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Julia Eiger-Strom, eine 31jährige, frisch gebackene Mutter, lebt mit Mann Jochen und Sohn Tom in einer kleinen rheinhessischen Gemeinde. Jochen hat einen sehr gut bezahlten Job, erwartet aber, dass sich seine Frau nach der Mutterschutz-Frist zeitnah wieder eine Teilzeitstelle sucht. Julia fügt sich seinen Wünschen und ergattert bald einen Minijob in einer Arztpraxis ... wo sie das erste Mal mit kosmetischen Behandlungen in Berührung kommt. Der Funke springt über - Julia übernimmt unter Aufsicht in der Praxis einfache Akne-Behandlungen. Ihr wird bald bewusst, dass sie als ausgebildete Kosmetikerin mehr verdienen und ... ganz wichtig ... ZUHAUSE arbeiten könnte. Das wäre doch optimal. Leider sieht Jochen das ganz anders. Und Julia lernt, sich gegen Widerstände durchzusetzen. Ob das gut geht???
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Seitenzahl: 249
Veröffentlichungsjahr: 2022
Claudia Gesang, Jahrgang 1962, lebt mit ihrem Ehemann in einer Kleinstadt nahe Wiesbaden. Die Trilogie „Being Julia“ (die aus den Titeln WOLLEN KÖNNEN DÜRFEN!, WOLLEN, ABER DÜRFEN? und ICH DOCH NICHT! besteht) bezeichnet sie als Roman, in Wahrheit ist es aber ihre ganz eigene, bewegte Lebensgeschichte.
Eine Leseratte war Claudia Gesang schon immer und ihren ersten Schreibversuch (ein Sachbuch über die Kultur der Azteken) startete sie im zarten Alter von 12 Jahren. Allerdings blieb es damals beim Versuch. Sie beendete ihre Schulzeit 1980 mit einem sehr guten Abitur, absolvierte dann eine Ausbildung als Industriekauffrau und arbeitete viele Jahre als erfolgreiche Direktions- und Geschäftsleitungsassistentin.
Während des Erziehungsurlaubs ließ sie sich als Kosmetikerin ausbilden und führte zehn Jahre lang ihr eigenes Wellness-Institut. Ein heftiger Burnout zwang sie zur Aufgabe und regte sie 2010 zur Ausbildung als Heilpraktikerin für Psychotherapie (mit staatlicher Prüfung und Zulassung) an.
Der Wellness- und Gesundheitsbranche ist Claudia Gesang bis heute treu geblieben. Sie schreibt seit Jahren sehr erfolgreich als freie Autorin Fachartikel für die beiden größten deutschen Kosmetik-Fachzeitschriften. Bei Kosmetik-Messen wird sie gerne als Fachreferentin gebucht. Stundenweise unterstützt sie die Praxis ihrer Hausärztin als Assistentin an der Patientenaufnahme.
Und wenn sie sonst nichts weiter zu tun hat, schreibt sie Bücher. Ihre Webseite finden Sie unter: www.claudia-gesang-balance.de.
Sie ist passionierte Chor- und Solosängerin in einem Kammerchor im rheinhessischen Oppenheim und kümmert sich in ihrer Freizeit um ältere Nachbarn.
Claudia Gesang
WOLLEN KÖNNEN DÜRFEN
Ein autobiografischer Roman
© 2022 Claudia Gesang
Umschlag, Illustration: Claudia Gesang
Lektorat, Korrektorat: Claudia Gesang
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-74949-8
Hardcover:
978-3-347-74950-4
e-Book:
978-3-347-74959-7
Großschrift:
978-3-347-74961-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Halenreie 40 – 44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind von meinem persönlichen Umfeld inspiriert, entsprechen aber nicht den realen Personen!
Erstes Kapitel
Unglaublich! Da ist es nun – mein eigenes Institut! Wir schreiben das Jahr 1995 und es ist Frühling. Welche Jahreszeit könnte schöner sein für den Start in die Selbstständigkeit? „Julia’s Kosmetikstudio“, so hatte ich das Ergebnis meines zähen Durchhaltens genannt.
Na ja, ein Institut ist es nun nicht gerade, dafür ist das Zimmer einfach zu klein, aber es enthält alles, was eine frisch gebackene, 33-jährige Kosmetikerin so braucht: eine bequeme Behandlungsliege, einen Arbeitstisch, ein Vapozon, einen Frimator, eine Lupenleuchte und natürlich einen kleinen Schreibtisch mit Terminbuch und ein Mini-Regal für Verkaufsprodukte.
Ja, alles da. Jetzt fehlen nur noch die Kundinnen!
In Rheinheim, einem hübschen kleinen Ort im schönen Rheintal, bewohne ich mit Ehemann Jochen und meinem kleinen Sohn Tom (schon fast 2 Jahre alt und sehr stolz darauf) eine Doppelhaushälfte mit kleinem Garten. Bis kurz vor Toms Geburt war ich eine vielbeschäftigte Assistentin auf Geschäftsleitungsebene, zuerst in einem sehr bekannten Unternehmen für Kosmetik- und Körperpflegeprodukte, dann in einem ebenso bekannten Unternehmen der Verpackungsindustrie.
