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Cordula Meyer-Erben und Ute Zander-Schreindorfer geben einen kompakten, praxisorientierten Einblick in die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten des hypnosystemischen Arbeitens, das zügig zu guten Beratungsergebnissen führt – und Spaß macht. Metaphorisch-assoziative Bilder, Trancen, therapeutisches Erzählen und Selbsthypnose helfen Klient:innen dabei, Veränderungsschwierigkeiten zu überwinden. Für mehr Nachhaltigkeit sorgen Beratende, indem sie unwillkürliche Prozesse und körperliche Signale nutzen. Zahlreiche Fallbeispiele und Anregungen für den eigenen Praxisalltag laden zum Ausprobieren ein. Hierbei unterstützen auch die 13 Audiodateien, die online zur Verfügung stehen. Audioübungen: 1. Die Wohlfühloase (09:20) 2. Nutzung der Wohlfühloase (05:51) 3. Körperdimensionen bewusst erleben (07:36) 4. Abgrenzung und Integration mit Handbewegungen (04:33) 5. Lösungswecker (06:52) 6. Den eigenen Atem kennenlernen (05:58) 7. Ressourcen einatmen – Belastendes ausatmen (03:40) 8. In sechs Richtungen atmen (05:57) 9. Ressourcengarten zur Selbstfürsorge (11:36) 10. Aufwärmübung für das mentale Training (04:33) 11. Atementspannung zu Beginn der Selbsthypnose (01:22) 12. In Sicherheit (09:16) 13. Begegnung mit dem rauchfreien Selbst (07:56)
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Cordula Meyer-Erben/Ute Zander-Schreindorfer
Hypnosystemisch arbeiten:Ein kleiner Praxisleitfaden
Mit 7 Abbildungen
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2021 Vandenhoeck & Ruprecht, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe
(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)
Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, Verlag Antike und V&R unipress.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: Jekatarinka/shutterstock.com
Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUP-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-647-99454-3
Anwendung und Nebenwirkungen dieses Buches
Erstes Kapitel: Die Grundlagen des hypnosystemischen Ansatzes kennenlernen
Trance und bewusste Fokussierung auf Ressourcen
Aufmerksamkeitsfokussierung auf die Ich- und Es-Welt
Ich, Es und Körper als Vertreter unserer Bedürfnisse
Kooperation von Ich, Es und Körper und der Aufbau des Selbst als Metaebene
Symptome und Probleme als Lösungsversuche
Potenzialhypothese und Ressourcenorientierung
Konstruktivismus und Bedeutungsgebung
Zirkularität: Betrachtung in Wechselwirkungen
Ziel und Auftragsklärung: Wohin soll die Reise gehen?
Wohldefinierte Ziele
Ambivalenzen und Zielkonflikte
Rollenklärung
Kontextabhängigkeit von Verhaltensänderungen
Selbstorganisation und Kooperation auf Augenhöhe
Auf den Punkt gebracht
Zweites Kapitel: Mit hypnosystemischer Sprache und therapeutischem Erzählen Veränderungsprozesse erleichtern
Pacing: Klient*innen abholen
Metaphern für Neuausrichtungen nutzen
Leading: Klient*innen führen
Geschichten als Ressourcenquellen für die persönliche Weiterentwicklung nutzen
Therapeutisches Erzählen in der Praxis: Wie aus dem depressiven Aschenputtel die selbstbewusste Königin wird
Das hypnosystemische Narrativ in der Teamentwicklung einsetzen
Auf den Punkt gebracht
Drittes Kapitel: Mit Motivation und Embodiment kraftvoll ans Ziel gelangen
Motivation: Veränderungsenergie optimal nutzen
Wille und Motivation: attraktive Ziele und Glaubenssätze erarbeiten
Bremsende Glaubenssätze verändern
Mottosätze entwickeln
Mottoziel entwickeln
Mit dem Mehrseitenmodell in Bewegung kommen
Mit Embodiment Zugang zu Gefühlen und Motivation gewinnen
Den Körper in die Beratung einbeziehen
Atmung zur Selbstregulierung und Zentrierung nutzen
Analoge Methoden für die ganzheitliche Lösungssuche einsetzen
Der Ressourcengarten
Auf den Punkt gebracht
Viertes Kapitel: Mit Mentaltraining und Selbsthypnose innere Blockaden auflösen
Mentaltraining und Selbsthypnose: die Kunst des bewussten Fokussierens
Selbsthypnoseübungen anwenden
Selbsthypnoseübungen und Mentaltraining in der hypnosystemischen Beratung anleiten
Prüfungsängste mit mentalem Training überwinden
Endlich rauchfrei mit Selbsthypnoseübungen
Auf den Punkt gebracht
Jetzt sind Sie dran
Blumensträuße als Dank
Literatur
Link zum Audiomaterial
Anwendung und Nebenwirkungen dieses Buches
Wir, die beiden Autorinnen, arbeiten als Lehrtherapeutinnen und -supervisorinnen an zwei systemischen Aus- und Weiterbildungsinstituten zusammen. Im Laufe unserer langjährigen Dozentinnentätigkeit entwickelten wir ein Curriculum zum Aufbau hypnosystemischer Kompetenz, das auch in diesem kleinen Praxisleitfaden Niederschlag findet.
