entstehung der Stadt, der politischen Macht, des Prunks und Reichtums, andererseits die Entstehung von Krieg und Sklaverei.

Der Übergang zur Landwirtschaft soll sich in den verschiedenen Regionen der Erde unabhängig voneinander und nicht gleichzeitig entwickelt haben:26 Um 8500 vor Christus entstand sie zuerst im Nahen Osten im „Fruchtbaren Halbmond“ der mit seinem mediterranen Klima für den Anbau von Weizen, Erbsen und Oliven besonders gut geeignet war.26 In Westeuropa setzte die Landwirtschaft zunächst mit Mohn und Hafer zwischen 6000- 3500 v. Chr. ein.

Die egalitären Gesellschaften (Horden und Sippen) kannten kein Individualeigentum: Ackerland und Vorräte sind Gemeinschaftseigentum. Die Menge der Nahrungsmittel ist durch den Arbeitseinsatz der Horden- und Sippenmitglieder limitiert. Der Ertrag wird gemeinschaftlich verbraucht und erwirtschaftete Überschüsse werden an Familien- und Clan-Mitglieder verteilt oder an benachbarte Gemeinschaften verschenkt bzw. mit anderen Gütern getauscht. Die Ära der Häuptlingsgesellschaften zeichnet sich allerdings durch eine Verbesserung der Jagdtechnik und Landbewirtschaftung aus, die auch unabhängig von besonderen technischen Hilfsmitteln - allein durch Erfahrung - zustande gekommen sein könnte. Wenn die Produktivitätssteigerung höher war als das Bevölkerungswachstum, konnten Überschüsse gehortet werden und neue Tätigkeiten durch Arbeitsteilung in Gang kommen. Die Haushalte dieser Gesellschaften lebten eingebettet in einem äußeren Zustand, den man als stationär bezeichnen könnte, der sich nur mit den Jahreszeiten änderte und deren klimatische Veränderungen die Nahrungsmittelbeschaffung beeinflussten. Sie erzeugen die Mittel zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse, die lebenswichtigen Erzeugnisse ihrer eigenen Reproduktion, selbst. Wachstum und Rückgang sind noch Folgen des naturursprünglichen Nahrungsangebots, das die Schwankungen der Bevölkerungsentwicklung beeinflusst. Die Inputfaktoren (oder volkswirtschaftlich Produktionsfaktoren) bestehen primär aus der Arbeit der Gruppenmitglieder, Boden als Nutzfläche und kleinen Betriebsmitteln wie etwa Waffen für die Jagd.

Ein Volkswirt dieser Zeit könnte die heutige Makroökonomie und Mikroökonomie zu einem Sektor mit dem Titel „Wirtschaft der Haushalte“ zusammenfassen. Der (Wirtschafts-) Kreislauf der Nahrungsmittelproduktion und deren Verbrauch ist hier in einer ursprünglichen Form zwischen den Haushalten und der Natur (Boden, Pflanzen, Tiere) gegeben. Der Naturzustand hat die damaligen Menschen geformt und an die jeweiligen Umweltzustände angepasst. Sie lernten damit umzugehen, um ihre Bedürfnisse nach Nahrung, Kleidung und Unterkunft zu befriedigen. Das Zusammenleben war egalitär und kollektivistisch ausgerichtet - offenbar herrschte zwischen den Gruppenmitgliedern eher kooperatives Verhalten als Konkurrenz. Das Verhalten bei der Nahrungsmittelverteilung lässt darauf schließen, dass in diesen Gemeinschaften während einer sehr langen Zeit eine Gleichverteilung vorherrschte, denn es gab ja nur einen Stand, bzw. eine Schicht ohne bevorzugte oder benachteiligte Gruppenmitglieder. Selbst in einer Häuptlingsgesellschaft konnte man nicht voraussetzen, dass das Oberhaupt einen höheren Konsum haben musste. Meistens wurden diese Menschen wegen ihrer besonderen Fähigkeiten und Kenntnisse auch in der Gefahrenabwehr ausgewählt und nicht, um ihnen das Leben angenehmer zu gestalten.

