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Was brauchen wir wirklich, um gut zu leben? Dieses Buch ist eine philosophische Expedition: Inspiriert von Denkern wie Diogenes und Epikur, führt es mit klarem Blick und feinem Humor durch den Alltag des Überflusses. Es geht um Werbung und Gewohnheiten, um Besitz, Glück und Selbstbestimmung. Anstatt Verzicht zu predigen, lädt es dazu ein, die eigenen Maßstäbe zu überdenken – mit fundierter Recherche, alltagstauglichen Denkanstößen und einem klaren Ziel: mehr Ruhe, mehr Klarheit, mehr Lebensfreude. Für alle, die nicht perfekt, sondern bewusst leben wollen. Ines Maria Eckermann ist Journalistin und promovierte Philosophin. Ihr Ziel ist es, Philosophie wieder alltagstauglich und für alle verständlich zu machen. Ganz wie es bei ihren Vorbildern, den Stoikern, war. Seit ihrer Jugend ist sie im Naturschutz aktiv. In „Ich brauche nicht mehr“ verbindet sie ihr Engagement mit ihrer wissenschaftlichen Forschung zu den Themen Glück, Resilienz und Selbstwirksamkeit.
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Seitenzahl: 475
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ines Maria Eckermann
Ich brauche nicht mehr
Ines Maria Eckermann
Ich brauche nicht mehr
Eine philosophische Reise zur Konsumgelassenheit
2., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage
Tectum Verlag
Ines Maria Eckermann
Ich brauche nicht mehr
Eine philosophische Reise zur Konsumgelassenheit
2., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage
© Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2025
ISBN 978-3-68900-378-4
ePDF 978-3-68900-379-1
ePub 978-3-68900-380-7
Zeichnungen im Innenteil: © Ines Maria Eckermann
Gesamtverantwortung für Druck und Herstellung bei der Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Alle Rechte vorbehalten
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Bevor wir uns auf die Reise machen
Die Suche nach dem Glück
Wenn das Glück keine Kraft mehr hat
Unstillbare Wünsche
Missgunst, Gier und Todsünden
Knopf im Kopf – Wo das Glück entsteht
Von Ratten und Menschen – und Chips
Im Hamsterrad des Glücks
So komplex wie das Leben selbst
FOMO – Verhungern an der Fülle
Die Evolution einer Angst
Wünsche, Wirren, Wirtschaftswandel
Sisyphos im Wunderland
Verwirrung im Supermarkt
Psychologie auf der Überholspur
Die Schönheit des Gebrochenen
Ich, nur besser
Schiffbrüchig im Meer der Möglichkeiten
Nachhaltig glücklicher
Die Verlagerung der Verantwortung
Power to the People
Handel dich glücklich
Heute gibt es Katzenschnitzel
Die Problemkuh
Urlaub für die Umwelt
Ohne Müll ist auch eine Lösung
Nachhaltig mobil
Jeden Tag die Welt retten
20 Tipps für mehr Karmapunkte
Das wirklich Wichtige
Mir reicht’s! Die Eleganz der Genügsamkeit
Warum weniger mehr ist
Wo fange ich an?
Weg damit!
Das Minimalismus-Paradoxon
Wie viele Unterhosen darf ich haben? Und muss ich sie wenden?
Digitale Entgiftung
Konsumgelassenheit
Schmutziger Stoff für den schnellen Kick
Was mach ich hier überhaupt?
Drahtseilakt zwischen Absturz und Leben
Genug ist zu wenig
Chronos, Chaos und der wahre Wohlstand
JOMO – Die Freude, etwas zu verpassen
Achtsamkeit und Dankbarkeit, in Wenigkeit, Amen
Anmerkungen
Über die Autorin
»Was würdest du später mit ins Altersheim mitnehmen?«, fragte mich eine Frau, die nach einer Lesung aus der ersten Auflage von »Ich brauche nicht mehr« zu mir an den Büchertisch gekommen war. »Ich arbeite als Altenpflegerin und sehe oft, mit wie wenig die alten Menschen bei uns einziehen. Deshalb frage ich mich, wenn ich etwas Neues einkaufe, oft: Würdest du das später mitnehmen?« Nachdenklich blickte sie mich über den Rand ihre Brille an, als würde sie eine neue Antwort auf ihre eigene Frage suchen. Wir unterhielten uns eine Weile, obwohl mir auf die Schnelle keine brauchbare Antwort einfiel.
Die Frage vom Büchertisch fuhr mit mir nach Hause. Später recherchierte ich, wie groß Altersheimzimmer sind: durchschnittlich 17 Quadratmeter. Wenig Platz, um Dinge für die letzten Lebensmonate um sich zu versammeln. Was würde ich später mitnehmen wollen? Die an den Ecken aufquellenden Billy-Regale? Das Besteck meiner Großeltern? Oder all die Bücher, in denen ich mit Kuli und Textmarker meine Spuren hinterlassen habe? Was davon ist wirklich wichtig?
Eine Pandemie später nagte sich die Frage aus meinem Hinterkopf ins Freie und fraß sich tief in meine Schubladen und Schränke. Kurz vor Ende des letzten Lockdowns löste ich meinen Haushalt auf. Alles musste einen neuen Platz finden, weil ich einfach nur noch raus wollte: raus aus der Stadt, wo Schamlosigkeit auf Radwegen parkt, wo Schrankwände Rücken an Rücken stehen, von dünnen Wänden und Welten getrennt. Raus aus einer schimmeligen Wohnung, raus aus einer ungesunden Beziehung, aus festgefahrenen Mustern, raus aus all dem Zeug, das sich über die Jahre angestaut hatte wie Strandgut. Mit jedem Teil, das mein Leben verließ, fühlte ich mich etwas leichter. Und irgendwann war meine Habe leicht genug, um in einen 50 Liter-Rucksack zu passen. Damit reiste ich ohne festen Wohnsitz über zwei Jahre mit Bus und Bahn durch Europa. Doch das ist eine andere Geschichte, die in einem anderen Buch erzählt werden will. Hier möchte ich die Chance nutzen, all den Menschen zu danken, die in den letzten Jahren ihre Gedanken zu den Themen dieses Buchs mit mir geteilt haben.
Seit der ersten Auflage von »Ich brauche nicht mehr« hat sich nicht nur mein eigenes Leben sehr verändert, sondern unser aller Welt: Wir haben eine Pandemie überstanden, sahen Kriege ausbrechen und die Schere zwischen Arm und Reich wachsen. Künstliche Intelligenz ist plötzlich überall, Fake und Fakten rücken gefährlich nah zusammen. Aus manchen Reaktionen auf die erste Auflage dieses Buches lernte ich, dass es fast zynisch sei, in diesen Zeiten über Nachhaltigkeit, Minimalismus oder Glück zu sprechen. Ist das also alles bloß Luxus und Schönwetterphilosophie?
Natürlich gibt es global gesehen deutlich größere Probleme, als dass ein einzelner Mensch ein schönes Leben hat. Nur worauf wollen wir warten, um glücklich zu sein? Darauf, dass das Klima sich abkühlt? Auf Weltfrieden, oder dass Hunger und Krankheit endgültig besiegt wurden? Wer genug Hoffnung hat, eine solche Welt noch zu erleben, führt bereits ein sehr angenehmes Leben. Allen anderen ist vermutlich bewusst, dass das Leben zu kurz ist für Illusionen. Und dass die Welt durch schlechte Laune auch nicht besser wird. Doch dass man sich ein minimalistisches Leben erstmal leisten können muss, halte ich persönlich für einen Trugschluss. Denn bei mir zu Hause war schon immer Platz für weniger. Als ich ein Kind war, hing das Weniger im Kleiderschrank, es saß mit uns beim Abendbrot und auf der Rückbank. Wir hatten oft etwas weniger als genug war. Deshalb wünschten sich meine Eltern dasselbe wie viele: dass es uns einmal besser geht.
Mein Vater versuchte jahrelang, eine Nische in einem Beruf zu finden, der nicht so recht zu ihm passen wollte. Wie viele aus der Boomer-Generation hatte er einiges auf dem Kasten und trotzdem kaum Optionen. Deshalb ihm war es wichtiger, dass wir Geld hatten, als dass er sich beruflich verwirklichen konnte. Auch wenn das Geld nicht immer bis zum Ende des Monats reichte. Doch als Kind fiel mir das nicht auf. Schließlich hatten wir die selbstgezeichneten Bilderbücher, die mein Vater für meinen Bruder und mich schrieb. Wir hatten Brettspiele, die wir uns selbst ausdachten und aus Pappkisten bastelten. An den Wochenenden bauten wir Buden im Wald und radelten, so oft wir konnten, mit unserem Opa zum Stausee. Jeden Freitag nach der Grundschule holte ich meinen Vater von der Arbeit ab. Manchmal teilten wir uns auf dem Heimweg Lakritzstangen vom Bäcker und er dachte sich Geschichten aus, während wir zusammen nach Hause spazierten. Selbst wenn wir Geld für Marken-Cornflakes, Videospiele oder Erlebnispark-Besuche gehabt hätten, wären es diese Momente, an die ich mich am liebsten erinnere.
