Ich an meiner Seite - Birgit Birnbacher - E-Book

Ich an meiner Seite E-Book

Birgit Birnbacher

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16,99 €

Beschreibung

Der Roman der Bachmann-Preisträgerin von 2019: Humorvoll und empathisch erzählt Birgit Birnbacher vom jungen Arthur, der nach seiner Zeit im Gefängnis nur schwer eine neue Chance bekommt.

Arthur, 22, still und intelligent, hat 26 Monate im Gefängnis verbracht. Endlich wieder in Freiheit stellt er fest, dass er so leicht keine neue Chance bekommt. Ohne die passenden Papiere und Zeugnisse lässt man ihn nicht zurück ins richtige Leben. Gemeinsam mit seinem unkonventionellen Therapeuten Börd und seiner glamourösen Ersatzmutter Grazetta schmiedet er deshalb einen ausgefuchsten Plan. Eine kleine Lüge, die die große Freiheit bringen könnte ... Humorvoll und empathisch erzählt Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher davon, wie einer wie Arthur überhaupt im Gefängnis landen kann, und geht der großen Frage nach, was ein „nützliches“ Leben ausmacht.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 325




Über das Buch

Der Roman der Bachmann-Preisträgerin von 2019: Humorvoll und empathisch erzählt Birgit Birnbacher vom jungen Arthur, der nach seiner Zeit im Gefängnis nur schwer eine neue Chance bekommt.Arthur, 22, still und intelligent, hat 26 Monate im Gefängnis verbracht. Endlich wieder in Freiheit stellt er fest, dass er so leicht keine neue Chance bekommt. Ohne die passenden Papiere und Zeugnisse lässt man ihn nicht zurück ins richtige Leben. Gemeinsam mit seinem unkonventionellen Therapeuten Börd und seiner glamourösen Ersatzmutter Grazetta schmiedet er deshalb einen ausgefuchsten Plan. Eine kleine Lüge, die die große Freiheit bringen könnte ... Humorvoll und empathisch erzählt Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher davon, wie einer wie Arthur überhaupt im Gefängnis landen kann, und geht der großen Frage nach, was ein »nützliches« Leben ausmacht.

Birgit Birnbacher

Ich an meiner Seite

Roman

Paul Zsolnay Verlag

Für Günther

Da ist es wieder, dieses Licht. Im Zug von St. Pölten nach Wien ist es frühmorgens durch die Scheiben gefallen, auf alle anderen, auf Arthur. Bald kommt der Herbst, aber Arthur fürchtet sich nicht. Er schließt noch einmal die Augen und steigt aus. Den letzten Rest des Weges zur Uni macht er zu Fuß, mit nicht ganz so schnellen Schritten wie hier üblich, aber das fällt nicht auf. Er ist ein freier Mensch unter vielen.

So ist es Arthur schon oft ergangen: Er steuert auf etwas zu und weiß nicht, wer oder was ihm gleich beistehen wird, aber etwas wird es schon sein. Er will nicht, kann nicht, traut sich nicht (schon wieder nicht) allein in diese Aula hinein, obwohl er zuvor schon zweimal hier gewesen ist. Wieder wird er nicht wissen, wo er sich hinstellen soll, um zu warten, bis die Lehrveranstaltung beginnt. Damit ihn niemand in ein Gespräch verwickelt und ihn zum Lügen drängt. Nur nicht diesen Tag beginnen und lügen. Das neue Kapitel hat keine Lüge im ersten Absatz. Auch nicht im zweiten, aber Arthur hat gelernt, nicht dauernd zu viel zu wollen. Eins nach dem andern. Jedenfalls ist da gleich wieder die Angst, als Unrechtmäßiger erkannt zu werden. Du hast hier nichts verloren, einen Haftentlassenen brauchen wir hier nicht. Das gilt übrigens für nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens, und privat sowieso. Aber wieder einmal taucht Rettung auf. Oder wie nennt das der durch und durch ungläubige Mensch? Fügung? Der meterhohe, grell beleuchtete Kaffeeautomat gleicht einem Raumschiff, steht riesig und breit in der Mitte der Aula. Im Hausmeisterteam nennen sie das Testphase. Arthur nennt das Glück.

Der Automat blinkt. Er spricht zu ihm. Trink! Try me! So einfach ist das, denkt Arthur, und schon weiß der Mensch, wohin. Er geht sicheren Schrittes durch die Aula und stellt sich vor das sprechende Raumschiff. Lässt sich ein wenig anblinken und ansprechen. Es ist ein warmes Gefühl, richtig zu sein.

Die Auswahl der vielen verschiedenen Sorten überfordert Arthur genauso wie die Frage nach dem Becher. Bloß nicht beim ersten Mal den Fehler machen und Ich habe meine Tasse dabei drücken. Sonst gibt es nicht viel falsch zu machen. Welchen Kaffee trinkt ein Student? Die Mensenplörre unten im Keller heißt Häferlkaffee. Arthur wüsste, dass er keinen Häferlkaffee wollen würde, aber es gibt auch keinen.

Eins zwanzig ist nicht gerade schmal, aber es ist der erste Tag, und der Mensch kann sich ab und zu etwas gönnen. Mittelstark. Mittelzucker. Gebt mir etwas Durchschnittliches! Jetzt wartet jemand hinter ihm, das muss wirklich ein wenig schneller gehen. Wie viel Milch? Als gäbe es tief drinnen in diesem Raumschiff auch noch ein Milchlager. Diese Maschine denkt, dass ich glaube, es gibt eines. Keine Milch. Nur mittel und schwarz. Bestätigen. Arthur zuckt zusammen, als der Becher in die Halterung schnalzt.

Die hinter ihm atmet jetzt hörbar aus, aber das kann alles Mögliche heißen. Nicht die ganze Welt dreht sich um ihn. Da kommt auch schon das Restgeld. Arthur steckt die dreißig Cent ein und nimmt den Becher oben am Rand. Langsam umdrehen, jetzt nichts verschütten. Da blinkt alles orange, meine Güte! Die ganze Aula dreht sich nach ihm um. Feedback muss er noch geben. Hat er sich mit der Bedienung ausgekannt? Na ja, alles könnte immer ein wenig einfacher ablaufen, aber er will nicht kleinlich sein. Ja, bestens, alles zu meiner Zufriedenheit. Enter, okay, tschüss dann. Halt! Nehmen Sie sich noch Zeit für eine letzte Frage? Nein, bitte nicht, hinter mir … Wie können wir uns verbessern? Bitte schreiben Sie mit der Fingerspitze auf das Display. Oh, das möchte er nicht, er möchte bitte nichts auf dieses Display schreiben, weiter. Weiter und Schluss. Aber diese Option gibt es nicht. Bevor er nichts schreibt, kriegt die Studentin hinter ihm keinen Kaffee. Damit das Enter-Feld endlich erscheint, muss er. Echte Milch, schreibt er schließlich, dann darf er gehen.

