25,99 €
Kompaktes Kurzlehrbuch für eine professionell Heim- und Krankenhaushygiene Die aktuellen Vorfälle um den Tod von Frühchen und die zunehmenden Resistenzen gegen Antibiotika verdeutlichen, wie essenziell Hygiene gegenwärtig ist und zukünftig sein wird. Das kompakte Kurzlehrbuch des Hygieneexperten informiert in anschaulicher und verständlicher Form, wie und wo Infektionen auftreten wie man sich selbst und andere vor Infektionen schützen kann welche Mittel zur umweltschonenden Reduktion von Mikroben mittels Reinigung, Desinfektion und Sterilisation zur Verfügung stehen mit welchen Techniken – von Blutentnahme, über Einlegen eines Blasenverweilkatheters bis hin zum Verbandwechsel – Infektionen verhütet werden können welche hygienischen Erfordernisse in verschiedenen Umgebungen von Anästhesie über Neonatologie bis hin zu Onkologie und OP bestehen welche häufigen Infektionskrankheiten und -erreger, wie CDAD, Hepatitis, Krätze, MRSA, Noro-Viren und Tuberkulose Pflegende kennen müssen. Aus dem Inhalt: Mikroben an allen Orten Infektionsvorbeugende Mitarbeiterhygiene umweltschonende Mikrobenreduktion Hygiene pflegerelevanter Techniken umgebungsbezogene Hygieneanforderungen Infektionserkrankungen von A–Z
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2012
Franz Sitzmann
Verlag Hans Huber
Hygiene kompakt
Programmbereich Pflege
Angelika Abt-Zegelin, Dortmund
Jürgen Osterbrink, Salzburg
Silvia Käppeli, Zürich
Christine Sowinski, Köln
Doris Schaeffer, Bielefeld
Franz Wagner, Berlin
Franz Sitzmann
Hygiene kompakt
Kurzlehrbuch für professionelle
Krankenhaus- und Heimhygiene
Verlag Hans Huber
Franz Sitzmann. Krankenpfleger, Lehrer für Pflegeberufe,
Fachkrankenpfleger für Krankenhaushygiene, Berlin
Lektorat: Jürgen Georg, Ute-Maria Schick
Korrektorat: Martina Kasper, Wiesbaden
Herstellung/Gestaltung: Daniel Berger
Bildredaktion: Ute-Maria Schick
Umschlaggestaltung: Claude Borer, Basel
Titelillustration: Pinx, Wiesbaden
Grafiken Inhalt: Angelika Kramer, Stuttgart
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien und Vervielfältigungen zu Lehr- und Unterrichtszwecken, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Verfasser haben größte Mühe darauf verwandt, dass die therapeutischen Angaben insbesondere von Medikamenten, ihre Dosierungen und Applikationen dem jeweiligen Wissensstand bei der Fertigstellung des Werkes entsprechen. Da jedoch die Pflege und die Medizin als Wissenschaften ständig im Fluss sind, da menschliche Irrtümer und Druckfehler nie völlig auszuschließen sind, übernimmt der Verlag für derartige Angaben keine Gewähr. Jeder Anwender ist daher dringend aufgefordert, alle Angaben in eigener Verantwortung auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen oder Warenbezeichnungen in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen-Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürfen.
Anregungen und Zuschriften bitte an:
Verlag Hans Huber
Lektorat: Pflege
z. Hd.: Jürgen Georg
Länggass-Strasse 76
CH-3000 Bern 9
Tel: 0041 (0)31 300 4500
Fax: 0041 (0)31 300 4593
www.verlag-hanshuber.com
1. Auflage 2012
© 2012 by Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-456-94659-7)
(E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-456-74659-3)
ISBN 978-3-456-84659-0
eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de
1. Mikroben an allen Orten
1.1 Übertragungswege von Infektionen – Darauf kommt es an
1.2 Infektionen – Isolierung und Expositionsprophylaxe?
1.3 Wo und wie treten Infektionen auf?
2. Infektionsvorbeugende Mitarbeiterhygiene
2.1 Mitarbeiterhygiene
2.2 Händehygiene
2.3 Pflegerische Berufs- und Schutzkleidung
2.4 Persönlicher Infektionsschutz am Arbeitsplatz
3. Umweltschonende Mikrobenreduktion
3.1 Hausreinigung
3.2 Desinfektion
3.3 Sterilisation
4. Hygiene pflegerelevanter Techniken
4.1 Maximale Aufbrauchfristen (nach Anbruch) von Medikamenten in flüssiger Form
4.2 Blutentnahme
4.3 Enterale Ernährung
4.4 Harnblasenkatheter
4.5 (Schleim-)Hautantiseptik
4.6 Infusionstherapie
4.7 Inhalationen
4.8 Körperpflege
4.9 Mehrdosisampullen/-behältnisse
4.10 Mikrobiologische Diagnostik – Pflegerische Aufgaben
4.11 PEG-Versorgung und Button-System für enterale Ernährung
4.12 Prä- und postoperative Patienten – Hygienische Anforderungen
4.13 Vorbeugung beatmungsassoziierter Pneumonie
4.14 Subkutane anstelle intravenöser Flüssigkeitszufuhr
4.15 Stillen von Frühgeborenen und Säuglingen
4.16 Venenkatheter – Assistenz bei Anlage
4.17 Venenverweilkanüle
4.18 Ein Blick: Verband: ja/nein?
4.19 Verbände intravasaler Katheter
4.20 Verstorbene versorgen
4.21 Wundantiseptik – Chronische Wunden
4.22 Zusammenfassung: Wechselrate von Devices
5. Umgebungsbezogene Hygieneanforderungen
5.1 Hygiene in der Anästhesie
5.2 Baustellen mit Infektionsgefahr
5.3 Blumen und Topfpflanzen
5.4 Hygiene in der Endoskopie
5.5 Funktionsbereich Ultraschallsonden
5.6 Klinische Geburtshilfe und Neonatologie
5.7 Onkologie
5.8 Hygienebezogenes Mitarbeiterverhalten im OP
5.9 OP – Hygienisches Verhalten bei Patienten mit septischen Wundverhältnissen, MRSA-Kontamination oder -infektion
5.10 Therapietiere
6. Infektionserkrankungen von A–Z
6.1 Ausbruchartiges Auftreten von Infektionen
6.2 Gastroenteritis: «Wenn eine Mikrobe durchfällt …»
6.3 Clostridium-difficile-assoziierte Diarrhö (CDAD)
6.4 Salmonellenenteritis
6.5 Noro-Virus-bedingte Gastroenteritis
6.6 Rota-Virus-bedingte Gastroenteritis
6.7 Reisediarrhö
6.8 Prävention nosokomialer Diarrhöen durch angepasste Mitarbeiterhygiene
6.9 Gürtelrose (Herpes zoster)
6.10 Hepatitis A
6.11 Hepatitis B und C
6.12 Influenza (Grippe)
6.13 Keuchhusten
6.14 Krätze (Scabies)
6.15 Läuse
6.16 Masern
6.17 Meningokokken-Meningitis
6.18 MRSA
6.19 Weitere Multiresistente Mikroorganismen: VRE, ESBL …
6.20 Mumps (Parotitis epidemica)
6.21 Mykosen
6.22 Röteln
6.23 Respiratory Syncytial Viren (RSV)
6.24 Scharlach
6.25 Tuberkulose der Lunge (TB)
6.26 Windpocken
6.27 Zusammenfassung: Spezielle Maßnahmen zur Eindämmung epidemischer Infektionskeime
Anhang
Abkürzungsverzeichnis
Glossar
Vorwort
Bei «Hygiene kompakt» handelt es sich keinesfalls um ein Lehrbuch der Krankenhaushygiene systematischer Art, sondern um die Sammlung von Antworten auf alltägliche Fragen von Kolleginnen und Kollegen in Krankenhäusern, ambulanten Pflegediensten, Heimen für betreutes Wohnen und Altenheimen. Warum ein weiteres Hygienebuch?
Prävention
Basis der Infektionsprävention ist die Standardhygiene. Sorgfältiges Praktizieren von Standardhygiene bei allen Patienten, würde die Übertragung potenziell pathogener Keime (auch multiresistenter) bei der Patientenversorgung wesentlich reduzieren. Darauf liegt der Schwerpunkt des Buches.
«Ja» oder «Nein»
Die beiden ältesten und kürzesten Wörter «Ja» und «Nein» erfordern auch das stärkste Nachdenken, meinte schon Pythagoras (570 bis nach 510 vor Christus).
Vielfach wird gewünscht, dass Fragen zur Hygiene mit «ja» oder «nein» beantwortet werden. Das geht nicht, weil wir es in Pflege und Medizin mit individuellen Menschen zu tun haben. Die jeweiligen Ressourcen der Patienten sind auch bei Hygienebemühungen in Betracht zu ziehen.
Hygiene dient nachhaltig
Keinesfalls ist es damit getan, in der Hygiene nur kurzfristig im Heute Lösungen zu suchen. Hygiene ist langfristiges Denken. Da Sie mit Ihrer Arbeit dem Patienten auch «unter die Haut gehen», muss das Denken auf Nachhaltigkeit gerichtet sein.
