Ich geh! Kommt klar! - Olia Linnet - E-Book

Ich geh! Kommt klar! E-Book

Olia Linnet

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Beschreibung

Die 35-jährige Helen findet nicht länger Erfüllung in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. Ihr Bestreben, den Kindern mehr Eigenverantwortung zu übertragen und öfter nur an sich zu denken, stößt auf Widerstand. Die Teenager – Marlen (10), Fiola (14), Tino (15) – rebellieren und Gatte Karsten, der sie all die Jahre über sein Hobby vernachlässigt hat, zettelt einen Kleinkrieg an. Helen lässt sich nicht beirren, zieht konsequent ihr Ding durch. Als sie verkündet, allein mit dem Motorrad Namibia zu durchqueren, gerät die Beziehung ernsthaft in Gefahr. Nach ihrer Abreise ist Karsten gefordert, seiner Vaterrolle drei Wochen lang gerecht zu werden und scheitert kläglich. Als er erfährt, dass seine Frau in Afrika verschollen ist, verliert er gänzlich die Kontrolle über seine Kinder und sein Leben. Weil es nach Wochen noch immer nicht die geringste Spur von Helen gibt, findet sich Karsten irgendwie damit ab. Nicht so Tino, der sich gegen den Willen des Vaters nach Namibia aufmacht, um sie zu suchen. Die neu entdeckte Liebe zur Mutter und sein unerschütterlicher Glaube lässt ihn Berge versetzen

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Seitenzahl: 422

Veröffentlichungsjahr: 2024

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1. Kapitel – Die entschlüsselte Wahrheit

2. Kapitel – Der Rundumschlag

3. Kapitel – Mühevolle Kleinarbeit

4. Kapitel – Der ganz normale Alltagswahnsinn

5. Kapitel – Meinem Ego geht es gut

6. Kapitel – Butter bei die Fische

7. Kapitel – Männer! Wenn die Fassade bröckelt

8. Kapitel – Namibia

9. Kapitel – Faszination Anderswelt

10. Kapitel – ...Vater sein dagegen sehr

11. Kapitel – Weil es immer anders kommt

12. Kapitel – Wenn alles zerbricht

13. Kapitel – Briefe in den Sand geschrieben

14. Kapitel – Unbeugsame Entschlossenheit

15. Kapitel – Abschied und Neuanfang

Olia Linnet

Ich geh! Kommt klar!

Roman

Ende der 1990er, als dieses Buch entstand, gab es in Botswana noch vereinzelt autark lebende Stämme und die Geschichte hätte sich genauso zutragen können.

Buchbeschreibung:

Die 35-jährige Helen findet nicht länger Erfüllung in ihrer Rolle als Hausfrau und dreifache Mutter. Ihr Bestreben, den Kindern mehr Eigenverantwortung zu übertragen und öfter nur an sich zu denken, stößt auf Widerstand.

Die Teenager – Marlen (10), Fiola (14) ,Tino (15) – rebellieren und Gatte Karsten, der sie all die Jahre über sein Hobby vernachlässigt hat, zettelt einen Kleinkrieg an.

Helen lässt sich nicht beirren, zieht konsequent ihr Ding durch.

Als sie verkündet, allein mit dem Motorrad Namibia zu durchqueren, gerät die Beziehung ernsthaft in Gefahr.

Nach ihrer Abreise ist Karsten gefordert, seiner Vaterrolle drei Wochen lang gerecht zu werden und scheitert kläglich. Als er erfährt, dass seine Frau in Afrika verschollen ist, verliert er gänzlich die Kontrolle über seine Kinder und sein Leben.

Weil es nach Wochen noch immer nicht die geringste Spur von Helen gibt, findet sich Karsten irgendwie damit ab. Nicht so Tino, der sich gegen den Willen des Vaters nach Namibia aufmacht, um sie zu suchen.

Die neu entdeckte Liebe zur Mutter und sein unerschütterlicher Glaube lässt ihn Berge versetzen.

Impressum:

Texte: © Copyright by Olia Linnet

Umschlaggestaltung: © Copyright by Olia Linnet

ISBN: 978-3758475016

Olia Linnet

c/o M. Schäfer

Hahnenrückstr. 51

55743 Idar-Oberstein

Vertrieb: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

1. Kapitel – Die entschlüsselte Wahrheit

Unzählige Möwen, die der Wind wie Pfeile durch die Luft wirbelte, schossen mit durchdringendem Geschrei über die Felsen hinweg. Seeschwalben stürzten entlang der Klippen in die Tiefe und ließen sich von einer Bö erfasst emportragen.

  Helen schaute ausdruckslos über den Abgrund aus zerklüftetem Gestein, wo eine schäumende Brandung gegen die Felsen krachte und perlenfein ins Nordmeer zurückfiel. Ein steter Ablauf, den Launen der Gezeiten unterlegen. Sie erschrak, als eine Silbermöwe in gewohnter Angriffslust ihren Kopf nur knapp verfehlte, als wollte sie den Eindringling verjagen. Oder antreiben, um auf den Flügeln des Windes zu segeln, hinaus aufs offene Meer, wo es keine Schranken gab und niemand sie aufzuhalten vermochte. Ein beruhigender und schöner Gedanke. Mit einem Gefühl tiefer Zufriedenheit breitete Helen die Arme aus, zögerte nur einen winzigen Augenblick und ließ sich fallen. Wie durch Zauberhand waren die Möwen verschwunden und auch das Meer. Ein großes schwarzes Loch klaffte unter ihr, wie das weit aufgerissene Maul eines Ungeheuers, gierig nach Beute.

  Nach Luft ringend schreckte Helen hoch. Dann ein Seufzer der Erleichterung, als sie sich der Vertrautheit ihrer vier Wände bewusst war. Sie ließ sich ins Kissen zurückfallen und schaute neben sich. Karsten schlief tief und fest. Das schräg einfallende Mondlicht warf Schatten auf sein Gesicht und ließ es bizarr und gespenstisch aussehen. Geräuschvoll sprudelte sein Atem über vibrierende Lippen. Helen sah weg, starrte an die Decke und philosophierte. Träume, eine besondere Form des Erlebens und intensiver Gefühle, Träume mit Symbolcharakter; verschlüsselte Botschaften aus der tiefsten Ebene des Unterbewusstseinsmit der dringenden Aufforderung, das eigene Handeln zu überdenken, das Leben zu durchleuchten, Verborgenes ans Licht zu bringen. Vielleicht war es so, vielleicht ganz anders.

Gefühle waren für Helen immer die objektive Wahrheit gewesen. Dass ihr Bild von einer Familie verzerrt sein könnte, kam ihr lange nicht in den Sinn. Bis vor einem halben Jahr etwa, als ihr ein eher belangloses Ereignis bewusst machte, wie klein ihre Welt war, wie nüchtern und freudlos ihr Dasein. Ein Leben in geregelten Bahnen, gleichmäßig wie ein dahinplätschernder Bach. Mit einer Fußfessel, die einen Bewegungsradius von der Küche zum Keller zuließ. Halt, nein! Helen lachte innerlich auf. Auch in den ersten Stock und hinters Haus bis zum Gartenzaun. Das Verlangen, die imaginären Fesseln abzulegen, nur eine Vision und schließlich ein konkreter Gedanke.

  Seit fünfzehn Jahren war sie Hausfrau und Mutter, immer bemüht, es allen Recht zu machen. Hatte für Mann und Kinder funktioniert wie ein automatisches Uhrwerk, wie ein Kreisel, ständig am Rotieren. Helen hier, Helen da, Mama, kannst du mal, Mama, mach mal. Kommandos selbstvergessen ausgeführt, bis Zweifel aufkamen, ob es so immer richtig war. Die Traumbilder als Antwort  auf ihre stummen Fragen. Den Sprung in die Tiefe als Flucht zu deuten, war naheliegend. Ein Appell an die Vernunft,  das Räderwerk anzuhalten, ihm richtungsweisend neuen Schwung zu geben. Wenn nicht jetzt, wann dann?

  Es sagte sich leicht und womöglich war es das auch. Die Vorstellung auszubrechen gefiel ihr. Weil nur ein toter Fisch mit dem Strom schwamm. Die Familie verblüffen, ihren Gegenspielern die Stirn bieten machte es um so spannender, den schnurgeraden Weg zu verlassen und sich neu orientieren. Um zu sehen was passierte, denn passieren musste was, weil es das mit fünfunddreißig noch nicht gewesen sein konnte.

