Hüttenkatz - Kaspar Panizza - E-Book
Beschreibung

Von wegen gemütliches Klassentreffen. Ein Totgeglaubter taucht nach 30 Jahren wieder auf und im abgelegenen Berggasthof beginnt ein munteres Morden. Mittendrin: Kommissar Steinböck und seine Katze Frau Merkel, die nicht nur die Hüttenwirtin an den Rand des Wahnsinns treibt. Alle aus Steinböcks Abiturklasse haben ein Motiv. Und manch einer hat das Unheil bereits geahnt. Oder ist vielleicht doch alles ganz anders?

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Sammlungen



Kaspar Panizza

Hüttenkatz

Frau Merkel und das mörderische Klassentreffen

Zum Buch

Mordslebendig Ganze 30 Jahre lang hat Kommissar Steinböck seine Abiturklasse nicht mehr gesehen. Jetzt, nach so langer Zeit, dieses mysteriöse Klassentreffen auf einem einsamen Berggasthof, das niemand organisiert haben will. Im Gepäck als blinder Passagier: Steinböcks Katze Frau Merkel. Als plötzlich ein Totgeglaubter wieder auftaucht und ein Unwetter für Stromausfall sorgt, sodass die Gruppe von der Außenwelt abgeschnitten wird, stellt sich die Klasse als ein erschreckender Haufen von Egomanen und Kriminellen heraus. Ein Abend des Misstrauens, des Hasses und der Abrechnung beginnt. Auf den Abend folgt die Nacht – und das Sterben. Aus Steinböcks Klassentreffen wird ein verzwickter Mordfall. Alle haben ein Motiv und keiner will es gewesen sein. Und das Morden geht weiter. Wird es Kommissar Steinböck mithilfe seines skurrilen Teams, bestehend aus Ilona Hasleitner und dem Rollifahrer Emil Mayer junior, schaffen, den Fall – trotz aller Störfeuer der bekloppten Katze Frau Merkel – zu lösen?

Kaspar Panizza wurde 1953 in München geboren. Den Autor, der aus einer Künstlerfamilie stammt, prägten Arbeiten seines Vaters, eines bekannten Kunstmalers, sowie die Bücher seines Urgroßonkels Oskar Panizza. Nach dem Pädagogik-Studium machte Panizza eine Ausbildung zum Fischwirt, erst später entdeckte er seine Liebe zur Keramik. Nach abgeschlossener Ausbildung mit Meisterprüfung arbeitete er zunächst als Geschirr-Keramiker und später als Keramik-Künstler im Allgäu. 2004 übersiedelte er nach Mallorca, wo er eine Galerie mit Werkstatt betrieb und zu schreiben begann. Seit 2009 lebt der Autor in Ribnitz-Damgarten an der Ostsee und betreibt dort zusammen mit seiner Ehefrau ein Keramik-Atelier.

 

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Glückskatz (2019)

Teufelskatz (2017)

Saukatz (2016)

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2019

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Liane Remmler / stock.adobe.com

und © Eric Isselee / shutterstock.com

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-6156-9

Widmung

Für Nepomuk, schön, dass du da bist.

Für Erwin. Vielleicht lebst du jetzt ja wirklich in der Karibik und hast dort deinen Schatz gefunden.

Für die 13d. Ihr habt mich zu diesem Buch inspiriert. Vielleicht gibt es auch ein paar äußerliche Ähnlichkeiten mit den dargestellten Personen. Ansonsten ist wirklich alles frei erfunden.

Prolog

Langsam schob der junge Mann sein Surfbrett durch das warme Wasser des Mittelmeers. Er war wie gewohnt früh aufgestanden, um alleine mit dem Board hinauszusegeln. Zu dieser frühen Stunde wehte bereits ein kräftiger Wind, der aber durchaus noch zu meistern war. Für den Nachmittag war Sturm angesagt und obwohl er ein ausgezeichneter Windsurfer war, wagte er sich bei zu stürmischem Wetter nicht hinaus.

Korsika war eines der besten Surfgebiete, die er kannte, und er war schon zum dritten Mal hier. Diesmal hatte er seine ehemaligen Klassenkameraden vom Gymnasium mitgebracht. Sie waren zu acht und hausten in vier Zelten auf dem Campingplatz. Sozusagen das erste Klassentreffen, zwei Jahre nach dem Abitur. Ihm war klar gewesen, dass Korsika als Ziel zu weit weg von Deutschland lag. So überraschte es ihn, dass immerhin zwei Drittel der zwölfköpfigen Klasse von damals zusammengekommen waren.

Das Wasser reichte ihm bereits bis zum Bauch. Er stützte sich mit beiden Händen ab und schwang sich auf das Brett. Geschickt bückte er sich, hob das Rigg aus dem Wasser und ließ das Board zuerst langsam und dann, indem er das Segel aufrichtete, immer schneller über die blaue Wasseroberfläche gleiten. Mit einem Blick versicherte er sich, dass die Sicherheitsleine fest mit seinem Fußgelenk verbunden war, anschließend pumpte er einige Male, indem er den Gabelbaum zu sich heranzog und wieder wegstieß. Er lehnte sich nach hinten und schoss wie ein Pfeil in Richtung offenes Meer.