I.1.2 Grundbesitz und Herrschaft

Der Boden als Produktionsfaktor der Nahrungsmittelherstellung wurde beim Wanderfeldanbau oder stationären Ackeranbau von den frühzeitlichen Menschengruppen als gegeben hingenommen. Ausgewählt wurden die Bodenqualitäten, die mit dem jeweils gegebenen Arbeitsangebot einen möglichst großen Ernteertrag abgaben. Nach Steiger27 ist das Recht auf Besitz28, ein natürliches Recht, das von Beginn der Menschheitsgeschichte her existiert, aber nicht das Recht auf Eigentum (im Kontext der Nahrungsmittelproduktion der Boden).

Theil29 spricht die Besitzrechte in Stammesgesellschaften der Tradition und der Sitte zu, in Feudalgesellschaften der Befehls- und Herrschaftsgewalt und in den Eigentumsgesellschaften der Vergabe von Eigentumstiteln. „Gesellschaftliches Eigentum entstand bereits in der Frühzeit, zunächst durch Abgrenzung von Jagdrevieren einzelner Horden und Stämme, die diese gegeneinander verteidigten.“

Wie die Eigentumsrechte an Land in typischen Jäger- und Sammlergesellschaften ausgestaltet war, ist Gegenstand einer wiederkehrenden ethnologischen30 Debatte. Die von Henry Lewis Morgan vertretene und später von Friedrich Engels übernommene These eines „Urkommunismus“31 in der menschheitsgeschichtlichen Entwicklung, wurde durch Frank G. Specks Beispiel familienbezogener Jagdreviere der Algonkin32 in Kanada in Frage gestellt.“33

Wie, wann und wo der Übergang vom Besitzrecht am Boden in Bodeneigentum genau stattfand, wird noch einige wissenschaftliche Schriften füllen und eine aktuelle, akademische Fragestellung bleiben. Für die Ernährung der Menschen zählt in den Folgeepochen das Besitzrecht und das Eigentum am Boden immer mehr zur Überlebensfrage, auch in unserer Zeit, wie noch ausführlich beschrieben wird.

Sprechen wir in den Anfängen der Menschheit vom Gewohnheitsrecht, in bestimmten Jagdrevieren zu jagen und auf Bodenflächen anzubauen, so nahmen sie diese Ressourcen nach heutiger Auffassung in Besitz. Das war aber, bei begrifflicher Abgrenzung, immer noch kein Eigentum am Boden. So schildert die Bibel das Land, das Gott den Hebräern nach dem Auszug aus Ägypten zuteilt und übergibt, als Erbbesitz. „Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.“33 Danach war der Mensch nur als Pächter des Landes anzusehen, der den Boden zu bearbeiten hatte und davon ernten durfte.34 In diesem Zusammenhang bezog auch Jean-Jacques Rousseau politisch Stellung. Rousseau war einer der Begründer des europäischen Sozialismus und beschäftigte sich auch mit der Frage, ob sich die Ungleichheit der Menschen aus dem Naturrecht ableiten lässt. Zur Eigentumsfrage beim Boden vertrat er eine dem Frühchristentum sich annähernde Meinung: „Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen: „Dies gehört mir“, und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: „Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört.“35 Rousseau (17121778) unterbreitete mit seiner Theorie des allgemeinen Willens einen mächtigen Versuch, der Feudalherrschaft seiner Zeit die Legitimation zu entziehen.