Mit 14 Jahren begann ich neben der Schule zu arbeiten: kassieren, Zeitungen austragen, ich baute elektronische Fensterheber in Autotüren ein und stanzte Schnallen für Hosenträger. Später zog das Weniger mit mir in ein neun Quadratmeter großes Zimmer in einer Studierenden-WG. Mein Studium finanzierte ich mit Jobs im Software-Support, ich servierte auf hohen Hacken Häppchen, begrüßte VIP-Gäste auf Spanisch, und wechselte schließlich vom Austragen zum Schreiben der Zeitung. In den ersten Semestern sägte ich am Ende des Monats mit dem Brotmesser 35-Cent-Blöcke Tiefkühlspinat in Stücke und kochte daraus drei Abendessen. Vorportionierter Spinat und Mensaessen blieben lange unerschwinglich. Aber Kaffee war immer da und die Leute, mit denen er am besten schmeckte.
Die Uni endete, doch die kümmerliche Bezahlung blieb. Der Besitzer der Zeitung, für die ich hauptsächlich schrieb, spendierte sich ein Schloss mit Blick auf den Rhein – und seinen freien Mitarbeitenden gerade so viel Honorar, dass sie zumindest samstags nicht arbeiten mussten. In dieser Zeit beschlich mich gelegentlich das Gefühl, dass meine Beziehung mit dem Weniger toxisch geworden war. Denn Geld und Zufriedenheit scheinen nie ganz ohneeinander auszukommen.
Während ich mich immer mehr am Weniger störte, immer neidischer wurde auf all jene, die es einfacher zu haben schienen, bleib das Weniger geduldig mit mir. Es hing auf einem Drahtbügel zwischen meinen Kleidern, es saß im Küchenschrank. Es stand in den Briefen von der Rentenversicherung und auf meinen Kontoauszügen. Es war immer da, wo sonst nichts gewesen wäre.
Doch heimlich lehrte es mich: Wenn Eltern sich wünschen, dass ihre Kinder es irgendwann mal besser haben sollen, meinen sie damit nicht immer nur Geld. Vielleicht wollen sie, dass ihre Kinder irgendwann glücklicher sind als sie. Denn Glück braucht keinen Klavierunterricht oder Privatjet-Flüge nach Sylt. Es braucht Lakritzstangen und Radtouren mit Opa. Glück braucht ein Dach über dem Kopf und Essen im Bauch. Sie braucht Freundschaft und Sinn und ab und zu etwas Zuversicht, dass es irgendwann besser wird.
Was würde ich also später mit ins Altersheim nehmen? Je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass es nicht die Dinge sind, die das Leben am Ende reich machen. Deshalb versuche ich Erinnerungen zu sammeln: an Schafe streicheln auf dem Deich, an barfuß Fahrrad fahren, an feuerrote Sonnenuntergänge. An einen Beruf, den ich liebe, und Hobbies mit Sinn. An Abende allein in der Wanne, an selbst gemachte Tortellini, an Gespräche bis zum Morgengrauen. An Freundinnen und Freunde, die mich inspirieren, die mich an ihrem Leben teilhaben lassen, für die ich da sein darf. Vielleicht nehmen wir uns eines Tages gegenseitig mit ins Altersheim – wenn wir so viel Glück haben.
Vielleicht ist genug zu haben der wahre Luxus. Aber viel Geld braucht man dafür nicht. Deshalb möchte dieses Buch Sie mitnehmen auf eine philosophische Reise zur Konsumgelassenheit. Es möchte aufdecken, wie der Wunsch nach mehr die Menschheit schon seit Jahrtausenden vor sich hertreibt. Und wie manche in steter Unrast an ihrem eigenen Glück vorbeihasten. Wenn wir diese Mechanismen verstehen, fällt es uns etwas leichter, gelegentlich die Ruhe zu bewahren, wenn das Leben allzu fordernd erscheint. Und vielleicht beginnt alles mit einer vermeintlich simplen Frage wie dieser: Was würdest du später mit ins Altersheim nehmen?
Was würden Sie tun, wenn Ihnen Ihr Lieblingsmensch tief in die Augen schaut und sacht raunt: »Du machst mich so glücklich«? Während romantisch veranlagte Menschen dahinschmelzen würden, würden die zur Philosophie Neigenden nachhaken: »Glücklich? Was meinst du denn damit?!« Seit Jahrtausenden fragen sich die Philosophen, was ist Glück ist – und wie wir es erreichen können. Die ersten handfesten Theorien dazu entstanden in der Antike. In einer Zeit, in der die Menschen sich jeden Morgen schwungvoll einen unförmigen Stofflappen um den Körper wickelten und Sandalen statt Sneakers trugen. In der ein abenteuerlicher Mix aus Gerstengraupen, geriebenem Ziegenkäse und Wein ein beliebtes Erfrischungsgetränk war und Männer mit Äpfeln nach ihrer Angebeteten warfen, um ihr Interesse zu bekunden. In der das Wort »Idiot« jemanden beschrieb, der kein Politiker oder Beamter war. Eine Zeit, in der es mit agorazein1ein eigenes Wort für das zerstreute Rumhängen auf dem Marktplatz gab, Sport am liebsten nackt betrieben wurde und Menschen andere Menschen einkaufen konnten wie einen Bund Möhren. Sagen wir es so: Es waren andere Zeiten.
Zwischen der pflichtschuldigen Ehrerbietung gegenüber den Göttern und dem nächsten Teller Bohneneintopf blieb in der Antike genügend Zeit für die dringenden Fragen des Lebens: Wer bin ich? Was soll das alles? Und warum hat der Typ dahinten gerade einen Apfel nach mir geworfen? Als Antwort auf diese Fragen entwickelte sich bald ein Beruf, der heute eher als Bezeichnung für langhaarige Männer mit Profilneurose dient: Es war die Ära der großen Philosophen. Während heutige Philosophen vor allem das Rampenlicht lieben, liebten die Philosophen der Antike die Weisheit. Schließlich leitet sich das Wort Philosophie von philia (Liebe, Freundschaft) und sophia (Weisheit) ab. Sie erklärten den Menschen die Welt und versuchten, mit ihnen Antworten auf ihre Fragen zu finden: nach dem Sinn, den fliegenden Äpfeln – und dem Glück.
In der Antike war das Leben kurz und viele verbrachten es in Sklaverei. Zu Zeiten von Platon und Aristoteles gab es in Athen mehr Sklaven als wahlberechtigte Bürger.2 Auch einige der bis heute gefeierten Philosophen buckelten erst als Sklaven, bevor sie mit ihren Theorien Karriere machten. Sie kannten Unterdrückung und das Gefühl, wie eine Sache behandelt zu werden. Und dennoch gelang es ihnen, das Glück zu finden. Ohne solide Schulbildung, ohne eine herrschaftliche Villa oder prächtige Kleider. Einfach durch die Macht ihrer Gedanken. Wenn Sklaven und Menschen, die ein ausgedientes Weinfass ihr Zuhause nannten, glücklich sein konnten, warum fällt es uns heute manchmal so schwer?
Vielleicht haben wir das Glück etwas aus den Augen verloren. Oder der fieberhafte Strom der Ereignisse hat uns mitgerissen. Manchmal schöpfen wir aus dem Vollen, nehmen alles mit: die Höhen, die Tiefen, die Durststrecken. Und in all dem Gewusel begegnen sie uns irgendwann: der Stress, das Ausgebranntsein, das Weitermachen, ohne weitermachen zu wollen. Es gibt Tage, da wollen wir einfach nur auf die Couch mit einer Tafelschokolade und einem Becher Eis. Disziplinierte Menschen sinken zwischen entspannt und ausgelaugt auf die Yogamatte in Shavasana zusammen, als stellten sie sich tot. Der wahre Luxus unserer Zeit scheint darin zu liegen, etwas Ruhe und Frieden zu finden. Einfach mal mit uns und unserer Welt im Reinen zu sein. Denn wenn wir für einen Moment den Autopiloten abschalten, drängen sich die Fragen auf: Wie will ich meine Zeit am liebsten verbringen? Mit wem? Wie sieht ein gutes Leben aus? Und wo ist es zu finden? Auf der Yogamatte? Auf dem Boden der Weinflasche? Oder auf dem Fahrersitz eines Porsches?
Auch wenn wir mittlerweile Jeans statt Toga tragen und sich unsere Welt mit aberwitziger Geschwindigkeit immer neu erfindet, ist unsere Sehnsucht nach dem Glück immer noch da. Sie ist nur etwas übertönt vom Alltagsrauschen. Und auch wenn die Zeit in der Antike vermutlich eine andere Geschwindigkeit hatte, kann uns ein Blick in die Vergangenheit einige Ideen für unser Leben heute bringen. Schließlich waren die antiken Philosophen Welterklärer, Psychologen und Seelsorger in einem. Sie zeigten ihren Zeitgenossen, wie sie ein gutes Leben führen können. Sie wussten zwar nicht, wie sich ein Porsche bei 180 Sachen auf der Autobahn anfühlt. Trotzdem konnten sie ihren Mitmenschen Hinweise geben, wie ein glückliches Leben aussehen könnte.
