ICH  DOCH  NICHT! - Claudia Gesang - E-Book

ICH DOCH NICHT! E-Book

Claudia Gesang

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Beschreibung

Julia hat ihre Scheidung und die schwere Zeit, in der ihr Sohn Tom so ganz und gar nichts von ihr wissen wollte, doch recht gut überstanden - glaubt sie jedenfalls. Peter, ihr Lebensgefährte, tut jedenfalls alles, um Julia glücklich zu machen. Da werden eines Monats die Gehälter der beiden (sie arbeiten ja im selben Unternehmen) nicht pünktlich ausgezahlt. Hilfe ... gesamte Haushaltseinkommen steht auf dem Spiel! Das kann so nicht bleiben. Und als hätte das Schicksal das auch gerade gedacht, erhält Julia ein Job-Angebot von einem ihr bekannten Kosmetikhersteller. Sie ist überwältigt von den Benefits, unterschreibt und kündigt ihre alte Stelle. Und von da an geht es bergab! Sie rutscht in die Arbeitslosigkeit (das kann ihr doch nicht passieren, oder?). Und sie gleitet weiter ab in eine schwere Depression...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 294

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Claudia Gesang, Jahrgang 1962, lebt mit ihrem Ehemann in einer Kleinstadt nahe Wiesbaden. Die Trilogie „Being Julia“ (die aus den Titeln WOLLEN KÖNNEN DÜRFEN!, WOLLEN, ABER DÜRFEN? und ICH DOCH NICHT! besteht) bezeichnet sie als Roman, in Wahrheit ist es aber ihre ganz eigene, bewegte Lebensgeschichte.

Eine Leseratte war Claudia Gesang schon immer und ihren ersten Schreibversuch (ein Sachbuch über die Kultur der Azteken) startete sie im zarten Alter von 12 Jahren. Allerdings blieb es damals beim Versuch. Sie beendete ihre Schulzeit 1980 mit einem sehr guten Abitur, absolvierte dann eine Ausbildung als Industriekauffrau und arbeitete viele Jahre als erfolgreiche Direktions- und Geschäftsleitungsassistentin.

Während des Erziehungsurlaubs ließ sie sich als Kosmetikerin ausbilden und führte zehn Jahre lang ihr eigenes Wellness-Institut. Ein heftiger Burnout zwang sie zur Aufgabe und regte sie 2010 zur Ausbildung als Heilpraktikerin für Psychotherapie (mit staatlicher Prüfung und Zulassung) an.

Der Wellness- und Gesundheitsbranche ist Claudia Gesang bis heute treu geblieben. Sie schreibt seit Jahren sehr erfolgreich als freie Autorin Fachartikel für die beiden größten deutschen Kosmetik-Fachzeitschriften. Bei Kosmetik-Messen wird sie gerne als Fachreferentin gebucht. Stundenweise unterstützt sie die Praxis ihrer Hausärztin als Assistentin an der Patientenaufnahme.

Und wenn sie sonst nichts weiter zu tun hat, schreibt sie Bücher. Ihre Webseite finden Sie unter: www.claudia-gesang-balance.de.

Sie ist passionierte Chor- und Solosängerin in einem Kammerchor im rheinhessischen Oppenheim und kümmert sich in ihrer Freizeit um ältere Nachbarn.

Claudia Gesang

ICH DOCH NICHT!

Ein autobiografischer Roman

© 2022 Claudia Gesang

Umschlag, Illustration: Claudia Gesang

Lektorat, Korrektorat: Claudia Gesang

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-347-75467-6

Hardcover:

978-3-347-75468-3

e-Book:

978-3-347-75469-0

Großschrift:

978-3-347-75470-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Halenreie 40 – 44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind von meinem persönlichen Umfeld inspiriert, entsprechen aber nicht den realen Personen!

Erstes Kapitel

Es passiert in der letzten Novemberwoche des Jahres 2007. Ich erhalte aus heiterem Himmel einen merkwürdigen Anruf.

„Hallo, Frau Eiger-Strom, hier spricht Lotte Kern, Referentin für Personalangelegenheiten bei „Kosmetik und nichts als Kosmetik“. Bitte wundern Sie sich nicht über meinen Anruf – ich möchte Ihnen ein Jobangebot machen. Sie waren ja etwa zehn Jahre lang als Kosmetikerin selbstständig und von ihrem ersten Tag an unsere treue Kundin. Ihr Erfolg ist hier nicht unentdeckt geblieben und nun ist bei uns eine neue Position geschaffen worden, für die Sie die ideale Kandidatin sind. Na, sind Sie neugierig geworden?“

Na ja – mal ehrlich? Hätten Sie sich nicht auch geschmeichelt gefühlt? Ein Unternehmen hat Interesse an Ihnen, ohne dass Sie sich mittels Bewerbung dort aufgedrängt hätten!

„Dass ich das noch erleben darf!“, ist mein erster Gedanke, den ich natürlich nicht laut ausspreche. Das weitere Telefonat ist sehr angenehm.

„Ja sicher, Frau Kern, Sie haben mich wirklich neugierig gemacht. Das Unternehmen und die Produkte kenne ich ja ganz gut, obwohl es sicher in der Zwischenzeit Veränderungen gegeben hat. Um welche Position handelt es sich denn?“

„Wir haben einen neuen Vertriebsdirektor für die Spalte dekorative Kosmetik, der – das darf ich bei aller Bescheidenheit sicher sagen – das Geschäft gerade revolutioniert. Und er braucht eine „rechte Hand“, die ihn in allen Belangen unterstützt. Bitte verwechseln Sie das nicht mit einer Assistentin – die hat er natürlich schon, aber er braucht eben das gewisse Quäntchen mehr. Darf ich Sie denn zu einem Interview einladen? Ach, geht es vielleicht auch kurzfristig?“

Ich bin überwältigt und vereinbare mit ihr schon für den nächsten Tag (nach meinem Feierabend) einen Termin. Sie bedankt sich artig für meine zeitliche Flexibilität.

