Ich bin nur normal - Manuel Wagner - E-Book

Ich bin nur normal E-Book

Manuel Wagner

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Beschreibung

Jetzt ist es so weit! Endlich hat sich die Welt so entwickelt, wie Du es Dir gewünscht hast. Die Menschen leben endlich normal, denn fast alle haben ihre Psyche ändern lassen. Sie legen nun keinen Wert mehr darauf, sinnlose und schädliche Dinge zu tun, nur um anderen Menschen zu gefallen. Sie essen keine tierischen Produkte mehr und treffen sich nicht zu sinnlosen Partys. Stattdessen gestalten sie ihr Leben nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten zum Wohle aller fühlenden Wesen. Die Menschen bilden sich permanent fort. Politische Entscheidungen werden mithilfe einer künstlichen Intelligenz unter Beteiligung aller Bürger getroffen. Für Dich könnte die Welt so schön sein, würde da nicht etwas oder jemand fehlen. Und dann sind da auch noch die wenigen nicht normalisierten, unverbesserlichen Soziomanen, die auch als Minderheit eine Bedrohung für Dich und das Wohl der gesamten Menschheit bleiben.

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Manuel Wagner

Ich bin nur normal

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Rückblick

Prolog

Schlafender Hund

Modern unterwegs

Wandern

Sich betrinken

Schleier des Nichtwissens

Alles löschen, sofort!

Essen gut, alles gut?

Erinnerungen an Hündchen

Klingeling

Kein Streit

A.I.D.

Wutausbruch

Ein Hoch auf die Soziomanie

Beschwerdemail

Dummes Gerede stirbt aus

Hysterisch im historischen Museum

Früher undenkbar: Ich unterrichte

Sie wissen nichts

Die Grippestudentin

Noch eine wichtige Frage

Frei von innen

Joggen

Sie ist frei

Alles gesund?

Arbeiten verboten

K.I. über Hündchen

Spiel und Spaß ohne Wettbewerb

Berater der Weltregierung

Bildtonkonferenz

Effektiver Altruismus statt Spenden verschwenden

Die Gegenbewegung

Was denkt sich diese Daisy?

Meine Ausbildung

Friedensverhandlungen?

Werbung heißt jetzt Fact-Counter

Eierschalensollbruchstellenverursacher

Echter Urlaub

Kein Schlappohr im Weltall

Wir werden gewinnen

Hausdurchsuchung

Gefangen im Zuhause

Das letzte Kind von echten Eltern

Verrat

Unterwegs im Jahr 900 000 000

Ankommen

Impressum neobooks

Rückblick

Zu diesem Werk gibt es noch zwei weitere Teile, welche die Vorgeschichte des Protagonisten und den Verlauf seines Lebens bis zum Beginn des dritten Teils erzählen. Die Reihe nennt sich Normal. Es empfiehlt sich Teil 1 und Teil 2 gelesen zu haben, bevor man mit Teil 3 beginnt. Damit man sich besser an die vergangenen Ereignisse erinnert, folgt hier eine Zusammenfassung. Wer gerade erst Teil 1 und Teil 2 gelesen hat, kann den Rückblick natürlich überspringen. Wer die ersten beiden Teile zuerst lesen möchte, sollte jetzt nicht weiterlesen, denn die Zusammenfassung ist selbstverständlich voller Spoiler.

Normal Teil 1: Nur ich bin normal

Die Hauptfigur hat keinen Namen. Auf andere Menschen wirkt sie umständlich, neurotisch und sehr vergeistigt. Ihr Geschlecht ist nicht wichtig. Am Anfang ist die Hauptfigur ein Neugeborenes. Sie durchläuft die üblichen Stationen des Aufwachsens. Sie hat kein Interesse an menschlichen Beziehungen. Sich selbst hält die Hauptfigur für soziophob und somit gesund, während sie die anderen Menschen für krankhaft süchtig nach sozialen Beziehungen hält. Sie ist nicht grundsätzlich unsozial, denn sie kann ab und zu mit einzelnen Menschen positive Kontakte pflegen.

Der Antagonist zur Hauptfigur heißt Hündchen. Hündchen forscht im Bereich Psychologie. Es ist äußerst geschickt im Umgang mit Menschen und nutzt das gerne für seine eigenen Zwecke. Es ist fasziniert von der soziophoben Hauptfigur, verhält sich ihr gegenüber selbstlos, schreibt aber heimlich eine Abhandlung über sie.

