Hypnosystemische Lebensberatung - Roland Wetter - E-Book

Hypnosystemische Lebensberatung E-Book

Roland Wetter

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Beschreibung

Was entsteht, wenn man Elemente moderner Hypnotherapie nach Milton Erickson mit systemisch-konstruktivistischen Konzepten und Embodiment-Modellen verknüpft? Roland Wetter verrät, was es mit hypnosystemischer Lebensberatung auf sich hat und wie sie Räume für Klient:innen eröffnet, um das eigene Leben wirksam, aktiv und kraftvoll zu gestalten. Das ressourcenorientierte Verfahren unterstützt Kinder, Jugendliche und Erwachsene behutsam dabei, mehr Klarheit und innere Stärke entstehen zu lassen. Nach einer praxisorientierten Einführung in die Anwendungsfelder, Grundlagen und Haltungen hypnosystemischer Beratung stellt Roland Wetter mehr als 35 erprobte Methoden, Übungen und Imaginationen detailliert vor. Die Lesenden sind eingeladen, Neugierde entstehen zu lassen, die Praxisimpulse kreativ für ihre eigenen Beratungskontexte zu modifizieren oder mit Leichtigkeit neue zu entwickeln.

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Seitenzahl: 325

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Roland Wetter

Hypnosystemische Lebensberatung

Grundlagen und Impulse für die Praxis

Mit einem Vorwort von Anke Lingnau-Carduck

Vandenhoeck & Ruprecht

Mit 20 Abbildungen und einer Tabelle

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2022 Vandenhoeck & Ruprecht, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe

(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, V&R unipress.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Sura Nualpradid/Shutterstock.com

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-647-99396-6

Inhalt

Vorwort einer Reisenden

Die Reise beginnt – Vorwort des Autors

Hypnosychastemische Lebensberatung Hintergrundwissen

Zum Begriff und zur Entstehungsgeschichte von Lebensberatung

Lebensphasen und Entwicklungskontexte: Rahmenbedingungen für beraterisches Gestalten

Handlungsfelder: Hypnosystemisches Arbeiten in verschiedenen Kontexten

Beratungsstellen

Freie Praxen

Jugendhilfe

Weitere Kontexte

Traumasensibles Arbeiten

Zur Entstehungsgeschichte des hypnosystemischen Ansatzes

Systemisches Denken und Handeln

Konstruktivismus

Systemtheorien

Zirkularität und Wechselwirkung

Sechs Grundorientierungen systemischen Arbeitens

Hypnotherapie nach Milton H. Erickson

Embodiment

Hypnosystemische Lebensberatung Praxiswissen

Grundannahmen hypnosystemischer Praxis

Wie entsteht Erleben?

Vier Formen des Erlebens

Unbewusstes Erlebnisarchiv

Erlebniselemente als Teile von Musterbildungen

Unterschiedsbildung in Erlebnismustern

Tranceverständnis und Unwillkürlichkeit

Priming

Hypnosystemische Kommunikation

Pacing

Leading

Yes-Set

Hypnotische Sprachmuster

Minimal Cues

Defokussiertes Sehen

Bedeutung der Stimme

Suggestionen in Beratung

Umgang mit Sprache und Gesprächsführung

Ressourcenfindung und Aktivierung »im Vorbeigehen«

Bedeutung wertschätzender Kommunikation

Entwicklungspsychologische, soziale und kulturelle Bedingungen nutzen

Affektive Rahmung

Beratungsplanung und Prozessgestaltung

Beratungssystem und Heimatsystem

Aufbau einer Beobachterposition

Unterschiedsbildung zur Einführung neuer Muster

(Hypno-)Systemisches Fragen

Hilfreiche Ziele entwickeln und Aufträge kontextsensibel klären

Skepsis utilisieren, Hoffnung und Motivation aufbauen

Wechsel von Problem- und Lösungserleben für nachhaltige Veränderung nutzen

Beratung vorbereiten

Beraterische Kompetenzen

Übungen, Methoden und Imaginationen

Übungen zur Selbsterfahrung und Reflexion

1. Schulung der Imaginationsfähigkeit

2. Hypnotische Sprachmuster üben

3. Pacing einer Ressourcensituation

4. Reflexion – wie nutze ich Sprache?

Methoden und Interventionen

1.Hypnosystemische Zielvision auf Flipchart – wie Ziele mit allen Sinnen entwickelt werden können

2.Arbeit mit Metaphern – wie sich innere Bilder in Kraftquellen verwandeln

3.Teilearbeit im Raum – wie wieder mehr Handlungsfähigkeit erlebt werden kann

4.Hypnosystemische Arbeit mit multikomplexen Anliegen – wie Themen, Gedanken und Gefühle sortiert werden können

5.Analogien – wie Sprache ganz beiläufig genutzt werden kann

6.Entwicklung einer Bildergeschichte in drei Akten – wie Bilder zu einer Erzählung der Veränderung werden

7.Ressourcentransfer – wie eine BMX-Leidenschaft beim Abitur zum Erfolg helfen kann

8.Arbeit mit Bildkarten – wie unwillkürlich hilfreiche innere Prozesse entstehen

9.Problemlösungsgymnastik – wie unbewusstes Körperwissen genutzt werden kann

10.Klötzchenskulptur – wie inneres Erleben geordnet und sichtbar wird

11.Beratung mit Tierfiguren – wie wir über »Tiere« miteinander in Kontakt kommen können

12.Hypnosystemisches Ressourcennetzwerk – wie Ressourcen miteinander verknüpft und genutzt werden

13.Hypnosystemische Teilearbeit – wie wichtige Bedürfnisse wieder eine Stimme bekommen

14.Die Acht-Felder-Kompetenz-Zeichnung – wie sich Ressourcen zielgerichtet nutzen lassen

15.Hypnosystemische Externalisierung – wie wieder eine hilfreiche Distanz geschaffen werden kann

16.Arbeit mit der Flussmetapher – wie Bewegung angeregt und Übergänge gestaltet werden können

17.Vom Sorgenland ins Wohlfühlland – wie eine neue Erzählung kreiert werden kann

18.»Innere« Kinder, Jugendliche und Erwachsene – wie verletzten »Teilen« Trost gespendet und sie versorgt werden können

19.Zeitlinienarbeit – wie »Biografie« neu eingeordnet und daraus Kraft geschöpft werden kann

20.Sandbildergeschichten – wie Lebensgeschichten gewürdigt und auf neue Art weitererzählt werden können

21.Das Drei-Felder-Modell – wie die Entwicklung von Familien unterstützt werden kann

Imaginationen

1.Arbeiten mit ressourcenreichen Teilen

2.Balsam für die Haut

3.Arbeiten mit der Baummetapher

4.Der inneren Stärke begegnen

5.Gelassenheit – ein Platz in der Natur

6.Arbeit mit inneren Teilen bei Ambivalenzen

7.Im Land der Verantwortung

8.Unbewusste Ressourcen mit dem Paarschiff aktivieren

9.Die tanzenden Buchstaben

10.Eine wohlig-warme Dusche

11.Zaubertranktrance für Familien, Paare und Teams

 

Die Reise geht zu Ende

Danksagung

Literatur

Anhang I: Hypnosystemisches Arbeiten – dreimal kompakt

Anhang II: Zwei Fragebögen zum Ressourcensammeln

Vorwort einer Reisenden

Dieses Buch erscheint zu einer Zeit, in der die Menschen durch die Coronapandemie vermehrt in soziale, psychische und existenzielle Notlagen geraten. Wir stehen immer wieder vor der Herausforderung, in ungewissen und unsicheren Zeiten Wege zu finden, wie wir uns sichern und orientieren können. Die vorliegende Einladung zu einer Reise in die hypnosystemische Lebensberatung ermöglicht einen gesundheitsförderlichen Blick auf einen möglichen Weg zur Sicherung durch die Nutzung eigener neuronaler Erlebnisnetzwerke und die Aktivierung unbewusster Ressourcen. Das Buch liefert Erkenntnisse zu der Frage, wie inneres Erleben entsteht, und weckt Lust auf die Erkundung diverser Antworten in den Kontexten des eigenen (Arbeits-)Lebens.