Und die, die morgen leben, sind unsere Kinder, Enkel und Urenkel, nicht irgendwelche abstrakte statistische Größen.
Hygiene und das KISS-Prinzip
Oft ist es Wunsch, die einfachste mögliche Lösung eines Problems zu wählen. Dann will man das KISS-Prinzip realisieren oder sagt «Keep it short and simple». Was auf Deutsch heißt: «Gestalte es kurz und einfach» oder analog: «In der Kürze liegt die Würze». Trotz des bewussten Herangehens, kurz auf Fragen zu antworten, sind mir Begründungen zu Antworten immer wichtig.
Interventionen
Die in der Hygiene weit verbreitete Vorstellung, stets nach Regeln und Vorschrift arbeiten zu wollen oder neue Verordnungen und Gesetze zu fordern, verhindert keine Infektionen. Sie löst oft Trotzreaktionen bei Mitarbeitern aus, weil Sinn und Absicht nicht deutlich sind.
Bei akuten Infektionen/Zwischenfällen ist gleichwohl sofortiges Eingreifen und Handeln erforderlich.
Auf heiler Haut ist gut schlafen
Die Bedingungen gesunden Lebens adäquat zu unterstützen, ist Aufgabe von Hygiene. Trotz aller Kürze geht es darum, ein Staunen für physiologische Bedingungen des Menschen zur Schadensabwehr genauso zu fördern wie für die Fähigkeiten Mikroorganismen, diese zu umgehen und zu überwinden. Heile Haut, Händehygiene und moderne Infektionsprävention gehören zusammen.
Kommunikation
Hygiene ist auf ständige Kommunikation angelegt. Das zeigt sich bei unerlässlichen intensiven Fortbildungen. Das zeigt sich im «Bohren dicker Bretter», also der ständigen Arbeit an schwierigen Problemen, die nur mit viel Geduld gelöst werden können.
Wenn Sie ein Thema vertiefen und stets aktuellere Empfehlungen finden wollen, nutzen Sie die seit 2004 vom Autor ständig ergänzte Internetseite www.klinik-hygiene.de.
Berlin im Frühjahr 2012 Franz Sitzmann
Erläuterungen zu den Symbolen im Text
Eingangsfragen
Nachgefragt
Beachte, Merke
Hinweis
Kurzgefasst
Tabellen
Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen, sind die Tabellen jeweils am Ende des jeweiligen Kapitels zusammengefasst.
1. Sollen wir einen Patienten mit Infektionskrankheit mit «Vollvermummung» isolieren?
2. Gilt das nur für die Pflegenden?
3. Soll die Leinentuchabdeckung eines Verstorbenen mit Desinfektionslösung getränkt werden (Koch, 2001)?
Merkmale
Nosokomiale Infektionen sind meist endogenen Ursprungs, sie stammen vorwiegend vom betroffenen Menschen. Mikroben können überall verbreitet sein (ubiquitär), z. B. in Grundwasser und Erdboden. Am häufigsten werden Infektionen von Mensch zu Mensch übertragen. Die verschiedenen Übertragungswege von Infektionen sind Inhalt dieses Abschnitts.
Infektionsquellen. Jede Infektion geht von einer Infektionsquelle aus. Als primäre Quelle (Tab. 1-1) wird der Ort bezeichnet, an dem sich Mikroorganismen aufhalten und vermehren. Sekundäre Quellen sind leblose Gegenstände oder Materialien und auch Drittpersonen, die bei der indirekten Übertragung von der primären Quelle auf empfindliche Personen eine Rolle spielen.
Abbildung 1-1: Kontamination
Übertragungswege. Für die Übertragung von Mikroorganismen kommen z. B. in Betracht:
• besiedelte oder infizierte Mitmenschen (Mitarbeiter, Mitpatienten, Besucher) sowie
• Kontaminationen (Abb. 1-1) oder Keimreservoire der Umwelt.
Es ist angebracht, Empfehlungen zur Prävention von Infektionen an den Übertragungsmöglichkeiten der Infektionskeime und vorbeugenden Praktiken (s. S. 18 zu orientieren (Sitzmann, 2007). Meist werden bei der Patientenversorgung folgende Übertragungswege festgestellt:
• Kontaktübertragung (direkt, indirekt, respiratorische Tröpfchen)
• Luft (aerogene Übertragung)
• gemeinsame Quellen für mehrere Personen.
Diese Einteilung folgt international (CDC, WHO) anerkannten Empfehlungen (Ruef, 1998; Siegel, 2007; Widmer, 2009), nicht jedoch der TRBA 250, die in Deutschland verbindlich ist (Anonym, 2008). Hier werden als Infektionswege «Eindringen (Penetration)», «Verschlucken (Ingestion)» und «Einatmen (Inhalation)» ausgeführt. Hier wird der falsche und irreführende Begriff der «Schmierinfektion» tradiert.
Selten wird eine Infektion nachgewiesen durch grob fehlerhaftes und mit dem bloßen Auge sichtbares Verschmieren von Körperausscheidungen und -flüssigkeiten. Meist liegt eben kein massives hygienisches Defizit vor, wie es der Begriff «Schmierinfektion» suggeriert, sondern es erfolgt z. B. eine Kontaktübertragung einer HBV-Infektion durch mikroskopisch winzige Blutreste.
Unter präventiven Gesichtspunkten sind bei Infektionen von Bedeutung
• Kontaktübertragung (direkt, indirekt, respiratorische Tröpfchen)
• Luft (aerogene Übertragung)
• gemeinsame Quellen für mehrere Personen
Ziele
Wichtig ist, die Übertragungswege von Infektionen zu kennen und einer mikrobiellen Kontamination oder Infektion adäquat mit präventiven Maßnahmen zu begegnen.
In allen Bereichen der Betreuung pflegebedürftiger Menschen müssen Hygienestandards berücksichtigt werden, die die persönliche Situation bedenken. Keineswegs ist der gesamte Mensch «infektiös», sondern die Mikroorganismen sind in bestimmten Körpermaterialien enthalten, die von Mensch zu Mensch oder über Gegenstände, d. h. auf konkreten Übertragungswegen, abhängig vom Pflegebedarf, weitergegeben werden. Die wesentlichsten Übertragungswege werden nachfolgend mit Beispielen charakterisiert.
Übertragung durch Kontakt
Bei der Übertragung von Mikroorganismen durch Kontakt können drei Formen unterschieden werden:
• direkter Kontakt
• indirekter Kontakt
• Infektionsübertragung durch große respiratorische Tröpfchen
Direkter Kontakt: Bei der direkten Kontaktübertragung (englisch: direct contact transmission) erfolgt eine Keimübertragung durch Körperberührung von einer infizierten oder besiedelten Person auf eine andere. Dieser Übertragungsweg ist bei einer größeren Anzahl von Mikroben bekannt, beispielsweise werden übertragen:
• Staphylokokken oder Streptokokken, auf Haut oder Schleimhäute
• Hepatitis-B-Viren durch Inokulation von Blut eines infizierten Operateurs in die OP-Wunde eines Patienten
• Krätzemilben auf die Unterarmhaut eines Arztes während der körperlichen Untersuchung.
Indirekter Kontakt: Bei der indirekten Übertragung (englisch: indirect contact transmission) vermitteln den Kontakt kontaminierte Gegenstände, die z. B. nach dem Gebrauch bei einem Patienten nicht oder unzureichend aufbereitet wurden, so das Gastroduodenoskop oder das Stethoskop. Möglich ist aber auch parenteraler Kontakt, z. B. bei einer Kanülenstichverletzung.
Die indirekte Übertragung erfolgt in zwei Schritten:
• Eine Person oder ein Gegenstand werden kontaminiert durch direkten Kontakt mit einer infektiösen Person.
• Die Weitergabe der Mikroben erfolgt durch direkten Kontakt des kontaminierten Übertragungsvehikels mit einer empfänglichen Person.
Hände der Mitarbeiter. Durch die Hände der Mitarbeiter werden am häufigsten Mikroorganismen durch indirekte Kontaktübertragung weitergegeben. Korrekte Händehygiene gehört zu den wichtigsten Maßnahmen zur Verhütung von Infektionen. Sie dient sowohl dem Schutz der Betreuten als auch dem Schutz der Mitarbeiter.
Weitere Beispiele für die indirekte Kontaktübertragung:
• Der Mitarbeiter überträgt seine passagere MRSA-Kontamination der Nase durch häufige unbewusste Hand-Nasen-Kontakte in die Wunde eines Patienten.
• Die Kaffee- und Tee-Bar auf dem Stationsflur steht im Verdacht, nach Kontamination der Thermosbehälter und Tassen usw. durch verschiedene Patienten Noro-Viren auf der Station zu verbreiten.
• Eintrag von ambulant erworbenem MRSA (CA-MRSA) in das Krankenhaus aus dem ambulanten Bereich.
Abbildung 1-2: Große Tröpfchen mit Mikroorganismen werden über eine Distanz von max. 1,5–2 m mit großer Geschwindigkeit ausgestoßen
Die häufigste Übertragung von Mikroben erfolgt durch Kontakt mit (nicht desinfizierten) Händen (indirekte Kontaktübertragung).