  Helen zupfte an Karstens Pyjamajacke, ein gestreifter Fetzen, schon x-mal geflickt. Das Ding gehörte in die Tonne, bloß fühlte sich Karsten ausgerechnet darin am wohlsten. Ein kurzes Aufstöhnen und der Schlaf hatte ihn wieder. Helen bohrte ihm den Finger in die Schulter.

Träge hob Karsten den Kopf und blinzelte unter müden Lidern hervor. „Was ist?“, brummte er. „Hat der Wecker geklingelt?“

  „Nein, ich wollte nur...! Ach nichts. Schlaf weiter.“

  „Wie spät ist es?“

  „Viertel vor vier.“

  „Du weckst mich wegen nichts?“

  „Ich hatte eine Offenbarung“, sagte Helen.

  Karsten schnitt eine Grimasse. „Du spinnst vielleicht!“, erwiderte er mürrisch und warf sich auf die andere Seite.

  „Ich war noch nie so klar“, murmelte Helen und schaltete den Wecker aus, einfach so, vor lauter Übermut. Wach du mal von alleine auf, hängte sie gedanklich an. Und sie fragte sich, wann sie zuletzt Blödsinn gemacht hatte, so richtig Quatsch, Schabernack zum Schieflachen, prusten bis zum Einnässen – ein Privileg mit Altersgrenze, ein Vorrecht der Jugend, überschäumende Schadenfreude an den Tag zu legen. Lange her! Wann hörte man auf mit Telefonverarsche, Sahne in Schlüssellöcher sprühen, mit einer Wasserpistole Leute erschrecken oder sich mit Matsch bewerfen!? Mit Händen am Hinterkopf und in die Dunkelheit starrend ließ Helen ihre Jugendjahre im Zeitraffer ablaufen und versuchte sich vorzustellen, wie ihr Leben verlaufen wäre wenn..., ja wenn! Bereits mit vierzehn hatte sie ganz konkrete Pläne gehabt, wollte Landwirtschaft studieren und in Afrika Entwicklungshilfe leisten. Niemand hatte sie ernst genommen. Ihre Freundinnen  nicht und die Mutter erst recht nicht. „Du hast Flausen im Kopf. Ein Studium ist reine Zeitverschwendung. Du wirst heiraten, Kinder kriegen, was ich schwer hoffe, und enden wie ich.“

  Und grad so war's. Ja, sie war sich selbst untreu geworden, doch es ließ sich korrigieren. Es war noch lange nicht zu spät den Träumen das Leben zu geben auf die eine oder andere Weise. Der Gedanke beflügelte Helen. Hallo Afrika, ich komme, verkündete sie stumm und schmatzte, als ließe sich die fremde Erde erschmecken. Die Liebe zu Afrika kam nicht von ungefähr. Die  Faszination für das wilde Land hatte sich vom Vater und dessen Vorfahren auch auf sie übertragen.

  Die Urgroßeltern, Gustav und Theresa, waren bei Ausbruch des ersten Weltkrieges nach Namibia – damals noch Südwestafrika – ausgewandert. Mit geliehenem Geld erwarb Gustav, ein entschlossener und gutherziger Mann mit messerscharfem Verstand, eine Farm und züchtete Rinder und Karakulschafe. Er stellte Einheimische ein und bezahlte sie angemessen; in der Geschichte der Sklaverei doch ungewöhnlich. Nach nur zwei Jahren konnte Gustav die größte Viehfarm im ganzen Land sein Eigen nennen. Trotz seines Reichtums verlor er nie den Respekt vor den Schwarzen und deren Kultur, war immer bemüht, den europäischen Einfluss in Grenzen zu halten. Schließlich gehörte das Land ihnen, auch wenn Engländer, Franzosen und Deutsche anders darüber dachten.

  Gustav ließ Brunnen bauen, brachte den Menschen Ackerbau bei und lieh ihnen zinslos Geld für Gerätschaften, Kühe und Ziegen, um eigenständig leben zu können. Seine zart besaitete Frau war nicht glücklich in der Fremde. Theresa mied den Kontakt zu den Eingeborenen und  weigerte sich, die Landessprache zu lernen. Sie hasste die Hitze, den Staub, die heftigen Regenfälle, das primitive Leben, die Abgeschiedenheit. Zusammenkünfte  mit anderen deutschen Siedlern waren selten, da die Nachbarfarmen ganze Tagesfahrten entfernt lagen.

  Sohn Matthias kam zur Welt, von dessen Geburt sich Theresa nicht erholte. Sie lehnte ihr Kind ab, eine Amme musste einspringen. Gustavs Hoffnung, sie würde die Depression überwinden, erfüllte sich nicht. Theresa verbrachte die meiste Zeit im Bett und baute körperlich ab. Aus Angst um ihr Leben und weil er sie wieder fröhlich sehen wollte, regte Gustav die Rückkehr nach Deutschland an. Theresa bekam feuchte Augen und drückte stumm seine Hand, als er die alten Zeiten aufleben ließ und den Neuanfang beschrieb, als ob alles bereits in trockenen Tüchern sei. Als Gustav sie schlafend wähnte, küsste er sie auf die Stirn und trottete wie unter einer schweren Last aus dem Haus. Er schwang sich auf sein Pferd, eine gutmütige Stute Namens Eleonore, ritt hinaus in die Wüste und nahm Abschied von Afrika.

Auf dem Rückweg, es dämmerte bereits, lief Gustav die letzten hundert Meter neben der Stute her. Seine Kehle war ausgetrocknet, die Augen brannten vom Staub. Ein Wolkenschleier lag über der Farm, es war ungewöhnlich still. Die Amme stand mit seinem Sohn auf dem Arm in der Tür. Als er ihren Blick sah, fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Er leinte das Pferd an, drängte sich wortlos an der Schwarzen vorbei und lief ins Schlafzimmer. Theresa lag da wie aufgebahrt, die Wolldecke zurückgeschlagen, die Hände über dem Bauch gefaltet. Ein Lächeln, wie er es lange an ihr vermisst hatte, umspielte ihren Mund. Sie war tot; gegangen, damit er bleiben konnte.

  Gustav hielt Totenwache. Bei Sonnenaufgang trug er seine Frau in ein Laken gewickelt hinaus und beerdigte sie unter der Akazie hinterm Haus. Oft hatte sie unter dem ausladenden  Kronendach gesessen und die Gedanken fliegen lassen. Gustav zimmerte ein Holzkreuz mit Dach, rammte es in den Boden und umwickelte es mit einem weißen Tuch als Sinnbild ihrer Seele. Als er tags darauf zum Grab ging, um Zwiesprache mit seiner Theresa zu halten, war das Tuch weg und auch weit und breit nicht aufzufinden. Gustav sackte auf die Knie, weinte und betete.

Matthias, Helens Großvater, war acht, als im Land die Rinderseuche ausbrach. Lange kämpfte sein Vater dagegen an, bis es keine Rettung mehr gab. Die wenigen Tiere, die noch am Leben waren, mussten notgeschlachtet werden. Gustav gab die Farm auf, zog mit dem Sohn und einer Bediensteten nach Windhoek und fand dort Arbeit. Nach einem Jahr schwerster körperlicher Anstrengung in einem Kupferbergwerk hatte er das Geld  für den Neustart zusammen. Im Süden Namibias kaufte er eine heruntergekommene Farm und acht Rinder. Das Glück war ihm bis nach dem Ende des ersten Weltkrieges hold, dann wendete sich das Blatt. Nach den Friedensverhandlungen sprach der Völkerbund das Gebiet, das sein Land einschloss, der südafrikanischen Union als Mandat zu. Gustav wurde von den südafrikanischen Truppen vertrieben und musste zurück nach Deutschland.

  Mit sechzehn sah Matthias, ein aufgeweckter junger Mann mit unverhohlener Neugier, erstmals die Heimat seiner Eltern und war fasziniert von dem reichen Land mit den endlosen Wäldern und saftig grünen Wiesen. Mit Häusern so groß wie die felsigen Hügel Namibias und Läden, in denen man alles kaufen konnte. Wo niemand sein Brot selbst buk und Fleisch über die Theke gereicht wurde. Die Euphorie verpuffte, als sein Vater ihn in eine Stahlfabrik steckte, wo er zehn Stunden täglich unter extremsten Bedingungen schuftete. Matthias verabscheute die Arbeit in geschlossenen Hallen zwischen glühendem Stahl und bei ohrenbetäubendem Lärm und sehnte sich in die Weite Afrikas zurück. Oftmals hörte er im Schlaf die Hyänen heulen, das Trompeten der Elefanten und das Trampeln von Tierherden. Lauter noch das Pochen seines Herzens, das ihn aufforderte, für seine Freiheit und die seines Vaters zu kämpfen, der unter Tage eines Kohlebergwerks kleines Geld verdiente und litt wie er.

