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Mit unbequemen Fragen kennt sich der Publizist und Medienmanager Markus Langemann aus. Mit unbequemen Antworten noch viel mehr. Er liefert präzise Analysen der Gegenwart, getragen von geistiger Klarheit und pointiertem Stil. Ob Politik, Kultur, Sprache oder gesellschaftliche Reflexion - seine Essays entlarven Oberflächlichkeiten und fordern zur tieferen Betrachtung heraus. Dieses Buch ist Aufruf zur geistigen Selbstverteidigung und Ermutigung gegen die um sich greifende Phrasengesellschaft.
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ebook Edition
Markus Langemann
Ich bin konservativ.Was sonst.
Essays wider den Zeitgeist
Impressum
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ISBN 978-3-946778-68-4
1. Auflage 2025
© Fiftyfifty Verlag Imprint der Buchkomplizen GmbH, Siemensstraße 49, 50825 Köln
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Satz: Publikations Atelier, Weiterstadt
Für meine Lieben
Titelbild
1 |Prolog
2 |Via con me
3 |TaTüTaToo
4 |Ode an die Schallplatte – Das Lauschen und die Rückkehr der Sinnlichkeit
5 |Die Zyklen und Frank Sinatra
6 |Die Haselnuss
7 |Das kleine Schwarze – Eine Elegie auf den Verlust der Form
8 |Der Fluch von Run-D.M.C.
9 |Diskretion, bitte!
10 |Der Gentleman und die Ichfizierung
11 |Die Nachhaltigkeitslüge – oder von der Verwirrung der Menschen
12 |Die seltsamen Dinge, die wir mitnehmen
13 |Deutschland in der Parklücke
14 |Die Kämpfer an der Kette
15 |Ein Lob der Waschstraße
16 |Von der Würde des Fehlers – Eine Einladung zur aufrechten Imperfektion
17 |Vom Streiten, Kommunizieren und dem Schmerz des Menschseins
18 |Von den Stufen des Donkey Kong
19 |Gegen die Leitkultur des Likens – Plädoyer für das tätige Engagement
20 |Die Ökonomisierung des Geistes
21 |Über die große Ablenkung
22 |Die Soziologie des Peinlichen
23 |Die Phrasengesellschaft
24 |Ohne Groll
25 |Courage – eine verschwindende Ressource
26 |Die Wahrheit
27 |Vom Trost der Klarheit
28 |Humor ist ein scharfes Schwert
29 |Vom Segen des Unbequemen
30 |Meinungsfreiheit ist Jazz
31 |Von Türen und Räumen
32 |Fortschritt im konservativen Spiegel
33 |Macht und Demut, ein ungleiches Paar
34 |Von der Hoffnung im Nebel der Zeit – Eine geistige Betrachtung über Klarheit, Trost und das stille Wirken Gottes
35 |Epilog: Die Lehren aus Donkey Kong
Der Club der klaren Worte
Titelbild
Inhaltsverzeichnis
Ein Herbsttag. Laub treibt über den Asphalt, als hätte es Eile. Ein Mann telefoniert laut auf dem Bahnsteig, redet von Quartalszahlen, während am Rand ein alter Hund schläft. Eine Frau faltet sorgsam einen Kassenzettel, als wäre er mehr als Papier.
Solche Bilder bleiben. Sie schreiben sich ein wie kleine Widerworte in das Rauschen der Gegenwart.
Die folgenden Seiten sind kein Kompendium, nichts Geschlossenes, nichts Vollständiges. Es sind Splitter, Funken, Skizzen, aufgelesen im Vorübergehen, beim Flanieren durch Jahre, durch Schlagzeilen, durch Gespräche, die nachhallen. Es sind Fragmente, die sich weigern, in das große Einverständnis eingefügt zu werden, das man heute so gern »Zeitgeist« nennt.
Lesen Sie dies wie ein Notizbuch, vor, zurück, zwischendrin: ein paar Zeilen, eine Beobachtung, ein Balken im Auge des Mainstreamjüngers. Manchmal Stütze, manchmal Stachel. Immer Einladung zum Eigenen.