Infektionsübertragung durch große respiratorische Tröpfchen: Die Mehrheit der üblichen Infektionskrankheiten, wie z. B.:
• die Influenza (Grippe mit Adenoviren)
• der Keuchhusten (Bordetella pertussis)
• der Mumps (Rubulavirus)
• die Streptokokkenangina
• die Meningitis (Meningokokkeninfektion, Neisseria meningitidis)
Übertragung durch Luft (aerogene Übertragung)
Die aerogene Übertragung (früher auch als «fliegende Infektion») bezeichnet, englisch: airborne transmission) erfolgt durch Mikroorganismen, die in Tröpfchenkernen oder feinsten Staubpartikeln verbreitet werden (Abb. 1-3). Diese Tröpfchenkerne entstehen bei der Verdunstung von größeren respiratorischen Tröpfchen. Bleiben in diesen Kernen Mikroben über längere Zeit infektiös erhalten und werden sie von Personen inhaliert, können aerogen erworbene Infektionen entstehen. Es handelt sich um Aerosolpartikel mit einem Durchmesser < 5 Mikrometer (μm), die über längere Zeit in der Luft schweben können.
Auf diesem Weg werden Krankheiten vergleichsweise selten übertragen. Beispiele sind:
• Lungen-Tuberkulose (Mycobacterium tuberculosis)
• Windpocken (Varizellen-/Zoster-Virus)
• Masern (Morbillivirus)
Übertragung durch gemeinsame Quellen für mehrere Personen
Die Übertragung von Mikroorganismen, die in der Umwelt außerhalb des menschlichen Körpers ihr natürliches Reservoir haben, ist seltener als die Infektionsübertragung von Mensch zu Mensch durch Kontakt, Tröpfchen oder Tröpfchenkerne. Zur Veranschaulichung werden folgende Krankheitsbilder geschildert:
Eine Legionellenpneumonie (s.S. 112, 218) kann durch Inhalation oder Aspiration legionellenhaltigen Wassers ausgelöst werden. Die Legionellen stammen nicht von einer Person, sondern das infektiöse Agens wird aus der Umgebung (Übertragung durch Umweltmedien) entweder:
• inhaliert, z. B. beim Duschen durch eine kontaminierte Warmwasserleitung oder
• in die Lungen aspiriert.
Abbildung 1-3: Tröpfchen und Tröpfchenkerne
Legionellenhaltiges Wasser, das mit einer Magensonde verabreicht wurde, führte zur Infektion.
Zudem können Bioaerosole, die in der Natur ubiquitär existente Mikroorganismen, z. B. Schimmelpilze (Aspergillussporen) in sich tragen, Ausgangsort für Infektionen von empfänglichen Menschen sein (s. S. 218). So sind immunsupprimierte Patienten durch Inhalation von Baustaub gefährdet. Derartige Infektionen lassen sich durch Expositionsprophylaxe vermeiden.
Nachgefragt
Frage 1: Man kann nicht von der Infektionskrankheit sprechen. Die Übertragungsgefahr bei einzelnen Infektionen und individuellen Patienten unterscheidet sich. Eine kombinierte Berücksichtigung der individuellen Situation und Standards ist angebracht.
Frage 2: Sollte der Übertragungsweg einer Infektion eine Isolierungsform des Patienten mit erweitertem Schutz für die Mitarbeiter, wie Schutzkittel, Mund-Nasenschutz und Schutzhandschuhen erforderlich machen, gilt dies für alle Mitarbeiter, die das Patientenzimmer betreten.
Frage 3: Verstorbene sind wie Lebende kontaminiert, entweder mit Keimen, die auf uns allen siedeln oder Krankheitskeimen. Nur wenige Mikroorganismen sind überhaupt in der Lage, ausgehend von einem Verstorbenen, eine Infektionserkrankung auszulösen (s. S. 165). Da Pflegende bei keinen Leichenöffnungen assistieren, mit Gefahr für Hepatitis B, und der Verstorbene nicht mehr atmet, sind Mitarbeiter durch übliche Distanzierungsmaßnahmen wie Schutzhandschuhen und Schutzkittel ausreichend geschützt. Ein Abdecken eines Verstorbenen mit desinfektionsmittelgetränkten Tüchern ergibt infektiologisch keinen Sinn.
Literatur
Anonym (letzte Änderung 2008).
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege. Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege BGR250/TRBA250.
Koch S. et al. (2001). Der verstorbene Patient. In: Kramer A. et al.: Krankenhaus- und Praxishygiene. München: Urban & Fischer.
Ruef C., Francioli P. (1998). Isolierungs- und Vorsichtsmassnahmen zur Prävention von Infektionskrankheiten im Spital. SWISS-NOSO. 5, 4 : 4–5.
Siegel J. D. et al. (2007). Guideline for Isolation Precautions: Preventing Transmission of Infectious Agents in Healthcare Settings. Online im Internet: http://www.cdc.gov/ncidod/dhqp/pdf/guidelines/Isolation2007.pdf (Zugriff: 9. 8. 2011).
Sitzmann F. (2007). Hygiene daheim. Bern: Verlag Hans Huber.
Sitzmann F. (2012). Entstehung von Infektionen. In: Schewior-Popp S. Thiemes Pflege. 12. Aufl. Stuttgart: Thieme.
Widmer A. F. et al. (2009). Neue Isolationsrichtlinien in den USA für Spitäler und andere Gesundheitseinrichtungen: Bedeutung für die Schweiz. SWISS-Noso. 15 http://www.swissnoso.ch/de (Zugriff: 25.8.2011).
Tabelle 1-1: Primäre Infektionsquellen
Infektionsquelle
Erklärung
kranker Mensch
wichtigste Quelle; in der Regel werden die Keime durch das gleiche Organsystem ausgeschieden, durch das sie aufgenommen wurden; Ausnahmen existieren
Inkubationsausscheider
Keimausscheidung während der Inkubationszeit; typisch für viele Viruskrankheiten, z. B. HAV
Rekonvaleszenzausscheider
Ausscheidung nach Überstehen der Krankheit; typisch für enteritische Salmonellosen, C. difficile, Noroviren (asymptomatische Ausscheider)
Dauerausscheider
Ausscheidung noch drei oder mehr als drei Monate (evtl. Jahre) nach Überstehen der Krankheit; typisch für typhöse Salmonellosen
Keimträger
Tragen pathogene Keime auf Haut oder Schleimhäuten mit sich herum, ohne «infiziert» zu sein, z. B. Mitarbeiter im Gesundheitswesen
Tiere
Kranke oder gesunde Tiere, die pathogene Mikroben ausscheiden, z. B. in industrieller Schweinemast
Umwelt
Erdboden, Pflanzen, Wasser; primäre Quelle von Keimen, deren natürlicher Lebensraum die genannten Biotope sind
1. Müssen bei Kittelpflege auch Handschuhe getragen werden?
2. Darf ein Patient mit Hepatitis-A-Infektion sein Zimmer verlassen?
Merkmale
Die Verbreitung von Infektionen kann zum Schutz anderer Patienten und der Mitarbeiter (Arbeitsschutz) durch:
• Standardhygiene
• Isolierung und
• Expositionsvorbeugung
weitgehend verhindert werden. Mit diesen drei Bestandteilen befasst sich dieses Kapitel.
Standardhygiene. Oft besteht in Krankenhäusern die Vorstellung, dass «alles Mögliche» bei Infektionskrankheiten und multiresistenten Keimen getan werden müsste. Dagegen ist jedoch die Praxis der Standardhygiene verbesserungsnotwendig.
Mikroben übertragen sich nicht selbst, sie werden übertragen. Auch ist der Infektionsstatus des Patienten zunächst meist unbekannt. Deshalb muss sich als bester Schutz eine gute hygienische Praxis bei allen Patienten durchsetzen.
Erreichen Mitarbeiter einer Institution eine gute Compliance bei der Standardhygiene, d. h. sind sie aktiv zur Mitwirkung bereit, werden Patienten, aber auch die Mitarbeiter selbst vor den Gefahren potenziell pathogener Keime weitgehend geschützt.
«Standardhygiene» umfasst die Maßnahmen, die grundsätzlich bei allen Patienten zu beachten sind. Dazu gehören die Elemente:
• Händehygiene («Beherrschen» der Hände, Distanzierung, Waschen der Hände, korrektes Abtrocknen, Einreiben von Alkohol, Hautpflege)
• Nutzen persönlicher Schutzausrüstung bei Kontaminationsgefahr mit Blut, Körperflüssigkeiten, Exkreten und Sekreten (Schürze, Schutzkittel, Schutzhandschuhe, Schutzbrille)
• Vermeiden von Verletzungen durch spitze oder scharfe Gegenstände (Kanülen o. ä.)
• gezielte Entfernung/Desinfektion einer Umgebungskontamination mit Blut, Exkreten u. ä.
• adäquates Umgehen mit Bettwäsche und Abfällen.