  Ein tragischer Unfall machte alles zunichte. Matthias eilte zum Bergwerk, wo Gustav und sechs Kumpels tot nach einem Grubenunglück geborgen wurden. Wasser war in den Stollen eingedrungen und hatte Wände zum Einsturz gebracht. Matthias kniete vor dem Leichnam nieder, schloss den schlaffen Körper des Vater in die Arme und wischte ihm den Kohlenstaub vom Gesicht, aus dem die Augen groß hervortraten, als wollten sie noch einmal die Sonne sehen.

Matthias arbeitete in Doppelschichten und sparte fleißig, um bald in sein Geburtsland zurückkehren und das Lebenswerk des Vaters fortführen zu können. Und wieder wollte es das Schicksal anders. Matthias verliebte sich und heiratete seine schwangere Ursula. Nach einem Sohn folgten zwei Töchter.

  Fünfunddreißig war Matthias, als der zweite Weltkrieg ausbrach. Wegen schwacher Lungen taugte er nicht für den Kriegsdienst und um Luftangriffen zu entkommen, floh die Familie aufs Land, wo Matthias als Landarbeiter den Unterhalt verdiente. Die Plackerei, oft bis weit in den späten Abend hinein, war schlecht bezahlt und dennoch war er glücklich, weil er dem Himmel so viel näher war. Sohn Hermann, mittlerweile fünfzehn, verkleidete sich als Mädchen, wenn Soldaten durchs Land zogen, um Männer zu rekrutieren. Sein bester Freund verriet ihn für Zigaretten und Schokolade.

  Nach fünf Jahren im Kampf und einem Jahr in russischer Gefangenschaft kehrte Hermann heim und erfuhr, dass sein Vater, der den Hof der verstorbenen Bauersleute übernommen hatte, an Lungenkrebs erkrankt war. Um die Zukunft seiner Familie zu sichern, wollte Matthias den Hof und die Ländereien veräußern und in ein kleines Haus am Stadtrand ziehen. Das verbleibende Geld würde reichen, die Familie eine Weile über Wasser zu halten, bis die Kinder selbst Geld verdienten und für ihre Mutter sorgen konnten. Hermann aber wollte den Hof weiterführen und stieß bei Matthias auf taube Ohren. Sein Sohn sollte kein Bauer werden, vielmehr einen anständigen Beruf erlernen, der ihm ein gesichertes Auskommen bei geregelter Arbeitszeit garantierte.

  Hermann, der Gefühlsausbrüche zu unterdrücken gelernt hatte, kämpfte um Fassung bei der Vorstellung, seinen Vater vielleicht schon bald zu Grabe tragen zu müssen und sein letzter Wunsch unerfüllt blieb. Er besprach sich mit der Mutter, die einem Darlehen und einer Reise nach Namibia zustimmte. Matthias, gerührt und überwältigt, wozu die Familie bereit war, lehnte ab und wurde überstimmt.

  Nach einer strapaziösen Anreise erkundeten Vater und Sohn das Land zu Fuß, auf Eselskarren und auf den Ladeflächen klappriger Transporter. Sie trotzten der Hitze, den eiskalten Nächten und den Sandstürmen und stellten sich der Herausforderung bei der Begegnung mit wilden Tieren. Einheimische waren ihnen freundlich gesinnt, gaben ihnen zu essen und zu trinken und boten ihnen einen Platz zum Schlafen an.

  Eine Wunde am Bein, die sich Matthias bei einem Sturz zugefügt hatte, entzündete sich. Eine Blutvergiftung führte zum septischen Schock, der ihm innerhalb weniger Tage das Leben aushauchte. Sohn Hermann machte sich schlimme Vorwürfe, auch wenn sich der Tod lange zuvor an Papas Fersen gehängt hatte. Der Gedanke, ihn auf seinem Weg der Sehnsucht begleitet zu haben, machte es etwas leichter. Er begrub seinen Vater unter der Akazie, wo auch seine Großmutter begraben war.

  Als Hermann Tage später an der Reling eines Frachters stand, der den Hafen von Algier verließ, streute er eine Handvoll Erde Afrikas ins Meer und salutierte unter wehender Flagge.

*

Schlummertrunken wälzte sich Helen herum, als Karsten  an ihren Haaren zog. Eine geschmacklose und kränkende Geste!

  „Hast du den Wecker nicht gehört, Schatz?“, sagte Karsten hölzern. „Wir haben verschlafen.“ Er sprang aus dem Bett, holte frische Unterwäsche und Socken aus den Schrankschubladen und ging raus.

  „Was du nicht sagst!“ Helen zog sich die Decke über den Kopf. Sie hatte keine Lust aufzustehen und sich von der allmorgendlichen Hektik anstecken zu lassen und kreierte Traumbilder.

  Nesthäkchen Marlen kam an und warf sich über sie. „Mamsi, wir haben verschlafen.“   

  „Dann leg einen Zahn zu“, kam es durch Federn dumpf zurück.

  „Und du steh ahauuuf.“ Marlen ramschte die Bettdecke zurück und drückte Helen einen Schmatzer halb auf die Wange, halb aufs Auge.

  „Wozu? Ich muss nirgendwo hin. Und jetzt lass mich!“

  „Du musst Frühstück machen.“

  „Ich muss gar nichts“, erwiderte Helen zähneknirschend und warf sich herum. „Wieso muss ich immer?“

  Marlen war heruntergerutscht und richtete sich auf. „Na ja, weil...“

  „Frühstück fällt heute aus, morgen und übermorgen auch“, sagte Helen mit einer Entschlossenheit, die keinen Widerspruch zuließ. „Ihr seid alt genug, euch Brote zu schmieren. Zisch ab und mach die Tür hinter dir zu.“ In Rage geraten hätte sie gute Lust schreiend durchs Haus zu laufen, um sich bis in den letzten Winkel Gehör zu verschaffen. Leise Töne hatten in diesen Gemäuern selten was bewirkt.

  Marlen machte sich mit hängenden Mundwinkeln davon.

  Augenblicklich bereute Helen den harschen Ton. Gerade Marlen hatte den Anschiss nicht verdient. Das Küken war ihr Sonnenschein, unkompliziert, genügsam und froh gelaunt mit dem ersten Augenaufschlag. Pflegeleicht wie Karstens bügelfreie Hemden und mit seinen zehn Lenzen vernünftiger als die beiden Großen. Fiola und Tino, vierzehn und fünfzehn, waren aus einem anderen Holz geschnitzt: launisch wie Aprilwetter, aufmüpfig, vorlaut und maßlos in ihren Forderungen. Ganz normale Kids halt, die sich bekriegten und zusammenhielten, wenn der Umstand es erforderte.

  „Schatz, was ist los? Ist dir nicht gut?“ Karsten war zurück, schlüpfte in Hemd und Hose.

  Helen sah ihn kaltlächelnd an. „Bei dem Gedanken, dass mich unliebsame Aufgaben erwarten, die ich euch zu verdanken habe – nein!“

  „So das Los einer Hausfrau“, trällerte Karsten in die verspiegelte Schranktür und fuhr sich mit beiden Händen durchs feuchte Haar. Mehr brauchte es nicht, die Frisur in Form zu bringen. „Man nennt es auch  Pflichterfüllung.“

  „Pflichterfüllung!“, parodierte Helen ihn. „Bin ich eure Angestellte? Apropos! Deine Pflicht ist es, mich glücklich zu machen, mir statt Kummerfalten ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.“

  „Tja, wenn ich zaubern könnte!“

  „Läge hier wer anderes, was?“, sagte Helen gequält.

  Karsten lieferte sich einen Kampf mit dem Hemdknopf, der partout nicht ins Loch wollte und warf seiner Frau einen geringschätzigen Blick zu. „Bist du wieder fällig?“

  „Was?“

  „Deine Tage!“

  „Tzzz! Wenn euch Kerlen die Argumente ausgehen, schiebt ihr unseren Zyklus vor. Nein, nichts dergleichen. Mich triezen keine Hormone, ich streike vielmehr. Betrachte meinen Ausstand als Aufstand gegen die ungerechte  Behandlung von Müttern und Ehefrauen im Allgemeinen.“

  „Ist doch mal was komplett anderes“, spottete Karsten.