Er dachte an die letzte Nacht. Eine ungeheure Euphorie erfüllte ihn und sein Körper war voller Adrenalin. Immer weiter entfernte er sich vom Strand. Zurück würde er gegen den Wind kreuzen müssen. Ein langer Heimweg. Doch das machte den Reiz des Surfens bei so einem Wetter aus. Die Oberfläche des Wassers wurde dunkler. Ein Zeichen dafür, dass der Wind zunahm.

Plötzlich riss eine Böe das Board in die Luft. Das Rigg wurde nach unten gedrückt. Er beschloss, es loszulassen, und stieß sich seitwärts ins Wasser ab. Der Aufprall nahm ihm für einen kurzen Moment die Luft und er verlor die Orientierung. Dann sah er durch all die Luftblasen die Sonne über sich und durchbrach die Wasseroberfläche. Eine Welle hob ihn nach oben und für einen Augenblick glaubte er, etwa 20 Meter entfernt das Segel seines Boards zu sehen, aber das war unmöglich. Hastig zog er an der Sicherheitsleine, die um sein linkes Fußgelenk gebunden war. Da war kein Widerstand, nicht dieses charakteristische Ruckeln, wenn sich die Leine spannte. Wieder hob es ihn auf einen Wellenberg und am Horizont erblickte er das bunte Segel. Endlich hatte er das Ende der Leine zwischen seinen Fingern. Er trat mit den Füßen auf der Stelle und betrachtete den Karabiner, an dem eine Metallöse hing, deren abgebrochener Stift normalerweise im Brett verschraubt war. Er hatte davon gehört, dass dieser Stift brechen konnte. Eine sehr gefährliche Angelegenheit. Verdammt, das war nur ein Leihboard. Er war sich sicher, es ausreichend inspiziert zu haben, ausgerechnet heute Morgen war er zu ungeduldig gewesen. Er verfluchte sich selbst, so unvorsichtig gewesen zu sein. Er trug nur einen Neoprenanzug, keine Schwimmweste, und er hatte das Board nicht überprüft. Um zum Strand zu schwimmen, war er zu weit draußen. Strömung und Wind standen gegen ihn. Also schwamm er in die Richtung, in der er glaubte, das Segel zum letzten Mal gesehen zu haben. Im selben Moment wurde ihm klar, wie aussichtslos sein Unterfangen war.

Freitag

Kommissar Steinböck war alles andere als zufrieden, als er endlich in seinem Käfer saß. Warum zur Hölle hatte er Peter Obstler nur nachgegeben? Natürlich konnte so ein Klassentreffen ganz witzig sein, aber hätte nicht ein Abend im Hofbräuhaus genügt? Nein, es musste ja unbedingt ein Wochenende auf einer Berghütte sein. Allein der Gedanke, Ferdel Bruchmayer wiederzutreffen, verursachte ihm schweres Bauchgrummeln. Wenigstens war die Katze versorgt. Oder doch nicht? Mein Gott, dieses Viech trieb ihn noch in den Wahnsinn.

Er schaltete den Motor ab, was von zwei mittelstarken Fehlzündungen begleitet wurde, stieg aus und kontrollierte nochmal den Rückraum des alten Käfers. Rum ums Auto, Kontrolle von der Beifahrerseite und schon hatte die Katze die offene Fahrertür genutzt und sich hinter Steinböcks Sitz im Fußraum versteckt.

Eine halbe Stunde später erreichte er Giesing. Der Kommissar hatte sich mit Obstler in der Säbener Straße verabredet, am Parkplatz vor dem Vereinsheim des FC Bayern München. Er entdeckte ihn auf einer Steinbrüstung hockend, umgeben von einer Rauchwolke, die typisch für seine übelriechenden Zigarren war. Wie üblich trug er seine verwaschene Lederjacke. Peter Obstler, früherer Klassenkamerad des Kommissars und heute sein direkter Draht zur Münchner Unterwelt, war es gewesen, der ihm bei seinen letzten Fällen des Öfteren entscheidende Tipps gegeben hatte. Als er Steinböck bemerkte, fuhr er sich durch die kurzen Haare, drückte den Stumpen auf der Betonbalustrade aus und legte ihn in eine Blechdose, die er in seiner Jackentasche verstaute. Er griff nach seinem Rucksack und öffnete die Beifahrertür.

»Servus Steinböck, du, mir ham fei no koa Winterzeit.«

»Ich weiß, ich bin a bisserl spät dran. Schmeiß dei Taschen auf den Rücksitz und dann geht’s los.«

Peter Obstler tat wie ihm geheißen, musterte kurz die Katze, die ihn mit ihren bernsteinfarbenen Augen vom Fußraum her anstarrte.

»Sei einfach nur still«, schien sie zu sagen. Obstler zuckte mit den Schultern und zwängte sich auf den Beifahrersitz.

»Die alte Kisten fährt also immer noch!«, stellte er respektvoll fest.