Jochen und ich hatten während der Schwangerschaft besprochen, dass ich nach der Geburt ein Jahr Mutterschaftsurlaub nehmen sollte - jawohl, so hieß das damals noch!
„Damit Du Deinem natürlichen Mutterinstinkt nachkommen und für Tom sorgen kannst“, meinte mein Angetrauter, „aber danach erwarte ich, dass Du wieder arbeitest und Deinen Beitrag zu unseren finanziellen Verpflichtungen leistest.“
Nach dieser unmissverständlichen Ansage hatte ich wenig Lust, mich in diesem einen Jahr auf die faule Haut zu legen – was mit einem Säugling ohnehin ein wenig schwierig geworden wäre. Aber ich wollte auch nicht wieder in den hektischen Alltag eines Büros zurück, wo frau nie weiß, ob sie pünktlich Feierabend machen kann oder nicht. Also konsultierte ich nach paar Monaten des Stillens und Gewöhnens an den neuen Lebensrhythmus brav und treu jeden Samstag vor allem die kleineren Stellenanzeigen in unserer regionalen Tageszeitung.
Man wird es kaum glauben, aber in unserem Haushalt hatte nur einer einen PC – Jochen. Außerdem war GOOGLE mit all seinen wunderbaren Möglichkeiten zu dieser Zeit noch nicht erfunden oder eventuell auch noch nicht bis zu meinen Augen und Ohren durchgedrungen. Die Menschheit war noch etwas ruhiger und weniger hektisch als heute, da weder Facebook, Twitter & Co. noch SMS oder gar WhatsApp die Kommunikation auf Überlichtgeschwindigkeit gepusht hatten. Wer also – wie ich – auf der Suche nach einer Arbeitsstelle war, der durchforstete gemütlich bei einer Tasse Kaffee und hochgelegten Beinen den Stellenanzeigen-Teil der Tageszeitung. Ich konzentrierte mich auf Stellenangebote für Teilzeit, denn das hatte ich bei Jochen dann doch durchgesetzt – die andere Hälfte meines Beitrags sei das alleinige Übernehmen der kompletten Hausarbeit. Bei einer dieser gemütlichen Sessions entdeckte ich die klitzekleine Anzeige eines Dermatologen.
„Schreibkraft für dermatologische Praxis in Niedernheim gesucht, stundenweise auf 650-DM-Basis, Voraussetzung: Kenntnisse in medizinischer Terminologie; Bewerbung bitte an Chiffre HAR74874759473“.
„Na, das wäre doch was für mich“, dachte ich erfreut, „Niedernheim ist gar nicht weit weg – da werde ich sofort in Aktion treten.“
Voller Freude zeigte ich Jochen die Anzeige, aber der war nicht begeistert.
„Nee, Julia, so haben wir nicht gewettet! Wir hatten uns auf Teilzeit geeinigt. Und das bedeutet einen regulären Arbeitsvertrag mit 20 oder lieber 25 Stunden in der Woche und einem festen Gehalt – das deutlich über 650 DM im Monat liegen muss. Wovon sollen wir denn die Raten für diese Luxusherberge hier bezahlen? Und Tom wird uns auch eine Stange Geld kosten … wenn ich allein die Schnelligkeit betrachte, mit der er aus seinen Klamotten und Schuhen rauswächst!“
„Ja, Herr Lieblingsehemann“, schoss es mir durch den Kopf, „daran hättest Du denken sollen, bevor Du entschieden hast, dass ich die Antibaby-Pille absetzen kann.“
Außerdem vergaß er bei seiner Ansprache geflissentlich, dass meine Eltern bisher jedes einzelne Paar Schuhe für Tom gekauft und damit auch bezahlt hatten. Aber um der stichhaltigen Argumentation willen zählten solche Kleinigkeiten für Jochen nicht.
„Ja, das verstehe ich alles, Jochen. Aber ich muss mich erst mal wieder an regelmäßige Arbeitszeiten gewöhnen und außerdem – was viel wichtiger ist – muss ich einen Rhythmus finden, der Toms und Deinen Bedürfnissen entspricht. So eine gemäßigte Rückkehr ins Berufsleben wäre doch ideal. Und wenn dann nach einiger Zeit alles reibungslos läuft, dann kann ich mich ja nach einem Job mit mehr Wochenstunden umsehen.“
Als Antwort erhielt ich ein Brummen, das – dank Fehlens von Gegenargumentation – wohl als Zustimmung zu werten war. Damit war für mich das Thema vom Tisch … ich würde mich stante pede bewerben.
„Auf Grund des Großen Latinums, das ich in der Abiturprüfung mit einer Eins bestanden habe, fühle ich mich gut präpariert, um die geforderte medizinische Terminologie fehlerfrei bewältigen zu können.“ Dieser Satz war wohl ausschlaggebend dafür, dass ich zwei Tage nach Absenden meiner Bewerbungsmappe angerufen wurde.