1

Favoriten, Juni 2010

Fast anderthalb Jahre zuvor steht Arthur unten vor dem Haus im zehnten Bezirk, und das Blut an seiner Schläfe trocknet langsam ein. Draußen ist es jetzt schon wärmer geworden, fast wie Sommer. Der Pullover und die leichte Jacke, die er trug, als er ins Gefängnis kam, sind jetzt unangemessen warm. Er schwitzt. Die Adresse stimmt, aber er ist mehr als zehn Minuten zu spät. Es nützt ja nichts. Die Tür geht auf, er nimmt die Stufen doppelt. Die Schläfe pocht, das ist mehr als ein Kratzer. Hätte er sich sparen können, jetzt muss er hier so zugerichtet antreten. Zweiter Stock, er vergewissert sich der richtigen Tür, ein kurzes Klopfen. Eine Frauenstimme, die sagt: »Herein, bitte.«

Dass der Mensch automatisch kläglich klingt, wenn er sich entschuldigt. Neben der Frau sitzt ein Mann, der älter aussieht, als er wahrscheinlich ist. Das ist der Therapeut. Der Therapeut ist mit seinem Handy beschäftigt und schaut nur kurz auf. »Alles okay?«, fragt die Frau mit Blick auf Arthurs Stirn. Er nickt.

Die Brille des Therapeuten heißt da, wo Arthur aufgewachsen ist, Bundesheerbrille, weil sie früher einmal das Gratismodell für Wehrdienstleistende war. Wer sich nach dem Wehrdienst nichts anderes leisten konnte, trug sie einfach weiter, bis die Brille schließlich nach Jahren gegen das Leseschwächekassenmodell ausgetauscht wurde. Der Therapeut wedelt mit seiner großen Hand den Rauch seiner Zigarette über dem Schreibtisch fort und schaut Arthur durch die Bundesheerbrille an.

Es liegt nicht nur an diesem Handy, ein Nokia aus den neunziger Jahren, dass der Therapeut etwas an sich hat, wovon Arthur denkt, »ehemalig«. Es ist auch dieser abgetragene, blaue Arbeitsmantel. Und die offensichtliche Provokation, mit der er diese wirklich sehr lauten Klingeltöne nicht abstellt. Will er nicht, oder kann er nicht?

Arthur schaut die Frau an. Gut möglich, dass sie bereit ist, einiges für diese womöglich sehr begehrte Postdoc-Stelle am soziologischen Institut zu ertragen. Genau in dem Moment, als sie wirklich nicht länger so tun kann, als wäre nichts, findet der Therapeut einen Klingelton, der ihm zusagt, und legt diesen mit ausholendem Zeigefinger fest. »Blossom«, liest er erfreut.

»Wenn Sie so etwas hören, Betty, woran denken Sie dann?«, fragt der Therapeut mit verträumtem Gesicht. »Mein Name ist Bettina Bergner«, sagt sie zu Arthur gewandt. Und zum Therapeuten: »Ich denke an die Daten in unserer Aufnahmemaske. Und wann Sie endlich lernen werden, wie man eine Klientendokumentation eröffnet.«

Arthur versucht ein Lächeln, ihm ist ein bisschen schlecht. Das Blut. Die Entlassung. Oder der Tonfall, in dem die beiden miteinander sprechen, der ihm so fremd ist. Das Belanglose im Singsang dieser Menschen. Was sich in diesem Kollegengeplänkel offenbart. Dass eine Auseinandersetzung mehr oder weniger aus Spaß beginnt. Dass im Spaß etwas endet.

Heute Vormittag hat Arthur Galleij als freier Mensch das Gefängnis der JVA Gerlitz verlassen. Er hat in der Schleuse seine Sachen genau so zurückbekommen, wie er sie damals abgegeben hatte. Dann ist er einfach davongegangen. Einen Schritt nach dem anderen hat er in seinen braunen Adidas-Sneakers gemacht, einen nächsten und übernächsten, ganz normal, in Jeans, und doch hat er sich gewundert, dass seine Kleidung nicht zerfällt in der Luft, dass nichts von ihm wegbricht oder sich auflöst. So ein junger Mensch zerfällt nicht wie ein Mensch, der zwanzig Jahre da drin war und sich dann als »S« durch die Freiheit schiebt, mit einem Körper, bei dem sich vorne der Bauch vom Sitzen wölbt und hinten der Buckel vom Warten. Von außen betrachtet ist es ein gerader Mensch, der das Gebäude verlassen hat.

Arthur kennt niemanden, der eine Blutspur so konsequent übersehen kann wie der Therapeut, dessen Name Arthur lange bekannt war, bevor er ihn zum ersten Mal sah. Mit bürgerlichem Namen heißt er Konstantin Vogl, aber alle nennen ihn Börd. Der Therapeut schaut ihm so lange schweigend und rauchend in die Augen, bis Arthur in den Glasaschenbecher schaut, in dem Börd die Zigarette gründlich ausdrückt, ohne hinzusehen.

