I Know Where You Buried Your Husband - Marie O'Hare - E-Book

I Know Where You Buried Your Husband E-Book

Marie O'Hare

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Beschreibung

Sofia und ihre Freundinnen sind schon seit der Schulzeit immer füreinander da. Sie alle sind witzig, scharfsinnig, klug - und sie teilen ein düsteres Geheimnis.
Als Sofias Ehemann plötzlich tot im Wohnzimmer liegt, gilt es, zusammenzuhalten. Nachdem sie sich ihm mit einigen Müllsäcken, einem Spaten und ein paar anderen fragwürdigen Methoden entledigt haben, brechen sie den Kontakt ab und müssen die alltäglichen Stolpersteine des Frauseins ohne die Unterstützung der anderen bewältigen. Doch sieben Jahre später werden sie von einer Unbekannten erpresst - und sie müssen sich fragen, was sie einander wirklich bedeuten und wie weit sie gehen, um sich gegenseitig zu schützen.

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Seitenzahl: 528

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumMotto2016SOPHIACAOIMHEELLASAFAAJOLAHEXENKUNSTDAS WÄLDCHENSIEBEN JAHRE SPÄTERCAOIMHEAJOLAELLASAFASOPHIAFINSBURY PARKCAOIMHEELLASAFAAJOLASOPHIACAOIMHEAJOLASOPHIAAJOLACAOIMHEELLADIE PANSOPHIASAFAELLACAOIMHEAJOLAELLASAFAAJOLACAOIMHESOPHIASAFAAJOLAELLACAOIMHESOPHIAAJOLASAFAELLACAOIMHENEUE BANDEELLAAJOLACAOIMHESAFASOPHIAELLACAOIMHEAJOLASAFASOPHIAAJOLAELLASAFACAOIMHESOPHIAAJOLAELLASAFACAOIMHEBETHANYSOPHIAHEXENKUNSTDAS WÄLDCHENBILANZSOPHIACAOIMHESAFAELLAAJOLAELLACAOIMHESAFASOPHIAEPILOGAJOLASAFAELLACAOIMHESOPHIA

Über dieses Buch

Sofia und ihre Freundinnen sind schon seit der Schulzeit immer füreinander da. Sie alle sind witzig, scharfsinnig, klug – und sie teilen ein düsteres Geheimnis.

Als Sofias Ehemann plötzlich tot im Wohnzimmer liegt, gilt es, zusammenzuhalten. Nachdem sie sich ihm mit einigen Müllsäcken, einem Spaten und ein paar anderen fragwürdigen Methoden entledigt haben, brechen sie den Kontakt ab und müssen die alltäglichen Stolpersteine des Frauseins ohne die Unterstützung der anderen bewältigen. Doch sieben Jahre später werden sie von einer Unbekannten erpresst – und sie müssen sich fragen, was sie einander wirklich bedeuten und wie weit sie gehen, um sich gegenseitig zu schützen.

Über die Autorin

Marie O’Hare hat für die Europäische Union und an Schulen in Thailand gearbeitet, bevor sie Grundschullehrerin wurde. Sie absolvierte außerdem ein Masterstudium in Novel Writing an der Middlesex University und nimmt regelmäßig an Cross-Country-Rennen teil. Sie lebt mit ihrer Familie in Essex. I KNOW WHERE YOU BURIED YOUR HUSBAND ist ihr Debütroman.

MARIE O’HARE

I KNOW

WHERE YOU

BURIED

YOUR

HUSBAND

ROMAN

Übersetzung aus dem Englischen vonFrauke Meier

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Titel der englischen Originalausgabe:

»I Know Where You Buried Your Husband«

Für die Originalausgabe:

Copyright © Marie O’Hare 2025

Published by arrangement with RCW Literary Agency

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2025 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.

Textredaktion: Friederike Haller

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Einband-/Umschlagmotiv: © www.buerosued.de

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-8404-7

luebbe.de

lesejury.de

Sie ist der Sturm. Sie ist das Meer. Naturgegeben. Unergründlich. Veränderlich.Knöpfe und Schlaufen, alles greift ineinander.Ein ewiger Kreis. Ein endloses Labyrinth.

2016

»Man hat uns beigebracht, es sei ein Erfolg, für Männer sexuell attraktiv zu sein. Es sei eine Ehre, wenn Männer scharf auf uns wären. Man hat uns beigebracht, um jeden Preis fit zu bleiben, weil das unseren Wert ausmache. Man hat uns beigebracht, wenn viele Männer …« Ajola reckte einen langen, manikürten Finger in die Höhe, »… uns vögeln wollen, sei das ein Zeichen dafür, dass wir als Frauen erfolgreich wären. Die Wahrheit ist – und das ist etwas, das man euch nicht erzählt …« Sie legte eine kurze Pause ein. »Männer wollen alles ficken. Sie würden Leute ficken, die sie gar nicht anziehend finden. Sie würden eine rohe Hühnerbrust ficken. Ein Sandwich. Oder Ketchupflaschen. Sie würden einen Topf Götterspeise an den Stiel eines Besens hängen und ihn ficken wie eine Sexpuppe. Mein Punkt – mein Punkt, mein Punkt«, sagte sie, und ihre Stimme wurde lauter, um die Proteste und Einwände zu übertönen, »ist, dass ein Mann, der euch ficken will, euch nicht zu etwas Besonderem macht. Unsere Errungenschaften hängen nicht davon ab, wie Männer sie bewerten. Ich meine, habt ihr euch mal die Hosen eines Mannes angesehen? Habt ihr mal seine Kehrseite betrachtet? Die wollen über uns urteilen?«

»Du bist doch nur sauer, weil du nie mit einem richtigen, erwachsenen Mann zusammen warst«, warf Caoimhe ein. »Die, die du hattest, waren bloß kleine Jungs. Ich habe jedenfalls noch nie gehört, dass irgendein echter Mann seinen Schwanz in eine Flasche Ketchup steckt.«

Safa steuerte ihren 3er BMW in die schmale Parklücke gegenüber dem Haus und schaltete den Motor ab.

»Wie verdorben Männer sind, kannst du überall im Internet lesen«, sagte Ajola.

»Das Internet ist selbst verdorben«, erwiderte Caoimhe. »Das ist das Problem. Es ist ein Ventil. In der Anonymität des Webs lassen die Leute allen möglichen Fantasien freien Lauf, aber im realen Leben existiert das alles nicht. Oder – oder, oder«, sagte sie und reckte nun ihrerseits einen Finger hoch, als Ajola dazu ansetzte, sie zu unterbrechen, »es existiert doch, betrifft aber nur den Bruchteil eines Prozents der Leute.« Mit einem Nicken deutete sie auf die Tür. »Raus jetzt. Ich bin hier total eingequetscht.«

Ajola öffnete die Tür und trat hinaus auf die stille Gasse. Irgendwo hinter der Hecke schrie eine Füchsin. Im Laub raschelte es. Das Licht des Vollmonds fiel auf Ajolas Hände. Die anderen knallten die Wagentüren zu, gesellten sich zu ihr und schauten sich auf der dunklen, abgelegenen Straße um.

»Muss ein Vermögen kosten, hier draußen zu leben«, bemerkte Caoimhe.

»Tut es«, bestätigte Sophia, holte ihre Schlüssel hervor und ging den anderen voran über die Straße. »Aber es ist friedlich, und man hat seine Ruhe.«

»Klingt wie einem Michael-Morpurgo-Roman entsprungen«, kommentierte Ella und steckte sich ein neues Kaugummi in den Mund.

»Seht euch Ella an.« Caoimhe tippte sich an die Schläfe. »Intelligent. Selbstsicher. Selbstbeherrscht. Sie wird keinen Mann daten, der seinen Schwanz in ein Sandwich steckt. Ihre Kerle besitzen diese Würde …« Sie zog die Brauen hoch. »Diese Majestät. Du hast diese …«, sie ergriff zwei Händevoll von etwas Unsichtbarem, »… Maskulinität selbst erlebt. Also komm uns nicht mit solchem Blödsinn.«

»Ich sage ja nicht, es gäbe keine guten Männer«, erwiderte Ajola, als Sophia den Schlüssel ins Schloss steckte. Der metallene Beschlag schimmerte im Mondlicht. »Ich sage, wir lassen zu, dass Männer über uns urteilen. Und das sind Ärsche.«

»Nicht alle Männer. Und für jeden arschigen Mann kann ich dir ein weibliches Gegenstück nennen«, konterte Caoimhe.

Sophia stieß die Tür auf. »Stell mich auf die Probe. Erinnerst du dich zum Beispiel an Catriana aus Wirtschaftslehre in der Zehnten? Miststück. Und wisst ihr noch, dieses Mädchen – äh …« Sie sah Ajola an, als sie nacheinander ins Haus gingen. »Das aus unserem Bus, wie war noch ihr Name? Die hat immer versucht, mich beim Sport niederzumachen.«

»Ich erinnere mich.«

»Fiona Green«, sagte Ella und bot Caoimhe ihre Kaugummipackung an.

»Ja. Miststück.«

Sophia blieb wie vom Schlag getroffen auf der Fußmatte stehen, auf der in großen, verschnörkelten, grünen Buchstaben »Willkommen« zu lesen war. Die anderen vier drängelten sich um sie herum und blickten in das kleine Wohnzimmer. Es sah makellos aus. Der Laminatboden war frisch gewischt, der Zierrat in den Regalen frei von Staub und im richtigen Winkel aufgestellt, sodass er im Licht der Deckenlampen funkelte. Die Umschläge auf dem Sofatisch waren säuberlich aufgestapelt und perfekt nach den Tischkanten ausgerichtet. Neben dem Tisch, den Kopf zur Seite gedreht, lag Chris, seit fünf Jahren Sophias Ehemann. Seine Wange klebte am Boden und seine glasigen Augen starrten ihre Füße an. Er war so gefallen, dass seine Hände an den Seiten lagen, der Rücken emporgewölbt, die Knie gespreizt. Eine große Lache dickflüssigen, schwarzen Bluts hatte sich wie ein dunkler See um ihn herum ausgebreitet, undurchdringlich und widerwärtig zugleich.