In einer Welt, die vor lauter Eifer, Ideologie und großem Egal kaum noch zu Atem kommt, braucht es dringend jene Inseln der Klarheit, die nicht in der lauten Kakophonie dieser Ära untergehen. Dieses Buch soll Ihnen eine Insel sein.
»Ich bin konservativ. Was sonst.« – kein Ruf, keine Pose, sondern eine Zumutung, gar eine Unverschämtheit in einer Welt, die den eigenen Halt ständig wie Ballast von sich wirft. Wer so spricht, widerspricht dem Strom, der alles fortträgt, was nicht im Takt marschiert.
Und wenn ein Gedanke bleibt, dann vielleicht dieser: Denken Sie selbst. Bleiben Sie bei sich. Denn in einer Welt, die sich im Strom verliert, ist das Beharren am Eigenen schon eine Form der Freiheit.
Es gibt Lieder, die sind wie Wegmarken. Sie begleiten uns ein Leben, ohne je aufdringlich zu sein. Paolo Conte, von Beruf Rechtsanwalt und von Berufung Musiker, schrieb 1981 ein solches Lied: Via con me. Ein Jazz-Stück, swingend und leicht, das wie beiläufig eine der schönsten Allegorien des Lebens entwirft. Und vielleicht sind es tatsächlich nicht die Philosophen der Bücherregale, sondern jene Philosophen des Plattentellers, die uns die feineren Wahrheiten ins Ohr legen. Conte, mit rauer Stimme und einer Sprache zwischen Italienisch und Englisch, hat in dreieinhalb Minuten mehr existenzielle Essenz verdichtet, als es so mancher gelehrte Traktat vermag.
»Komm mit mir.« Schon die ersten Takte sind Einladung und Beschwörung. Das wiederholte »Via, via, vieni via di qui« trägt den Gestus der Flucht – weg von der Monotonie, weg von den grauen Fassaden, hinein in etwas, das man nicht kennt und doch ersehnt. Die Wiederholung wirkt wie ein Herzschlag: beharrlich, insistierend, so als ließe sich das Leben nur durch permanentes Weiterschreiten begreifen.
Conte zeichnet mit wenigen Bildern eine Topographie der Existenz: draußen der kalte Regen, drinnen das heiße Bad. Draußen die Männer, die enttäuschen, drinnen der blaue Bademantel, der wärmt. Es sind Kontraste, die mehr sind als beiläufige Szenen. Sie sind Sinnbilder: für Trostlosigkeit und Geborgenheit, für das banale Außen und das ersehnte Innen. In diesen Bildern erkennt sich jeder wieder, der im Strom der Welt stand und doch auf einen Moment der Wärme hoffte.
»It’s wonderful« – so schlicht, so fast kindlich und doch von unendlicher Tiefe. Dieses »It’s wonderful« ist keine Banalität, sondern die Affirmation eines Augenblicks, der nicht erklärt werden will. Der Jazz, der swingende Rhythmus, wird zur klingenden Metapher für die Unvorhersehbarkeit des Lebens. Alles ist im Fluss, improvisiert, überraschend – und genau darin liegt das Wunder.
So ist »Via con me« nicht nur ein Lied über Liebe oder Nähe, sondern eine Allegorie des Aufbruchs. Wer dem Ruf folgt, entscheidet sich für die Unsicherheit. Für den Sprung ins Unbekannte. Für das Risiko, dass hinter der nächsten Tür nicht Wärme, sondern Leere wartet. Doch wer nicht geht, bleibt im Regen zurück.
In dieser Dialektik von Aufbruch und Geborgenheit, von Kälte und Wärme, von Alltäglichkeit und Intimität liegt der Zauber des Liedes. Conte ist darin Philosoph, ohne es zu wollen: Er singt keine Theorie, er lebt sie. Die Melodie wird zum Gedankenexperiment, der Refrain zur Lebensmaxime.