Den ganzen restlichen Abend verbringen mein Lebensgefährte Peter und ich mit Träumen, Planen, Proben und wieder Träumen – wen wundert’s.

Mein nächster Arbeitstag verläuft völlig unspektakulär. Es geschieht nichts, aber auch gar nichts, das mir das Gefühl vermittelt: „Du wirst im Büro gebraucht, Du kannst doch nicht einfach kündigen!“. Also freue ich mich umso mehr auf den Abend und das Interview bei „Kosmetik und nichts als Kosmetik“.

Die Anreise ist angenehm, (etwa um die Hälfte kürzer als der Weg, den ich jetzt täglich zu bewältigen habe), ein großer Parkplatz steht bereit (im Gegensatz zu meinem jetzigen Standort) und die Empfangsdame wartet offensichtlich schon auf mich (obwohl ich eine Viertelstunde zu früh dran bin – mein Markenzeichen). Ich fühle mich sofort wertgeschätzt und sehr gut aufgehoben.

Meine beiden Gesprächspartner sind der Personalleiter (dessen Namen ich schon wieder vergessen habe) und der Vertriebsdirektor, Herr Brock, also mein zukünftiger(?) Chef. Beide sind sehr interessiert, aufgeschlossen, angenehm und – zumindest der Personaler – offensichtlich in meinem Alter. Das lange Gespräch möchte ich Ihnen hier ersparen – ein Vorstellungs-Gespräch eben, aber sehr harmonisch und alles in allem habe ich ein richtig gutes Gefühl.

Der Personalleiter zeigt mir auf meine Bitte hin meinen zukünftigen Arbeitsplatz (im Großraumbüro, aber wunderschön umsäumt von Kieswegen und direkt neben einem leise plätschernden Brunnen), weist mich auf die Vergünstigungen (Personalkauf-Möglichkeiten, Gleitzeit, Parkplatz, usw.) hin und lässt keinerlei Zweifel daran, dass man mir die Stelle als „rechte Hand“ des Vertriebsdirektors Dekorative Kosmetik anbieten wird.

„Wissen Sie“, meint der Personalleiter, „Herr Brock berichtet unmittelbar an den Geschäftsführer – Sie werden also in einer absoluten Vertrauensstellung und direkt auf der zweiten Hierarchie-Ebene angesiedelt sein“.

Na, wenn das keine Herausforderung darstellt….. !

In dieser Nacht schlafen Peter und ich nicht sonderlich gut – es ist ja alles sehr aufregend und so völlig unerwartet!

Ach ja – ich möchte eines erwähnen: Alle hier genannten Namen einschließlich meines eigenen sind völlig frei erfunden!

Am nächsten Tag erhalte ich einen Anruf im Büro.

„Guten Tag, Frau Eiger-Strom, hier ist nochmal Lotte Kern. Ich freue mich sehr, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass wir Sie als neue rechte Hand von Herrn Brock ausgewählt haben. Der Vertrag liegt hier schon zur Unterschrift bereit – wann können Sie vorbeikommen?“

Zweites Kapitel

Ja – da ist sie nun. Die Gelegenheit, wieder in meine bevorzugte Branche zurück zu kehren, in der ich mich auskenne und heimisch fühle. Nicht, dass mir die Jahre in einem anderen Bereich keinen Spaß gemacht und mich nicht ausgefüllt hätten – keineswegs! Aber die Kosmetik….. ! Ich sehe mich schon wieder auf Messen, bei Schulungen, Tagungen – ach, die glitzernde Welt rund um Schönheit und Wellness!

Völlig euphorisch gehe ich also heute, am 29.11.2007, zu meinem neuen Arbeitgeber und nehme den Anstellungsvertrag in Empfang. Sowohl der Personalleiter als auch mein zukünftiger Fachvorgesetzter freuen sich sichtlich, mich zu sehen (und vice versa, natürlich).

„Möchten Sie denn den Vertrag gleich hier lesen?“, fragt der Personalleiter sehr höflich. „Falls Nachbesserungen nötig wären, können wir das ja sofort erledigen und ersparen uns so eine Menge Zeit.“

Klingt alles sehr einleuchtend – und siehe da, ich habe tatsächlich eine Kleinigkeit anzumerken. Die versprochene Gehaltserhöhung nach der Probezeit ist nicht mit aufgenommen worden. Man entschuldigt sich vielmals für das Versehen und rennt aus dem Konferenzraum, um die für den Fehler verantwortliche Sekretärin sofort zur Korrektur zu verdonnern.

In Null-Komma-Nix liegen die neuen Vertragsexemplare auf dem Tisch.

„So“, meint der Personalleiter zufrieden, „jetzt ist ja alles in Ordnung, Frau Eiger-Strom. Jetzt können Sie doch gleich unterschreiben, nicht wahr?“

Tja, ich habe nun wirklich keinen Grund mehr, die Sache hinaus zu zögern.

Daher unterschreibe ich und packe meine Ausfertigung stolz in die Tasche.

„Herzlichen Glückwunsch und willkommen im Team!“, schüttelt mir der Personaler die Hand. „ Dann sehen wir uns in vier Wochen zu Ihrem ersten Arbeitstag! Wir freuen uns schon sehr auf Sie!“

Auf der Heimfahrt bin ich dann doch ein bisschen unsicher, denn das heißt ja im Umkehrschluss: In zwei Wochen (Urlaub und Überstunden abgerechnet) ist dann unwiderruflich mein letzter Arbeitstag in meiner alten Firma. Und außerdem heißt es: Am nächsten Tag muss ich schleunigst dort kündigen, damit das Ausscheiden aus der Firma auch fristgerecht erfolgen kann.

In dieser Nacht schlafe ich wieder sehr schlecht! Gegen Mitternacht tröstet mich Peter (der im gleichen Unternehmen arbeitet wie ich).