„Guten Tag, Frau Eiger-Strom, hier spricht Dr. Hardenberg. Ich habe Ihre Bewerbung erhalten und möchte Sie gerne kennenlernen.“
„Guten Tag, Herr Doktor. Oh, das ging aber schnell. Ich hätte nicht gedacht, dass die Post den Umschlag so schnell zustellen würde. Ich freue mich wirklich sehr, dass Sie mich zum Gespräch einladen. Wann soll ich denn kommen?“
„Passt es Ihnen morgen früh, so gegen 7.30 Uhr? Da können wir uns unterhalten, bevor um 8 Uhr die ersten Patienten eintrudeln.“
„Ja, prima, das passt gut. Ich bin pünktlich bei Ihnen in der Praxis. Dann bis morgen und einen schönen Abend, Herr Doktor.“
„Danke, gleichfalls. Bis morgen!“
Ich war sehr neugierig auf die Praxis und den Arzt, der hoffentlich bald mein neuer Chef werden würde. Meine Mutter freute sich ebenfalls, denn das Vorstellungsgespräch bedeutete für sie wieder gemeinsame Zeit mit ihrem Lieblings-, weil einzigen Enkelkind.
Am nächsten Morgen tauschte ich den SchlabberLook des Hausfrauendaseins gegen Hose, Bluse und Blazer und fand mich sehr pünktlich vor der Tür der „Dermatologischen Praxis Dr. Hardenberg“ ein. Auf mein Klopfen hin öffnete mir Herr Doktor selbst die Tür und freute sich sichtlich auf unser Gespräch.
Sowohl dieses wie auch Dr. Hardenberg selbst empfand ich als sehr nett und angenehm. Er erkundigte sich nach meinen familiären Verhältnissen.
„Ach, Sie sind erst kürzlich Mutter geworden … herzlichen Glückwunsch!“
Dann ließ er mich einige der häufig vorkommenden medizinischen Termini buchstabieren.
„Na, das klappt ja perfekt … wie ich Sie einschätze, werden Sie auch sehr bald wissen, was die Begriffe bedeuten. Ja, liebe Frau Eiger-Strom, dann werden wir beide es also miteinander probieren. Willkommen im Team – wann können Sie anfangen?“
Ich muss zugeben, dass ich noch nie in einem Vorstellungsgespräch eine explizite Zusage bekommen habe. Klasse!
„Herzlichen Dank für Ihr Vertrauen, Herr Doktor. Ich freu‘ mich schon sehr! Anfangen kann ich nächste Woche – wenn Sie mögen, gleich am Montag.“
„Das passt sehr gut! Elisabeth, also Frau Finke, wird sich sehr über die Unterstützung freuen. Sie ist seit einiger Zeit an ihre Grenzen gekommen, was die Arbeitsbelastung betrifft. Dann also bis Montag. Den Vertrag arbeite ich bis dahin aus und Sie können ihn dann an Ihrem ersten Arbeitstag mitnehmen. Über die Verteilung der Arbeitstage sprechen Sie am besten mit Frau Finke. Sie weiß genau, wann die arbeitsintensivsten Zeiten sind. Sind Sie mit 20 DM pro Stunde einverstanden? Gut, dann regeln Sie bitte alles Weitere mit ihr, ja?!“
Froh und glücklich über den schnellen Erfolg meiner Bewerbung ließ ich alle Familienmitglieder, Tom eingeschlossen, obwohl er ja noch gar nicht verstehen konnte, warum Muttern sich freut, wissen, dass ich ab Montag wieder zum arbeitenden Teil der Bevölkerung zählen würde.
Zweites Kapitel
Ein kleines bisschen nervös – denn ich hatte es ab sofort ja mit Frau Finke, die ich noch gar nicht kannte, zu tun – trat ich also am kommenden Montag meinen Dienst in der Praxis an.
„Hallo, liebe Frau Eiger-Strom, ich bin Elisabeth Finke. Herzlich willkommen! Ich freue mich sehr über die Hilfe, denn so langsam schaffe ich es wirklich nicht mehr allein. Kommen Sie, ich zeige Ihnen unsere Arbeitsplätze und erkläre Ihnen die Schreibmaschinen … die haben nämlich eine Besonderheit: Wir brauchen immer wiederkehrende Sätze oder standardisierte Ausdrücke nicht jedes Mal neu zu schreiben, dafür gibt es Textbausteine, die wir einfügen können. Das ist sehr praktisch – Sie werden sehen!“
Voller Begeisterung führte Frau Finke mich durch eine Tür am hinteren Ende der Praxis über eine Treppe ein Stockwerk tiefer zu unseren Schreibtischen. Dabei kamen wir an einem sehr schön gestalteten Wartebereich vorbei, dessen Funktion ich mir nicht wirklich erklären konnte.
