Grantlkatz - Kaspar Panizza - E-Book + Hörbuch

Grantlkatz Hörbuch

Kaspar Panizza

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Beschreibung

»Es war der Söder mit seinen spitzen Ohren, und er war ganz grün im Gesicht.« So hat Kommissar Steinböck seinen Freund Horsti Schmalzl noch nie erlebt. Im Arm eine junge Frau mit durchgeschnittener Kehle, in der Hand die Tatwaffe. Und dass im Blut des Polizeipsychologen ein Drogencocktail nachgewiesen wird, erleichtert den Fall in keinster Weise. Selbst Steinböcks Katze Frau Merkel, zum Babysitter für Horstis Dackel verdonnert, wird dieses Mal aufs Äußerste gefordert.

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Zeit:5 Std. 48 min

Sprecher:Thomas Birnstiel




Kaspar Panizza

Grantlkatz

Frau Merkel und der Killerdackel

Zum Buch

Blutrünstig Der brutale Mord an einem dubiosen Bauunternehmer aus Münchens Schickeria erfordert gerade vollen Einsatz von Kommissar Steinböck und seinem Team. Da wird sein Freund, der Polizeipsychologe Horsti Schmalzl, blutüberströmt in seiner Praxis aufgefunden. In seinem Arm eine junge Frau mit durchschnittener Kehle und in seiner Hand die Tatwaffe. Schmalzl beteuert, den grünen Söder als Täter erkannt zu haben. Doch wie sich herausstellt, hat Horsti einen gewaltigen Drogencocktail intus. Das macht es für den Kommissar nicht einfacher, nach dem wahren Täter zu forschen. Oder spielt der Psychologe nur ein besonders perfides Spiel, um sich an der Frau zu rächen, die ihn schamlos betrogen hat? Zu allem Unglück müssen sich Steinböck und Kollege Mayer junior jeden Abend mit einer Horde Fans auseinandersetzen, die vor ihrer Haustür auf die junge Beauty-Influencerin aus dem zweiten Stock lauern. Neben Steinböck wird auch die Katze Frau Merkel aufs Äußerste gefordert, zumal Steinböck sie zum Babysitter für Horstis Killerdackel verdonnert …

Kaspar Panizza wurde 1953 in München geboren. Den Autor, der aus einer Künstlerfamilie stammt, prägten Arbeiten seines Vaters, eines bekannten Kunstmalers, sowie die Bücher seines Urgroßonkels Oskar Panizza. Nach dem Pädagogik-Studium machte Panizza eine Ausbildung zum Fischwirt, erst später entdeckte er seine Liebe zur Keramik. Nach abgeschlossener Ausbildung mit Meisterprüfung arbeitete er zunächst als Geschirr-Keramiker und später als Keramik-Künstler im Allgäu. 2004 übersiedelte er nach Mallorca, wo er eine Galerie mit Werkstatt betrieb und zu schreiben begann. Seit 2009 lebt Kaspar Panizza in Ribnitz-Damgarten an der Ostsee, wo er zusammen mit seiner Ehefrau bis 2018 ein Keramik-Atelier führte. Seither widmet er sich ganz dem Schreiben.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

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Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2020

Lektorat: Christine Braun

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Melinda Nagy / shutterstock.com

und © violetblue / shutterstock.com

ISBN 978-3-8392-6654-0

Widmung

Dieses Buch widme ich all den jungen Leuten,

die für unser Klima, die Freiheit und

eine gerechte Zukunft kämpfen.

Die es satthaben, sich weiterhin mit leeren Versprechungen von Politikern abspeisen zu lassen.

Wenn selbst Kabarettisten versuchen, euch mit dummen Sprüchen lächerlich zu machen, zeigt,

wie unsicher sie sind.

Ihr ahnt nicht, wie sehr sie euch fürchten,

denn ihr habt sie bloßgestellt.

Werdet nicht leiser. Hört nicht auf mit eurer Kritik,

denn es ist eure Welt und eure Zukunft.

Stammprotagonisten in nahezu jedem Band:

Auf Wunsch vieler Leser/innen gibt es ab jetzt ein Personenregister.

Steinböck: sehr eigenwilliger Hauptkommissar; Leiter des Ermittlungsteams

Frau Merkel: die Katze, die Steinböck mit ihren nervigen Kommentaren auf Trab hält

Emil Mayer junior: Kommissar; mittelmäßig pigmentierter Afro-Bayer und Rollstuhlfahrer

Ilona Hasleitner: Kommissarsanwärterin; Recherche-Genie und Herrin der Butterbrezen

Dr. Thomas Klessel: Leiter der Gerichtsmedizin; zelebriert gerne den Inhalt seines silbernen Flachmanns

Dr. Horst Schmalzl: Psychotherapeut und Gerichtsgutachter, der von Frau Merkels Genialität überzeugt ist (Katze!!)