»Sicher«, brummte Steinböck. »Der läuft wie a Glöckerl, wart’s nur ab, bis mir auf der A 95 sind.«

Auf der Garmischer Autobahn ließ Steinböck es dann krachen. Die Tachonadel des Käfers zitterte sich wirklich bis auf 120 Stundenkilometer hoch und Obstler, dem das Ganze ein bisschen unheimlich war, stellte ehrfürchtig fest: »Respekt, Steinböck, du und dein Käfer.«

Der Kommissar ging wieder vom Gas und die Geschwindigkeit pendelte sich bei ungefähr 100 ein. »Hättest nicht gedacht, dass der noch so abgeht. Aber jetzt mal was anderes. Warum findet das Treffen ausgerechnet auf einer Berghütten statt?«

»Wegen der Hanni, du weißt schon, die immer so a bisserl durchgeknallt war. Sie hat einen Berggasthof gepachtet. Normalerweise schließt sie Ende Oktober. Wir sind heuer die letzten Gäste und haben die ganze Hütte für uns allein. Außerdem sind wir eingeladen.«

Die restliche Fahrt über mutmaßten die beiden, wie viele von den Klassenkameraden wohl kommen würden. Schließlich handelten sie alle ab, an die sie sich erinnerten. Elf Ehemalige, einschließlich ihnen selbst, bekamen sie zusammen. Irgendwo kurz vor Garmisch übernahm dann Obstler die Führung und lotste Steinböck eine steile Bergstraße hinauf. Der Käfer nahm die Steigung langsam, aber ohne zu murren.

»Du weißt schon, dass VW dieses Auto bloß gebaut hat, damit wir Deutschen über den Brenner kommen. Gardasee, Jesolo, la Dolce Vita und so«, rief Obstler aufgeregt. Er hatte sich nach vorn gebeugt und wippte dabei mit dem Oberkörper so, als ob der Käfer dadurch schneller werden würde. »Da vorne ist schon die Seilbahn.«

500 Meter weiter bog Steinböck auf einen großen Platz ein. Er parkte seinen Wagen neben einer dicken Mercedes-Limousine, auf deren Fahrertür »Privatklinik Dr. Böhmermann« stand.

»Da schau her, der Martin ist auch schon da«, witzelte Steinböck.

»Warum verschandelt der des edle Gefährt mit dem Aufkleber?«, überlegte Obstler.

»Klinikfahrzeug, kann er wahrscheinlich voll von der Steuer absetzen.«

Die beiden Männer stiegen aus.

»Ich schau mal, wann die nächste Gondel geht«, brummte Obstler und zündete den alten Stumpen wieder an, den er aus seiner Blechdose hervorgekramt hatte.

Steinböck reckte seine knapp 1,90 Meter und sog tief die Luft ein. Mit Anfang 50 waren längere Fahrten in seinem geliebten Käfer anstrengend für die Gelenke. Sein Hemd und die Jeans klebten ihm unangenehm auf der Haut. Er rieb sich seinen Dreitagebart, und der warme Wind strich durch sein spärliches Haupthaar, während er sich die umliegenden Gipfel ansah. Trotz allem ein schöner Anblick, gestand er sich ein. Dazu musste man wissen, dass der Kommissar alles andere, aber kein Freund der Berge war. Für ihn waren sie nichts weiter als ein überflüssiges Hindernis auf dem Weg zum Gardasee.

Inzwischen war Obstler zurückgekommen, im Schlepptau eine hübsche dunkelhaarige Frau, die Steinböck bekannt vorkam. Sie war zierlich, schlank und trug einen Rucksack auf dem Rücken, der mindestens halb so groß war wie sie selbst.

»Servus Steinböck«, sagte sie und lächelte dabei schnippisch. »Kennst mich noch? Ich bin’s, die Bärbel.«

Er war froh, dass er während der Fahrt mit Peter Obstler noch mal die gesamte Klasse durchgegangen und damit an all die Namen erinnert worden war, die er ansonsten vergessen hatte.

»Ja klar, die Bärbel Kleine.«

»Macke«, antwortete sie.

Steinböck zog fragend die Brauen hoch.

»Bärbel Kleine-Macke«, sagte sie lächelnd.

»Du solltest dich scheiden lassen«, antwortete Steinböck grinsend.

»Hab ich schon. Aber wegen der Kinder hab ich den Namen behalten.«

»Wie viel hast du denn?«

»Drei, einer ist aus dem Haus, aber die zwei Kleinen sind pubertierende Zwillinge und die halten mich ganz schön auf Trab.«

»Dann bist du ja im Training«, unterbrach Obstler die beiden. »Heute geht keine Gondel mehr, wegen Wartungsarbeiten. Die waren schon seit Tagen angekündigt. Jetzt weiß ich auch, warum wir unbedingt bis 12 Uhr da sein sollten«, brummte er und schaute Steinböck vorwurfsvoll an.

»Was soll des heißen?«, fragte dieser misstrauisch.

»Wir müssen laufen«, feixte Bärbel Kleine-Macke.

»Ihr spinnt wohl. Ich schlepp doch mein Koffer ned auf den Berg ’nauf.«

»Halb so wild. Einen Kilometer weiter gibt es einen Versorgungslift. Der führt bis zur Hütten. Mit dem können wir unser Gepäck raufschicken«, sagte Obstler.

Bevor Steinböck protestieren konnte, hatte sich die Bärbel bei ihm eingehängt.