„Frau Finke, sagen Sie, was ist das denn für ein Wartebereich? Werden hier unten auch Patienten behandelt?“
„Nein“, lachte sie, „hier ist das Wartezimmer von Frau Evers, unserer medizinischen Kosmetikerin. Sie behandelt hier hauptsächlich die Akne-Patienten, die von Dr. Hardenberg geschickt werden. Auch sie kommt langsam an die Grenzen ihrer zeitlichen Möglichkeiten, das hat sie mir neulich erst gesagt. Aber Dr. Hardenberg konnte noch keine Kosmetikerin finden, die bereit wäre, für ein paar Stunden hier auszuhelfen. Na, er sucht halt weiter.“
Interessant – eine Hautarztpraxis mit angeschlossenem Kosmetikinstitut … sehr geschickt. Damals war eine solche Konstellation eher die Ausnahme denn die Regel!
Ich folgte neugierig meiner Führerin und ließ mich in die Geheimnisse der Textbausteine einweisen. Mir kam das alles sehr neu und modern vor – schließlich kam ich mit dem Wissen um Kugelkopf- bzw. Typenrad-Schreibmaschinen … von Computern war noch überhaupt keine Rede! Selbst die Praxis oben führte ihre Patientenkarteien noch als ebensolche … auf Karten!
Dr. Hardenberg hatte am Vormittag bereits mehrere Tonbänder mit Diagnosen diktiert und wir setzten uns nun eifrig ans Schreiben.
Hautärzte aus der Umgebung schickten Biopsien, also Gewebeproben, die sie ihren Patienten entnommen hatten, zu Dr. Hardenberg ein, der zusätzlich zu seiner Hautarztpraxis und dem Kosmetikstudio auch noch ein histologisches Labor betrieb. Er fertigte von den eingeschickten Gewebeproben Schnitte an, die er unter dem Mikroskop begutachtete. Dann teilte er den einschickenden Kolleginnen und Kollegen die Befunde und seine Diagnose mit. Und eben diese Informationen brachten Frau Finke und nun auch ich zu Papier.
Da die Diagnosen nicht immer positiv waren, kam es auch auf unsere Schnelligkeit an … was Dr. Hardenberg morgens diktierte, musste am selben Tag noch rausgeschickt werden. Bei malignen Melanomen, bösartigem schwarzem Hautkrebs, bekamen die behandelnden Ärzte vorab einen Anruf und ein Fax, damit nicht weiter wertvolle Zeit bis zum Beginn einer Therapie verloren ging.
Anfangs nahm es mich sehr mit, wenn ich als Diagnose ein malignes Melanom tippen musste. Einmal war sogar ein neunjähriges Mädchen damit behaftet – schrecklich –, aber Frau Finke half mir darüber hinweg. Sie kannte dieses Gefühl nur zu gut und war sehr verständnisvoll.
Wir einigten uns auf meine Einsatztage (mittwochs und freitags) und sowohl ich selbst als auch meine Mutter freuten uns von da ab auf diese Wochentage … Mama hatte dann immer ihren Enkel bei sich und konnte ihn nach Herzenslust verwöhnen.
„Kind“, pflegte sie zu meiner leisen Kritik zu sagen, „Omas und Opas dürfen das!“
Und wenn Mama – was äußerst selten vorkam – einmal keine Zeit hatte, dann erlaubte Dr. Hardenberg mir ohne Zögern, Tom mit in die Praxis zu bringen, wo der kleine Mann dann vom gesamten Team … na, was wohl … natürlich ebenfalls verwöhnt wurde.
Mit jedem Befundbericht wurde ich sicherer und begann, mich auch für die Erklärung der Diagnosen zu interessieren – ganz wie Dr. Hardenberg es vorausgesehen hatte. Schnell waren Elisabeth und ich beim „Du“ angekommen und sie erklärte mir alles, was sie selbst zu den einzelnen Krankheitsbildern und Diagnosen wusste. Für meine darüber hinaus gehende Neugier stellte mir Dr. Hardenberg auf Elisabeths Fürsprache hin Fachliteratur zur Verfügung, die ich in Toms Mittagsschlaf-Perioden eifrig las.
Jochen hatte anfangs ein paar sarkastische Kommentare über Tippsen mit Einser-Abitur parat, aber ich ließ mich davon nicht beirren. Und als er merkte, dass er mich damit nicht ärgern konnte, hatte selbst er keine Lust mehr dazu.
Drittes Kapitel
Die Wochen vergingen, Elisabeth nahm den größten Teil ihres Jahresurlaubs und ich hatte keine Mühe, die Arbeit vorübergehend auch allein zu bewältigen. Darauf war ich sehr stolz. Dr. Hardenberg lobte mich immer wieder und mein Selbstwertgefühl begann sich heimlich, still und leise zu entwickeln. Doch davon bemerkte ich zunächst nichts.
„Frau Eiger-Strom, ich habe einen Vorschlag, nein – eigentlich ist es eine Bitte an Sie“, sprach der Chef mich eines schönen Freitags an, als ich ihm die Befundberichte zur Unterschrift vorlegte. Neugierig schaute ich ihn an.