Neben entstehungsgeschichtlichen Einblicken der Lebensberatung in Deutschland wird in diesem Buch durchgängig skizziert, wie nützlich, komplementär ergänzend zu heilkundlichen Angeboten unseres Gesundheitssystems gerade auch in diesen Zeiten der niedrigschwellige Zugang zu Lebensberatungsstellen und weiteren Kontexten für unsere Gesellschaft ist. Für viele Klientinnen und Klienten ist es sichernd und hilfreich zu wissen, dass es sich bei einer Lebensberatung nicht um eine Diagnostik oder Therapie handelt. Zu erleben, dass mit relativ kurzen Wartezeiten Termine zu bekommen sind, dass die Prozesse auch in ihrer zeitlichen Dauer von Selbst(mit)bestimmung geprägt sind und dass sie im Mehrpersonensetting mit den eigenen Unterstützungspersonen stattfinden dürfen, trägt sehr zu einer hoffnungsförderlichen Haltung in der Erwartung von Eigenwirksamkeit bei. Wertschätzende Kommunikation verbunden mit einem, wie Roland Wetter in diesem Buch schreibt, »echten Interesse an den persönlichen, sozialen und kulturellen Bedingungen und Entwicklungen der Klienten« ermöglicht dem Beratung suchenden Menschen in einer Willkommenskultur ein »sich einlassen können« auf die eigenen inneren Veränderungsmöglichkeiten. Die hohe Diversität der Anlässe für Menschen, die ihren Weg in eine Lebensberatung finden, macht gleichzeitig auch die Vielfalt der Wege deutlich verstehbar, mit dem Leben in seiner Komplexität (und manchmal auch nur in gefühlter Kompliziertheit) entwicklungsförderlich zurechtzukommen.

Das Buch ist aus meiner Sicht ein fundiert zeitgemäßes und wegweisendes interdisziplinäres Modell für die zirkulären vielfältigen Ankopplungsmomente und -punkte in der beraterischen Arbeit!

So nimmt Roland Wetter die Lesenden mit auf eine Reise, ausgehend von dem »Heimathafen« des Dreiklangs Systemische Beratung – Erickson’sche Hypnotherapie – Embodiment.

Wir reisen als Lesende nahezu leicht und unwillkürlich, analog zu den Techniken der hypnosystemischen Lebensberatung, durch verschiedenste Landschaften unserer Aufmerksamkeitsfokussierung. Die Reiseroute streift mit einer kurzen Skizzierung die Landschaften theoretischer Grundlagen systemischen Denkens und Handelns, der Hypnotherapie und der Embodiment-Ansätze. Die Nutzbarkeit des in jedem Fall reichen, unbewussten Ressourcenpotenzials wird anhand einer Vielzahl von Fallbeispielen, 21 Übungen und Methoden sowie 11 Imaginationen sehr anschaulich illustriert. Sie verbindet sich mit dem recht hohen »Risiko« eines eigenen Ressourcenwachstums für wahrscheinlich alle die Lesenden, die Inhalte dieses Buches ausprobieren werden in ihren Kontexten.

Bemerkenswert ist in diesem Buch der achtsame und behutsame Umgang mit Sprache, durch den sich bei mir als lesend Reisende nahezu unbemerkt eine ermutigende Zuversicht einstellte. Zuversicht darauf, zunehmend die eigene Selbstfürsorge in der Aufmerksamkeit fokussieren zu können und somit grundlegende beraterische Kompetenzen in eigenem Tempo weiter zu fördern.

Seit nunmehr 20 Jahren verbindet mich mit Roland Wetter das gemeinsame Lernen und Wachsen auf professioneller und persönlicher Ebene. So hörte ich ihn beim Lesen seines Buches in meinem inneren Ohr sprechen und freue mich sehr über sein nun veröffentlichtes Werk, ein Geschenk an erfahrene Lebensberaterinnen und -berater sowie Berufsanfänger gleichermaßen.

Er gewährt einen durchaus autobiografischen Einblick in seine lange gewachsene, qualifizierte Fachexpertise und teilt großzügig seine gehobenen und weiterentwickelten Schätze. Gut nachvollziehbar beschreibt er seine Art der Realisierung und Umsetzung nützlicher Erkenntnisse und Wissensstände hin zu einer gelingenden Verschränkung von Haltung und Interventionstechniken.

Empfehlen möchte ich dieses Buch allen Fachkräften, die junge und ältere Menschen allein oder in größeren Systemen wirksam unterstützen möchten und hierfür in dieser praxisnahen Einführung in hypnosystemisches Arbeiten einen Zugewinn an eigener innerer Stärke generieren können. Die Steckbriefe vor den Methodenbeschreibungen erleichtern die passgenaue Auswahl der zu übenden Methoden und Imaginationen. So ist auch der Einstieg für Unterstützende, die keine fundierte Weiterbildung in Hypnotherapie oder Embodiment-Techniken haben, leicht möglich – ein niedrigschwelliger Zugang zu dem eigenen Mut, auch neue Dinge auszuprobieren, ganz sicher mit dem Gewinn kraftgebender Resonanz.

Ich wünsche allen Interessierten eine inspirierende, erkenntnisreiche und kurzweilige Lesereise in die Landschaft der hypnosystemischen Lebensberatung, eine ganzheitliche Reise zu der Nutzung ihres eigenen unbewussten Ressourcenreichtums und schließe mein Vorwort in der lyrischen Form eines »Elfchens«, einer Reduktion meines persönlichen Fazits in elf Worten.

Dreiklang dieser Lebensberatung aufmerksam – achtsam – ganzheitlich verbindet Körper, Geist, Erleben hypnosystemisch

Anke Lingnau-Carduck

Die Reise beginnt – Vorwort des Autors

Die erste Begegnung mit hypnosystemischen Ideen konnte ich 1994 während des ersten Semesters meines Sozialpädagogikstudiums an der Universität Siegen machen. Damals besuchte ich bei Siegfried Mrochen ein »Beratertraining für Sozialpädagogen«, das über drei Semester die grundlegenden Konzepte der systemisch-lösungsorientierten, hypnosystemischen und strategisch-kurzzeitorientierten Beratungs- und Therapieansätze behandelte. Wir Studierenden hatten damals die Möglichkeit, die theoretischen Modelle kennenzulernen und erste praktische Erfahrungen im Experimentieren mit Beratungssequenzen zu sammeln.