Unsere umfangreichen Erfahrungen mit dem hypnosystemischen Ansatz sammelten wir in unterschiedlichen Arbeitskontexten wie z. B. der Kinder- und Jugendhilfe, der Psychiatrie, in eigener therapeutischer und supervisorischer Praxis, in Organisationen der sozialen und gesundheitlichen Versorgung sowie in Wirtschaftsunternehmen. So binden wir in diesem Buch einen bunten Blumenstrauß an Methoden und Herangehensweisen mit sehr unterschiedlichen Zielgruppen und Aufträgen zusammen und geben diesen Schatz gern weiter. Wir sind von der hilfreichen Wirkung des hypnosystemischen Ansatzes überzeugt und freuen uns darauf, Sie als Leser*innen mit der Freude und der Leichtigkeit, auf diese Art zu arbeiten, »anzustecken«.
Das Buch umfasst fünf Kapitel. Im ersten Kapitel beschreibt Cordula Meyer-Erben die Grundlagen des hypnosystemischen Ansatzes und wie Kompetenzerleben mithilfe der Aufmerksamkeitsfokussierung auf unwillkürliche Prozesse gestärkt werden kann. Das zweite Kapitel, geschrieben von Ute Zander-Schreindorfer, veranschaulicht, wie Sprachmuster, Metaphern und Geschichten gezielt zur Veränderungsanregung eingesetzt werden können. Im dritten Kapitel lernen Sie von Cordula Meyer-Erben Methoden kennen, mit denen Sie die Veränderungsmotivation auf unterschiedliche Art und Weise erhöhen und das Körperwissen für Veränderungsprozesse nutzen können. Das vierte Kapitel, verfasst von Ute Zander-Schreindorfer, geht auf Formen von Selbsthypnose und deren Anwendungsmöglichkeiten ein. Im abschließenden Ausblick blicken wir auf die Zukunft des hypnosystemischen Ansatzes und geben Hinweise, wie Sie die Erkenntnisse in Ihrer Beratungs- oder Therapiepraxis umsetzen können.
In jedem Kapitel finden Sie zudem Trancen, Geschichten und Übungen. Nach dem Motto »Wende nur die Methoden bei deinen Klient*innen an, die du selbst an dir erfahren hast« möchten wir Sie motivieren, die Wirkung von Trance- und Hypnoseübungen zunächst selbst kennenzulernen, bevor Sie diese in Ihren Beratungsprozess integrieren und an die Klient*innen weitergeben. So können Sie die Methoden fachlich einordnen und passend zum Anliegen und zu den Kund*innen in Ihre therapeutischen oder beraterischen Prozesse einfließen lassen. Sie sind herzlich eingeladen, die von uns vorgelesenen Texte anzuhören und als Trance beziehungsweise Übung mitzumachen. Die entsprechenden Übungen sind mit einem Audio-Icon gekennzeichnet und befinden sich auf der Verlagsseite im Downloadbereich. Die Zugangsdaten sind am Ende des Buches aufgeführt. Sie können die Dateien an den entsprechenden Stellen im Buch anhören und sich auf die Übung einlassen. Wenden Sie diese Tranceübungen bei Kund*innen an, wirkt eine langsame, tiefere Stimmlage intensivierend auf die unwillkürlichen Erlebnisprozesse und stärkend auf den Ressourcenaufbau. In den Audiodateien können Sie dies nachvollziehen.