Und es ist bemerkenswert, wie zeitlos diese Allegorie ist. Vier Jahrzehnte nach der Aufnahme hört man in »Via con me« noch immer die Stimme einer Epoche, die den Jazz als Ausdruck der Freiheit verstand. Heute, im Übermaß an Programmen, an Routinen, an Berechnungen, klingt dieses Lied wie eine Erinnerung an etwas Ursprüngliches: dass Leben mehr bedeutet als Planung, dass Glück jenseits von Effizienz liegt.
Manchmal, wenn das Grau der Gegenwart überhandnimmt, wenn Nachrichten und Krisen den Atem beschweren, ist es gut, sich dieses Lied in Erinnerung zu rufen. Es zeigt die Seite des Lichts. Denn »Via con me« verspricht kein Paradies, keine endgültige Lösung. Es verspricht »nur« den Aufbruch. Und genau darin liegt seine Kraft: im Vertrauen, dass jenseits des Gewohnten das Wunder wartet.
Vielleicht ist das die Botschaft, die bleibt: Wer mitgeht, wer sich einlässt, wird erfahren, dass das Leben nicht in den großen Antworten ruht, sondern in den kleinen Gesten, in der Wärme eines Bades, im Lächeln eines Augenblicks. Das Wunderbare ist nicht fern, es ist hier, wenn wir den Mut haben, uns aufzumachen.
Und so ist »Via con me« mehr als ein Lied. Es ist eine Lebenshaltung. Ein stiller Imperativ: Verlass dich nicht auf das, was schon da ist. Wage den Schritt. Lass dich treiben von der Musik des Zufalls. Sei bereit für das Unerwartete.
Die Philosophen des Plattentellers wissen: Das Leben ist Jazz. Und manchmal genügt ein einziges »It’s wonderful«, um sich zu erinnern, dass es trotz allem so ist.
Eigentlich mag ich den Sommer sehr. Gerade diese Tage des Hochsommers, kurz vor dem Kipp-Punkt hin zum Indian Summer. Dann, wenn die laue Luft sich leicht bewegt, zuweilen wie ein freundlicher Hauch über die Veranden alter Sommerhäuser streicht. Wenn der Wald seine Schatten entfaltet, in kühlem Spiel das Auge verführt und den Schritt verlangsamt, so dass das Schlendern zum Naturgebot wird. Wenn das Herz sich weitet, die Sonne hoch steht und der Himmel ein Blau trägt, das wie gemalt erscheint.
Es sind die Wochen, in denen die Tage lang und die Abende mild sind. In denen die Kleider kürzer werden und die Drinks länger. Es sind die Stunden, in denen Gabriele Münter wohl unweigerlich zum Pinsel gegriffen hätte, um das satte Grün, das strahlende Gelb, das vibrierende Blau mit kräftigem Strich zu memorieren.
In diesen Momenten, wenn der Sommer sich groß zeigt und dem Menschen die Gnade des Atemholens gewährt, stört mich seit einigen Jahren nur eines: der Mensch.
Genauer: jener Mensch, der leicht bekleidet durch Straßen und Parks zieht. Der Körper, so verletzlich er eigentlich ist, wird zur Projektionsfläche, zum Litfaßsäulen-Ersatz für spontane Eingebungen. Und ich, Zeitreisender, komme noch aus einer Epoche, in der Tätowierungen den Rand der Gesellschaft markierten. Einmal gehörten Tattoos den Seefahrern, den Sträflingen, den Kriminellen. Sie waren Abzeichen der Ferne, der Gefahr, des Anderen. Heute tackern sich bildhübsche Frauen Eisenwaren durch die Nase, schmücken den Bauchnabel mit einer Sonne, die zwei Kinder später zur Sonnenfinsternis gerät.
Die Symbolik, einst getragen von Mut und Abgrenzung, ist verflacht zur Mode, zur Requisite des Augenblicks. In Polynesien waren Tattoos identitätsstiftend, Ausdruck von Stammeszugehörigkeit, Mut, Rang und Übergängen im Leben. Dort wurden Lebensgeschichten in die Haut geschrieben, in Linien und Ornamenten, die Bedeutung trugen. In Peine dagegen dokumentieren Tattoos heute eher die Sucht nach Instagram. Bestenfalls eine Sehnsucht nach Bedeutung in einer Welt, die keine mehr zu bieten scheint.