Besonders bewegte mich in einem Seminar, wie Siegfried Mrochen mit einem Kommilitonen arbeitete, der so stark stotterte, dass er kaum zwei Wörter flüssig zusammenhängend sprechen konnte. Siegfried bat den Studenten, ihm seinen Arm in seine Hand zu legen, und sprach dann sinngemäß: »Und während ein Teil deiner Aufmerksamkeit bei deinem Arm hier in meiner Hand sein kann … kann ein anderer Teil mir einfach nur zuhören …« Dann begann er mit dem Studenten zu sprechen und zwischen beiden entstand ein lebendiger und flüssiger Dialog. Diese Erfahrung ist für mich zu einem Schlüsselmoment geworden.

In meiner beruflichen Praxis habe ich mich dann weiter intensiv mit diesen Ideen beschäftigt, entsprechende Weiterbildungen besucht und sie in verschiedenen Feldern der stationären und ambulanten Jugend- und Familienhilfe anwenden und weiter vertiefen können. Inzwischen bin ich seit vielen Jahren in einem Beratungszentrum tätig und unterstütze neben Kindern, Jugendlichen, Familien ebenso Paare, Einzelpersonen und Fachkräfte.

Die Idee zu dem Buch entstand vor etwa vier Jahren. Damals entwickelte ich für eine Beratungsstelle ein Tagesseminar »Einführung in hypnosystemisches Arbeiten«. Im Zuge der Vorbereitung des Workshops entkeimte mehr und mehr das Vorhaben, meine Erfahrungen zu verschriftlichen und Interessierten zugänglich zu machen. Das Ergebnis halten Sie nun in Ihren Händen.

Ziel des Buches ist es, die vielen Facetten hypnosystemischer Praxis lebendig und spürbar werden zu lassen. Es richtet sich an Profis, die Menschen in besonderen Lebenssituationen beraten oder therapeutisch begleiten und dabei spannende neue Erfahrungen machen möchten. Dabei finden die Kontexte der Jugendhilfe, Beratungsstellen und freien Praxen besondere Berücksichtigung. Auch Fachkräfte aus anderen, verwandten Bereichen dürfen sich gern angesprochen fühlen.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil steht das Hintergrundwissen im Mittelpunkt. Neben dem Verständnis von Lebensberatung in verschiedenen Kontexten, den unterschiedlichen Lebensphasen und Entwicklungskontexten sowie der Entstehungsgeschichte des hypnosystemischen Ansatzes werden die drei zentralen Zugänge – systemisches Denken und Handeln, Hypnotherapie nach Milton Erickson und Embodiment – skizziert. Ein Kapitel zum traumasensiblen Arbeiten erhält ebenfalls seinen Raum. Im zweiten Teil beschreibe ich ausführlich das anwendungsbezogene Praxiswissen sowie die begründeten hypnosystemischen Kernannahmen und erläutere sie an vielen Beispielen. Dabei spielen die hypnosystemische Kommunikation sowie die Prozessgestaltung eine wichtige Rolle. Die Nutzung der Entwicklungskontexte, die beraterischen Kompetenzen sowie die affektive Rahmung finden ebenso besondere Berücksichtigung. Der dritte Teil steht ganz im Zeichen einer großen Anzahl von Übungen, Methoden und Imaginationen. Dabei soll hypnosystemische Lebensberatung lebendig, unmittelbar und sehr konkret für Sie erfahrbar werden!

Jetzt wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen, Lesende und Leser, viel Freude und Neugierde beim Entdecken hypnosystemischer Ideen für die Lebensberatung. Möglicherweise löst es bei dem einen oder anderen wie von selbst den Impuls aus, damit zu experimentieren und Neues entstehen zu lassen.

Roland Wetter

Hypnosystemische Lebensberatung

Hintergrundwissen

 

Zum Begriff und zur Entstehungsgeschichte von Lebensberatung

Der Begriff »Lebensberatung« ist in Deutschland eng mit der Entstehung von Beratungsstellen nach dem Zweiten Weltkrieg verbunden und wurde vor allem durch kirchliche Träger geprägt. »Nachdem bereits 1949 der Deutsche Arbeitskreis für Familienberatung ins Leben gerufen worden war, kam es in den 50er Jahren im Rahmen des von den Alliierten initiierten ›Marshall-Planes‹ in der BRD zur gesetzlichen Einführung der auf Kinder und Jugendliche und ihre Eltern begrenzten Erziehungsberatung. Diese wurde als kommunale Aufgabe begriffen und mit öffentlichen Mitteln finanziert. Als kirchliche Antwort auf diese staatliche Beschränkung analog dem Vorbild der amerikanischen ›child guidance clinics‹ wurden Evangelische Ehe- und Lebensberatungsstellen auf- und ausgebaut – offen für Menschen jeglichen Alters und jedweder Problemlage« (Fernkorn, Haid-Loh, Hufendiek, Meyer, Merbach, Volger, 2014, S. 31). Lebensberatung ist in Deutschland kein geschützter Begriff – wie beispielsweise »Psychotherapie« – und wird zunehmend in vielen Bereichen der psychosozialen Versorgung angewendet.

Dagegen gehört Lebens- und Sozialberatung in Österreich seit 1990 neben der medizinischen, psychotherapeutischen und klinischpsychologischen Versorgung zur Gesundheitsvorsorge und ist gesetzlich verankert. »Unter Lebens- und Sozialberatung verstehen wir die professionelle, bewusste und geplante Beratung, Betreuung und Begleitung von Menschen in Entscheidungs- und Problemsituationen. Lebens- und Sozialberatung ist insbesondere eine Hilfestellung und ein Angebot für Menschen, die unter den alltäglichen Belastungen oder Krisensituationen leiden, die für ihr Leben eine neue Richtung und neue Wege suchen oder sich persönlich weiterentwickeln wollen« (Bitzer-Gavornik, 2016, S. 19). Im Zuge dessen entstanden zahlreiche Ausbildungseinrichtungen und ein eigenes Berufsbild als »Diplom-Lebensberater«. Lebens- und Sozialberater gehören zur »Fachgruppe der Personenberater und Personenbetreuer« in Österreich.

In diesem Buch wird Lebensberatung als eine Unterstützungsform komplementär zu den heilkundlichen Angeboten unseres Gesundheitssystems beschrieben und bezieht sich auf alle Themen, in denen Menschen eine Klärung, Entlastung und Bewältigung einer unbefriedigenden bzw. krisenhaften persönlichen oder beruflichen Situation anstreben und dazu professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen. Lebensberatung wird in diesem Sinne weit gefasst und bildet einen Rahmen für Unterstützungsangebote in unterschiedlichen Kontexten und Settings. Die Arbeitsweisen beziehen sich dabei im Wesentlichen auf drei Kontexte: Beratungsstellen, freie Praxen sowie Jugendhilfe gemäß SGB VIII. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur psychosozialen Versorgung.