Natürlich gab es auch eine Göttin für das Glück. Tyche teilte den Menschen ihr Schicksal zu. In der griechischen Mythologie geschah der Zufall ganz und gar nicht zufällig – alles war von Tyche genau so geplant. Entweder haben wir Glück, oder wir haben Pech – ganz so, wie Tyche es will. Was sie sich für uns ausgedacht hat, können wir nicht ändern. Wir sollen uns das Bein brechen? Schon machen wir einen unbedachten Schritt die Treppe hinunter, und nach einigem Poltern und Schreien erfüllt sich schmerzhaft unser Schicksal. Und wenn Tyche es gut mit uns meint? Dann haben wir die dicksten Kartoffeln und die zufriedenste Ehefrau in der ganzen Stadt. Mal freuen wir uns, mal hinken wir für Wochen.
Als die Römer den griechischen Götterhimmel importierten, tauften sie Tyche in Fortuna um. In ikonografischen Darstellungen tragen die griechische Schicksalsgöttin und ihre römische Zwillingsschwester meist elegant ein überquellendes Füllhorn im Arm.3 Aber Tyche verschwendete sich nicht blind an die Menschen: Mal beschenkte sie sie reich, manchmal wütete sie sich mit blinder Gewalt durch ein vorher schön sortiertes Leben – ganz nach Gutdünken. Deshalb ist sie auf vielen Bildern mit zwei hübschen Flügeln oder einem Steuerrad ausgestattet: Symbole dafür, dass die Göttin eine echte Diva war, die sich ihre gelegentlichen Launen leisten konnte.4
Über die Jahrhunderte wurde ihrem Namen die Vorsilbe eu- vorangestellt und sie wurde zur Eutychia. Diese Vorsilbe nutzen wir noch heute: Sie macht aus Stress den guten, motivierenden Eustress, aus dem Euphemismus das Schönfärben eines sonst eher unschönen Sachverhalts, und in dem Wort Euphorie schwingt die gute Laune mit. Aus der Tyche macht das eu- das gute Schicksal, die glückliche Fügung, das Glück-Haben.5 Auch heute noch glauben manche an eine höhere Schicksalsmacht. Mit Glücksbringern und Talismanen versuchen sie den Zufall zu bezirzen – gerade so, als würde sich eine Göttin tatsächlich für ausgediente Hufeisen interessieren.
Daneben gab es im antiken Griechenland in Sachen Glück auch weltliche Ansätze. Einer davon kam von jemandem, der so etwas wie ein Punk in Toga gewesen sein dürfte. Diogenes von Sinope schlief mal hier, mal da, meist unter freiem Himmel. Bei Regen suchte er unter dem Dach der öffentlichen Säulenhalle Unterschlupf. Der Legende nach soll er zeitweise sogar in einem ausgedienten Weinfass gewohnt haben.6 Er soll nicht mehr als einen einfachen Wollmantel, einen Rucksack mit etwas Brot und Wein und ein paar kümmerlichen Habseligkeiten sein Eigen genannt haben.7 Gegen Diogenes wirken heutige digitale Nomaden, die nur mit einem Rucksack und einem Laptop um die Welt reisen, wie im materiellen Luxus schwelgende Krösusse. Freiwillig lebte er in Armut und rühmte sich damit in der Öffentlichkeit. Wenn man so will, war er der erste Minimalismus-Blogger: Er sprach gerne darüber, was er nicht hatte, erklärte, warum er es nicht hatte, und wollte dadurch andere zu einem sparsamen Leben ermuntern.
»Als er einen Knaben aus den Händen trinken sah, warf er die Schale aus seinem Quersack heraus und sagte: Das Kind hat mich durch Genügsamkeit besiegt«, schrieb der Philosophiehistoriker Diogenes Laërtius im dritten Jahrhundert über seinen Namensvetter.8 Für den nachnamenlosen Diogenes war allzu großer Besitz ein Zeichen für einen miesen Charakter. Doch auch was Anstand und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten anging, zeigte er sich sparsam. So soll er seinem Sexualtrieb freiesten Lauf gelassen und sich selbst Erleichterung verschafft haben, wann und wo ihm danach war, auch mitten auf dem Marktplatz.9 Normen und Zwänge mochte er gar nicht. So wurde der gesellschaftliche Tabubruch das Hobby des antiken Minimalisten.10 Seine widerspenstige Art, seine gelegentlich polemischen, oft taktlosen und immer schnörkellosen Reden brachten ihm bald den Spitznamen kynikos, der Hundeartige, ein.11 Daher rührt auch der Name seiner Philosophie: Kynismus.
Was ihn für viele zu einer nervtötend kläffenden Töle machte, war seine Hetze gegen das Filetstück der hellenistischen Seele: gegen das Hochhalten des Geldes, des Reichtums, der Ehre.12 Mit glühender Leidenschaft widersprach Diogenes dem sonst üppigen, auf Überfluss ausgelegten Lebensstil seiner Zeitgenossen. Das Lebensglück vom Geld zu entkoppeln ist im Land der Sklaven ein unschlagbares Verkaufsargument für seine Philosophie. Diogenes und seine Mitstreiter lieferten eine kostenfreie Alternative zum Streben nach schnödem Mammon, nach Macht und Ruhm. Da er und seine philosophischen Mitstreiter sehr reiselustig waren, breitete sich ihr Ideal der Genügsamkeit schnell aus. So sorgten sie für einen niedrigschwelligen Zugang zur Philosophie und regten die Massen an, sich mit dem guten Leben und dem Glück zu beschäftigen.13
Die Kyniker erinnerten an heutige Kabarettisten, denn sie spickten ihre Lehren oft mit derben Witze, einer gehörigen Portion Polemik und plastischen Beispielen aus dem Alltag.14 Während die zur selben Zeit durch das Land ziehenden Sophisten aus heutiger Sicht ein kleines Kunststück vollbrachten und sich für das Philosophieren bezahlen ließen, nahmen die kynischen Wanderprediger kein Geld für ihre Lehren. Auch Dank ernteten eher selten, da sie ihre Unterweisungen oft auch ungefragt unter die Leute brachten. Aber wer Genügsamkeit predigt, braucht auch kein Gehalt.
Bei Diogenes ging dies weit über die materiellen Dinge hinaus. Auch das Ansehen und der Respekt vor den Mächtigen waren ihm zuwider. Als Alexander der Große die Stadt besuchte, wollte er sich etwas Bewunderung bei dem berühmten Philosophen abholen. Als er Diogenes entdeckte, der müßig auf dem Marktplatz den Tag verbrachte, versprach er ihm großzügig: »Bitte mich, um was du nur willst.« Doch Diogenes interessierte sich weder für Geschenke noch für die Gunst der makedonischen Berühmtheit. Und so erwiderte er schlicht: »Ja dann, geh mir doch aus der Sonne!«15
Diogenes lehnte alles ab, was sein Glück ins Wanken bringen konnte: die launische Tyche; Geld, das mal da ist, mal fehlt – und fast immer ungerecht verteilt ist; auch Lust und Genuss, die sogar für die Armen erreichbar waren, hatten für ihn nicht viel mit Glück zu tun. Stattdessen mahnte er zu Gelassenheit, manchmal sogar zur Wut gegenüber den Dingen, der Lust und gegenüber allen äußeren Einflüssen. Diogenes und die Kyniker machten sich ihr Glück einfach selbst, ohne auf das Schicksal, die Götter oder das große Geld zu warten. Da er die Menschen kannte, zeigte Diogenes sich allerdings geduldig mit den zeitgenössischen Gewohnheitstieren. Er glaubte nicht daran, dass Genügsamkeit ein angeborener Charakterzug sei. Wir müssten sie erst verstehen und üben, so, wie wir ein Instrument spielen lernen. »Überhaupt geschehe im ganzen Leben nichts ohne ordentliche Übung; diese sei imstande, alles zu besiegen«, soll er gesagt haben.16 Als Belohnung für das regelmäßige Üben versprach Diogenes nichts weniger als das Glück: »Die Menschen müssten also notwendig glücklich leben, wenn sie, statt unnützer Beschäftigungen, das der Natur Gemäße wählten. Nur ihre Unverständigkeit mach[t] sie unglücklich.«17 Für ihn war Glück Kopfsache.