  „Genau darum geht’s! Ich brauche Tapetenwechsel.“

  „Oje, ein Untag!“ Karsten verzog den Mund. „Ich muss los!“ Er beugte sich herunter, küsste Helen umständlich und kam wieder hoch. „Bevor es ausartet, setze deine Gereiztheit in Bewegung um. Soll helfen. Ach und“, rief er noch über die Schulter, „heute Abend kann es später werden.“

  Helen griff sich einen Pantoffel und schleuderte ihn durch die Tür. „Verdammter Ignorant!“

  „Hey, was geht denn hier ab?“ Tino, noch im Schlafanzug, kickte den Schlappen zurück ins Zimmer. „Mal wieder dicke Luft?“

  Helen streckte die Zunge heraus.

  „Na! Macht man das vielleicht?“

  „Was willst du?“

  „Hätte mich Marlen nicht geweckt...! Wieso liegst du noch in den Federn? Hopp, raus und mach rasch Eier mit Speck.“

  „Sag mal, spinnst du? Wie redest du mit mir?“

  Tino verzog den Mund und sagte mit affektierter Stimme. „Mamilein, bitte mach Frühstück.“

  „Nix mach ich“, sagte Helen gleichgültig.

  Tino trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. „Wir schreiben heute Mathe. Hab den Durchblick nur mit vollem Magen. Wärst du also bitte so freundlich, dich aufzurappeln?“

  „Um was zu tun?“

  „Happa Happa machen! Bacon und Spiegeleier; Eigelb wachsweich, Eiweiß fest.“

  „Geht nicht!“, erwiderte Helen mit monotoner Stimme. „Die Eier sind noch in der Henne, der Schinken am Schwein.“

  „Du kannst ja witzig sein? Komm, sei lieb, die Zeit wird knapp.“

  „Lieb ist out, Sohn. Schon lange. Mach dir selbst was. Und jetzt verschwinde, ich muss ganz ausführlich nachdenken.“

  „Mensch, ich brauche Nervennahrung“, wimmerte Tino und wedelte mit den Armen.

  „Und ich Ruhe!“, konterte Helen bissig. „Du wirst wohl Speck und Eier in die Pfanne hauen können. Bist doch sonst das Ausnahmetalent. Ab durch die Mitte!“

  Der gehässige Ton der Mutter irritierte Tino. Wenn sie dermaßen krass drauf war, musste sich mächtig was zusammengebraut haben. Mit einer beschwichtigenden Geste suchte er das Weite.

  Helen stieß einen spitzen Schrei aus, als wenig später die Haustür krachte. Wie oft hatte sie die Bande gebeten, Türen in die Hand zu nehmen – zwecklos wie der Appell an Nachbars Katze, gefälligst im eigenen Garten zu kacken.

  Helen schlug die Bettdecke zurück, stand auf, öffnete das Fenster und schaute ihren radelnden Kindern bis zur nächsten Abzweigung hinterher. Von einer Nachbarin wusste sie, dass Fiola ihr Rad zwei Straßen weiter an eine Laterne kettete und den Bus nahm, wie die meisten aus ihrer Klasse. Weil radeln in dem Alter gerade nicht angesagt war oder warum auch immer. „Und jetzt eine schöne heiße Tasse Kaffee.“ Helen gähnte herzhaft und streckte sich zur Decke. Sie wich zurück, als in der grünen Doppelhaushälfte gegenüber die Tür aufging und die vierköpfige Familie der Größe nach heraustrat. Ilse Knobloch, eine Mitvierzigerin, die halbtags in einem Autohaus arbeitete, hatte sie gesehen und rief einen Gruß herüber. Ihr Mann und die beiden Söhne schauten auf. Helen stellte sich auf die Zehenspitzen, lächelte verzerrt und übertrieben, wedelte mit der Hand und wandte sich ab. Auf dem Weg raus warf sie einen verstohlenen Blick in den Spiegel. Abrupt blieb sie stehen, ihr Kopf flog herum. War sie das? War sie die Gestalt in dem formlosen Nachthemd, unter dem sich weder Busen noch Hintern abzeichnete? Ähnlich einer Fischhaut ohne Fisch drin? Helen betrachtete eingehend ihr Spiegelbild, ehe sie, aufs Schlimmste gefasst, das Nachthemd mit den verblassten Blumenköpfen abstreifte.

  Eine Schnappatmung und ein unterdrückter Aufschrei. „Heiliger Bimbam!“ Helen zupfte am Doppelkinn, an den Brüsten und klatschte den Unterbauch, der in zehn Jahren als Fettschürze über ihrer Scham hängen würde, wenn sie nichts dagegen unternahm. Unansehnlich auch das lasche Bindegewebe von Innenschenkel und Oberarmen. Das Gesamtbild reichte für eine Verzweiflungstat oder darüber schwerst depressiv zu werden. „So sehen Menschen nach enormem Gewichtsverlust und vor einer Hautstraffung aus“, murmelte Helen, übertrieben selbstkritisch. Die Rückseite wollte sie sich ersparen. Rasch warf sie sich den Morgenmantel über und verknotete den Gürtel da, wo einmal die Taille war. Im Innersten betroffen trottete Helen die Treppe runter und in die Küche. Sie stellte die Kaffeemaschine an und ließ sich auf den Stuhl sacken. Etwas zu dynamisch für die durchgesessene Polsterung. Helen zog die Luft durch die Zähne und rieb sich die rechte Pobacke.

  Während die Maschine blubberte und röchelte, ging Helen mental hart mit sich ins Gericht. Wann war ihr das Körperbewusstsein abhanden gekommen? Wie lange schon vernachlässigte sie ihr Aussehen und warum sagte Karsten nichts? Hatte er, fiel ihr ein. Öfter sogar. Zu Sport hatte er ihr geraten, ihr die Gymnastikkurse des örtlichen Turnvereins versucht schmackhaft zu machen. Sie hatte den Wink mit dem Zaunpfahl ignoriert, ebenso die vielen kleinen Sticheleien. Das Geld, das er für neue Klamotten freiwillig locker gemacht hatte, hatte sie für die Extrawünsche der Kinder verschwendet. Wozu sich fein machen? „Tja, warum nicht im schicken Outfit Kartoffel schälen, Teig kneten, mit dem Wischmop durchs Haus tanzen und im Garten werkeln!?“, höhnte Helen. „Macht doch Sinn.“

  Der Kaffee war durch. Mit einem leisen Stöhnen füllte Helen den Pott, den Tino ihr vom Volksfest mitgebracht hatte. Lächle! Du kannst sie nicht alle töten, stand drauf. Und obwohl sie ihn schwarz trank, nahm sie den liegengebliebenen Löffel und rührte so heftig, dass der Inhalt überschwappte. Sie leckte den Löffel ab und führte gedankenlos die Tasse zum Mund. Die braune Brühe tropfte an ihr herunter. Sie zuckte zurück und stellte die Tasse hin. „Wenn der Tag schon scheiße anfängt...!“ Egal! Sie hatte ohnehin vorgehabt, das billige Frotteeding zu entsorgen und alle hausbackenen Sachen oben im Schrank. Und sie wollte ganz gewaltig an sich arbeiten. Ihre Figur war ein Jammer, der dahinwelkende Körper ihrem Alter weit voraus. Aus, Äpfel, Amen! Allerhöchste Zeit, ihn wieder aufblühen zu lassen. Retten, was noch zu retten war.

  Bisschen viel auf einmal, die Reparaturen an Geist und Körper, sinnierte Helen weiter und setzte sich wieder. Nur wenn schon, dann in einem Aufwasch. Bloß keine halben Sachen. Sie lehnte sich zurück und schlug sich auf den Bauch. „Dir sag ich den Kampf an.“ Ihre helle Stimme erfüllte den Raum. „Euch auch.“ Es galt der Familie, die sie in einer Reihe aufgestellt vor Augen hatte. „Alles wird anders und neu, ich sag's euch! Nichts wird mehr sein, wie es für eure Bequemlichkeit immer war. Schwindlig wird euch werden, wenn ich wie Phönix aus der Asche aufsteige und ihr mir dabei zuseht.“ Helen spürte eine Kraft in ihrer Mitte, ähnlich wie beim Wuchten von Getränkekisten, Laubrechen und Schneeschaufeln.

  Das Krächzen des Gartentors entlockte ihr einen Seufzer. Heidi, Karstens Schwester, war im Anmarsch. Die hatte es sich zur Gewohnheit gemacht hereinzuschneien und ihr die Zeit zu stehlen. Helen stürzte den Kaffee hinunter, ging raschen Schrittes in den Flur und öffnete schwungvoll die Haustür. Heidi nahm erschrocken den Finger von der Klingel. Einem 'Huch!' folgte ein abfälliger Blick. „Du bist noch im Nachthemd?“

  „Im Morgenmantel.“

  „Du hast gesabbert.“

  „Mach ich hin und wieder ganz gern. Was willst du?“

  „Was meinst du?“ Heidi drückte sich an ihr vorbei.