Nepomuk Sanghäusel: Staatsanwalt

Peter Obstler: Informant; Steinböcks Freund und direkter Draht zur Münchner Unterwelt

Ferdel Bruchmayer: besonders schleimiger Staatssekretär und Steinböcks Intimfeind

Sabine Husup: nervige und neugierige Lokalreporterin

Paul Mögele: Polizeirat und Leiter der Mordkommission

Staller: Kommissar bei der SpuSi; Intimfeind der Katze

Schneehofer: Kommissar; Pforte und Information

Tamara: Kantinenchefin und heimliche Herrscherin des Kommissariats

Der Berliner: Besitzer eines Imbisswagens vor dem Revier

Götz und Amely: Steinböcks Vermieter von Domenik

Wichtige Personen in diesem Band:

Harti Kleverlä: alias Sokrates; Isarphilosoph

Silke Maucher: Chefin einer großen Münchner Baufirma

Roberto Maucher: ihr zwielichtiger Ehemann

Jan-Ulrik Krabbendeeler: noch eine zwielichtige Person

Frau Mooslechner: bedauernswertes Opfer

Phan Lan Huong: vietnamesische IT-Spezialistin und illegale Reinigungskraft im Dezernat

der Jordenov-Clan

sowie weitere undurchsichtige Personen

und natürlich der Dackel ohne Namen

Prolog

Der Mann hatte den Kragen seines Kurzmantels hochgeschlagen und versuchte dadurch dem Nieselregen zu entgehen. Er fröstelte. Für dieses typische Aprilwetter war er zu leicht angezogen, aber er hatte nur einen kurzen Weg bis zur U-Bahn vor sich. Hier unter den hohen Bäumen im Nußbaumpark hoffte er, dem Regen zu entgehen. Ein Trugschluss, denn durch den einsetzenden Wind tropfte jetzt auch noch das Regenwasser von den jungen Blättern. Beinahe wäre er über die Beine der Person gestolpert, die im Schatten eines Baumes auf einer Parkbank kauerte. Sie trug einen Regenumhang mit Kapuze. Gerade als er ihren Beinen ausweichen wollte, sprang sie auf und riss den Mann zu sich auf die Bank. Er versuchte sich zu wehren, spürte aber gleichzeitig einen stechenden Schmerz am Hals, der ihn erstarren ließ.

»Ganz ruhig«, zischte eine Stimme neben seinem Ohr. »Du möchtest doch nicht, dass ich dir die Kehle durchschneide.«

Der Mann hatte sich wieder etwas gefangen und versuchte aus der Opferrolle rauszukommen. »Das tust du ja doch nicht.« In diesem Moment spürte er, wie das Messer tiefer in seinen Hals eindrang, und ihm wurde schlagartig klar, dass sein Gegenüber es ernst meinte. Panik kam in ihm auf. »Was willst du?«, krächzte er.

»Deine Brieftasche, deine Uhr, deine Geldbörse und dein Handy. Aber schnell.«

Hastig wühlte er in seinen Taschen und reichte alles der Person im Regencape. Sein Hemd war bereits nass. Nass und warm. Viel zu warm für den Regen; es musste sein Blut sein. Von der Stelle an seinem Hals, an der ihn das Messer verletzt hatte. Die Halsschlagader konnte nicht getroffen sein, da war er sich sicher. Er spürte, wie die Person das Messer von seinem Hals nahm. Der Überfallene drückte die linke Hand auf die Wunde und sah zu, wie sein Gegenüber die Brieftasche nach Bargeld durchsuchte. Die Beute war spärlich – etwa 160 Euro, dafür hatte die Uhr einen Wert von mindestens 2.000 Euro. Ausweispapiere und Visitenkarten fielen zu Boden oder auf die Bank. Erst jetzt bemerkte er, dass die Person unter dem Cape eine Skimaske trug.

»Du hattest Glück«, zischte sie, hob die goldene Uhr hoch und stand auf.

»Warte«, röchelte der Mann und wusste in diesem Moment, dass seine Luftröhre verletzt war.

Die Person im Regencape nahm eine drohende Haltung ein und hob erneut das Messer.

»Hier, meine Karte«, sagte der Verletzte und streckte dem Maskierten eine Visitenkarte hin, die er aus der Brusttasche seines Sakkos zog. »Ruf mich an.«

Der Fremde entspannte sich. Er griff nach der Karte, steckte das Messer ein und drehte sich um. Der Mann auf der Bank war sich sicher, dass er kicherte, als er geräuschlos zwischen den Büschen verschwand.

Freitag

Skeptisch beobachtete Kommissar Steinböck die beiden Männer aus dem Elektrogeschäft, wie sie den riesigen Karton im Wohnzimmer auf den Boden stellten. Ob er sich da nicht übernommen hatte, dachte er. Er wollte doch nur einen etwas größeren Bildschirm, und die Katze einen Fernseher mit Internetzugang.

Nachdem die Männer das Teil endlich ausgepackt hatten, relativierte sich die Größe wieder. Der Kommissar setzte sich beruhigt aufs Sofa und tat so, als überwache er den Aufbau. Die beiden waren ausgesprochene Profis. Der Größere trug einen roten Overall mit seltsamen chinesischen Schriftzeichen und erinnerte Steinböck an einen Ferrari-Mechaniker. Inzwischen installierte der Kleinere den WLAN-Schlüssel. Er hatte eine dieser schauerlichen Undercut-Frisuren, die man hauptsächlich bei Profifußballern bewundern konnte, welche nebenbei als Litfaßsäulen herumliefen. Er dachte an den seltsamen Vertreter dieser Zunft, der vor Kurzem mit einem vergoldeten Lamborghini von sich reden machte, und kam zu dem Fazit, dass ihm das alles eigentlich am Arsch vorbeigehen sollte.