Je nach Situation kommen, aufbauend auf der Anwendung der Standardhygiene, zusätzliche Schutzmaßnahmen in Frage.
Kategorien von Schutzmaßnahmen
• Standardhygiene als Basis
• Schutzmaßnahmen vor aerogener Übertragung
• Schutzmaßnahmen vor Tröpfchenübertragung
• Schutzmaßnahmen vor Kontaktübertragung
Isolierung. Bei der Kolonisierung von Kranken mit bestimmten Mikroben oder bei einzelnen Infektionserkrankungen werden «Isolierungsmaßnahmen» durchgeführt. Damit ist zunächst die räumliche Isolierung oder Absonderung eines Menschen gemeint.
Expositionsvorbeugung. Isolierung sollte jedoch weiter gefasst werden im Sinn einer «Expositionsvorbeugung». Neben der räumlichen Isolierung sind damit alle Maßnahmen eingeschlossen, die einen für die pathogenen Mikroben effektiven Kontakt mit infektionsgefährdeten Personen verhindern helfen, wie Quarantäne, Desinfektion und Sterilisation von kontaminierten Gegenständen und evtl. Ausscheidungen.
Wird die Expositionsprophylaxe korrekt durchgeführt, stellt sie eine kostengünstige und wirksame Verhinderung der Infektionsübertragung dar, sie schließt standardhygienische Maßnahmen bei allen Patienten ein.
Ziele
• Standardhygiene bei allen Patienten realisieren
• Orientiert am Übertragungsweg und der individuellen Situation des Patienten ein Patienten- und Mitarbeiterschutz bezogenes Hygienekonzept bei Infektionen praktizieren mit Vermeiden eines «Wirrwarrs» an Isolationsmaßnahmen
Bei Infektionskrankheiten haben sich die Schutzkomponenten der Expositionsprophylaxe international bewährt (Ruef, 1998; Kappstein, 2009; Schulze-Röbbecke, 2006):
• Grundlage jedes pflegerisch-therapeutischen Handelns mit dem Patienten ist die Standardhygiene. Sie ist bei jedem Patienten zu beachten.
• Darauf bauen alle zusätzlichen übertragungsspezifischen Maßnahmen auf, die bei bestimmten Infektionskrankheiten oder -mikroorganismen entsprechend der Erregerübertragung anzuwenden sind.
Um das Übertragen nosokomialer Infektionen zu reduzieren, wird beim expositionsprophylaktischen Konzept bei allen Patienten sorgfältige Standardhygiene gefordert, verbunden mit zusätzlichen übertragungsspezifischen Maßnahmen bei bestimmten Infektionskrankheiten entsprechend der Erregerübertragung.
Standardhygiene. Nicht die «Über-Isolierung» lediglich von Patienten mit Infektionskrankheiten ist anzustreben, sondern konsequente Maßnahmen der Standardhygiene bei der Patientenbetreuung und zum Mitarbeiterschutz – unabhängig davon, ob bei den Patienten eine Infektion oder Kolonisation (Abb. 1-4) bekannt ist.
Abbildung 1-4: Kolonisation
Sie stellen die Basis jeder Vorbeugung von Keimübertragungen auf andere Patienten und Mitarbeiter dar.
Standardhygienische Maßnahmen werden in (Tab. 1-2) ausgeführt.
Diese Maßnahmen zur Standardhygiene stellen ein praxisnahes und erprobtes Konzept dar und sollen mit hoher Bereitschaft im Alltag angewendet werden. Ausführlich behandelt sind die einzelnen Komponenten der Standardhygiene in unterschiedlichen Kapiteln dieses Buches:
• Händehygiene (Kap. 2.2)
• Schutzkittel/Schürze (Kap. 2.3)
• Schutzhandschuhe (Kap. 2.3)
• Haarhaube und Augenschutz(Kap. 2.3) • Vermeiden von Stich- und Schnittverletzungen (Kap. 2.4)
• Mikrobenreduktion an Instrumenten, Geräten, in Räumen (Kap. 3.1 und 3.2).
Standardhygiene muss von allen Mitarbeitern und bei allen Patienten konsequent durchgeführt werden.
Zusätzliche Schutzmaßnahmen. Bei klinischem Verdacht oder gesicherter Diagnose für durch die Luft (aerogen oder durch Tröpfchen) oder durch direkten Kontakt übertragbaren Infektionskrankheiten, müssen die neben der Standardhygiene erforderlichen zusätzlichen Schutzmaßnahmen verwirklicht werden. Ziel ist das Übertragungsrisiko zu reduzieren.
Aus dem Maßnahmenkatalog kommen jeweils einzelne Aktivitäten in Frage.
Komponenten der Isolierung
• Händedesinfektion, Schutzhandschuhe
• Schürzen und andere Schutzkleidung
• Mund-Nasenschutz, Augen- und Gesichtsschutz
• Unterbringung des Patienten in Einzelzimmer
• gezielter Einsatz von Verbrauchsmaterial
• Beförderung infizierter Patienten
• Dekontamination, Desinfektion von Instrumenten
• hygienischer Umgang mit Schmutzwäsche, Abfall und Geschirr
• laufende und Schlussdesinfektion
Diese Komponenten sind Grundlage aller Empfehlungen in Kap. 6 mit zahlreichen wichtigen Detailinformationen zu Infektionskeimen. Zusätzlich zu einem Verdacht ist auch detailliertes Wissen über die Übertragung, Inkubationszeiten und die Effizienz verschiedener Präventionsmaßnahmen Voraussetzung für die erfolgreiche Pflege. Für die einzelnen Übertragungswege sind einige beispielhafte Infektionen (Tab. 1-3) dargestellt.
Diese Empfehlungen können in vielen Krankenhäusern nicht ohne Abwandlungen umgesetzt werden. So fehlen meist Zimmer mit Unterdruck. Dieser Mangel hat jedoch nicht erste Priorität. Wichtiger und effektiver, wenn auch nicht unbedingt einfacher, ist z. B. die Schulung der Mitarbeiter über die Notwendigkeit der Früherkennung von Patienten mit offener Lungentuberkulose. Berufliche Erkrankungen mit M. tuberculosis geschehen nämlich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle im Zusammenhang mit unerkannter Tuberkulose. Hier sind, wie bei vielen Gebieten der Hygiene, nicht «High-tech-Installationen» gefragt, sondern erhöhte Aufmerksamkeit.
Kontaktisolierung. Vorbeugende Maßnahmen gegen eine Kontaktübertragung (englisch: contact precautions) lassen sich als «Kontaktisolierung» bezeichnen.
Bei einem Patienten sollten zusätzlich zur Standardhygiene Mittel der Kontaktisolierung angewendet werden, wenn bei ihm eine Infektion oder der Verdacht auf eine Infektion mit einem Mikroorganismus besteht, der durch direkten oder indirekten Kontakt übertragbar ist. Dies ist der Fall, wenn bei ausgeprägter Wundsekretion, Stuhlinkontinenz oder Abgabe anderer Körperausscheidungen ein erhöhtes Übertragungsrisiko besteht. Darüber hinaus kann die Kontaktisolierung auch bei einer Kolonisation, z. B. mit multiresistenten Keimen erforderlich werden, die durch direkten oder indirekten Kontakt übertragen werden.
Tröpfchenisolierung. Die expositionsprophylaktischen Maßnahmen zur Prävention der Tröpfchenübertragung (englisch: droplet precautions) lassen sich als «Tröpfchenisolierung» bezeichnen.
Zusätzlich zur Standardhygiene sollte bei einem Patienten eine Tröpfchenisolierung durchgeführt werden, wenn bei ihm eine Infektion oder der Verdacht auf eine Infektion mit einer epidemiologisch relevanten Mikrobe besteht, die beim Husten, Niesen, Sprechen oder bei hustenprovozierenden Maßnahmen durch größere Tröpfchen übertragbar ist.
Aerogene Isolierung. Die expositionsprophylaktischen Maßnahmen zur Prävention der aerogenen Übertragung (englisch: airborne precautions) lassen sich als «aerogene Isolierung» bezeichnen. Wegen der speziellen Eigenschaften dieser Tröpfchenkerne werden präventiv der Einsatz partikelfiltrierender Atemschutzmasken und bestimmte raumlufttechnische Maßnahmen empfohlen.
Atemschutzmasken müssen von OP-Masken (= Mundnasenschutz) unterschieden werden. Atemschutzmasken liegen im Bereich von Mund und Nase dicht an, werden mit Gummizügen um den Kopf befestigt, verfügen über eine definierte Filterfunktion und sind teurer als OP-Masken. Zudem lässt es sich unter ihnen schwerer atmen.
Zusätzlich zur Standardhygiene sollte eine aerogene Isolierung durchgeführt werden, wenn bei einem Patienten eine Infektion oder der Verdacht auf eine Infektion mit einem epidemiologisch relevanten Mikroorganismus besteht, der aerogen von Mensch zu Mensch übertragen wird.
Kurz gefasst
Es ist sinnvoll, orientiert am Übertragungsweg und der individuellen Situation des Menschen, ein patientenbezogenes Hygienekonzept bei Infektionen zu praktizieren. Bei der Pflege und Behandlung von Patienten mit übertragbaren Infektionen ist auch nicht Heldentum gefragt, sondern gesunder Menschenverstand.