„Freu Dich doch – eine solche Chance kommt so bald nicht wieder. Außerdem ist es wirtschaftlich unklug, unser komplettes Familieneinkommen von einem einzigen Arbeitgeber abhängig zu machen. Wenn da was passiert, stehen wir beide auf der Straße.“

Damit hat er ja nicht mal Unrecht. Und so versuche ich, mein schlechtes Gewissen gegenüber meinem alten Arbeitgeber zu beruhigen.

Der Morgen dämmert langsam herauf und nun hilft alles nichts mehr – ich muss meinem derzeitigen Chef reinen Wein einschenken.

Über diese Session möchte ich mich nicht weiter auslassen, nur so viel: Ich habe gar kein gutes Gefühl dabei und komme mir mehr als mies vor. Irgendwie hat mein moralisches Empfinden (Verpflichtung gegenüber dem Arbeitgeber, den Kollegen,…) einen schweren Schock über mein Verhalten erlitten.

Alle wünschen mir zwar viel Glück und beneiden mich hinter vorgehaltener Hand um meinen Karrieresprung, aber mir ist überhaupt nicht wohl.

Drittes Kapitel

Z unächst jedoch gilt es, meinen Nachfolger (unseren gerade fertig gewordenen Azubi) im Sachgebiet einzuarbeiten, mich von meinen Lieferanten zu verabschieden, letzte Schwätzchen mit Kollegen/innen zu halten und meinen Schreibtisch so organisiert, strukturiert und aufgeräumt wie möglich zu hinterlassen (man sieht sich ja der landläufigen Meinung zu Folge immer zweimal im Leben…).

Viel zu schnell kommt der letzte Arbeitstag, an dem zu allem Überfluss auch noch die jährliche Weihnachtsfeier stattfindet. Peter und ich wollen nach den üblichen Reden und dem Buffet schnellstmöglich nach Hause enteilen, haben aber die Rechnung ohne die Kollegen/innen gemacht.

Unzählige Umarmungen, gute Wünsche und Beteuerungen wie „Ich vermiss’ Dich jetzt schon“ ziehen die Verabschiedung immer weiter in die Länge. Einer der beiden Geschäftsführer nimmt mich während des Shake-Hands zur Seite.

„Frau Eiger-Strom“, flüstert er mir zu, „wenn Ihnen die neue Stelle nicht gefällt, dann sollen Sie wissen, dass Sie mich jederzeit anrufen können.“

Na, wenn das nicht die besten Startvoraussetzungen sind!

Zunächst einmal heißt es jedoch: URLAUB – URLAUB – URLAUB! Ich schwelge in meiner neu gewonnenen, wenn auch zeitlich scharf begrenzten Freiheit und erledige den Weihnachtsputz, die Weihnachtsbäckerei, treffe mich mit meinen Eltern und Freundinnen. Die Zeit bis zu den Feiertagen vergeht wie im Flug und dann kommen auch schon Silvester und der Jahreswechsel am Himmel.

Und plötzlich geht alles ganz schnell: am Neujahrstag noch fix das Outfit für den ersten Arbeitstag bereit legen, Brote machen für Peter und für mich, Tasche packen (Brille nicht vergessen) und schon ist es Zeit zum Schlafengehen.

Die Träume in dieser Nacht will ich mir unbedingt merken und schriftlich fixieren – aber leider bleibt in meiner Erinnerung nichts hängen.

Ein gutes oder ein schlechtes Zeichen????

Viertes Kapitel

Der erste Tag im neuen Job – voller Spannung

und Erwartungen fahre ich los. Parken ist kein Problem und die Empfangsdame scheint schon wieder nur auf mich gewartet zu haben (obwohl ich auch hier 10 Minuten zu früh dran bin).

Sofort holt mich eine Personalsachbearbeiterin ab und führt mich in den nun schon gut bekannten Konferenzraum – in dem noch vier weitere Frauen und ein QuotenMann sitzen! Oops, so viele Neue an einem Tag?? Ein bisschen merkwürdig ist das, oder??

Aber schon kommt die nette Personalsachbearbeiterin wieder zurück – im Arm fünf wunderschöne Blumensträuße und eine Flasche Sekt. Die Damen bekommen – wen wundert’s – je eines dieser floristischen Arrangements, der Herr das leckere Sprudelgetränk.

Danach folgen Informationen über das Unternehmen, die Zeiterfassungsanlage, die jeweiligen Einsatzorte und über all das, was Neulinge in einem Industrieunternehmen sonst noch so wissen müssen. Selbstverständlich bekommen wir auch eine intensive Hausführung – ich verliere völlig den Überblick, wie viele Hände ich an diesem Tag schüttele und wie viele gute Wünsche ich entgegen nehme.

Gegen Mittag werden die übrigen fünf Neulinge in ihre jeweiligen Abteilungen geführt und ich bleibe zurück – ob man mich vergessen hat? Die äußerst nette Personaldame kommt nach einiger Zeit zu mir.

„Frau Eiger-Strom, darf ich Sie vor Ihrem tatsächlichen Dienstantritt noch zu unserem General Manager führen? Er möchte Sie kurz sprechen.“

Oh! Einerseits fühle ich mich furchtbar wichtig – andererseits kommen aber sofort insgeheim die bange Frage: „Was mag er nur wollen?“

Viele Fragen und Ängste huschen mir durch den Kopf – zum Glück ist der Weg bis zum Executive Office nicht weit. Und da ist er auch schon, der Inhaber und (neudeutsch) CEO, also Chief Executive Officer: mittelgroß, business-like, etwa in meinem Alter (also Mitte 40) mit einem gewinnenden Lächeln auf den Lippen.

„Herzlich willkommen, Frau Eiger-Strom! Ich wollte es mir nicht nehmen lassen, Sie persönlich zu begrüßen. Bitte, nehmen Sie doch Platz.“

Und dann legt er los.

Nach etwa fünf Minuten des Monologes seinerseits (er hört sich wirklich gerne reden) schwirrt mir der Kopf. „Und das alles soll ich in 40 Wochenstunden auf die Beine stellen?“, denke ich.

