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Tauche wieder ein in die Psyche des einzig richtig denkenden Menschen: Nach dem Aufwachen im Krankenhaus kommen die Erinnerungen schnell zurück. Du fühlst Dich besiegt, entthront, entmachtet, doch Hündchen steht Dir bei. Waren Deine Gedanken nur ein Selbstbetrug und Dein letztes Erlebnis nur ein Weckruf? Hündchen macht Dir klar: So kann es nicht weitergehen. Aber wer oder was ändert sich? Wird Dein Leben auf dieser Welt mit diesen Menschen irgendwann so sein, wie Du es für richtig hältst? Verändert sich am Ende Deine Psyche? Wirst Du wieder gesund sein? Auch wenn die Aussichten düster erscheinen, gib nicht auf, behalte Deinen Humor, gewinne wieder Zuversicht. Es wird viel Irres passieren und Du erfährst es als Erster. Wie immer unterhaltsam, kritisch und überraschend.
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Manuel Wagner
Ich bin normal, nur ...
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Rückblick
Im Wald
Neuanfang
Lebende Metapher
Physiotherapie
Asbest schnupfen
Genesungsgeschenk
Keine Kontrolle. Keine Verantwortung.
Endlich frei!
Im Gericht
Mächtige Realität
Mein Stigma
Für die Arbeitslosen
Arztbesuch
Hände schütteln
Möbelmenschen
Der Zeichenwettbewerb
Kastenlose Gesellschaft an der Uni
Das Massaker
Antwort
Grau
Da geht noch mehr
Ei-Power-Bewegung
Saure Äpfel
Unfug der Geschlechter
Die Reportage
Bringt eine Sendung die Wendung?
Sendungsbewusstsein
Unwort des Jahrtausends
Blick aus dem Fenster
Vergiftet
Sonne
Lecker
Werde ich jetzt endlich umgebracht?
Urlaub
Brunch im Kopf
Von Helden und Symbolen
Autofahrt
Hündchens Geburtstag
Jahrestag
Hungrig auf der Hochzeit
Gott ist ein guter Soziomane
Nur ein kleiner Eingriff
Sozionormalität per Teleshopping?
Freudentränen
Schutz vor dem Abstieg
ADHS im Biorestaurant
Auf Messers Schneide
Telefongespräch
Dominoeffekt
Ich bin doch auch sozionormal
Zurück im Wald
Verändere dich nicht
Ausblick
Impressum neobooks
Zu diesem Werk gibt es noch zwei weitere Teile, welche zuerst die Vorgeschichte des Protagonisten und später den Verlauf seines Lebens bis in eine ferne Zukunft weitererzählen. Die Reihe nennt sich Normal. Es empfiehlt sich Teil 1 gelesen zu haben, bevor man mit Teil 2 beginnt. Damit man sich besser an die vergangenen Ereignisse erinnert, folgt hier eine Zusammenfassung. Wer gerade erst Teil 1 gelesen hat, kann den Rückblick natürlich überspringen. Wer Teil 1 zuerst lesen möchte, sollte jetzt nicht weiterlesen, denn die Zusammenfassung ist selbstverständlich voller Spoiler.
Normal Teil 1: Nur ich bin normal
Die Hauptfigur hat keinen Namen. Auf andere Menschen wirkt sie umständlich, neurotisch und sehr vergeistigt. Ihr Geschlecht ist nicht wichtig. Am Anfang ist die Hauptfigur ein Neugeborenes. Sie durchläuft die üblichen Stationen des Aufwachsens und ist am Ende der Geschichte Student. Sie hat kein Interesse an menschlichen Beziehungen. Sich selbst hält die Hauptfigur für soziophob und somit gesund, während sie die anderen Menschen für krankhaft süchtig nach sozialen Beziehungen hält. Sie ist nicht grundsätzlich unsozial, denn sie kann ab und zu mit einzelnen Menschen positive Kontakte pflegen.
Der Antagonist zur Hauptfigur heißt Hündchen. Hündchen forscht im Bereich Psychologie. Es ist äußerst geschickt im Umgang mit Menschen und nutzt das gerne für seine eigenen Zwecke. Es ist fasziniert von der soziophoben Hauptfigur, verhält sich ihr gegenüber selbstlos, schreibt aber heimlich eine Abhandlung über sie.