Er mustert Arthur durch die Brille, legt aber das Handy nicht aus der Hand. Ihm ist nicht anzusehen, was er denkt. Oder dass er nicht einmal eine halbe Stunde zuvor beim Blättern in Arthurs Akte die flache Hand gegen die Stirn geklatscht und gemurmelt hat: »Dass es so etwas gibt.« Ein seltener Moment, in dem Vogl sich in die Karten schauen lässt. Sein Gegenüber, hat er immer gefunden, muss nicht bei allem mitlesen können, was er sich so denkt. Darum hat er begonnen, sich nichts anmerken zu lassen. Sein direkter Nachbar zum Beispiel hat das Verschwinden seiner Frau Elsa lange nicht bemerkt. Vogl hat immer schon lieber noch einen getrunken, bevor man ihm etwas ansehen konnte. Damit man ihm nichts anmerkt, trinkt er auch heute lieber noch einen. Nie extrem, nie mit Totalabsturz. Nur einen für die Stimmung und einen gegen den Schmerz. »Die Elsa ist immer unterwegs«, solche Sätze hat er über den Zaun gesagt, so hat er sich angewöhnt zu sprechen. »Hat Hummeln im Arsch, die Frau.« Einmal hat der Nachbar geantwortet: »Wie sie halt so sind«, und Vogl hat ein wenig dümmlich wiederholt: »Wie sie halt so sind.« Dann ist er hineingegangen ins Haus und den Satz nicht mehr losgeworden. Er klang und klang und klang, im Ohr und in der Küche, im Badezimmer und später im Bett, im geschlossenen Mund. Wie sie halt so sind.

Heute Vormittag ist Arthur also den Gehsteig entlanggegangen, einen Schritt nach dem anderen, und nichts ist auseinandergefallen, niemand hat ihn komisch angeschaut. Er ist nur ein Mensch, der hier geht, mit einer Sporttasche über der Schulter, und er macht ein paar Schritte, da sieht er sie schon. Erkennt sie auf den ersten Blick. Sie war damals in Andalusien schon alt, als sie bei Marianne und Georg eingecheckt hat, da war er fast noch ein Kind. Hat sie angestarrt und geglaubt, sie sei tot, als sie damals so dalag und rasten musste. Die erste ehemalige Schauspielerin, die Arthur kennengelernt hat. Eine alte Frau, jetzt Haut und Knochen, durch einen Mantel aus der falschen Jahreszeit geschützt. Ein schwarzes Gefieder über einem Gerüst von Mensch, der schwächliche Mensch, die davongelaufene Palliativpatientin, die nun an der Bushaltestelle vor der JVA Gerlitz sitzt wie eine, die nicht nur aus der Zeit, sondern gleich aus einer ganzen Spezies gefallen ist. Als sei sie lange hierher zurückgeflogen und fände nun ihre Gattung nicht mehr. Alle Schauspieler sind tot und Freunde, Weggefährten, fort. Nur Arthur hat sie noch. Aber was auch in ihrem Gesicht steht: Es ist alles gar nicht so schlimm. So schaut sie ihm entgegen, die blauen Augen ganz wach, der Buckel gelassen gekrümmt, die Schmerzpumpe schussbereit in der abgemagerten linken Hand, den spitzen Stein, aber das sieht Arthur nicht, gut versteckt in der rechten. Es ist kein Lächeln, aber etwas regt sich in der Luft um sie. Die ganze Haltestelle ist aufgeladen mit dem Übermut einer Frau, der die durchgängige Bitterkeit, die sie immer gern nach außen getragen hätte, nie so ganz gelingen wollte. Nicht einmal jetzt, wo sie ihre letzte Reise angetreten hat, um den Jungen, wie sie sagt, vor einem Blödsinn zu bewahren.

»Können Sie einen Eisbecher?« Der Therapeut schaut jetzt von seinem Handy auf wie ein sehr junger Mensch, der einen frischen Einfall hat.

»Wie bitte?«, fragt Arthur.

»Es scheint da solche Symbole zu geben, auf diesen Tasten. Das gibt es mit Smileys und all sowas, aber auch mit Gegenständen. Können Sie das auf dem Display? Es ist ganz neu, meine Klienten schicken mir erhobene Daumen und Gesichter und sowas …« Der Therapeut müsste eigentlich wissen, dass Arthur nicht weiß, wie man ein Smartphone bedient. Genau zu der Zeit, als die Smartphones sich so richtig ausbreiteten, kam Arthur in den Knast. Das Wischen kriegt er gerade noch hin, den ganzen Rest kennt er noch nicht. Was Arthur aber trotzdem weiß: dass man für das, was der Therapeut will, ein Smartphone braucht, und Börd ein Tastengerät hat.

»Mit Ihrem Gerät funktioniert so etwas nicht«, sagt Arthur höflich, aber Börd scheint nicht besonders erstaunt zu sein. »Einen Eisbecher können Sie da nicht hineintippen. Schreiben Sie doch einfach, dass Sie auf ein Eis gehen möchten«, schlägt Arthur vor.

Jetzt schaut der Therapeut wieder auf. Betty grinst fast unmerklich. »Wie kommen Sie denn auf sowas? Sehe ich vielleicht aus, als würde ich auf ein Eis gehen wollen?«

»Ich weiß es nicht«, sagt Arthur wahrheitsgemäß und ist selbst überrascht, wie traurig das klingt.

Börd winkt ab. »Nein, nein. Das ist ein Klient, der Ärger mit seinem Channel hat. Youtube, so Gaming-Sachen. Kennen Sie sich mit sowas aus?«

Arthur schüttelt den Kopf, was bei seiner Verfahrensgeschichte nicht glaubwürdig ist.

»Der Kerl jedenfalls, mein Klient, verträgt absolut null Kritik. Schreibt jetzt in den Nachrichten an mich von Online-Mobbing, Sperrungen und all sowas. Rechtlichen Schritten! Da wollte ich ihm schreiben, er soll mal den Ball flachhalten.«

»Und das hätten Sie mit einem Eisbecher getan.«

»Genau«, sagt er selbstzufrieden und nickt diesem Gedanken noch eine Weile hinterher.

»Fällt das nicht unter Datenschutz?«, fragt Bettina Bergner.