Als der Kleinere den WLAN-Schlüssel installiert hatte, wandte er sich dem Kommissar zu: »So, ich geb Ihnen jetzt noch a kurze Einweisung, damit Sie wissen, wie Sie die Kiste bedienen müssen und wie Sie ins Internet kommen.«

Das war jedoch gar nicht nach Steinböcks Geschmack. Er und Technik. Kurze Einweisung! Er spürte, wie ihm ein paar Schweißtropfen auf die Stirn traten.

»Ganz ruhig, Großer«, sagte die Katze und sprang aufs Sofa. »Ich kümmere mich darum. Lass den jungen Mann mit seinem extravaganten Haarschnitt mal machen. Schon witzig, dass jede Mode irgendwann wiederkommt.«

»Diesen braunen Frisuren-Trend hätten wir gerne überspringen können«, murmelte Steinböck zur Katze und sagte laut zum Techniker: »Okay, leg los. Wir sind ganz Ohr.«

Der Mann im Overall musterte das ungleiche Paar auf dem Sofa misstrauisch, dann zuckte er mit den Schultern und begann damit, das Gerät und dessen Funktionen zu erklären. Ausführlich und langsam. Steinböck war froh darüber, obwohl er wusste, dass Frau Merkel auch die schnelle Version verstanden hätte.

Montag

Wie üblich war Ilona Hasleitner die Einzige im Kommissariat, die auch in der Nacht zu Hause zu erreichen war. Oder konnte es sein, dass die Kollegen von der Bereitschaft nur noch bei ihr anriefen? Wie auch immer – sie war wieder mal diejenige, die alleine um 2 Uhr nachts zum Tatort in den Münchner Hofgarten fuhr. Steinböck erreichte sie nicht, vermutlich war der Akku seines Handys leer, ein Dauerzustand bei ihm, und ihr Kollege Emil Mayer trat seinen Dienst erst ab Montag wieder an.

Ilona Hasleitner, Ende 20, stand kurz davor, ihre Ausbildung zum Kommissar abzuschließen. Seit drei Jahren bildete sie zusammen mit Emil Mayer und Hauptkommissar Steinböck ein Team. Emil Mayer junior, mittelstark pigmentierter Afro-Bayer, Rollstuhlfahrer und 60er-Fan, so stellte er sich seit Neuestem vor, hatte die letzten sechs Wochen in der Reha verbracht. Als er nach einem Sturz plötzlich Schmerzen in seinen gelähmten Beinen hatte, hofften alle, dass er seinen Rollstuhl bald verlassen könnte. Leider war diese Hoffnung verfrüht. Trotz einer spürbaren Besserung seiner Lähmung, würde er noch geraume Zeit im Rolli sitzen müssen.

Meistens war sie als Erste der dreien am Schauplatz des Verbrechens. Das lag vor allem daran, dass Emil oft Probleme hatte, mit seinem Rolli den Tatort aufzusuchen, und Steinböck im ewigen Clinch mit seinem Smartphone lag, zugleich aber Festnetztelefone als antiquiert betrachtete.

Kurz bevor Ilona Hasleitner am Tatort eintraf, entschied sie sich doch dazu, Emil anzurufen. Es wäre nicht gut für ihre Abteilung, wenn sie, die ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen hatte, als Einzige der Mordkommission am Tatort erschien. Zumindest war es eine laue Nacht. Als sie den Hofgarten erreichte, erkannte sie den mit Scheinwerfern erleuchteten Tatort schon von Weitem. Die Kollegen von der SpuSi waren vor ihr angekommen, und soeben verließ ein Rettungswagen mit Blaulicht den Platz.

»Servus, Hasleitner«, sagte der uniformierte Kollege, mit dem sie vor drei Jahren noch Streife gegangen war. »Hast jetzt den Laden übernommen, weil du mal wieder allein kommst?«, fragte er hämisch.

»Naa, naa«, lachte sie, »die andern sind auch gleich da.« Sie hoffte inbrünstig, dass Emil seinen Anrufbeantworter abhörte. »Also Simmerl, was ham wir denn?«

»Raubüberfall. Ein Toter und eine Schwerverletzte.«

»Die hat der Sanka grad weggefahren, oder?«

»Genau. Komm mit, der Mann liegt dahinten.«

Hasleitner hob die Aludecke hoch, mit der der Leichnam abgedeckt war. Sie pfiff überrascht durch die Lippen. Ein Mann im dunklen Anzug, weißem Hemd und Fliege lag vor ihr in einer riesigen Blutlache. Unterhalb der Brust waren zwei Einstiche zu erkennen. Sie erkannte sofort, dass es keine Einschüsse waren.

In diesem Moment kam Thomas Klessel, der Gerichtsmediziner, dazu, stellte seine Tasche ab und legte zwei Finger an den Hals des Toten. Dann sprach er kurz in sein altmodisches Aufnahmegerät und wandte sich schließlich an Hasleitner. »Und, Ilona, wo ist er?«

»Er kommt gleich.«

»Da bin ich gespannt.«

»Ist die SpuSi mit ihm fertig?«, schrie er laut.

»Ja, der g’hört jetzt dir«, schallte es irgendwo aus dem Dunkeln zurück.