„Sie wissen ja, dass Frau Evers meine Akne-Patienten kosmetisch betreut. Die Krankenkassen gewähren pro Behandlung bei ihr einen Zuschuss von 20 Mark und immer mehr Patienten nehmen dieses Angebot wahr. Bei Frau Evers ist es nun soweit, dass sie neue Patienten ablehnen müsste – deshalb hat sie mich um eine Assistentin gebeten. Hätten Sie Lust dazu?“
Ich war sprachlos!
Jaaaaa, auf jeden Fall, super, sofort – das alles wollte ich herausschreien, aber ich musste mir auf die Zunge beißen und das Angebot erst einmal mit Jochen besprechen.
„Jetzt bin ich aber überrascht, Herr Doktor! Damit habe ich nicht gerechnet. Aber ich freue mich sehr, dass Sie an mich gedacht haben. Trauen Sie mir diese Aufgabe denn zu? Ich habe keinerlei kosmetische Fachausbildung. Meine berufliche Laufbahn hat sich zwar zum überwiegenden Teil in der kosmetischen Industrie abgespielt, aber das befähigt mich noch lange nicht, an Menschen zu arbeiten.“
„Natürlich, Frau Eiger-Strom, das weiß ich. Aber ich traue Ihnen diese Aufgabe durchaus zu. Die theoretischen Grundlagen bekommen Sie von mir in Form von Fachbüchern und Frau Evers wird Sie in die praktische Seite der Medaille einweisen. Danach werden Sie in der Lage sein, eine einfache Aknetherapie auch eigenständig durchzuführen, glauben Sie mir. Die schwierigeren Fälle bleiben natürlich weiterhin bei Frau Evers, keine Angst!“
Nein, Angst hatte ich keine … irgendwie hatte ich großes Vertrauen zu Dr. Hardenberg. Er würde mir sicherlich nichts anvertrauen, von dem er nicht fest glaubte, dass ich das schaffen konnte.
Jetzt galt es aber, Jochen von meinem Wunsch, zusätzlich als Kosmetikerin zu arbeiten, zu überzeugen. Das würde sicher nicht einfach werden. Und richtig …
„Was soll das denn jetzt, Julia? Es ist richtig, dass Du mehr arbeiten und mehr Geld verdienen willst, aber dann such‘ Dir bitte einen anständigen Teilzeitjob, nicht so ein zusammengestückeltes Gefeudel auf Stundenbasis. Nein, da mache ich nicht mit. Das war so nicht vereinbart. Vergiss es!“
Aus der Traum! Im Stillen hatte ich es ja befürchtet. Der konservative Arbeitnehmer in ihm konnte sich mit diesen neuartigen Job-Konzepten nicht anfreunden.
Traurig erzählte ich meinen Eltern davon.
„Da ist sicher das letzte Wort noch nicht gesprochen, Kind“, beruhigte mich mein Vater. „Ich werd‘ versuchen, Jochen umzustimmen.“
„Nein, Papa, bitte nicht – Ihr beiden Männer habt schon genug Differenzen bei Themen, die mich betreffen. Ich glaube nicht, dass Du mir damit helfen kannst.“
„Papa vielleicht nicht“, warf meine Mutter ein, „aber ich könnte es ja mal versuchen. Jochen und ich kommen in der Regel gut mit einander aus. Vielleicht hört er auf mich. Lass mich mal machen, Juli.“
Ja, vielleicht …. eventuell … möglicherweise … könnte das klappen. An diesem Abend betete ich inständig für Mamas Erfolg.
„Ach Julia, hör mal, ich habe mir die Sache mit Deinem Job nochmal durch den Kopf gehen lassen“, verkündete mein Ehemann zwei Tage später. „Vielleicht ist das doch keine so schlechte Sache. Du verdienst jetzt gleich mehr Geld und kannst dann in Ruhe einen Halbtags-Job suchen. Warum sollten wir auf dieses Zubrot verzichten? Du musst aber erst mit Deiner Mutter sprechen, ob sie bereit ist, Tom noch öfter zu übernehmen. Irgendwann wird sie es ja täglich müssen, dann ist diese Zeit jetzt schon eine gute Übung für sie.“
Zufrieden mit sich drehte Jochen sich um und das Thema war für ihn erledigt. Er hatte – wieder einmal – gesagt, wo’s langgeht und sich damit durchgesetzt. Seine Welt war in Ordnung.
Ich musste innerlich heftig grinsen. Mama hatte es also geschafft – und das mit Bravour. Jochen war doch tatsächlich der Meinung, dass er allein diese Entscheidung getroffen hatte … ein Hoch auf Mamas psychologische Finesse!
Freudig erklärte ich an meinem nächsten Arbeitstag Dr. Hardenberg, dass ich die Arbeit bei Frau Evers gerne übernehmen würde. Er hatte offensichtlich nichts anderes erwartet und wir setzten uns zu Dritt nach meinem Schreibdienst zusammen, um die Einsatzmöglichkeiten abzustimmen.
Was soll ich sagen? Es fügte sich nahtlos eins zum anderen und binnen kürzester Zeit war ich an vier halben Tagen in der Praxis am Arbeiten. Die unterschiedlichen Tätigkeiten machten die Sache interessant und abwechslungsreich. Frau Evers zog sich mehr und mehr aus der „Überwachung“ zurück und ließ mich selbstständig arbeiten. Natürlich landeten nur die einfachen Akne-Fälle bei mir, aber ich war stolz und glücklich, Patienten (beiderlei Geschlechts) eigenständig behandeln zu dürfen.
