Husserls Intuition und Levinas' Beitrag - Stefan Blankertz - E-Book

Husserls Intuition und Levinas' Beitrag E-Book

Stefan Blankertz

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Beschreibung

Wozu Intuition? Ist sie etwas Gutes oder Schlechtes? Steht sie dem vernünftigen Analysieren entgegen? Setzt sie das Gefühl dem verkopften Denken entgegen? Für Edmund Husserl, dem Erfinder der philosophischen Methode der Phänomenologie, stellt Intuition den Kontakt her zwischen dem Menschen und der Welt und zwar jenseits aller erkenntnistheoretischen Bedenken. Der junge Emmanuel Levinas stellte bei seiner Doktorarbeit zu Husserl 1930 den Begriff der Intuition von Husserl in den Mittelpunkt und eröffnete damit die vielfältige Entwicklung der Phänomenologie in Frankreich, die bis heute reicht. Ausgehend von Levinas' bahnbrechender, aber in Deutschland nahezu unbekannter Schrift haben sich Cornelia Muth, Professorin für Pädagogische Anthropologie an der Fachhochschule Bielefeld und Gestaltpädagogin, und Stefan Blankertz, Schriftsteller und Sozialwissenschaftler, auf die Spur der Intuition in philosophischer, therapeutischer und politischer Hinsicht begeben. Herausgekommen sind zwei sehr unterschiedliche Essays, die sich in ihrer Gegensätzlichkeit ergänzen und zu einer produktiven Auseinandersetzung anregen.

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Inhalte

Inhalt

Prolegomena

Cornelia Muth

Mein Weg zur Intuition

Stefan Blankertz

Für den neuen Antikolonialismus

XI Sinn-Thesen

Postskript

Performativität & Gewalt

Literatur

Besuchen Sie uns im Internet, wo wir Ihnen das gesamte Spektrum unserer edition g. vorstellen: editiongpunkt.de
edition g.
1xx Theorie
2xx Poesie
3xx Historie
4xx Therapie
Stefan Blankertz | 1956 | »Wortmetz« | Lyrik und Politik für Toleranz und gegen Gewalt.
Cornelia Muth | Professorin für Pädagogische Anthropologie an der Fachhochschule Bielefeld. Gestaltpädagogin.

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Stefan Blankertz
Cornelia Muth
Husserls Intuition und Levinas’ Beitrag
edition g.
404
originalausgabe
404 edition g.
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt
© 2018 by Cornelia Muth und Stefan Blankertz
Umschlag unter Verwendung des Bildes »Selbstportrait« von Paula Modersohn-Becker, Öltempera auf Pappe und Papier, ca. 1906-07 (The Yorck Project, gemeinfrei via Wikipedia)
Herausgeber der edition g. Stefan Blankertz editiongpunkt.de
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-7528-0840-7
Inhalt
Prolegomena
Cornelia Muth
Mein Weg zur Intuition
Stefan Blankertz
Für den neuen Antikolonialismus
Auf der Spur der Intuition zum Frieden mit dem Andren
XI Sinn-Thesen
Postskript: Performativität & Gewalt
Literaturverzeichnis
Das »Bewusstsein begleitet immer unsere gegenwärtigen Empfindungen und Vorstellungen, wenn sie deutlich genug sind, und eben dadurch ist jeder für sich, was man im reflexiven Sinn ein Selbst nennt (soi-même). So weit sich das Bewusstsein über die Handlungen und Gedanken der Vergangenheit erstreckt, ebenso weit reicht auch die Identität der Person, und das Selbst ist in diesem Augenblick dasselbe als damals.«
Gottfried Wilhelm Leibnitz, 1704.1
»Statt ›Ich‹ müsste ich vielleicht besser immer sagen ›Selbst‹. […] Das Ich ist wesensmässig auf jedes abgegrenzte Erlebnis […] bezogen. […] Das Selbst aber [… ist …] das ›durchgehend‹ Identische.«
Edmund Husserl, 1921.2
Zitiert bei Husserl in einer Notiz vom Juni 1921 (Husserliana, Band 14, 1973, S. 48).
Das Zitat von Leibnitz nutzt Husserls als Begründung für diese Aussage.