 

Lebensphasen und Entwicklungskontexte: Rahmenbedingungen für beraterisches Gestalten

Entwicklung von Menschen geschieht sowohl innerhalb der eigenen Person als auch in Beziehungen zu anderen Menschen. Daher ist es wichtig, die Wechselwirkungen des Einzelnen mit seinen jeweiligen Bezugspersonen zu berücksichtigen (Rotthaus, 2015). Gerade in der Beratung von Kindern und Jugendlichen mit ihren Eltern ist wesentlich, neben den Entwicklungsaufgaben eines Kindes oder Jugendlichen, z. B. die der Autonomie, auch die entsprechende »Entwicklungsaufgabe« der Eltern, nämlich Autonomie ihres Kindes altersangemessen zu fördern, im Blick zu haben. Ein Mensch kann erst in Bezug auf einen anderen ein Ich-Bewusstsein entwickeln. Autonomie gibt es demnach nicht an sich, sondern ist erst in Bezug auf eine andere Person möglich. Eine Balance zwischen Autonomie und sozialer Gebundenheit, die immer wieder neu hergestellt werden muss, ermöglicht eine »gesunde« Entwicklung (Rotthaus, 2005). Helm Stierlin (1989) hat dies mit dem Begriff der »bezogenen Individuation« umschrieben: ganz bei mir und gleichzeitig auf andere bezogen.

Kinder im Grundschulalter sind noch in hohem Maße an ihre Eltern gebunden. Zugleich erweitern sie ihren sozialen Aktionsradius mehr und mehr auf Klassenkameraden und Freunde und gestalten ihre Lebenssituation zunehmend mit (Rotthaus, 2015). Sie freuen sich daran, neue Erfahrungen außerhalb der Familie machen zu können, und brauchen zugleich immer wieder die Sicherheit ihrer nahen Bezugspersonen. Kinder in diesem Alter sind meist neugierig, möchten lernen, haben Interesse am spielerischen und praktischen Tun und freuen sich über jeden neu gemachten Entwicklungsschritt. Sie haben das Bedürfnis nach Erfahrung und Anregung, Dinge zu meistern, nach sozialem Miteinander sowie nach Wohlbefinden (Olness und Kohen, 2006). Es macht sie stolz, zum ersten Mal ohne Eltern bei einer Freundin übernachten zu können, allein mit dem Bus zur Schule zu fahren oder zum ersten Mal beim Bäcker ein Brötchen zu kaufen. Kinder sind besonders auf Lob und positive Rückmeldung angewiesen, da sie für die Entwicklung ihrer Identität ein Gegenüber brauchen, das ihnen liebevolle Zugewandtheit und Sicherheit vermittelt. Und Kinder müssen mit der Zeit lernen, ihre Gefühle und Impulse zu regulieren und »angemessen« mit diesen umzugehen (Holtz und Mrochen, 2005) sowie altersentsprechend Stück für Stück mehr Verantwortung zu übernehmen.

Kinder in diesem Alter werden zur Beratung durch ihre Eltern angemeldet. Sie können in der Regel noch kein eigenes Anliegen formulieren. In der Beratung geht es darum, einen Rahmen für das Kind zu schaffen, indem es sich sicher und angenommen fühlt. Erst danach kann geschaut werden, wie mit dem Kind und den Eltern ein entsprechendes Beratungsziel entwickelt werden kann (vgl. Kapitel »Entwicklungspsychologische, soziale und kulturelle Bedingungen nutzen«, S. 88).

Jugendliche befinden sich an einer anderen Stelle ihrer Entwicklung. Sie sind im Übergangsbereich zwischen Kind und Erwachsenen. Sie ahnen zwar, dass es nicht so weiter geht wie bisher, haben aber meist (noch) kein Modell, wie sie ihr Leben gestalten möchten. Für Jugendliche stehen Fragen der Identitätsentwicklung im Mittelpunkt. Damit verbunden ist die Entfaltung der Geschlechterrolle sowie das soziale Bindungsverhalten. Die Auseinandersetzung mit Werten, Normen, Ethik und Politik erhält mehr Aufmerksamkeit. Die Heranwachsenden haben zunehmend mehr Handlungsspielräume (Signer-Fischer, 2011).

In der Beratungsarbeit mit Jugendlichen erscheinen folgende Überlegungen in Bezug auf die Veränderungsdynamik dieser Entwicklungsphase wichtig (Ludewig, 2010):

–Aufgrund der Ungewissheit von anstehenden Änderungen gilt es, lieber das Bekannte auszuhalten als eine Veränderung zu riskieren, bei der die Folgen (noch) nicht absehbar sind.

–Veränderungen, die zwar als notwendig, aber auch als risikoreich erlebt werden, erfordern daher ein Wagnis.

–Beratung soll daher Bedingungen schaffen, die ein Wagnis für den Jugendlichen begünstigen, das Erleben von Hoffnung und Autonomie intensivieren und ein »mehr vom anderen« statt »mehr vom selben« wahrscheinlicher werden lässt.

Jugendliche können in dieser Hinsicht als »Grenzgänger« beschrieben werden (Ludewig, 2005a, 2005b, 2010). Sie verfügen über ein enormes Potenzial, jedoch noch wenig Erfahrung in der Umsetzung. Jugendliche werden leicht unter- oder überschätzt. Meistens lieben sie ihre Eltern, verleugnen dies aber aus der Angst, als Kind behandelt zu werden, und halten die Eltern lieber auf Distanz. Die Eltern reagieren dann oft hilflos, gekränkt oder ärgerlich. Die bisherigen Beziehungsmuster sind nicht mehr nützlich und neue sind noch nicht etabliert (Ludewig, 2010).

Das Augenmerk der Beratung mit Adoleszenten liegt darauf, einen interaktionellen, von Wertschätzung und Kooperation getragenen Kommunikationsrahmen zu schaffen. Die Beteiligten sollen sich darin sicher und angenommen fühlen, um das Wagnis von notwendigen Veränderungen einzugehen (Liechti, 2009). Dafür ist es wichtig, sich auf ihre Lebenssituation einzustellen, ihre speziellen Ressourcen anzusprechen und zu fördern (Rotthaus, 2005; vgl. »Infogespräch« im Abschnitt »Umgang mit Sprache und Gesprächsführung«, S. 82).

Meist sind Jugendliche dann motiviert für Beratung, wenn sie das Gefühl haben, davon profitieren und Veränderungen beeinflussen zu können. Sie spüren sehr genau, ob die Beraterin, der Therapeut oder die Pädagogin sie als »Grenzgänger« annehmen und akzeptieren kann.

Manchmal ist es zunächst sinnvoll, mit den Beteiligten mögliche Entwicklungsaufgaben von Familien mit Jugendlichen zu thematisieren. Im Anschluss daran kann überlegt werden, was dies konkret für die jeweilige Familie bedeuten könnte und welche Auswirkungen damit für die Beteiligten verbunden wären. Dabei wird deutlich, dass auch Eltern von Jugendlichen in gewisser Hinsicht »Grenzgänger« sind, da sie nicht mehr Eltern eines (kleinen) Kindes, aber auch noch nicht die eines erwachsenen Kindes sind (vgl. Methode »Drei-Felder-Modell«, S. 203).

Jugendliche benötigen Begleitende, die diesen zuweilen schwierigen Übergang vom Kind zum Erwachsenen mit ihnen aushalten, Ambivalenzen oder sogar Multivalenzen als Ressource nutzen können, immer wieder Hoffnung säen, »respektvoll Klartext« sprechen (Mrochen, 1994, persönliche Mitteilung) und sich dabei als authentische Person in ihrer beruflichen Rolle zeigen. »Deshalb achten sie besonders sensibel auf Botschaften der Therapeutinnen und Erzieher, die erneute Beschuldigungen und Abwertungen enthalten können. Wenn sie erfahren, dass die Therapeuten und Erzieherinnen sich nicht als bessere Eltern, besserwissende Diagnostiker, Therapeuten und Pädagoginnen präsentieren, sondern um das Verstehen der familiären Dynamik, Belastungen und Krisen bemüht sind und auf bisherige Lösungsversuche, Fähigkeiten, Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten fokussieren, ist der erste wichtige Schritt getan« (Ritscher, 2014, S. 447). Jürgen Hargens prägt den Begriff der »wohlwollenden Penetranz« (Hargens, 2001) und beschreibt damit eine von Wertschätzung und gleichzeitiger Deutlichkeit geprägten Haltung.