Am Anfang der Geschichte muss die soziophobe Hauptfigur einen Aufsatz über sich schreiben, weil sie in der Schule Probleme mit Mitschülern hatte. Nach diesem Vorgriff, erfolgt die Erzählung chronologisch von der Geburt bis zum Studium.
Die Geburt empfindet die Hauptfigur als Angriff auf die Privatsphäre. Später im Kindergarten geht es um Beziehungen zu den Kindern und den Erzieherinnen. Während der Schulzeit werden die Probleme größer. Die Hauptfigur eckt immer wieder bei Schülern und Lehrern an, wird gemobbt, sieht sich aber nicht als Opfer. Sie gewinnt die Einsicht, dass sie selbst normal ist und die Anderen Hilfe brauchen, weil sie sozialsüchtig sind. Die Hauptfigur analysiert die Anderen und versucht vergeblich zu helfen. Sie berichtet von seltsamen Beobachtungen bei Mitmenschen. Nach einigen Versuchen zu arbeiten, studiert die Hauptfigur. An der Uni trifft sie Hündchen. Eine komplizierte Beziehung entwickelt sich. Am Ende des ersten Teils wird die Hauptfigur auf der Straße gefährlich angegriffen.
Heute erwische ich dich! Doch je schneller ich versuche, dir näher zu kommen, desto schneller entfernst du dich von mir. Der Abstand bleibt immer gleich.
Ich befinde mich in einem recht lichten Wald. Wie Schiffsmasten so gerade ragen die Bäume in den Himmel. Nur eine einzige Kreatur ist noch außer mir an diesem Ort. Es handelt sich dabei um eine Katze, die mich von weit weg zu beobachten scheint. Sie ist gerade so weit entfernt, dass ich mir eben sicher sein kann, dass es sich bei der Kreatur um eine Katze handelt. Ich glaube es ist eine Wildkatze, aber wieso beobachtet sie mich? Sind Wildkatzen nicht eigentlich extrem scheu, sodass sie ein Mensch eigentlich niemals zu Gesicht bekommt? Würde sie mich nur von ein paar Metern weiter weg beobachten, wüsste ich nicht mal, was sich da in der Ferne für ein Tier befindet. Ich verliere mich zwischen den Baumstangen in diesem Waldkäfig. Wenn ich das Tier erreichen könnte, hätte ich wenigstens etwas Gesellschaft, versuche ich mir einzureden.
Irgendwann werde ich müde, und lege mich einfach auf den Waldboden. Am Anfang hatte ich noch Probleme mit den vielen Unebenheiten. Mittlerweile bin ich daran gewöhnt. Ich stelle mir vor, dass mich die Katze weiter anstarrt, während ich schlafe. Das ist mir jedoch egal, sie kommt ja sowieso nicht näher.
Als ich wieder aufwache, spüre ich ein Stupsen. Ist es die Katze? Ich fühle einen leichten Lufthauch, so als würde etwas ganz schnell weglaufen, und als ich meinen Blick in die Richtung wende, wo ich das letzte mal die Katze gesehen habe, ist sie auch schon wieder genau an diesem Ort. Ich meine, ich habe sie sogar noch einige Schritte laufen sehen, bis sie wieder ihren gewohnten Abstand erreicht hatte. Ich bin traurig und wütend. Ich schnappe mir einen Stein und werfe ihn in die Richtung der Katze. Ich bin überrascht, wie weit ich werfen kann. Immerhin die halbe Strecke bis zur Katze habe ich geschafft. Die Katze ist natürlich nicht beeindruckt. Sie hat sich keinen Zentimeter bewegt und starrt weiterhin in meine Richtung.