Außerdem erfahren Sie in jedem Kapitel etwas zu den theoretischen Hintergründen. Diese und das konkrete Vorgehen veranschaulichen wir anhand von Fallbeispielen. Welchen Nutzen Ihre Klient*innen und Sie aus dem jeweils Vorgestellten ziehen können, resümieren wir für Sie am Ende eines jeden Kapitels. Da sich die meisten Beispiele in diesem Buch in unterschiedlichen Arbeitsfeldern anwenden lassen, verwenden wir die Begriffe Kund*innen, Klient*innen, Patient*innen sowie Beratung, Therapie, Supervision und Coaching meist synonym. Nur in Fallbeispielen nutzen wir die Begriffe aus der jeweiligen Beratungsform und der entsprechenden Rolle heraus.
Abschließend möchten wir noch kurz auf die »Nebenwirkungen« des hypnosystemischen Arbeitens eingehen: Kund*innen lassen sich gern beraten, und ihre Kooperationsbereitschaft erhöht sich. Beratungen, Therapien, Supervisionen können dadurch kürzer werden und die Zufriedenheit der Kund*innen nimmt deutlich zu. Das ernste, anstrengende Arbeiten der Berater*innen gewinnt an Leichtigkeit und Freude, auch hier ist eine höhere Zufriedenheit mit dem eigenen Tun die Regel. Sie als hypnosystemische Berater*innen lernen nicht nur, bei Ihren Kund*innen mehr auf unwillkürliche und somatische Signale und die dahinterstehenden Bedürfnisse zu achten, sondern nehmen auch Ihre eigenen Ressourcen und Grenzen stärker wahr. Sie vertrauen auf Ihr eigenes Körperwissen und nehmen Ihre Selbstfürsorge in den Blick. Das kommt nicht nur Ihren Klient*innen, sondern auch Ihnen zugute. Und nun wünschen wir Ihnen viel Spaß beim Lesen!
Cordula Meyer-ErbenUte Zander-Schreindorfer
Erstes Kapitel: Die Grundlagen des hypnosystemischen Ansatzes kennenlernen
Liebe Leserin, lieber Leser, ganz im Sinne des eigenen Erfahrungs- und Lernprozesses möchte ich Sie gleich zu Beginn zu einem kleinen Experiment einladen, bei dem Sie selbst erleben können, worum es beim hypnosystemischen Arbeiten geht.
Zunächst werde ich Sie bitten, sich eine unangenehme Situation aus Ihrer Schulzeit vorzustellen. Falls Ihnen keine einfällt, dürfen Sie sich eine Erinnerung an eine unangenehme Situation aus Ihrer Kindheit ins Gedächtnis rufen. Nehmen Sie aber bitte keine, die für Sie heute noch sehr belastend ist, sondern eine, die Ihnen lediglich als unangenehm in Erinnerung geblieben ist. Im zweiten Schritt werde ich Sie einladen, in eine erlebte Situation einzutauchen, die für Sie sehr angenehm und wohltuend war. Diese beiden Erlebniszustände werde ich in diesem Kapitel immer wieder aufgreifen, um die Grundsätze des hypnosystemischen Arbeitens zu verdeutlichen.
Erster Schritt: Wir beginnen mit der Erinnerung an eine unangenehme Situation.
Die unangenehme Situation
Achten Sie für einen Augenblick auf Ihren Körper. Wo berührt er den Stuhl, den Boden …? Achten Sie nun auf Ihren Atem. Wenn es für Sie passt, schließen Sie für einen Moment Ihre Augen.
Nun stellen Sie sich bitte eine Schulsituation (oder eine andere Situation aus Ihrer Kindheit) vor, in der es Ihnen nicht so gut ging. Was genau hat Ihr*e Lehrer*in gemacht? Was Ihre Mitschüler*innen? Wie haben Sie darauf reagiert? Nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit und tauchen Sie in diese Situation wie in einen Film ein. Welche Körperreaktionen nehmen Sie wahr, welche Gefühle, inneren Bilder, Gedanken …?
Öffnen Sie nun wieder Ihre Augen und treten Sie ganz bewusst aus dieser vergangenen Situation heraus. Nehmen Sie Ihre Umgebung wahr. Lassen Sie Ihren Blick auf etwas Angenehmem ruhen. Machen Sie sich bewusst, wie alt Sie heute sind.
Reflektieren Sie kurz Ihr Erlebtes: Wie ging es Ihnen mit dieser Vorstellung? Welche Gedanken kamen Ihnen in den Sinn? Welche Körperreaktionen und Gefühle kamen hoch? Was dachten Sie damals über sich? Wie denken Sie heute über sich, wenn Sie sich an diese alte Situation erinnern?
Sobald Sie mit Ihren Überlegungen fertig sind, lassen Sie diese wieder los und schütteln Sie bitte diese Situation kräftig ab. Vielleicht wollen Sie auch kurz aufstehen und einen Schluck trinken.