»Nimmst mich mit in deinem Volksporsche?«

Steinböcks Laune drohte auf den Nullpunkt zu sinken, dann sah er ihr Lächeln und ihm fiel ein, wie er mit ihr damals auf dem Klassenfest unten im Bootshaus rumgeknutscht hatte. Er griff nach ihrem Rucksack und verstaute ihn im vorderen Kofferraum. Kleine-Macke hatte sich inzwischen auf die Rückbank gesetzt. Bei Obstler dauerte es etwas länger, bis die Gurtschnalle endlich im Schloss einrastete. Er deutete mit den Finger nach vorn.

»Die kleine Straße da runter. Sind bloß fünf Minuten.«

»Mei, ist die Katz süß«, tönte es vom Rücksitz. »Die geht bestimmt auch gern in die Berg.«

Steinböck umklammerte das Lenkrad so fest, dass an beiden Händen die Knöchel weiß hervortraten.

»Ich steck die Saukatz in einen Sack und dann schmeiß ich sie in einen Bergbach«, zischte er unhörbar für die anderen.

»Na, na, na, denk dran, Gewalt ist auch keine Lösung«, antwortete die Katze trocken.

*

Es war wohl die Kälte, die den Mann wieder zu Bewusstsein brachte. Obwohl das Wasser des Mittelmeeres mehr als 20 Grad hatte und er einen Neoprenanzug trug, kühlte sein Körper mehr und mehr aus. Hätte ihn das Schicksal nicht zufällig gegen einen Styroporbrocken getrieben, den er sich mithilfe der Sicherungsleine an den Körper gebunden hatte, wäre er sicherlich schon längst ertrunken. Das erste Mal, dass er sich nicht über herumtreibenden Müll ärgerte.

Sein Blick glitt über die unendlichen Wellen. Die Sonne würde wohl in wenigen Minuten im Meer versinken. Oh, wie verdammt kitschig. Er wollte seinen letzten Sonnenuntergang bewusst erleben. Angestrengt paddelte er auf der Stelle, gegen den Auftrieb des Styropors, das ihn immer wieder auf den Rücken drehen wollte. Er starrte auf die glitzernde Oberfläche und den glutroten Ball. Der Schmerz in seinen Augen wurde unerträglich und schließlich gewannen seine körpereigenen Instinkte. Die Lider klappten nach unten, der Schmerz ließ nach und gleichzeitig überkam ihn eine wohltuende Ohnmacht.

*

Der Materiallift entpuppte sich als eine anderthalb auf zwei Meter große Holzkiste. Die Wände waren etwa 60 Zentimeter hoch. Schnell hatten sie ihr Gepäck darin verstaut. Als er sah, wie sich der Lift unter wildem Schaukeln und Ruckeln in Bewegung setzte, war Steinböck froh, seine Überlegung, sich trotz des Verbotsschildes für Personen dazuzusetzen, verworfen zu haben. Zumindest war es ein sonniger Herbsttag und auch der geteerte Weg zur Hütte schien den Aufstieg erträglich zu machen. Die Sonne blieb, aber der Weg ging bereits nach der nächsten Kurve in einen steinigen Pfad über. Eigentlich musste er nur dem Gestank von Obstlers Zigarre folgen, der ihm und Bärbel mit einem unmenschlichen Tempo voraneilte. Wenn man bedachte, dass Obstler seit seinem zehnten Lebensjahr nur noch ein Auge hatte, glich sein Aufstieg nach Steinböcks Ansicht eher einem Himmelfahrtskommando. Bärbel Kleine-Macke merkte schnell, dass das mit den Bergen nicht so Steinböcks Sache war, und so blieb sie bei ihm, um ihn mit leichter Konversation bei Laune zu halten. Die Katze sprang wie ein Geißbock mal einige Meter nach vorn und kam dann wieder zurück.

»Komm, alter Mann, das ist wie Treppensteigen, nur die Luft ist schlechter. Wenn du dich etwas beeilst, könnten wir Obstler samt seiner widerlichen Zigarren in die nächste Felsspalte schubsen.«

Der Weg wurde steiler, die Sonne knallte auf Steinböcks Kopf und selbst der Mief von Obstlers Stumpen war nicht mehr wahrzunehmen. Hoch oben am Berg konnte man bereits den Gasthof erkennen. Die Katze verkniff sich weitere Sticheleien, was wohl daran lag, dass sie sich Sorgen um seinen Gesundheitszustand machte. Schließlich erreichten sie eine Bank neben einem kleinen Quellbrunnen, an der Obstler bereits auf die beiden wartete. In einem ausgehöhlten Baumstamm kräuselte sich das glasklare Wasser. Nachdem Bärbel ein paar Schlucke aus der hohlen Hand getrunken hatte, kniete Steinböck sich hin, tauchte kurz den Kopf unter Wasser und trank dann in vollen Zügen aus dem Brunnen.

»Besser als a Weißbier«, stellte Obstler fest.

»Im Moment scho«, erwiderte der Kommissar gequält. »Sag mal, Peter, wie machst du des? Du ziagst mit deiner Zigarren mehr Dreck in deine Lungen, als ein Diesel-­Lkw Abgase ausstößt, aber du hupfst den Berg ’nauf wie a 15-Jähriger, der’s erste Mal Fensterln darf.«

»Jahrelanges Training«, sagte Obstler verschmitzt. »Aber wenn ich dich so anschau, ist dein ›Schwarzer Krauser‹ wohl auch nicht gerade das Gesündeste.«

Steinböck überlegte kurz, wie es wäre, wenn er sich jetzt eine Zigarette drehen würde, doch das Rasseln seiner Lunge und der hämische Blick von Frau Merkel hielten ihn davon ab.