»Komm doch her! Du warst doch gerade bei mir. Wieso kommst du nicht zu mir, wenn ich wach bin? Wieso starrst du mich immer so an?«
Haben sich gerade die Ohren bewegt? Werde ich verrückt? Ich rede mit einer Katze und erwarte, dass sie auf mich hört und mich versteht. Sollte ich nicht besser die Katze ignorieren und nach Zivilisation Ausschau halten? Meine eigenen Gedanken fühlen sich absurd an, denn eigentlich befinde ich mich in einer Situation, die ich sehr schön finde. Ich sag mal so: Zivilisation ohne Menschen wäre schön. Ich bin schon so lange hier, oder besser gesagt, ich weiß nicht, wie lange ich hier bin. Ich habe es vor langer Zeit aufgegeben zu glauben, dass ich jemals wieder was anderes sehen werde außer diesem Wald und dieser Katze. Vielleicht laufe ich auch im Kreis. Ich weiß es nicht.
Ich werfe erneut einen Stein in Richtung Katze. Wow! Das war jetzt schon äußerst knapp. Die Katze rührt sich nicht. Noch ein Versuch. Ich laufe so schnell ich kann in Richtung Katze, und stoße dabei einen Kampfschrei aus. Ich weiß nicht, was ich will. Will ich sie töten, will ich, dass sie verschwindet, will ich mich mit ihr anfreunden, will ich mit ihr kämpfen? Ich weiß es nicht. Ich werde verrückt. Hab ich überhaupt schon was gegessen oder zumindest was getrunken? Ich erinnere mich nicht. Ich habe keinen Hunger und keinen Durst. Ich muss aber mal was gegessen haben. Immerhin bin ich hier schon ewig. Wie bin ich hier eigentlich her gekommen? Mein Versuch ist vergeblich. Es ist wie jedes Mal. Ich kann der Katze nicht näher kommen. Habe ich ein Stück geschafft, entfernt sie sich wieder, sodass sich der Abstand zwischen uns wieder angleicht. Ich sinke zu Boden und heule.
Warum mache ich das? Denke ich, dass die Katze Mitleid empfinden wird, und doch näher kommt? Ich blicke mit meinem tränenverschmierten Gesicht hoch. Doch nichts. Keine Regung. Es ist eben nur ein Tier. Was erwarte ich eigentlich? Dieses Spiel geht einfach schon zu lange. Seit ewigen Zeiten bin ich dieser Situation ausgeliefert, nichts ändert sich. Ich will nicht mehr. Die Wut richtet sich gegen die Katze. Ich kann ja sonst auf niemanden meine Wut projizieren. Wäre die Katze nicht hier, müsste ich mich selbst verletzen. Ich schnappe mir einen großen Stein, und schleudere ihn wiederholt in Richtung Katze, wohl wissend, dass ich niemals weit genug werfen werde können. Selbst wenn ich die Weite erreichen würde, könnte die Katze, aufgrund der langen Flugdauer, diesem Stein ohne Probleme ausweichen. »WAAAAAAAAAAAAAHHHH! Ich hasse dich! Stirb doch endlich! Stirb!« Oh nein. Was habe ich getan. Der Stein wird die Katze treffen. Mein Blick folgt der Flugbahn. Ich versuche den Stein mit meinen Gedanken aufzuhalten.
»Geh weg Katze! Geh weg! Der Stein! Der Stein!!!«
Doch die Katze bewegt sich nicht und es kommt, wie es kommen muss. Der Stein trifft die Katze am Kopf, und sie fällt einfach um wie ein ausgestopftes Tier. Oh nein. Ohne weitere Gedanken laufe ich zu dem unschuldigen, wahrscheinlich toten Tier. Der Schock mischt sich mit der Neugier, die Katze näher betrachten zu können. Als ich nah genug dran bin, um das Tier in Augenschein zu nehmen, springt es auf einmal über meinen Kopf. Kurz darauf spüre ich einen heftigen Stoß. Etwas Großes und Schweres drückt mich auf den Waldboden. Plötzlich spüre ich etwas an meinem Arm. Es sind Zähne, die mich mit einem heftigen Ruck zum Umdrehen zwingen. Ich bin starr vor Angst. Ein riesiger prähistorischer Wolf atmet mir ins Gesicht und fletscht dabei seine Zähne.
»Sei ehrlich, so willst du mich doch haben.«
Die Stimme klingt finster. So stellt man sich die Stimme und das Aussehen eines bösen Wolfes vor, der aus einem definitiv nicht kindgerechten Märchenbuch entsprungen ist. Trotzdem ist mir ihr Klang vertraut.