Grimmige Menschen und betont lustresistente Populisten beschreiben uns heute gerne als Spaßgesellschaft. Dabei haben wir den Spaß gar nicht erfunden. Die Menschen in der Antike wussten, wie man es richtig krachen lässt. Bis heute sind sie für ihre wilden Partys bekannt: Ein ausgewachsenes Fressgelage bezeichnen manche als lukullisch, als Gruß an den römischen Feldherrn und großzügigen Gastgeber Lucius Licinius Lucullus. Und wer zu fein ist, das Wort »Spaßgesellschaft« zu bemühen, wirft der Jugend vor, dem Hedonismus anheimgefallen zu sein – einer Philosophie, die bereits in der Antike verbreitet war. Das Vergnügen, die hedone, gibt dem Hedonismus seinen Namen. Für die Hedonisten liegt der Sinn des Lebens darin, Spaß zu haben und das Unangenehme zu vermeiden. Was wir riechen, schmecken, sehen, fühlen ist entscheidend für unser Glück. Was unser Verstand unterdessen macht, ist vergleichsweise bedeutungslos, wichtig ist nur, dass er nicht dazwischenfunkt, wenn wir einen draufmachen. Vereinfacht ausgedrückt orientiert sich der Hedonismus an folgenden fünf Grundüberzeugungen:
1) Nur Gefühle sind wahr
Aristipp, einer der bekanntesten Hedonisten der Antike, war skeptisch. Grundsätzlich, gegenüber allem. Das einzige Sichere für ihn waren Wahrnehmungen und Empfindungen.18 Alles andere galt ihm als Einbildung. Oder war zumindest unwichtig.
2) Es gibt zwei Arten von Gefühlen
Nämlich gute und schlechte. Beide Gefühlskategorien sind Bewegungen der Seele. Während Schmerz und emotionales Leid unsere Seele heftig, ruppig, fast brutal bewegen, sorgen Freude und Genuss für sanfte, ruhige Bewegung. Sacht wiegen wir unsere Seele im Schwelgen. Zwischen Extremen gibt es einen Bereich der Ruhe, in dem die Seele stillsteht. Er liegt irgendwo zwischen Leid und Lust.19
3) Lust ist besser als Frust
Alle Wesen, ob Mensch oder Tier, streben nach guten und meiden schlechte Empfindungen. Da Lust und Spaß am weitesten vom Schmerz entfernt sind, ermutigt der Hedonismus seine Anhänger dazu, das Vergnügen zum höchsten Gut in ihrem Leben zu erklären.20 Alles andere, was wir sonst noch so vom Leben wollen, ist bloß Mittel zum Zweck: Freunde, Reichtum oder Klugheit sind alle nur Werkzeuge, um mit ihnen Spaß zu haben.21 Wie wir am besten nach Lust suchen, dazu haben die Hedonisten allerdings wenig gesagt. Sie nahmen an, dass jeder selbst am besten weiß, was ihm Spaß macht.22 Klar war: Wer immer nur Maß hält, der verpasst was.
4) Die Intensität ist egal
Schmerz und Vergnügen sind absolut. Entweder tut etwas weh, oder es tut nicht weh. Wir können nicht gleichzeitig Spaß haben und keinen Spaß haben. Es gilt: entweder – oder, ja oder nein. Die Hedonisten unterscheiden also nicht zwischen verschiedenen Qualitäten von Gefühlen. Nur wie häufig beide Gefühle, gute und schlechte, auftauchen, lässt sich sicher bestimmen.23
5) Gefühle sind vergänglich
Für Aristipp lag das Glück darin, dass unsere Seele nur sanfte Bewegungen erlebt.24 Dass sie irgendwann völlige Ruhe erreichen könne, hielt er für unrealistisch. Dafür wuseln zu oft wildgewordene Gefühle, Leidenschaften, Triebe und trübe Gedanken durch unseren Geist. Gleichzeitig glaubte er auch, dass »die Bewegung der Seele mit der Zeit« nachlässt.25 Dass er damit richtig lag, sehen wir heute auch an Hirnscans: Früher oder später lässt auch das stärkste Gefühl nach. Wir müssen also nicht alle Gefühle ersticken, um glücklich zu sein. Wir müssen nicht wahllos Glücksmomente sammeln und immer Neues, immer mehr erleben und genießen.
In Sachen Lust waren die Hedonisten nicht wählerisch. Hauptsache, es ging schnell und war leicht verdaulich: maximales Vergnügen bei minimalem Einsatz, quasi emotionales Fast Food. Aristipp bezeichnet diejenigen als glücklich, die nicht viel brauchen und sich über kleine Dinge freuen, die leicht zu erreichen sind.26 Und offenbar zog Aristipp auch Freude aus seiner heißblütigen Kabbelei mit Diogenes, mit dem er eine offen ausgetragene Hassliebe pflegte.27 Die sonst so eloquenten Philosophen hauten sich gepfefferte Worte um die Ohren, als hätten sie den Grundstein für die Talkshow-Kultur der 1990er-Jahre legen wollen. Ganz wie die beiden Philosophen passten auch deren Lehren nicht so recht zusammen. Die Kyrenaiker, wie die Chef-Hedonisten der Antike auch genannt wurden, trugen zwar einen ähnlichen Namen wie Diogenes Kyniker. Dennoch hatten ihre Glückstheorien auf den ersten Blick kaum etwas gemeinsam: Bei Aristipp ging das Glück durch den Magen, während es bei Diogenes erst durch den Kopf musste.
Doch wenn es um Macht, Geld und edles Essen ging, konnten sich die Streithähne durchaus einigen. Wie Diogenes hatte auch Aristipp Vorbehalte gegen den maßlosen Konsum, dem ihre Mitmenschen nur zu gerne frönten. Als jemand Aristipp vorwarf, die Philosophen gingen fast nur bei den Reichen ein und aus, gab er zurück, die Ärzte würden ja auch zu den Kranken gehen – und doch wolle niemand eher Kranker als Arzt sein. Aristipp wollte lieber Unwissenheit heilen als reich sein.28 Er wollte sich nicht von seinen wohlhabenden Geldgebern abhängig machen, denn Abhängigkeit bedeutet Leid, und Leid ist schlecht. Wer sich geistig freistrampelt, muss sich nicht für Geld abrackern.29 Lust gibt es auch für geringen Einsatz. Deshalb war für ihn die Selbstgenügsamkeit einer der höchsten Werte in seiner Ethik: Sie befreit den Menschen und führt ihn zur Herrschaft über sich selbst.30 Ein Hedonist ist niemandes Sklave. Auch nicht des Geldes.31
Sich allzu viele Gedanken über die Zukunft zu machen, fand Aristipp überflüssig. Wichtiger schien es ihm, die Sinne zu schulen, um noch mehr Spaß zu haben.32 Für die Kyrenaiker war Glück ein Gefühl – und zwar ein ziemlich gutes. Heute würden sie damit sicher gut ankommen, in der Antike standen sie mit ihrer Theorie dagegen recht alleine da.33 Sie brauchten weder Tugenden noch viel Geld oder Ehre, um glücklich zu werden – sie waren es einfach.
Wenn wir heute das Wort Hedonismus hören, denken wir an dicke Männer, die in wallenden Roben auf riesigen Sofas lümmeln und sich von einer schönen Dienerin Trauben direkt in den Mund baumeln lassen. Wir denken an Völlerei, bis die guten Speisen wieder denselben Weg hinaus nehmen, auf dem sie zuvor hinuntergestopft wurden. Heimlich denken wir vielleicht auch an wilde Orgien und zügellose Gelage. Und sicher haben manche Menschen es – heute wie damals – genau so gemacht. Doch die Grundidee des Hedonismus hat mit sinnloser Gier nach Lust und Genuss wenig zu tun. Zumindest nicht bei Epikur. Oft wird er auch zu den Hedonisten gezählt. Doch so richtig mag er nicht zu ihnen passen. Denn bei ihm muss der Bauch nicht erst kurz vorm Bersten stehen, bevor er den Teller wegschiebt.
Epikur folgte den Kyrenaikern ihn ihrer Idee, dass Spaß gut und Leid schlecht sei. Auch heute noch scheinen die meisten von uns damit einverstanden zu sein. Doch während es für wahre Hedonisten nichts Größeres als die fühlbare Lust gibt, war Epikur etwas filigraner unterwegs. Für ihn war Lust weniger der Schwips aus dem Weinkrug als vielmehr pure Lebenslust: »Denn nicht Trinkgelage und ununterbrochenes Schwärmen und nicht Genuss von Knaben und Frauen und von Fischen und allem anderen, was ein reichbesetzter Tisch bietet, erzeugt das lustvolle Leben«, erklärt Epikur. Viel lustvoller sei es, unseren Geist zu erforschen und zu schauen, warum wir wollen, was wir wollen. Dadurch könnten wir schlechte Gedanken und Illusionen vertreiben, die Leid in unserer Seele verursachen.34 Deshalb riet er zu einem strategischen Genuss: Das erste Glas Wein sorgt für gute Stimmung. Das würde sich Epikur noch mit Schwung einschenken. Beim vierten und fünften Becher würde er sich allerdings durch seinen Schwips zu seinem Verstand durchwühlen wollen. Denn Epikur bezieht gute und schlechte Gefühle aufeinander, als sei es eine Rechenaufgabe:35 Für den guten Geschmack von Glas eins gibt es ebenso Pluspunkte wie für den leichten Rausch nach Glas zwei. Becher drei bis fünf aber sorgen für genauso viel Spaß wie peinliches Rumgelalle, mit dem uns die Freunde noch einige Tage aufziehen werden. Hier würden sich für Epikur die guten und die negativen Effekte gegenseitig ausgleichen. Doch wenn wir am nächsten Morgen die Augen aufschlagen, hämmert uns der Kater gegen die Augenhöhlen. Und unversehens ist das Saufgelage gar nichts Gutes mehr, sondern der direkte Weg zum Leid – auch wenn es sich erst später durch unser Hirn zu bohren versucht.