»Ich wüsste nicht, dass ein Eis jemals unter Datenschutz gefallen wäre. Aber Sie können gerne Ihre Tagesfreizeit damit verbringen, ein Kügelchen Zitronensorbet beim Finanzamt registrieren zu lassen.«

Bettina Bergner verdreht die Augen, holt zum Gegenangriff Luft, lässt es aber dann doch. »Ich spreche von unserer Schweigepflicht. Dass Sie dem einen Klienten nicht vom anderen erzählen dürfen.«

Er weitet die Augen und schaut Arthur dabei an. »Müsste ich andauernd schweigen, Betty, könnte ich meinen Kumpels im Schwedenespresso auch nicht von Ihnen erzählen.«

»Was erzählen Sie denn?«

»Ich erzähle, dass Sie eine seltene Lichtgestalt sind, die an Zitronensorbet schleckt.«

»Die niemals mit Ihnen und Ihren Kumpels in diesem ranzigen Beisl sitzen würde.«

»Wirklich? Niemals?«

»Nie-mals.«

»Nicht einmal auf einen Spritzer?«

»Ich hasse Spritzer, und ich trinke nicht.«

»Gar nicht?«

»Nicht mit Ihnen.«

»Ich würde das als vielleicht ins Protokoll nehmen.«

»Ich würde ins Protokoll nehmen, dass Sie niemals irgendetwas ins Protokoll nehmen, und deswegen gar nicht wüssten, wo Sie das mit dem Spritzer verzeichnen könnten.«

»Ich könnte Sie fragen, Betty«, seufzt Börd, »und außerdem schreibe ich es mir ins Herz.«

Dann tippt er so langsam und konzentriert eine Tastenkombination in sein Handy, dass Arthur erst merkt, dass ihm der Mund offen steht, als dieser bereits ganz trocken ist.

Die meisten Dinge, von denen Börd Ahnung hat, gelten heute nicht mehr. Dennoch, die Thesen, die er damals zur Besserung der Person formulierte, alles bis hin zu seinem bekanntesten Aufsatz Die weitere Möglichkeit, würde man heute zwar nicht mehr als Durchbruch bezeichnen, aber immerhin gelten sie noch als akzeptable Leistung.

Trotzdem wäre Betty leicht umhingekommen, den ausrangierten Sozialarbeiter, der nach etlichen Turbulenzen als arbeitslos gemeldet war, zu fragen, ob er an einer Projektmitarbeit interessiert sei. Doch als seine ehemalige Studentin, die nun zu genau jenem Bereich forschen sollte, fühlte sie sich ihm verpflichtet.

Sein Ansatz war damals vollkommen neu. Was er machte, war anders als alles, was bisher gemacht worden war. Um Theorie scherte er sich immer nur exakt so viel, wie es eben unbedingt notwendig war. Den ganzen Rest bestritt er mit Versuch und Irrtum, mit Intuition und Inbrunst, mit dem Willen, wirklich etwas zu bewegen. Was Doktor Konstantin Vogl an seinem Fach, den Gesellschaftswissenschaften, immer schon besonders mochte: dass sie eine Wissenschaft der alltäglichen Dinge war. Dass sie den Menschen und die Gesellschaft beschrieb, wie sie eben waren. Auf Börd, der es mit wissenschaftlichen Standards und sozialarbeiterischen Verhaltensregeln nie allzu genau genommen hat, hatte diese Tatsache stets eine entspannende Wirkung gehabt: Beschreiben, was er sah, das konnte er, denn er sah gut, und viele seiner Ergebnisse waren von Alltagswissen nicht zu unterscheiden. Hausverstand. Börd mochte an seiner Arbeit immer am meisten, dass er jedem seiner Thekennachbarn im Schwedenespresso erzählen konnte, woran er gerade forschte, und jeder es verstand. Ab und zu hatten diese Kerle auch gute Ideen, die Börd hin und wieder sogar in die Ergebnisfindung mit einbaute. Gut, vielleicht hatte er das eine oder andere Mal behauptet, etwas nachgewiesen zu haben, was streng genommen eher nur eine Vermutung war. Als sie ihn aber schließlich wegen solch angesammelter Ungereimtheiten an der Universität rausschmissen, just zur selben Zeit, als es auch mit dem Verein, wo er als Bewährungshelfer arbeitete, nicht mehr ging, tat es ihm doch leid, es mit der Interpretation der Ergebnisse übertrieben zu haben.

Auch die Entgleisungen mit seinen Klienten sprachen sich schnell herum. Immer wieder wurde ihm sein aufbrausendes Gemüt zum Verhängnis und verhinderte Beförderungen oder Anstellungen, die endlich auch einmal finanziell interessant gewesen wären. Zu einem richtig guten Job brachte er es nie, was manchmal nur daran lag, dass er keine Briefe aufmachte, niemals.

Als dann die ganze Fluchthelfergeschichte aufkam, war er längst arbeitslos. Fast hätten sie ihn auch noch strafrechtlich verfolgt, aber dann hat doch niemand von den Ex-Kollegen ausgesagt. Ob er juristisch betrachtet seinem damaligen Klienten wirklich zur Flucht verholfen hat, weiß Börd selbst nicht, dazu fehlt ihm die Fachkenntnis über die genaue Gesetzeslage. Aber diese Kategorien waren ihm immer schon zu eng. Er weiß nur, wie jeder in der Bewährungshilfe, dass es die gute Tat in der schlechten gibt, genauso wie es die schlechte Tat in der guten gibt. Und dieser Klient, den sie übrigens nie erwischt haben, war einer von denen, die eine schlechte Tat begangen haben, die aber eigentlich auch eine gute war, fand Konstantin Vogl. Dann ergab eins das andere, und der Therapeut hat selbst nicht gewusst, dass er bereit ist, in bestimmten Momenten einfach nicht hinzuschauen. Und notiert hat er sowieso nie was. Das Dokumentieren war ihm immer schon zu verschwitzt, die ganzen malzkaffeetrinkenden Neomagister mit den Zopfpullovern, das war nicht mehr das Kollegium, das es früher einmal in der Bewährungshilfe gegeben hat. Es war sowieso nicht mehr Seins. Aber dass es dann doch kein Strafverfahren gegen ihn gab, war ihm auch recht.

Bettina Bergner trägt zwar keine Zopfpullover, dafür betet sie aber mehr oder weniger ohne Unterlass Durchführungsstandards herunter, sodass Börd manchmal froh ist über seinen wirklich schlimmen Tinnitus. »Betty erklärt uns den Ablauf«, grinst Börd Arthur zu. Und Bettina Bergner erhebt sich und murmelt: »Wenn ihn schon sonst niemand kennt …«

»Ich erkläre Ihnen zuerst, woraus wir unser Material beziehen«, sagt Betty zu Arthur. »Das sind in erster Linie die Tonaufnahmen, die wir regelmäßig von Ihnen bekommen. Wir nennen das Schwarzsprechen. Doktor Vogl gibt Ihnen Themen vor, und Sie erzählen gewissermaßen ins Leere, was Ihnen dazu einfällt.«

»Deswegen schwarz«, sagt Arthur.