Der Ökonom John Stuart Mill (1806-1873) stellt fest, dass kein Mensch das Land schaffen kann, sondern das Land als ursprüngliches Erbe der ganzen Menschheit zusteht.36 Die für die Landwirtschaft weltweit geeigneten Flächen waren in den Frühzeiten reichlicher vorhanden als in unserer Zeit. Ökologische Veränderungen, wie die Wüstenwanderungen in China und Afrika, die Rodung der Regenwälder, die Industrialisierung, die Urbanisierung und Betonierung der Städte und Landschaften haben diese Flächen reduziert. Die Konkurrenz zwischen dem klassischen Ackerbau, dem Anbau von Mais für Biokraftstoffe und der für die Viehzucht in Weideflächen gewandelten Landflächen drücken zusätzlich die Flächen für den Gerste- und Weizenanbau immer weiter zusammen. Zusätzlich hat eine Bevölkerungsexplosion stattgefunden, die dazu geführt hat, dass der Ertrag aus den Feldern auf immer mehr Menschen verteilt werden muss. Eine Schätzung geht von 4 Millionen Menschen aus, die vor 12 000 Jahren auf der Erde gelebt haben, zu Christi Geburt waren es 170 Millionen Menschen und im Jahr 2015 zählen wir 7,4 Milliarden Menschen.37

In der Spätantike des weströmischen Reichs, das im Sinne der klassischen Altertumswissenschaften bis zum Jahr 476 datiert wird38, lebte die Masse der Römer von der Hand in den Mund. Preissteigerungen bei den Lebensmitteln drückte diese Bevölkerungsschicht an den Rand der Existenz.39 Diese Revoltefähige Masse hatte politisches Gewicht und konnte mit der Darbietung der „Brot und Zirkusspiele“ von den Machthabern gewonnen werden. Armut und körperliche Arbeit waren eine Schande. Der Dichter Horaz40 fleht: „Schmutzige Arbeit bleibe fern von meinem Heime“. Artemidor schrieb: „Die Armen gleichen einfachen, unbekannten Orten, wo man Mist und sonstigen Müll hinwirft, die Reichen aber den heiligen Bezirken der Götter“ (Oneirokritika 2,9).41 Die Kleinbauern wurden von den Großgrundbesitzern vertrieben und zogen um das erste Jahrhundert v. Chr. bis in das vierte Jahrhundert n. Chr. stetig und vermehrt nach Rom. Dort klagte ein Schriftsteller, dass nun aus ganz Italien die faulen Bettler und Strolche wegen der Getreideverteilungen das Nichtstun in der Stadt einer undankbaren Arbeit vorziehen.42 Dieses antike "Muster" städtischer Armutsentwicklung findet sich bis heute; die Menschen ziehen bei schlechten Lebensbedingungen vom Land in die Stadt und erzeugen dort städtische Unterklassen und Randkulturen. Da sie nur ihren eigenen Leib und ihre Arbeitskraft hatten, die sie zum Verkauf anboten, waren sie gefährdet zu verarmen, hungern zu müssen oder auf der Straße zu leben.43

Die feudale Gesellschaft mit ihren Institutionen entwickelte sich aus dem Frühmittelalter heraus, um die Zeit des Frankenreichs nach dem Jahr 800.44 Das Prinzip des Lehenswesens war in der Macht der Herrscher (Könige) befestigt. Diese verliehen Ämter und Grundbesitz an ihre Kronvasallen (Herzöge, Grafen und Bischöfe). Im Gegenzug versprachen die Kronvasallen ihrem König Hof-, Amts-, Kriegsdienste sowie Treue und Ergebenheit. Die Kronvasallen konnten ihrerseits Ämter und Land an Untervasallen weiterverleihen und erhielten dafür Kriegsdienst und Treue. Die leibeigenen Bauern und Knechte bildeten die untere Schicht in der feudalen Hierarchie und leisteten für die Untervasallen Frondienste, Naturalabgaben in treuen Diensten, erhielten dafür von den Untervasallen das Land, sowie Schutz und Treue. Die feudale Rangordnung entsprach einem Personenverband mit vielfältigen Bindungen, an dessen Spitze der König stand, die häufig mit einer Lehnspyramide dargestellt wird.45 Letztlich mussten sich die Bauern das Land von einem Grundbesitzer leihen (Lehen46). Der Vasall im europäischen Feudalismus des 8. Jhd. war der Vorgänger des Lehnsmannes im späten Mittelalter (ca. 1250 bis Ende 1500). Die „Mittelalterliche Warmzeit“ ging um 1300-1350 in die „Kleine Eiszeit“ mit einem Temperaturrückgang von 1-2° C und teils sintflutartigen Regenfällen über. Die Ernten fielen geringer aus und die Gemengelage geringer Nahrungsmittel, Seuchen und Bürgerkriege führte die Menschen in die Große Hungersnot (1315-1317).47 Diese übertraf in der Dauer alle Hungersnöte, welche vorher in diesem Jahrhundert stattfanden. Schlechte Ernten und hohe Menschenverluste reichten von England und Frankreich bis nach Deutschland und den skandinavischen Ländern.48 Die Bevölkerung Europas nahm in der Folge um die Hälfte ab.