Entwicklungskontexte und Lebensphasen von Erwachsenen sind vielseitig und komplex. Für Eltern ergeben sich beispielsweise Erziehungsfragen in Bezug auf die Kinder, die Veränderung der Paar- beziehung nach Geburt sowie nach Auszug der Kinder. Andere beschäftigen sich mit dem Alleinsein, Sinnfragen, beruflichen Themen, dem Umgang mit dem Älterwerden oder den Beziehungen zur Herkunftsfamilie. Und für alle werden Tod und Trauer irgendwann ein Thema sein. In den jeweiligen Lebensphasen geht es darum, Übergänge zu gestalten und Ideen für entsprechende Entwicklungsschritte zu finden. Und manchmal ist es wichtig, anzuerkennen, dass es so ist, wie es ist. Dabei erhält auch bei Erwachsenen die Polarität von Autonomie und Bindung seine Bedeutung.

Elvira Muffler (2016) fasst die Entwicklungsaufgaben sinngemäß zusammen: »Während Kinder ›Mütterliches‹ und ›Väterliches‹ von außen brauchen, um sich gut zu entwickeln, heißt erwachsen sein, dass man sich selbst mit Mütterlichem und Väterlichem versorgen kann, milde mit sich ist, liebevoll mit seinen Schwächen umgehen kann und Verantwortung für eigene Bedürfnisse übernimmt. Wenn wir den Mut finden, das ›Ängstliche‹ in uns liebevoll zu betrachten, passieren wundersame Dinge« (2016, persönliche Mitteilung).

Die unterschiedlichen Lebensphasen und Entwicklungskontexte, in denen Menschen Lebensberatung nachfragen, werden auch durch die vielen verschiedenen Anlässe deutlich.

Mögliche Anlässe für Lebensberatung:

–Herr D. (23 Jahre) lebt in einer Notschlafstelle für wohnungslose Menschen. Er hat als Kind viele schwierige Erfahrungen machen müssen und fühlt sich oftmals unsicher und überfordert, eine Lebensperspektive zu entwickeln. Eine Betreuerin der Einrichtung empfiehlt ihm eine Lebensberatung.

–Frau M. (55 Jahre) erlebt sich mit der Pflege ihrer Mutter zu Hause überfordert und kommt an ihre körperlichen und psychischen Grenzen. Die Vorstellung, ihre Mutter professionell pflegen zu lassen, erzeugt bei ihr ein schlechtes Gewissen. In der Beratung sucht sie einen Umgang mit dem Dilemma.

–Vor vier Wochen hatte Marie (6 Jahre) einen schweren Unfall, den sie körperlich und offenbar auch psychisch gut überwunden hat. Ihre Eltern melden sich zur Beratung, da sie das Erlebte nicht verarbeiten können und sich schuldig fühlen.

–Herr B. (26 Jahre) soll den elterlichen Handwerksbetrieb übernehmen, doch er möchte viel lieber Rettungssanitäter werden. Seine Eltern wissen noch nichts davon und gehen davon aus, dass ihr Sohn den Betrieb übernehmen wird. Herr B. fühlt sich niedergeschlagen und hilflos.

–Maurice (17 Jahre) war immer ein guter Schüler. Jetzt stehen die Abiturprüfungen an, und er erlebt sich als ängstlich, angespannt und innerlich unruhig.

–Herr S. (30 Jahre) und Frau A. (28 Jahre) sind seit 8 Jahren ein Paar. Während Frau A. einen intensiven Kinderwunsch verspürt, denkt Herr S., dass dafür die Beziehung noch stabiler werden muss.

–Frau G. (20 Jahre) befindet sich in einer Ausbildung zur Bankkauffrau. Sie fühlt sich von der Abteilungsleitung abwertend behandelt und überlegt, die Ausbildung abzubrechen. Bald steht ein Gespräch an, was bei Frau G. Druck auslöst.

–Die Bilder im Fernsehen aus der Ukraine lösen bei Frau N. (83 Jahre) nächtliche Albträume und Erinnerungen an eigene Kriegs- und Fluchterfahrungen aus. Sie hatte gedacht, eigentlich ein schönes Leben verbracht zu haben, und fragt sich nun, ob sie noch »normal« ist. Frau N. wird vom Gemeindepfarrer an eine Beratungsstelle vermittelt.

–Philipp (15 Jahre) eröffnet seinen Eltern, dass er sich sexuell zu anderen Jungen hingezogen fühlt, was zu einem heftigen Streit besonders mit seinem Vater führt. In der Familienberatung lernen Eltern und Sohn, respektvoll miteinander umzugehen und ihre Beziehung neu zu gestalten. Philipp möchte zudem Einzelgespräche für sich nutzen.

–In Familie S. kommt es regelmäßig zu Konflikten zwischen Ben (13 Jahre) und seiner Schwester Hanna (11 Jahre), die zunehmend handgreiflich ausgetragen werden. Die Eltern fühlen sich hilflos und wenden sich ans Jugendamt.

–Herr L. (38 Jahre) leidet unter Selbstzweifeln und Antriebslosigkeit. Einen Platz bei einem Psychotherapeuten könnte er in einem Jahr bekommen. Seine Hausärztin schlägt ihm eine Lebensberatung vor.

–Frau E. (45 Jahre) bittet um Hilfe für sich und ihre zwei Kinder (14 Jahre und 12 Jahre). Ihr Mann und Vater der Kinder nahm sich vor zwei Wochen das Leben. Sie ist sehr verzweifelt und weiß nicht, wie es weitergehen kann.

–Jakob (16 Jahre) wurde im Zuge eines gerichtlichen Sorgerechtsentzugs in einer Jugendwohngruppe untergebracht. Seine Mutter, Frau A. (34 Jahre), ist traurig und beschämt, Jakob fühlt sich wütend und hilflos. Kontakt zum Vater besteht nicht.

–Frau L. (60 Jahre) war Zeugin eines Überfalls auf eine Tankstelle. Seitdem zeigt sie Symptome wie Zittern und innere Unruhe. Ihr Hausarzt hat ihr Beruhigungsmittel verschrieben und eine Therapie empfohlen. Ihre Freundin schlägt ihr ein Gespräch in einer Beratungsstelle vor, da sie selbst gute Erfahrungen damit gemacht hat und zeitnah einen Termin bekommen kann.

–Zwischen Frau (40 Jahre) und Herrn H. (42 Jahre) kommt es zu massiven häuslichen Auseinandersetzungen. Der gemeinsame Sohn Paul (11 Jahre) leidet sehr unter der Situation.1

Diese beispielhaften Anlässe zeigen, wie unterschiedlich die Themen und entwicklungsbedingten Kontexte von Lebensberatungen sein können.

_____________

1Alle Klientennamen, auch die abgekürzten, wurden in diesem Buch geändert sowie die Fallbeispiele anonymisiert.