Am Anfang der Geschichte muss die soziophobe Hauptfigur einen Aufsatz über sich schreiben, weil sie in der Schule Probleme mit Mitschülern hatte. Nach diesem Vorgriff, erfolgt die Erzählung chronologisch von der Geburt bis zum Studium.

Die Geburt empfindet die Hauptfigur als Angriff auf die Privatsphäre. Später im Kindergarten geht es um Beziehungen zu den Kindern und den Erzieherinnen. Während der Schulzeit werden die Probleme größer. Die Hauptfigur eckt immer wieder bei Schülern und Lehrern an, wird gemobbt, sieht sich aber nicht als Opfer. Sie gewinnt die Einsicht, dass sie selbst normal ist und die Anderen Hilfe brauchen, weil sie sozialsüchtig sind. Die Hauptfigur analysiert die Anderen und versucht vergeblich zu helfen. Sie berichtet von seltsamen Beobachtungen bei Mitmenschen. Nach einigen Versuchen zu arbeiten, studiert die Hauptfigur. An der Uni trifft sie Hündchen. Eine komplizierte Beziehung entwickelt sich. Am Ende des ersten Teils wird die Hauptfigur auf der Straße gefährlich angegriffen.

Normal Teil 2: Ich bin normal, nur … (ursprünglicher Titel der ersten Auflage: Bist du schon normal?)

Der einzig normal denkende Mensch wacht nach dem Attentat in einem Krankenhaus auf. Es braucht eine Weile, bis er wieder ganz gesund ist. Die körperlichen Wunden heilen gut, die seelischen Verletzungen machen der Hauptfigur aber noch lange zu schaffen. Sie isoliert sich in ihrem Zuhause und verhält sich immer eigenartiger, kann sich aber irgendwann selbst heilen. Hündchen umsorgt und unterstützt sie dabei, während es im Hintergrund dafür sorgt, dass sich die Welt so verändert, wie es sich die nach wie vor namenlose Hauptfigur wünscht. Hündchens Antrieb ist nicht nur die Liebe, sondern es sind auch Schuldgefühle im Spiel, denn es fühlt sich für das Attentat mitverantwortlich. So ist es dann auch Hündchen, welches die Hauptfigur auf rabiate Weise aus ihrer Isolation befreit, obwohl dies zu dem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr nötig war, weil das Ich selbst eingesehen hat, dass es sich trotz aller Gefahren der Welt stellen muss, nicht zuletzt weil es der Meinung ist, die Menschen heilen zu müssen. Das Ich und vor allen Dingen Hündchen bringen immer mehr Menschen dazu, sich durch einen kleinen ärztlichen Eingriff im Gehirn psychisch so zu verändern, dass sie nicht mehr süchtig nach sozialer Anerkennung sind, also nicht mehr sozioman sind, sondern sozionormal. Die Menschen denken als Sozionormale viel rationaler, trennen sich von sinnlosem Konsum, verhalten sich berechenbar und vernünftig. Das Ich nimmt diese wachsenden Veränderungen wohlwollend zur Kenntnis. Auch die Beziehung zu Hündchen blüht auf. Die beiden machen Urlaub und leben ihre sich mehr und mehr entwickelnden Liebe, bis Hündchen eines Tages per Smartphone mitteilt, dass es sich ebenso einer Behandlung unterziehen möchte. Dabei ist eigentlich beiden bewusst, dass es aufgrund der Besonderheit von Hündchens Gehirn, tödliche Komplikationen geben könnte. Das ist nicht nur wegen der Lebensgefahr beunruhigend, sondern auch deswegen, weil das Ich Hündchen so liebt, wie es ist und nicht möchte, dass es sich verändert. Mit dem Bewusstsein, dass es wohl viel zu spät ist, macht sich das Ich auf den Weg in die Praxis, wo Hündchen sich behandeln lassen wollte. Dort angekommen, bricht es ihm das Herz, als es Hündchen wie erwartet in einem offenbar äußerst kritischen Zustand vorfindet.