So sitzen wir Männer auf Caféterrassen und sehen Mädchen, die sich chinesische Schriftzeichen entlang der Wirbelsäule eingravieren ließen. Man denkt, vielleicht ist es Werbung für TikTok, vielleicht auch nur Tippfehler des Tätowierers. Selbst werden sie es nie erfahren – sehen können sie es ohnehin nicht.
Und so muss ich ansehen, wie Männer und Frauen ihre Ideenarmut nicht nur haben, sondern auch noch zeigen. Kalligrafisches aus dem Katalog, Tribal-Designs aus den 90ern, Löwenköpfe, Rosenranken, Sterne im Dutzend. Arbeiten, denen man ansieht, dass sie dem Körper nicht zugehören, sondern wie Fremdkörper hineingestoßen wurden. Textiles lässt sich umnähen, Haut nicht. Meine Empfehlung: Bevor man sich Farbe subkutan treiben lässt, sollte man mit Kartoffelstempel testen. Eine unschuldige Übung, die schnell lehrt: Nicht jede Spur, die man hinterlässt, ist auch eine Signatur.
Natürlich, es gibt sie – die seltene Einheit von Mensch und Tattoo. Diese Momente, in denen eine Tätowierung wie selbstverständlich mit der Anatomie verschmilzt. In denen das Ornament der Gestalt folgt, als wäre es immer schon da gewesen. Das Ergebnis ist dann nicht peinlich, sondern erhaben. Der Fachbegriff dafür lautet: »rar«.
Selbst diese Werke, so kunstvoll sie erscheinen mögen, bringen sie im Notfall nie unter den Hammer bei Sotheby’s. Denn die Leinwand dieser Kunst ist vergänglich, sterblich, unübertragbar.
Vielleicht liegt genau darin die Tragik des Tattoos: Es will für die Ewigkeit sprechen und spricht doch nur für den Augenblick. Mit neunzehn in gotischen Lettern die große Liebe zu verewigen, bedeutet mit neununddreißig in der Praxis des Laserchirurgen zu sitzen.
Dieser stellt dann nüchtern fest: »Ihre Sehnsucht nach Ewigkeit ist technisch lösbar – in zehn Sitzungen zu je 600 Euro.«
Der Boom der Tätowierungen erzählt also weniger von Stil als vielmehr von einem Mangel. Er erzählt von der Sehnsucht des Menschen, sich einzuschreiben in die Welt, sich zu markieren in einer Zeit, in der alle Spuren sofort verwischt werden. Es ist der Versuch, wenigstens sich selbst zum Denkmal zu machen, wenn schon die Umstände keine Denkmäler mehr zulassen.
So wird der Körper zur Chronik unfertiger Gedanken. Wir sehen Liebeserklärungen, deren Adressaten längst verschwunden sind. Wir sehen Zitate, deren Autor dem Träger unbekannt ist. Wir sehen Tiere, Sterne, Kreuze, Symbole – ein Freilichtmuseum der Beliebigkeit. Und wir sehen Menschen, die sich nach einem Zeichen sehnen, das größer ist als sie selbst.
In den langen Sommernächten, wenn das Licht weicher wird und die Schatten länger, kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, dass diese Körper mit ihren Bildchen nichts anderes ausdrücken als die ungestillte Angst des modernen Menschen: spurlos zu verschwinden.
Ein Samstagmorgen. Draußen streckt sich das Licht langsam über die Dächer, als wollte es selbst noch nicht ganz wach sein. Drinnen dampft eine Tasse Kaffee – kräftig, duftend – oder vielleicht ein britischer Morning Tea – mit einem Hauch von Bergamotte und etwas Milch. Die Welt schweigt noch ein wenig, und es ist diese Stunde zwischen Alltag und Möglichkeit, in der das Leben nicht drängt, sondern einlädt.