Eine halbe Stunde später erreichten sie endlich den Berggasthof. Der Blick war wirklich atemberaubend und als Steinböck nach unten sah und feststellte, wie oft der Weg gefährlich nahe am Abgrund vorbeiführte, schwor er sich, den Berg nur mithilfe der Seilbahn zu verlassen. Der Materiallift war schon wieder auf dem Weg nach unten und Steinböck entdeckte ihr Gepäck neben der Eingangstür.

»Sag mal, spinn ich oder steht da tatsächlich ein Hubschrauber?«, fragte Obstler und deutete auf einen kleinen Hügel neben dem Gasthof.

»Wenn ich dem Böhmermann sein Auto nicht auf dem Parkplatz gesehen hätte, wär mir klar, wem der gehört, aber jetzt bin ich ehrlich gespannt«, antwortete Steinböck.

»Das muss ja keiner von uns sein«, gab Kleine-Macke zu bedenken.

»Soviel ich weiß, sollen keine anderen Gäste außer unserer Klasse an diesem Wochenende hier sein«, bemerkte Obstler.

»Lassen wir uns überraschen, vielleicht hat ja der Vito mit seiner Pizza so gut verdient«, lachte der Kommissar.

Leises Stimmengewirr drang an ihr Ohr.

»Das muss von der Südseite kommen, da ist vermutlich die Sonnenterrasse. Ich kann des Weißbier schon riechen. Los, lass uns das Gepäck aufs Zimmer bringen. In einer Stunde verschwindet die Sonne hinter dem Berg und dann wird’s kühl«, forderte Obstler Steinböck auf. Sie betraten den Eingangsbereich. Zu Steinböcks Überraschung war dieser ausgesprochen hell. Die Wände waren weiß und durch ein Dachfenster drang Sonnenlicht, das sich auf dem großen Spiegel hinter dem Empfangspult reflektierte und den ganzen Raum ausleuchtete. Bärbel Kleine-Macke schlug mit der flachen Hand auf die altmodische Tischklingel und rief gut gelaunt: »Kundschaft, ist jemand da?«

»Komm gleich«, tönte es aus der geöffneten Tür neben dem Spiegel zurück. Hanni Kümmelkorn hatte ihre langen, ehemals blonden Haare grün-rot gefärbt und raffiniert hochgesteckt. Sie trug, wie sollte man es nach Steinböcks Meinung von einer Hüttenwirtin auch anders erwarten, ein indisches Paillettenkleid aus den späten 60er-Jahren.

»Servus Hanni«, rief Peter Obstler überrascht. »Fesch schaust aus, aber eine Hüttenwirtin hätt ich eigentlich im Dirndl erwartet.«

»Grüß Gott, miteinander, ihr seid die Letzten und ich hab nur noch ein Einzel- und ein Doppelzimmer mit separaten Betten«, begrüßte Kümmelkorn ihre Gäste und deutete dabei mit dem Kopf auf die Treppe. »Wenn du nix mit einem der beiden Mannsbilder hast, geb ich dir des Einzelzimmer«, sagte sie grantig und reichte ihnen zwei Schlüssel.

»So kennen wir unsere Hanni, immer ein nettes Wort auf den Lippen. Freu mich auch, dich wieder zu sehen«, gab Peter Obstler betont fröhlich zur Antwort. Hanni Kümmelkorn ignorierte den ehemaligen Mitschüler demonstrativ.

»Servus Steinböck, servus Babsi, schön, dass ihr da seid. Die andern sitzen draußen auf der Terrasse und haben Durst. Wenns ihr auch noch was wollt, müssts euch beeilen. Bald ist die Sonne weg und dann wird’s draußen kühl. Um 18 Uhr treffen wir uns alle im Speisesaal zum Abendessen. Ich sag’s euch gleich, ich hab nur eine Küchenhilfe da. Also gibt’s heut Abend außer an Leberkäs nichts Warmes«, erklärte sie mit einem gequälten Lächeln und verschwand durch die Tür.

Die drei warfen sich einen vielsagenden Blick zu und gingen die Treppe hinauf.

»Ganz schön glasiges Gschau, was unsere Hanni da hat«, stellte Obstler fest.

»Von den Gebirgskräutern kommt des aber nicht«, lachte Steinböck. »Aber was soll’s. Wir sind im Urlaub.«

Die Zimmer waren nicht besonders geräumig, aber zumindest hatte jedes eine Toilette mit Waschbecken. An der Toilettentür hing ein eingeschweißter Zettel, der darauf hinwies, dass Duschen nur im Saunabereich des Anbaus möglich sei.

»Na, Prost Mahlzeit«, schimpfte Obstler und schwang seine Tasche auf eines der Betten. »Die Dinger sind doch höchstens 1,80 Meter lang.«

»Na, dann lasst halt die Füß raushängen«, flachste Steinböck und schwang seinerseits den kleinen Koffer aufs Bett. »Wo ist eigentlich die Katz?«, fragte er und blickte sich suchend um.