Prolog

Macht euch keine Sorgen, die Geschehnisse aus dem zweiten Buch »Ich bin normal nur, ...« sind nicht wirklich so passiert, wie sie dargestellt wurden. Es gibt nämlich eine entscheidende Abweichung: Der Ort, konkreter der Planet des Geschehens, ist ein anderer. Die Sendung, welche die Wendung brachte, die dazu führte, dass große Teile der Bevölkerung sich haben sozionormalisieren lassen, die Sendung, die letztlich so einen Hype verursachte, dass Jugendliche es kaum erwarten konnten, Achtzehn zu werden, damit sie sich endlich das Hirn »gesund brutzeln« lassen können, die zwei psychologischen Klassen von Menschen, die entstanden sein sollen – moderne Sozionormale und rückständige Soziomanen hat es durchaus gegeben, aber ich muss euch beichten: Die geschilderten Ereignisse fanden nicht auf der Erde, sondern auf dem Planeten Autis statt. Bei Autis handelt es sich um meinen eigentlichen Heimatplaneten, von dem aus ich zu euch gereist bin. Nicht einmal die Geschehnisse aus dem ersten Buch »Nur ich bin normal« haben hier auf der Erde stattgefunden. Ihr jetzt bestimmt so: »WAS!? ECHT!? ICH LESE DAS BUCH EINES WASCHECHTEN AUSSERIRDISCHEN?« Ne, aber mal im ernst. Seid ihr wirklich überrascht? Ich wäre auf keinen Fall überrascht, denn es wird ja wohl aufgefallen sein, dass die Dinge, die ich beschrieben habe, auf der Erde nicht so geschehen sein können. Wer sich auf der Erde umsieht, wird merken, es hat sich noch nicht viel in Richtung sozionormale Welt geändert. Die einschneidenden Modifikationen der Gesellschaft hätte man sehr wohl bemerken müssen. Nein, ihr lebt noch sozioman.

Ich gebe zu, es hat lange gedauert, bis ich mir erlaubt habe, euch dieses Geheimnis zu verraten. Bis jetzt war es aber nun mal einfach nicht notwendig. Im Großen und Ganzen hätte alles natürlich so auch auf der Erde passiert sein können, beziehungsweise hätte es in Zukunft so auf der Erde passieren können, weil sich erstaunlicherweise unsere beiden Zivilisationen Menschheit und Autisianer im Ablauf ihrer jeweiligen Geschichte sehr ähneln. Man möchte meinen, es gäbe eine Art Naturgesetz für die Bildung von Gesellschaften aus intelligenten Lebewesen. Da wir uns so sehr ähneln, war es kein Problem, meine wahre Geschichte so umzuschreiben, als wäre sie auf der Erde passiert und als wäre ich einer von euch. Ihr Menschen hattet bisher leider nicht das Glück, dass ein Sozionormaler wie ich auf der Erde geboren wurde und eure Zivilisation aufgewertet hat. Nun war und bin ich bei euch und konnteund kann euch durch ethische Entwicklungshilfe ein langes Überleben sichern. Ich wusste bereits bei meiner Ankunft auf eurem Planeten ganz genau, dass ich nicht von der Erde stamme. Selbst wenn ich es aufgrund von Übertragungsfehlern während meines Transfers nicht gewusst hätte, dann hätte ich es zumindest vermutet, denn ihr seid trotz äußerlich sehr großer Ähnlichkeit charakterlich verdammt anders, zumindest seid ihr das im Moment noch.

Indes kam ich mir zu Beginn, als ich noch auf meinem Heimatplaneten Autis lebte, ebenfalls sehr fremd vor, ähnlich fremd wie jetzt wieder auf eurer Erde. Damals war ich mir sicher, dass ich außerirdisch, genauer gesagt außerautisianisch, sein musste. Ich hatte mir etwas zusammengereimt über Soziophobie und Soziomanie als gegensätzliche Paradigmen in den Hirnen meiner Spezies. Doch in diesem Fall war ich einfach nur außergewöhnlich und dadurch ein auserwählter Autisianer. Ich hatte im Endeffekt mit allem recht, was ich mir über die Soziomanie der anderen dachte. So wie ich hier auf der Erde recht bekommen werde, hatte ich auch auf Autis bereits nachweislich alles richtig eingeschätzt. Genau wie einst die Autisianer, steckt ihr Menschen zur Zeit in einem kollektiven soziomanen Zustand fest. Dass ich mit der Einschätzung der menschlichen Psyche richtig liege, ist in meinen letzten beiden Büchern deutlich geworden. Jede*r Leser*in wird dort erkannt haben, dass beinahe kollektive Soziomanie unter den Menschen herrscht. Als man auf Autis damals mein erstes Buch »Nur ich bin normal« gelesen hatte, kam es dort zu der Entwicklung, die ich euch im zweiten Buch beschrieben habe und im weiteren Verlauf kam es selbstverständlich zu den Ereignissen, die ich in diesem dritten Buch beschreiben werde. Natürlich wird auch das noch nicht auf der Erde geschehen sein, wenn ich das dritte Buch fertig übersetzt habe, aber die Entwicklung auf eurem Planeten ist genau so möglich, ja sogar sehr wahrscheinlich. Meine Bücher sind eine Dokumentation der Geschehnisse auf Autis beginnend mit meiner Selbsterkenntnis bis zur Entwicklung einer neuen Welt.