Die Ursachen der Hungersnot werden mit einer sinkenden Bodenproduktivität und durch klimatische Veränderungen begründet49: „Die massive Zerstörung der Wälder führt in Südeuropa zu Erosion; weiter im Norden widersetzen sich die Grundbesitzer zusätzlichen Rodungen, um ihre Jagdprivilegien zu bewahren. Weil durch Rodungen kein Neuland mehr gewonnen werden kann, werden Wiesen (Viehzucht) in Ackerland (Roggen, Weizen) verwandelt.“ Eine mit Roggen und Weizen bebaute Fläche Ackerland ernährt durch Brot deutlich mehr Menschen als eine gleich große Weidefläche für die Viehzucht durch Fleisch. Allerdings geht damit die Menge der natürlichen Düngemittel und in deren Folge die Bodenproduktivität zurück. Die klimatischen Veränderungen in der „Kleinen Eiszeit“ wurden vermutlich durch großflächige Rodungen der Wälder verursacht.50

Der „Schwarze Tod“, namentlich die große europäische Pandemie (1347-1353) verursachte 25 Millionen Todesopfer, rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung. Das Land stand weniger Menschen zur Verfügung, und weil auch weniger Leute bereitstanden, das Land zu bewirtschaften, verteuerte sich der Produktionsfaktor Arbeit. Mit allem Druck versuchten die Landbesitzer die Löhne gesetzlich zu begrenzen; sie wollten eine Maximallohngrenze setzen. Mit dem Scheitern dieser Forderung setzte auch ein Ende der Leibeigenschaft51 im größten Teil Europas ein.52

Mit den schlechten Ernteerträgen, die während der Großen Hungersnot um die Hälfte gegenüber einem Normaljahr damaliger Zeit zurückgingen, verteuerten sich die Preise für Weizen um ein mehrfaches. Wegen fehlender Futtermittel wurden Tiere geschlachtet und aus der Not verzehrte man auch verendete Tiere, die zu weiteren Krankheitsausbrüchen führten. Überlieferte Belege berichten von Kannibalismus, der teils organisiert wurde und in Schlesien mit hingerichteten Gefangenen getrieben wurde.53

Die Hungersnöte im Mittelalter (ca. 6.Jhd. bis 15. Jhd.54) kamen ursächlich durch Klimaveränderungen, Kriege, insbesondere den Hundertjährigen Krieg (1337-145355), Waldrodungen und ein unproduktives Feudalsystem zustande. Der Hunger der Armen und Bauern war dann auch Triebfeder und wichtige Ursache für die Französische, Russische und Chinesische Revolution. Die andauernde Versorgungskrise und die durch Feudalordnungen hervorgerufene Steuerlast mit einer ungleichen Besitzstruktur, zündete schließlich die bäuerliche Aufruhr.56 Den Klimaveränderungen standen die Menschen machtlos gegenüber, die Endwaldungen und Rodungen mit hervorgerufener Bodenerosion waren jedoch selbst gemacht.