Nachgefragt
Frage 1: Der Begriff «Kittelpflege» ist nicht korrekt. Ein sauberer Schutzkittel ist bei der Kontaktisolierung sofort nach Betreten des Isolierzimmers anzuziehen:
• Wenn ein direkter intensiver Kontakt mit dem Patienten oder potenziell kontaminierten Oberflächen/Gegenständen im Zimmer zu erwarten ist
• Bei Inkontinenz des Patienten
• Beim Vorliegen einer Diarrhö, eines Ileostomas oder eines Colostomas
• Bei einer Wunde, bei der der Austritt von Darminhalt bzw. Wundsekret nicht durch eine entsprechende Abdeckung verhindert werden kann.
Für derartige Tätigkeiten sind zudem Schutzhandschuhe als Standardhygiene geboten. Der Kittel ist vor dem Verlassen des Isolierzimmers auszuziehen, anschließend Händedesinfektion.
Frage 2: Übertragungsgefahren müssen bei fäkal-oraler Verbreitung unterschieden werden zwischen:
• einem «Du-und-Ich-Menschen», der z. B. als verständiger, an der Therapie interessierter und kooperativer Mitmensch eine Hepatitis A hat und
• einem Menschen mit Inkontinenz, der Hinweisen zur Händehygiene nicht (mehr) adäquat folgen kann.
Der kooperative Patient kann bei Akzeptanz einer sorgfältigen Händedesinfektion nach WC-Besuch sein (Mehrbett-)Zimmer verlassen, der andere nicht.
Heute entspricht die Quarantäne zeitlich der Inkubationszeit der betreffenden Infektionskrankheit.
Literatur
Kappstein I. (2009). Nosokomiale Infektionen.
4. Aufl. Stuttgart: Thieme.
Meyer E., Geffers C. (2009). Isolierungsmaßnahmen in der Intensivmedizin. Intensivmedizin up2date. 5, 2 : 81–93.
Ruef C., Francioli P. (1998). Isolierungs- und Vorsichtsmassnahmen zur Prävention von Infektionskrankheiten im Spital. SWISS-NOSO. 5, 4 : 4–5.
Schimmelpfennig M., Sitzmann F. (11/2009). Pro und Contra MRSA – Ist Isolation notwendig? Die Schwester/Der Pfleger.
Schulze-Röbbecke R. (2006). Isolierung infektiöser Patienten – auf die Übertragungswege kommt es an. Krankenhaushygiene up2date. 1, 2 : 97–117.
Tabelle 1-2: Standardhygiene-Maßnahmen
Tabelle 1-3: Auswahl zusätzlicher Schutzmaßnahmen
Übertragungsweg
Beispiele
zusätzliche Schutzmaßnahmen
Kontakt
• Infektionen mit multiresistenten Keimen (MRSA, VRE, C. difficile, Acinetobacter baumannii)
• Impetigo
• ausgedehnte Wundinfektionen
• Einzelzimmer oder lokale Maßnahmen je nach Keim
• Schutzhandschuhe vor Patientenkontakt
• Verbrauchsmaterial und Geräte nur für einzelne Patienten verwenden
• Patientenbeförderung auf Minimum beschränken
Tröpfchen
• Corynebacterium diphtheriae (Diphtherie)
• Bordetella pertussis (Keuchhusten)
• Mycoplasma pneumoniae
• Mumpsvirus
• Rubeolavirus (Röteln)
• Meningokokken
• Einzelzimmer
• Mundnasenschutz, falls Distanz zum Pat. < 1 m
• Patientenbeförderung auf Minimum beschränken
Aerogen
• offene Lungentuberkulose
• Masernvirus (Morbilli)
• Varizellen (Windpocken)
• Einzelzimmer (Unterdruck falls möglich)
• Atemschutzmaske bei Betreten des Zimmers
• Patientenbeförderung auf Minimum beschränken
Wer ist schuld an nosokomialen Infektionen?
Merkmale
Man kann bakterielle Infektionen, aber auch andere, durch Mikroorganismen ausgelöste Erkrankungen unterscheiden in:
• «hospital acquired», d. h. Krankenhausinfektionen, auch nosokomiale Infektionen genannt. Bevorzugt sind davon Intensivpatienten betroffen: Eine aktuelle Studie (Vincent, 2009) in 75 Ländern ergab, dass jeder zweite Intensivpatient unter einer Infektion leidet. Trotz aller Bemühungen zur Eindämmung von Infektionsübertragungen litten 51 % Prozent aller Intensivpatienten unter einer Infektion und 71 % der Patienten erhielten antimikrobielle Medikamente. In einer ersten Studie 1995 betrug die Infektionsrate noch 45 % und es erhielten erst 62 % Antibiotika.
Eine nosokomiale Infektion ist definiert als Infektion, die durch bzw. während eines Krankenhaus- oder Heimaufenthaltes auftritt.
Es dürfen keine Hinweise existieren, dass die Infektion bereits bei der Aufnahme ins Krankenhaus oder Übersiedlung ins Altenpflegeheim vorhanden oder in der Inkubationsphase war. Sie sind daher nicht der Grund für die Einweisung, sondern treten während des Aufenthaltes auf, z. B. nach einer Operation, nach einem transurethralen Katheter oder erst nach der Entlassung.
Epidemiologische Zusammenhänge. Infektionen können bei Menschen in Form von Einzelfällen auftreten. Bei einem kurzzeitig gehäuften Auftreten in einem örtlich begrenzten Bereich spricht man von einer Epidemie, z. B. der Lebensmittelvergiftung in einer Kindertagesstätte durch Staphylococcus aureus.
Weitet sich eine Epidemie auf mehrere Kontinente aus, nennt man sie Pandemie, z. B. eine Influenza- (A/H1N1)- oder die AIDS-Pandemie. Wenn eine Infektionskrankheit in gewissen Regionen nicht zu bekämpfen ist und Jahr für Jahr immer wieder vorkommt, so bezeichnet man diese Erscheinung als Endemie, z. B. Malaria in den Tropen oder häufige Infektionen durch Krätze in einem bestimmten Altenpflegeheim.
Begriffe aus der Epidemiologie kurz gefasst:
• Epidemie: örtlich begrenzt, zeitlich begrenzt
• Pandemie: örtlich unbegrenzt, zeitlich begrenzt
• Endemie: örtlich begrenzt, zeitlich unbegrenzt
In Tabelle 1-4 sind weitere wichtige epidemiologische Begriffe kurz erklärt.
Klimaveränderungen und Infektionen. Der Klimaeinfluss auf Infektionserkrankungen kann modellhaft dargestellt werden. Am Beispiel vektorübertragener Infektionskrankheiten werden verschiedene Faktoren wie das Vektor-Wirtsverhältnis, die Stichrate, die Inkubationszeit des Pathogens im Vektor und die Überlebensrate des Vektors demonstriert.
Im Zusammenhang der Infektionsübertragung spricht man von Vektoren als belebte Übertragungsfaktoren, die eine Mikrobe mechanisch (z. B. beim Transport durch Fliegen) bzw. biologisch (z. B. durch Aufnahme und Ausscheidung oder als Teil eines Vermehrungszyklus) weitergeben können.
Beispiele für Wechselbeziehungen zwischen vektorübertragenen Erkrankungen und Klima. Nicht alle Klimaabhängigkeiten sind endgültig untersucht, bei den folgenden Infektionen sind sie jedoch «möglich», «nicht eindeutig charakterisiert» oder «Häufung möglich» (Tab. 1-5):
Auch die Auswirkung der Klimaveränderung auf die Malaria wird noch kontrovers diskutiert, obwohl erwartet wird, dass bereits ein Temperaturanstieg von 2 °C eine Zunahme der Malariafälle in Europa bringt.
Im Bereich der Hygiene existiert eine wechselseitige Verknüpfung von unserer Umwelt, Mitwelt und Nachwelt. Gesellschaftliche Verantwortung existiert für umwelthygienische Schäden, die auf die Verursacher, d. h. auf uns Menschen zurückwirken (Tab. 1-6). Durch Veränderungen der Luft, des Wassers, des Bodens und der Nahrungsmittel, aber auch durch zivilisatorische Einwirkungen wie Lärm und «Pferchungsdruck» geraten mit den Menschen auch Haus-, Nutz- und Versuchstiere unter ökologischen Stress. Dies lässt sich am Beispiel der industriellen Intensivtierhaltung, ihrer Veränderung der Fütterung mit humanwirksamen Medikamenten aus der Gruppe der Antibiotika belegen. Zusammenhänge zwischen antibiotikaresistenten Mikroorganismen in der Humanmedizin und der Antibiotikanutzung durch Tierzucht und die Bodendüngung sind nachgewiesen.
Ziele
Die Bedeutung hygienischer Hintergründe außerhalb des Krankenhauses erkennen.