  „Ich gedenke“, sagte Helen gedehnt und folgte ihr in die Küche, „meine Vormittage künftig anders zu gestalten, sie nicht länger mit Hausfrauengeschwätz zu füllen, was so unbefriedigend ist wie so vieles, das meinen Tag bislang ausmachte.“

  „Wie denn bloß?“, fragte Heidi entgeistert, als gäbe es keine Alternativen.

  „Nun ja, mit Schlammtauchen, Hammerwerfen, Kung fu vielleicht. Ich fange mit leichtem Lauftraining an. Man muss es ja nicht gleich übertreiben. Setz dich doch! Etwas Kaffee ist noch da.“

  Heidi saß längst. Sie warf einen Blick auf die ausgeschaltete Maschine und die Pfütze in der Kanne. „Du willst durch die Gegend rennen?“

  „Oder Rad fahren.“ Grunzend ging Helen raus.

  Mit vorgestrecktem Hals sah Heidi, wie ihre Schwägerin federnd die Treppe überwand. „Und was soll ich jetzt machen? Wieder gehen?“ Weil Helen ihr statt Antwort zu geben eine Polka anpfiff, grapschte sich Heidi den karierten Stoffbeutel, der zu ihr gehörte wie alles, das angewachsen war und zog beleidigt und laut ihren Unmut murmelnd ab.

  Helen begnügte sich mit einer Katzenwäsche und schlüpfte mit fröhlichem Trallala in den dunkelblauen Trainingsanzug mit Kniebeulen und abgenutzten Ellbogen. Hüftschwingend tänzelte sie die Treppe hinab. Aus dem Flurschrank holte sie die verwaisten Turnschuhe, kratzte Schottersteinchen aus den Sohlen und zog sie über. Dann schnappte sie sich den Schlüssel und trat hinaus ins Freie, wo es herrlich nach Frühling duftete. Der Optimismus der blühenden Forsythien und Berberitzen zu beiden Seiten des Hauses sprang auf sie über. „Zeit des Erwachens“, sagte Helen mit Freude im Herzen.

  Ihre gute Laune bekam einen Dämpfer, als sie ihr Fahrrad in Augenschein nahm. Aus beiden Reifen war die Luft raus, der Lenker verdreht, das rechte Pedal fehlte. „Also doch joggen.“ Helen schob das Rad aus der Garage und zog den Hals ein, als sie es provokativ auf die Steinfliesen der Einfahrt krachen ließ. Sie warf die Kapuze über und rannte los.

  Schon die rund zweihundert Meter zum Ortsrand verlangten einer ungeübten Helen alles ab. An der Abzweigung zu einer Entsorgungsstelle für Grünmüll legte sie vornübergebeugt eine Atempause ein. Laufen hatte sie sich weniger anstrengend vorgestellt. Bei Karsten und allen anderen sah das immer so locker lässig aus. Doch was erwartete sie nach jahrelanger Flaute!?

  „Moin moin, Frau Marlow“, begrüßte sie der radelnde Briefträger, ein Jungspund mit Pickelgesicht. „Jetzt schon müde?“

  Helen schnaubte verächtlich, als sie sein feistes Grinsen sah. „Ach wo! Mein Schnürsenkel!“, sagte sie wie zur Rechtfertigung, ging in die Hocke und fummelte am linken Schuh.

  „Sie müssen durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen“, riet ihr der Postler, dann war er vorüber.

  „Klugscheißer!“, murmelte Helen und befolgte seinen Rat.

Abgekämpft und schweißnass war Helen nach über einer Stunde zurück. In der Brust stach es, die Lunge pfiff bei jedem Atemzug. Sie ging duschen und rieb sich hernach mit Jojoba-Öl ein, bis die Haut nichts mehr aufnahm. Sie warf sich ein Handtuch über den Kopf, wickelte es geschickt zu einem Turban und wagte im Evakostüm erneut den Schritt vor den Spiegel. „Zu früh für ein Wunder“, raunte sie, mit mehr Zuversicht diesmal. Sie stieg in einen Schlüpfer, warf sich das pink/türkise Hauskleid mit rundem Halsausschnitt und aufgesetzten Taschen über und machte sich über ihre Schrankhälfte her.

  Alles, das älter als drei Jahre war flog raus. Zuallererst die langweilige Unterwäsche, die Helen kopfschüttelnd aufs Bett warf. Früher hatte sie Spitzenwäsche und sogar Strapse getragen. Wann hatte sie es sein lassen und warum? Die Antwort lag auf der Hand. Die Erotik war im Laufe der Jahre auf der Strecke geblieben, wie so vieles, das im Alltag verlorenging. Jammerschade, fand Helen und ließ gedanklich ein Bild von sich in Dessous aus Lack und  Latex entstehen und wie Karsten darauf reagieren würde. Nur eine Möglichkeit, die Biene wieder auf die Blüte zu bringen.

  Nach der Inventur war Platz im Schrank. Zwei Jeans verloren sich darin, eine Stoffhose, ein Rock, vier Pullis, ebenso viele Shirts, eine grüne Bluse und eine mit Blumenmuster, die auch noch in dreißig Jahren topaktuell sein würde. Wie das cremefarbene Kleid mit plissierten Volants, das sie sich vor zwei Jahren zur Silberhochzeit eines befreundeten Ehepaars gekauft hatte. Helen riss sich das Handtuch vom Kopf und warf es im Flur übers Treppengeländer. Sie streifte das Kleid ab und zog die sonnengelbe Röhrenhose an, die schon lockerer gesessen hatte. Für obenrum entschied sie sich für die geblümte, raffiniert geschnittene Bluse, die bei aufrechter Körperhaltung Bauch- und Hüftspeck unsichtbar machte. Mit Rundbürste und Fön versuchte sie eine lässig elegante Frisur hinzubekommen und scheiterte. Kurzerhand kämmte sie die Haare straff nach hinten und bediente sich an Fiolas Klammern. Die Augenbrauen wurden in Form gezupft, Kinnhärchen entfernt und Schminke aufgetragen, dezent aber wirkungsvoll. Helen war über das Ergebnis nicht hochbeglückt aber zufrieden. „Na? Wer ist denn jetzt die Schönste im ganzen Haus?“, fragte sie den Spiegel und zwinkerte sich aufmunternd zu.

2. Kapitel – Der Rundumschlag

Mit einem Bildband über Afrika hatte es sich Helen auf einer Gartenliege gemütlich gemacht und sah auf, als Marlen ums Haus gelaufen kam. „Hallo, meine Süße.“

  „Hi, Mamsi. Hast du die Klingel nicht gehört? Und warum liegt dein Rad vor der Garage?“

  „Öfter mal was neues. Krieg ich keinen Kuss?“ Helen neigte den Kopf und gab mit dem Zeigefinger die Zielrichtung vor.

  Marlen drückte ihr einen Schmatzer auf die Wange.„Mmh! Du riechst gut. Und hübsch siehst du aus. Ist heute ein besonderer Tag?“

  „Ab heute wird jeder Tag besonders sein. Zumindest anders.“

  „Warum?“

  „Darum, Schätzchen.“

  Marlen hakte nicht weiter nach. „Wann essen wir?“

  „Wie immer, wenn alle da sind.“           

  „Ich bring die Schultasche rauf und zieh mir was anderes an.“

  „Tu das!“ Helen widmete sich wieder ihrem Buch und strich gedankenverloren über das Hochglanzfoto mit dem tosenden Meer und dem menschenleeren Strand. Auf der nächsten Seite waren Felsformationen abgelichtet, von der aufgehenden Sonne in leuchtende Farben getaucht. Tiere reihten sich um eine Wasserstelle davor, in der sich der wolkenlose Himmel spiegelte. Helen stöhnte leise bei der Vorstellung, dort zu sein. Allein mit Karsten, weil die Haushaltskasse größere Strapazen nicht verkraftete und Familienurlaube laut Tino und Fiola 'abgelutscht' waren. Der Junge interessierte sich nur noch für Fußball und Computerspiele, Fiola für Mode, Stars und Sternchen, mit Shoppen als einzige Freizeitbeschäftigung. Und weil das Taschengeld nie reichte, waren Bettelarien an der Tagesordnung. Fiola, von jeher ein forderndes Kind glaubte neuerdings, alles für sich beanspruchen zu können. Nur ein Grund, warum es vermehrt zu Streitigkeiten auch unter den Geschwistern kam. Die Pubertät hatte sie fest im Griff, die Auswirkungen störten zunehmend den häuslichen Frieden. Und da Karsten Probleme lieber unter den Teppich kehrte, als sich ihnen zu stellen, durfte Helen es ausbaden.