Zu den acht Kategorien des Gesellschaftszerfalls der durch Nahrungsmangel entsteht, zählt Javed Diamond57 insbesondere Endwaldung, Bodenerosion, fehlende Wasserbewirtschaftung, übermäßige Jagd, Überfischung und starkes Bevölkerungswachstum. Der Geograph Diamond bereiste und untersuchte mehrere Orte an denen frühere Gesellschaften lebten und die plötzlich „sang und klanglos“ untergingen. Für die Osterinsel58 stellt er fest, dass der Rückgang der wilden Nahrungsmittelressourcen und der angebauten Nutzpflanzen eine Folge der Waldzerstörung war, die in einzelnen Gebieten eine starke Bodenerosion durch Regen und Wind nach sich zog. Im weiteren Verlauf breitete sich eine Hungersnot aus, die zu einem Zusammenbruch der Bevölkerung führte.

I.2 Auflösung der Adelsherrschaft und Übergang zur Bürgermacht

Mit dem Frühkapitalismus in Europa beginnt eine Zeitperiode innerhalb derer sich die Stände des Feudalismus nach und nach auflösen und eine Wirtschaftsweise einsetzt, die sich vom dominierenden Gutsbesitz ablöst und eine vom Handel ausgehende Geldwirtschaft in Gang bringt. Eine Zeit, die zwischen dem Feudalsystem und dem Kapitalismus liegt, der mit Einsatz der industriellen Revolution begann.

Im 15. und 16. Jahrhundert wird das Wirtschaften in den wachsenden mittelalterlichen Städten auf Geld und Kredit, Kapital und Zins, sowie Investitionen und Gewinn, vornehmlich in Textilmanufakturen und Bergbau, nicht nur bei Kaufleuten, ausgerichtet. Die Kapitalkonzentration, die aus dem Fernhandel der Großkaufleute, aus investiertem Geld in Gewerbe und aus Finanzgeschäften gezogen wurde, nahm stark zu. Doktor Martin Luther ließ kein gutes Haar an den Großkaufleuten seiner Zeit. „Was sollte nun Gutes im Kaufhandel sein?“, fragte er provozierend im Jahre 1524. Kaufhandel sei nichts anderes als den anderen ihr Gut zu rauben und zu stehlen. Die Kaufleute – so schimpfte der Reformator – seien „Schalksaugen“, „Dickwänste“ und „Gurgelstecher“, die mit List und Tücke den „gemeinen Mann“ ausbeuteten und ihre Geldtruhen mit Silbermünzen füllten.“59 Luther kannte das Los der Armen und der durch Abgabenlasten gebeutelten Bauern gut, hatte sich doch sein Vater Hans Luther zunächst als Bauer betätigt und später als Bergmann mit Weisungsbefugnis im Einkommen und Ansehen verbessert. Die Bauernkriege, die 1524 mit dem ersten Bauernaufstand in Süddeutschland begannen, dauerten bis zum Sommer 1525, mit einem langen Nachspiel, das in den entlegeneren Schauplätzen Tirols und der Steiermark im Jahr 1526 endete. Unsicher ist der Anlass zum Krieg, ob die Bauern tatsächlich verhungert und verelendet waren. Sicher ist, dass die feudale Herrschaftsform die alten Schutzrechte der Vorzeit stückweise beiseite schaffte. Während der Zehnte als Steuer von den Bauern häufig noch anerkannt wurde, kam dazu der „große Zehnte“ von der Kornernte, der „lebendige“ Zehnte in Form von Viehabgaben und darauf noch der kleine oder „tote“ Zehnte mit der Ablieferung von Heu, Hopfen und Sammeln von Erd- und Heidelbeeren. Einer weiteren Ausdehnung der Abgaben durch die Gräfin von Lupfen, die zum Garnwinden das Sammeln von Schneckenhäusern befahl, begegneten die Bauern mit dem ersten Bauernaufstand in Süddeutschland. Der empfindlichste Verlust im Leben einer Bauernfamilie bedeutete der Tod des Familienvaters. Der Gutsherr zog dann das „Besthaupt“, die beste Kuh oder das beste Pferd notfalls mit Gewalt ein, das für arme Bauern den Ruin bedeuten konnte.60 Martin Luther konnte die Gräuel der Bauernkriege letztlich nicht mehr mit sich vereinbaren und distanzierte sich schließlich ausdrücklich vom „Bauernführer“ Thomas Müntzer und dem Sinn des Bauernaufstandes in seiner Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“.61