Das Glück des Epikur war deutlich komplexer als das des lustorientierten Hedonismus. Epikur glaubte auch, dass es nicht möglich sei, »lustvoll zu leben, ohne dass man vernunftmäßig, schön und gerecht lebt, noch vernunftgemäß, schön und gerecht, ohne lustvoll zu leben.«36 Kurz: Immer nur brav zu sein, macht keinen Spaß.37 Stumpfsinnig nach Spaß zu gieren, macht aber eben auch nicht glücklich. Spaß gilt ihm als der Lohn fürs Denken. Darin unterscheidet sich Epikur von den selbsternannten Hedonisten, die sich auf dem Oktoberfest oder am Ballermann nur so tummeln. Statt nach besinnungsloser Lust suchte Epikur nach Ataraxia – der ruhigen Gelassenheit der Seele.38
Sie ist das größte Glück im Leben. Ataraxia ist größer, tiefer und länger als die spontan aufploppende und schnell wieder verebbende Lust der Hedonisten. Diesen Zustand beschrieb Epikur als waches Dasein, also etwas, das wir heute vielleicht als Achtsamkeit bezeichnen würden. Er verstand darunter das völlige Aufgehen im Moment. Im Gegensatz zu Aristipps emotionalem Fast Food gönnte sich Epikur ein mentales Fünf-Gänge-Menü: gewissenhaft geplant, kunstvoll gefertigt und so köstlich, dass man auch Wochen später noch davon sprechen wird. Das ist zwar nicht so leicht zu erreichen wie das schnell verschlingbare Glückshäppchen, aber es hält länger an.39 Diese heitere Gelassenheit stellt sich ein, wenn wir die wichtigen Fragen des Lebens für uns geklärt haben: die nach dem Sinn, den fliegenden Äpfeln und dem Glück.
Wem flüchtige Freude zu wenig ist, der kann sich vielleicht für die Eudaimonia begeistern. Bis heute ist es der Sprachwissenschaft nicht gelungen, sich eine passende Übersetzung auszudenken. Manche versuchen es mit Glückseligkeit, andere mit Glück, und der Rest nimmt einfach das altgriechische Wort und fühlt sich damit sehr gebildet. Wörtlich übersetzt Eudaimonia, von einem guten (eu-) Geist (daimon) beseelt zu sein.40 Dieser Geist ist jedoch kein flüchtiger Bekannter, der dann und wann durch unser Leben spukt: Er ist Dauergast. Anders als die hedonistische Lust bleibt die Eudaimonia im Idealfall ein ganzes Leben lang bei uns, denn sie ist etwas, was wir heute als »gelungenes Leben« bezeichnen würden.41
Der Hauptverfechter des Eudämonismus war der Philosoph Aristoteles. Er wirkte einige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung. Um diese recht komplexe Form des Glücks besser zu verstehen, müssen wir uns etwas in Aristoteles’ Welt reindenken. Seiner Theorie lag die Idee zugrunde, dass fast alles, was wir tun, einem übergeordneten Ziel folgt. Wir gehen arbeiten, um Geld zu verdienen. Mit dem Geld bauen wir ein Haus, und das machen wir, um darin zu wohnen. Oder wir werfen mit Äpfeln nach Menschen, damit sie wissen, dass wir sie mögen. Aristoteles sah menschliche Handlungen als eine schier endlose Kette von Zielen. Er räumt zwar ein, dass es manches gibt, das wir auch aus Selbstzweck machen, etwa ein Instrument spielen. Aber meist steht doch noch ein weiteres Ziel dahinter, wie dass wir dabei gut abschalten können oder unsere Angebetete mit einem Ständchen umgarnen wollen. Doch eine Sache, so glaubte Aristoteles, streben wir um ihrer selbst willen an: die Eudaimonia. Sie ist das allerletzte, oberste Ziel, das hinter allem steht, was wir machen und wollen. Damit macht Aristoteles das Glück zum Sinn des Lebens.
Mit dem Glück der Hedonisten hat das kaum etwas zu tun. Während es Lust fast zu Nulltarif gibt, setzt Aristoteles seiner Eudaimonia einiges voraus: Wir müssen aus gutem Hause kommen, viele Kinder und Enkel haben, gute Freundschaften pflegen, schön, reich und gesund sein – und ein Mann.42 Und das ist nur ein Teil der Liste. Manchmal mag es uns noch heute so vorkommen, als wollten uns die Medien ein ähnliches Glück verkaufen, eines, das nur den Schönen und Gesunden, nur den reichen weißen Männern zugänglich ist. Doch so elitär Aristoteles auch klingen mag, er hat sich dabei etwas gedacht: Wer sich den ganzen Tag abrackern muss, um Geld zu verdienen, wem ständig etwas weh tut oder wer sich immer wieder um seine verzogenen Gören kümmern muss, findet keine Ruhe. Um die Eudaimonia zu entwickeln, müssen wir Zeit zum Nachdenken finden: über unsere Ziele, unser Verhalten und unseren Gefühlshaushalt.
Damit wir uns nicht bei jeder einzelnen Handlung erneut überlegen müssen, ob uns das der Eudaimonia näher bringt, braucht es Tugenden. Sie sind, sozusagen, die emotionalen und mentalen Soft Skills der Antike: Wer ein gutes Leben führen möchte, sollte tapfer, fromm, besonnen und vernünftig sein. Die Tugenden helfen uns dabei, uns gut zu verhalten und mit unseren Gefühlen klarzukommen. Wer ein derart bedachtes Leben führt, schaut gerne auf sein bisheriges Leben zurück. Und weil er weiß, was er kann und dass er mit fast allen Widrigkeiten des Lebens zurechtkommt, kann er sich auch auf eine angenehme Zukunft freuen.43 Die Tugenden helfen uns dabei, uns nicht von schlechten Gefühlen überrollen zu lassen. Und als kleines Extra bekommen wir zu jedem tugendhaften Verhalten etwas Freude gratis dazu. So können wir ein von einem guten Geist beseeltes Leben führen.
Ihren Namen verdanken die Stoiker der Säulenhalle, der Stoa, auf dem Marktplatz in Athen. Die Stoiker wurden nicht müde, durch die Hallen zu wandeln und dabei laut zu denken. Zu ihnen gehörten Menschen aus allen Schichten, vom mittelosen Sklaven bis zum reichen Bürger. Sogar Frauen, die in der Philosophiegeschichte von ihren männlichen Kollegen sonst eher weit in den Hintergrund gedrängt wurden, waren in der Stoa willkommen. Gemeinsam entwickelten sie eine Philosophie, die sich bald von Griechenland über ganz Europa ausbreitete. Sie standen für Ruhe, Gelassenheit und für ein gutes Leben, das allen offenstand. So war der Stoiker Epiktet der Sohn einer Sklavin und diente lange selbst als Leibeigener. Nachdem sein Besitzer ihm das Bein gebrochen hatte, lebte er mit einer Behinderung. Epiktet blieb kinderlos und war bis zu seinem Tod bettelarm, obwohl er es als Philosoph zu einigem Ruhm gebracht hatte.44Dennoch galt er bei seinen Zeitgenossen als auffallend ausgeglichener und zufriedener Mensch.45
Für ihr Glück brauchten die Stoiker weder die Lust der Kyrenaiker noch die edle Abstammung, die Gesundheit oder den Reichtum, die Aristoteles für seine Eudaimonia voraussetzte. Für sie war Glück eine Frage der Einstellung und der harten Arbeit am eigenen Geist. Die Stoiker hatten erkannt, dass unsere Gefühle uns durchgehend stressen: Wir machen uns Sorgen um die Schulnoten der Kinder, ärgern uns über die überzogene Rechnung des Klempners oder haben Angst vor dem Zahnarzttermin nächste Woche – alles Gedanken, die uns nicht guttun. Aber die Stoiker waren überzeugt: Es ändert nichts am Problem, wenn wir uns damit stressen. Im Gegenteil: Wenn wir uns nicht von schlechten Gefühlen überrollen lassen, können wir besser denken und womöglich eine gute Lösung finden.