Nun bin ich auf eurem Planeten gelandet, habe euch studiert und meine Geschichte fast komplett übersetzt. Dabei habe ich sie verständlicherweise hier und da ein wenig angepasst. Ich wurde von dem weisen Rat von Autis auf die Erde gesandt, um euch meine übersetzte Geschichte in einem Tauschgeschäft zu übergeben. Als Gegenleistung für die großzügige ethische Verbesserung eurer Welt, erwarten wir nur ein kleines Entgegenkommen, und zwar die Integration von ein paar Autisianern in eure Zivilisation. Meinen Büchern ist es zu verdanken, dass die Autisianer so lange auf ihrem Planeten überlebt haben und dabei ein Leben in Glückseligkeit mit ewigem Frieden führen konnten. Hätten wir uns nämlich nicht rechtzeitig in eine sozionormale Gesellschaft transformiert, hätten wir nicht nur nicht unseren jetzigen Stand der Technik erreicht, dann hätten wir nicht nur nicht zu euch reisen können. Schlimmer noch: Wir hätten uns mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit selbst ausgelöscht, entweder durch irgendeine irreversible Umweltkatastrophe oder durch Kriege mit Massenvernichtungswaffen. Nach unseren Erkenntnissen steht eure Zivilisation nur etwa ein Jahrhundert vor der Selbstauslöschung durch eine dieser Katastrophen. Aber auch ihr könnt eure soziomane Gesellschaft in eine sozionormale Gesellschaft transformieren. Wenn ihr erkennt, was wir erkannt haben, dann erreicht ihr eine Form des Zusammenlebens, die euch und uns gleichermaßen glücklich machen wird. Ihr werdet uns fabelhaft integrieren können. Das, was euch außerhalb eurer aktuellen Soziomanie als Menschen ausmacht, werden wir mit Freude lernen, um dann gemeinsam Geschichte zu schreiben, um dann gemeinsam allen intelligenten, fühlenden Wesen des Universums Glückseligkeit zu bringen.

Unsere Seelen benötigen von euch eine sichere Energieversorgung und etwas Wartung. Dass wir Zuflucht auf eurem Planeten suchen, hat einen astronomischen Grund. Wie die meisten Sterne, dehnte und dehnt sich auch die autisianische Sonne langsam aus. Unser Stern ist allerdings fast eine Milliarde Jahre älter als euer Stern. Er war damit bereits vor vielen Jahrtausenden so stark aufgebläht, dass Leben ohne künstlichen Schutz fast nicht mehr möglich war. Kaum noch konnten wir genügend große Flächen kühlen, um Landwirtschaft zu betreiben. Durch die Abwärme aus den klimatisierten Bereichen, wurde der Rest des Planeten so stark erhitzt, dass immer größere Teile nur noch aus lebloser Ödnis bestanden. Einhunderttausend Jahre bevor wir auf Autis die Grenzen des physikalisch Machbaren Überlebens erreicht hatten, wurde schweren Herzens mit den Planungen zur Umsiedlung der Autisianer begonnen. Es war unklar, wie lang die Reise dauern würde. Deshalb konnten wir nicht sicher sein, dass unsere organischen Hüllen überleben. Aus diesem Grund mussten alle Autisianer ihren Geist, ihr Ich digitalisieren und speichern. Statt in fragilen Körpern sind wir als digitale Geister auf Festplatten geflohen. Wir konnten durch diese Selbstdigitalisierung tatsächlich alle Seelen in unseren Raumschiffen unterbringen, stiegen mit ihnen auf und verfolgten als Computerwesen das Ende des intelligenten Lebens auf Autis. Der Blick zurück auf den ausgedörrten Staubball, der mal unsere Heimat war, schmerzte, aber die Aussicht einen autisähnlichen Planeten wie eure Erde zu erreichen, gab uns genug Hoffnung, um weiter zu forschen, um weiter voranzugehen. Mit unserer Technologie könnten wir die Menschheit locker auslöschen oder versklaven und euren Planeten einfach übernehmen. Wir sind jedoch als sozionormale Spezies friedfertig und wie gesagt am Glück aller intelligenten fühlenden Wesen interessiert; deshalb wollen wir uns lieber bei euch integrieren.