»Sag schon! So willst du mich doch haben.«
Ein heftiger Biss folgt in meinem Arm. Ich spüre keinen Schmerz, sondern Lust.
»Sag, dass du mich so willst! Du willst mich nicht anders.«
Ein erneuter Biss diesmal in den Oberkörper. Ich blute, aber ich empfinde noch mehr Lust.
»Beiße mich! Ich will, dass du mich beißt.«
Die Wunden tun plötzlich weh. Der Schmerz raubt mir den Atem. Die Lust ist weg. Ich verliere das Bewusstsein... oder wache ich gerade auf?
Klare Gedanken dringen in meinen Kopf. Gerade noch war ich mir sicher, dass ich sterbe. Ich habe keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist. Ich spüre wieder etwas, aber mein Körper gehorcht mir nicht. Ich versuche, meine Augen zu öffnen. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis mir das gelingt. Meine Ohren sind beschlagen.
»Krankenschwester! Krankenschwester! Doktor! Doktor!...« höre ich dumpf, verfremdet und undeutlich, so als wäre die Stimme weit weg, aber ich bin mir nun sicher, dass ich in einem Krankenhaus bin. Wem gehört die Stimme neben mir? ... oh nein… Alles was ich fühle, ist Schmerz. Der Versuch die Augen zu öffnen, ist zu anstrengend. Die Anstrengung gibt mir den Rest. Ich schaffe es nicht.
Als ich erneut das Bewusstsein erlange, habe ich wieder ein Zeitgefühl. Ich muss nach dem vorherigen kurzen Aufwachen ein paar Stunden geschlafen haben. Zuerst ist es ein schmaler heller Fleck verschwommenen Lichts, dann entsteht langsam ein Bild. Keine Wurzeln, kein Moos, keine Bäume, keine Katze: So trostlos wie alles hier erscheint, könnte es sich dieses Mal um die Realität handeln. Überall ist gleißendes Weiß. Nachdem sich meine Augen an das Neonlicht gewöhnt haben, sehe ich zur Abwechslung ein paar blinkende rote, grüne und gelbe Lichtpunkte auf kantigen Geräten. Es riecht scharf nach Desinfektionsmitteln. Ich sehe niemanden, und bin zum ersten mal traurig deswegen. Ich bin schockiert über die vielen Schläuche an und in meinem Körper und über die Geräte neben mir. Mein Körper ist schlapp und verkrampft zugleich. Es fühlt sich an, als würde jemand an meiner Bauchdecke ziehen, aber ich bin noch betäubt genug, deshalb ist es wohl kein richtiger Schmerz. Ich muss meine Gedanken sortieren, vielleicht kommt gleich jemand, und fragt mich was. Wo sind eigentlich die Schmerzen hin, die mich in die erneute Bewusstlosigkeit getrieben haben, die mir der Wolf zugefügt hat? Nein, nein, nein! Das war nicht echt. Die Schmerzen hatten eine andere Ursache. Nur welche?
Damit ich mich bewegen kann, führe ich einen inneren Dialog mit meinen Gliedmaßen. Sie antworten nicht. Dabei würde ich jetzt gern aufspringen und tanzen, weil ich lebe und mich viel besser fühle, als beim ersten Erwachen. Mein Gesicht wirkt weniger taub als der Rest. Es ist nur so betäubt, wie nach einer Zahnarztspritze. Mein »Hallo ist da jemand?«, klingt aber eher wie ein Tiergeräusch von einem Haustier, dass zu recht kurz vor der Einschläferung steht. Plötzlich öffnet sich die Tür. Zu wem gehören die Umrisse? Sind das meine Eltern, andere Verwandte, Krankenpfleger, Ärztinnen? Was ich erkenne, als es näher kommt, verwirrt mich, erregt mich. Ich wusste nicht, dass das erlaubt ist. »Du bist doch kein …?« Tränen schießen in meine Augenwinkel als ich Hündchen erkenne. Es sind keine Tränen der Angst. Es sind auch keine Tränen der Trauer. Es ist etwas anderes. Ich erinnere mich wieder. Es muss der Geruch nach Vanille sein. Der Geruch, den ich als Letztes in meiner Nase hatte. Es war Hündchen. Hündchen muss mich gerettet haben. Hündchen guckt glücklich, wie ein Welpe, der gerade die Milchzitzen seiner Mutter gefunden hat. »Ich mach jetzt etwas, was ich schon die ganze Zeit machen wollte, und ich erkenne an deinen Augen, dass du es auch möchtest.« Hündchen formt Kusslippen, die dann auf meinen halbtauben mit Speichel benetzten Mund treffen. Mein Speichel klebt an Hündchens Unterlippe. Hündchens Pfote wandert durch das für einen Hund ungewöhnlich unbehaarte Gesicht. Unseren ersten Kuss haben wir uns wohl beide anders vorgestellt.