»Grad vorhin auf der Treppe hab ich sie gesehen«, meinte Obstler und testete dabei die Matratze, indem er mit beiden Händen ein paar Mal nach unten drückte.

In diesem Moment klopfte es an der geöffneten Tür und Bärbel Kleine-Macke guckte vorsichtig in den Raum. »Ich bring euch die Katz, die wollt sich’s doch tatsächlich in meinem Bett bequem machen.«

»Ja, ja, die Saukatz. Danke schön, Bärbel, ich hab schon gedacht, ich müsst allein schlafen«, sagte Steinböck sarkastisch.

»Die schläft doch ned etwa bei dir im Bett?«, wollte sie wissen und rümpfte dabei die Nase.

»Nur am Fußende, du weißt doch, Katzen sind besonders reinlich.«

»Na, dank schön, des wär nichts für mich. So a Viech gehört in den Garten oder in ein Körbchen. Ich geh jetzt runter zu den anderen. Kommts ihr mit?«

»Das Viech kannst du dir schenken und dein Körbchen auch.«

»Ich bin dabei. Was ist mit dir, Steinböck?«

»Ich glaub, ich hau mich a bisserl aufs Ohr. Den Bruchmayer seh ich früh genug.«

»Ich denke, das Wochenende wird ein Riesenspaß«, bemerkte Frau Merkel und inspizierte das Zimmer.

Steinböck würdigte sie keines Blickes, holte eine Wolldecke aus dem Schrank, breitete sie auf dem Bett aus und ließ sich darauf nieder.

Die Katze sprang auf seine Brust und sah ihn hämisch an. »Na, alter Mann, möchtest du mich immer noch ignorieren? Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass dieses Klassentreffen ohne mich stattfindet.«

Für einen Moment überlegte er zu antworten, aber dann schob er nur die Katze von seiner Brust und schloss demonstrativ die Augen. Der Aufstieg zur Hütte hatte Steinböck doch mehr mitgenommen als erwartet und so fiel er augenblicklich in einen unruhigen Halbschlaf, jedoch tief genug, um in eine gewohnte Traumphase einzutauchen.

Erst kraxelte er auf allen vieren den Berg hinauf, hinter sich eine riesige Frau Merkel, auf deren Rücken Bärbel Kleine-Macke und Peter Obstler saßen und den Kommissar wild gestikulierend anfeuerten. Anschließend sah er sich, alleine wie ein Freeclimber in einer Steilwand, mit angstverzerrtem Gesicht in einer Steilwand hängen. Beunruhigend war, dass er sich selbst von einem nahen Felsvorsprung beobachtete, was ihn sofort an jene obskuren Geschichten erinnerte, in denen der Notarzt zum fünften Mal vergeblich die Elektroden anlegt, während der soeben Verstorbene selig grinsend über dem eigenen Körper schwebt und abwechselnd auf die weinende Geliebte, die zwischen den Stromschlägen seine Hand umklammert, und das gleißende Himmelstor blickt, aus dem ihm Bully Herbig, als Tod verkleidet, mitleidig lächelnd zuwinkt. Da klebte er nun an der Felswand, 100 Meter senkrecht nach oben und nach unten mindestens ebenso viel. Oh, wie er die Berge hasste. Am Fuße der Steilwand konnte er jetzt Obstler und Kleine-Macke erkennen, die eine Wolldecke als Sprungtuch hielten und gebannt zu ihm hochsahen. Ängstlich drückte er sich an den kühlen Stein. Auch der schmale Felssims zu seiner Rechten war kein Ausweg, denn von dort kletterte die Katze ähnlich einer Gämse mit boshaftem Blick auf ihn zu. Jetzt wusste Steinböck, dass es an der Zeit war aufzuwachen. Er schlug die Augen auf und sah sich Frau Merkel gegenüber, die wieder auf seiner Brust saß.

»Das wäre fast in die Hose gegangen. Und das, obwohl du völlig nüchtern bist. Stell dir vor, ich hätte mich nicht ins Auto geschmuggelt. Gar nicht abzusehen, was hätte passieren können.«

»Verschwinde von meiner Brust und halte dich gefälligst aus meinen Träumen raus!«, zischte Steinböck und schubste sie unsanft zu Boden. Er erhob sich, blickte auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass bis zum Abendessen noch eine Stunde Zeit blieb. Er wusch sich das Gesicht, zog ein frisches Hemd an und beschloss, schon mal nach unten zu gehen.

*

Zum wiederholten Mal erwachte der Mann. Diese Mischung aus Ohnmacht und Schlaf hatte ihn bisher am Leben gehalten. Es war dunkel, er fror und erst jetzt begann sein Leben, vor seinem inneren Auge noch einmal vorbeizuziehen. Die See war vollkommen glatt und vielleicht war es auch dieser bombastische Nachthimmel, der ihm seine eigene Endlichkeit vor Augen führte. All das Glitzern und Funkeln. Er hatte davon gehört, dass man weit draußen auf dem Meer den besten Blick auf die Sterne hatte. Kein Smog, kein Rauch, kein Dunst. Der junge Mann dachte an die Frau, mit der er die letzte Nacht verbracht hatte. Jahrelang schien sie für ihn unerreichbar und jetzt, als es endlich geklappt hatte, war er dabei, den Löffel abzugeben. Noch einmal blickte er in die unendlichen Weiten über ihm, dann schloss er die Augen und konzentrierte sich auf den Schlag seines Herzens. Dabumm, dabumm. Der Rhythmus wurde schneller und Helligkeit drang durch seinen Lider. Er riss die Augen auf und da war er, der so oft beschriebene Tunnel. Das Licht kam auf ihn zu, er hörte Stimmen, die nach ihm riefen, und dann sank er ein in die ewige Dunkelheit.