Bedeutung stationär und ambulant. In der Vergangenheit war Hygiene im Wesentlichen ein Thema bei Patienten in Kliniken. Das ändert sich:
Verweildauerverkürzung: Die stationäre Aufenthaltsdauer der Patienten in Kliniken wird deutlich reduziert («blutige Entlassung»). Werden jetzt bereits bis zu 70 % der postoperativen Wundinfektionen erst nach Entlassung klinisch manifest, so wird dieser Prozentsatz auch nach stationären Eingriffen infolge immer kürzerer stationärer Verweilzeiten in Zukunft weiter zunehmen. Die Notwendigkeit, ambulante hygienische Verknüpfungen zu erkennen, ergibt sich aus dem bei diesen Infektionen zu erwartenden Keimspektrum, mehr noch aber aus den immer weitere Antibiotikaklassen betreffenden Resistenzmechanismen.
Ambulant vor stationär: Immer mehr, früher ausschließlich stationär durchgeführte, Eingriffe werden nur noch ambulant durchgeführt. Damit gehen aber auch alle Nachsorgeverpflichtungen ebenfalls in den ambulanten Bereich über.
Etablierung von High-Tech Home Care:
Unter dem Begriff «home care» werden mit den Angehörigen zunehmend sehr spezielle Pflegemaßnahmen mit hohem hygienischen Standard realisiert.
Die ambulante Pflege nimmt immer mehr eine tragende Rolle wahr und ist einem weit reichenden Funktionswandel unterworfen. Pflegenden kommt in der Pflege zu Hause und in der medizinischen Behandlungspflege (high-tech-home-care) verstärkt eine eigenständige Rolle zu. Lebensrettende Technologien des stationären Bereichs dienen heute immer häufiger dazu, Überleben zu sichern und dies vornehmlich im eigenen Zuhause der Patienten («Intensivpflege im eigenen Lebensumfeld»).
Etablierung von Hygienestandards ambulant und stationär. In allen Bereichen der Pflege und Betreuung müssen Hygienestandards stärker einbezogen werden (Tab. 1-7), die sich auf die Gefährdung durch Mikroorganismen bei den unterschiedlichen Eingriffen beziehen.
Nachgefragt
Schuld? Wenn eine nosokomiale Infektion zeitlich und kausal, d. h. ursächlich, mit einem Aufenthalt in einer Gesundheitseinrichtung steht, heißt «kausal» dabei allerdings nicht, wie es in Medien und von interessierten Kreisen oft falsch geschildert wird, dass die Mitarbeiter Schuld an der Infektion tragen. Für den Krankenhausbereich rechnen seriöse Hygieniker (Kappstein, 2009) mit einer Vermeidungsquote nosokomialer Infektionen von 16 %, andere (Gastmeier, 2010) auch nach Ausschöpfen aller geeigneten Vorbeuge-, Datenerhebungs- und Kontrollprogrammen mit einem Vermeidenspotenzial für nosokomiale Infektionen auf Intensivstationen zwischen 20–30 %! Nur zu diesem Anteil können Infektionen maximal vermieden werden, die anderen sind Schicksal des betroffenen Menschen.
Zudem überzeugt die enorme Arbeitsdichte der Pflegenden, dass nicht immer ausreichend Zeit ist, eine adäquate Händedesinfektion durchzuführen (Schulte-Sasse 2011).
Literatur
Gastmeier P. et al. (2005). Letalität auf deutschen Intensivstationen: Mit oder wegen nosokomialer Infektionen. Anästhesiol Intensivmed. Notfallmed. Schmerzth. 40 : 267–272.
Gastmeier P. (2010). Wie viele nosokomiale Infektionen sind vermeidbar? Dtsch. Med. Wochenschr. 135 : 91–93.
Gastmeier P. et al. (2011). Definition nosokomialer Infektionen (CDC-Definitionen). 7. Aufl. Berlin: RKI.
Kappstein I. (2009). Nosokomiale Infektionen.
4. Aufl. Stuttgart: Thieme.
Schlegel M.: Lifestyle-bedingte Klimaerwärmung mit infektiologischen Folgen. http://www.infekt.ch/index.php?artID=1247 (Zugriff: 1.9.2011).
Schulte-Sasse U. (2011). Wenn zu wenige Hände zu viele Kranke versorgen. Die Schwester/Der Pfleger. 50, 1 : 60–62.
Sitzmann F. (1999). Hygiene. Berlin: Springer.
Sitzmann F. (2010). Bis zu 30 Prozent der Infektionen sind vermeidbar – Hygiene erfordert qualifiziertes Personal und umfassende Aufklärung auch der Patienten. führen & wirtschaften. 27, 5 : 478–481.
Vincent J.-L. et al. (2009). International Study of the Prevalence and Outcomes of Infection in Intensive Care Units (EPIC II-Studie). JAMA. 302, 21 : 2323–2329.
Tabelle 1-4: Wichtige epidemiologische Begriffe
Begriff
Erklärung
Ausbruch
gehäuftes Auftreten von Infektionen, die in örtlichem und zeitlichem Zusammenhang zueinander stehen
Inkubationszeit
Zeit von Infektion bis zum Auftreten erster Krankheitssymptome
Inzidenz
Zahl der Neuerkrankungen pro Zeitperiode an einer bestimmten Erkrankung
Letalität
Sterbefälle pro Erkrankte: Zahl der an einer Krankheit Verstorbenen, bezogen auf die Erkrankten
Mortalität
Sterbefälle pro Population (Sterblichkeit): Zahl der an einer Krankheit Verstorbenen, bezogen auf die Individuen der Bevölkerung
Prävalenz
Zahl der Erkrankten (Krankheitshäufigkeit) zu einem bestimmten Zeitpunkt (Stichtag)
Quarantäne (ital. quarantina «vierzig Tage)
befristete Isolierung von Personen, die verdächtig sind, an bestimmter Infektionskrankheit erkrankt oder Überträger dieser Krankheit zu sein. Dauer der Quarantäne richtet sich nach Inkubationszeit der vermuteten Erkrankung.
sporadisches Auftreten
vereinzeltes Auftreten einer Infektionskrankheit ohne zeitlichen und räumlichen Zusammenhang
Tabelle 1-5: Infektionskrankheiten, durch veränderte Klimabedingungen beeinflusst (Auswahl)
Erkrankung
Vorkommen
Wirt, Reservoir
Dengue-Fieber
Indonesien, Mexiko und weite Teile der Karibik, Dominikanische Republik Australien
Mücke Aedes aegypti:
Eier und Larven werden in Altreifen- und Zierpflanzentransporten verschleppt
Gelbfieber
Afrika, Süd- und Zentralamerika
Mensch, Affe
Japanische B-Enzephalitis
Asien, Westpazifik
Haustiere, Vögel, Mensch
Malaria
Afrika, Länder Südostasiens, Mittel- und Südamerikas; globale Erwärmung wirkt sich aus
Parasit Plasmodium wird durch Anopheles-Stech mücke übertragen
West-Nil Fieber
Afrika, Asien, USA, Mittelmeerstaaten
Vögel
Tabelle 1-6: Faktoren, die die Ausbreitung von Infektionskrankheiten fördern (verändert aus Sitzmann, 1999)
Faktoren
Beispiele für die Förderung von Infektionen
ökologische Veränderungen durch den Menschen
Abholzung von Regenwäldern (hämorrhagisches Fieber), Bau von Staudämmen (Schistosomiasis)
Urbanisierung mit Begünstigung von Nagetieren
(z. B. Ratten), Erhöhung der Exposition
Lassa-Fieber, Hantavirus-bedingte Erkrankung
Lebensverhältnisse (Migration in die Städte) und Verhalten der Menschen
Flüchtlingsströme (Durchfallerkrankungen), Sexualverhalten (sexuell übertragbare Infektionskrankheiten wie AIDS)
internationaler Reiseverkehr und Handel
Verbreitung von Krankheitsüberträgern wie Mücken (Malaria), Kontamination der Lebensmittel mit Salmonellen
Technologie und Industrie, industrielle Tierhaltung
Klimaanlagen und Warmwassersysteme (Legionella pneumophila), Förderung resistenter Mikroorganismen, Tierseuchen (Zoonosen wie Vogelgrippe, Schweinepest)
Massenlebensmittel-Herstellungstechnologie mit Ermöglichung der Kontamination von Fleisch
Enterohämorrhagische E. coli (EHEC)
Änderung im Tierfutterherstellungsprozess (Tierkadavermehl für vegetarische Rinder)
Verbreitung des Rinderwahnsinns (BSE, Scrapie-infizierte Schafe zur Verwertung als Tiermehl für Rinderfütterung)
mikrobielle Adaption und Veränderungen (Antibiotikaresistenzen)
falscher, ungezielter und zu häufiger Einsatz von Antibiotika bei Menschen und antibiotikahaltige Tiermastpräparate fördern Selektionsdruck und Resistenzbildung, Übertragung der Resistenzen innerhalb der Bakterienwelt
Zusammenbruch von Gesellschaftssystemen (Veränderungen in Reiseverkehr, sozialen Verhältnissen und Gesundheitssystemen)
ehemalige Sowjetunion (Diphtherie, mehrfachresistente Lungentuberkulose)
Tabelle 1-7: Nosokomiale Infektionen mit bevorzugten Mikroben nach typischen invasiv-therapeutischen Eingriffen
Eingriffe
Iatrogene Infektionen
Mikroben
Antibiotikatherapie
pseudomembranöse Kolitis mit Diarrhö
Clostridium difficile
Blasenkatheter (transurethral)
Urethritis, Prostatitis, Epididymitis, Cystitis, Pyelonephritis, Bakteriämie, Urosepsis
Darmkeime, Enterokokken, Pseudomonas (P.) aeruginosa, Candida
Intubation, Tracheotomie, Beatmung
Sinusitis, Tracheitis, Beatmungspneumonie, Septikämie
Staphylokokkus (S.) aureus,
P. aeruginosa, Darmkeime, Klebsiella, Candida, Acinetobacter
chirurgisch-operative Eingriffe
postoperative Infektionen im Operationsgebiet, Abszess, Osteomyelitis
überwiegend Bakterien (S. aureus, Enterokokken, E. coli, P. aeruginosa), Candida
periphere Verweilkanülen, intravasale Katheter ,
Phlebitis, Septikämie, Endokarditis
S. epidermidis, S. aureus,
P. aeruginosa, Candida, Acinetobacter, Enterokokken
Ernährung durch Magensonde, perkutan endoskopische Gastrostomie (PEG)
Gastroenteritis, Lebensmittelintoxikation durch Bakterientoxine, Peritonitis, peristomale Wundinfektion (bei PEG), Pneumonie
Darmkeime, P. aeruginosa, S. aureus, Salmonellen
endoskopische Eingriffe
Cholangitis, Pankreatitis, Bak teriämie
Enterokokken, Darmkeime, Staphylokokken, P. aeruginosa
Anfrage der Mitarbeiterin aus der Logopädie-Abteilung: Meine Tochter hat Läuse und ich befürchte auch das Schlimmste. Darf ich weiter meine Patienten behandeln?