„Na, dazu muss mein zukünftiger Arbeitsplatz ja extrem gut durchorganisiert sein.“ Wunderbar – damit kann ich sehr gut umgehen. Chaos und Durchwurschteln bei der täglichen Arbeit ist mir ein Gräuel!

Nachdem er seinen Anforderungen dann absolut nichts mehr hinzuzufügen weiß, entlässt er mich. „Na, dann freue ich mit auf eine wunderbare Zusammenarbeit mit Ihnen. Ach ja, ich habe da noch einen wichtigen Auftrag für Sie: Bitte fertigen Sie mir schnellstmöglich Umsatz- und Absatz-Statistiken für jeden einzelnen Außendienstmitarbeiter an. Die entsprechenden Daten wird Ihnen Herr Brock sofort zur Verfügung stellen.“

Ich danke ihm artig und versichere ihn meines unermüdlichen, konsequenten Einsatzes für sein Unternehmen.

„Die Statistiken werde ich Ihnen selbstverständlich schnellstmöglich zukommen lassen.“

Schon kommt die Personaldame und macht alles sehr spannend.

„Frau Eiger-Strom, ich führe Sie jetzt zu Ihrem neuen Arbeitsplatz! Ihr Chef und alle Kollegen/innen sind schon sehr gespannt auf Sie und freuen sich, Ihnen bei der Einarbeitung zur Seite stehen zu dürfen.“

Na, ein bisschen sehr pathetisch für meinen Geschmack, aber ich lasse es gelten.

UND VON DA AN GEHT‘S BERGAB!!!!!

Sie führt mich in das Großraumbüro, das ich schon vom Interview her kenne, aber beileibe nicht an den Schreibtisch, den man mir als meinen zukünftigen gezeigt hat!

Meine Wirkungsstätte befindet sich in einer Art Flur oder Durchgang inmitten des Telefonmarketings.

Mein Gesicht wird etwas länger als bisher, das Lächeln, das mich bisher begleitet hat, ein wenig dünner.

Der Schreibtisch ist gepflastert mit losen Blättern, verstreuten Büroklammern und anderen SchreibtischUtensilien. Auf einem kleinen Rollcontainer an der Seite steht ein trauriger Schwarz/Weiß-Nadeldrucker aus dem vorigen Jahrtausend, der inmitten des Wustes an Ablagekörben, Mappen und Kopierpapier ein einsames, trostloses Dasein fristet. Ich sehe ihm an, dass er hier sein Gnadenbrot bekommt und eigentlich viel lieber im Elektronikhimmel sein möchte.

„Na ja“, denke ich tapfer, „das ist nicht persönlich gemeint. Man hat es wohl nicht rechtzeitig geschafft, eine anständige Bleibe mit zeitgemäßer Ausstattung für mich her zu richten. Dieser Zustand ist sicher nicht für die Ewigkeit gedacht…“.

Mein Chef kommt auch schon freudestrahlend auf mich zu und heißt mich ebenfalls herzlich willkommen. Da ich ein höflicher Mensch bin, verkneife ich mir zunächst jeglichen Kommentar zu den Örtlichkeiten und der Ausstattung und widme ihm meine volle Aufmerksamkeit. Denn schon spricht er von einer großen Tagung, dem Sprung ins neue Jahr sozusagen, und sprudelt los, was dafür noch alles zu organisieren, zu erstellen und präsentationsfertig zu machen sei.

„Wissen Sie, Frau Eiger-Strom, ich selbst bin jetzt noch etwa zwei Stunden im Büro, muss dann aber leider weg, meine Freundin wird operiert. Sie bekommen doch bestimmt keine Angst alleine, hahaha??“

Mein schon etwas dünneres Lächeln verändert sich nun ein wenig in Richtung gequältes Lächeln.

„Aber sicher nicht, Herr Brock, woher denn?! Ich bin schließlich selbstständiges Arbeiten gewohnt!“, versichere ich ihm heldenhaft.

Selbstständiges Arbeiten ist gut – wenn man weiß, was wo auf dem Server zu finden ist und wie die Dinge firmenintern aufbereitet werden.

Nun, alles kein Problem, ich habe ja nette Kolleginnen, die nur darauf warten, mir bei der Einarbeitung zur Seite stehen zu dürfen, nicht wahr?!

Da gibt es zum Beispiel Jessica: „Ach ja, ich wusste mal, wie das geht, aber momentan fällt mir das gerade nicht ein!“

Oder Michelle: „Oh, sorry, aber ich hab’ grad überhaupt keine Zeit – ich melde mich, wenn es reinpasst!“

Oder Nicole: „Klar, kein Problem. Wir durchsuchen einfach schnell das Intranet, da finden wir schon einen, der helfen kann!“

Oder Sandra: „Ich hab’ auch erst vor vier Wochen hier angefangen. Das weiß ich leider nicht.“

Und als größtes Motivationsgenie erweist sich Jule: „Nee, weiß ich nicht. Weiß auch nicht, wer das wissen könnte. Und außerdem ist die Außendienst-Software nicht kompatibel zu unserer hier. Wenn Du die Statistik für die GL (Geschäftsleitung, Anm. d. Verf.) machen willst, musst Du Dir die Listen ausdrucken und jede Position einzeln vergleichen.“

Ja – hallo, erst mal…!!!

Bin ich beim Eintritt ins Firmengebäude etwa zurück ins vorige Jahrtausend katapultiert worden?

Ich habe genug für diesen Tag (es ist ohnehin mittlerweile 18 Uhr geworden) und fahre ziemlich gefrustet nach Hause. Na, morgen ist auch noch ein Tag…

Fünftes Kapitel

E s ist alles nur ein böser Traum – ich habe da sicher vieles missverstanden – heute wird alles besser. Sie kennen sicherlich solche zaghaften Versuche in Richtung Selbstmotivation, wenn man glaubt, im falschen Film zu sein.

Nun, ich ebenfalls. Und mit diesem Mantra auf den Lippen fahre ich am nächsten Morgen wieder ins Büro.

Was soll ich sagen – es ist kein böser Traum, sondern tatsächlich ein falscher Film. Ich setze genau da wieder an, wo ich am Abend zuvor aufgehört habe.