Zweiter Schritt: Nun kommen wir zum nächsten Schritt unseres kleinen Experiments, diesmal mit einer Erinnerung an eine wohltuende Situation, der Wohlfühloase:
Die Wohlfühloase
Ich lade Sie ein, dass Sie sich einen Moment für sich selbst gönnen.
Wann immer Sie bereit dazu sind und es für Sie angenehm ist, können Sie Ihre Augen schließen und Ihre inneren Augen öffnen – jetzt oder etwas später.
Wenn es für Sie passt, können Sie sich für einen Augenblick erlauben, auf Ihren Körper zu achten. Wie sitzt er? Wo berührt er den Stuhl,
den Boden oder etwas anderes? Wo spüren Sie Verspannungen im Körper, wo fühlt er sich wohlig an?
Wenn Sie so weit sind, lade ich Sie ein, auf Ihren Atem zu achten. Wo im Körper spüren Sie Ihren Atem: im Kopf, in den Schultern, im Bauch, im Rücken, in den Beinen …?
Wie fühlt sich der Atem an: eher schnell oder eher langsam, eher ruhig oder eher hektisch, eher flach oder eher tief oder ganz anders …?
Stellen Sie sich nun eine angenehme Situation vor, in der es Ihnen sehr gut ging. Eine Wohlfühloase, in der Sie vielleicht entspannt, lustig, gelassen, wohlig, voller Energie oder was immer für Sie passend ist, waren. Das kann bei einem Erfolgserlebnis, im Urlaub, beim Sport, im Wald, am Meer, in den Bergen, auf einem Spaziergang, in anregender Gesellschaft mit anderen Personen gewesen sein – oder bei etwas ganz anderem …
Lassen Sie sich Zeit, in dieses innere Bild einzutauchen. Wie sieht dieses Bild genau aus? Was sehen Sie konkret?
Was hören Sie? Vielleicht Stimmen, Vogelgesang, Wellenrauschen oder etwas ganz anderes …?
Gibt es eine Person, die für Sie in dieser Situation wichtig ist? Wenn es für Sie passend ist, nehmen Sie bewusst wahr, wo Sie das Wohlsein, die Energie, die Ruhe oder was auch immer für Sie stimmig ist, in Ihrem Körper spüren. Welche Empfindungen tauchen da in Ihrem Körper auf?
Welche Gefühle kommen in diesem Erleben hoch?
Riechen Sie etwas, wie z. B. die Blätter, das Meer, die Luft …? Schmecken Sie etwas, wie z. B. etwas Salziges, Süßes, Fruchtiges …?
Welche Gedanken kommen hoch?
Welche inneren Bilder?
Sie können nun, wenn es für Sie passend ist, all die positiven Erinnerungen und Empfindungen für sich aufsaugen, einpacken, in dem Wissen, dass Sie jederzeit zu diesem wohltuenden inneren Ort zurückkehren können, zu diesem wohligen Gefühl von Wärme, Geborgenheit, Leichtigkeit oder einem anderen wohltuenden Gefühl …
Richten Sie nun, in Ihrem ganz eigenen Tempo, so wie es für Sie passt …
Ihre Aufmerksamkeit wieder nach außen, in das Hier und Jetzt,
auf Ihre Umgebung, in der Sie sich befinden, auf das Buch.
Lassen Sie uns das Erlebte kurz reflektieren: Wie ging es Ihnen mit dieser Vorstellung? Welche Gedanken kamen Ihnen in den Sinn? Welche Emotionen fühlten Sie? Was haben Sie über sich gedacht, wie Sie sich an diese alte Situation erinnert haben?
Was war der Unterschied zur ersten Situation? Wo waren Sie mehr dabei? Wo haben Sie sich kraftvoller, eher in Ihrer eigenen Energie, als erwachsene, kompetente Person gefühlt?
In welchem Erlebniszustand, glauben Sie, können Sie mit mehr Leichtigkeit und Optimismus, oder was immer für Sie wichtig ist, Ihre Ziele erreichen? In welchem der beiden Erlebniszustände spürten Sie eine positivere Beziehung zum Buch beziehungsweise zu uns Autorinnen? Wo haben Sie sich selbst kooperativer mit der Anleitung gefühlt?