»Ich befrag die Kollegen von der Streife, ob die schon was erfahren haben«, sagte Ilona mit fester Stimme und zog sich zurück. Unauffällig schaute sie auf ihr Smartphone, ob eine Nachricht von Emil da war.

»Scheiße«, murmelte sie. »Warum geht von denen keiner ans Telefon?«

»Koa Angst, Ilona, du schaffst des. Schließlich bist du mein bester Mann beziehungsweise meine beste Frau in unserem Team«, hörte sie plötzlich Steinböcks vertraute Stimme hinter sich.

»Koa Kunst, ich bin ja auch die einzige«, zischte sie grimmig. Dann lächelte sie und erwiderte sichtbar erleichtert: »Bin ich froh, dass du da bist. Die ham sich schon wieder über uns lustig g’macht.«

»Ist wohl an der Zeit, dass ich mal wieder laut werd. Horch du dich bei den Uniformtrachtlern um, und wenn dir einer blöd kommt, scheiß ihn zamma. Schließlich bist du in a paar Wochen fertig und dann a richtiger Kriminaler.«

»Dei Wort in Gottes Ohr«, raunte Hasleitner und wär beinahe über Frau Merkel gefallen, die zwischen ihren und den Füßen des Kommissars herumschlich.

»Mensch, Katz, pass auf, wo du hindappst«, sagte Steinböck und nahm sie auf seinen Arm. »Komm, lass uns schauen, was unser Schönheitschirurg für Verblichene zu erzählen hat.«

»Du solltest unseren Freund Klessel etwas ernster nehmen. Schließlich gleitet er gerade in eine eklatante Midlife-Krise hinein.«

»Er ›gleitet‹. Das hast du schön g’sagt. Du meinst, weil er sich die Augenbrauen rasiert und die Haare färbt?«

»Du kannst ruhig leiser reden, ich hör dich auch ohne dein Gemurmel.«

»Sag mal, was ist denn mit dir passiert? Seit wann bist du so rücksichtsvoll? Machst du dir wirklich über den Thomas Gedanken?«

»Nein, ich mach mir Gedanken über dich. Das ganze Revier spricht schon darüber. Du würdest mit deiner Katze reden«,sagte Frau Merkel von oben herab.

»Geh, schau, dass du weiterkommst, von dir lass ich mich nicht veräppeln«, zischte er und ließ sie zu Boden plumpsen.

»Na, Steinböck, redest schon wieder mit deiner Katz?«, fragte Thomas Klessel, der wohl etwas von dem imaginären Gespräch mitbekommen hatte. Langsam richtete er sich auf und zog sich die Latexhandschuhe von den Händen.

»Also, was kannst du mir sagen?«, wollte der Kommissar wissen.

»Tja, unser feiner Herr wurde eindeutig erstochen. Der Todeszeitpunkt liegt höchstens zwei Stunden zurück. So wie’s aussieht, war jeder der Stiche tödlich. Bestimmt kein Zufall. Da hat einer genau gewusst, was er macht. Ein Profi, wenn du mich fragst.«

»Wie meinst du des?« Steinböck war überrascht.

»Es ist nicht leicht, mit einem Messer jemanden in die Brust zu stechen, ohne eine Rippe zu treffen. Und wenn es gleich zweimal passiert und beide Male das Herz getroffen wird, dann riecht das eben nach Profi.«

»Woher weißt du, dass das Herz getroffen wurde?«

»So viel Blut, da gibt es kaum eine andere Möglichkeit. Ach übrigens, das steckte in der Brusttasche seines Sakkos.« Klessel reichte Steinböck eine verschlossene Plastikhülle.

»Was ist das?«

»Na, ja, da ist eine Menge Blut drauf, aber es sieht nach zwei Eintrittskarten für gestern Abend ins Cuvilliés-Theater aus. Und das andere scheint die Quittung eines Restaurants zu sein. ›The spice bazaar‹. Das ist gleich hier um die Ecke. Laut SpuSi hat er keinerlei Wertsachen bei sich. Und ansonsten, wenn du Näheres wissen möchtest, heute Nachmittag bei mir in der Gerichtsmedizin. Ich fahr jetzt nach Hause und hol meinen abgebrochenen Schlaf nach. Und vergiss nächsten Sonntag nicht: du und Horsti bei mir zum Abendessen. Und deine Katz kannst ruhig auch mitbringen.«

Steinböck betrachtete noch eine Weile den Toten. Zumindest kannte er ihn nicht. Da war er sich ganz sicher, denn sein Gedächtnis für Gesichter war ausgezeichnet.

»Wenn die SpuSi fertig ist, könnt ihr ihn in die Gerichtsmedizin bringen«, ordnete er dem uniformierten Kollegen an. »Der Klessel sagt, keine Wertsachen?«

»Nix, gar nix. Die Uhr hams auch mitgenommen, wenn er eine gehabt hat«, meinte der Beamte nachdenklich und starrte auf die Leiche. »Ich kenn den, aber ich weiß nicht woher.«

»Wenn’s dir einfällt, dann sagst mir Bescheid«, erwiderte Steinböck. Anschließend machte er sich auf die Suche nach Ilona. Er fand sie zusammen mit mehreren Streifenpolizisten. »Und, Männer, was gibt’s Interessantes zu berichten?«

»Des hama alles schon der Ilona erzählt. Wir müssen jetzt los, die Hasleitner möchte, dass wir uns in der Umgebung umschauen und Nachbarn befragen«, blaffte der Simmerl kurz angebunden und verschwand mit seinen zwei Kollegen in Richtung Odeonsplatz.