»An deiner Kusstechnik musst du noch ein wenig arbeiten.«
Ich muss lachen. Hündchen schafft es immer mich zum Lachen zu bringen, aber es tut weh. Der Bauch spannt dabei zu sehr an, was nur deswegen problematisch ist, weil mir da vor kurzem eine junge Frau einen spitzen Gegenstand reingerammt hat. Oh, eine neue Erinnerung! Ich schreie laut auf. Der Schmerz lässt nicht nach. Kurz denke ich, ich verliere mein Bewusstsein, aber leider tut mir mein Körper diesen Gefallen nicht. Hündchen holt einen Arzt, der mir innerhalb kürzester Zeit eine Infusion verabreicht. Der Schmerz hört zwar auf, aber ich spüre jetzt fast überhaupt nichts mehr, und habe Mühe, wach zu bleiben.
»Es tuuut… so lei... ei... d. ...hä… hätte... nicht zum La… ...chen bri… ...i… ingen so… ...o… llen… ...len...« In meinem Dämmerzustand fällt es mir richtig schwer, Hündchen zuzuhören, aber ich glaube ich habe verstanden, was Hündchen gesagt hat. Ich weiß nicht, ob mein Blick Freude signalisieren kann, aber ich fand es trotz Schmerz schön zu lachen. Da ich nicht weiß, ob ich sprechen kann, versuche ich Hündchen so fragend anzusehen, wie es mir möglich ist. Entweder ist es Zufall oder Hündchen versteht mich.
»Du wurdest niedergestochen. Du lagst für eine gute Woche im Koma. Die Ärzte dachten nicht, dass du es schaffst.«
Komisch. Jetzt habe ich Hündchen klar verstanden, auch wenn seine Stimme einen starken Hall hat. Ob der Hall echt ist oder in meinem Kopf, weiß ich nicht. Was sind das bloß für Medika… Medika… Hmm... über was habe ich gerade nachgedacht?
Hündchen bekommt plötzlich einen Kloß im Hals. Eine Träne rollt Hündchen über die Wange. Bin ich etwa noch nicht über dem Berg?
»Ich bin da, weil ich gesagt habe, dass ich deine Mutter bin... Oh, Entschuldigung, nicht lachen. Nicht lachen!«
Benebelt wie ich bin, kann ich sowieso nur debil grinsen. »Tut mir leid, ich immer mit meinen blöden Witzen. Ich will dich nur aufheitern, aber das darf ich nicht.«
Ich hoffe mein Blick sagt: »Das musst du doch gar nicht.«
»Ich bin da, weil ich wusste du magst es lieber, mich zu sehen. Du solltest jetzt aber schlafen, denn... ähm...«
Die Infusion entfaltet nun ihre gesamte Wirkung. Ich schlafe ein.
Ich liege zum Glück nicht ganz sondern nur halb tot in meinem Bett, stecke voller Schläuche, werde gewaschen, eingecremt, selbst mein Arsch wird mir abgeputzt, und ich verfüge dennoch über weit mehr Würde als die Soziomanen hier. Ich feiere innerlich, dass sie mich endlich mal so behandeln, wie ich es verdiene. Ich werde von hinten und vorne bedient, zwar weil sie es müssen, weil ich sonst sterbe, aber an der Metapher kratzt es dennoch kein bisschen. Denn mit ihrem beklagenswerten soziomanen Leben liegen sie von Kopf bis Fuß tiefer in der Scheiße als ich und merken es nicht mal.