SOPHIA

Zunächst hatte Sophia beschlossen, sich umzubringen. Das schien der einzige Ausweg. Sie hatte darüber nachgedacht, es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Einfach auf der Hauptstraße vor einen Laster zu springen. Sich vor einen Zug zu werfen. Jeder hätte geschworen, sie müsse ausgerutscht sein, denn warum sollte sie sich das Leben nehmen?

Während die Monate vergingen, entschied sie irgendwann, ihren Suizid nicht zu verheimlichen. Eine Überdosis Schmerzmittel, eine Plastiktüte über dem Kopf, der Schlauch in der Garage, wie sie es in Fernsehserien gesehen hatte. Ganz offensichtlich, sodass niemand auch nur den geringsten Zweifel daran haben konnte, wie furchtbar ihr Leben an Chris’ Seite gewesen sein musste. Wie sehr sie gelitten hatte. Es wäre wirklich besser für alle, wäre sie tot. Kein Stress mehr, keine Spannungen. Sollten die anderen sich ihren eigenen Reim darauf machen. Scheiß drauf. Sie wäre dann tot.

Eines Morgens, es musste ein Samstag oder Sonntag gewesen sein, so gegen halb elf, kam sie die Treppe rauf und sah Chris im Bett liegen, flach auf dem Rücken, das Federbett bis ans Kinn gezogen, das Gesicht heiter und gelassen der Decke zugewandt. Er war bereits aufgestanden, hatte neunzig Minuten auf der Toilette verbracht und sie angeraunzt, weil sie den Kosmetikeimer im Bad nicht geleert hatte; er hatte sich sogar schon angezogen – und war dann zurück ins Bett gekrochen.

Isla hielt sich im Wohnzimmer auf. Sophia konnte das Plappern im Fernseher und Islas begeisterte Reaktionen hören. Chris hatte ein leichtes Lächeln auf den Lippen, und Sophia sah an der Art, wie seine Brust sich hob und senkte, dass er nicht schlief. Er lag nur da, wach, wohl wissend, dass sie ihn beäugte, wohl wissend, dass sie wusste, dass er nicht schlief, und er wartete regelrecht darauf, dass sie etwas sagte. Das war der Moment, in dem Sophia erkannte, dass sie genau das Leben führte, das sich Jill Caister immer für sie ausgemalt hatte.

Und es war auch der Moment, in dem Sophia zu dem Schluss kam, dass ihr bester Ausweg nicht darin bestand, sich selbst zu töten, sondern Chris.

Es war eine einleuchtende Lösung. Warum um alles in der Welt sollte sie Vorkehrungen treffen, sich selbst umzubringen, wenn sie ebenso gut ihn aus dem Leben befördern konnte? Sie würde besser für Isla sorgen. Chris bemerkte nicht mal, wenn ihre Tochter sich wehgetan hatte. Stundenlang ließ er sie hungern. Und er ärgerte sich über jede Minute, die er aufwenden musste, um nach ihr zu sehen, als wäre Vater zu sein das Gleiche wie Babysitten. Ohne Chris könnte Sophia sogar eine noch bessere Mutter sein, denn dann wäre sie nicht ständig eingeschüchtert, müsste sich nicht unentwegt wie auf rohen Eiern bewegen. Sie wäre frei von der ihr unverständlichen Schuld, der Verbitterung. Sie könnte wieder die Dinge tun, die sie liebte. Ihr ganzes Leben würde sich ändern, wenn Chris tot wäre. Sie wäre so glücklich. Sie wäre endlich wieder glücklich.

Sie leerte den Kosmetikeimer und fühlte sich so unbeschwert wie seit Jahren nicht mehr.

»War gar nicht so schwer, oder?«, rief Chris vom Bett, die Augen immer noch geschlossen.

Überhaupt nicht.

Sophia hatte ihre Persönlichkeit erst mit zwölf gefunden, nachdem sie Jills erdrückenden Fängen entronnen war. Mit Jill war sie zaghaft gewesen, verunsichert. Ohne Jill war sie lustig und lebendig, ein wesentlicher Bestandteil des Quintetts bestehend aus ihr, Caoimhe, Ajola, Safa und Ella. In ihrem Kreis war sie aufgeblüht und hatte stets gehofft und sich bildhaft vorgestellt, Jill würde sie mit ihren wahren Freundinnen erleben.

Siehst du? Das bin ich.

Wie sich jedoch herausgestellt hatte, kollidierte Sophias aufgeschlossene Persönlichkeit mit der von Chris, wenn an einem Dienstagabend um sieben jemand Essen machen und jemand Isla baden musste und dieser Jemand grundsätzlich sie war.

Im Lauf der Zeit war die Gegenwehr zu anstrengend geworden und Sophia immer stiller und stiller, zaghafter und zaghafter, und ganz allmählich unterhöhlten die Realitäten des Lebens ihre Identität, bis von ihrer Persönlichkeit nichts mehr übrig war und Sophia sich erneut in ihr Schneckenhaus zurückzog. Befangen. Sprachlos und ohne Gesprächspartner. Sie wusste nicht, warum Ajola, Caoimhe, Ella und Safa sie nach wie vor zu ihrer Runde zählten. Vielleicht aus Mitleid.

Seit der Schulzeit hatte Sophia mit Hingabe geschrieben, ständig Kurzgeschichten ersonnen, Novellen, Romane. Die Dateien verstaubten nun in ihrem Computer. Dabei war sie lange Zeit überzeugt gewesen, sie würde eines Tages den großen Roman ihrer Generation verfassen. Sie würde jemand sein. Es Jill eines Tages so richtig zeigen. Aber als sie sechsundzwanzig wurde, hatte sie immer noch nichts veröffentlicht, nicht einmal eine Kurzgeschichte in der Uni-Zeitung. Ihr Potenzial entzog sich ihr einfach. Eines Tages, so dachte sie, würde Jill Caister den Sieg davontragen.

Jahrelang hatte sie gegrübelt und diverse Methoden ausprobiert, um ihren Stil zu verbessern. Erst kürzlich, ungefähr zu der Zeit, zu der sie ernsthaft angefangen hatte, über Selbstmord nachzudenken, war ihr klar geworden, dass sie ganz einfach nicht gut genug war. Das war alles. Das war die Antwort. Das war das Leben. Sie konnte nicht schreiben, würde nie etwas veröffentlichen und keinen netten Mann heiraten. Nicht jeder konnte vollkommen sein. Nicht jeder konnte den Man Booker Prize gewinnen. Nicht jeder konnte glücklich sein.

Es wäre besser gewesen, hätte Chris sie geschlagen. Seine fiesen Sticheleien waren zu nuanciert. Hätte er sie in irgendeiner Form körperlich misshandelt, hätte sie einfach gehen können – und obendrein eine Ausrede dafür gehabt, warum sie es nie geschafft hatte, ihr Potenzial zu entfalten.

»Ich wurde in meiner Beziehung misshandelt.«

»Ah, okay.«

Aber Chris hatte sie nie geschlagen. Nie auch nur gezwickt. Nie an ihrem Haar gezogen oder sie grob fortgestoßen. Er hatte nie Hand an sie gelegt. Verließe sie ihn, würde sie sich zugleich einem immensen Druck aussetzen, zu ihm zurückzukehren.

»So sind Männer eben.«

»Ihr müsst daran arbeiten, um Islas willen.«

»Die Leute werfen heutzutage viel zu schnell hin, wenn es in einer Beziehung mal schwierig wird.«

»So ist das eben in einer Ehe.«

Grausam zu sein, feindselig zu sein; das war kein ausreichender Grund für eine Trennung. Es wäre so viel besser für sie, hätte Chris sie geprügelt. Damit wäre alles klar gewesen. Niemand würde Fragen stellen. Ende der Geschichte.

»Das Problem dabei ist«, so hatte sie Ajola eines Abends während eines ihrer wöchentlichen Telefonate erzählt, als Chris bei der Arbeit und Isla bereits im Bett war. Im Haus herrschte Stille, eine umfassende, pulsierende Stille, die Sophia tief im Inneren beruhigte und ihr ein Gefühl der Sicherheit vermittelte. »Chris ist toll. Er arbeitet, er bezahlt die Rechnungen, er hat alles im Griff.« Sie hatte ihren Freundinnen nie die Wahrheit verraten, wusste aber nicht so recht, warum. Weil Chris toll war? Alle mochten ihn. Er war humorvoll, gesellig. Stets bereit, einen guten und kostenlosen Rat zu Hypotheken zu erteilen. Die Leute würden sie für psychotisch halten, hätte sie gesagt, ja, aber er erwartet von mir, dass immer ich die Bettwäsche wechsele.Ja, aber er hat diese Neigung, ständig so zu tun, als würde er mich nicht hören, wenn ich ihn rufe.Ja, aber wenn ich wegen seines Verhaltens den kleinsten Ton sage, muss ich mich am Ende jedes Mal entschuldigen, weil ich angeblich überreagiert habe. »Es ist nur …« Sie suchte nach den passenden Worten für Ajola, nach einer Möglichkeit, ihre Unzufriedenheit auszudrücken, ohne schlecht über Chris zu reden.