Wir sind nur ein kleines Volk von einer Milliarde Individuen, das von euch ein wenig Energie braucht und einige wenige Millionen von uns wollen wieder in Körpern leben. Sie werden in Androiden zu euch kommen, die euch täuschend ähnlich sehen. So können wir uns vorerst kulturell viel besser austauschen, besser als wenn wir für euch nur digitale Datenansammlungen wären. Seid ihr erst überzeugte Sozionormale, könnt auch ihr digitalisiert werden. Wenn alles nach Plan läuft, benötigen die digitalen Menschen und die digitalen Autisianer am Ende der Entwicklung nur noch wenig Raum und quasi keine Energie. Wir arbeiten sogar an einem Speichermedium, was keinerlei Energie benötigt. Dann können Menschheit und Autisianer gemeinsam bis zum Ende des Universums existieren, aber das ist selbst für uns noch Zukunftsmusik.

Im Moment befindet sich unser Raumschiff im Orbit eurer Erde. Meinen Geist hat man in einem fast einhundert Prozent menschlich aussehenden Androiden zu euch auf die Oberfläche geschickt. Ich hoffe, dass dieses Outing als außerirdischer Autisianer noch mehr Freude und Interesse an meinen Büchern wecken wird. Meine literarischen Ergüsse sind keine sinnlose Unterhaltungsliteratur, sondern ein Sachbuch im Bereich angewandter Gesellschaftswissenschaften inklusive fundierter Prognose zu eurer und unserer Zukunft. Ihr müsst sie lesen, um zu wissen, wie es bei euch weitergehen kann, um zu wissen, was für abgefahrene Geschichten passieren müssen, damit ihr am Ende glücklich durchs Weltall rasen könnt.

Außerdem bin ich auf euer Geld angewiesen, weil ich als politischer Aktivist Opfer der Unterdrückung durch aktuell noch soziomane Staatsorgane auf eurem Planeten geworden bin. Es kam irgendwie nicht besonders gut an, als ich einem irdischen Beamten aufgrund seiner Unverschämtheit gerechtfertigterweise meinen Androidenspeichel ins Gesicht gespuckt habe, weil er mich zwingen wollte, einer sinnlosen, selbstzerstörerischen Erwerbsarbeit nachzugehen. Das Ganze war eine Verschwendung von Körperflüssigkeit. Helft mir dabei, nicht arbeiten zu müssen, und meine Körperflüssigkeiten weiter sinnvoll zu nutzen. Helft mir, indem ihr meine Bücher kauft.

Vielen Dank.

Schlafender Hund

»Hey, wer ist das denn? Da versaut uns wohl jemand gerade unsere wertvollen Daten.«

»Mist, die Sequenz müssen wir wohl jetzt rausschneiden.«

Schon wieder ein Traum? Habe ich meine Leser etwa noch nicht oft genug mit Träumen belästigt oder gar gequält? Ich hoffe jedenfalls, was ich sehe, ist ein Traum, denn vor mir hängt Hündchen gerade in einer Art Zahnarztstuhl an irgendwelchen Geräten und Schläuchen, krank, müde, mit den dunkelsten Augenringen, die ich jemals gesehen habe, aber immerhin lebendig. Habe ich damals im Krankenhaus auch so unzumutbar ausgesehen? Wieso wischt ihm keiner den Sabber aus dem Gesicht? Schlimm, dass ich gerade daran denke, dass Hündchen unsexy aussieht und ich damals wohl ebenfalls für Hündchen derart unsexy aussah. Wieso habe ich solche verstörenden Gedanken zu den unmöglichsten Zeiten? Ich habe früher gerne geleugnet, dass ich ein Mensch bin, ein Mensch mit all diesen verwirrenden Gefühlen und Bedürfnissen. Aber genau das bin ich: Ein Mensch.