Hiermit möchte ich meine Attentäterin freundlich grüßen, denn dank ihr kann ich solche genialen Texte schreiben. Falls ich einmal den Literaturnobelpreis bekomme, werde ich ihn ihr widmen. Sie hat mir diese authentischen Gefühle ermöglicht, über die man nur schreiben kann, wenn man sie wirklich erlebt hat. Ich bin voller wahrhaftig erleuchtender Gedanken. Ich hoffe allerdings, sie sind nicht die Folge von hochdosierten Schmerzmitteln. Egal, auch wenn ich mich noch in einem halbkomatösen Zustand befinde, denken kann ich weiter besser als alle Anderen. Bestimmt produziert mein Hirn positive Gedanken, damit es mir besser geht. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass positive Gedanken Heilungsprozesse beschleunigen und negative Gedanken Heilungsprozesse verhindern können. Selbst, wenn das absoluter Schwachsinn sein sollte, dann wirkt immerhin der Placeboeffekt.
Da ich momentan sowieso nichts tun kann außer zu denken, beschließe ich, in eine Traumwelt zu flüchten. Ich male mir die Zukunft aus. Die neue soziophobe glückliche Zukunft der Menschheit wurde sicher durch das Attentat an mir ausgelöst. Ich bin nicht nur eine lebende Metapher, sondern gleichzeitig ein lebender Märtyrer. »Lebender Märtyrer«, das lasse ich mir auf meine Visitenkarten drucken. Hmmm, es könnte den Menschen aber auch Angst machen, weil sie sich dann immer fragen werden, wann ich mich in die Luft sprenge.
Die Gedanken an meinen jämmerlichen Zustand kehren zurück, Bauchschmerzen, an mir arbeitende Menschen... Mist nicht abgleiten in negative Gedanken. Verstand! Aufhören!
Gut lieber Verstand ich versuche, an vorherige Gedanken anzuknüpfen. In der zukünftig soziophoben Welt gibt es Roboter, die mich und alle anderen Kranken pflegen. Die werden voll niedlich aussehen, freundlich und total lustig drauf sein. Außerdem sind sie immer klinisch sauber. Personal wird nicht oder so gut wie nicht mehr gebraucht. Man darf die ganze Zeit allein sein. Nackt sein und gesäubert werden, sind dann keine unangenehmen Prozeduren mehr, denn das alles machen die Roboter. Sie machen keine Fehler. Sie urteilen nicht. Sie haben kein zu Hause, wo sie nach der Arbeit hingehen, und über mich reden werden. Die Heilung wird beschleunigt, weil alles einfach perfekter und besser funktioniert und vor allem, weil die Patienten in schallisolierten Einzelzimmern liegen dürfen ohne andere kranke Nachbarn, die sie mit weiteren Krankheiten anstecken können oder schlimmer mit ihnen reden wollen. Die komplizierten unberechenbaren menschlichen Beziehungen werden vielleicht sogar in den Lebensbereichen außerhalb des Krankenhauses durch Beziehungen zu völlig perfekt funktionierenden Robotern ersetzt.
Mein Verstand sagt mir, das ist alles zu unrealistisch. Verdammt! Denken wir an etwas Naheliegenderes, schlage ich vor. Mein Verstand und ich denken an mein zu Hause. Je schneller ich gesund werde, desto eher darf ich wieder dort hin, und habe meine Ruhe. Die Welt wird eine andere sein, wenn ich gesund bin, wenn ich wieder laufen kann. Sie wird eine schönere, bessere und vernünftigere sein als jemals zuvor.
»Warum sollte das so sein?«, fragt mein Verstand.
»Irgendwann muss es einfach passieren«, antworte ich.