Anlassbezogene Gespräche mit dem Gatten, die selten zu einem Ergebnis führten, fanden  zumeist im Bett statt, zwischen zwei Absätzen einer Fachzeitschrift für Modellschiffbauer.

Wortgefechte lagen Karsten nicht, dabei war er ein Ass im Diskutieren und Analysieren. In  seiner Stammkneipe nämlich und Samstagabend während der Sportschau, wenn es um verweigerte Freistöße, ungerechtfertigte Elfmeter und inkompetente Schiedsrichter ging. Und natürlich beim Thema Geld, sein Geld, das Frau und Kinder oft für Schnickschnack ausgaben. Er verdrängte erfolgreich, dass neben den Fixkosten das Meiste für Schiffsbausätze, Angelzubehör und Leasingraten für Autos draufging, die alle drei Jahre ausgetauscht wurden.

Gespart wurde am Urlaub. Eine Woche Campingurlaub mit geliehenem Zelt am Gardasee war da schon der reinste Luxus. In aller Regel reichte es nur für ein verlängertes Wochenende im Harz. Doch egal ob Campingplatz oder Ferienhütte, für Helen bedeutete es Arbeit wie daheim. Mutter, Köchin, Putze, Depp – ein frustriertes Dasein in der Haushaltsfalle. Ohne Zweifel kam sie in jeder Hinsicht zu kurz.

  Reifen quietschten. Ein vertrautes Geräusch, das die Ankunft Tinos verriet. Helen klappte das Buch zu, stemmte sich aus der Liege und ging ins Haus.

  „Essen fertig?“, rief Tino ohne ein Wort der Begrüßung und schleuderte die Schultasche in den Flur. „Hab's eilig.“ 

  „Hab ich was gehört?“

  „Hi! Muss ich mich ständig groß ankündigen?“

  „Ist grüßen jetzt auch schon zu viel verlangt?“, fragte Helen zurück.

  Tinos Blick verfinsterte sich, weil es auf dem Herd weder brutzelte noch dampfte. „Wann gibt's denn was?“

  „Wenn Fiola da ist. Wie war die Klausur?“

  Tino überging die Frage. „Solange kann ich nicht warten. Soll die blöde Ziege kalt essen. Oder wärme ihr das Essen auf.“

  Helen sah Tino eindringlich an. „Klar doch! Hab ja auch nichts anderes zu tun, als jeden individuell zu bedienen. Damit ist Schluss, mein Lieber! Hier weht ab sofort ein anderer Wind. Wenn du nicht warten kannst, mach dir ein Brot. Und bring den Ranzen rauf. Der Flur ist kein Abstellraum.“

  „Ranzen!“, echote Tino und suchte im Kühlschrank nach Essbarem. „In welchem Jahrhundert lebst du? Ist keine Cola da?“

  „Mich regt deine Fragerei auf“, sagte Helen missmutig. „Ständig und immer geht das so. Bin ich die Auskunft?“

  „Niemand sonst hat den Durchblick.“

  „Dann mach die Glotzer auf.“

  „Ich seh trotzdem keine Cola.“

  „Im Keller.“ Helen stellte zwei Konservendosen auf die Arbeitsplatte.

  Die Kühlschranktür rumste zu. „Frau Marlow, geborenen Muthhöfer, so geht das doch nicht! Was zwickt dich?“

  Helen drohte mit dem Dosenöffner. „Eine Revolution bahnt sich an, Sohnemann. Eine Perestroika, wenn du verstehst, was ich meine. Und knall du noch einmal irgendeine Tür, Flegel.“

  „Hä?“

  Mit dem neuen Ding waren die Deckel flugs ab. Helen kippte den Inhalt in den Topf und kratzte den Rest mit dem Kochlöffel heraus. „Ich geh in Teilzeit. Was zur Konsequenz hat, dass künftig jeder mit anpackt und Regeln befolgt, ohne die ein 5-Personen-Haushalt nicht funktionieren kann.“

  „Regeln? Bist du gegen die Wand gelaufen oder nur wieder unbefriedigt!?“

  Helen ließ den Kochlöffel fallen, wirbelte herum und packte Tino am Kragen. „Ich verbitte mir ein für alle Male diese Respektlosigkeit“, sagte sie streng. „Ich bin nicht dein Kumpel sondern deine Mutter, kapiert?“ Sie ließ los und verpasste ihm einen flüchtigen Kinnhaken.

  Tino gebar sich, als hätte er volle Kanne eine gewischt bekommen. „Hey! Muss ich mir ernsthaft Sorgen machen?“

  Helen nickte. „Um mich nicht. Aber für deine Zukunft sehe ich schwarz. Denn wenn du nicht ab sofort und ohne zu murren meine Anweisungen befolgst, läuft hier gar nichts mehr. Falls du dich...“

  „Regeln, Anweisungen“, fiel ihr Tino ins Wort.

  „...ungerecht behandelt fühlst, oder als Opfer – dafür gibt es Organisationen, die sich kümmern. Und jetzt bring deinen Ranzen rauf und hol Getränke aus dem Keller. Schwarz, gelb, weiß. Cola, Limo, Wasser. Nach dem Essen werden Hausaufgaben gemacht, anschließend ist Pflichtübung angesagt. Was das genau bedeutet, sage ich dir später. Soviel auf einmal kannst du dir ohnehin nicht merken.“ Helen kehrte Tino den Rücken zu und stellte den Herd an.

  „Du bist ja noch krasser drauf als Svens Mutter und die säuft“, rutschte es Tino heraus.

  Helen nahm die Schürze ab – ein Erbstück ihrer Patentante – raffte sie zusammen und stopfte sie in den Mülleimer. „Woher glaubst du wohl, stammen meine Aggressionen?“, sagte sie ruppig, nahm die angebrochene Weinflasche vom Regal und entkorkte sie. „Die Frau hat Recht, wenn sie bechert und die Wohnung vergammeln lässt. Wozu unnötig stressen? Dankt einem doch keiner. Prost!“ Helen führte die Flasche zum Mund, trank mit hastigen Schlucken und setzte sie wieder ab. „Missratene Kinder schon mal gar nicht.“

  Kopfschüttelnd ging Tino in den Keller, setzte sich auf einen Schemel und kratzte sich nachdenklich hinterm Ohr. Dass seine Mutter trank war der Hammer. Helen Marlow eine Trinkerin! Never ever! Niemals nicht! Sven hatte ihm Schauermärchen über die Zustände daheim erzählt und dass seine Alte nichts mehr auf die Reihe bekam seit der Scheidung und darum zur Flasche griff. Okay, seine Eltern waren auch selten ein Herz und eine Seele. Eigentlich nie. Völlig normal nach so langer Zeit. Aber deshalb bechern? Die Vorstellung, dass Mama und Papa sich womöglich trennten, bereitete ihm Unbehagen. Er wollte den Alten noch heute darauf ansprechen. Tino schnellte in die Höhe, griff sich eine Flasche Cola und verzog sich in sein Zimmer.

  Helen hatte den Wein, den sie überwiegend zum Kochen hernahm, aufs Regal zurückgestellt, wo sich feinste Öle und Essigvariationen in kleinen Fläschchen reihten. Sie schmunzelte noch immer über die spontane Aktion, die Tino hoffentlich zum Nachdenken anregte.

Die Kinder starrten auf ihre Teller. Helen lehnte lässig an der Spüle und beobachtete sie. Unlustig wälzte Marlen mit dem Löffel die Linsen hin und her, Tino zog angewidert die Oberlippe hoch. „Du weißt  genau, dass ich solchen Matsch nicht mag. Schweinefraß ist das.“

  „Du hast an allem was auszusetzen“, sagte Helen.

  „Mach doch mal Jakobsmuscheln. Sind kulinarisch im Kommen.“

  „Muscheln sind hoch konzentriert mit Umweltgiften belastet.“ Dass ein Großteil in Aquafarmen gezüchtet wurden, behielt Helen für sich.

  „Und du glaubst, den Linsen geht's besser? Sieht mir nicht danach aus. Alles was aus der Dose kommt schmeckt verseucht.“

  „Probier wenigstens. Dosenfutter ist besser als sein Ruf.“

  „Dann guten Appetit. Ich geh zum Türken.“ Tinos Stuhl kratzte lautstark über den Fliesenboden.