Mein abwesend wirkender Chef rauscht vorüber. Ich fasse mir ein Herz und laufe ihm nach.

„Guten Morgen, Herr Brock, einen Augenblick bitte!“, rufe ich ihm zu. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck dreht er sich zu mir um.

„Ja, was gibt’s denn? Ich habe nicht viel Zeit, muss gleich zum Chef…“.

„Herr Brock, ich möchte mich entschuldigen, dass die Statistik noch nicht fertig ist. Wissen Sie, das Programm, das wir hier im Innendienst verwenden, ist nicht kompatibel mit dem des Außendienstes. Will heißen, ich muss mir seitenlange Ausdrucke besorgen und die – wie früher – neben einander mit dem Lineal vergleichen. Und das geht nun wirklich nicht in einem Tag, geschweige denn in ein oder zwei Stunden!“ sprudelt es aus mir heraus.

„Ja, ja“, wimmelt Herr Brock mich ab, „ich werde dem Geschäftsführer die Sachlage erklären.

Natürlich ist mir das Problem bekannt und wir haben auch schon eine Projektgruppe gegründet, um ein einheitliches Software-Paket für das gesamte Unternehmen zu beschaffen –schließlich bin ich ja der Leiter dieses Projekts. Eine solche Investition lässt sich aber nicht in ein paar Tagen tätigen, soviel Verständnis müssen Sie schon aufbringen!“.

Ich bringe selbstverständlich jedes nur erdenkliche Verständnis auf – nicht aber der Geschäftsführer. Wutentbrannt erscheint er an meinem Schreibtisch inmitten des plötzlich mucksmäuschenstummen Telefonmarketings.

„Sie, Frau Eiger-Strom! Wo bleibt meine Statistik? Gestern hatte ich Sie schon darum gebeten! Und jetzt ist sie immer noch nicht fertig! Sie sind wohl Ihrem Job nicht gewachsen?!“ tönt er in Über-Zimmerlautstärke.

Meinen sofortigen Protest samt Erklärung lässt er gar nicht erst zu. Er überschreit mich einfach. Soviel zum Thema Führungsqualitäten. Selbstherrlich und offenbar sehr zufrieden mit sich rauscht er nach dieser Vorstellung wieder ab.

Sofort beginnt der übliche Geräuschpegel und alle – ich eingeschlossen – schauen sehr geschäftig auf ihre Monitore, Listen oder (wie in meinem Fall) einfach auf die Schreibtischoberfläche.

Die Statistik scheint diesem Grobian plötzlich gar nicht mehr wichtig zu sein – Hauptsache ist wohl, dass er einmal pro Tag jemanden zusammenfalten kann.

Ich versuche, die Blamage samt Rötung im Gesicht einfach zu ignorieren, konzentriere ich mich lieber auf die bevorstehende Tagung und bereite die Präsentationen meines Chefs bestmöglich auf.

„So, Frau Eiger-Strom, das ist nun unwiderruflich alles. Wir haben es geschafft!“

Freudig hole ich elegante Präsentationsmappen zur Bestückung mit allen vorbereiteten Unterlagen herbei.

„Ach halt!“, kommt Herr Brock wieder angerannt, „sorry, aber diese Statistik muss noch mit aufgenommen werden. Dann sind wir endgültig komplett.“

Ein paar Minuten später kommen per e-Mail neue Dateien, die mal eben noch fünfundzwanzigmal kopiert und mit in die eleganten Mappen integriert werden müssen. Und auch dabei bleibt es nicht.

Ach ja, zum Thema Kopien und Ausdrucke: In unserem erfolgreichen Unternehmen gibt es einen zentral gelegenen Platz, an dem einige Drucker, Faxgeräte und Kopierer stehen. Diese werden von allen Mitarbeitern unserer Etage gemeinsam genutzt. Was ja auf den ersten Blick sehr wirtschaftlich und sinnvoll erscheint.

Ich stelle also meine 87 Druckaufträge (multipliziert mit zwischen 19 und 98 Seiten pro Auftrag) ein und nehme bis zur Fertigstellung der Ausdrucke alle eleganten Mappen aus den schützenden Klarsichthüllen.

Zunächst bemerke ich nichts, aber als langsam das immerwährende Gemurmel um mich herum stetig lauter und heftiger wird, schaue ich mich mal vorsichtig um.

Ja, man soll es nicht für möglich halten: Die Kollegen/innen haben doch tatsächlich vor, in den nächsten beiden Tagen ihre eigenen Druckaufträge einzustellen und dann auch noch Druckergebnisse zu erwarten. Welch‘ ein Ansinnen!

Ich werde ziemlich schnell als Urheber des „Staus“ identifiziert und sofort belagert.

Jessica beugt sich zu mir rüber und sagt: „Hör mal, ich muss dringend Ausdrucke haben, weil der Kunde XY diese heute noch verschickt haben will!“.

Michelle ruft von weitem: „Hey Julia, ich habe gerade eine Liste für die Bereichsleitung fertig. Die muss ich sofort und gleich ausgedruckt zum Chef bringen!“.

Nicole ist ganz verzweifelt: „Julia, Du musst die Druckaufträge sofort abbrechen. Ich muss weg und brauche dringend den Ausdruck meines AbwesenheitsAntrags, sonst komme ich in Teufels Küche!“.

Sandra ist wütend: „Sag‘ mal, spinnst Du? Den Drucker derart zu blockieren! Ich habe gleich Meeting und muss das Protokoll vom letzten Mal noch ausdrucken und verteilen! Da kannst Du doch nicht alles lahm legen!“.

Jule stellt sich dicht zu mir an den Schreibtisch. Sie will ausnahmsweise nichts ausdrucken, sondern legt mir die Hand auf die Schulter: „Lass Dich nicht runter ziehen! Ich kenne das. Kurz vor dem Kick-off-Meeting drehen einfach alle durch. Wollen wir schnell einen Kaffee trinken gehen?“.