»Was passieren?«
»Dass die Menschen ihre selbstverschuldete Unmündigkeit begreifen, und die Wahrheit erkennen.«
»Hääääh, selbstverschuldete Unmündigkeit?! Das hast du bei Kant geklaut. Du hasst Kant!«
»Ich meine, dass sie ihr wahres Ich erkennen, und soziophob werden wollen.«
»Wie sollte das bitteschön passieren?«
»Was weiß denn ich?! Das hier ist nur eine positive Wunschfantasie, mit der ich versuche, schneller gesund zu werden.«
Schließlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen, denn es gibt Essen. Jemand, offenbar ein menschlicher Pfleger, verkündet mir, dass ich zum ersten mal wieder feste Nahrung zu mir nehmen darf. Ich will mich gerade freuen, als ich sehe, was hier als feste Nahrung bezeichnet wird. Es handelt sich um wässrige Brühe mit viel zu weich gekochter Nudeleinlage. Eine menschliche Hand hält mir einen Löffel vor den Mund. Wie ein Tier werde ich gefüttert. Abgesehen davon, dass Tiere meist weit gesünderes zum Fressen bekommen. Jedes Vitamin, jeder Geschmack wurden weg gekocht. Warum schaffen es diese dummen Menschen nicht wenigstens hier, halbwegs gesunde Mahlzeiten zuzubereiten? Wir sind immerhin in einem Krankenhaus voller Menschen, die in ihrer Ausbildung gelernt haben sollten, was gesund macht. Die müssen doch merken, dass diese billige und nährstoffarme Kost nicht gesund ist, und deshalb kein Stück zur Genesung beiträgt. Als der Löffel in meiner Gesichtsnähe ist, öffne ich mechanisch meinen Mund.
»Das war's wohl mit deinen schönen Gedanken«, stichelt mein Verstand.
»Jaja, es ist hoffnungslos. Das wolltest du sicher hören. Ersticke doch an deinem Selbstmitleid.«
»War nicht so gemeint. Du machst schon Fortschritte.«
»Das musst du natürlich sagen, denn wenn ich sterbe, dann stirbst du auch.«
»Da hast du ausnahmsweise einmal recht.«
»Bald habe ich dich wieder unter Kontrolle.«
Plötzlich ohrfeigt mich meine eigene linke Hand. »Niemals!«
»Warst du das gerade Verstand?«
Beide Stimmen verstummen, als ich merke wie mich die Person, die mich gerade füttert, irritiert anglotzt. Habe ich das Gespräch etwa laut geführt?
Ich springe aus meinem Rollstuhl heraus, laufe wie ein Irrer durch die Gänge und bin dabei so schnell, dass sich Usain Bolt wie eine Schildkröte fühlen würde. Ich bin auf der Flucht, auf der Flucht vor dem Personal, vor den anderen Patienten, vor jedem Menschen hier. Gerade übertreibe ich es mit den positiven Gedanken. So formuliert, betreibe ich Selbstbetrug. In Wahrheit sitze ich gerade entsetzt vor meinem Patientenerholungsroboter kurz PER. Er ist Physiotherapeut und in Wirklichkeit leider keine Maschine, sondern er ist ein Mensch, und Per ist sein Name. Dieser Mensch verlangt von mir nun Unmenschliches.
Zur Begrüßung kam von ihm ein mit ironischer Miene vorgetragenes »Sooo jetzt werd ich's dir besorgen.« Hinsetzen, hinlegen, hinsetzen, hinlegen, hinsetzen, zur Seite drehen, richtig zur Seite drehen, die Beine anwinkeln, aufrichten, richtig aufrichten, Körper anspannen, mit den Händen abstützen, nicht nach hinten fallen, auf der Bettkante sitzen, sitzen, sitzen, atmen, atmen.
»Wann komme ich weg von dem Bett?«
»Heute nicht.«
Hinlegen, atmen, zur Seite drehen, richtig zur Seite drehen.
»Fass mich nicht immer an!«
Die Beine anwinkeln, aufrichten, richtig aufrichten, Körper anspannen, mit den Händen abstützen, nicht nach hinten fallen, auf der Bettkante sitzen, sitzen, sitzen, atmen, atmen. Ich kann nicht mehr. Als ich schließlich aus Erschöpfung versuche meinen Geist aus meinem Körper zurückzuziehen, ist dann doch endlich Schluss. Voller Erleichterung probiere ich auch einen Witz.