»Hat mich auch sehr gefreut, Herr Polizeiobermeister«, rief ihm Steinböck erbost nach. »Was hat er denn, der Simmerl?«

»Ach, der hat nicht verkraftet, dass ich mittlerweile bei der Mordkommission bin und er noch immer im Streifenwagen unterwegs ist.«

»Der alte Depp, war doch sei eigene Entscheidung. Egal, was hast du herausgefunden?«

»Der Tote heißt Renato Maucher, 42 Jahre alt, wohnhaft in der Prinzenstraße in Nymphenburg.«

»Noble Gegend«, raunte Steinböck.

»Seine Frau Silke Maucher haben sie ins St.-Franziskus-Krankenhaus gebracht. Sie ist schwer verletzt, aber außer Lebensgefahr. Vor heute Mittag können wir sie nicht befragen.«

»Wer hat die beiden gefunden?«

»Niemand, die Frau hat noch einen Notruf übers Handy abgesetzt.«

»Gut, ich denk, des reicht für heut Nacht. Ich glaub, wir fahren jetzt nach Hause. Hast du die Saukatz irgendwo gesehen?«

»Die sitzt schon die ganze Zeit da vorn auf dem Weg. Wahrscheinlich will sie heim.«

»Dank dir schön, dann bis später.«

Als Steinböck bei seiner Katze ankam, brummte er: »Und, Frau Merkel, gibt’s was Besonderes an dem Fall?«

»Ich dacht schon, du kommst überhaupt nicht mehr. Ich sitz mir hier den Hintern platt.«

»So, so, also, was gibt’s?«

»Hier auf dem Boden ist was.«

»So weit weg vom Tatort? Was soll des sein?«

»Bin ich die Spurensicherung? Ein bisschen was müsst ihr auch selber machen.«

Steinböck beugte sich nach unten und leuchtete mit der Taschenlampe seines Smartphones den Boden ab. Er entdeckte etwas Klebriges. Es schien Blut zu sein, und mittendurch führte die Spur eines Fahrrads. Erst machte er ein Foto, dann richtete er sich auf und winkte Staller von der SpuSi zu, der wie üblich mit einem weißen Ganzkörperkondom bekleidet war. »Geh, Staller, schau dir des mal an. Sieht wie Blut aus. Könnte von unserm Opfer sein.«

Widerwillig kam der Kollege von der SpuSi näher. »Die Saukatz ist auch wieder da. Ich hab sie schon g’sehen.«

»Beacht sie ned, dann passiert auch nix«, rief er ihm zu, packte Frau Merkel mit der Hand unterm Bauch und machte sich davon.

»Schade, dass wir schon gehen. Ich hätte ihn gerne noch etwas geärgert.«

»Mei, jetzt lass doch den armen Kerl in Ruh. Reicht’s ned, dass du ihn damals für ein halbes Jahr in die Psychiatrische gebracht hast?«

»Das war ja wohl nicht meine Schuld, schließlich wollte er den Hundefänger auf mich hetzen.«

»Des war kein Hundefänger, des war der Amtsveterinärarzt.«

»Nein, nein, am Anfang war’s der Hundefänger«, insistierte Frau Merkel energisch.

»Von mir aus. Komm, lass uns heimfahren, damit ich mich noch ein paar Stunden aufs Ohr hauen kann.«

»Das könnte ich auch gleich hier erledigen.«

»Was?«, fragte er verwirrt und ärgerte sich dann, dass er auf diesen plumpen Witz hereingefallen war. »Ach geh, du wirst a immer depperter.«

*

An diesem Morgen war Emil Mayer junior früher als sonst aufgestanden. Man hatte ihm in der Reha eine ganze Reihe von Übungen gezeigt, die er täglich ausführen sollte. Er hatte gelernt auch kleine Fortschritte wie große Ereignisse zu feiern, und trotzdem würde er noch lange Zeit auf den Rollstuhl angewiesen sein. Natürlich hätte er sich auch vollkommen auf die Rehabilitation einlassen können, aber dadurch seinen Beruf zu vernachlässigen, oder gar ganz aufzugeben, war für ihn im Moment undenkbar. Außerdem ging ihm ständig Ilonas Nachricht durch den Kopf. Gestern im Zug hatte er sein Handy lautlos gestellt und erst spät zu Hause von dem Mord im Hofgarten erfahren. Dafür hatte er mit diebischer Freude den schnarchenden Steinböck vom Sofa geholt und zum Tatort geschickt.

Jetzt fuhr er mit seinem Rolli unter den Türstock und machte einige Klimmzüge. Zusammen mit Steinböck hatte er extra für diese Übung eine Stange angebracht.

Das Klappern der Katzentür schreckte ihn auf.

»Hallo, schwarze Schwester, was treibt dich so früh zu mir? Sollst du mich abholen? Sag bloß, der Sklaventreiber ist schon wach. Egal, ich hab eh keinen Kaffee im Haus. Lass uns schauen, was der ›große Vorsitzende‹ treibt.«

Frau Merkel sprang auf Emils Knie, legte die Ohren an, Blick nach vorne und gab damit unmissverständlich zu verstehen, dass er losfahren konnte. Emil verzog das Gesicht, öffnete die Balkontür und rollte nach draußen.