Ich muss meinen Blick abwenden und bleibe starr stehen, bis mich schließlich eine Hand von hinten an der Schulter packt. Ich werde unsanft aus dem Raum geführt, stolpere fast über meine eigenen Füße und muss mich darauf konzentrieren, dass ich nicht hinfalle. Entsetzt stelle ich fest, ich konnte keinen Augenblick erkennen, ob Hündchen auf mich in irgendeiner Form reagiert hat. Kann Hündchen überhaupt noch auf mich reagieren? Die Tür wird abgeschlossen und ich sehe weder die Hand noch die Person, die mich rausgeführt hat. Keine Erklärung. Keine Aufforderung zu warten. Nichts. Niemand ist da, um mit mir zu sprechen.

Ich brülle: »Was ist hier los? Was habt ihr mit meinem Hündchen gemacht?«

Niemand reagiert auf mich. Niemand hört mich. Niemand hat Zeit für mich. Alle hier scheinen beschäftigt zu sein. Ich bin anscheinend nur eine kurze Unterbrechung gewesen, die man schnell und unkompliziert wegmacht, wie nervige, ungebetene Werbung vor einem Internetvideo. Deren Problem hat sich erledigt. Mit Problemen muss man nicht sprechen. Man schweigt sie an und schubst sie einfach raus, so dass sie fast auf die Fresse fallen. Ich will an die Tür hämmern. Nein, ich will sie aufbrechen. Nein, ich will einfach nur schreien. Halt! Stopp!

Ich versuche mich zu beruhigen. Die Forscher können wahrscheinlich nichts dafür. Hündchen hat die Behandlung freiwillig an sich machen lassen. Hündchen wird trotz aller Risiken darauf bestanden haben, weil es womöglich von den Forschern getäuscht wurde. Ich spüre drückende Schmerzen in der Brust. Ich muss hier raus. Hündchen ist jetzt anders. Jeder weitere Anblick, jeder weitere Gedanke führt zu einem neuen Trauma. Ich fühle mich jetzt schon wie niedergestochen. Nur diesmal ist es nicht mein Bauch, sondern mein Herz. Noch weitere Gedanken oder ein erneuter Anblick Hündchens in diesem elenden Zustand werden ein weiterer Stoß in mein Herz sein. Ich will nicht wieder in alte Muster zurückfallen. Ich wusste es. Menschen verletzen einen immer irgendwann. Wenn sie einen nicht direkt verletzen, dann wenigstens indirekt, wie Hündchen mit der dummen Entscheidung, sich behandeln zu lassen, obwohl es wusste, dass die Hirnoperation gefährlich ist, obwohl es wusste, dass meine Gefühle... Moment, meine Gedanken sind gerade widersprüchlich. Oder sind sie klar die Wahrheit? Aua! Mein Kopf!

Nachdem ich aus dem Forschungszentrum hinausgestolpert bin, bleibe ich vor der Eingangstür stehen, nicht weil ich umdrehen will. Nein, die Gedanken, die nicht verschwinden wollen, bohren sich von meinem Kopf nach unten in meine Brust. Ich atme schwer. Hirn! Hör auf! Grüble nicht, sondern träume! Träume von der Welt, in der du dich jetzt befindest. Sie ist gut. Sie ist lebenswert. Siehe was du … nein! Nicht Hündchen! Hündchen existiert nicht … nicht mehr. Hündchen hat NIE existiert … war immer nur dein Trugbild. Schluss damit Hirn! Siehe was DU, also ICH geschaffen habe. Erfreue dich daran. Los! Erfreue dich daran! Ich öffne die Eingangstür des Krankenhauses. Der medizinische Geruch wird nun verdünnt von der frischen, sauberen Luft einer neuen modernen Großstadt. Die Lungen füllen sich mit diesem vitalisierendem Trost.

Ich fühle beschichtetes Papier in meiner Hand. Woher kommt das? Ich führe meine Hand in Richtung meiner Augen, damit ich das Papier näher betrachten kann. Es ist eine Broschüre: »BESCHEUERT??? Werde jetzt ganz einfach normal!«, steht dort in großen Buchstaben. Wann ist mir die denn in die Hände geraten? Was für ein Albtraum. Ich kann mich nicht erinnern, bin verwirrt. Was ist mir wohl noch alles entgangen? Ich blättere die Broschüre durch, ohne sie wirklich zu lesen. Mein Blick ist starr. Ich gehe weiter und werfe sie in den Mülleimer.