  „Du gehst nirgendwo hin“, sagte Helen energisch. „Erst werden Hausaufgaben gemacht.“

  Tino rollte die Augen. „Ich bringe auf leeren Magen nichts zustande. Wann kapierst du das endlich? Haben außerdem heute nichts auf.“

  Helen drehte das heißes Wasser auf. „Mach was du willst! Wir sprechen uns heute Abend sechs Uhr. Sei bloß pünktlich!“

  „Vor sieben bin ich nicht hier.“

  „Dein Training ist halb sechs aus.“

  „Donnerstags ist Spielersitzung“, erwiderte Tino. „Und das nicht erst seit gestern. Kann den Trainer ja fragen, ob er sie verschiebt, weil meine Mutter 'ne Krise hat.“ Weg war er.

  Helen hörte ihn grummelnd die Treppe hochgehen. Sie nahm seinen Teller und kippte das Essen in den Topf zurück.

  Marlen schob sich tapfer einen Löffel mit Linsen in den Mund und zögerte den nächsten hinaus. „Isst du nichts?“, fragte sie mit einer Piepstimme.

  Helen schüttelte sich. „Boah!“

Fiola trödelte mit einstündiger Verspätung ein.

  „Du weißt, dass wir mit dem Essen auf dich warten“, empfing Helen sie. „Was hat dich diesmal aufgehalten?“ 

  „Ich hatte Gegenwind. Und vorher Pizza.“

  „Entgegen unserer Abmachung.“

  „Es war deine Abmachung, nicht meine“, sagte Fiola.

  „Wovon hast du die Pizza bezahlt?“

  „Von meinem Geld.“

  „Komisch, gestern warst du pleite. Also?“

  Fiola hob die Stimme. „Also was?“

  „Wer hat dir Geld gegeben?“

  „Mann, du fängst schon wieder an zu nerven.“

  „Ich warte!“

  „Von mir aus warte, bis du grün und blau bist“, sagte Fiola beim Rausgehen über die Schulter.

  „Für heute hast du Hausarrest“, rief Helen ihr hinterher.

  „Weil ich Pizza gegessen habe?“ Eine Tür knallte, dann vibrierten die Wände zum Sound einer Chaotenband.

  Helen ging zum Stromkasten und drehte die Sicherung heraus.

  „Mama, Fiola hat abgeschlossen“, rief Marlen durchs Haus. „Sie lässt mich nicht rein.“

  „Vermutlich besser so. Lass sie!“ Dass sich die beiden ein Zimmer teilten, war kein Zustand. Auch daran musste sich schnellstens was ändern. 

  Marlen kam die Treppe herunter. „Dann verzieh ich mich nach draußen.“ 

  Helen begleitete sie und verteilte Polster auf die Stühle in der mit Wein berankten Laube, die nach zwei Seiten offen war. Ein lauschiges Plätzchen und Rückzugsort, wenn sich drinnen die Lage zuspitzte.

  „Leistest du mir Gesellschaft?“, fragte Marlen.

  Helen lächelte vage. „Bin gleich zurück. Muss noch was mit Fiola klären.“

  Fiola hatte sich das schnurlose Telefon geholt und vergessen abzuschließen. Ihre Augen spuckten Dolche, als Helen auf der Bildfläche erschien. „Beende bitte das Gespräch, ich muss telefonieren.“

  Fiola setzte sich im Bett auf und warf den Kopf in den Nacken. „Wenn ich fertig bin.“

  Mit einer ungeduldigen Geste forderte Helen das Telefon ein.

  „Verdammt, ich habe auch das Recht zu telefonieren.“

  „Du hattest den ganzen Vormittag Zeit, dich zu unterhalten.“

  „Warte mal kurz, Carola“, raunte Fiola in den Hörer. Und zu Helen sagte sie: „Hätte ich einen eigenen Anschluss, gäbe es diese scheiß Diskussionen nicht. Jetzt musst du eben warten.“ Sie behielt die Mutter im Blick und setzte das Gespräch mit der Freundin fort.

  Kurzerhand nahm Helen ihr das Telefon weg, unterbrach die Verbindung und wandte sich ab. Gehässigkeiten flogen ihr um die Ohren, ein Schulheft verfehlte sie nur knapp. Helen fuhr herum. „Der Hausarrest gilt bis übermorgen.“

  „Kannst du vergessen!“, knurrte Fiola. „Ganz allgemein und weil Svenia morgen Geburtstag hat.“

  „Der ohne dich stattfindet.“

  „Das glaubst auch nur du.“

  „Wollen wir wetten?“

  „Die Wette hast du schon verloren.“

  Helen ging raus und ließ die Tür ins Schloss fallen. Dahinter wurde es laut.

  Tino erschien mit der Sporttasche. „Zickenalarm?“

  Helen schmunzelte gequält. „Deine Schwester will erwachsen sein und kann noch nicht mal richtig laufen.“

  Tinos Mund berührte fast das Türblatt, als er einen Kommentar dazu abgab. „Die Bitch schafft es doch noch nicht mal eine leere Schublade aufzuräumen.“

Um sieben hatten sich die Kinder im Wohnzimmer eingefunden, die Stimmung war gedrückt. Tino lümmelte in der einen Sofaecke, Fiola mit angezogenen Beinen in der anderen. Sie kaute Kaugummi und schmatzte laut, weil sie wusste, wie sehr Helen es hasste. Marlen saß im Sessel und streichelte über das Fell ihres Kuscheltiers; ein Schaf oder ein Hund oder eine Kreuzung zwischen beiden. Karsten hatte es ihr vor Jahren aus Dänemark mitgebracht.

  Helen saß im zweiten Sessel, die Beine eng zusammen, die Arme vor der Brust gekreuzt. „Ich erwähnte bereits“, begann sie mit ihrer Rede, „dass hier umstrukturiert wird. Ihr zwei“ – sie meinte Tino und Fiola – „seid angeblich alt genug, für euch selbst die Verantwortung zu übernehmen. Wunderbar! Dann macht auch euren Dreck eigenständig weg.“

  Prompt hagelte es Proteste.

  Helen hob zur Abwehr beide Hände. „Ruhe! Ich rede jetzt!“ Sie schluckte schwer. „Ich war immer bemüht, eine gute Mutter zu sein. Ich habe...“

  „Hat sie garantiert wo abgelesen und auswendig gelernt“, warf Fiola ein, mit Blick hin zu Tino.

  „Halt die Klappe, sonst dauert das hier ewig“, kam es zurück. „Und weiter!?“ Es galt Helen.

  „Ich habe euch in allem unterstützt, habe hinter euch hergeräumt und mir jedes Problem aufhalsen lassen, damit ihr fein raus seid. Ich stand bis zu dreimal täglich am Herd, habe den kompletten Haushalt geschmissen, den Garten in Schuss gehalten, mit euch gelernt und euch an den Wochenenden durch die Gegend chauffiert. Ich habe gegeben, ihr habt genommen. Alles für umsonst. Für eure Bedürfnisse habe ich auf so manches verzichtet und sogar meine Kleider abgetragen, bis sie mir vom Leib bröselten. Kurzum, ich war eine Idiotin. Die Betonung liegt auf war! Ich werde mir künftig all das gönnen, was für euch immer selbstverständlich war. Und ich werde mir guten Gewissens eine Auszeit nehmen, tun und lassen wonach mir ist oder eben nicht.“

  „Machst du jeden Tag“, sagte Fiola lässig.

  „Lass mich gleich bei dir anfangen. Da du im Bad immer die Letzte bist und es unfassbar eingesaut hinterlässt, wirst du Klo, Waschbecken und den Fliesenspiegel blitzblank putzen. Alles, was dann noch an persönlichen Sachen herumliegt, wandert in die Tonne.“  

  „Ich hab mich wohl verhört“, krächzte Fiola. „Du glaubst doch nicht, dass ich...“

  „Auch ihr zwei beiden“, unterbrach Helen sie lautstark – ihr Blick wanderte von Tino zu Marlen – „wischt über das Becken und benutzt vor allem die Klobürste, die nicht zur Dekoration dort steht. Schlimm genug, es erwähnen zu müssen.“

  Nun kam auch Tino in Fahrt. „Ich soll Klo putzen?“

  „Ganz genau!“ 

  „Klo putzen! Waschbecken säubern! Und das vor der Schule. Kannst du kippen.“

  Helen hielt den Kopf schief. „Dauert keine Minute. Für deine Schmuddelhefte nimmst du dir wesentlich mehr Zeit, vor der Schule.“

  Fiola feixte, Tino sprang mit hochrotem Kopf auf. „Du schnüffelst bei mir? Das ist das Allerletzte! Ich hör mir diesen Schrott auch nicht länger an. Ich soll putzen, damit du dir einen geilen Tag machen kannst!“ Er zeigte seiner Mutter den Vogel und wollte sich davonmachen, als Helen ihn zurückpfiff. „Ich bin noch nicht fertig.“

  „Ich aber!“ Tino latschte davon.