 

Handlungsfelder: Hypnosystemisches Arbeiten in verschiedenen Kontexten

Hypnosystemische Lebensberatung integriert Haltungen und Methoden der Systemischen Beratung, der Erickson’schen Hypnotherapie sowie Embodiment-Ansätze. Sie ist kontextsensibel, lösungsorientiert und ressourcenaktivierend. Sie sieht sich auf Augenhöhe mit anderen Beteiligten im Helfersystem, bezieht weitere Unterstützungskontexte mit ein, arbeitet in Netzwerken und initiiert bei Bedarf weitergehende Hilfen.

Hypnosystemisches Arbeiten ist in ganz verschiedenen Kontexten ein hilfreiches Verfahren, Menschen bei der Entfaltung ihrer Potenziale zu unterstützen. In Beratungsstellen und freien Praxen kann meist unmittelbarer mit beraterischen und therapeutischen Ansätzen gearbeitet werden, da der Komplexitätsgrad des Angebots dort geringer ist als in der Jugendhilfe. Dort müssen im Zuge der Hilfeplanung im Dreieck Familie–Jugendamt–Hilfeanbieter zunächst Rahmenbedingungen für die gemeinsame Arbeit geschaffen werden. In Beratungsstellen und freien Praxen kann durch entsprechend gestaltete Gespräche und durch konkrete Methoden und Übungen die große Bandbreite hypnosystemischer Angebote oftmals direkter zur Anwendung kommen.

Beratungsstellen

In Deutschland entstanden ab den 1950er Jahren viele Erziehungs-, Familien-, Paar-, und Lebensberatungsstellen sowie im Verlauf spezielle Fachberatungsstellen in unterschiedlicher Trägerschaft. Die Beratungsstellenlandschaft ist sehr verschieden. In den Erziehungs- und Familienberatungsstellen arbeiten multiprofessionelle Teams aus Psychologinnen, Sozialpädagogen, Sozialarbeitern, Heilpädagoginnen etc. mit Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen, Familien und Eltern mit unterschiedlichen beraterisch-therapeutischen Verfahren. Erziehungsberatungsstellen gehören zur Pflichtversorgung einer Kommune und werden von verschiedenen Trägern angeboten. Daneben gibt es Paar- und Lebensberatungsstellen, die teils in Erziehungsberatungsstellen integriert sind. Außerdem verfügen wir in Deutschland über ein regional sehr unterschiedlich breites Angebot an speziellen themenbezogenen Fachberatungsstellen wie z. B. Schulberatung, Suchtberatung, geschlechterbezogene Beratung, Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung, Beratung für Menschen mit Gewalterfahrung.

Beratungsstellen zeichnen sich durch ein hohes Maß an Niederschwelligkeit aus. Eine Anmeldung ist für alle Menschen unabhängig vom Status möglich. Es muss weder ein Antrag bei einer Behörde gestellt werden noch ist eine Überweisung eines Arztes erforderlich. Die Beratung ist in der Regel freiwillig, daher ist die Beratungsmotivation vergleichsweise hoch, was für die Veränderungsmotivation nicht automatisch gilt. Wichtiger Aspekt der Niederschwelligkeit ist auch, dass Angebote in Beratungsstellen für die Kundinnen und Kunden in der Regel kostenlos sind.

Beratungsstellen bieten in vielerlei Hinsicht eine hohe Flexibilität. Je nach Kontext, Anliegen und Ziel kann im Einzel- oder Mehrpersonensetting gearbeitet werden. Die Anzahl der Beratungskontakte sowie die Abstände zwischen den Sitzungen sind sehr unterschiedlich und richten sich nach den jeweiligen Bedarfen und vereinbarten Aufträgen. In Krisen kann oftmals ein zeitnaher Termin angeboten werden. Der Beratungsbeginn ist vergleichsweise zeitnah und die Wartezeiten sind relativ überschaubar, wobei sich dies regional sehr unterscheiden kann. Die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) empfiehlt, dass 80 Prozent der Anmeldenden einer Beratungsstelle innerhalb von drei, spätestens vier Wochen ein Erstgespräch angeboten wird (bke, 2022). Die meisten Beratungsprozesse sind nach meiner Erfahrung in der Regel nach zwei bis etwa acht Kontakten beendet. Verstärkt durch die Coronapandemie kommen zunehmend digitalisierte Formate zum Einsatz.

Freie Praxen

Viele Kolleginnen und Kollegen in freien Praxen bieten Beratung und Therapie diesseits des »Heilauftrags« an. Manche haben sich auf bestimmte Themen und Settings spezialisiert. So arbeiten einige mehr mit Einzelpersonen, andere eher mit Paaren oder Familien. Zugleich gibt es eine große Vielfalt an beraterisch-therapeutischen Verfahren, die zur Anwendung kommen. Freie Praxen haben einen großen Gestaltungsspielraum in ihrer Beratungsarbeit. Es steht ihnen frei, zu entscheiden, mit welchen Klienten und in welchen Settings sie wie lange arbeiten möchten. Sie finanzieren sich im Gegensatz zu den kostenlosen Beratungsstellen und den kassenfinanzierten Psychotherapien über ein entsprechendes Honorar, das Klienten in der Regel als Selbstzahler entrichten müssen.

Jugendhilfe

Gesetzliche Grundlage der Jugendhilfe ist das SGB VIII. Demnach haben Kinder, Jugendliche und Eltern ein Recht auf Unterstützung durch das Jugendamt. Die Arbeit im Kontext der Jugendhilfe ist sehr vielschichtig und stellt oftmals eine besondere Herausforderung für alle Beteiligten dar. Während die niederschwellige Form eine Beratung durch die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) des Jugendamtes darstellt, erfordern weitergehende Hilfen einen entsprechenden Antrag auf Hilfe zur Erziehung. Jugendhilfe geschieht im Dreieck Jugendamt–Familie– Leistungsanbieter. Die Form der Hilfen umfasst je nach Bedarf ein breites Spektrum und reicht von aufsuchender Beratung bis hin zu stationären Angeboten in Wohngruppen und Pflegefamilien.

In den Jugendämtern bietet vor allem systemische und hypnosystemische Kommunikation viele Möglichkeiten, Beratungs- und Hilfeplangespräche klar zu strukturieren und ressourcenorientiert zu gestalten. In NRW bieten beispielsweise die Landesjugendämter den Mitarbeitenden in den Jugendämtern vor Ort eine Qualifizierung in »Systemischer Hilfeplanung«, um entsprechende Kompetenzen zu erwerben. Manchmal reichen schon wenige kommunikative Angebote, um in Gesprächen die Beziehung zu stärken, neue Impulse zu setzen und hilfreiche Suchprozesse entstehen zu lassen (Prior, 2003).