»Er ist klug«, sagt Börd spöttisch.

»Danach kommt das alles zu uns, und wir tippen es ab. Aus den Inhalten«, sie räuspert sich, »… entwickelt Doktor Vogl die weiteren Therapieschritte.« Börd nickt zufrieden. »Das Ziel ist ja«, sagt Betty, »dass Sie über das kommende Jahr hinweg straffrei bleiben, und idealerweise darüber hinaus.«

»Bis Oktober haben wir zehn Sitzungen«, sagt Börd. »Sie und ich, nur wir beide. Wir nennen dieses ganze Theater das Starring-Prinzip. Therapie dürfen wir ja nicht sagen. Nennen Sie das niemals Therapie! Starring, von Hauptfigur, weil wir am Ende dieser zehn Sitzungen festgestellt haben werden, wie Ihre ureigene Optimalversion ausschaut. Sie sollen sich über diese Figur dermaßen klar werden, dass Sie sie in brenzligen Situationen ›spielen‹ können, in sie hineinschlüpfen. Sich über etwas hinwegretten, indem Sie so tun, als wären Sie diese Version von sich, die bessere, die weichgezeichnete, die klügere. Und deshalb nicht straffällig werden. Unsere Aufgabe ist es, aus Ihrem blassen, und das meine ich nicht persönlich, aus Ihrem unscheinbaren Gesicht mit der hässlichen Wunde das einer Hauptfigur zu machen. Diese Hauptfigur, die ich mit Ihnen entwickle, ist trotzdem mehr als ein Wunschkonzert. Wenn Sie so wollen, handelt es sich um den Spiegelsaal Ihres ureigenen Selbst. Also träumen Sie erst mal einen Entwurf von sich. Nicht, wer wir sein wollen, ist entscheidend, sondern wen wir darstellen können. Verstehen Sie den Unterschied? Sehen Sie, was plötzlich möglich wird? Wenn niemand mehr den Unterschied merkt, brauchen Sie ihn auch nicht mehr zu leben. Niemanden interessiert, wer Sie sind. Entscheidend ist, wer Sie vorgeben können zu sein. Das ist vielleicht etwas deprimierend, aber nur auf den ersten Blick. Das Gute daran ist: Einer Hauptfigur kann man viel besser nacheifern als einem starren inneren Ideal, das man niemals erreichen wird.«

»Und dann?«

»Und dann? … Dann sind Sie ein besserer Mensch, und das ist es doch, was wir alle sein wollen. Oder nicht?«

( 00:00 )  Eins, zwei, check. Funktioniert das überhaupt? Arthur Galleij für Doktor Vogl, Aufnahme eins oder so, check. Danke, dass Sie meine Wunde nicht angesprochen haben. Ich kann Ihnen das erklären, irgendwann, aber nicht jetzt. Gut. Weiter im Text. Das Aufwachsen also, haben Sie gesagt. Darüber soll ich sprechen. Dann sagen wir, 1988. Oder beginnen wir mit: Mein Name ist Arthur Galleij, aber eigentlich hätte ich anders heißen sollen. Ich bin geboren am 29. Mai 1988. Der Lieblingsname meiner Mutter war Mario, aber mein Vater hat sich durchgesetzt. Viel weiß ich eigentlich nicht aus dieser Zeit. So einzelne Geschichten, mit denen man sich später eine Herkunft erzählt. Das mit dem Namen ist irgendwie hängengeblieben. Im Knast habe ich dann öfter wieder daran gedacht. Vielleicht eine Erinnerung an eine zweite Möglichkeit. Reset, und alles beginnt von vorn. Neuer Name, alles von vorn. Aber das ist nur so ein bescheuerter Traum.

2

Hallein, Mai 1988

Er heißt Arthur, aber nicht einmal das stimmt ganz. Jedenfalls: Jetzt wird er geboren. Das rosa Leben in den Händen von Marianne und Ramon, blutverschmiert, blaugeprellt, ein beim Brüllen zitterndes Gaumenzäpfchen. Marianne riecht an ihrem Sohn und denkt: Wenn so das Menscheninnerste riecht, dann kann nicht alles verloren sein. Was nicht so oft vorkommt: Wie einig sich Marianne und Ramon sind, zum Beispiel wenn sie sagen: »Das Schönste, was es gibt.« Dass selbst Ramon ganz still ist, selbstvergessen, wie er da in diesem Stuhl hängt und kurz nicht mit sich selbst beschäftigt ist, sondern das Bündel Säugling in seinen Armen anschaut, seinen zweitgeborenen Sohn.

Später einmal wird Marianne sagen: Die Kinder werden so schnell erwachsen — irgendwann verschwinden sie in ihrem Zimmer und kommen zwei Kopf größer wieder heraus. Schon mit Arthurs Geburt hat sie die ersten Jahre mit seinem Bruder Klaus wieder vergessen. Das Wort Schreikind gab es damals noch nicht, und Marianne hatte keinen Vergleich. Klaus schrie einfach, er schrie die ganze Zeit, niemals schien er richtig satt zu werden, Schlaf brauchte er kaum. Manchmal schrie und döste er zugleich, und Marianne gewöhnte sich an, zu schlafen, wenn er das tat.

Ein zweites Kind war keine Entscheidung für Marianne, es ist passiert.

Und dann kommt Arthur und braucht so wenig. Schaut herum, schaut das Mobile mit den blauen Heißluftballons an, schaut ihnen nach, bewegt die Augen hin und her, verzieht den Mund zu einem Lächeln. Marianne fasst es nicht. Das ist ein ganz anderes Kind, sie merkt sofort: Dieser Mensch genügt sich selbst.

An diesem 29. Mai 1988, als Arthur noch nicht einmal einen Namen hat, sagt sie: »Genau so habe ich ihn mir vorgestellt«, und produziert ein Glücksgefühl. Es ist wahr, Glück ist für Marianne eine Produktionsleistung, etwas, über das sie von Natur aus, so sagt sie, nicht verfügt. Aber Marianne ist fleißig und lernt schnell. Was das Glück anbelangt, haben sich die Zeiten zu Mariannes Ungunsten geändert. Als Marianne Kind war, erzog man seinen Nachwuchs nicht unter der Prämisse, dieser solle glücklich sein. Von ihr hatte niemand gewollt, was sie später von ihren Söhnen verlangte: Sei glücklich! Klaus musste ganze sechs Jahre alt werden, um zum ersten Mal glücklich zu sein, wegen einer Schultüte voller Smarties. Und Arthur? Kam einfach glücklich zur Welt. Ein Kind seiner Zeit. Wusste, bevor er denken konnte, was man von ihm erwartet.