»Sag einfach, was du auf dem Herzen hast«, forderte Ajola sie auf. »Ich urteile schon nicht.«

»Ich komme mir vor wie die ideale Ehefrau für Chris«, erwiderte Sophia. »Als hätte er einen Computer mit all seinen bevorzugten Charakteristika für eine Frau gefüttert, und der hätte mich dann einfach gedruckt. Genau mich. Ich bin klug, ich bin attraktiv, ich koche das Abendessen, ich bin eine gute Mum, ich arbeite. Er kann mich ins Restaurant ausführen und stolz präsentieren, er kann mich seiner Familie vorstellen und es als Erfolg empfinden. Ich bin diese Frau, weißt du?«

»Ich weiß«, sagte Ajola weise. »Du bist der Hauptgewinn.«

»Genau. Das trifft es.« Sophia legte die Füße auf den handgearbeiteten Eichholtz-Kaffeetisch und musste ausnahmsweise nicht fürchten, dass Chris hereinkam und sie tadelte. Die dicken Fleece-Socken umschmeichelten ihre schwieligen Füße. Ein Geschenk von Chris. Was beklagte sie sich überhaupt? »Es fühlt sich nur ein bisschen so an, als wäre ich eine Handelsware.«

Sophia hatte Chris an der Universität kennengelernt. Seine Attraktivität, seine Klugheit und sein Charisma hatten sie einfach umgehauen. Das war ein Mann. Ein echter Mann. Ihr war regelrecht schwummrig gewesen, als er ihr Interesse erwiderte. Gleich nach dem ersten Date war sie bereit gewesen, eine Familie mit ihm zu gründen, noch immer von dem verzweifelten Bedürfnis getrieben, es Jill zu zeigen, das heimliche Duell zu gewinnen. Vollkommen blind für Chris’ Schwächen.

»Handelsware?«, zischelte Ajola. »Das klingt hart.«

»Es kommt mir vor, als hätte er mich gewählt, weil ich seinen Spezifikationen entspreche. Eine Statuette in extrem limitierter Auflage. Er sorgt für uns, solange ich in dieser Rolle bleibe. Sobald ich mich jedoch irgendwie verändere – sagen wir, ich würde außergewöhnlich stark altern oder ihm sagen, weißt du was, du kannst dir dein Abendessen heute selbst machen oder regel die Zahnarzttermine allein oder einfach …«, sie spürte, wie sich die Anspannung auf ihre Stimme niederschlug, »dass es nicht nett ist zu behaupten, ich würde bei allem versagen, ganz egal, wie du es zu rechtfertigen versuchst. Ich glaube, dann wäre er nicht mehr bereit, für die Familie zu sorgen. Er würde sich betrogen fühlen. Aber das ist nicht das Leben, das ich mir ausgesucht habe. Wo bleibe ich bei dieser Luxusausgabe von Frau? Das macht mir wirklich Angst. Weil das, was er anziehend findet, nicht ich bin. Ihm gefällt, was ich repräsentiere, schätze ich, und ich bin nur dann attraktiv für ihn, wenn ich ihn aufwerte.« Sie zupfte an einem Faden, der sich von einem der Kissen löste. »Wenn ich mit ihm zusammen bin, fühlt es sich an, als wäre mein physisches Selbst von meinem mentalen getrennt. Als wäre es nur ein Stück Fleisch, mit dem ich nichts zu tun habe.«

»Frauen sind jahrhundertelang von Männern wie Ware behandelt worden«, sagte Ajola. »Thomas Cromwell hat am Hof Heinrichs des Achten mit Frauen gehandelt, um die Gunst des Königs zu erringen. Du hast kein Problem mit Chris, sondern mit dem Patriarchat.«

»Okay, danke.«

Sophia wusste, sollte sie während der nächsten fünfzig Jahre in dieser Ehe feststecken, dann würde sie sich umbringen. Diese Beziehung fraß unentwegt an ihr, bis sie irgendwann einfach nicht mehr da wäre. Sie hatte die Wahl: Entweder sie tötete sich selbst später oder Chris jetzt.

Wie er starb, war egal. Sie musste nur dafür sorgen, dass sie nicht im Gefängnis landete. Vielleicht könnte sie einen Autounfall verursachen, während er am Steuer saß. Oder ihn die Treppe hinunterstoßen. Ihre Ideen hielt sie in einem alten Notizbuch fest, das sie zwischen Matratze und Bettrahmen versteckte, wohl wissend, dass Chris es dort nie finden würde, ganz einfach, weil er nie die Bettwäsche wechselte.

Als ihr Plan langsam Gestalt annahm, stellte Sophia fest, dass sie zunehmend mehr Sinnhaftigkeit im Leben erkannte, mehr eigene Identität in sich fand. Ihr sprudelndes Selbst tauchte immer häufiger auf, wenn sie mit den anderen zusammen war. Sie war glücklicher. Und wenn sie Chris anlächelte, tat sie das voller Verachtung. Wenn sie sein schmutziges Geschirr in die Spülmaschine räumte, tat sie es mit dem wohligen Gefühl vorweggenommener Schadenfreude. Wenn er sich über das Essen beklagte und sie Abbitte leistete, tat sie es mit ruhiger Stimme, frei von jeder Spur bitterer Abscheu. Wenn er sie anblaffte, weil die Treppe nicht so blitzte, wie er es wünschte, biss sie sich auf die Zunge, senkte den Kopf und erging sich in verträumten Fantasien darüber, ihm eine Einkaufstüte über den Kopf zu ziehen und festzuzurren, bis das Plastik seinen aufklaffenden Mund verstopfte.

CAOIMHE

So lange Caoimhe sich erinnern konnte, war sie anders gewesen als die anderen Mädchen: schneller, dynamischer, überzeugter von ihrer eigenen Unabhängigkeit. Natürlich hatte sie im Sport alle ausgestochen und war für ihre Mittelschule beim Schlagball, beim Netball und beim Querfeldeinlauf angetreten. Das Konkurrenzverhalten der Mädchen, die sie bei diesen Turnieren kennenlernte, war allerdings stets so garstig gewesen, dass Caoimhe auch dort nicht dazugehörte. Sie war selbstsicher, bescheiden und geradezu besessen in ihrer Zielstrebigkeit, sodass sie es nicht nötig hatte, sich grollend und knurrend den Weg mit den Ellbogen freizumachen. Es passierte von allein. Natürlich hassten die anderen Mädchen sie dafür umso mehr und verlegten sich darauf, über Caoimhe zu lästern. Über ihr Haar, ihre Beine, ihre weiten Sportklamotten. Sie kapierten es einfach nicht.

Die Jungs schon. Die Jungs erkannten Caoimhes Talent. Im Finale der Schlagball-Landesmeisterschaften war sie durch die Luft geschossen wie ein Wanderfalke und hatte einhändig mit lang ausgestrecktem Arm einen tief fliegenden Ball gefangen. Die Mädchen im Fanblock hatten kaum reagiert. Die Jungs hingegen waren in begeistertes, wenn auch verblüfftes Gebrüll ausgebrochen. Caoimhe hatte grinsend dagestanden, den Ball in der Hand, und sich gefühlt, als gäbe es keine wahrhaftigere Version ihrer selbst als die, die in diesem Moment dem Jubel lauschte. Sie gehörte zu den Jungs. Sie stand eine Stufe über den Mädchen.

Ihre Mom hatte es gehasst. Wann immer Caoimhe ein Rennen oder ein Spiel gewann, hatte ihre Mum die Augen verdreht, als wäre sie eine Angeberin. Doch wenn Caoimhe niedergeschlagen von einer Veranstaltung nach Hause kam, dann pflegte ihre Mutter mit missbilligendem Schnauben die Hände zu ringen, als wäre sie enttäuscht von ihrer Tochter.

»Du musst dich einfach mehr anstrengen«, hatte sie einmal auf der Heimfahrt zu ihr gesagt. »Wenn die anderen Mädchen das können, dann kannst du es auch.«

Caoimhe weigerte sich, darauf zu reagieren.

»Willst du dir nicht die Haare machen wie die anderen Mädchen?«, fragte ihre Mutter und sah sie an. »Oder einen Hauch Mascara auflegen? Eyeliner? Einige der Mädchen tragen im Wettkampf Make-up. Ich habe es selbst gesehen.«

»Ich nicht«, knurrte Caoimhe.

»Als ich gehört habe, dass ich ein kleines Mädchen bekommen werde, da war ich so aufgeregt und habe mir ausgemalt, wie ich meine Tochter in hübsche Kleider stecke …« Ihre Mutter ließ ihre Hand durch die Luft kreisen und sang mehr, als sie sprach. »… ihr Haar mache und ihr schöne Schleifen binde, und stattdessen kamst du raus …«, bei diesen Worten taxierte sie ihre Tochter von Kopf bis Fuß, »… und warst ganz anders.«

Der Umgang mit anderen Mädchen fiel Caoimhe nicht leicht, und es gelang ihr kaum, Freundschaften mit ihren Teamkameradinnen zu schließen. Sie war schneller, scharfsinniger, lustiger. Es war langweilig, ständig mit Leuten zu sprechen, die nicht mithalten konnten. Die einzige Ausnahme bildeten Sophia, Safa, Ajola und Ella – Zeit mit ihnen zu verbringen, machte Caoimhe nichts aus. Die vier waren zwar auch nicht wie sie, aber sie verstanden Caoimhe und stärkten ihr den Rücken.

Sie war Anakin Skywalker auf dem Planeten Erde. Nach der Uni zog sie in eine Kleinstadt in Surrey und arbeitete freiberuflich als Grafikdesignerin. Sie gab den Mannschaftssport auf und konzentrierte sich aufs Langstreckenlaufen, eine Disziplin, bei der Training und Wettkämpfe geschlechterübergreifend stattfanden.