Entsprechende Hilfen werden durch das Instrument der Hilfeplanung durch die Fachkräfte des Jugendamts gesteuert. Hilfeplanung ist ein komplexer Prozess, in dem es wichtig ist, die sich aus den unterschiedlichen Rollen ergebenden Aufgaben klar und wertschätzend zu kommunizieren. Die Gestaltung eines Hilfeplangesprächs als überwiegend formalen Verwaltungsakt lässt dagegen viele Ressourcen im Hilfesystem ungenutzt. »Eine systemische Perspektive ermöglicht die Realisierung von Hilfeplanung als Potentialentfaltung in einem transdisziplinären Prozess, orientiert an den Lebenswelten der Familien in kongruenter Kooperation mit den Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe, der Medizin und der Bildungseinrichtungen« (Lingnau-Carduck und Wolter, 2021, S. 120). Eine wesentliche Grundlage für die Wirksamkeit von Hilfen zur Erziehung ist eine tragfähige und kontinuierliche Beziehung zwischen Fachkräften und Hilfeempfängern. Darüber hinaus ist es wichtig, die Familien bei der Auswahl der Hilfe sowie bei der Entwicklung von Zielen aktiv zu beteiligen (Winkelmann, 2020).

Aufsuchende Hilfen wenden sich an Familien, die besser erreicht werden können, wenn die Möglichkeit besteht, sie in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld aufzusuchen. In Familien, die freiwillig oder unfreiwillig aufsuchende Hilfen erhalten, gab es in der Vergangenheit oftmals eine Reihe von Lösungsversuchen, die leider nicht zum gewünschten Erfolg führten. Die Familien sind oft von sozialer Benachteiligung betroffen und komplex belastet. Die Kinder und Jugendlichen sind in besonderem Maße Risikofaktoren für ihre seelische und körperliche Gesundheit ausgesetzt (Bräutigam und Müller, 2014). Die Familien machen so wiederholt die Erfahrung von Scheitern und Kränkung. »Sie wissen in der Regel, was sie in ihrem Leben verändern müssen, wenn es uns professionellen Helfern gelingt, ihren Beitrag zur Veränderung zu wertschätzen und sie in ihren Anstrengungen zu unterstützen. Sie benötigen im Allgemeinen keine Hinweise oder ein Herausstellen ihrer Probleme, sie kennen diese selbst zur Genüge« (Conen, 2002, S. 40).

In der aufsuchenden Familienhilfe arbeiten oftmals zwei systemisch qualifizierte Fachkräfte mit der Familie an den zuvor im Hilfeplan entwickelten Zielen. Es gibt eine Vielfalt an Settings, die sich an den jeweiligen Bedarfen orientiert. So können Beratungsgespräche mit der ganzen Familie, den Eltern und den Kindern jeweils allein oder auch in wechselnden Konstellationen stattfinden. Durch die »Beratung am Küchentisch« findet die unmittelbare Lebenswirklichkeit der Familien Berücksichtigung. Dadurch werden die Profis stark mit Fragen der eigenen Werte und Lebensvorstellungen konfrontiert. Da die Annahme und der Erfolg der Hilfe wesentlich dadurch bestimmt werden, ob sich die Familien durch die Fachkräfte wertgeschätzt und gesehen fühlen, erfordert dies eine ständige Auseinandersetzung mit den eigenen Wertesystemen (Bräutigam und Müller, 2014).

In der aufsuchenden Familienarbeit, insbesondere der Aufsuchenden Familientherapie (AFT), haben systemische Konzepte inzwischen eine lange Tradition. Diese können leicht durch hypnosystemische Elemente angereichert und ergänzt werden.

Jugendliche, die in Wohngruppen leben, können aus unterschiedlichsten Gründen nicht im elterlichen Haushalt verbleiben. Auch hier gab es zuvor viele Bemühungen, die familialen Beziehungen und die erzieherischen Kompetenzen zu stärken, um ein Zusammenleben mit der Familie zu ermöglichen. Die Unterbringung ist für die Familie eine sehr einschneidende Erfahrung, die mit einer Vielzahl unterschiedlicher Gefühle verbunden ist: Neben einer Entlastung mischen sich oft auch Wut, Verzweiflung und Kränkung, verbunden mit der Vorstellung, als Eltern versagt zu haben oder als Kind nicht »gut genug« zu sein.

Jugendliche in stationären Einrichtungen haben häufig sehr belastende Erfahrungen machen müssen und sich wenig selbstwirksam erlebt. So kann es ihnen schwerfallen, den nötigen Mut und die innere Stärke zu entwickeln, um ihren neuen Platz in der Familie zu finden und eine Idee davon zu bekommen, wie sie ihr Leben in Zukunft eigenverantwortlich gestalten möchten.

Es gibt inzwischen viele verschiedene Formen von Wohngruppen in unterschiedlicher Trägerschaft. Größere Träger bieten neben sog. Regelgruppen spezielle Angebote für von Traumata betroffene Jugendliche, Clearinggruppen, geschlechterbezogene oder andere spezialisierte Intensivgruppen.

Eine systemisch orientierte Arbeit in Wohngruppen berücksichtigt nach Bertsch und Böing (2005) vier miteinander verknüpfte Perspektiven im Sinne einer »lernenden Gemeinschaft – zusammen mit den Kindern und ihren Familien« (Bertsch und Böing, zit. nach Ritscher, 2014, S. 448):

–Das Leben innerhalb der Gruppe: Ziel ist die Entwicklung von sozialen Kompetenzen und die Übernahme von Verantwortung innerhalb der Gruppe.

–Pädagogische und therapeutische Angebote: Ziel ist es, die Eigenverantwortung zu stärken und »kognitiv-affektive sowie selbstreflexive Kompetenzen zu fördern«.

–Die Unterstützung der Jugendlichen bei ihren Aktivitäten im sozialen Raum wie Schule, Freunde oder Nachbarschaft mit dem Ziel, ihre sozialen Kompetenzen zu fördern.

–Die systematische Einbeziehung der Familie mit dem Ziel, durch familientherapeutische Angebote die Beziehungen zu stärken und als Ressource zu nutzen. Dabei kann sich auch die Frage stellen, ob eine Rückkehr in den Familienhaushalt möglich ist.

Auch in Jugendwohngruppen finden sich viele Anwendungsmöglichkeiten für hypnosystemisches Arbeiten. Besonders in der Einzelarbeit mit den Jugendlichen sowie in den familientherapeutischen Angeboten lassen sich hypnosystemische Konzepte leicht nutzen, um Jugendliche und ihre Familien wirksam zu unterstützen.

In all diesen Tätigkeitsfeldern ist es wichtig, nicht zu schnell und einseitig Ziele in den Blick zu nehmen, sondern die so vertrauten alten Muster noch eine Zeit lang bewahren zu dürfen und als derzeit noch bestmögliche Lösungsversuche zu würdigen. Denn im symptomatischen Verhalten als Teil des alten Musters äußern sich Hinweise auf wichtige Bedürfnisse der Beteiligten. Damit nutzt hypnosystemisches Arbeiten genau dieses Spannungsfeld zwischen dem Bewahren von Bestmöglichem und dem Wunsch nach Veränderung als Ressource und eröffnet Räume, sich als wirksamen und kraftvollen Gestalter zu erfahren.

Weitere Kontexte

Der Sozialarbeiter Ralf Eric Kluschatzka-Valera beschäftigt sich in seinem Blog »Hypnosoziale Systemik« mit Anwendungsmöglichkeiten des hypnosystemischen Ansatzes in der Sozialarbeit. Dabei stehen besonders die vielen Möglichkeiten einer ressourcenorientierten Kommunikation im Vordergrund. »Das Ziel der ›Hypnosozialen Systemik‹ ist der konkrete und praxisrelevante Aufbau und Ablauf einer helfenden Kommunikation, um gelingende Unterstützungssituationen zu gestalten. Die ›Hypnosoziale Systemik‹ bietet konkrete Vorgehensweisen und Werkzeuge an, um sozialarbeiterische Gespräche und Situationen an Zielen, Stärken und Lösungen zu orientieren. Das Ziel dieses Vorgehens ist der Aufbau einer helfenden Kommunikation, die zieldienlich über Hilfeprozesse abläuft – manchmal sogar über Jahre der Begleitung« (Kluschatzka-Valera, 2021, siehe auch 2022).