Manche jungen Männer kamen jede Woche zu mir, um die Haut ausreinigen und versorgen zu lassen. Mir fiel auf, dass bei Männern – wenn sie denn Akne bekamen – diese um einiges heftiger ausfiel als bei jungen Frauen. Frau Evers bestätigte mir diese Beobachtung und erklärte mir auch, dass in solchen Fällen Dr. Hardenberg die manuelle Akne-Behandlung durch eine Therapie mit einem hochwirksamen Medikament unterstützte.
„Leider hat dieses Medikament die Eigenschaft, bei einer Schwangerschaft das Erbgut zu schädigen“, informierte Frau Evers mich eingehender. „Deshalb wird es bei Mädchen nur mit äußerster Vorsicht und unter engmaschiger klinischer Kontrolle eingesetzt.“
Immer wieder bekam ich neue Patienten mit neuen Hautbildern und dadurch neue Herausforderungen. Es machte mir unglaublich viel Spaß, ständig mein Wissen um die Haut und deren Behandlung zu erweitern. Dr. Hardenberg hatte es inzwischen sicher bereut, mir diese Stelle angeboten zu haben, denn ich löcherte ihn täglich mit neuen Fragen … die er samt und sonders mit neuen Fachbüchern beantwortete.
Leider würde ich ihm diese Bücher eines Tages wieder zurückgeben müssen. Als ich das gelegentlich beim Kaffeetrinken mit Mama kurz erwähnte, stürzte sie sich sofort darauf.
„Ach, das ist ja prima“, strahlte sie über das ganze Gesicht.
Wie????? Ich fand es eher schlimm, denn dann könnte ich nichts mehr nachschlagen!
„Nein, mein Schatz, das meine ich nicht. Es ist einfach klasse, dass ich jetzt vernünftige Geschenke für Geburtstage und Weihnachten für Dich weiß! Gib mir doch bald mal eine Liste mit den Büchern, ja?“
Und damit war meine Sorge weggewischt! Mama und Papa „arbeiteten“ diese Liste auf zwei Mal ab – die Hälfte der Bücher bekam ich zu Weihnachten und die andere Hälfte zu meinem Geburtstag Ende März geschenkt. Was sagt man dazu?!
In jeder freien Minute schmökerte ich in den zum Teil ziemlich dicken Wälzern herum. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen – Dr. Hardenberg und Frau Evers, ja selbst Elisabeth bemerkten die stetige Ausweitung meines Wissensspektrums und gratulierten mir dazu.
„Julia, ich glaube, dass Sie bald auch etwas schwierigere Fälle übernehmen können“, erklärte Frau Evers, „Sie haben sich sehr gut eingearbeitet und ich zeige Ihnen gerne weitere Behandlungsmethoden. Was halten Sie davon, wenn wir morgen mal in die Geheimnisse der Fruchtsäure-Therapie einsteigen?“
Viiiiiel!!!
Und so begann ich, neben dem theoretischen Wissen auch meine praktischen Erfahrungen unter der einfühlsamen und kompetenten Anleitung von Frau Evers zu erweitern. Bald arbeiteten wir beide Kabine an Kabine einträchtig nebeneinander und tauschen uns – fast – auf Augenhöhe über Hautbilder unserer Patienten aus. Dr. Hardenberg war sehr zufrieden über diese Entwicklung. Er stellte noch eine weitere Schreibkraft ein, um mich mehr und mehr für AkneBehandlungen einzusetzen.
Und auch Jochen konnte nun nicht mehr herummeckern. Dr. Hardenberg hatte mich wenige Monate, nachdem ich in die Kosmetikpraxis mit eingestiegen war, als Halbtagskraft angestellt … die steigenden Stundenzahlen ließen eine Aushilfstätigkeit eben nicht mehr länger zu. Anfangs beschwerte sich Jochen über mein Gehalt.
„In der Wirtschaft ist wesentlich mehr drin für die Stunden, die Du da investierst!“, schimpfte er.
Aber ich tat einfach – gar nichts. Ich las keine Stellenanzeigen mehr und bewarb mich auch nirgendwo. Seine (immer seltener werdenden) sarkastischen Bemerkungen beantwortete ich mit dem immer gleichen „Tut mir leid, aber ich bin leider nicht dazu gekommen.“ samt einer Begründung durch den Haushalt: Die Fenster mussten geputzt, das Unkraut im Garten gejätet oder der wöchentliche Großeinkauf erledigt werden. Irgendwann hatte er meinen in seinen Augen ungewöhnlichen Teilzeitjob dann stillschweigend akzeptiert, denn Dr. Hardenberg war mit gelegentlichen Sonderzahlungen nicht kleinlich.