Im örtlichen Laufclub fühlte Caoimhe sich anerkannt. Sie war die einzige Frau in der Spitzengruppe und kam sich enorm leistungsstark vor, während sie an der Seite großer, durchtrainierter, intelligenter Männer lief, die sie mit Anerkennung überschütteten. Manchmal, wenn sie im kobaltblauen Gegenlicht des Abendhimmels am Kanal liefen oder in der weiter oben gelegenen Heidelandschaft, dachte Caoimhe, man sollte sie fotografieren und das Bild auf ein Zeitschriftencover setzen oder gleich in der National Geographic veröffentlichen: Die Laufgemeinschaft – Laufen für die Ehre. Oder so was in der Art.

Eines Abends stieß Dean, ein großer, pummeliger Mann, dazu und zerstörte die Ästhetik komplett. Er war ungefähr in Caoimhes Alter, aber sein schlaffes Haar klebte ungekämmt an seinem Kopf, und die dunklen Augen lagen tief in den Höhlen. Beim Laufen trug er ständig Kopfhörer – Dr. Dre Beats – und einen purpurnen Jogginganzug von Primark, dessen Ärmel er weit genug hochkrempelte, dass ein widerliches Aristoteles-Tattoo auf seinem Unterarm zum Vorschein kam. Beim ersten 800-Meter-Lauf sprintete Dean los, als nähme er am 100-Meter-Finale der Olympischen Spiele teil. Natürlich kam er nur im Gehtempo an, die Ärmel bis über die Ellbogen hochgeschoben, das dicke Polyestergewebe voll dunkler Schweißflecke.

»Wo liegt der Club-Rekord über fünf Kilometer?«, fragte er am Ende des ersten Laufs, woraufhin Caoimhe spöttisch die Augen verdrehte.

»Fünfzehn sechsunddreißig«, antwortete jemand. »Rohan Rust.«

Caoimhes Herz tat einen Sprung. Rohan Rust. Sie hatte ihn hier und da flüchtig zu Gesicht bekommen, in der Stadt, in der Zeitung, in Laufberichten, beim Laufen. Ein leibhaftiges Ideal der Renaissance. Eine Ode an Schönheit und Stil. Geschmeidig. Großartig.

»Trainiert Rohan Rust auch hier?«, fragte sie hoffnungsvoll, ehe Dean etwas sagen konnte.

»Nein. Unsere richtig guten Läufer gehen alle zu den Harriers.« Der Coach drehte sich um und sah Caoimhe mit funkelnden Augen an. »Du willst denen doch nicht auch beitreten, oder, Caoimhe?«

Caoimhe schmolz dahin, senkte kichernd den Blick und verschränkte die Arme vor dem Körper, während sie nach einer gewitzten Entgegnung suchte. Etwas, das verdeutlichte, dass sie diese Anerkennung verdiente. Sie gehörte zu den Männern. Nicht solchen wie Dean. Zu den richtigen Männern. Sie musste sich ihres Platzes würdig erweisen. Zeigen, dass sie auf Augenhöhe mit ihnen lief. Sie war sogar stärker als einige von ihnen, das wusste sie. Mann gegen Mann, Faust gegen Faust, könnte sie einige der mageren Kerle schlagen. Und wie ließe sich ihr Wert besser demonstrieren als damit, in einem physischen Zweikampf mit einem Mann die Oberhand zu behalten?

»Oh«, hatte sie erwidert. »Ich weiß nie so genau, was ich als Nächstes tun werde.«

ELLA

Ella hatte schlechten Atem. Sie hatte schon schlechten Atem, so lange sie sich erinnern konnte, so lange sie wusste, dass Menschen atmeten und dieser Atem schlecht sein konnte. Sie putzte sich zweimal täglich die Zähne, jeweils zwei Minuten lang, Innenseite, Außenseite, vorn, hinten, Kauflächen. Sie hatte einen speziellen Schaber, um die Zunge zu reinigen. Sie benutzte mindestens zweimal täglich Zahnseide, öfter, wenn sie zu Hause war und sich unwohl fühlte. Sie experimentierte, erst Zahnseide, dann Zahnbürste, erst Zahnbürste, dann Zahnseide, folgte Diskussionen in Online-Foren, um herauszufinden, was am besten funktionierte, ohne jedoch auf etwas Überzeugendes zu stoßen; denn für jeden Beitrag, der eine Methode empfahl, gab es einen anderen, der davon abriet. Sie benutzte Mundwasser und achtete darauf, regelmäßig das Produkt zu wechseln, um in ihrem Mund kein homöostatisches Milieu zu schaffen, in dem sich die Bakterien vermehren konnten. Einmal, als Ajola mit ihren Schülern auf Klassenfahrt war, nahm sie sich eine Woche frei und probierte aus, was passierte, wenn sie sich die Zähne nicht putzte, keine Zahnseide und kein Mundwasser verwendete. Sie wollte herausfinden, ob etwas davon an der Entstehung des Mundgeruchs beteiligt war – war es nicht. Sie ging regelmäßig zum Zahnarzt, der sich stets beeindruckt zeigte, wenn er ihr Gebiss untersuchte, doch sie war zu schüchtern, um ihn um Rat wegen ihres Atems zu fragen. Alle sechs Monate änderte sie ihre Ernährungsweise, verzichtete auf Fleisch, Milchprodukte und Fisch, um festzustellen, ob das einen Einfluss hatte – hatte es nicht. Sie ergänzte ihre Ernährung um frisches Obst, Gemüse, probiotischen Joghurt, zuckerfreie Kaugummis; sie kaufte sich eine kleine Munddusche, um all die Hohlräume rund um die Mandeln von unerwünschten Speiseresten zu befreien. Nichts half. Sie hatte schlechten Atem. Schließlich blieb ihr nur noch ein Weg offen, nämlich, einen Therapeuten aufzusuchen, der vielleicht irgendeine Persönlichkeitsstörung feststellte, aufgrund derer sich Ella ihren Mundgeruch bloß einbildete. Doch davor schrak sie zurück, aus Angst, der Profi könnte ihr bescheinigen, dass sie absolut zurechnungsfähig war und einfach nur unabänderlich unter furchtbar schlechtem Atem litt.

Sie war überzeugt, ihr Mundgeruch war die Ursache für jede verpasste Gelegenheit, jede nicht erhaltene Beförderung und jede gescheiterte Beziehung. Warum sonst hatten die Frauen im Internal Policy Office sie nicht zum Freitagstee eingeladen, als sie nach ihrem Abschluss ihre erste wichtige Stelle angetreten hatte? Warum bekam Georgia Railings den Paris-Job, obwohl Ella weit bessere Arbeit leistete? Warum hatte Tanvik ihre Textnachricht nicht beantwortet, nachdem sie zusammen etwas trinken gegangen waren? Das konnte nur an ihrem Atem liegen.

»Nein. Nicht Ella.«

»Die mit dem Atem?«

»Die mit dem Atem.«

Sie konnte nur hoffen, dass die Arbeit im Homeoffice sich durchsetzte und sie ihre Stunden ableisten konnte, ohne mit irgendjemandem in Kontakt zu kommen.

Doch zurzeit sah es nicht danach aus. Und so pendelte sie jeden Morgen von der Wohnung, die sie sich mit Ajola teilte, zu Charing Cross und kaute unterwegs ein Kaugummi. Zwischen Haltestelle und Büro besorgte sie sich frisches Obst – und kaute dabei ein Kaugummi. Sie winkte allen auf ihrer Etage zur Begrüßung zu und achtete penibel darauf, stets ein weiteres frisches Kaugummi in den Mund zu stecken, wenn sie zur Tür hineinging, sodass sie mit dem Kauen anfangen konnte, sobald ihr Atem in die geschlossene Atmosphäre des Büros eindrang.

Zu ihrem ersten Termin an diesem Tag erwartete sie jemanden, der Rat wegen des Vorwurfs der Pflichtverletzung suchte. Die Einzelheiten, die ihre Auszubildende zusammengestellt hatte, waren knapp gehalten, und sie las sie mit gerunzelter Stirn.

»Kann ich ihn reinschicken?«, fragte die junge Frau ein paar Minuten vor der vereinbarten Zeit.

Ella legte ihr Obst in die Schublade und steckte sich ein neues Kaugummi in den Mund. Sie hatte die Kunst gleichzeitigen Kauens und Redens so gut eingeübt, dass das Kaugummi gar nicht auffiel. Sie nickte.

Der Mann, der nun auf der Schwelle erschien, war sehr groß, und Ella richtete sich instinktiv auf ihrem Stuhl auf. Als er sich jedoch dem Schreibtisch näherte, fielen ihr die hängenden Schultern auf, das Haar, das dringend einen Schnitt nötig hatte, und der beträchtliche Körperumfang, und sie kam zu dem Schluss, dass seine überdurchschnittliche Größe nur eine Art optische Täuschung war.

»Gute Morgen«, sagte sie und reichte ihm die Hand. »Mein Name ist Ella Ramsey.«

Er streckte eine fahle Hand aus, über die sich ein paar vereinzelte Haare verteilten. Die Ärmel seiner Anzugjacke waren einige Zentimeter zu kurz und entblößten seine Handgelenke.