Reflexion über die Unterschiede der beiden Erlebniszustände erfolgen im dritten Schritt: Möglicherweise konnten Sie ein bisschen erleben, was man im hypnosystemischen Ansatz unter Aufmerksamkeitsfokussierung versteht. Je nachdem, ob Sie Ihre Aufmerksamkeit auf ein von Ihnen als positiv oder negativ erlebtes Ereignis lenken, aktiviert Ihr Inneres unterschiedliche Erlebnisnetzwerke von Gedanken, inneren Bildern, Gefühlen und Körperreaktionen. Womöglich sind Ihnen bei der ersten Situation innere Bilder von Ihrem Klassenzimmer, Ihrer Lehrkraft oder Ihren Mitschüler*innen erschienen, die Ihre Aufmerksamkeit auf eine Situation gelenkt haben, die für Sie weniger schön war. Vielleicht haben Sie auch konkrete Körperreaktionen wahrgenommen. Möglicherweise sind Gefühle aufgetaucht, und bekannte Gedanken haben sich in den Vordergrund gedrängt. Vermutlich haben Sie mit sich selbst gesprochen: »Stell dich doch nicht so an«, »Ich bin nicht gut genug«, »Mich mag keiner«, »Ich muss besser werden« … Es kann auch sein, dass Sie sich so jung wie damals gefühlt haben und wieder für einen Moment zu dem betroffenen, unsicheren Kind geworden sind (Altersregression). Und das, ohne dabei die Ressourcen, Fähigkeiten und Möglichkeiten abrufen zu können, die Sie heute als erwachsene Person haben.
Das gleiche Phänomen, allerdings mit positiveren Erlebnisnetzwerken, haben Sie womöglich erlebt, als Sie sich in eine als positiv erlebte Situation hineinversetzt oder eine Wohlfühloase imaginiert haben. Diesmal wurden, so meine Vermutung, Ihre körperlichen und psychischen Systeme in einen für Sie angenehmen Zustand versetzt. Auch hier gelang das, indem Sie, durch die gelesenen Worte angeregt, Ihre Aufmerksamkeit auf ein als positiv wahrgenommenes Erleben fokussiert haben.
Trance und bewusste Fokussierung auf Ressourcen
Gunther Schmidt prägte den Begriff »hypnosystemisch« 1980 für das von ihm »entwickelte Modell, welches systemisch-konstruktivistische Ansätze mit den Konzepten der ericksonschen Hypnotherapie« (Schmidt, 2007, S. 18) verbindet. Milton Erickson versteht unter Hypnotherapie die Arbeit mit Trancen und Suggestionen. Unter Umgehung der bewussten, willkürlichen Prozesse sollen die unbewussten und unwillkürlichen die Klient*innen beim Erreichen ihrer Ziele unterstützen und ihre Ressourcen aktivieren (siehe viertes Kapitel).
Was bedeutet Trance?
Schmidt bezeichnet jegliche Form von Aufmerksamkeitsfokussierung beziehungsweise jeden Erlebnisprozess als Trance. Er geht davon aus, dass wir uns immer in einer sogenannten Alltagstrance befinden. Als Tranceprozesse definiert er Prozesse, »bei denen intensiv unwillkürliches Erleben vorherrscht, bei denen jemand den Eindruck hat, dass ›es wie von alleine passiert‹,« und nennt diese auch
»Variationen von Bewusstseinsprozessen« (Schmidt, 2005, S. 21).
In der Therapie geht es entsprechend darum, hilfreiche, aber bisher ausgeblendete oder nicht zugängliche Aufmerksamkeitsfokussierungen und Erlebnisnetzwerke zu aktivieren, also die Klient*innen von der Problem- in die Lösungstrance zu begleiten.