„Danke Jule, das ist lieb von Dir, aber ich glaube, das wäre keine gute Idee. Ich kriege ja so schon kaum die Kurve…!“.

Sie nickt verständnisvoll und überlässt mich meinem Schicksal.

Bei allen anderen stoßen meine Erklärungsversuche und Bitte um Verständnis auf taube Ohren. Ich habe mich wohl sofort und endgültig unbeliebt gemacht – eine Vermutung meinerseits, die sich im Verlauf der Ereignisse aber als völlig falsch herausstellen wird.

In dieser Stimmung, Geistes- und Arbeitshaltung vergehen die beiden Tage bis zum Wochenende.

Sechstes Kapitel

E ine solche Arbeitsatmosphäre wirkt sich nicht sonderlich gut auf meine Seele und damit auf meine Laune aus. Peter hat an diesem Wochenende einiges auszuhalten!

Nach der viel zu kurzen Freizeit kommt der Morgen des ersten Tagungs-Tages heran. Nichts Gutes ahnend fahre ich früher ins Büro als normal. Und richtig…

In meinem Outlook-Postfach befinden sich stolze acht(!) e-Mails meines Chefs (am Krankenbett seiner Freundin geschrieben) mit weiteren Dateien, die – na, was wohl?? Genau: nach Schema F vervielfältigt und in die (bereits fix und fertig verpackten) eleganten Mappen einsortiert werden müssen.

Ich koche vor Wut. Am Freitagabend hatte ich (gegen 20 Uhr) ganz explizit gefragt, ob nun alle Unterlagen komplett seien und ich die eleganten Mappen fertig bestücken könne. „Jawohl!“, hatte er da noch mit einem Seufzer der Erleichterung bestätigt. Zum Glück ist noch niemand im Büro, der meine nicht sehr feinen und nicht sehr leisen Äußerungen hören könnte.

Eines habe ich schon jetzt gelernt: Viele Entscheidungen und Versprechungen in diesem Unternehmen haben nicht lange Gültigkeit.

Es heißt also wieder: Drucker und Kopierer blockieren, die Kolleginnen auf den Augenblick meiner Abreise zum Tagungsort vertrösten, elegante Mappen umpacken und – nachdem ich dies alles nun endlich erledigt habe und (oh Wunder) keine neuen Dateien mehr in meinem Postfach gelandet sind – kiloweise Tagungsmaterial zu meinem Kleinwagen schleppen.

Viel zu spät starte ich in Richtung Tagungshotel. Mein kleiner, fahrbarer Untersatz gibt sein Möglichstes und wirklich: Wir beide kommen gerade noch rechtzeitig vor Beginn der Tagung im Hotel an.

Mein Chef rennt schon völlig aufgelöst im Foyer umher.

„Frau Eiger-Strom, wo bleiben Sie denn? Ich war schon sehr in Sorge! Wie hätte ich Ihr Fehlen denn der Geschäftsleitung beibringen sollen? Und was hätte ich ohne meine Tagungsmaterialien angefangen?“.

Dieser Zustand emotionaler Überlastung bewegt ihn dann wohl auch dazu, mir beim Ausladen meines geschundenen Autos behilflich zu sein.

„Haben Sie denn auch die Folien von meinem Schreibtisch mitgebracht?“, fragt er atemlos.

„Welche Folien? Sie hatten nichts von Folien gesagt und Ihr Schreibtisch liegt wahrlich fernab von meiner edlen Wirkungsstätte. Auf meinem gehetzten Weg nach draußen bin ich nicht einmal daran vorbei gekommen!“, lasse ich ihn sehr unterkühlt wissen.

Er hat natürlich vergessen, die Folien selbst mitzunehmen und mich nicht informiert. Das zählt aber hier und jetzt nicht. Die guten Stücke sind physisch nicht anwesend und wer hat an einem solchen Dilemma IMMER Schuld?? Na, Sie wissen schon…..

„Tja, dann rufe ich schnell im Büro an, damit jemand diese Folien sofort vorbeibringt. Wäre das dann alles, was noch fehlt?“

Ich bin ein wenig schnippisch, das gebe ich ja zu.

Die versammelten Tagungsteilnehmer stehen in lockerer, entspannter Runde um lecker belegte Minibagels und dampfenden, duftenden Kaffee herum, tauschen sich über den letzten Urlaub aus und beratschlagen, was denn am Abend außerdienstlich noch so getan werden kann. Die Stimmung ist gut, alle sind bester Laune und frisch, als wären sie gerade der Dusche entstiegen.

Ich dagegen habe ein hochrotes Gesicht, bin völlig abgehetzt und frage mich, ob ich noch eine Tasse Kaffee ergattern kann (von einem Minibagel wage ich gar nicht zu träumen).

Just in diesem Moment winkt mein Chef mir aufgeregt zu.

„Frau Eiger-Strom, es hat sich eine letzte kleine Änderung Ihres Programms ergeben!“

Meines Programms??? Ich bin hier, um in seinen Team-Meetings das Protokoll zu führen – von weiteren Aktivitäten weiß ich nichts.

„Wissen Sie, Frau Forst ist leider kurzfristig erkrankt. Da müssen Sie wohl auch beim Kollegen Hummel Protokoll schreiben.“, eröffnet er mir.

Moment – das bedeutet, dass ich zur gleichen Zeit in zwei unterschiedlichen Teams (= unterschiedlichen Tagungsräumen) anwesend sein müsste.

„Ja, das stimmt. Wie Sie das managen, überlasse ich Ihnen; wir gewähren Ihnen da völlig freie Hand!“.

Genial – dieser neue Führungsstil.

Auf gut‘ Glück bitte ich eine mir unbekannte Teilnehmerin ganz höflich, ob sie denn in ihrem Team mitschreiben und mir das Script zur Ausarbeitung zur Verfügung stellen könne. Klar, kann sie – offensichtlich kommt eine solche Doppel-Belegung ein und derselben Assistentin in diesem Unternehmen öfter vor.