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Cornelia Muth
Mein Weg zur Intuition
Husserl schrieb am Ende seines Lebens: »Gerade jetzt, wo ich fertig bin, weiß ich, dass ich von vorne anfange, denn fertig sein heißt, von vorne anfangen.«1
Im Wintersemester 2017/18 habe ich als professorale Gestalt-Pädagogin ein thematisch neues Seminar zur Intuition angeboten: Studierende und ich setzten sich über Referate mit dem Buch von Gigerenzer (2008) zur Intuition auseinander und gleichzeitig überprüften wir dieses Wissen anhand eigener Erfahrungen. So stimme ich mit dem oberen Zitats Husserls überein, denn an die thematischen Grenzen meiner Lehre zu gelangen bzw. ein neues Thema auszuprobieren, entpuppte sich als Neubeginn, alte Wissensvorräte zu aktivieren. Der Seminartitel ›Zur Intuitionalisierung sozialwissenschaftlichen Wissens‹ bezog sich auf ein Forschungskonzept meines Lieblingsprofessors Enno Schmitz, phänomenologischer Soziologe, das ich während meines Pädagogik-Studiums an der Freien Universität Berlin kennenlernte.
Schmitz’ Intuitionsbegriff lehnt sich an die von Charles Parsons, Mathematik-Philosoph, an: Intuition ist eine in-tellektuelle Wahrnehmungsfähigkeit, die sich als Wahrnehmungserfahrung in individuellen Ereignissen zeigt. Mit Intuition finden wir, nach Parsons, Zugang zur Mathematik und zu abstrakten Objektivationen, allerdings nicht zur mathematischen Wahrheit (vgl. Symons 2008, S. 85). Schmitz selbst hatte damit jedoch als Vertreter des Interpretativen Paradigmas, das alles Soziale als Interpretation erklärt, kein Problem, Intuition als Lern- und Ausführungsweg zu begreifen. Letztendlich bin ich diesem Lehrer meinen deduktiven Weg zum Gestalt-Ansatz schuldig. Kontakt ist für mich praktische Phänomenologie.
Zudem erinnerte ich eine Notiz aus meiner Promotionszeit, dass Emmanuel Levinas eine Arbeit über Intuition geschrieben hat, allerdings in Französisch. Dazu gibt es auch eine englische Übersetzung, aber keine deutsche. Als ich die englischen und französischen Fassungen las, dachte ich nur, dass ist doch eine Beschreibung von Kontaktprozessen und so entstand die Idee, ein Kapitel dieses Buches mit Gestaltkolleg*innen zu übersetzen.
In den letzten Monaten haben Stefan und ich ausgewählte Passagen übersetzt und gestern (im Februar 2018) haben wir abgemacht, dass unser jeweiliges Ich beschreibt, was die Originalquelle, hier Levinas Darstellung der Intuition in Anlehnung an Husserl mit uns macht bzw. zu was sie uns inspiriert.
Mit Original meinen wir unsere persönlichen Übersetzungen aus den französischen und englischen Ausgaben. Die Auswahl von zehn Textstellen, die ich als relevant betrachtete, sind unsere gemeinsame Grundlage (gewesen).
Beim ersten Austausch unserer jeweiligen Übersetzungen zeigten sich zwei phänomenologisch differente Strukturen, die von Stefan und die von mir, was das »Problem der Relevanz« betrifft. Der Husserl-Schüler Alfred Schütz schreibt in seinem gleichnamigen Buch (1982) in Anlehnung an Kurt Goldstein, dass es entscheidend ist, wie der Organismus mit der Umwelt, die wir nicht geschöpft haben, zurecht kommt: »Die Umwelt hat gleichfalls ihren subjektiven Sinn für den Organismus. Sie ist das Ergebnis und das Produkt der Wahl des Weltausschnittes, den wir für unser ganzes organisches und geistiges Tätigsein als relevant betrachten und anerkennen« (Schütz ebd., S. 130).
Unsere jeweiligen Biografien spiegeln das wider, und mit Schütz gesprochen, heißt das auch, wie unsere Wissensvorräte entstanden, entscheidet, was wir wahrnehmen und was wir für relevant halten. So löst bei mir die Auseinandersetzung mit Levinas und Husserl Erinnerungen aus, wie ich überhaupt zur Phänomenologie gekommen bin und welche zentralen Fragen mich beschäftigt haben und beschäftigen. Eine der Fragen in meinem Studium und später während der Promotion lautete, wie ich als Pädagogin lebensweltbezogen und dialogisch bilden und beraten kann (vgl. Schmitz 1986 und Muth 1998/2011).
In der Auseinandersetzung mit dem französischen Text von Levinas zur Intuition wurde mir erneut der Bruch zwischen Theorie und Praxis deutlich, der darin besteht, dass das, was ich denke, nicht das ist, was geschieht, und dass das, was ich wahrnehme, nie von mir losgelöst ist, obwohl es unabhängig von mir existiert. Ähnlich argumentiert Stefan auch. Damit grenzen wir uns klar vom radikalen Konstruktivismus ab, der behauptet, dass wir allein die Wirklichkeit konstruieren, in der wir leben. Ich behaupte diesbezüglich mit Schütz und Husserl, dass vielmehr unser Zurechtkommen und dessen Interpretation entscheiden, wie wir die Umwelt wahrnehmen.