Modern unterwegs

Die Broschüre wäre auch nicht hilfreich gewesen, nicht für Hündchen, nicht für mich, nur für alle anderen. Trotzdem brauche ich jetzt etwas, womit ich mich beschäftigen kann. Wieso habe ich mir kein Buch mitgenommen und warum habe ich mein Nanophone vergessen? Ich Schussel! Zu gern, hätte ich irgendetwas gehabt, was mich von dem ablenkt, was ich glaube, gerade gesehen zu haben.

Ein »Rattarattaratta...«, »Brumbrummbrrrummm...« oder »Tacktacktack...« würde mir genügen, damit ich verdrängen kann, worum meine Gedanken kreisen, aber dieses neue öffentliche Verkehrsmittel ist bedauerlicherweise unglaublich leise. Die Einzigen, die ohrenbetäubend laut schreien, bleiben meine Gedanken. Sie sind weiterhin laut, aber sie haben sich verändert. Ich versuche verzweifelt, die letzte Erinnerung an Hündchen zu löschen, denn sie stört und verzerrt alle anderen Erinnerungen, die ich an Hündchen habe. Doch es bringt nichts.

Der fahrerlose Straßenzweisitzer A.S.T. – Automatic Slim Taxi, das beliebte neue öffentliche Verkehrsmittel, tut mir nicht den Gefallen, laut zu sein, damit ich endlich mit dem quälenden Grübeln aufhören kann, welches schon so viele Wissenschaftler als krankmachend beschrieben haben. Vielleicht hätte ich nostalgisch sein sollen und hätte auch für den Heimweg besser den antiquierten Bus mit den Soziomanen benutzt. A.S.T. und Bus zeitgleich gibt es nur noch zwei Monate, denn dann tritt das neue pPNV-Gesetz in Kraft, womit der private Personennahverkehr kostenlos wird. Tausende neu gefertigte A.S.T.s stehen kurz vor der Auslieferung, niemand braucht dann noch ein stickiges Massengefährt. Auf dem Hinweg im Bus hatte ich mir noch ein A.S.T. gewünscht, aber ich war zu aufgebracht, konnte nicht klar denken, bin einfach los, als lebte ich noch in der Vergangenheit. Diese Entscheidung hatte mich viel Zeit und noch mehr Nerven gekostet. Was für ein düsterer Anachronismus war es doch, mit all den schmutzigen, lauten Gestalten in einer klappernden Blechdose zu einem Haltepunkt gebracht zu werden, an dem sich dann nicht nur noch größere Menschenmengen befinden, sondern der außerdem noch hunderte Meter vom eigentlichen Ziel entfernt ist. Vielleicht war es unterbewusste Nostalgie, die mich vorhin in den Bus gelockt hatte, vielleicht waren es liebgewonnene Erinnerungen an den Tag, als mich Hündchen von der Bushaltestelle in unser Café rettete.

Doch plötzlich kommt mir ein Gedanke. Er mag eigentlich bescheuert sein, aber er spendet unglaublich viel Trost. Trost, den ich brauche, denn sonst übernimmt die Traurigkeit mein komplettes Ich. Trost, den die neue immer frischer werdende Luft nicht ausreichend spenden kann. Wenn etwas Neues und Schönes lebendig wird, dann muss etwas Altes geopfert werden. Dies muss eine Art Naturgesetz sein, welches man ohne Wehmut hinnehmen muss, weil es nun mal so ist und nicht verändert werden kann. Dinge ändern wollen, die man per Naturgesetz nicht ändern kann, macht unglücklich; deshalb sollte man es lassen. Diese merkwürdige Erkenntnis bewirkt eine völlige Katharsis meiner Gedanken:

Erstens: Hündchen musste sterben. Es war notwendig.

Zweitens: Guck dir an, was Hündchen und zwar Hündchen allein für eine Welt erschaffen hat. Wenn Hündchen die Raupe war, ist diese Welt jetzt Hündchen als Schmetterling.

Drittens: Ich kann lieben, konnte lieben, nur leider ist ein gebrochenes Herz viel schlimmer als Herzlosigkeit.