»Ich bin Eric Martins«, erwiderte er und ließ sich auf den Stuhl vor Ellas Schreibtisch plumpsen. Offensichtlich hatte er sich erst vor Kurzem rasiert, denn auf der Haut an Hals und Kinn erblühten zornig-rote Flecken. »Sind Sie Anwältin?«

»Ich bin Solicitor«, erklärte Ella. »Anwältin ist ein etwas unscharfer Begriff. Ich kann Sie beraten und Ihnen helfen, sollte es um eine Klage gehen. Bin ich recht informiert, dass Sie überlegen, eine Klage wegen Pflichtverletzung einzureichen?«

»Ja, das ist richtig. Aber ich will es auf jeden Fall tun. Ich suche nicht bloß Rat.« Er klang verärgert, als er die Hände über dem abgenutzten Ledergürtel faltete und Ella mit starrem Blick fixierte. »Ich bin hier, um die Klage einzureichen. Ich will mein Geld haben.«

»Das ist verständlich«, sagte Ella und rückte mit dem Stuhl näher an den Tisch, um ihm zu zeigen, dass sie ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. »Also, wollen Sie ein Unternehmen oder ein Krankenhaus verklagen? Tut mir leid, dass ich Sie das fragen muss, aber ich fürchte, wir haben nicht viele Informationen.«

»Meine Eltern«, sagte Eric knapp. »Das habe ich bereits erklärt.«

»Richtig.« Ella warf einen Blick auf die Informationen, die ihre Auszubildende zusammengestellt hatte. »Gehen Sie es noch mal mit mir durch, damit ich im Detail weiß, worum es geht.«

»Ich will meine Eltern wegen Pflichtverletzung verklagen. Sie schulden mir Unterhalt.«

»Für welchen Zeitraum?«, fragte Ella und machte sich eigene Notizen.

»Na ja.« Eric blickte zur Decke hinauf, an der ein Lüster hing, den Ella noch nie benutzt hatte. »Sie haben bezahlt, bis ich achtzehn war. Jetzt bin ich siebenundzwanzig, also neun Jahre plus alle, die noch kommen, bis ich tot bin.«

Ella nickte und kratzte sich mit dem Ende ihres Stifts an der Stirn. »Okay, also Unterhalt. Und auf welcher Basis wollen Sie den einklagen?«

Eric reckte die Hände vor, als wäre das offensichtlich. »Ich habe nicht darum gebeten, geboren zu werden«, erklärte er. »Meine Eltern haben mir diese Entscheidung aufgezwungen. Und jetzt wird von mir erwartet, dass ich was tue? Mir einen Fünfzig-Wochenstunden-Job suche? Lohnsklave werde? Tag für Tag zur Arbeit pendle, maloche, nach Hause pendle und schlafe, bis ich irgendwann sterbe? Alles, was ich verdiene, dafür ausgebe, dass ich auf diesem Planeten leben kann? Welches Recht haben die, mich dieser lebenslangen Knechtschaft zu unterwerfen?«

Ella unterstrich etwas in ihrem Notizbuch, bewegte unauffällig das Kaugummi in ihrem Mund und rieb sich den inneren Augenwinkel. Ihr Bruder würde sie auslachen, wenn sie ihm den Fall präsentierte, und zwar so laut, dass sie rückwärts aus dem Gebäude flüchten würde. Aber das konnte sie dem Mann auf keinen Fall ins Gesicht sagen, womöglich würde er sich sonst auf sie stürzen. Also hüstelte sie nur unverbindlich.

»Das könnte eine Klage rechtfertigen«, sagte sie schließlich. »Lassen Sie mich die Angelegenheit mit einem erfahreneren Solicitor besprechen.«

SAFA

Safa heiratete Haaris, als sie neunzehn war und er zwanzig. Als Kinder hatten sie in derselben Straße gespielt, später dieselbe Oberstufe besucht und sich an derselben Universität eingeschrieben. Sie teilten Lebenserfahrungen, eine gemeinsame Kultur, ihre Familien gingen in der Wohnung der jeweils anderen ein und aus. Dieser Mann war gebildet, erfolgreich und freundlich, und sie kannte ihn.

Sie hatten ausgehandelt, dass Safa ihren Bachelor und anschließend ihren Master-Abschluss machen konnte, ehe sie Kinder bekämen. Haaris selbst verließ die Universität vorzeitig und fing an, im Lebensmittelladen seines Vaters zu arbeiten. Safa hatte sich immer vorgestellt, sie würde einen extrem erfolgreichen und wohlhabenden Mann heiraten, der einen BMW fuhr und silberne Rolex-Uhren trug. Sie träumte von einem riesigen Haus in Hampstead, das ihr Mann sich mit den vielen Vorkommastellen auf seiner Gehaltsabrechnung mühelos leisten konnte. Natürlich würde er lange arbeiten müssen, aber wenn er nach Hause käme, würde er sie und ihre Kinder mit Liebe und Geschenken überschütten. Im Gegenzug würde sie ihm die harte Arbeit und die Hingabe an die Familie mit einem makellosen Zuhause, artigen Kindern und köstlichen Mahlzeiten vergelten.

Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass sie die Hauptverdienerin sein könnte, dass der BMW auf ihren Namen laufen und die Hypothek für ihr Traumhaus allein von ihrem Einkommen abhängen würde. Sie arbeitete lang, und wenn sie nach Hause kam, überschüttete sie die Familie mit Liebe und Geschenken. Manchmal war es schwer für sie, das Haus makellos zu halten und den Kindern gutes Benehmen beizubringen, während sie zugleich eine Sechzig-Stunden-Woche stemmte. Ihre Lebensmittel ließ sie an die Tür liefern, und das Ärgerlichste überhaupt war, dass Haaris sie lediglich aus dem Weg schob, auf dass sie sie aufräumte, sobald sie nach Hause kam.

»Warum kannst du das Zeug nicht einfach wegpacken?«, fragte sie, als sie in der vierten Woche am Stück all die Dosen und Cerealienpackungen auf dem Tisch erblickte.

»Warum sollte ich mir die Mühe machen, wenn du sowieso alles wieder rausholst, um das Abendessen zu kochen?«, rief er aus dem Wohnzimmer. Kürzlich hatte er eine PlayStation 5 gekauft, und seine endlose Spielerei führte zu einer erfreulichen Wendung in ihrem Leben, denn sie ließ ihm keine Gelegenheit mehr, ihr auch noch die wenige verbliebene Freizeit streitig zu machen.

»Weil es schlecht wird«, antwortete sie und wühlte in den Tüten.

»Nicht innerhalb eines einzigen Tages.«

»Milch schon.« Sie gab einen tadelnden Laut von sich. »Du hast sie einfach hier stehen lassen.«

»Du verstehst das nicht.« Sie hörte eine Explosion, die zum Spiel gehörte. »Ich arbeite härter als du. Ich bin von acht bis zwei auf den Füßen, ohne Atempause. Du fängst vor halb zehn gar nicht an.«

»Ja, weil ich die Kinder in die Kita bringen muss!«

»Das ist leicht. Hör mal – du hörst nicht zu. Ja, nur einen Moment, ich spreche gerade mit dem Frauchen.« Er lehnte sich zurück, sodass sein Kopf von der Küche aus zu sehen war. »Ich rackere mich jeden Tag sechs Stunden lang ab. Jeden Tag«, wiederholte er. »Ich habe keine freien Sonntage. Ich habe keine freien Samstage. Du spazierst um halb zehn ins Büro, sitzt an deinem Schreibtisch, gehst einen Kaffee trinken, plauderst mit Pam aus der Buchhaltung. Aber ich muss mich mit den Kunden herumschlagen.« Er hackte mit einer Hand auf die Handfläche der anderen ein. »Sechs Stunden am Stück. Du hast keine Ahnung, wie das ist. Wenn ich nach Hause komme, muss ich die Füße hochlegen. Ich muss mich ausruhen. Die Lebensmittel wegzuräumen, fällt nicht in meinen Verantwortungsbereich, sondern in deinen. Klar? Hast du mich verstanden?«

Sie maß ihn mit einem finsteren Blick.

»Du hast mich verstanden«, sagte er und nahm den Kopf aus ihrem Blickfeld. »So, da bin ich wieder, Bro«, sprach er ins Mikro. »Musste mich nur kurz ums Essen kümmern.«

Einmal hatte sie alle haltbaren Lebensmittel auf dem Küchentisch stehen lassen, um zu schauen, ob er sie später wegräumte. Tat er nicht. Kaffee und Saftflaschen blieben, wo sie waren, tagelang. Sie versuchte es mit schmutzigem Geschirr, ebenfalls erfolglos. Keinen einzigen Teller räumte Haaris in die Spülmaschine. Dabei kostete es kaum mehr Mühe, die Klappe zu öffnen und etwas hineinzustellen, als alles auf der überfüllten Arbeitsplatte auszubalancieren.

Ein anderes Mal ließ sie die Maschine mit ihrem Geschirr laufen, räumte seines aber nicht ein in der Hoffnung, dass er es merken und nachfragen würde. Was er nicht tat. Stattdessen stapelte er munter weiter.

»Räum dein Geschirr weg!«, brüllte sie ihn an, als er den fünften Teller auf den anderen ablegte.

»Schon gut«, erwiderte er mit mürrischem Blick. »Komm wieder runter. So was kann man auch freundlich sagen, weißt du?«

Sie wusste, dass Sophia ähnliche Probleme mit ihrem Mann hatte, aber sie räumte Chris ständig entschlossen hinterher. Klamotten, die nicht im Wäschekorb lagen: Sophia sammelte sie ein. Dinge, die sich in der Küche türmten: Sophia verstaute sie ordentlich. Geschirr in der Spüle statt in der Maschine: Sophia stellte es hinein.

Safa hatte darüber nachgedacht, ebenso zu verfahren, war aber zu dem Schluss gekommen, dass diese stumme Akzeptanz, all die niederen Arbeiten zu übernehmen, demütigend war und sie auf Dauer auslaugen würde, bis sie nur noch ein Schatten ihrer selbst wäre. Da zog sie es vor, Haaris immer wieder auf die Probe zu stellen, ihn zu beobachten wie eine Wissenschaftlerin, ohne das empfindliche Ökosystem zu stören, sich immer an der obersten Direktive zu orientieren, bis sie sein ebenso achtloses wie nachlässiges Verhalten nicht mehr ertrug und ihn ohne Vorwarnung anbrüllte. Wer würde dieses schmutzige Geschirr in die Spülmaschine räumen? Wer? Wer? Warum sollte das an ihr hängen bleiben? Wie sollte dieser Mann überhaupt klarkommen, wenn sie ihn nicht zurechtstutzte und in der Spur hielt?