Darüber hinaus kann hypnosystemische Beratung bzw. Elemente davon auch in vielen anderen Kontexten stattfinden und wirksam sein: in Präventivangeboten von Krankenkassen im Rahmen Systemischer Gesundheitsförderung (Lingnau-Carduck und Kronenberg, 2021), in Schulen, in Krankenhäusern und Arztpraxen, in Psychotherapie, in Rehabilitation, in der Arbeit mit älteren Menschen, Menschen mit Behinderungen und Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern sowie im Bereich der Seelsorge. Überall dort unterstützt hypnosystemische Kommunikation Menschen in ihrem Selbstwirksamkeitserleben.

 

Traumasensibles Arbeiten

»Zentrale Anforderungen an die Arbeit mit traumatisierten Menschen sind das Ermöglichen von Kontrollerfahrung, der Selbstregulation und die Möglichkeit, eine verlässliche Beziehung im sicheren Kontext zu erleben« (Hantke, 2012, S. 200).

Wofür ein Kapitel zum traumasensiblen Arbeiten? Fachkräfte in Jugendhilfe, Beratungsstellen und freien Praxen kommen häufig mit Menschen in Kontakt, die existenziell belastende Erfahrungen gemacht haben. Und das in der Regel viel früher als spezialisierte Traumatherapeuten:

–Der Erzieher einer Wohngruppe, der mit selbstverletzendem Verhalten eines Jugendlichen konfrontiert wird, sich hilflos fühlt und dies nicht einordnen kann.

–Die Beraterin, die eine Frau betreut, die immer wieder häusliche Gewalt seitens ihres Partners erlebt.

–Der Berater, der einen jungen Mann begleitet, der den Suizid einer Person an einem Bahnsteig als Zeuge erlebt hat.

–Die Pflegeeltern, welche beim Zubettbringen ihres 10-jährigen Pflegesohnes mit seiner panischen Angst, verlassen zu werden, umgehen müssen.

–Der Berater, bei dem sich ein junger Familienvater wegen Erziehungsproblemen anmeldet und der im ersten Gespräch davon berichtet, vor vielen Jahren als Söldner im Bosnienkrieg gewesen zu sein. Er gibt an, von dem Erlebten immer wieder »überflutet« zu werden und »die Bilder nicht mehr loszuwerden«.

Viele Beraterinnen, Pädagogen, Erzieherinnen, Lehrer, Pflegeeltern, Therapeutinnen, Pflegekräfte, Notfallseelsorger, Polizistinnen etc. leisten den »Löwenanteil der Arbeit mit Betroffenen« (Hantke und Görges, 2012, S. 29). Im Zuge dessen haben sich in den vergangenen Jahren ergänzend zur »Traumatherapie« die Bereiche »Traumaberatung« und »Traumapädagogik« entwickelt. In beiden Bereichen werden die Erkenntnisse der Psychotraumatologie für beraterische (z. B. Beratungsstellen, Jugendamt, Soziale Arbeit) und pädagogische (z. B. Wohngruppen, Schulen, Kindertagesstätten) Kontexte genutzt, um Betroffene in ihrem Selbstwirksamkeitserleben zu unterstützen. Daher möchte ich an dieser Stelle einige Aspekte traumasensibler Beratung kurz skizzieren und darlegen, warum sich hypnosystemische Verfahrensweisen gerade hier sehr bewährt haben.

Traumasensibel meint dabei die Fähigkeit der Fachkraft, entsprechende Hinweise auf eine mögliche Traumatisierung zu erkennen und mitzuberücksichtigen, einen sicheren Rahmen sowie eine erste Stabilisierung des Betroffenen zu ermöglichen und bei Bedarf traumatherapeutische Angebote zu vermitteln.

Dabei ist es wichtig, immer wieder Selbstfürsorge zu betreiben, die eigenen Grenzen (persönlich, fachlich, institutioneller Kontext) zu kennen und zu achten und sich angemessen selbst vor dem intensiven Erleben des Klienten schützen und distanzieren zu können. Intervision bzw. Supervision sind hier als Unterstützung unerlässlich. Nur eine »geschützte Beraterin« kann einerseits passend mit dem Klienten mitschwingen und andererseits aus einer sicheren Position hilfreich intervenieren. Eine Fachkraft, die glaubt, vom Trauma betroffene Klienten »retten« zu müssen oder zu können, wird letztlich für die Klienten nicht hilfreich und wirksam sein können, sondern läuft eher Gefahr, eigene Grenzen nicht zu beachten. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Beraterin durch die Begleitung der hochbelasteten Klientinnen und Klienten selbst traumatisiert wird (Sekundärtraumatisierung). Hantke und Görges (2019) nutzen in dem Zusammenhang die Metapher eines Werkzeugs. Demnach sind wir Berater selbst Werkzeuge unserer Arbeit. Und für gute Arbeit braucht es eben ein gepflegtes Werkzeug.

Nach Korittko (2019, S. 18) sind Traumata »Ereignisse, die sich durch ihre Plötzlichkeit (›aus heiterem Himmel‹), durch ihre bedrohliche Heftigkeit (zerstörerische Kräfte in der Natur, häufiger noch zwischen Menschen) und ihre Ausweglosigkeit (schutzloses Ausgeliefertsein) von Alltagsbelastungen unterscheiden. Sie können ein-

malig oder über Monate und Jahre wiederholt geschehen.«

Die Situation wird vom Betroffenen als überwältigend, existenziell bedrohlich und voller Ohnmacht erlebt. Dieser Bedrohung konnte durch »kämpfen« und »flüchten« nicht entkommen werden. Das Erlebte führt im Organismus zu einer erheblichen Stressreaktion und versetzt Körper und Geist in Alarmbereitschaft. Wenn weder »kämpfen« noch »flüchten« möglich ist, kommt es zur Erstarrung (Reddemann und Dehner-Rau, 2006). Das Gehirn schaltet auf Notfall und das bewusste Denken und planvolle Handeln stehen nicht mehr zur Verfügung. Hantke (2012) weist darauf hin, dass in dieser Notfallsituation Muskelspannung, Herzschlagfrequenz, Blutdruck und Atmung außerhalb des normalen Bereichs liegt. Im normalen Bereich befindet sich unser Organismus dann, wenn eine Belastung als bewältigbar erlebt wird und wir hinreichend Zugang zu unseren Ressourcen haben. Der Organismus reagiert also unwillkürlich auf ein unnormales Ereignis.

Wichtig ist es, den Klientinnen und Klienten diese Zusammenhänge leicht verständlich zu erklären, damit sie diese besser einordnen und nachvollziehen können. Klienten erleben es oftmals als entlastend, dass ihre Gefühle und ihr Körpererleben als »normal« – im Sinne der Situation angemessen – beschrieben werden und der Organismus versucht, sich vor dem Erlebten zu schützen und es zu bewältigen.