Genau so hat sie sich das alles vorgestellt. Nur ohne die Streitereien um den Namen. Mario, sagt sie mit einer hingehauchten Zärtlichkeit, sie versucht ein Lachen, das ihr nicht mehr so ganz gelingen mag. Marianne erwartet wirklich nicht mehr viel von Ramon, aber dass er ihren Wunsch respektiert, das schon. Immerhin hat sie das Kind zur Welt gebracht. Alles andere regt sie nicht auf, alles andere schiebt sie erst einmal beiseite. Heute wird er ihr mit so etwas nicht kommen. Morgen auch nicht. Sie wird ihm das nicht abnehmen, nichts wird sie aussprechen für ihn. Dabei weiß sie es doch längst: Das steuert auf was zu. Nur Ramon glaubt noch, sie weiß nichts. Wirklich nur er.

An diesem Tag denkt Marianne nicht daran, was werden wird, sie denkt nur: Mario. Was für ein zärtlicher Schwung in diesem Namen liegt, eine Liebe, ohne Liebe in der Stimme kann sie diesen Namen gar nicht aussprechen. Und Feuer! Alles scheint er zu erfüllen, während ein Arthur ihr gar nichts sagt. Oder schlimmer: Wenn er ihr etwas sagte, dann Gladiator, und das möchte sie nun wirklich nicht.

»Mario!«, ruft Ramon mit gespieltem Schock und tut so, als würde Marianne tatsächlich etwas zu sagen haben. »Mario, Maria, ein Mann mit dem Namen seiner Mutter, ein armer Hund!« Er, der Offizier Ramon Galleij, wolle einen S-O-H-N. Er buchstabiert. »Eine Aussage! Hier kommt … Tätääm!!!! Ein Mann muss heißen wie ein Mann. Ein Name muss was sagen, gestern wie heute. Heute heißen sie alle Anton und Franz und …«

»Klaus …«

Jetzt schweigt er. Klaus sitzt da und schaut selig von einem zum andern. Marianne streicht ihm, dem einzig Vernünftigen, über den Kopf. Als Baby war er so anspruchsvoll, und jetzt gibt er alles zurück.

Dass Ramon Galleij am Wochenbett seiner Frau steht, dieses duftende Bündel Kind hält und zugleich an den Schoß seiner Affäre denkt. Marianne würde das nicht überraschen. Wenn Ramon gehen will, soll er es sagen. Wer ist sie, dass sie ihm das abnimmt? Sie ist müde und muss schlafen, wenn das Kind schläft. Jetzt schläft es, und er referiert über Namen und Männlichkeit, bis ihr beharrliches Schweigen ihn endlich zum Verstummen bringt.

Typisch sie, denkt Ramon, steht breitbeinig da, schaut aus dem großen Doppelfenster hinaus in den frühmorgendlichen Park. Er hat ganz vergessen, wie leicht Babys sind und wie klein. Er muss aufpassen, dass er nicht zu fest drückt. Kalt lässt ihn das alles nicht. Er denkt: Um eine Entscheidung geht es ja längst nicht mehr. Familie, ja oder nein. Dieser Zug ist längst abgefahren. Und wann ist schon jemals der richtige Zeitpunkt? Einen richtigen Zeitpunkt gibt es nicht, zwei Kinder hin oder her.

Wie schön dieser Junge ist. Marianne schläft jetzt, mit geöffnetem Mund schnarcht sie im Sitzen. Klaus ist ganz still, wendet den Blick nicht ab vom Gesicht des kleinen Bruders. Lächelt selig. Ist doch alles gut, denkt Ramon. Und dass sie eine starke Mutter haben. Selbst jetzt, während sie daliegt, verwundet und den Schrecken der Geburt noch im Gesicht, aber trotzdem mit aufgekrempelten Ärmeln, sodass man ihre kräftigen Arme sieht.

Die Besuchszeit geht bis Mittag, dann wird er Klaus bei Mariannes Mutter absetzen und zu Jean fahren. Sie ist ohnehin so eifersüchtig wegen dieser ganzen Sache mit der Geburt. Aber er wird sie schon milde stimmen, Jean wird es so machen, wie er sagt, sie macht es immer so, wie er es sagt, und wenn er sie anschreit, macht sie es nur noch hektischer. Das ließe Marianne sich nicht bieten, niemals. Aber Marianne so zu sehen, so blass und mit einem Gesicht von zwei Tagen ohne Schlaf, irritiert ihn. Er möchte sie eigentlich nicht länger anschauen.

Es ist halb zwölf. Jetzt schreit der Kleine wieder, und die Geburtsurkunde ist immer noch nicht ausgestellt, die Zeile mit dem Namen immer noch leer.

»Ein richtiger Racker!«, sagt Ramon und gibt ihn Marianne. Was in aller Welt heult sie jetzt wieder? Sie hat doch schon zweimal ein Schmerzmittel bekommen.

»Die Müdigkeit«, sagt Marianne und wiegt den Buben.

»Gib her!«, sagt Ramon in einem Ton, als hielte sie ihn stets von allem ab, was ihm zusteht, und nimmt das Klemmbrett mit dem Geburtsblatt vom Nachttisch. Dass Marianne Ramon tatsächlich einfach schreiben lässt, kann sie sich später gar nicht mehr vorstellen. Schon nach wenigen Wochen weiß sie nicht mehr, wie es gewesen ist, so müde zu sein. Aber sie ist müder als der Tod, und die Nähte bluten. Ramon schreibt: Arthur Galleij und macht einen Punkt danach. Wegen dieses Punktes werden sie später noch eine Änderungserklärung unterschreiben müssen, eine Schererei mehr, die ihnen seine Bestimmtheit eingebrockt hat. Auch dabei schluckt Marianne ihren Wunsch hinunter, denn da heißt der Bub ja schon seit drei Wochen Arthur, und wer ist sie, dass sie ihrem Kind seinen Namen nimmt. Für manches ist es einfach zu spät, denkt sie und unterschreibt mit zusammengepressten Lippen, dass der Punkt wegkommen soll. Aber eines bleibt: Noch lange, wenn Marianne Arthur sagt, denkt sie Mario. Und wenn sie Mario denkt, sagt sie Arthur. Irgendwann verschmelzen der wirkliche und der geheime, niemals vergessene Name in ihrem Kopf zu einem gemeinsamen. Ein Name, der beide Namen bedeutet, hart klingt und weich, zärtlich und kalt. Und solange sie den Namen ihres Sohnes noch ausspricht, hört Marianne immer diesen doppelten Klang, und als sie später verweigert, seinen Namen zu sagen, hat sie vergessen, dass es einmal eine zweite Möglichkeit gegeben hat.