Die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Gutsherren und Bauern verändern sich nur langsam und regional unterschiedlich. Das Besitzrecht der Bauern entwickelt sich in Richtung vererbbarer Eigentumsrechte, die Gutsherren versuchen gleichzeitig Bauern aufzukaufen oder sie von ihren Bauernstellen zu vertreiben (Bauernlegen). Diese werden immer mehr zu Landarbeitern auf den großen Gutshöfen. Während der mittelalterliche Fronhof für die eigene Subsistenz produzierte, nahm das Herrengut die Städte und andere Länder zum gewinnorientierten Absatzmarkt. Der Export landwirtschaftlicher Güter verschlechterte die Ernährungsgrundlage der Bevölkerung und führte zu weiteren Ernährungskrisen (1597, 1659-1662 und 1771-1774), die bei den Volksmassen furchtbar durchschlugen.62 „Während der Ernährungskrisen füllten sich die Landstraßen und die Straßen der Städte mit einer bedrückenden Masse von Hungerleidern, Bettlern und Landstreichern. [...] Der Hunger gehört einfach zum Leben der Armen; er ist die krisenhafte Zuspitzung im Leben jener Bevölkerungsgruppe, die auch in normalen Zeiten in einem Zustand chronischer Unterernährung lebt."63

Mit der Industriellen Revolution, die in England beginnt und zeitversetzt in Mitteleuropa einsetzt, wird das angehäufte Kapital aus Handel, Exporten und Finanzgeschäften in die Mechanisierung der aufblühenden Maschinenbetriebe und Manufakturen investiert; das Arbeitskräftepotential - Landarbeiter, Bauern, städtische Handwerker und Tagelöhner – steht in Überschuss aus der vorangegangenen Agrarrevolution zur Verfügung.

Die Französische Revolution bricht den feudalabsolutistischen Ständestaat entzwei; das Bürgertum etabliert sich zur gehobenen sozialen Klasse und das Proletariat steht dem gegenüber auf der unteren Klassenskala. Die ständisch-agrarische Gesellschaftsordnung geht unter und öffnet damit den Weg zu neuen Gesellschaftsformen, die mit einer Verlagerung der Menschenmassen vom Land in die Städte einhergehen.

I.3 Europas Veränderungen in Landwirtschaft, Wirtschaft und Gesellschaftspolitik (Die drei Europäischen Revolutionen)

Die europäische Industrialisierung wird von einem Strukturwandel von der Landwirtschaft in den gewerblichen Sektor getragen, der durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse und technische Erfindungen in Gang gesetzt wurde, wie Nutzung der Wasser- und Windkraft beim Mühlenbau und später der Dampfkraft im Maschinen- und Fahrzeugbau. Dazu gehören die unzähligen mechanischen Werkzeuge, Apparate und Vorrichtungen, mit denen die Arbeitsprozesse für die Herstellung von vielen Erzeugnissen erst möglich geworden sind. Die industrielle Revolution beginnt im Jahr 1750 in England und breitet sich um 1800 in Mitteleuropa aus.

Eine weitere, aber oft unbenannte Bedingung der Industrialisierung, ist in den landwirtschaftlichen Vorlaufleistungen begründet, die unter der Bezeichnung „Agrarrevolution“ (England 1700, Mitteleuropa 1750) in die europäische Geschichte einging. Diese verlagerte sich demnach vom Mittelmeerraum in den Nordwesten des Kontinents und wirkte sich durch Innovationen der Agrartechnik aus, wie etwa den schweren Pflug, der im nordalpinen Raum half, neue Böden für die Landwirtschaft zu erschließen. Auch konnte durch den Kummet64 die Zugkraft des Pferdes für den Ackerbau nutzbar gemacht werden.65

Das entscheidende Merkmal der Agrarrevolution war eine deutliche Steigerung der Flächenproduktivität durch Innovationen und den Anbau neuer Fruchtpflanzen (u.a. Kartoffeln und Klee), durch Einführung neuer Fruchtfolgen66