Es sind noch etwa zwei Minuten bis zum offiziellen Beginn unserer Tagung und ich starte in Richtung Konferenzraum. Da rauscht plötzlich ein ziemlich hochnäsiger, älterer Herr mit grauem Haar auf mich zu.

„Sie, wo bleiben Sie denn? Wo sind meine Präsentations-Charts?“, verlangt er lautstark zu wissen.

Ich bin völlig verdutzt.

„Da kann ich Ihnen leider nicht helfen, fürchte ich“, mache ich ihn aufmerksam, „ich habe die Charts von Herrn Brock vorbereitet und mitgebracht. Sie müssen mich verwechseln.“

„Nein, das tue ich nicht!“, tobt er. „Sie sind meine Sekretärin und ich muss sich schon auf Sie verlassen können, sonst brauche ich Sie nicht!“.

In mir kocht schon wieder Wut hoch.

„Ja, wer sind Sie denn überhaupt? Wollen Sie sich nicht erst mal vorstellen, bevor Sie herumpoltern? Immerhin sind wir hier im zivilisieren Mitteleuropa! Da sollten wir gewisse Formen doch einhalten!“, bemerke ich – vielleicht etwas patzig.

Kommentarlos drückt er mir seine Visitenkarte in die Hand und verlangt dann wiederum nach seinen Charts.

Aus den Augenwinkeln sehe ich meinen Chef – und nun winke ich ihn zur Abwechslung mal zu mir heran. An seinem Gesichtsausdruck kann ich ablesen, dass er genau weiß, was gleich auf ihn zukommt.

„Herr Brock, bitte klären Sie mich doch kurz auf. Dieser Herr hier behauptet, mein Vorgesetzter zu sein. Ich bin aber ziemlich sicher, dass Sie mein Chef sind. Wie passt das zusammen, bitte?“

„Jaaaa, wissen Sie, darüber wollte ich mit Ihnen.“

Leider beginnt in diesem Moment die Tagung und wir müssen die – fruchtlose – Diskussion vertagen.

„Das wird noch Folgen für Sie haben!“, droht mir der unangenehme Mensch, der nun ebenfalls mein Vorgesetzter sein soll.

„Na, schlimmer kann es ja nicht mehr werden“, denke ich mir.

Gegen 18 Uhr abends wird die Tagung bis zum nächsten Morgen unterbrochen. Die Geschäftsleitung verkündet fröhlich, dass vor dem Beginn des Abendessens ein gemeinsamer Fackelmarsch durch den nahe gelegenen Wald stattfinden werde. Meine Stimmung sackt in den Keller.

Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist es Hunger – und genau dieses menschliche Rühren in der Magengegend plagt mich seit Stunden. Wegen der perfekten Organisation dieser Tagung habe ich seit meinem Aufbruch von zu Hause, das heißt seit einem schnellen Kaffee und einem Butterbrot um 6 Uhr morgens, nichts mehr zu mir nehmen können (die Mittagspause war mit weiteren Organisation- und Improvisationsarbeiten vergangen).

Es hilft alles nichts. Der Fackelmarsch wird in Angriff genommen, allerdings völlig ohne Fackeln. Wozu auch? Der Wald ist ja im Januar ab ca. 17 Uhr stockfinster und fallen kann man schließlich auch im Dunkeln. In halsbrecherischer Manier stolpern wir Mühseligen und Geplagten also einem Führer hinterher, der als einziger im Besitz einer Taschenlampe ist („Fackeln? – Wir sind doch nicht im Mittelalter!“).

Unseren massiven Forderungen nach lichtspendenden Objekten begegnet er mit stoischer Ruhe und der Bemerkung, wir seien doch ein Team und sollten das jetzt auch unter Beweis stellen. (Wer das Fehlen der Fackeln zu verantworten hat, ist bis heute nicht geklärt).

Müde, hungrig, gereizt und schmutzig landen wir nach zweieinhalbstündigem Marsch wieder im Hotel. Nun schnell noch duschen und dann aber los zum Buffet.

Als ich herunter komme, wird dasselbe gerade aufgebaut.

Nach der offiziellen Eröffnung stürze ich respektlos darauf zu und bediene mich reichlich. Leider hat mein Magen die Angewohnheit, nach so lange übergangenem Hungergefühl ganz schnell den Zustand „Ich bin satt!“ ans Gehirn zu signalisieren. Daher kann ich meinen Arbeitgeber lange nicht so „schädigen“ wie ich das gerne täte…

Wieder allein in meinem Hotelzimmer rufe ich heimwehgeplagt meinen Lebensgefährten an.

„Peter? Ich bin’s. Du glaubst ja nicht, was heute wieder alles passiert ist…“, beginne ich mich schluchzender Stimme und berichte – mit vielen Unterbrechungen – von meinen Erlebnissen.

„Ach, mein Schatz, ich kann gut verstehen, dass Dich das jetzt alles ziemlich schafft. Der Laden scheint wirklich chaotisch zu sein. Aber weißt Du: Wenn jemand dieses Chaos bekämpfen und besiegen kann, dann Du, das weiß ich ganz genau!“

Sein grenzenloses Vertrauen in meine organisatorischen Fähigkeiten gibt mir wieder Selbstvertrauen. Und ich beschließe, den zweiten Tag der Tagung zu genießen (sofern nicht wieder ein paar Katastrophen eintreten).

Und tatsächlich: Der nächste Tag verläuft ähnlich geordnet und strukturiert wie der vorige, aber ohne größere Krisen. Genervt fahre ich am späten Nachmittag ins Büro zurück, wo ich lediglich noch meine Siebensachen auspacke und dann nach Hause enteile.

Peter hört sich all meine Wut, meinen Ärger und meinen Frust geduldig und verständnisvoll an. Leider kann er mir im Büro nicht helfen, aber sein Verständnis ist mir doch sehr wertvoll.

Wie oft ich an diesem Abend den Satz „Wäre ich doch nur bei unserem gemeinsamen Arbeitgeber geblieben!“ an seine müden Ohren werfe, weiß ich nicht wirklich. Er bleibt heldenhaft ruhig und nimmt mich oft in die Arme, wenn die Tränen dann gar zu heftig kommen.