Jede einzelne Geschichtsstunde in der Schule hatte sie, Sophia, Caoimhe, Ajola und Ella übersättigt mit Informationen über die großen innovativen und siegreichen Helden: Winston Churchill, Isambard Kingdom Brunel, Charles Darwin und ein ganzes Heer Henrys, Edwards und Williams. Kein Wunder, dass diese Männer es zu wahrer Größe gebracht hatten, wenn sie sich nie um ihr eigenes Essen hatten kümmern, nie ihr eigenes Bettzeug hatten waschen müssen. Keinen einzigen Gedanken hatten diese Männer an alltägliche Trivialitäten verschwendet; sie hatten ihren Geist nach Belieben umherschweifen lassen können, um es zu einem Maß an Herrlichkeit zu bringen, das förmlich danach schrie, mythologisiert zu werden. Doch irgendwo im Schatten jeder dieser Männer stand eine Frau, deren Geschichte den Kindern nicht vorgetragen wurde, deren Gegenwart man jedoch wahrnehmen konnte, wenn man nur genau genug hinsah: eine graue, abgespannte Frau, verhärmt nach diversen Geburten, die sich in die Wangen kniff, um sie rosiger erscheinen zu lassen, die ihren Bauch einzog, um attraktiver auszusehen, nur um dann verdattert festzustellen, dass der Gatte, den sie jahrelang umsorgt und bekocht, um den sie ihr ganzes Leben angeordnet hatte, sie langweilig oder hysterisch fand.

Safa versuchte, es Haaris auf ihre eigene, bescheidene Art heimzuzahlen. Oft blieb sie lange auf, um ihre Arbeit abzuschließen, saß in der dunklen Küche, während die Bildschirmbeleuchtung ihres Laptops ihr Gesicht in blau-weißes Licht hüllte. Regelmäßig hörte sie ihren Mann dann lautstark aus dem Wohnzimmer die Treppe hinauf ins Bad poltern, wo er die nächsten etwa fünfundvierzig Minuten blieb. In der Anfangszeit ihrer Ehe war es ihr ein Rätsel gewesen, wie jemand eine Dreiviertelstunde auf der Toilette zubringen konnte, zwei- bis dreimal am Tag. Doch er blieb tatsächlich so lang und hatte es sich sogar zur Gewohnheit gemacht, Telefon und Kopfhörer mitzunehmen. Sie hatte angeboten, einen Termin beim Allgemeinmediziner zu vereinbaren, um festzustellen, ob er womöglich unter einem Reizdarmsyndrom litt, was er erzürnt zurückgewiesen hatte.

»Wir müssen uns etwas einfallen lassen«, sagte sie. »Ich komme manchmal nicht rechtzeitig aus dem Haus, weil du das Bad belegst. Nicht mal ohne die Kinder einkaufen gehen kann ich, weil du das Badezimmer blockierst.«

Ein Dilemma, von dem Haaris segensreich unbelastet blieb. Eine ganze Weile, vor allem in der Zeit, als die Kinder noch keine drei Jahre alt gewesen waren, hatte Safa ihn verdächtigt, so viel Zeit auf dem Klo zu verbringen, um sich um seine häuslichen Pflichten zu drücken. Schließlich konnte niemand von ihm erwarten, sich um ein schreiendes Baby zu kümmern, während er auf der Toilette saß. Doch auch als die Kinder älter wurden und die elterliche Aufmerksamkeit weniger unmittelbar einforderten, verbrachte er lange Zeit auf dem stillen Örtchen. Dann, eines Tages, aus dem Nichts, als wäre es ein Funken göttlicher Intuition, wisperte eine Stimme in den Tausenden von Kanälen des kollektiven Unbewussten Safa eine Botschaft zu, erklärte ihr, was er eine ganze Dreiviertelstunde dort tat, mit Telefon und Kopfhörer. Ein Teil von ihr war erleichtert, denn das bedeutete, er würde sie nicht behelligen und verlangen, dass sie ihn anfasste, wenn er wieder herauskam. Es war eh schon schwer genug, mit einem Mann intim zu sein, der aus purer Untätigkeit Gewicht zulegte, fettiges Haar hatte und daran erinnert werden musste, zu duschen und die Unterhose zu wechseln. Plötzlich machte es ihr gar nichts mehr aus, dass er so ausufernd viel Zeit auf dem Klo verbrachte. Das schuf Distanz zwischen ihnen. Und so saß sie mit den Kindern unten, wenn er mit einer Sitzung begann, und tat, als wäre sie eine alleinerziehende Mutter, die ein idyllisches Leben ohne Ehemann führte. Sie spielte laute Spiele mit ihnen, die er nicht duldete, wenn er nicht mit der Hose an den Fußgelenken und dem Kopfhörer auf den Ohren auf dem Klo saß.

Abends, wenn sie unten an ihrem Laptop saß, die Spülung und danach das Schloss der Badezimmertür hörte, pflegte sie hinaufzueilen, um ihn zum Sex zu verlocken, wohl wissend, dass er ihn nicht hochkriegen konnte. Ihre Bereitschaft und seine Impotenz gestatteten ihr, sich zu entziehen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, sie käme ihren ehelichen Pflichten nicht nach. Und die Freude, die ihr diese kalkulierte, schonungslose Rache und sein jämmerliches Versagen bereiteten, vermittelte ihr ein glorreiches Gefühl von Freiheit und Macht. Es war grausam, und sie liebte es.

»Genau so verhält sich ein Psychopath«, erklärte ihr Caoimhe einmal beim Frühstück in ihrer Wohnung in Surrey.

»Also hat ein Mann das Recht, sich seinem Vergnügen zu widmen, wann und wie er will, ich aber nicht?« Safa griff unter Caoimhes tadelndem Blick nach dem Orangensaft. »Das ist verdammt komisch!«

AJOLA

Schon seit der Mittagszeit zog sich der Himmel zu. Schwere, grau-purpurne Wolken wälzten sich über das Firmament, als klaffte ein tiefer Schlund zu einem ausdauernden Gähnen auf und verfinsterte die Luft selbst. Gerade, als die Schultore aufschwangen und die Eltern hereinströmten, öffnete auch der Himmel seine Schleusen, und es fing übergangslos, ohne vorheriges Nieseln oder sanftes Tröpfeln, zu schütten an. Ajola stand in der Tür ihres Klassenzimmers und dachte nach. Der Himmel öffnete die Schleusen.

Die Regentropfen waren prall und schwer. Sie klatschten auf den trockenen Asphalt, platschten auf das Laub der Bäume. Sie hämmerten auf den Fenstersims, spritzten gegen die Scheibe und prasselten auf das Blechdach des Geräteschuppens. Es war windstill, und der Regen fiel nahezu senkrecht herab, das Wasser erreichte seine Endgeschwindigkeit, nichts behinderte es auf seinem Weg aus den Wolken bis zum ultimativen Aufprall auf dem zuvor von der Sonne aufgeheizten Teerbelag des Schulhofs. Kinder kreischten, als sie zu den Türen ihrer Klassenräume hinausstürmten. Eltern hasteten durch die Pfützen, die Mäntel über die Köpfe gezogen. Räder von Rollern flitzten Wellen schlagend durch die Wassermassen, die plötzlich über die Straßen strömten. Einige Eltern warteten im Schutz der Bäume, während ihre Kinder den Kopf in den Nacken legten, um dem Regen beim Fallen zuzusehen. Andere marschierten resolut durch den Wolkenbruch. Durchnässte Hemden klebten an wabbeligen Bäuchen und Armen, Haarsträhnen hafteten an Gesichtern mit verschmiertem Make-up, und die Kinder tanzten fröhlich hinter den Erwachsenen her. Ein paar Eltern wollten sich in die Klassenräume flüchten, um dem Regen zu entgehen, doch das Lehrpersonal schickte sie zurück ins Unwetter.

Ajola lehnte in der Tür zu ihrem Klassenzimmer und dachte nach. Sie war hier sicher. All ihre Kinder hatten sich bereits verabschiedet. Sie konnte einfach hier stehen und ungehindert zusehen. Der Regen fiel Zentimeter vor ihrer Nase. Sie befand sich genau an der Grenze zwischen Ruhe und Sturm, konnte jederzeit wählen, sich dem einen oder anderen zu stellen. Sie beobachtete, wie Eltern durchdrehten, weil sie ohne Schirm unter einem Baum festsaßen. Sie lauschte dem aufgeregten Geschrei und den Rufen derer, die sich unerschrocken durch den Guss wagten. Man kann Regentropfen nicht davonlaufen, herabfallendem Wasser nicht ausweichen.

Meg kam aus dem Klassenraum nebenan und zuckte zusammen, als der Regen sie erwischte. Ihre Mutter tänzelte an ihre Seite, und sie spurteten gemeinsam durch die anschwellenden Pfützen. Als sie vorübersausten, sah Meg ihre Mum an, bestaunte strahlend Sturm, Regen und die entgeisterte Miene ihrer Mutter. Die lachte und nahm Megs Hand, und schon waren die beiden auf und davon, flitzten durch Schauer und Gedränge zur Straße. Ajola sah ihnen nach, war selbst keinen Blick wert, während die Wassermassen derart herabdonnerten, die Gullys überliefen, schwarze Wolken mit Gewitter drohten, das Unwetter die Ausschüttung von Adrenalin ankurbelte, bis es die Blutbahnen flutete, Ohren und Augen schärfte, die Muskeln elektrisierte, von Hunderttausenden von Jahren der Evolution dazu getrieben, nach der Sicherheit und Wärme einer trockenen Zuflucht zu streben.