Merkmale
Ich bin mir bewusst, dass es eine Grenzüberschreitung darstellt, in die körperliche Intimsphäre fremder Menschen reinzureden, wenn ich mich hier mit der Körperpflege der Pflegenden befasse.
Gemeinschaft mit den Mikroben. Die Mikroben besiedeln fast jeden Teil unseres Körpers, der in Kontakt zur Außenwelt steht. Die übliche Keimflora wandelt sich von Körperregion zu Körperregion (Sitzmann, 2010). Auf trockener Haut finden sich weniger Bakterien als auf eher feuchten Arealen wie Körperfalten (Gesäßfalte, unter den Brüsten, zwischen den Oberschenkeln). Auch auf talgdrüsenreichen Arealen sind mehr Keime zu finden, dazu zählen die Nase, das Kinn, die Stirn sowie die Schweißrinnen auf Brust und dem Rücken. Auf 1 cm2 trockener Haut finden sich ca. 1000 Staphylokokken, in 1 ml Speichel fühlen sich dagegen 100 Millionen unterschiedliche Mikroorganismen wohl (Abb. 2-1).
Barrierefunktion. Bei gesunder Haut als Grenzorgan zur Außenwelt stellt unsere Hautbesiedlung vor allem eine Barrierefunktion gegen fremde Mikroben dar. Die individuelle Keimbesiedlung stört nicht, macht nicht krank und ist ausgesprochen nützlich. Denn so unschädlich die Kommensalen für uns auch sein mögen, sind sie intensiv darum bemüht, ihr Revier zu verteidigen. Nur wer sich gegen die Standortflora behaupten kann, kann tiefer in die Haut eindringen. Zudem erzeugen sie Stoffwechselprodukte, die sich günstig auf die Hauteigenschaften auswirken.
Abbildung 2-1: Durchschnittliche Keimzahlen der Körperflora (Wikipedia)
Kommensalen. Welche Mikroben zählen zu den Kommensalen?
Es zählen dazu die Normalflora:
• auf der Haut mit der nach Hautregionen unterschiedlichen Hautflora
• in der Mundhöhle die Mundflora, die indessen im Bereich der Zähne nicht vor den säurebildenden und Karies verursachenden Keimen schützen
• im oberen Atemtrakt die physiologische Besiedlung
• die je nach Darmabschnitt unterschiedlich verteilte Darmflora
• bei der Frau die altersabhängig unterschiedlich zusammengesetzte Scheidenflora.
Hautflora
Unsere Hautbewohner lassen sich in zwei Gruppen einteilen, die transiente und residente Flora.
Transiente Flora. Die Eigenarten der transienten Flora («Anflug»-Flora) zeigen sich darin, dass sie:
• durch Kontakt mit anderen Menschen und der Umwelt erworben ist
• eine große Variation an Mikroorganismen nach Art und Zahl aufweist
• locker auf der Haut liegt
• jedoch an Hautfett und Schmutz gebunden ist
• sich besonders zahlreich unter den Fingernägeln befindet
• insgesamt mehr der unbedeckten Haut der Hände und des Gesichts als der bedeckten Haut aufliegt
• leicht zu entfernen ist durch Waschen oder Reiben an der Kleidung
• zum Teil auch von selbst verschwindet
• sich oft an die neue Umgebung anpasst und «resident» wird.
Residente Flora. Die zu uns gehörende residente Hautflora («ansässige» Flora) ist durch folgende Besonderheiten charakterisiert:
• Jeder Mensch hat eine relativ konstante Population in Keimzahl und Zusammensetzung.
• Es besteht ein Gleichgewicht zwischen Abnahme durch Waschen, Abrieb, Absterben sowie Zunahme durch Wachstum.
• Meist ist die Keimzahl auf bedeckten Hautpartien größer als auf unbedeckten Arealen.
• Sie ist relativ fest an die Haut gebunden, lässt sich kaum fort waschen und ist zählebig.
• Potenziell pathogene, d. h. leidbringende Keimspezies sind selten und in geringer Zahl vorhanden.
Es ist deutlich, dass sich die Mikroorganismen im und auf dem Menschen in einer sensiblen Balance befinden.
Schwitzen. Schwitzen ist ein normaler Vorgang bei körperlicher und emotionaler Belastung und dient der Aufrechterhaltung einer konstanten Körpertemperatur und Hautfeuchtigkeit.
Zwei Milliliter Schweiß können einen Liter Blut um fast 1 °C abkühlen. Unter maximaler Belastung und in extremen Situationen können bis zu vier Liter Schweiß pro Stunde abgesondert werden.
Für die meisten Menschen ist die Schweißbildung auf der Haut allenfalls eine unangenehme Nebensächlichkeit, zumal der Schweiß geruchlos ist und erst durch Einwirkung von Hautbakterien Geruch annimmt.
Infektionsschutz. Zur aktiven antimikrobiellen Abwehr steht der Haut ein erst vor kurzem entdecktes natürliches Antibiotikum im menschlichen Schweiß zur Verfügung, das Dermcidin. Die bisher beim Menschen bekannten, an der Haut antibiotisch wirksamen Peptide werden erst bei Verletzungen oder bereits aufgetretenen Infektionen freigesetzt. Das Dermcidin wirkt indessen gegen Bakterien und Pilze der Haut dauernd und stellt einen Schutz der Haut vor Infektionen dar. Nicht allein die Wirkung des leicht sauren pH-Wertes wirkt als Schutzmechanismus an der Hautoberfläche. Das Dermcidin reguliert die Keimbesiedlung der Haut, wird von Schweißdrüsenzellen der Haut produziert und gelangt mit dem Schweiß auf die Oberfläche der Haut.
Trockene Haut. Trotz der Schweißdrüsen und Flüssigkeitsabsonderung über die Haut (Perspiratio insensibilis) stellt die Epidermis ein sehr trockenes Milieu dar. Sie gibt damit einen schlechten Nährboden her. Nachteilig kann sich trockene Haut durch vielfältige Einflüsse entwickeln. Neben veranlagungsbedingten Gründen wird trockene Haut durch folgende Beispiele äußerer Einflüsse ausgelöst:
• Klima und Umwelt wie zum Beispiel Hitze, Kälte, Klimaanlagen bzw. trockene Heizungsluft und damit einhergehende niedrige Luftfeuchtigkeit sowie UV-Strahlung durch Sonneneinwirkung, Solarium
• alltägliche Belastungen wie Rasieren
• chemische Einflüsse durch aggressive Reinigungsmittel und häufiges Waschen mit Seife und heißem Wasser
• biologische Hautalterung
• Haut- und Stoffwechselerkrankungen wie z. B. Neurodermitis, Diabetes und Psoriasis.
• unausgewogene Ernährung, insbesondere unzureichende Trinkmenge pro Tag. Sinnvoll ist sie im Bereich von 1,5 l (Sitzmann, 2012).
Ziele
Angemessene Mitarbeiterhygiene als eine Grundlage der Standardhygiene kennen lernen und für sich eine individuelle, für die Gemeinschaft zu akzeptierende Form finden (Tab. 2-1).
Wie die vorangestellte Überschrift dokumentiert, kann es nicht darum gehen, für das individuelle Sauberkeitsverhalten Normen und Verhaltensvorschriften aufzustellen.
