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Zürich Ende der 1980-er Jahre: Der halbwüchsige Student Sam landet «per Zufall» im damaligen Cabaret Terrasse und fängt immer mehr Feuer fürs Rotlichtmilieu. Insbesondere die Tänzerin Samantha hat es ihm angetan. Doch dann lernt er in jungen Jahren auf die knallharte Tour, zwischen Liebe und Sex zu unterscheiden.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Zürich-City: Der Wind vom See roch nach Benzin und kaltem Metall, als Sam die Treppe hinunterstieg, die zum Eingang des Strip-Schuppens Terrasse gleich beim Bellevue führte. Heute ist dort ein Restaurant. Damals flackerte dort ein Neonlicht über der Tür, der Club-Name pulsierte im Rhythmus der Musik, die von drinnen dröhnte. Es war 1988, und Zürich vibrierte vor Leben – vor allem in Nächten wie dieser.
Sam war gerade achtzehn geworden, mit zu langen Haaren, einem viel zu weiten Jeanshemd und dem Gefühl, die Welt müsse irgendwo da draussen beginnen, wo das Tageslicht endet. In seiner Jackentasche klirrten ein paar Münzen – genug für ein Bier, vielleicht zwei.
Drinnen war die Luft schwer von Parfum, Rauch und Versprechen. Männer sassen an kleinen runden Tischen, das Licht war warm und dunkel. Auf der Bühne bewegte sich eine Frau im Takt zu «Sweet Dreams» von den Eurythmics, ihr Körper im Scheinwerferlicht wie aus Glas geschnitten. Zuerst ein Tanzlied, dann ein Slowsong zum Strippen. Ob ganz oder nur halb, entschied jede Tänzerin für sich selbst.
Dann gabs meist eine Viertelstunde Pause, während der sich die Ladies unter die Männer an ihren Tischen setzen, um sie zu einem Glas Liebessaft, äh Champagner zu überreden. Manch’ einer zögerte ob der hohen Preise. Aber spätestens als die Lady dem Geschäftsmann in den Schnitt griff, war die Entscheidung klipp und klar. Ein «Cüpli» – so nennt man in der Schweiz ein Glas Sekt – war es im Minimum, ein «Halbeli» – so eine halbe Schampusflasche – für einen etwas längeren Talk – oder dann eine ganze Flasche.
Sam spürte, wie ihm das Herz schneller schlug. Er bestellte ein Bier, setzte sich an den Rand, und tat so, als gehöre er dazu. Barman Jimmy lächelte flüchtig, als hätte er Sam längst durchschaut. Dieser nahm einen Schluck, sah auf die Bühne – und dann sah er sie.
Samantha
Blonde Haare, skinny body, ein Bubentraum. Sie trat langsam auf, mit einem Lächeln, das gleichzeitig fern und vertraut wirkte. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast elegant, anders als die der anderen Tänzerinnen. Als sich ihre Blicke trafen, blieb Sam der Atem weg. Für einen Moment war die schummrige Club-Beleuchtung nur noch ein Rahmen um ihr Gesicht. Er wusste in diesem Augenblick nicht, was ihn stärker anzog – ihr Lächeln oder das Gefühl, dass sie hinter all dem etwas sah, das mit ihm zu tun hatte.
Und ja: Sie zeigte ihm alles: Ihre sportlichen Brüste, die nur darauf warteten, gestreichelt und liebkost zu werden. Aber auch ihre lodernde Scham, welche Sam im Nu auf den Zenit der Erregung brachten. Er konnte es kaum erwarten, bis sie nach ihrer Show in den Publikumsraum kam und sich nach neuer «Kundschaft» umschaute.
Als sie in High-Heels mit schier endlos langen Beinen an seinem Tischchen vorbeischritt, blieb sie kurz stehen. «Zum ersten Mal hier?» fragte sie leise, mit einem Akzent, den er nicht einordnen konnte. Er nickte. Und nach der obligaten Frage nach dem Namen sagte sie bloss: «Willkommen in der Nacht, Sam!»
Die Musik wechselte zu «Faith» von George Michael. Im Gegensatz zur Disco füllt sich ein Striptease-Laden nicht so schnell. Kein Typ will hier erkannt werden, weshalb das Licht sehr schummrig ist. Und dennoch: Da hört man Einen reden, dort wird gelacht und getrunken. Sam hatte das Gefühl, in einem Traum zu sitzen, halb betäubt vom Rauch – ja, Rauchen war damals noch erlaubt – und den Lichtern. Samantha war verschwunden, irgendwo hinter den Vorhängen, wo nur das Personal Zugang hatte.
Er überlegte, zu gehen – er hatte kaum noch Geld –, doch dann kam sie wieder. Nicht mehr in glitzerndem Kostüm, sondern in einem schlichten schwarzen Kleid, die Haare offen, ein Glas in der Hand. Sie setzte sich einfach zu ihm, als wäre es das Natürlichste der Welt.
«Du schaust wie jemand, der zu viel denkt», sagte sie. Sam lächelte verlegen. «Vielleicht. Ich bin noch nicht oft hier.» «Ich weiss», antwortete sie. «Du schaust mit den Augen, nicht mit den Händen.»
Sam lachte, und das Eis war gebrochen. Sie sprachen über Musik, über Zürich, über seine Studienpläne. Samantha erzählte wenig über sich – nur, dass sie aus Litauen kam und eigentlich in Vilnius Sprachen studiert hatte. Ihr Deutsch war weich, mit einem leichten Akzent, der ihn sofort faszinierte.
Mangels Kohle musste Sam «seine» Samantha ziehen lassen. Denn nur wer Champagner bestellt, darf mit einem Girl am Tisch sprechen, schmusen und eventuell auch etwas intim werden – die Kleider bleiben aber an, logo. Es folgten weitere Striptease-Shows mit anderen Ladies, aber letztlich hatte Sam nur Augen für Samantha, was diese natürlich spürte.
Als der Club schloss, fragte sie ihn, ob er noch mit in die Disco komme – «nur tanzen», sagte sie, und ihre Augen verrieten, dass sie das vielleicht sogar meinte. Samantha wies Sam an, den Laden zu verlassen und auf der gegenüberliegenden Strassenseite im Auto auf sie zu warten. Sie würde abschleichen und dann direkt in sein Auto steigen. Gesagt, getan … und schon tanzten beide Nachtgestalten im «Blackout» – weit weg beim Flughafen ZH-Kloten – zu «Never Gonna Give You Up» und «Touch Me». Es war laut, heiss, voller Lichter. Sam fühlte sich frei, schwerelos.
Gegen fünf Uhr morgens liefen sie wieder zurück in der City durch die leeren Strassen, redeten, lachten, hielten sich an den Händen. Sie verabschiedeten sich in einer engen Gasse, und Sam wusste nicht, ob er träumte oder wachte, als sie ihm einen Kuss auf die Wange gab und flüsterte: «Bis bald, Student.»