»Ich hatte mir meinen ersten Krankenhaussex irgendwie anders vorgestellt.«
»Ja, ist schon scheiße, von einem Fremden so begrapscht zu werden, aber ich bin schlimmer dran als du.«
Was für eine Frechheit, denke ich und frage: »Warum?!«
»Ich bekomme Geld dafür, ich bin die Nutte in diesem Verhältnis.«
»Aua!« Lachen tut noch weh. »Mag sein, aber es war für mich nicht einvernehmlich.«
Per lacht. Ich lache vermutlich mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Nach der Tortur, die ich aus traumatisierenden Gründen nur in Ansätzen beschrieben habe, beichte ich Hündchen, dass ich es betrogen habe. Hündchen lacht gequält, weil es nicht weiß, ob ich das Gesagte ernst meine.
»Es tut mir ja Leid, dass diese Aktion für dich so traumatisch war, aber das war sicher alles andere als Sex. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Hündchen grinst und seine Augen blitzen auf. »Wenn's dir wieder besser geht, dann gibt’s von mir einvernehmliche Physiotherapie, äh ich meine das andere.«
»Wehe du nutzt meine Situation aus! Wenn ich wollte, könnte ich jetzt schon wieder kratzen und beißen.«
Später kann ich nicht schlafen. Mein ganzer Körper kribbelt wie eingeschlafene Füße. Entweder ist es ein Zeichen dafür, dass mein Körper sich ins Jenseits verabschiedet oder dafür, dass er wieder gesund wird. Ich muss ja positiv denken. Es ist also ein Zeichen, dass er stirbt. Bestimmt fühlt sich so Verwesung an.
Die Physiotherapie zeigt ihre Wirkung. Man lässt mich den zerkochten Kartoffelgemüsematsch, den sie Schonkost nennen, nun alleine essen. Hündchen verbringt seine Mittagspause bei mir. Als es sein Essen auspackt, starre ich es entsetzt an.
»Jetzt reg dich ab. Davon krieg ich schon keinen Krebs. Die WHO stuft Wurst nun doch weit weniger krebserregend ein als noch in der letzten Woche. Außerdem hatte ich Hunger und die Wurst hat mich angelächelt.«
Mist! Die Wurst lächelt mich ebenfalls an. Ich blicke abwechselnd zu Hündchens Wurst und zu meinem Essen, dabei stochere ich in dem Gemüsebrei herum und denke daran, dass der blasse zähe Brei auf meinem Teller einmal frisch geernteter Blumenkohl gewesen sein muss, den man ohne Sinn und Verstand mehrere Stunden zu Tode gekocht hat. Wieso wollen die mich hier dazu bringen, dass ich Gemüse hasse? Mein Hass muss irgendwo anders hin.
»Die WHO hat gar nichts abgeschwächt. Die Wurst steht zu recht zusammen mit Stoffen wie beispielsweise Asbest auf der Liste der krebserregenden Substanzen. Der Grund wieso sie scheinbar ihr Urteil relativiert haben, ist die Angst um ihr Leben.«
Hündchen guckt so, als wisse es nicht, ob es die Wurst runter- oder hochwürgen soll. Meine Hoffnung, dass es ihm den Appetit verdirbt, erfüllt sich nicht. Hündchen schluckt runter.
»Wieso sollten sie Angst um ihr Leben haben?«
Ich führe einen Löffel mit Brei zu meinem Mund, dabei mache ich einen Fehler, ich rieche daran. Meine Stimmung verschlechtert sich weiter.
»Wenn die WHO ihre Kritik in der Deutlichkeit aufrechterhalten würde, dann hätten der ein oder andere Mitarbeiter definitiv bald eine Axt im Rücken, denn Tradition und Gewohnheit sind den Soziomanen irrsinnig heilig. Und denke einmal an die Großunternehmen, die an verarbeiteten Fleischwaren verdienen.«
»Was soll das denn jetzt mit der Axt im Rücken?«
»Das ist für die Leser unterhaltsamer, als bloßes umbringen oder erschießen.«
»Wirklich?«
»Denk mal genauer darüber nach.«
Hündchen denkt nach. Hündchen lacht. Wurstreste werden zwischen seinen Zähnen sichtbar. »Haha, du hast recht.«