Vielmehr handelt es sich um die Vermittlung von Kenntnissen zur Prävention; denn Sauberkeitsverhalten ist nicht angeboren, sondern entwickelt sich aus Erziehung und Prägung der Umgebung (s. Abb. 2-2).
Abbildung 2-2: Fehler wider die Standardhygiene durch Essen und Trinken … an allen Orten
Kurz gefasst
Wann bekomme ich denn endlich eine Antwort auf die Frage: «Wieso, weshalb, warum können Nasen laufen, aber Füße riechen?»
Nachgefragt
Im Herbst und Winter haben Läuse in Kindergärten und Schulen Hochsaison. Mit Hygiene hat das aber wenig zu tun, denn die Parasiten lassen sich durch Wasser und Seife nicht abschrecken. Bösartige Menschen verknüpfen den Lausbefall von Kindern mit der Intelligenz der Eltern. Denn Produktbeschreibungen weisen darauf hin, dass Kopflausmittel nicht zuverlässig alle Eier abtöten und Larven nach der Erstbehandlung nachschlüpfen können. Man muss lesen (können), dass innerhalb eines engen Zeitfensters unbedingt eine Wiederholungsbehandlung mit dem Kopflausmittel durchgeführt werden muss.
Trotz Hygiene scheint die Verbreitung von Kopfläusen zuzunehmen. Viele betroffene Menschen sind zunächst asymptomatisch, da sich der Juckreiz (eine allergische Reaktion auf Läusespeichel) erst entwickelt. So können Kopfläuse unbemerkt auf andere Kinder übertragen werden. Da diese Parasiten nicht springen oder fliegen und nur durch direkten Kopfzu-Kopf-Kontakt übertragen werden, verbreiten sie sich besonders gerne unter kleinen Mädchen, die beim Spielen oft die Köpfe zusammenstecken.
Die Logopädin darf ihre Patienten weiter behandeln, wenn sie sich kontrolliert hat. (s. Kap. 6 Infektionen A–Z).
Literatur
Sitzmann F. (2010). Wir sind belagert von Mikroben. NOVAcura – Schweizer Fachverband für Pflege und Betreuung. 41, 2 : 20–21.
Sitzmann F. (2012). ATL Essen und Trinken. In: Schewior-Popp, S. Sitzmann, F. Ullrich, L. Thiemes Pflege. 12. Aufl. Stuttgart: Thieme.
Tabelle 2-1: Aspekte der Mitarbeiterhygiene
Aspekte
Dos and Don’ts der hygienischen Praxis
Schmuck
• Schmuck darf, auch in Notfällen, fachgerechtes und hygienisches Arbeiten nicht behindern.
• Arbeitsschutz gebietet es, dass Schmuck auf kleine Dimensionen beschränkt bleiben soll.
• Kritisch sind: jeglicher Schmuck an Händen und Unterarmen, z. B. Armbanduhren, Ringe, auch Eheringe.
Begründung:
• Armbanduhren behindern eine regelrechte Händedesinfektion.
• Unter OP-Handschuhen besteht eine erhöhte Perforationsrate beim Tragen von Eheringen.
• Seifenreste und Desinfektionsmittel verbleiben länger unter Ringen und führen leicht zu einer Aufweichung mit evtl. nachfolgender Schädigung der Haut
Piercing
• Nabel-Piercing: Besonders häufig mit Komplikationen beobachtet
• Ohrpiercing: Risiko in der Übertragung von P. aeruginosa mit Abszessen und schmerzhaften Ohrmuschelentzündungen
• HCV-Übertragungsrisiko: Arbeitshygiene: Unkritisch sind Piercing im Gesichtsbereich
• Tätigkeit im OP: Hier sollte der Schmuck im Gesicht mit Mund-Nasenschutz und Kopfhaube abgedeckt werden
• Nicht entzündete Punktionsöffnungen bei Piercing sind kein hygienisches Risiko.
Körperreinigung und Wechsel der Unterwäsche und Oberbekleidung
Voraussetzung für frischen Körpergeruch: Regelmäßige sorgfältige Körperreinigung und entsprechender Wechsel der Unterwäsche und Oberbekleidung
Tägliche Schweißerzeugung bei normaler Tätigkeit ca. 500–1000 ml, steigt bei körperlicher Schwerstarbeit auf rund 1 l/h
Daher unterschiedliche Anschmutzung der Wäsche bei verschiedenen Menschen
Keine Standards für die Häufigkeit der Körperwäsche möglich
vermehrte Schweißneigung
• täglich Baden: Bad oder Duschen reduziert bakterielle Besiedelung und vermindert Geruchsbildung
• gründliches Trocknen der Füße speziell der Zehenzwischenräume
• Schuhe und Socken aus natürlichen Materialien (Lederschuhe und Baumwollsocken), auch Sportsocken, aber keine triclosanhaltige Materialien
• Schuhe innen und außen gut trocknen lassen, täglich Socken wechseln
• barfuss laufen so oft es möglich ist
• Nahrungsauswahl: Verzicht auf Nahrungsmittel wie Zwiebel oder Knoblauch, ebenso Getränke, wie z. B. Alkohol oder Kaffee, falls sie bei individueller Erfahrung die Schweißneigung fördern
Mundhygiene
• Mundbakterien täglich mehrmals mit Bürste, Wasser und Zahnpaste zu Leibe rücken
• Sie bilden einen zähen Belag, der Karieslöcher in den Zahn ätzt, sich ins Zahnfleisch frisst o. a. Mundschleimhauterkrankungen wie Soor oder Aphten fördert
• auch Kaffee sowie Zigarettenrauch führen zu unangenehmen Mundgeruch
• regelmäßige professionelle Zahnreinigung
Fingernägel
• So pflegen und schneiden, dass dabei weder Risse noch Bagatellverletzungen entstehen
• Nägel so kurz schneiden bzw. feilen, dass keine Verletzungen für Patienten entstehen und Schutzhandschuhe intakt bleiben
• Fingerkuppen sollen Nägel nicht überragen
• Nagellack wegen Gefahr des Abplatzens in der Küche und im OP nicht benutzen, in anderen Pflegebereichen soll die Oberfläche unbeschädigt sein
• Keine künstlichen Fingernägel wegen Mikrobennestern (P. aeruginosa)
Haare
• oft Kontaminationen mit Krankheitskeimen nachweisbar
• unabhängig vom Hauttyp häufiger waschen
• Hygieneprinzip: «Beherrsche Deine Hände!» meint auch, die Hände nicht in unkontrollierter Weise vom Verband des Patienten zur juckenden Nasenspitze, durch die herunterhängende Haarsträhne und wieder zurück auf den Verband führen
Essen und Trinken
• Werbebotschaft von «coffee to go» nicht während Pflegearbeit realisieren
• Essen und Trinken nicht während Visite, Injektionen, Pflegedokumentation usw.
1. Müssen bei einer arbeitsmedizinischen Reihenuntersuchung mit Blutabnahme bei 70 Erzieherinnen tatsächlich jeweils frische Schutzhandschuhe verwendet werden?
2. Welche Händehygiene ist zwischen den einzelnen Blutabnahmen erforderlich?
3. Unterscheidet sich die Händehygiene im ambulanten und stationären Bereich?
4. Ist es sinnvoll, Einmalhandschuhe vor Betreten des Zimmers anzuziehen und erst nach dem Verlassen wieder auszuziehen?
5. Wie verhält es sich mit der Kontamination von Handschuhen in Boxen in der unmittelbaren Nähe von MRSA-Patienten?
6. Wie lassen sich Mehrweghandschuhe sinnvoll trocknen?
Merkmale
Zu einer optimalen Händehygiene gehört das Beachten fundamentaler Elemente der Infektprävention:
• «Beherrschen der Hände»
• Distanzierung
• Waschen
• Abtrocknen
• Alkohol einreiben
• Hautpflege.
«Beherrsche Deine Hände». Mit dieser Ermunterung der Großmutter, nicht ständig die Finger in den Haaren, den Nasenlöchern oder sonst wo im Gesicht zu haben, wird an falsche Gewohnheiten appelliert, die in der Krankenhausküche, beim Verbandwechsel und Warten vor der
Verkehrsampel zu beobachten sind. Wenn wir wissen, dass Staphylococcus aureus:
• insbesondere die vordere Nasenhöhle besiedelt und
• seine Überlebensfähigkeit auf feuchter Haut besonders groß ist (vordere Nasenhöhle und intertriginöse Hautfalten)
kann uns die hygienische Relevanz dieses Rates deutlich werden (Tab. 2-2, Tab. 2-3).
Distanzierung. Non-touch-Technik kann in der Klinik nicht nur durch aufwendige technisch-apparative Lösungen (z. B. Elektroschiebetüren) erreicht werden, sondern auch durch das wenig aufwendige korrekte Handhaben von:
• Schutzhandschuhen zum Kontaminationsschutz bei verschiedenen Tätigkeiten. Das besonnene Nutzen von
• Schutzkleidung, z. B. Schürzen, gehört genauso dazu, wie das