*

Während sich Steinböck seinen wilden Träumen hingab, suchten Obstler und Kleine-Macke die Terrasse auf, die zum Tal hin von einer brusthohen Mauer und einer Reihe Stacheldraht auf dem Sims abgesichert war. Hinter der Mauer ging es 60 Meter steil nach unten.

Sie wurden mit großem Hallo empfangen. Deniz Izmir, Entwicklungsingenieur bei BMW, Klaus Peter Waldmeister, von dem Obstler zu wissen glaubte, dass er Grundschullehrer war, und Florian Pfeiffer, Finanzbeamter aus Weilheim, saßen gemeinsam an einem der Biertische und winkten ihnen zu. Bruchmayer hockte allein an einem Tisch und studierte sein Smartphone.

»Wir brauchen einen vierten Mann zum Schafkopfen«, rief Izmir. »Wie schaut’s aus, Bärbel, du warst doch scho immer a Hai.«

»Gern«, antwortete sie. »Ich hoff, ihr habt genug Geld dabei. Ich bin alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Da kommt jeder Euro recht.«

»Immer noch die gleiche freche Gosch«, sagte Florian Pfeiffer, erhob sich und versuchte, sie lachend in den Arm zu nehmen, aus dem sich die Bärbel jedoch geschickt herausdrehte. Pfeiffer, 1,80 Meter groß und spindeldürr, trug ein kariertes Hemd, verwaschene Jeans, Cowboystiefel und einen Basecap, auf dem »Sheriff« stand. Sein langes weißes Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Alles hätte man ihm zugetraut, aber nicht, dass er ein hohes Tier beim Finanzamt war.

Inzwischen standen alle und begrüßten sich gegenseitig. Aus dem Schafkopfen wurde dann doch nichts. Es war allgemein bekannt, dass Izmir nach dem Studium eine Stelle bei BMW angenommen hatte und Florian Pfeiffer beim Finanzamt gelandet war. Aber dass Waldmeister nicht mehr als Grundschullehrer arbeitete, sondern mittlerweile als Biobauer in der Uckermark sein Geld verdiente, war eine Sensation. Da wurde dann auch nicht nachgefragt, wie Obstler nach seinem abgebrochenen Philosophiestudium in München über die Runden kam.

»Mensch, Klaus Peter, wie kommst du dazu, Biobauer zu werden? Du hast doch früher schon mehr Zeit bei McDonald’s als in der Schule verbracht. Und deine erste Kuh hast du im Streichelzoo gesehen, als wir in der zehnten Klasse unseren Wandertag in den Tierpark Hellabrunn gemacht haben«, stichelte Obstler.

»98 hab ich meine Frau kennengelernt. Ihre Großeltern hatten einen Bauernhof in Casekow. Sie sind damals nach dem Mauerbau, über die grüne Grenze, in den Westen geflohen. Nach einer Ewigkeit haben wir schließlich den Hof zurückbekommen. Also entschlossen wir uns, dort hinzuziehen. Wir haben von Anfang an auf Bio gesetzt. Ich habe dann noch ein paar Jahre als Lehrer gearbeitet, aber ich sag euch, das Geschäft brummt. Wir haben viel zu wenig Land. Dort oben sind nach der Wende aus den LPGs lauter landwirtschaftliche Großbetriebe entstanden. Da hast du keine Chance, an zusätzliche Felder zu kommen.«

»Was sind denn LPGs?«, fragte Pfeiffer neugierig.

»Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, aber was ist mit dir? Bist du immer noch bei der Steuerfahndung?«

Pfeiffer nickte.

»Bist bestimmt schon ein ganz hohes Viech da?«, fragte Deniz Izmir.

Der Finanzbeamte lachte.

»Klar! Und krisensicher ist es auch. Steuersünder gibt’s mehr als genug und jeden Tag kommen neue dazu.«

»Hast du schon mal gegen einen von uns ermittelt?«, fragte Deniz neugierig weiter.

»Des wird er dir bestimmt auf die Nasen binden«, lachte Bärbel Kleine-Macke höhnisch. »Wenn’s so weit ist, dann steht er am frühen Morgen bei dir im Büro und nimmt deinen Computer mit. Stimmt’s, Pfeiffer?«

»Du kennst dich ja gut aus«, antwortete er argwöhnisch.

»Alles aus dem Fernsehen. Wenn du drei Kinder allein großziehst, dann hast du abends genug Zeit für die Glotze«, meinte sie etwas gequält.