»Du, Merkel, mit deine Krallen musst a bisserl aufpassen. Ich hab jetzt a Gefühl in die Oberschenkel.«

Augenblicklich spürte er, wie der Schmerz nachließ.

»Bist halt doch a g’scheide Katz.«

»Aber hallo, man steigt ja auch nicht auf die Bremse, wenn man losfahren will. Schließlich halt ich mir einen Rollifahrer als Chauffeur.«

Als die beiden durch Steinböcks Wintergartentür rollten, schlurfte dieser gerade, nur mit einer Blümchen-Boxershorts bekleidet, in Richtung Bad.

»Servus, Emil, geh sei so gut und mach uns zwei Kaffee. Du kennst dich ja aus. Ich geh mich schnell duschen.« Dann verschwand er am Ende des Ganges.

Emil rollte inzwischen in die Küche, holte zwei Kaffeepads aus der Dose und schaltete die Maschine an. Frau Merkel sprang vorsorglich von seinem Schoß, sie wollte nicht mit heißem Kaffee übergossen werden. In Steinböcks Kühlschrank fand er außer drei vertrockneten Tortellini, die einsam auf einem Teller lagen, nichts Essbares. Es war wohl besser, im Büro zu frühstücken. Ilona hatte sicherlich schon für frische Butterbrezen gesorgt. Mayer junior nahm sich vor, heute nach Dienstschluss Einkaufen zu fahren, um seine Vorräte wieder aufzufüllen. Sechs Wochen Abwesenheit waren ganz schön lange. Die Tassen machte er nicht voll, trotzdem musste er jede gesondert in den Wintergarten bringen. Steinböck hatte Wort gehalten. Als Emil mit der zweiten Tasse anrollte, kam er, ein Handtuch um den Hals gelegt und jetzt mit groß karierten Boxershorts bekleidet, aus dem Badezimmer und nahm seinen Kaffee in Empfang.

»Mit diesen Unterhosen bekomm ich dich nie unter die Haube. Ich befürchte, ich werde dich auch in Zukunft alleine ertragen müssen«, stichelte Frau Merkel. Nachdem die Gefahr, mit heißem Kaffee überschüttet zu werden, gebannt war, machte sie es sich erneut auf Emils Knien bequem.

»Schön, dass du wieder da bist, jetzt werd ich die Nervensäge von Katz wenigstens ab und zu mal los.«

»Ich seh schon, es hat sich nix geändert. Ihr zwei seids immer noch ziemlich beste Freunde«, erwiderte Emil grinsend. »Sag mal, der Mord heut Nacht, weißt du da schon Näheres?«

Steinböck streifte sich ein Poloshirt über, nahm seinen Kaffeehafen wieder auf und setzte sich auf die Kante des Korbsessels. »Sieht nach Raubmord aus. Der Mann, Renato Maucher, wurde regelrecht abgeschlachtet. Seine Frau Silke hatte mehr Glück. Sie liegt zwar im Krankenhaus, wird aber durchkommen. Wir sollten sie heute noch vernehmen, sobald es die Ärzte zulassen.«

»Gut, ich fahr dann gleich los, Ilona sitzt bestimmt schon im Büro«, sagte Emil, schubste die Katz von den Knien und stellte seine leere Tasse auf dem Korbtisch ab. »Auf geht’s, Katz. Du fahrst mit deinem Chef.«

»Das glaub ich auch. Wir sollten nicht zu spät kommen, der Fall ist ziemlich heikel. So wie unser Opfer gekleidet war, kommt der aus den besseren Kreisen. Da wird sich die Presse drauf stürzen. Wahrscheinlich scharrt die Husup vor unserm Büro bereits mit den Hufen und geht der armen Ilona auf die Nerven.«

»Die Frau Hasleitner kann sich schon wehren. Und übrigens, a fesche Unterhosen hast an«, stellte Mayer junior feixend fest und rollte aus der Tür.

»Sag ich doch«, grinste Steinböck in Richtung Frau Merkel. »Der Bua weiß halt, was grad hip ist.«

»Bei dem Wort ›hip‹ in deinem Zusammenhang fallen mir eher Babynahrung und Altenheime ein.«

*

Steinböck saß schweigend am Steuer seines alten VW Käfers und versuchte sich auf den chaotischen Verkehr zu konzentrieren.

Berufsverkehr in München, des ist wie Wagenrennen bei Ben Hur, dachte er bei sich.

»Habe gar nicht gewusst, dass du solche cineastischen Klassiker kennst«, kommentierte Frau Merkel vom Beifahrersitz.

»Spionierst schon wieder in meinen Gedanken rum?«, schimpfte er.

»Ach wo, wollte nur wissen, ob du mir das mit dem Altenheim und den pürierten Brokkoligläschen noch nachträgst.«

Steinböck, der gerade auf den Parkplatz in der Ett­straße einbog, bremste den Käfer ruckartig ab und freute sich diebisch, als die Katze beinahe vom Sitz geschleudert wurde. Es folgte eine der üblichen Fehlzündungen und dann war der Wagen sauber eingeparkt auf seinem Platz. Vor dem Eingang zum Kommissariat stand ein Aufnahmewagen vom Bayerischen Rundfunk, aus dessen Kofferraum ein Mann soeben eine tragbare Kamera hervorzog.