Ramon denkt: Ein Mann lässt vieles mit sich machen, aber irgendwann ist der Ofen aus. Dann ist zusammengeräumt, dann hält der stärkste Kerl das nicht mehr aus. Zum Beispiel diesen schweigenden Rücken in der Küche. Sie hat null Humor, absolut N-U-L-L. Worüber lacht diese Frau? Nichts nimmt sie leicht. Die Verweigerung in Person. Es ginge noch länger so weiter, aber viel denkt er sich gar nicht mehr dazu. Das muss er auch nicht, Verweigerung reicht ja selbst der Kirche schon als Grund. Das eine Mal: ein beidseitig besoffener Zwischenfall nach der Abschiedsfeier mit dem Team von Camping Grubinger. Überhaupt, dieser unsägliche Campingplatz! Fünf erfolglose Jahre sind das gewesen, Schufterei ohne Ertrag. Und er: ein Platzwart? Er war immerhin bei der Armee! Sieht er vielleicht aus wie ein Hausmeister? Und sie: eine lausige Köchin. Nebenbei frigide. Deshalb ist es später auch mit der Pizzeria nichts geworden. So lange er nachdenkt, er kann sich an kein einziges Mal erinnern, seit sie die Pizzeria hatten. Nach der Arbeit ins Bett fallen, daneben den Buben. Arbeit und Mehl und Hitze und Fritteusenfett. Wieder umsonst. Schließlich das zweite Mal: Sie schläft, er ist besoffen und nimmt sich, was ihm zusteht. Er ist schließlich ein Mann, der keine Einverständniserklärung braucht. Sie ist aufgewacht, und seither wirft sie ihm das vor. Dem eigenen Mann! Und jetzt hat er den Salat und sie eine Rechtfertigung, weshalb sie sowieso nicht mehr will. SO-WIE-SO NICHT, so nicht und anders nicht, Punktaus, wie sie zu sagen pflegt. Er denkt, das hat sie von ihm, aber sicher ist er sich nicht, weil er das schon lange nicht mehr sagt, weil sie es sagt.

Marianne schafft das schon. Jede könnte das nicht. Jean könnte das nicht, aber das muss sie auch nicht. Jean muss auf der Tankstelle scannen und kassieren. Jean ist devot, sie macht alles. Alles. Er muss es nur sagen. Hat er ihr gar nicht angesehen. Gut, Jean kennt kaum einen Politiker mit Namen und schaut keine Nachrichten. Jean weiß nicht, was ein Plusquamperfekt ist, aber wer weiß das schon! Und wen interessieren Politiker! Eines Tages wird sie sich die Zähne richten lassen, und vielleicht legt Ramon was drauf.

Ramon bleibt dann noch ein Weilchen, aber auch das hätte er sich sparen können. Arthur wird sich nie an ihn erinnern, und Marianne wird ihm nichts Wesentliches über Ramon erzählen. Als Buben fragen Arthur und Klaus noch nach, dann zeigt Marianne das Logbuch vor. Armeetauchen, Freizeittauchen, Abenteuertauchen. Mexiko, Attersee, Mallorca. So stellt Arthur sich später den Vater vor: ein Strohhut im Wind eines Schnellboots, der Held im Mittelpunkt einer gefährlichen Rettungsaktion, Kinder, Hunde, alles und jeder wird sicher nach Hause gebracht. Dazwischen erholt er sich an einem Ort, der La Caribic heißt.

Arthur kann nicht wissen, dass er später einmal herausfinden wird, dass genau diese Koordinaten, Breitengrad 36°47’12.41” N / Längengrad 6°25’55.68” W, ganz in der Nähe seines Wohnorts sind. Als Kind in Bischofshofen kann er nicht wissen, dass man an diesem Ort alles Mögliche machen kann, aber zwölf Meter tief tauchen ganz bestimmt nicht, und er kann nicht wissen, dass er genau das später in Andalusien einmal herausfinden wird. Die am häufigsten verzeichnete Stelle in Ramons Aufzeichnungen ist nichts als phantasierte Tiefe. Die ganze Stelle ist erfunden, das heißt: Die Stelle gibt es, aber man kann dort nicht tauchen, beim besten Willen ist sie nicht tief genug. Auch später noch braucht Arthur eine Weile, bis er begreift: Ramon hat diesen Ort phantasiert und diese Koordinaten eingetragen, weil er eben nicht dort war. Tag für Tag, Mal für Mal und Saison für Saison.

Zur Erinnerung an den Vater schenkt Marianne Arthur einen Taucher als Spielfigur. Und so kommt es, dass Ramons falscher Glanz für viele Jahre sogar noch in Ecken von Räumen strahlt, die er niemals betreten hat.

( 00:00:15 )  Jetzt werden Sie sagen: Klassiker, vaterloser Jugendlicher wird kriminell. Und gleich irgendwelche Kausalitäten einziehen, wo die gar nicht hingehören. Wofür die Väter alles herhalten sollen! Also ehrlich: Mein Vater ist gleich abgehauen, dem jetzt die Schuld in die Schuhe zu schieben für das, was bei mir später gelaufen ist, wär irgendwie ganz schön absurd. Zumal ich über ihn kaum was weiß. Nur dass es eine andere Frau gab, aber das war auch wohl eher eine Vermutung von Marianne. Einmal hat sie die andere gesehen. Oder hab ich sie gesehen, das weiß ich nicht mehr. Viel hat er nicht zurückgelassen, kaum Spuren. Außer dieses Buch, in dem seine Tauchgänge verzeichnet waren, aber das hat mich erst später interessiert. Und ein paar ausgetretene Schuhe, die er wohl vergessen oder mit Absicht zurückgelassen hat. Das waren ganz eigenartige Schuhe, so ein Hybrid aus Lederschuh und Turnschuh. Ich fand die immer komisch, voll hässlich auch, und ab und zu haben wir die hervorgeholt aus dem Keller, wenn wer was gesucht hat, Klaus oder ich, und sind dann reingestiegen. In diese glattgelatschte Ledersohle zu steigen, dieses letzte Rutschen am Schluss, bis die Zehen vorne anstehen, das war immer wie so eine Mutprobe. Weil es uns dann doch irgendwie gruselte, ihm so nah zu sein. Aber gesagt wurde das natürlich so nicht. Keine Ahnung, warum diese Latschen nie jemand weggeschmissen hat. Hat ja kein Mensch gebraucht.