Es ist die Stunde, in der ich eine Schallplatte auflege.
Es war einmal, als die Welt noch nicht im ständigen Rausch der Algorithmen zitterte. Da stand man vor einer hölzernen Kommode, zog eine schwarze Scheibe aus der Hülle und legte sie auf einen Plattenteller, der sich nicht beeilte, aber verlässlich drehte. Die Schallplatte: ein Relikt, ein Monument, eine Revolution aus Rille und Rauschen. Und heute? Sie ist wieder da – als Widerstand, als Geste, als Kulturtechnik.
Nicht wenige belächeln sie als Nostalgie, als sentimentales Artefakt für Ästheten mit zu viel Zeit. Aber das ist zu kurz gedacht – oder besser: zu schnell. Denn in einer Welt, in der Geschwindigkeit zur Tugend erhoben wurde und das Überspringen zur bevorzugten Kulturtechnik des Musikkonsums avancierte, ist die Rückkehr der Schallplatte nichts weniger als ein Statement gegen das flüchtige Flimmern.
Ich verliere mich mit Inbrunst in jenen kleinen, meist leicht verstaubten, aber stets liebevoll kuratierten Secondhand-Schallplattenläden. Dort, wo kein Algorithmus mir sagt, was ich hören soll, sondern die Platten selbst zu mir sprechen – durch ihre Cover, ihre Typografie, das Kleingedruckte auf der Rückseite, das wie eine Partitur der Zeit wirkt.
Dort kann ich stundenlang verweilen, gedanklich zwischen Jahrzehnten wandern, durch Jazz, Klassik, Folk, Punk und jene obskuren Zwischenräume, die keine Playlist je zu füllen vermag. Ich lese Namen, die vergessen schienen – entdeckt auf Besetzungslisten, die wirken wie Stammbäume eines musikalischen Urknalls. Ich entdecke poetische Miniaturen auf den Rückseiten: »Eine Aufnahme in der Melancholie eines nebligen Oktobernachmittags« steht da. Oder: »Eingespielt mit einem Mikrofon, das Miles einst selbst auswählte.«
Und ich spreche mit Menschen, mit Gleichgesinnten, die sich in diesen Läden nicht verirren, sondern aufgehen – im Fachsimpeln, im Staunen, im Wiederentdecken. Hier wird Musik nicht konsumiert, sondern kultiviert. In den Rillen: Echtheit. In den Covern: Kunst. In der Zeit, die man sich nimmt: Würde.
Die Schallplatte ist der entschleunigte Essay unter den Tonträgern – sie will nicht alles auf einmal, sondern sie will etwas mit dir. Sie duldet kein Nebenbei. Sie verlangt: Komm zur Ruhe, nimm dir Zeit. Leg dich auf die Couch, schließe die Augen. Es ist ein Ritual – Nadel aufsetzen, ein leises Knistern, dann: Musik. Nicht die bitkomprimierte Instant-Version, sondern Klang mit Körper, mit Raum, mit Luft.
Sie ist ein Gegenstand innerer Sammlung – eine Möglichkeit, den lärmenden Außenwelten zu entkommen.
Sie ist nicht effizient. Sie ist nicht bequem. Sie ist schön.
Die Schallplatte ist kein Produkt für den schnellen Konsum, sondern ein Gefäß für Erinnerung, für Dialog, für Entschleunigung. Sie spricht nicht nur die Ohren an, sondern das Gemüt, das Sinnliche, das Menschliche.
Sie ist das Gegenteil von dem, was Streamingdienste uns versprechen: kein »Du magst das, dann wirst du auch dies mögen«. Keine vorsortierte Hörsoße. Sondern: Du, allein vor der Musik. Und die Musik, die zurückblickt.
Und so erhebe ich mein Glas – oder besser: meine Nadel – auf die Rückkehr eines Mediums, das uns nicht nur Musik schenkt, sondern das Zuhören lehrt. Die Schallplatte: eine stille Revolte gegen das akustische Fast Food, ein Echo aus der Tiefe der Zeit, eine Einladung zum echten Erleben.