Unsere Sinne nehmen sehr viele Eindrücke von unserer Innen- und Außenwelt auf. Allerdings sind wir nicht in der Lage, alle Signale gleichzeitig wahrzunehmen und uns ihrer bewusst zu werden. Daher müssen wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren. Wahrscheinlich nehmen Sie in diesem Moment nur diese Worte wahr und blenden dabei vieles aus, z. B., wie Ihr Körper gerade den Stuhl oder die Couch berührt, wie Sie atmen oder welche Geräusche, wie etwa Stimmen um Sie herum oder das Ticken einer Uhr in Ihrer Umgebung, zu hören sind. Erst in dem Moment, in dem ich Sie auf Ihren Körper oder die Geräusche um Sie herum aufmerksam mache, lenken Sie Ihre Wahrnehmung darauf. Die körperlichen Wahrnehmungen geraten in Ihr Bewusstsein und werden erst dadurch den willkürlichbewussten Prozessen zugänglich und veränderbar. Wahrnehmungen, die über längere Zeit hinweg oder in bestimmten Kontexten ausgeblendet werden, stehen uns nicht bewusst zur Verfügung. Diese Wahrnehmungslücken werden auch blinde Flecken genannt. In dem Moment, in dem Sie, wie im obigen Experiment mit einer unangenehmen Situation, an für Sie schwierige Situationen in der Schule
oder Kindheit denken, sind Ihnen Ihre Ressourcen, die Sie damals hatten oder heute als erwachsene Person haben, nicht bewusst. Diese sind dann nicht nutzbar, die Person ist mit ihren Ressourcen nicht assoziiert, wie die Hypnosystemiker*innen sagen. Und wenn wir unsere Ressourcen nicht erleben und nutzen können, fühlen wir uns meist schwächer, kleiner, jünger, hilfloser, erstarrter etc. In diesem Erleben fällt es uns wesentlich schwerer, Herausforderungen zu meistern und Veränderungen in uns zu bewirken. Wir wachsen und entwickeln uns in unserer Persönlichkeit nicht so weit, wie unser Potenzial es uns eigentlich erlauben würde.
In der hypnosystemischen Beratung, Therapie und Supervision ist es deshalb ein bedeutsamer Schritt, unsere Kund*innen anzuregen, aus der erlebten Erstarrung und Hilflosigkeit herauszufinden und ihre hilfreichen Ressourcen für Veränderungswünsche (wieder) bewusst zur Verfügung zu haben.
Aufmerksamkeitsfokussierung auf die Ich- und Es-Welt
Die Grundannahme des hypnosystemischen Ansatzes ist, dass menschliches Erleben niemals stabil ist. Es entsteht und wird aufrechterhalten durch Fokussierungsprozesse der Aufmerksamkeit. Diese Fokussierung findet laut Reinhold Bartl auf zwei Ebenen statt: der bewusst-willkürlichen Ebene (Ich-Welt) und der unbewusstunwillkürlichen (Es-Welt und Körperwissen; Bartl, 2008, siehe Abbildung 1).
Die Aufmerksamkeitsfokussierung läuft in zwei Richtungen: eine gewünschte Richtung, in der Wohlergehen, Zufriedenheit, Stimmigkeit oder ein Flowgefühl entsteht, oder eine unerwünschte Richtung, die als Problem wahrgenommen beziehungsweise in der Symptomverhalten mit dem Erleben von Leid gezeigt wird. Beide Ebenen verfügen jeweils über einen besonderen Wissensschatz, den wir für die Suche nach Lösungen nutzen können.
Abbildung 1: »Ich-Welt« und »Es-Welt« (vgl. Bartl, 2008, S. 5)
Das Erleben ist also immer ein (vollständiges) Muster von Fokussierungen. Diese Muster werden meist aus den drei wichtigen Wissenspools gebildet:
Die Ich-Welt mit ihrer Rationalität, Vernunft und Entweder-oderLogik verwendet eine Sprache, die rational und logisch ist, planerisch und berechnend. Worte wie entweder … oder, richtig/falsch, ja/nein, ein/aus, Entscheidung, Planung, Organisation und Begriffe der Generalisierung wie immer, stets, nie werden auf dieser Ebene eingesetzt. Dieses Denken benötigt Struktur, wie Prioritäten-Setzen und Suche nach Kausalitäten. Der Blick geht eher nach außen, auf die Umwelt. Hier wird »über etwas geredet«.
Die Intuition oder die Es-Welt nutzt Worte, die alle Sinne ansprechen. Hier spielt das VAKOG eine wichtige Rolle: Visuelle, auditive, kinästhetische, olfaktorische und gustatorische Sinneseindrücke werden in der Es-Welt ganzheitlich in neuronalen Netzwerken gespeichert. Hier geht es um das Erleben, das unter anderem mit folgenden Worten Ausdruck finden kann: sowohl … als auch, stimmig/unstimmig, passend/nicht passend, wohl/unwohl, aktivierend/ deaktivierend, kraftvoll/erstarrt, energetisch/versteinert. Die Sprache ist eher bildhaft, imaginativ und verwendet Metaphern. Hier geht es um ganzheitliches, zirkuläres Erleben, um Grau- bzw. Zwischentöne. Der Blick richtet sich eher nach innen und ist um Balance zwischen scheinbaren Polaritäten oder gegensätzlichen Bedürfnissen bemüht.
Der Körper ist eng verknüpft mit der Es-Welt, der Intuition. Das