(…)

( 00:01:26 )  Vermisst haben wir den nicht, aber gefehlt hat er uns schon. Mir so in den Jahren, als das alles Thema wurde mit Wer-wirst-du-später-mal und Was-bist-du. All die Jahre eigentlich (lacht). Ich zum Beispiel wollte Taucher werden, wie er, oder Astronaut. Keine Ahnung, wie ich ausgerechnet darauf gekommen bin. Will wahrscheinlich jeder so in dem Alter. Ich wollte, glaub ich, immer entweder genau so werden wie er oder … die Figuren auf der Fensterbank im Kinderzimmer in Bischofshofen … Astronaut oder Taucher … wie er, also er ohne den Arschlochfaktor, eben das Gegenteil. Und Astronaut war irgendwie so dieses Gegenteil … keine Ahnung. Ich glaube, Marianne hat sich oft grundlos Sorgen um mich gemacht. Eine Zeitlang glaubte sie, ich sei irgendwie Autist oder so, weil ich nicht so viel geredet hab und Dinge in die Luft gehen ließ. Jungskram, aber halt so auf Nerd. Klaus hat immer um alles geschrien, war so der Macker von uns beiden. Und ich hab eben nichts gesagt und die Dinge mit mir selbst ausgemacht.

Ein bisschen still ist er, sagen die Leute über den Jungen an Mariannes Hand. Ist er stumm?

»Er denkt nur nach.« Marianne lächelt, mal tapfer und mal angesäuert, meistens beides zugleich. Manchmal sagt sie auch: »Er spricht nicht mit jedem, aber er spricht gut und viel. Zeigen Sie mir ein anderes Kind, das Nach Ihnen sagt. Er sagt es einfach so, wir müssen ihn nicht zwingen.«

Die Leute fragen hinter Mariannes Rücken: Kriegt er nicht, was er braucht?

»Er braucht wirklich nicht viel.«

Die Leute sagen oft: Arthur ist ein Kind, das man gar nicht spürt. Marianne lernt, das als Kompliment zu betrachten, und Arthur lernt es auch. Er braucht nicht viel, man spürt ihn nicht, und mit der Zeit trifft sich das ganz gut, denn Marianne hat meistens mehrere Jobs. Sie kocht alle drei Tage für die Buben. Sie müssen es sich einteilen, das Essen und alles andere auch. Arthur und Klaus können früh die Milch zurück in den Kühlschrank stellen. Wenn sie sauer wird, gibt es länger keine frische. Das alles macht aber nicht viel. Es ist oft irgendeine Annette oder Marie oder Veronika zur Beaufsichtigung da und schaut in ein Skriptum. Dieses Wort kennt Arthur, lange bevor er es versteht. Der Vierjährige glaubt, dass ein Skriptum auf dem Schoß und ein wippender Pferdeschwanz zusammengehören wie Schaufel und Sandkübel.

Arthur lächelt im Schlaf, wenn Marianne spätnachts aus der Schicht kommt und das Licht im Flur abdreht, sich vor sein Bett auf den Teppich kniet und ihm durchs Haar streicht, ihn leise und sanft küsst, noch einmal küsst, und noch einmal. Längst ist er wach, aber er möchte sie nicht stören.

»Kuss, liebes Kind, Kuss.«

Klaus hat alles abgestellt, so ist es brav. Fernseher, Küchenlampe, den Schlüssel zweimal umgedreht. Sie riecht nach Schweiß und an der Nachtluft kühl gewordenem Fett. »Auf euch ist Verlass«, flüstert sie, aber da ist Arthur schon eingeschlafen.

Arthur glaubt, er ist ungefähr sieben, als Marianne mit im Schoß gefalteten Händen und Stolz in der Stimme verkündet: »Er heißt Georg.« Georg lädt alle zu Burgern mit Pommes ein, und Arthur und Klaus sollen die Burger loben, aufessen und einander nicht boxen.

Marianne sucht in den Gesichtern der Söhne nicht nach Sympathien für Georg, aber sie sitzt da mit einem Herzen, das sich welche erhofft. Die Kinder sollen gnädig sein, und Arthur fängt damit an, indem er den ganzen Burger verschlingt und alle Pommes. Klaus rührt seinen nicht an, bis Arthur ihm einen Tritt versetzt, den über dem Tisch wirklich niemand bemerkt. Marianne lächelt Klaus an, als er endlich isst. Nur die braunen, harten Pommes lässt er liegen, und als Arthur sich auch die in den Mund steckt, um sie aufzuweichen und schließlich zu kauen und zu schlucken, lächelt Georg und sagt: »Zwei zufriedene Burschen.«

Von jetzt an gibt es eine Art Überschrift für alle kürzeren und längeren Vorträge, die Marianne ihren Söhnen über allgemeine und persönliche Zukunftsperspektiven und Jobchancen hält, und diese Überschrift lautet: Georg sagt. Georg sagt zum Beispiel, dass Marianne es einmal weit bringen wird. Von nun an ist alles, was Georg findet und sagt, wichtig und in seiner Richtigkeit absolut nicht zu kritisieren. Wenn Arthur Marianne eine Freude machen will, erwähnt er Georgs Namen und gibt zu erkennen, dass er sich an etwas, das Georg gesagt hat, erinnert und es gleich auch noch praktisch anwendet. Zum Beispiel sagt Arthur: »Hat Georg nicht gesagt, die Schuhspanner sind auch für Fußballschuhe gut? Das hab ich gleich mal ausprobiert.« Selten hat er Marianne so dankbar und friedfertig gesehen, wie nach so einem Georg-sagt-Zugeständnis.