Deshalb liegt das Glück für die Stoiker im ruhigen Gleichmut der Seele, in der Apatheia. Im Unterschied zu dem, was wir heute unter Apathie verstehen, ging es den Stoikern nicht darum, dass wir nur noch teilnahmslos vor uns hin vegetieren. Glück war für sie das, was wir heute noch als stoische Ruhe bezeichnen. Wenn jemand eine solche Ruhe ausstrahlt, dann können seine Kinder kreischend auf ihm herumkrabbeln, ihn in den runden Bauch piken und ihm mit Lippenstift Herzchen auf die Tapete malen. Es stört ihn alles nicht. Er bleibt gelassen und freut sich weiter seines Lebens. Denn Apatheia ist kein Abstumpfen, es ist ein intensives Erleben. Jeden Tag. Ein Stoiker nimmt jeden Moment wahr, als sei es der letzte, in all seiner Fülle. Denn er ist das Wichtigste, was wir haben. So schrieb der Stoiker Seneca: »Niemand darf mir da einen Tag rauben; es kann mir ja doch niemand etwas geben, was solchen Verlust ausgliche.«46 Einen kompletten Lebenstag mit Autofahren, Arbeiten und Fernsehen zu verbringen wäre für ihn keine Option gewesen. Ein Tag, den wir uns nicht frei und selbstbestimmt gestaltet haben, an dem wir nur wie eine Marionette von A nach B gewabert sind, ist ein verlorener Tag – und den gibt uns niemand mehr zurück. Kein Gehalt der Welt kann einen verlorenen Lebenstag ausgleichen. Statt auf unsere Aufgaben, unsere To-do-Listen und Ängste sollten wir uns lieber auf uns selbst konzentrieren, auf das, was wirklich in uns vorgeht: »In sich selbst soll mein Geist sich versenken, sich selbst soll er bilden, nichts Fremdes treibe er, nichts, was vor den Richter gehört; willkommen sei mir die Ruhe, die von Staats- und Privatangelegenheiten nichts wissen will.«47 Innere Ruhe ist für ihn das höchste Ziel im Leben.
Um die Seelenruhe zu erlangen, sortieren Stoiker die Welt systematisch. Dafür haben sie zwei verschiedene Ordnungssysteme. Das erste System sortiert die Dinge nach ihrem Wert:
1) gut
2) schlecht
3) egal
Gut ist alles, was vernünftig ist, wie Gerechtigkeit, Tapferkeit oder Besonnenheit.48 Schlecht ist alles, was uns oder andere stört, wie Uneinsichtigkeit, Gier oder Ungerechtigkeit. Und dann gibt es da noch die neutralen Dinge, die Adiaphora. Zu ihnen gehört das, was uns weder nützt noch schadet, wie Schönheit und Hässlichkeit, Stärke und Schwäche, Armut und Reichtum sowie Lust und Unlust.49 Sie alle können zwar manchmal ganz praktisch sein, aber selten machen sie wirklich einen Unterschied. Der Muskelprotz kann vielleicht ein Gurkenglas besonders gut aufschrauben. Ob er es allerdings ebenso leicht schafft, mit seinen groben Kraftsportlerhänden einen Faden in die Nadel zu fädeln, ist fraglich. Deshalb sind manche Eigenschaften weder gut noch schlecht – sondern einfach nur Tatsachen. Dasselbe gilt für den Reichtum. Zwar kann Wohlstand einerseits ein angenehmes Leben ermöglichen, andererseits jedoch auch Neid, Missgunst und die Angst vor dessen Verlust schüren. Chrysipp definiert die Adiaphora deshalb als Dinge, Gedanken und Gefühle, die irgendwo zwischen gut und schlecht liegen.50Für das Glück der Stoiker sind natürlich eher die guten Gedanken und Umstände erstrebenswert. Generell streben sie jedoch nach einer Balance, dem rechten Maß. Denn auch etwas Gutes kann uns schaden, wenn wir zu viel davon haben. Beim Bohneneintopf beispielsweise allzu oft nachzuschöpfen, wäre für die Stoiker keine Option. Schließlich machen Bauchschmerzen aus einer guten Mahlzeit einen quälenden Klumpen im Magen.
Der Schlüssel zu dieser Balance ist das zweite System, mit dem die Stoiker die Welt einteilen:
1) Daran kann ich etwas ändern.
2) Das liegt nicht in meiner Macht.
Diese Einteilung funktioniert für alles, was uns begegnet: Menschen, äußere Umstände, Gedanken, Gefühle. Wenn wir unterscheiden können, woran wir etwas ändern können und was wir akzeptieren müssen, lebt es sich leichter. So rät Epiktet: »Und wenn es den nicht in unserer Gewalt Stehenden angehört, so halte dir sogleich vor Augen: ›Es geht mich nichts an‹.«51 Wir müssen uns nicht mental daran abarbeiten, dass wir keine Lust haben, eine Steuererklärung zu machen. Wenn wir nicht vorhaben, deswegen eine Revolution anzuzetteln, müssen wir es einfach hinnehmen. Denn sich aufzuregen hat nur einen Effekt: dass wir schlechte Laune kriegen. Verinnerlichen wir dies, »so wird dich niemand jemals zwingen, niemand hindern, du wirst mit niemand unzufrieden sein, wirst nichts gegen deinen Willen tun, es wird niemand dir schaden, du wirst keinen Feind haben: Es wird dich gar nichts Schädliches treffen«,52 fasst Epiktet zusammen. Zu einer solchen Überzeugung kann der Mensch sich einfach entschließen, finden die Stoiker.
Dafür sollten wir ab und zu unser Leben mit etwas Abstand betrachten. Wenn ich mich beispielsweise daran störe, dass ich so faul und unbeweglich geworden bin, muss ich mich fragen: Kann ich daran etwas ändern? In der Regel ist die Antwort darauf: Ja! Da ich aber bequem bin, frage ich mich erst, ob ich diesen Zustand einfach akzeptieren kann. Vorläufig: Ja. Aber möchte ich mögliche Konsequenzen meines Couch-Potato-Daseins riskieren, etwa, dass ich krankhaft mit dem Sofa verwachse oder bald keinen Spaß mehr an Bewegung habe? Eher nicht. Doch die Stoiker glauben an mich! Sie würden mir zwar nicht die Gummibärchen wegnehmen – denn das ist meine eigene Aufgabe –, aber sie würden mich mit Argumenten dazu bewegen, mich rational zu verhalten und das zu ändern, was ich ändern kann.
Ebenso kann die stoische Sichtweise schlechten Gefühlen und Gedanken vorbeugen. Auch bei ihnen fragen die Stoiker sich: Kann ich daran etwas ändern oder nicht? Was andere von uns halten, können wir nur sehr bedingt beeinflussen. Und auch was sie so machen, liegt meist nicht in unserer Macht. Das Schöne daran ist, dass wir uns dadurch bei Vielem aus der Schusslinie nehmen können: Wenn mich jemand beispielsweise als zu dick, zu alt oder zu was auch immer beleidigen möchte, hat das erstmal nichts mit mir zu tun – sondern mit dem, der das von sich gibt. Auch wenn wir es im Sog der sozialen Medien manchmal zu vergessen scheinen: Wir müssen nicht zu allem eine Meinung haben. Und nicht jede Meinung ist wertvoll. Ein Stoiker im Social-Media-Zeitalter würde sich bei manchen Kommentaren wohl denken: Was für ein trauriges Leben muss @pappnase78 führen, wenn ihm nur das willkürliche Beleidigen fremder Menschen Erleichterung verschafft? Die Stoiker glauben, dass Empathie und Nachsicht uns helfen, uns nicht mehr über andere zu ärgern. So kann uns die stoische Sicht auf die Welt dabei helfen, aktiver und zugleich gelassener zu werden.
Die Glücksbegriffe aus der Antike erscheinen uns heute vermutlich fremd und wenig zeitgemäß. Sie machen allerdings gleich viel mehr Sinn, wenn wir uns einmal anschauen, was heute alles unter dem Namen Glück verkauft wird.
Zwar hat der deutsche Wortschatz auch Wörter wie Freude, Spaß oder Lebenszufriedenheit im Angebot. Doch gerade in den Medien verkauft sich das Glück einfach besser. Dadurch hat sich das Wort mittlerweile so viele Bedeutungen einverleibt, dass es ganz aufgedunsen und konturlos ist.
Wenn ein Fallschirmspringfrischling nach dem ersten Sprung sagt: »Ich war so glücklich, als ich wieder auf dem Boden gelandet bin«, meint er den Kick. Das Glück des frischgebackenen Fallschirmspringers besteht aus einem Cocktail aus Hormonen, die sein Gehirn mit Euphorie überschwemmen. Es ist die Freude seines Körpers darüber, dass er trotz des Sturzes aus mehreren Kilometern Höhe auf magische Weise überlebt hat und der Stress endlich vorbei ist.53 Einen ähnlichen Kick erleben wir meist, wenn wir an unsere Grenzen gehen: mit Sport, Sex, Drogen, Geschwindigkeit. Immer wieder tauchen im Internet Fotos und Videos von jungen Menschen auf, die ohne jede Sicherung auf die Spitzen der höchsten Gebäude klettern und dort ein Foto von sich und der atemberaubenden Kulisse machen. Sie suchen das Glück an der Grenze zum Absturz. Der Kick und der Fall liegen bei diesem Sport leider oft nah beieinander. Denn wer nur jenseits der Sicherheit glücklich sein kann, bleibt es oft nicht lange.
»Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu«, sagte der Fußballspieler Jürgen Wegmann nach einem verpatzten Spiel. Darüber schmunzeln betagtere Fußballfans bis heute. Denn was Wegmann da gesagt hat, ist, wie fachkundige Grundschüler sagen würden, doppelt gemoppelt: Pech ist das Gegenteil von Glück. Aber nicht von irgendeinem Glück, sondern vom Zufallsglück. Der glückliche Zufall lässt sich von nichts und niemandem aktiv herbeiführen. Wenn wir einen 50-Euro-Schein auf der Straße finden oder als millionster Kunde in unserem Stammsupermarkt mit Konfetti und Geschenken überschüttet werden, dann passiert all das zufällig. Es ist genau wie beim Pech: Wir können nichts dafür. Es passiert uns einfach – und es ist gut.
Einige Fans tragen bei jedem Spiel ihrer Mannschaft immer dieselben Socken – weil es Glück bringt. Der Gott des Fußballs soll durch die immer würziger riechende Wolle bestochen werden, dass er den Ball in die richtige Richtung rollen lässt. Und die Eins in der Mathearbeit? Die gab es dafür, dass Henry seinen Glücksbringer auf den Tisch neben seine Klausurbögen gestellt hat. Auf Social Media lässt sich derweil das Manifestieren lernen. Anhänger dieses Trends glauben, dass wenn man etwas wirklich will, es auch passieren wird – wenn man nur fest genug daran glaubt. Die Gedanken an das Ziel sollen die Energien entsprechend lenken, dass alles genau wie gewünscht eintritt. Etwa dass Henry die Prüfung besteht, oder Katja den roten Benz bekommt, von dem sie schon so lange träumt.
Doch sowohl bestandene Prüfungen als auch Luxusautos fordern meist eine Gegenleistung. Oder hat sich das Universum am Ende weichmanifestieren lassen? Am Ende ist selten klar, wen der Glücksbringer beeindrucken soll: Die eigene Intelligenz? Den Matheolymp? Den Zufall? Oder die Mathelehrerin? Und welche Gottheit begeistert sich für muffelnde Socken? Klar ist: Durch Talismane und Manifestation versuchen wir, dem Zufall und dem, was wir nicht beeinflussen können, ein Schnippchen zu schlagen.
Etwas anspruchsvoller ist das Bestechen etablierter und in Büchern festgehaltener Götter. Denn um ins Jenseits zu kommen und dort am besten der ewigen Verdammnis zu entgehen, müssen wir schon etwas mehr tun, als Kraftsteine mit uns herumzutragen oder das Ärmchen der Plastik-Winkekatze zum Glühen zu bringen. Ewiges Glück bekommen Gläubige erst geschenkt, wenn sie sich ihr ganzes Leben an die Regeln gehalten haben. Oder zumindest rechtzeitig zur Beichte gegangen sind. Ob ein solches Leben also vom ewigen Glück gekrönt ist, können nur die Toten beurteilen.
Wenn wir den neuen Job bekommen, die neue Wohnung eingerichtet, die Uni abgeschlossen haben, dann können wir endlich glücklich sein. Das hoffen wir zumindest. Doch das Glück, das uns derartige Meilensteine bringen, ist meist überraschend kurz. Diese Art des Glücks bleibt manchmal eine verschwommene Fata Morgana irgendwo am Horizont. Denn unter Umständen rückt das gute Gefühl doch wieder etwas weiter in die Zukunft, je näher wir unserem Ziel kommen.
Wenn uns etwas ein Glücksgefühl verschafft, geschieht das meist spontan. Dieses Gefühl kennen wir auch als Freude. Sie ist meist die Reaktion auf etwas, das uns passiert. Wir freuen uns, wenn die beste Freundin in mühevoller Handarbeit ein Fotoalbum mit all unseren schönsten Erinnerungen zusammengeklebt hat, oder wenn wir die Sonne blutrot im Meer versinken sehen. In solchen Momenten freuen wir uns. Auch wenn wir einen Flow erleben, ganz im Moment aufgehen,54 empfinden wir eine befriedigende Freude über das, was wir gerade tun. Meist bekommen das andere direkt mit, weil wir lächeln, lachen oder jemanden innig herzen. Freude kann tief gehen und weit reichen, denn wir können Freude aufwärmen wie das Essen vom Vortag: Wenn wir uns an etwas erinnern, über das wir uns gefreut haben, kommt die Freude direkt noch einmal so schön und warm zu uns zurück.
Vor allem Psychologen und Soziologinnen sprechen lieber von subjektivem Wohlbefinden oder Lebenszufriedenheit als von Glück. Für ihre Fragebögen ist das Wort Glück zu ungenau, da sich jeder Mensch etwas anderes unter Glück vorstellt. Deshalb lassen sie ihre Probanden häufig einschätzen, wie zufrieden sie mit bestimmten Bereichen ihres Lebens sind – und nicht etwa, wie glücklich. Die Forscher glauben, dass unser Wohlbefinden und unsere Lebenszufriedenheit von vielen äußeren Faktoren beeinflusst werden: wie gesund wir sind, welchen Beruf wir haben, wie viel Geld auf unserem Konto herumliegt oder fehlt, ob wir gute Freunde haben oder unsere Ehe ein Scherbenhaufen ist.55 Glück ist für die Forscher all das: eine Symphonie aus allem, was uns umgibt und ausmacht.
Glück ist nicht nur für jeden etwas anderes – es ist auch Ansichtssache. Genauer: Einstellungssache. Anders als das Zufallsglück gibt es auch ein Glück, das auf unserer geistigen Haltung basiert. Der Psychologe Albert Ellis war großer Fan von dieser Art des Glücks und von den Stoikern. Wie seine stoischen Vorbilder riet er dazu, unsere Gefühle und Gedanken fein säuberlich zu sortieren und zu schauen, welche gut für uns sind und auf welche wir verzichten können. »Wann immer wir einen Widerspruch entdecken zwischen dem, was wir zu glauben meinen, und den Gefühlen, die wir tatsächlich erleben, sollten wir nach etwas anderem Ausschau halten: Wir sollten nach den zugrunde liegenden Ideen suchen, die besser zu unseren Handlungen und Gefühlen passen.«56 Ellis empfiehlt uns, die wahren Gründe zu erforschen, die uns etwas fühlen oder tun lassen. Er war der Meinung, dass wir uns einfach gegen unangenehme Gedanken und Gefühle entscheiden können. Sogar gegen Gewohnheiten. Wenn wir einmal eingesehen haben, dass sie uns nicht guttun, können wir sie nach und nach loslassen und uns von ihnen verabschieden oder sie durch bessere ersetzen. Jemand ist unglücklich, weil er sich nutzlos und hässlich fühlt? Schluss damit! Wir sind nicht dazu verdammt, so zu empfinden, wie wir es gerade tun. Unsere Gefühlswelt ist kein ungeschriebenes Gesetz.
Ganz wie seine stoischen Helden nahm Ellis an, dass wir nicht die Opfer äußerer Umstände oder eines vorgezeichneten Schicksals sind. Wir selbst haben es in der Hand – oder im Kopf. »Wir nehmen an, dass, wann immer Menschen sich über etwas sehr empören, es nicht die Sache als solche ist, die diese Gefühle der Ängstlichkeit, der Depression oder der Wertlosigkeit auslösen. Denn meist sind es unsere Überzeugungen.«57 Die Welt ist nicht gemein zu uns – wir sind höchstens gemein zu uns selbst. Ein Unbekannter macht ungefragt einen Kommentar über die Ausmaße unseres Hinterteils? Das sagt weniger über unsere Figur aus als über den unhöflichen Kerl, der uns seine Meinung aufdrängt. Wir müssen nicht alles glauben, was andere uns erzählen. Wir können auch einfach mit uns zufrieden sein. Das ist okay, fand Ellis.
Für Ellis ist Glück ein geordneter Kopf. Wie ein Aufräumexperte rät er uns, erst einmal alles aus unserem Gefühlsschrank hervorzukramen und auf einen großen Stapel zu werfen. Dann wird ausgemistet: Jeder Gedanke bekommt ein kleines Etikett: entweder »rational und vernünftig« oder »irrational und dumm«.58 Mit etwas Übung erkennen wir schnell, wenn sich etwas Dummes in unseren Kopf geschlichen hat – und können es freundlich, aber bestimmt vor die Tür setzen. Denn warum sollten wir einem Rüpel die Tür aufmachen und ihm dann noch Pantoffeln und Schnittchen reichen? Raus damit!
Die mentale Kernsanierung beruht für Ellis auf einem ebenso simplen wie einleuchtenden Entschluss: »Du hast die Macht, Glück zu erreichen – wenn du dich dafür entscheidest, sie zu nutzen. Du hast auch die Möglichkeit, dich selbst unglücklich zu machen – falls du dich dazu entschließt. Wie entscheidest du dich also?«59 Wir können unsere Ideen über uns und unser Leben verändern, wenn wir es zulassen und uns nicht an die ihnen zugrunde liegenden Gedanken klammern. Indem wir uns unseren Ängsten und unseren düsteren Grübeleien stellen, können wir sie allmählich überwinden. Denn wenn wir unser Leben vernünftig einschätzen und nur die guten Gedanken wirklich zu uns durchdringen lassen, können wir unsere Sicht auf die Dinge verändern – und glücklich werden.