*

Steinböck traf auf seinem Weg nach unten außer Hanni Kümmelkorn niemanden an. Die Wirtin richtete gerade einen langen Tisch fürs Abendessen her und musterte den Kommissar kurz, als er sich in einen der Sessel in der Leseecke fallen ließ. Frau Merkel, die ihm gefolgt war, sprang auf seinen Schoß und rollte sich zusammen.

»Normalerweise sind hier Katzen nicht erlaubt«, murmelte Hanni und legte weiter das Besteck auf. »Der Ignatz, ein Angestellter von mir, der hat eine französische Bulldogge. Ich glaub, die mag keine Katzen.«

»Gut, dass der Hund nicht da ist«, antwortete Steinböck.

»Ja, gut für die Katz.«

»Ich glaub, eher gut für den Hund. Sag mal, wie viele aus unserer alten Klasse kommen denn jetzt wirklich?«, wechselte der Kommissar das Thema.

»Ich soll für zwölf eindecken«, sagte sie verschwörerisch.

»Wieso? Wir sind doch nur noch elf?«, fragte er neugierig.

»Ich denke, ich werde diesmal am Tisch sitzen«, tönte Frau Merkel.

»Geh, halt dei Gosch«, zischte Steinböck.

»Die Katze spricht mit dir?«

»So ein Schmarren, wie kommst jetzt da drauf.«

»Ich hab was gehört«, flüsterte sie mit weit aufgerissenen Augen und kam langsam näher. »Bestimmt war ich zu weit weg.« Sie kniete sich vor den Kommissar und näherte sich mit ihrem Gesicht Frau Merkel bis auf wenige Zentimeter. »Du bist einer der Außerirdischen, der die Gestalt einer Katze angenommen hat, um uns Menschen zu kontrollieren.«

»Die Frau ist völlig bescheuert. Sie ist bestimmt die große Schwester von Kleine-Macke.«

»Das hab ich gehört«, flüsterte Hanni andächtig und versuchte, die Katze zu streicheln. Das hätte sie dann doch besser bleiben lassen.

Frau Merkel hob die Pfote und langte kurz zu. Sehr zurückhaltend, wie sie selbst meinte, aber es reichte für eine blutige Schramme auf Kümmelkorns Nase.

»Geh, Hanni, was machst denn? Die Katz mag keine Fremden, und erst recht keine Außerirdischen«, erklärte Steinböck beiläufig, um den Vorfall herunterzuspielen.

Hanni war zum Tisch zurückgegangen und verteilte das restliche Besteck. »Ich hab’s gehört«, murmelte sie vor sich hin. Dann verschwand sie in der Küche.

»Hat sie dich wirklich gehört?«

»Könnte durchaus sein. So ein wirres Gehirn ist mir noch nie begegnet. Würde mich interessieren, wo sie in dieser Höhe ihr Marihuana anbaut.«

»Bestimmt nicht hier heroben. Lass der Hanni ihren Stoff. Scheinbar kommt sie damit ganz gut zurecht und a bisserl g’spinnert war sie schon immer. Trotzdem halt dich von ihr fern, wenn du irgendetwas sagst.«

»Da schau her, der Steinböck, und wieder mal redet er mit seiner Katz.«

»Servus Bruchmayer, welch Glanz in dieser Hütte. Der Stolz der bayerischen Landespolitik höchstpersönlich«, antwortete Steinböck dem soeben Eingetretenen.

Hinter Bruchmayer kam Vito di Pesto ins Zimmer. Der kleine Italiener war, seitdem ihn Steinböck kannte, der Eitelste in der Klasse gewesen und so wunderte es den Kommissar nicht, dass er selbst hier drinnen mit seiner sündhaft teuren Outdoor-Jacke herumstolzierte. »Der Steinböck, schön, dass du da bist. Ich seh schon, ihr zwei seids immer noch ziemlich beste Freunde.«

»Geh schau, der Vito, der einzige Pate, der sei Pizza noch selber backt«, gab der Kommissar verschmitzt zurück, stand auf und umarmte den kleinen Italiener, der ihm gerade mal bis ans Kinn reichte.

»Soll des heißen, du ermittelst gegen mich?«, fragte der lachend.

»Solange ich keine Leiche in deinem Pizzaofen find, hast von mir nichts zu befürchten. Sag mal, bist du mit dem Hubschrauber da?«

»Des ist der von meiner Frau. Der große ist in der Inspektion«, konterte Vito spitzbübisch. »Na, ganz im Ernst, bisher weiß keiner außer der Hanni, wem der gehört. Und die hat g’sagt, wir werden das heut Abend schon noch erfahren.«

Das Gespräch verlief mit dem üblichen Geplänkel und kleinen Spitzen, die beide abgaben, während Bruchmayer sich leicht beleidigt zu Hanni in die Küche verzog.

*

Angelika von der Birken und Martin Böhmermann saßen nicht weit vom Berggasthof entfernt auf dem Felsen einer kleinen Anhöhe und beobachteten die Neuankömmlinge.

»So, ich glaube, jetzt sind alle da«, stellte Böhmermann fest und wischte sich ein paar Erdkrümel von der Hose.

»Bis auf den Elias.«

»Geht auch schlecht, der ist schließlich tot.«

»Ich weiß, aber er fehlt halt«, sagte Angelika von der Birken und blickte traurig auf den Gasthof.