Aber leise, ganz heimlich und leise regte sich ein Wunsch in mir …
Viertes Kapitel
Was wäre, wenn …? Ich würde so gerne nur noch als Kosmetikerin arbeiten. Die Behandlungen in der Praxis, die Dankbarkeit der jungen Menschen und die sicht- und fühlbaren Erfolge hatten es mir angetan. So etwas könnte ich doch auch zu Hause …?
Ein weitgehend ungenutztes Gästezimmer war vorhanden, Tom ein sehr pflegeleichtes Kind und Mama war es völlig egal, wo ich arbeitete, solange sie ihren Enkel immer wieder bei sich haben konnte, nicht wahr?
Doch: Wie sollte ich das anstellen? Ich würde eine Ausbildung als Kosmetikerin absolvieren und eine Prüfung ablegen müssen. Die Ausstattung und Produkte würden ebenfalls eine Menge Geld kosten. Und – das Wichtigste – Jochen würde damit ganz und gar nicht einverstanden sein.
Das sah alles ziemlich aussichtslos aus. Und doch …?!
Es gibt bekanntlich keine Zufälle im Leben. Eine geheimnisvolle Macht – wie immer man sie auch nennen mag – fügt Menschen, Dinge und Begebenheiten so zusammen, dass es passt … auch wenn die Erkenntnis dazu erst viel später kommen mag, davon bin ich felsenfest überzeugt.
Mama hatte Tom und mich auf einen Einkaufsbummel in die Stadt eingeladen (inklusive Cafébesuchs und Rieseneisbechern), damit der junge Mann wieder einmal mit passenden Kleidungsstücken und Schuhen ausgestattet werden konnte. Tom hatte in den letzten Wochen einen kleinen Wachstumsschub und so konnte dieser Einkaufstrip unter gar keinen Umständen länger aufgeschoben werden.
Brummend sah dann auch Jochen die Notwendigkeit ein und machte sich den vorbereiteten Eintopf nach der Arbeit selbst warm. Wie praktisch, dass Online-Einkäufe zu dieser Zeit zumindest in unseren Haushalt noch keinen Einzug gehalten hatten!
Tom bekam also neue Jeans, Pullis, T-Shirts, Unterwäsche, Socken sowie eine schicke Badehose mit Superman-Motiv und ließ die Schuh-Anproben klaglos über sich ergehen, so dass am Schluss noch eine Salamander-Tragetasche mit schwarzen Turnschuhen in unseren Händen landete.
Diese kräftezehrende Prozedur trieb uns geradezu in ein Café, in dem wir dann bei Kaffee, Kuchen und einem Eisbecher für Tom zusammen saßen. Ich hatte ein Malbuch für ihn mitgenommen, das er nach dem Eisgenuss mit vielen Buntstiften attackierte.
„Kind, Du hast doch irgendwas“, meinte meine Mutter auf einmal leise zu mir. „Was ist denn los? Du bist nicht mehr so fröhlich wie sonst!“
Mit einem kleinen Seitenblick auf den völlig vertieften Tom entschloss ich mich, Mama von meinem Wunsch zu erzählen.
„Ja, weißt Du, Mama, die Kosmetikbehandlungen bei Dr. Hardenberg machen mir wirklich viel Spaß. Frau Evers ist sehr zufrieden mit mir und gibt mir häufig Kosmetik-Fachbücher übers Wochenende mit nach Hause. Leider kann ich nur lesen, wenn Jochen Meetings vorbereitet oder im Fitnessstudio ist. Und auch dann habe ich meinem kleinen Schatz hier gegenüber oft ein schlechtes Gewissen, denn er möchte ja nicht immer alleine oder mit Freunden spielen. Aber das Thema Kosmetik ist halt so spannend!“
„Und worauf läuft das Ganze jetzt hinaus?“, schmunzelte meine Mutter schelmisch.
„Ich würde soooooo gerne eine richtige Ausbildung zur Kosmetikerin machen, Mama“, sprudelte es aus mir heraus, „und dann das kleine Gästezimmer in einen Behandlungsraum umfunktionieren. Was meinst Du dazu?“
Atemlos wartete ich auf Mamas Reaktion.
„Na, das ist doch eine prima Idee, Kind! Den Raum braucht Ihr eh so gut wie nie und ich wäre auch gleich Deine erste Stammkundin. Meine Nachbarin würde auch zu Dir kommen, da bin ich sicher, und einige Damen meiner Seniorentanzgruppe ebenfalls. Du könntest Dir zusätzlich zu Deinem Gehalt noch ein paar Mark dazu verdienen. Geld kann man immer brauchen, also dürfte Jochen auch nichts dagegen haben. Also, ich finde Deine Idee klasse. Wo kannst Du denn diese Ausbildung machen?“
„Na ja“, druckste ich ein wenig herum, „es gibt da eine Kosmetikschule in der Pfalz, in der ich den theoretischen Teil von zu Hause aus lernen kann und nur zu den Praxismodulen und natürlich zur Prüfung in die Schule kommen müsste …“
„Aha, und wo liegt nun das Problem?“
Meiner Mutter kann man auf Dauer eben nichts vormachen.