Glück kann also ein Gefühl sein oder eine Einstellung. Oder beides. Glück kann zufällig zu Besuch kommen oder von uns bewusst angelockt werden. Egal, wie wir Glück verstehen: Wir wollen, dass es so oft und so lange bei uns bleibt, wie es nur geht. Ob wir nun auf der Yogamatte, im Suff oder im Porsche zum Glück gelangen, hängt letztlich auch davon ab, was wir für Glück halten.
In den letzten Jahrzehnten hat Glück sich zu einem Trendthema entwickelt: Neben den Philosophen, die seit Jahrtausenden danach suchen, forschen nun auch Psychologinnen, Soziologen, Ärztinnen und Wirtschaftswissenschaftler nach dem Glück. Sie bringen neue Ideen mit ins Spiel und trauen sich häufig auch aus ihren Laboren und Schreibstuben heraus, um die Menschen auf der Straße danach auszufragen, wie sie ihr Leben gestalten, was ihnen wichtig ist und wie glücklich sie sich fühlen. Ab und zu locken Neurologen auch Probanden in eines ihrer Geräte, um einen Blick in ihre Gehirne zu werfen. Anhand der neurochemischen Vorgänge verstehen sie mehr und mehr, wie Glück aussieht. Zumindest erkennen sie bunt aufleuchtende Hirnregionen, wenn die Probanden sich an etwas Schönes erinnern oder etwas essen dürfen, das sie lieben.
Mit Fragebögen, Apparaten und bildgebenden Verfahren scheint Glück objektiv und messbar geworden zu sein. Doch in den allermeisten Fällen sind es nicht die Studien, die vorgeben, das Glück gefunden zu haben, sondern die Medien, wenn sie versuchen, die Studien für uns Normalsterbliche zu übersetzen. Das Problem dabei ist, dass nicht alle Medienschaffenden wissen, wie man eine wissenschaftliche Studie liest. Und so passiert es nicht selten, dass Ergebnisse verkürzt, verdreht oder manchmal auch falsch wiedergegeben werden, denn »Glück« klickt sich einfach besser als »subjektives Wohlbefinden«. Dabei zeigen die meisten Forschungsergebnisse nur, welche Faktoren für viele Menschen dazu führen, dass sie sich ganz subjektiv glücklich fühlen. Daraus lässt sich weder ableiten, dass Fallschirmspringen bei jedem Menschen einen Kick auslöst, noch dass Haustiere allen Menschen ein wohliges Gefühl bereiten. Wer Höhenangst oder eine Tierhaarallergie hat, dem treiben der bloße Anblick von pelzigen Lebewesen oder die in luftiger Höhe geöffnete Tür einer Propellermaschine eher Angstschweiß auf die Stirn als Glück ins Gemüt.
Zum einen geht bei Medienberichten oft unter, dass viele Studien mit Studierenden durchgeführt werden, also eine sehr spezielle Gruppe von Menschen befragt wird. Zum anderen verwechseln manche Medienschaffende Korrelation mit Kausalität: Nur weil Schokolade und gute Gefühle gleichzeitig auftreten, muss die Schokolade nicht zwingend der Auslöser sein. Genauso wenig dürfen wir solche Korrelationen als Naturgesetze fehlinterpretieren. Denn nur weil etwas bei einem gewissen Prozentsatz an Menschen einen bestimmten Effekt hat, heißt das noch lange nicht, dass das für alle gilt. Wenn die Dänen oder die Finnen also mal wieder zur glücklichsten Nation erklärt werden, müssen wir noch lange nicht die Umzugskisten packen. Manchmal hilft es auch, zu schauen, was die jeweiligen Studienmacher für Glück halten. Oft spielt beispielsweise in diese Indexe mit rein, wie weit das nächste Krankenhaus entfernt ist oder wie gut der öffentliche Nahverkehr funktioniert. Solche Indexe legt meist recht komplexe Glücksbegriffe zugrunde.
Solche Studien sind also keine Rezepte, die wir einfach nur nachkochen müssen, um glücklich zu werden. Dennoch können uns die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung eine Idee davon geben, wie wir ein glücklicheres Leben gestalten könnten. Wir müssen nur ausprobieren, ob die Erfahrungen der untersuchten Personen auch für uns funktionieren. Aber nicht alles, was wir im Fernsehen oder im Internet sehen oder lesen, muss gleich zu unserem Maßstab werden.
Viele Forschende nehmen an, dass sich Glück in gewissem Sinne aufschlüsseln lässt. Gemeinsam mit den Testpersonen in ihren Studien erforschen sie, wie weit unsere Vorstellung eines guten Lebens von der Realität entfernt ist. Je nachdem, welchen Glücksbegriff sie ihrer Forschung zugrunde legen, bauen sie ihre Studien auf. Der Psychologe Ed Diener fragte vor allem nach dem, was die antike Philosophie wohl als das gute Leben bezeichnet hätten. 1984 entwickelte er einen Fragebogen, mit dem er die Lebenszufriedenheit seiner Probanden herausfinden wollte. Bis heute wird Dieners »Satisfaction With Life Scale« eingesetzt, um die Lebenszufriedenheit der Menschen zu messen. Das liegt vor allem daran, dass dieser Fragebogen trotz seiner Kürze wissenschaftlich zuverlässig, einfach anwendbar und international anerkannt ist.
Dieners Grundannahme: Je ähnlicher sich Wunsch und Wirklichkeit sind, desto glücklicher sind wir mit unserem Leben. Wenn dann noch die Bilanz stimmt, können wir uns glücklich schätzen. Haben wir häufiger gute Laune und sind aufrichtig zufrieden mit unserem Leben, anstatt dass wir herumquengeln und unglücklich sind, so läuft es wirklich gut für uns.60 Je häufiger wir Sinn in dem sehen, was wir tun, und je ausgeglichener wir sind, desto größer ist unser Glück. So wie sich eine Depression von der Traurigkeit darin unterscheidet, wie lange sie uns begleitet, so erwächst aus der Zufriedenheit das Glück, je öfter und je länger sie bei uns bleibt.
Das Schöne an diesem Fragebogen ist, dass wir ihn auch selbst zuhause durchführen und auswerten können. Wer ab und zu seinen Ist-Stand analysieren möchte, kann das mit Dieners Test tun, oder auch in regelmäßigen Abständen schauen, was der Test ergibt. Im Wesentlichen geht es dabei um zwei Bereiche: 1) die allgemeine Lage im Gefühlshaushalt und 2) die Zufriedenheit mit bestimmten Lebensbereichen wie Arbeit, Ehe, Gesundheit und Erfüllung.61 Mit diesen fünf Fragen können wir es Diener nachmachen – und unser Glück in Zahlen darstellen:62
1) »In den meisten Bereichen entspricht mein Leben meinen Idealvorstellungen.«
2) »Meine Lebensbedingungen sind ausgezeichnet.«
3) »Ich bin mit meinem Leben zufrieden.«
4) »Bisher habe ich die wesentlichen Dinge erreicht, die ich mir für mein Leben wünsche.«
5) »Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich kaum etwas ändern.«
Für jede Frage können die Befragten einen bis sieben Punkte vergeben. Die sich daraus ergebende Zahl spiegelt das aktuelle Wohlbefinden wider. Wer insgesamt fünf Punkte erreicht, fühlt sich elend, wer auf 35 Punkte kommt, ist rundum zufrieden.63 Natürlich ist das eine sehr vereinfachte Darstellung für ein so komplexes Konzept wie das Glück. Und doch kann uns die Zahl einen Eindruck davon geben, wie es um uns bestellt ist und ob wir vielleicht etwas an unserem Leben ändern wollen. Wer diesen Test regelmäßig mit sich selbst macht, kann vielleicht auch erkennen, ob sich die Zahl über die Monate und Jahre verändert, und prüfen, ob nach der Hochzeit oder dem Jobwechsel, nach dem Kauf eines neuen Autos oder dem ersten Kind eine andere Zahl unter dem Strich steht.
Manchmal geraten wir unter die Räder unseres eigenen Lebens. In diesen Zeiten kann es sich anfühlen, als sei die Luft zu zäh, um unsere Lunge richtig zu füllen. Manchmal fühlt es sich an, als sei man emotional bis zum Kern durchgefroren, als könnte einem nie wieder warm sein. Als sei das Leben längst aus einem gewichen und hätte nur noch eine formlose Hülle zurückgelassen, die sich, schwer wie eine Maschine, durch den Alltag schleppt – vielleicht funktionstüchtig, aber im Inneren leer. Die Welt wahrzunehmen, geht noch, doch sobald sie die Augen passiert hat, löst sie sich in Wohlgefallen auf. Und alles, was bleibt, sind dunkle Wolken.