»Vorsicht, Alarmstufe Rot: Wenn sogar die vom Fernsehen da sind, wird die ganze Eingangshalle voll sein. Ich schleich mich durch den Hintereingang rein. Du kannst dich ja mal umhören, aber machs net so auffällig«, bemerkte er in Richtung Frau Merkel.

Steinböck umrundete vorsichtig die Mauer und stellte fest, dass ihm niemand folgte. Erleichtert erreichte er einen der Nebeneingänge, zu dem er einen Schlüssel hatte. Plötzlich löste sich aus dem Schatten der Hauswand eine Person, eilte schnell auf ihn zu und erreichte ihn, bevor er die Tür aufgeschlossen hatte.

»Kommissar Steinböck, Sie wollen mir doch nicht entkommen?«, rief Sabine Husup und schob sich samt ihrer riesigen Umhängetasche zwischen ihn und die rettende Tür.

»Doch, das hatte ich eigentlich vor.«

»Zu spät, Sie mussten doch wissen, dass ich Sie erwische.«

Steinböck zuckte resigniert mit den Schultern und musterte die kleine Reporterin. Sie war mit Jeans und einem überlangen grauen, vermutlich selbst gestrickten Pullover bekleidet. Wie üblich hatte sie die kurzen Haare gegelt. Die glichen dadurch mehr einem Käseigel als einer Frisur. Die runde Nickelbrille hatte ihr hier auf dem Revier den Spitznamen Harry Potter für Arme eingebracht. »Also, was wollen Sie?«

»Der Mord an Renato Maucher, war es ein Racheakt?«

»Renato Maucher? Racheakt?«, fragte er sichtlich überrascht.

»Jetzt kommen Sie schon, Herr Kommissar, der Kerl war ein ganz mieser Hund. Einen auf feinen Pinkel machen und dann die armen Schweine unter der Reichenbachbrücke um ihr Geld betrügen. Also, war das nun ein Rachemord?«

»Mensch, Husup, dazu kann ich ein paar Stunden nach dem Mord wirklich noch nichts sagen. Melden Sie sich morgen wieder, und ich will schauen, was ich bis dahin an die Presse weitergeben kann. Oder besser: Ich ruf Sie morgen Nachmittag an.«

»Morgen, morgen, das ist Ihr Lieblingswort. Ich warte auf Ihren Anruf! Wehe, wenn Sie mich dann erneut vertrösten.«

»Aber Frau Husup«, sagte er scheinheilig. »Das würde mir nie in den Sinn kommen.«

»Pharisäer«, zischte sie und gab widerwillig den Durchgang frei. »Ach, Kommissar Steinböck, hier mein Artikel, den ich letzte Woche über den Maucher geschrieben habe«, fuhr sie fort und klopfte mit einer zusammengefalteten Zeitung auf seine Brust.

Erleichtert lehnte sich Steinböck gegen die Tür, die hinter ihm ins Schloss gefallen war, und winkte mit der Zeitung in die an der Decke angebrachte Überwachungskamera. Ihm war klar, dass durch sein Öffnen der Hintertür oben in der Information ein Alarm ausgelöst wurde. Deshalb wartete er noch ein paar Sekunden, bis er sicher war, dass der Kollege Schneehofer ihn erkannt hatte. Es war ihm ein Rätsel, woher Husup all diese Informationen hatte. Und sie wusste schon wieder entschieden mehr als er. Er kramte sein Smartphone aus der Tasche und wählte die Nummer von Peter Obstler, seinem Informanten.

»Servus, Peter, sagt dir der Name Renato Maucher etwas?«

»Ist das der, den sie heut Nacht um’bracht haben?«

»Woher weißt du des?«

»Geh, Steinböck, Informationen sind meine Geschäftsgrundlage.«

»Eben, und solche brauche ich über den Maucher, und zwar des, was man hinter der Hand über ihn redet.«

»Versteh schon. Um 11 Uhr im Biergarten? Passt des?«

»Ich bin da.«

*

»Servus, Chef, wie bist du durch all die Reporter am Eingang durchgekommen?«, begrüßte ihn Ilona Hasleitner, als er das Büro betrat.

»Ich bin durch den Hintereingang reingekommen.«

»Sehr clever, den kennt wenigstens niemand.«

»Von wegen, die Husup hat mich da schon erwartet. Und was soll ich euch sagen, die weiß schon wieder mehr als ich«, antwortete er, warf die Zeitung auf den Tisch und füllte sich seinen Kaffeehafen.

»Deine Butterbrezen stehen auf deinem Schreibtisch«, sagte sie und rollte ein paar Blätter zusammen. »Und hier sind die bisher bekannten Informationen über die Mauchers.«

»Ilona, du bist a Schau. Wenn’s dich ned schon gäb, müsst man dich erfinden.«

»Wegen der Butterbrezen oder wegen meiner Arbeit?«

»Natürlich wegen der Butterbrezen«, tönte Emil und duckte sich hinter seinen Bildschirm. Der kleine Tumult war schnell vorbei und Emil rieb sich seinen Oberschenkel.

»Hey, du weißt schon, dass ich wieder was spür.«

»Eben deswegen, sonst hätt’s ja keinen Sinn«, antwortete Ilona lachend.