„Weißt Du, Mama, die Schule ist privat und kostet halt eine Menge Geld. Und für die ganzen Ausstattungsgegenstände im Behandlungsraum müsste ich ebenfalls einiges ausgeben.“
„Ja, und?“ Mama ließ nicht locker.
„Ach, Mama, Jochen gibt mir nie und nimmer das Geld für Ausbildung und Anschaffungen! Er ist im Stillen immer noch unzufrieden, dass ich nicht wieder in einem großen Unternehmen im Büro arbeite, und hat mit dem ganzen Kotz-Metik-Kram, wie er es nennt, sowieso nichts am Hut. Ich habe ihm von meinem Wunschtraum nichts erzählt und wüsste auch gar nicht, wie ich ihm das am besten beibringen könnte. Du kennst ihn doch!“
Meine Niedergeschlagenheit spornte Mama erst recht an, eine Lösung zu finden.
„Hör mal, Jochen hat keinen Grund, sich aufzuregen. Du bist wenige Monate nach Toms Geburt schon wieder in Lohn und Brot gewesen und liegst dem gnädigen Herrn beileibe nicht auf der Tasche! Außerdem verdient er nicht schlecht und wenn er schon Nachwuchs haben will, dann muss er auch damit leben, dass sich jemand – also die Mutter – darum kümmern muss. Herrgott, der Mensch geht mir auf die Nerven!“, ereiferte sie sich immer mehr, „Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter! So ein Quatsch, selbst da blieben die Mütter daheim und versorgten Kinder und Haushalt. Die eierlegende Wollmilchsau kann er nun mal nicht haben.“
„Pfui, Oma, sowas darf man aber nicht sagen!“, ertönte plötzlich von der Seite die Stimme meines Sohnes.
Erschrocken sahen wir uns an, aber dann wurde mir klar, dass Tom lediglich auf den Ausdruck Wollmilchsau reagiert hatte und seine gute Erziehung zum Ausdruck bringen wollte.
„Nein, mein Schatz, da hast Du ganz Recht! Oma hat sich versprochen, sie wollte sicher Wollmilchspfau sagen. Das kann ja mal vorkommen, gell?“
„Ja klar, sowas passiert mal. Aber ein bisschen musst Du schon aufpassen, Oma!“, meinte Tom altklug und wandte sich wieder dem Ausmalen zu.
„Jetzt mal Butter bei die Fische, Kind.“
Mama hatte ihren Schrecken schnell überwunden und wurde sofort wieder sehr pragmatisch.
„Stell‘ mal zusammen, was die ganze Sache kosten wird. Ich rede mit Papa und wir werden das schon hinkriegen, glaub‘ mir. Deinen Mann brauchen wir dazu nicht!“
Trotz all meiner Unsicherheit gerade im letzteren Punkt keimte doch so etwas wie Hoffnung auf. Vergnügt bestellten wir alle noch eine Runde Kaffee bzw. Apfelschorle und ließen es uns gut gehen.
Auf dem Nachhauseweg hörte Tom in seinem Kindersitz auf dem Rücksitz eifrig Hörspiele.
„Denk‘ an die Liste mit den Kosten“, erinnerte mich Mama leise, „wir wollen doch nicht unnötig Zeit verlieren.“
Ich nickte, aber mein Magen krampfte sich bei der Vorstellung, irgendwann Jochen mit dieser Idee unter die Augen treten zu müssen, schmerzhaft zusammen.
Fünftes Kapitel
Die Liste, die Liste, die Liste … ständig waberte dieser Gedanke durch meinen Kopf. Nach außen hin bemühte ich mich um Normalität, Tom bemerkte nichts (aber er war ja noch sehr klein) und auch Jochen schien nicht zu realisieren, dass ich im Geiste oft sehr weit weg war.
Die Liste … irgendwann musste ich mich daran setzen. Mama warf mir bei allen Gelegenheiten heimlich fragende Blicke zu.
Die Liste …
Eines Freitagnachmittags eröffnete mir Jochen, dass er mit seinen Arbeitskollegen am nächsten Wochenende einen Ausflug unternehmen würde.
„Die Frauen sind dieses Mal nicht dabei“, kam er meiner Frage gleich zuvor. „Wir werden eine kleine private Bierbrauerei besuchen – natürlich mit Bierprobe und zünftigem Essen und einer Übernachtung – und da sind Frauen eh nur hinderlich. Außerdem sind Deine Eltern an diesem Wochenende ja auch unterwegs, da musst Du sowieso bei Tom bleiben.“
„Klar, kein Problem“, bemühte ich mich um einen neutralen Ton, „Bier ist ja ohnehin nicht mein Fall … lieber ein schöner Rotwein. Tom und ich werden das Wochenende schon herumkriegen. Das Wetter wird hoffentlich so schön bleiben und dann bevölkern wir einfach ein paar Spielplätze. Vielleicht haben Sabine und Ann-Kathrin auch Zeit, dann können die Kinder zusammen spielen.“
„Ja, ja“, brummte Jochen, „wenn Du mit Sabine nur wieder über uns Männer herziehen kannst…!“