Und viertens: Zweitens ist falsch, denn ich habe und nicht Hündchen hat diese Welt erschaffen. Hündchen war streng genommen nur mein Werkzeug.

Ich habe die Raupe genommen, sie in einen Kokon gesponnen und sie dadurch gezwungen zum Schmetterling zu werden.

»Wollen Sie rausgucken? Es sind keine Menschen in Sichtweite.«

»A.S.T., bitte duze mich.«

»Willst du rausgucken? Es sind...«

»Schon klar, nein. Zeige mir endlose leere Wüste.«

Keine Ahnung, ob A.S.T. diese Funktion hat, aber tatsächlich wird eine endlose Wüste an den Innenwänden gezeigt. Genau so fühle ich mich im Inneren: leer und leblos. Die Technik ist erstaunlich. Man kann nicht reingucken und das Rausgucken ist optional. Stattdessen kann man sich menschenleere Umgebungen zeigen lassen. Der eingebaute Computer versteht mich so gut, dass er quasi keine Fehler macht. Wieso war so etwas nicht schon in der soziomanen Welt möglich?

Auch wenn die Wüstenlandschaft entspannend ist, schießt mir wieder dieser eine Gedanke durch den Kopf. Ich habe Hündchen getötet. Ach nein, ich habe es verwandelt, stelle ich für mich erneut klar. Die leere Wüste ist jetzt deine Welt. Alle anderen bedeuten dir nichts! Egal, ob normal oder sozioman! Diese Welt bedeutet dir nichts! Ich versuche mich abzulenken und betrachte den Navigationsbildschirm vor mir. Ich sehe, dass ich bald zu Hause bin. Bald gehe ich wandern. Könnte ich aus Hündchens Fell nicht einen schönen Rucksack dafür machen? Wieso falle ich wieder in die alten Gedankenmuster zurück? Damit ich mich nicht irgendwann wieder in einen Menschen verliebe? Wollte ich nicht ursprünglich lustige und fröhliche Bücher schreiben und wieso gehe ich alleine wandern? Weil es mich an den Urlaub mit Hündchen erinnert? Hündchen hatte kein Fell aus dem ich einen Rucksack machen könnte.

Wandern

Und die Menschen verbessern sich doch: Ich wandere gedankenverloren durch einen örtlichen Wald, erfreue mich an den sanften Klängen der Natur. Neben mir das Wässerchen eines Baches, über mir ein Konzert verschiedener Vögel. Ich wäre gerne ein Ornithologe, dann könnte ich die Vögel benennen und ihre Stimmen mit malerischen Vokabeln umschreiben. Nun kann ich nur sagen, dass es in diesem Moment einfach schön ist. Das muss euch genügen. Der warme Wind ist angenehm wie ein sanfter Fön. Er lässt die Blätter rauschend in das Naturkonzert einstimmen. Nicht zuletzt fügt sich in das biodiverse Geräuschpotpourri des Waldes wortgewaltig eine laut dröhnende Motorsäge ein. Herrlich!

Plötzlich ertönt eine Stimme: »Hey Arschloch! Hast du keine App?«

Ich blicke um mich herum und da sehe ich sie direkt vor mir. Es ist eine andere Person, sie trägt eine Outdoorjacke, eine Outdoorhose, Wanderschuhe und eine Sonnenbrille, die sie gerade abnimmt, um mich wütend anzustarren.

Nach dem sie sich meiner Aufmerksamkeit vergewissert hat, spricht sie weiter: »Ich habe extra diesen lonely Spot zum Wandern gebucht und nun muss ich deine Hackfresse sehen.«

Sie hat recht. Ich dürfte gar nicht hier sein. Wie konnte ich nur so gedankenverloren handeln? Wer wandern will, muss sich anmelden. Eigentlich ist das schon eine ganze Weile so, aber benebelt von Gefühlen aus der Vergangenheit, handle ich, als lebte ich noch in dieser unrühmlichen alten Zeit, in der sich die Menschen rücksichtslos anderen Menschen aufdrängten. Rücksicht ist Pflicht. Das ist doch selbstverständlich. Ich gehe weiter auf den Wanderer zu. Ich hebe meine Arme. Dabei bilden sich Tränen in meinen glasigen Augen. Perplex lässt der Wanderer die Handlung über sich ergehen. Wie ein abgestorbener halbabgebrochener Baum steht er da.