Ajola machte kehrt und schloss die Tür. Sie ging zu ihrem Lehrertisch und setzte sich auf den mit Rollen ausgestatteten Stuhl. Als sie ein Mädchen gewesen war, wahrscheinlich noch keine zehn, hatte ihre Urgroßmutter ihr einen Zauberspruch beigebracht, der für innere Ruhe sorgen sollte.

»Ein Lavendelzweig, frisches, fließendes Wasser und die Worte aus alter Zeit.«

Letztere waren Wendungen einer Sprache, die Ajola bis heute nicht verstand. Als Mädchen hatte sie angenommen, es wäre Albanisch, doch auch jetzt, da sie erwachsen und sprachlich bewanderter war, wusste sie immer noch nicht, was sie bedeuteten. Uralte Worte, herübergesickert aus einer Zeit, in der die modernen Sprachen noch nicht existiert hatten.

Ajola hatte keinen Lavendel, aber eine Kerze mit Lavendelduft, die ein Schüler ihr im Sommer zuvor geschenkt hatte. Sie hielt sie an ihre Nase, schloss die Augen und inhalierte. Der Geruch war billig. Alles andere als echter Lavendelduft. Vielleicht würde die Kerze besser riechen, wenn sie brannte, aber mitten in einer Beschwörung würde Ajola sie sicher nicht anzünden.

»Die Flamme ist das Symbol der Zerstörung und der Reinigung«, hatte ihre Urgroßmutter erklärt. »Man braucht sie nicht für Beschwörungen. Beschwörungen schöpfen aus einem tiefen, fließenden Fluss. Ein Kanal des Friedens und des Lebens, des überströmenden Geistes. Dort unten ist kein Feuer. Feuer ist ein Werkzeug des Mannes. Diese Magik ist weiblich.«

Ajola drehte den Wasserhahn am Waschbecken neben ihrem Tisch auf, schloss die Augen, die Kerze immer noch vor der Nase, und flüsterte die alten Worte vor sich hin. Sie war nicht überrascht, dass die Beschwörung nichts bewirkte. Es war nur eine platte Wiedergabe von irgendwas, kaum ein Abglanz.

Ajola schlug die Augen wieder auf. Draußen hatte der Regen so abrupt aufgehört, wie er begonnen hatte. Schwacher, gelber Sonnenschein blinkte hier und dort durch die Äste der Bäume. Die letzten Eltern und Kinder, die zusammengekauert ausharrten, richteten sich nun auf und spazierten laut lachend und plaudernd vorüber, froh, endlich nach Hause gehen zu können.

Ajola drehte den Wasserhahn zu. Nie hatte sie sich so einsam gefühlt wie in diesem Moment. Da war dieser Schmerz in ihrer Seele, Verlust, Bedauern, Schuld, der sich wie ein schweres, feuchtes Tuch um ihr Herz zusammenzog. Sie wusste, das würde vorbeigehen. Die Zeit heilt alles. Kummer, Zorn, Einsamkeit. Bis nichts außer Narben zurückbleibt, die dann und wann die Haut spannten, nichts als Gespenster, Erinnerungen. Sie war so froh, dass es Sophia, Safa, Caoimhe und Ella gab. Ohne sie wäre sie gänzlich verlassen.

Sie hatte angefangen, Wölfe von Hilary Mantel zu lesen. Bisher hatte sie sich nie dafür interessiert, weil sie grundsätzlich Abstand von Dingen nahm, die allzu nachdrücklich empfohlen wurden. Inzwischen lag die Veröffentlichung jedoch einige Jahre zurück, und das Buch war weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, was Ajola veranlasst hatte, es doch endlich zu lesen. Zu ihrer Überraschung ertappte sie sich in ihrem angeschlagenen Zustand, ihrer erbärmlichen Einsamkeit, dabei, eine Affinität für die Figur Thomas Cromwell zu hegen, eine Affinität, die urplötzlich beim Umblättern von einer Seite zur anderen entstanden war und voll entflammte, als sie ein Bild des Holbein-Porträts aus dem Jahr 1532 entdeckte. Sie hatte es abfotografiert und in ihrer Galerie gespeichert, sodass sie es immer betrachten konnte, wenn ihre Entschlossenheit ins Wanken geriet; wenn sie eine Erinnerung an die Freuden benötigte, die das Leben bereithalten konnte. Was hatte diese Figur an sich, dieses Wesen, das nur in ihren Synapsen existierte, das so weit von ihrem Leben entfernt war, dass sie es nicht mal wirklich greifen konnte? Lag es an dem berechnenden Blick? Dem auffälligen Topfschnitt? Oder an den fahlen Wangen, die gerade anfingen, sich mit dem Alter zu wölben? Ajola wusste, dass sie in Wirklichkeit nur all ihre Sehnsüchte auf diese leere Vorlage projizierte, die ihr die Geschichte zur Verfügung stellte, was sie jedoch nicht davon abhielt, nachts von Thomas Cromwell zu träumen.

Sie stand auf und schaltete ihren Computer aus, den Projektor, die Lautsprecher und das Klassen-iPad. Hunderte Fotos ihrer Schülerinnen und Schüler befanden sich darauf, farbenfrohe Schnappschüsse von leuchtenden Augen und strahlend lächelnden Gesichtern, die ihr vom Bildschirm entgegensprangen. Augenblicke, gedankenlos festgehalten, in der irrigen Annahme, dass diese Zeiten ewig dauern würden. Ajola brachte es nicht über sich, die Bilder zu löschen.

Vielleicht war Cromwells Intelligenz das, was sie so betörte, überlegte sie, als sie durch den verlassenen Korridor zum Haupteingang ging. Seine Raffinesse, seine Vorahnung, seine Fähigkeit, all die, die ihm im Wege standen, geschickt beiseite zu räumen. Sie fragte sich, ob Meg, wenn sie erwachsen wäre, wohl auch Fantasien über fiktive oder sogar historische Charaktere nachhängen würde. Würde sie all ihre Herzenswünsche an leere Vorlagen knüpfen wie sie, Ajola, es tat, oder würde Meg, wenn sie einmal siebenundzwanzig war, genug Selbstachtung, Zielstrebigkeit und Sicherheit besitzen, um ihr Glück auf eine handfestere Weise zu suchen? Ajola hoffte Letzteres, aber in ihrem dunklen Herzen, dem Quell des Zynismus, von dem sie wusste, dass er im Grunde ein Periskop war, das ihr das wahre Leben zeigte, glaubte sie nicht daran. Meg befand sich bereits auf Kurs, und wenn nicht jemand die Macht besaß, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um ihr zu helfen, dann wäre sie mit siebenundzwanzig genauso unsicher und verloren wie Ajola selbst. Bittere Einsamkeit. Deplatzierter Kummer. Ein leeres Herz, das aufsog, was immer an seltsamen Charakteren vorüberzog, wie Vakuum die Luft.

Ajola legte eine Hand über die Augen. Sie wollte sich mit Safa, Sophia, Caoimhe und Ella zum Mittagessen treffen. War sie erst mit ihnen zusammen, würde die Schwermut nachlassen. Wie immer in den letzten fünfzehn Jahren.

Sie stieg in den Wagen und startete den Motor. Im Fahrzeug war es erstaunlich heiß, trotz der Abkühlung durch den Regenguss. Sie bog auf die Hauptstraße und sah in den Rückspiegel. Schlussendlich konnte sie nicht anders, sie musste glauben, dass es Hilfe für Meg gab. Sie wusste nur einfach nicht, wo die zu finden war. Kann nicht helfen, kann nicht geholfen werden. Nur Strandgut. Vergeudung. Sie schaltete die Audible-Version von Wölfe an und hörte auf der Fahrt nach Hause zu, wie Thomas Cromwell sich darum bemühte, die Ehe zwischen Heinrich VIII. und Anne Boleyn zu ermöglichen.

HEXENKUNST

Die fünf Frauen standen in der Tür und starrten den Toten an. Keine wagte auch nur zu atmen. Ihre Augen, alle gleichermaßen starr, hätten ein und derselben Kreatur gehören können.

»Rufen wir einen Krankenwagen«, schlug Caoimhe schließlich vor, löste sich aus der Gruppe und näherte sich dem Leichnam. »Ich glaube …« Sie blickte sich zu Sophia um. »Ich glaube allerdings, dass er tot ist.«

»Verständigen wir also die Polizei«, sagte Ella darauf. Ihr Kiefer sah verkrampft aus, und ein Stück Kaugummi ragte zwischen ihren Zähnen hervor. »Jemand sollte die Hintertür kontrollieren.«

Caoimhe trat leichtfüßig über den Leichnam hinweg und ging in die Küche. Gleich darauf hörten sie sie an der Tür rütteln.

»Abgeschlossen«, informierte sie die anderen, als sie zurückkam und sich im Wohnzimmer umblickte. »Wer immer das getan hat, muss durch die Vordertür gekommen und gegangen sein.«

»Oder er ist noch im Haus«, mutmaßte Safa und blickte die Treppe hinauf.

»Sei doch still!«, herrschte Caoimhe sie an. »Sophia.« Sie legte ihre zitternden Hände auf Sophias Schultern. »Alles in Ordnung?«

Sophia blinzelte. Sie war so blass, man konnte sogar die blau-grünen Adern an ihrem Kinn sehen.

»Ja, mir geht es gut.« Ihre Stimme kam über ein Krächzen kaum hinaus. Sie räusperte sich. »Na schön. Was ist passiert?«

Caoimhe kniete sich neben den Toten. Ihre Hände zitterten immer noch. Sie ballte sie zur Faust, einmal, zweimal, bemüht, sich in den Griff zu bekommen.