»Ihr seids zwei so Kindsköpf«, brummte Steinböck und schüttelte genervt den Kopf.

Emil rollte zur Tür und rief theatralisch: »Bloß weg hier, so viel Gewalt am Arbeitsplatz …«

»Was hat er denn?«, fragte der Kommissar genervt.

»Nix, wahrscheinlich muass er mal.«

»Ach so, für kleine Königstiger.«

»Eher für kleine Erdmännchen«, grinste sie.

»Gibt’s denn schon irgendwas Neues bei unserem Fall?«, wollte Steinböck wissen.

Ilona sammelte ihre Papiere zusammen, die nach dem kleinen Kampf mit Emil ziemlich ramponiert aussahen. »Also, der Maucher hat mehrere Baugeschäfte und Handwerksbetriebe. Eins für Trockenbau, eins für Fliesenleger, ein Maler- und Tapezierbetrieb et cetera. Er besitzt ein Haus am Gardasee und eines hier in München in der Prinzenstraße. Er ist in dritter Ehe mit Silke Maucher, 32 Jahre alt, geborene Semmelau, verheiratet.«

»Semmelau sagt mir irgendwas«, überlegte Steinböck und runzelte die Stirn.

»Sei schlau und bau dein Haus mit Semmelau«, flötete Ilona. »Alter Münchner Betonadel.«

»Da kommt ja einiges zusammen. Haben die Beamten noch etwas erfahren?«

»Nein, sie haben ein paar Obdachlose im Hofgarten befragt. Niemandem ist etwas aufgefallen. Sonst war zu dieser Zeit keiner mehr unterwegs.«

Während die junge Kommissarin ihre Notizen durchsah, versuchte Steinböck leise fluchend, mit der neuen Kaffeemaschine zurechtzukommen. Ilona hatte sich offensichtlich vorgenommen, sein Problem zu ignorieren.

Emil kehrte zurück und kurvte elegant durchs Büro. Vor Ilonas Schreibtisch hielt er kurz an und blickte auf sein Smartphone. »Ich möchte nur bemerken, dass Erdmännchen biologisch gesehen zu den Schleichkatzen gehören, aber eher mit den Bären oder Hyänen verwandt sind«, rezitierte er spöttisch. Dann rollte er weiter zu Steinböck.

»Für kleine Hyänen, passt auch«, kicherte Ilona leise.

»Also, Chef, was willst? An Cappuccino?«

»Naa, des im Glasl, mit der Milli obendrauf.«

»Aha, einen Latte macchiato. Schau her. Da nimmst jetzt so a Glasl, stellst es da drunter und druckst auf diesen Knopf, wo ein Glas abgebildet ist.«

Fasziniert schaute Steinböck zu, wie zuerst der Milchschaum hineinlief und dann durch den Schaum der Kaffee, der sich schließlich am Boden absetzte.

»Und vergiss nicht, dein Glas selber zu spülen«, tönte Ilona von hinten.

»Gibt’s schon einen Bericht von der SpuSi?«, fragte Steinböck und trug andächtig seinen ersten selbst gemachten Latte macchiato zu seinem Schreibtisch.

»Ich hab vorhin angerufen, Bericht kommt im Laufe des Vormittags. Der Fleck mit der Radelspur ist tatsächlich Blut. Es stammt aber nicht vom Opfer. Vermutlich von der Ehefrau«, erklärte Emil.

Steinböck stellte das Glas beiseite, kramte sein Smartphone heraus und hackte ungeduldig mit dem Finger darauf herum. »Kruzifix, scheiß modernes Klump«, grummelte er leise. Schließlich hatte er Erfolg und reichte das Gerät zufrieden an Emil.

»A bisserl mehr Geduld, Chef. Des Smartphone is a bloß a Mensch.«

»Geh, du Depp, schau dir lieber das Foto an.«

Emil vergrößerte mit Daumen und Zeigefinger das Bild und pfiff durch die Zähne. »Hoppla, a Fahrradspur ist des ned. Das sieht mir ganz nach einem Rollireifen aus, und so schmal wie der ist, war da keiner dring’sessen.« Dann reichte er das Handy dem verdutzten Steinböck zurück.

»Ilona, ruf im Krankenhaus an, ob wir die Maucher schon befragen können. Wir brauchen so schnell wie möglich eine Aussage von der Frau. Du fährst mit dem Emil dorthin und ich besuch den Klessel, und anschließend hab ich mit dem Obstler eine Verabredung im Biergarten. Die Husup hat so eine seltsame Andeutung gemacht. Mal schauen, was der Peter so erzählt.«

»Sag mal, Chef, wo ist eigentlich die Katz?«, wollte Hasleitner wissen.

»Auweh, die hab ich ganz vergessen, die baut bestimmt schon wieder Mist. Ich hoffe, ich find sie unterwegs.«

*

Eigentlich wollte er direkt zu Klessel in die Gerichtsmedizin, aber nun musste er wohl oder übel in der Eingangshalle vorbeischauen. Dort trieben sich immer noch ein Dutzend Journalisten und Kameramänner herum. Mitten drin Paul Mögele, der Dienststellenleiter, wie gewöhnlich mit einem seiner hochmodischen, schicken mausgrauen Trachtenanzüge gekleidet, der beschwichtigend die Hände hob. Plötzlich entdeckte er Steinböck und eilte auf ihn zu.