Siebtes Kapitel

Nein, keine Sorge – ich langweile Sie nicht länger mit Situationsbeschreibungen und Klagen.

Nur so viel: Es wird nicht besser – im Gegenteil. Die Sache mit dem verheimlichten zweiten Vorgesetzten habe ich dem Geschäftsführer (wie auch dem Personalleiter und meinem eigentlichen Chef) bis heute nicht verziehen.

Wenn ich diesen arroganten Schnösel vorher zu Gesicht bekommen hätte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, den Job überhaupt in Betracht zu ziehen. In solchen Dingen verlasse ich mich immer gern auf meinen Bauch und die Chemie. Und beide Instrumente hätten beim Kennenlernen dieses Herrn unüberhörbare Warnungen ausgestoßen.

Gespräche nutzen nichts mehr – das Vertrauen in diesen Arbeitgeber ist dahin. Dazu kommt, dass ich mich von niemandem mobben lassen möchte, auch nicht von einem Geschäftsführer.

Nach und nach erreichen mich Anrufe und e-Mails von Außendienst-Kolleginnen, die mir – in Unkenntnis der Situation – viel Glück zum Start wünschen. Tenor aller Kontakte ist: „Wir hoffen wirklich sehr, dass Sie uns erhalten bleiben, nachdem Ihre Vorgängerinnen schon nach wenigen Wochen die Flucht ergriffen haben.“

Was sagt man nun dazu?

Das Management dieser Firma ist also offensichtlich unfähig, aus der Vergangenheit zu lernen. Man springt mit mir genauso um wie mit meinen Vorgängerinnen (von wegen „neu geschaffene Stelle“). Und man ist anscheinend jedes Mal wieder völlig verblüfft, dass die neue Mitarbeiterin gleich wieder geht.

Ich gehe jedoch nicht!

Meine sehr verständnisvolle Hausärztin zeigt mir einen (ehrenhaften!) Weg, wie ich aus dieser Nummer heraus kommen kann.

„Frau Eiger-Strom, ich stelle Ihnen jetzt ein Attest aus, dass ich Ihnen wegen drohender gesundheitlicher Beeinträchtigungen dringend rate, den Arbeitsplatz aufzugeben und schreibe Sie vier Wochen krank. Nein, sagen Sie jetzt nichts. In diesem Fall dulde ich keinen Widerspruch! Wenn Sie Ihren Anstellungsvertrag kündigen, dann bewahrt Sie mein Attest vor einer dreimonatigen Sperre des Arbeitslosengeldes“.

Ich kann mich trotzdem nicht entschließen, einen unbefristeten Arbeitsplatz (so mies er auch sein mag), einfach zu kündigen, ohne einen neuen Job gefunden zu haben.

Aber das muss ich auch nicht. Schon während der zweiten Krankheitswoche kommt die Kündigung, die innerhalb der Probezeit ja problemlos ohne Angabe von Gründen möglich ist.

Können Sie sich meine Erleichterung vorstellen, nie wieder in diesem Unternehmen arbeiten zu müssen???

Was jetzt allerdings auf mich zukommt, wird mir erst langsam und allmählich bewusst.

ICH BIN ARBEITSLOS.

Ausgerechnet ich, die doch immer so sicher im Sattel gesessen hat, die (wann immer sie wollte) einen guten Job bekommen hat, die sich die Firmen aussuchen konnte (eben die auf dem hohen Ross – Sie erinnern sich?) gehöre nun zum gesichtslosen Heer der Menschen ohne Arbeit.

Es ist zum Verzweifeln. In den kommenden zwei Wochen verlasse ich das Haus nur ein einziges Mal: Ich fahre mit Attest und Kündigung zur Agentur für Arbeit und melde mich arbeitslos. Dieser Verwaltungsakt dauert gerade einmal zehn Minuten und schon bin ich wieder auf dem Weg nach draußen – mit einer ganzen Mappe voller Anforderungen von Dokumenten und Bescheinigungen.

Aber halt – da war doch noch etwas! Richtig: Einer der beiden Geschäftsführer meines vorherigen Arbeitgebers hatte mir ja die Möglichkeit einer Rückkehr in Aussicht gestellt, wenn mir die neue Stelle nicht gefallen sollte.

„Den rufe ich nachher gleich mal an“, denke ich. Gedacht – getan.

„Merz hier, guten Tag!“, tönt es mir aus dem Telefonhörer fröhlich entgegen, nachdem die Sekretärin meinen Anruf zu ihm durchgestellt hat.

“Guten Tag, Herr Merz, hier spricht Julia Eiger-Strom. Sie erinnern sich doch noch an mich?“, frage ich mit einem Augenzwinkern.

Ein kurzes Schweigen in der Leitung und dann ein verlegenes Hüsteln. „Ah ja, natürlich – wie geht es Ihnen?“

„Wenn ich ganz ehrlich sein soll, dann geht es mir gerade nicht gut. Ich habe mit dem Wechsel zu meinem neuen Arbeitgeber einen großen Fehler gemacht. Das muss ich einfach eingestehen. Deshalb komme ich auf Ihr nettes Angebot zurück, Herr Merz. Sie boten mir an, mich bei Ihnen zu melden, wenn ich gerne wieder zurückkommen würde. Das tue ich hiermit – und es fällt mir nicht leicht, zu bitten, das dürfen Sie mir glauben!“, sprudle ich aufgeregt, weil unsicher, hervor.

„Jaaaa“, meint darauf Herr Merz gedehnt, „ich weiß, dass ich Ihnen eine Rückkehr in Aussicht gestellt habe. Aber derzeit haben wir einfach keine offene Position. Ihre frühere Stelle ist schon besetzt. Sie haben ja selbst Ihren Nachfolger eingearbeitet – und das mit großem Erfolg, wenn ich das mal so sagen darf.“

Ich bin heftig enttäuscht.