»Geht nicht zu nah dran«, warnte sie und streckte einen Arm aus. »Er hat … da ist eine riesige … am Hinterkopf.«

»Wo ist Isla?«, fragte Safa.

»Bei meinen Eltern.« Sophia hatte sich nicht gerührt. Die Tür hinter ihr stand nach wie vor offen, der Schlüssel steckte im Schloss. Nur eine Drehung von ihrem bisherigen Leben entfernt. »Chris ist heute nicht zu Hause«, murmelte sie. »Er ist bei seinem Bruder.«

»Ich rufe die Polizei«, verkündete Ella und holte ihr Telefon hervor. »Sophia, sie werden das Haus durchsuchen. Von oben bis unten. Schnapp dir lieber jetzt, was dir wichtig ist.«

»Da ist ein Notizblock unter dem Bett, in dem ich all die Möglichkeiten geschildert habe, wie ich Chris umbringen könnte«, flüsterte Sophia.

Die Füchsin schrie wieder. Es war eine warme Nacht. Der Mond leuchtete hell. Die Grenze zwischen drinnen und draußen schien verwischt. Die Frauen blickten einander an, lasen in den Gesichtern der jeweils anderen.

»Das solltest du dir definitiv zuerst holen.« Caoimhe hockte sich auf die Fersen. »Pack es in meine Tasche.«

Sophia regte sich immer noch nicht. Die Zeit schien endlos langsam zu laufen. Wie lange stand sie schon hier? Warum veränderte sich nichts?

»Chris ist heute Nacht nicht daheim«, sagte sie ausdruckslos. »Sein Bruder lebt in Farnham.«

»Da ist sein Telefon.« Safa deutete mit einem Nicken auf den Kaminsims, wo Chris’ Handy tatsächlich aufrecht neben einem altmodischen Wecker lehnte. »Vielleicht überprüfst du das mal.«

»Wir sollten nichts anfassen«, mahnte Ella in scharfem Ton, als Caoimhe aufstand. »Das ist ein Tatort.«

»Lohnt sich trotzdem, genauer hinzusehen«, erwiderte Caoimhe und griff zu Chris’ Smartphone. »Womöglich ist Sophia in Gefahr. PIN-Code?«

Sophia nannte die Zahlenkombination, und Caoimhe entsperrte das Telefon, ging zur Tür und wischte durch die verschiedenen Seiten des Startbildschirms, während ihre Augen die Apps nach etwas absuchten, das nützlich sein könnte.

»Nachrichten?«

»Er benutzt WhatsApp.«

»Okay, dann sehen wir uns das mal an.« Caoimhe sog Luft durch die Zähne. »Die letzte stammt von dir und ist etwa vier Stunden alt.«

Nun endlich veränderte sich Sophias Miene. Sie runzelte die Stirn und sah Caoimhe an. »Ich habe ihm vor vier Stunden keine Nachricht geschickt.«

Caoimhe atmete tief durch und hielt sich das Smartphone dichter vors Gesicht. »Da steht: Ich kann es nicht erwarten, dich zu sehen. Gib mir zehn Minuten.« Sie ließ das Telefon sinken und warf Sophia einen Blick zu.

»Vor vier Stunden war ich mit euch zusammen.« Ein zarter, rosiger Schimmer breitete sich über ihren blassen Halsansatz aus. »Ich habe mich um genau sechs Uhr dreißig mit Safa getroffen.«

Safa musterte sie.

Caoimhe scrollte hastig durch Chris’ Handy. »Bist du sicher, dass du ihm nicht versehentlich geschrieben hast?«

»Das bin nicht ich gewesen. Da ist ja gar kein Chatverlauf.« Sophia beugte sich mit einem hohlen Gefühl in der Brust vor, um einen Blick auf das Telefon zu werfen. »Schau selbst.«

»Aber das sind dein Name und dein Profilbild«, wandte Safa ein.

»Das bin nicht ich. Klick das Profil an. Seht ihr, das ist nicht meine Nummer.« Sophia holte ihr eigenes Telefon hervor und gab es Caoimhe, die es entsperrte. »Ich war das nicht. Diese Nachrichten stammen nicht von meinem Handy.« Sophia bemühte sich vergeblich, etwas Vehemenz in ihren Ton zu legen. Ihr ganzer Körper fühlte sich an, als liefe er im Energiesparmodus.

»Das ist seltsam«, murmelte Ella und kaute hektischer denn je auf ihrem Kaugummi herum, als wollte sie die vergangenen Minuten aufholen. »Kommt mir vor wie ein abgekartetes Spiel.« Sie hielt immer noch ihr eigenes Telefon in der Hand. »Ich rufe die Polizei.«

»Nein!«, bellte Caoimhe. »Warte. Lasst uns erst mal einen klaren Kopf kriegen.« Mit schlaffen Armen hielt sie schwer atmend beide Smartphones in den Händen, und ihr Blick zuckte unstet hin und her. »Sophia, geh und hol erst einmal das Notizbuch.«

»Die Polizei wird uns alle befragen.« Ella holte tief Luft. »Und dann nehmen sie alles genau unter die Lupe. Was wir getan haben, wann und warum.«

»Hol das verdammte Buch!«, blaffte Caoimhe Sophia an, die sich nicht vom Fleck bewegt hatte.

»Ich hole es«, bot Ajola an und flitzte zur Treppe. »Wo ist es, Sophia?«

»Unter unserer Matratze.« Sophia wich einen Schritt zurück und sank auf die Fußmatte. »Da sind haufenweise … ich habe … Da liegen jede Menge Tagebücher und Notizblöcke.« Sie blickte auf. »Es ist das grüne.«

»Oh, Mist«, fluchte Caoimhe mit Blick auf Chris’ Display. »Ich sehe mir gerade seine E-Mails an, Sophia. Er hat um drei Uhr eine Mail an jemanden bei der Arbeit geschickt und geschrieben, er hätte heute einen besonderen Abend daheim mit dir.«

»Das ist nicht wahr.« Sophia sah kränklich aus, als Safa sich zu ihr kauerte und ihr prüfend in die Augen blickte. »Es stand schon lange fest, dass ich heute mit euch losziehe. Chris ist bei seinem Bruder. Fragt den. Wer ist der Typ von der Arbeit?«

»Da steht nur Jake-at-EhringhausenMortgages«, las Caoimhe vor.

Sophia wirkte perplex. »Chris hat nie einen Jake erwähnt. Er kennt keinen Jake. Warum sollte er einem Kerl namens Jake per E-Mail etwas über mich schreiben?«

Safa erhob sich, zog den Schlüssel aus der Tür und die Tür ins Schloss, sperrte sie alle ins Haus.

Ajola kam mit dem zerfledderten Notizbuch in der Hand die Treppe herunter.

»Irgendwas stimmt da nicht«, sagte Caoimhe, die nun Sophias Telefon durchsuchte. Das Licht des Displays fiel auf ihr Gesicht. »Jemand hat das geplant.«

»Früher hat Chris mal eine Menge Geld für einige dubiose Leute bewegt.« Sophia blickte ihre Freundinnen an. »Ich meine, er hat das nie so gesagt, wisst ihr, aber ich wusste es trotzdem.«

»Ella«, sagte Caoimhe, ohne aufzublicken. »Ruf nicht die Polizei, bis wir unsere Geschichten abgestimmt haben.«

»Da gibt es nichts abzustimmen«, warf Sophia ein, während sie zusah, wie Ajola ihr Notizbuch in Caoimhes Tasche verstaute. »Ich war seit halb sieben mit euch zusammen.« Sie blickte zu Safa, die zögerlich nickte. »Er kann nicht … Es würde nicht …«

»Sie werden genau wissen wollen, wo jede von uns war und was sie getan hat.« Ella fiel auf, dass sie schwitzte. Die Haut unter ihrem Top fühlte sich plötzlich heiß und feucht an. »Um welche Zeit hast du das Haus verlassen?«

Sophia runzelte die Stirn. »Sechs. Gegen sechs. Zur Teezeit um fünf habe ich Isla zu Mom gebracht, dann bin ich hierher zurückgekommen, um mich fertigzumachen.«

»Und Chris war definitiv nicht hier?« Ella zupfte sich den Stoff ihres Shirts vom Hals. »Und es hat sich auch niemand anderes hier herumgetrieben?«

»Nein, nein. Chris ist heute Abend in Farnham.«

»Ich werde euch nichts vormachen«, wandte sich Ella an alle und schob das Kaugummi im Mund hin und her. »Ich habe mich schon früher mit Fällen dieser Art befasst, bei der Arbeit. Die Textnachrichten und E-Mails sehen nicht gut aus. Und da sind diese neunzig Minuten zwischen dem Besuch bei deiner Mutter und dem Treffen mit uns, die du nicht belegen kannst.«

»Das kann doch nicht dein Ernst sein«, echauffierte sich Safa. Die ganze Geschichte kam ihr vor wie etwas, das eine von ihnen hätte zum Besten geben können, als sie vierzehn waren und auf dem Trampolin geschlafen hatten. Eine Schauergeschichte, mehr nicht.

»An mir liegt es nicht«, entgegnete Ella. »Also, wir müssen dieses Notizbuch verbrennen. Wenn die Polizei das findet, ist es aus.«

»Das ist nicht das Hauptproblem«, wandte Caoimhe ein. »Das Hauptproblem ist, dass die Nachricht nicht von Sophia stammt. Und dass Chris vermutlich auch nicht irgendeinem Jake eine Mail geschickt hat. Das war jemand anderes.«

Safa biss sich in die Fingerspitze in der Hoffnung, der Schmerz würde sie in der Realität verankern. Die anderen rührten sich nicht.