  „Tino!“

  „Schule ist schon Stress genug“, warf Fiola ein. „Und Kinderarbeit verboten. Kann ich auch gehen?“

  Helen schlug die Beine übereinander. „Da gibst du mir das nächste Stichwort. Du leidest unter Schulstress, wo du dir doch regelmäßig Auszeiten nimmst!?“

  Fiola erschrak innerlich. „Was? Keine Ahnung, was du meinst.“

  „Du hast in den letzten vier Monaten an sieben Tagen gefehlt. Jetzt wüsste ich gern, wer deine Entschuldigungen unterschrieben hat.“

  „Ich habe...!“, stammelte Fiola. „Mir war halt nicht gut.“

  „Wer?“, hakte Helen nach.

  Fiola versteckte sich hinter einer Fassade von Gleichgültigkeit. „Ich.“

  Helen schluckte. „Du fälscht meine Unterschrift?“

  „Na und?“

  Bestürzt über die Kaltschnäuzigkeit sagte Helen: „Du hast vier Wochen Zeit, daran zu feilen, weil auch Fälschen gelernt sein will. Heißt, du kommst nach Schulschluss auf direktem Weg  heim und wirst nur mit mir oder deinem Vater das Haus verlassen. Und du bekommst Nachhilfe in den Hauptfächern, auch während der Pfingstferien. Von deinem Geld bezahlt. Du wirst also eine ganze Weile auf Taschengeld verzichten müssen.“

  Fiola sprang auf, ihre Gesichtsfarbe wechselte von rot zu dunkelrot. „Du hast gesagt, ich darf Pfingsten mit Carola und ihren Eltern in die Schweiz fahren.“

  „Da wusste ich auch noch nicht, dass du Unterschriften fälschst und Schule schwänzt. Was hast du in der Zeit gemacht?“

  „Binde ich dir garantiert nicht auf die Nase.“

  „Und ist es nicht außerdem so“, sagte Helen weiter, „dass schlechte Noten, wie sie sich häufen, abgezeichnet werden müssen? War das auch dein Werk?“

  „Mama“, jammerte Fiola, ohne zu antworten, „du hast es mir versprochen! Das ist voll unfair.“

  „Wir leben in einer Zeit, in der Versprechen nichts mehr wert sind“, sagte Helen lapidar. „Antworte auf meine Frage!“

  „Papa war's“, gestand Fiola.

  Helen schnappte nach Luft. „Du hintergehst mich, indem du Papas Gleichgültigkeit ausnutzt und seine Unterschrift ergaunerst?“

  „Wenn er doch...“

  „Ihr macht gemeinsame Sache, damit ich keinen Ärger mache?“, sagte Helen hastig. „Und zur Belohnung darfst du in die Schweiz fahren? Du hast Nerven! Stell dich schon mal auf ganz ungemütliche Ferien ein, Fräulein.“

  Fiola weinte Tränen der Wut, ihre Stimme war brüchig. „Du versaust mir die Ferien nicht! Ich war noch nie in der Schweiz und...“

  „Und vermutlich wirst du dort so schnell auch nicht hinkommen, du bedauernswertes Kind. Die Eichhorns werden meine Entscheidung begrüßen, wenn sie erfahren, was für ein Früchtchen die beste Freundin ihrer Tochter ist. Sie finden ganz sicher Ersatz für dich.“

  „Trau dich nicht, mich zu verpetzen“, raunte Fiola.

  „Wer Mist baut, muss den Kopf hinhalten. So geht Leben. Du kannst abzischen. Und bändige deine Wut.“

  „Du kannst mich mal!“ Die Fenster vibrierten und ein gerahmtes Bild geriet in Schieflage, als Fiola die Tür schmetterte.

  Später suchte Helen das Gespräch mit Karsten. Das Resultat war deprimierend, weil er den Ernst der Lage nicht erkannte und stattdessen ihr Vorhaltungen machte. Ein Wort ergab das andere, bis daraus ein handfester Streit wurde und Karsten auf dem Sofa im Hobbykeller schlief.

Helen war lange vor den anderen auf und deckte übellaunig den Tisch. Die halbe Nacht hatte sie wachgelegen und gegrübelt, bis irgendwann der Faden gerissen war. Sie legte sich wieder hin und starrte auf das leere Bett neben sich. Sollte Karsten im Keller bleiben, es war ihr egal. Die Luft war raus, Gefühle erkaltet. Das war die unausgesprochene Wahrheit. Er war in jeder Hinsicht zum Kontrahenten geworden, der das Matsch für sich entscheiden wollte. Die Kinder hatten seine Spielregeln übernommen, die sie jetzt über den Haufen warf. Damit war die nächste Runde im Kampf eingeläutet und mit der letzten würde es einen Sieger und einen Verlierer geben oder zwei oder drei. Die Familie würde für sie immer oberste Priorität haben, aber nicht um jeden Preis und nicht länger rund um die Uhr. 

  Als Helen endlich aus den Federn kam, waren alle fort. Sie öffnete beide Fensterflügel und vergewisserte sich, dass die Häuser drumherum alle noch da waren. Die Luft war lau, die Sonne schien, die Vögel zwitscherten. Da konnte nur gute Laune aufkommen. Unten fand sie eine tadellos aufgeräumte Küche vor. „Eine Eintagsfliege.“ Helen trank ein Glas Orangensaft,

begnügte sich mit einer Katzenwäsche und ging joggen. Hinterher und nachdem sie geduscht, gefrühstückt und die Wochenzeitung durchgeblättert hatte, machte sie einen Termin beim Frisör und rief Freundin Silke an. Die fiel aus allen Wolken, als Helen einen Ausgehabend anregte. „Du willst raus?“

  „Ja.“

  „So richtig auf die Piste? Gibt's ja nicht!“

  „Ich muss unter Menschen. Mir fällt die Decke auf den Kopf.“

  Silke wurde hellhörig. „Hör ich da eine Krise heraus? Was ist passiert?“

  „Nichts!“

  „Machst du mir nicht weis. Hat Karsten eine andere?“

  „Nicht, dass ich wüsste“, sagte Helen gelassen, als ginge es um einen gemeinsamen Bekannten.

  „Die Ehefrauen erfahren es meist zuletzt.“

  „Für so was bleibt Karsten gar keine Zeit.“

  Silke widersprach. „Dafür nehmen sich die Kerle Zeit, das kannst du aber glauben.“

  „Dann kann ich es auch nicht ändern.“

  „Komm, spuck's aus! Was ist es dann?“

  „Erzähl ich dir heute Abend.“

„Bist du schön!“ Marlen umrundete hüpfend ihre Mamsi. „Du siehst total anders aus. Viel jünger.“

  „Noch jünger?“

  „Papa wird Augen machen.“

  „Bestimmt wird er das.“ Bloß nicht vor Freude, hängte Helen gedanklich an. „Die haben das wirklich toll hinbekommen. Was man bei den gesalzenen Preisen auch erwarten kann.“ Sie stellte sich abermals vor den Spiegel im Flur und drehte den Kopf hin und her. Glatt und seidig waren die Haare, auf Kinnlänge zurückgeschnitten und das natürliche Braun mit kupferroten Strähnen aufgepeppt worden. Die grüne Bluse war ein schöner Kontrast dazu, auch wenn der Stoff, der sich über ihren Busen spannte, nur eine flache Atmung zuließ. Helen war gespannt, was die beiden Großen zu der Veränderung sagten.

  Tino und Fiola schauten kritisch, sagten aber keinen Ton und blieben auch beim Essen stumm. Schweigen als  Strategie, eine aufmüpfige Mutter in die Knie zu zwingen. Fragte sich nur, wer den längeren Atem hatte, den Zwergenaufstand auszusitzen. Und da Tino von Natur aus ein Schwätzer war, erst recht wenn es der Bequemlichkeit diente, hob er das selbstauferlegte Sprechverbot nach dem Essen wieder auf. „Wo sind meine Fußballsachen? Kann sie nirgends finden.“

  „Hose und Trikot hängen unten auf der Leine“, sagte Helen und räumte weiter Geschirr weg. „Die Schuhe liegen dort, wo du sie hast fallen lassen.“

  „Gehst du noch schnell mit dem Bügeleisen drüber?“

  „Über die Treter?“

  „Übers Trikot!“

  „Das wär's noch! Bin außerdem beschäftigt.“

  „Was machst du denn so enorm wichtiges?“

  „Mich bilden! Noch nicht, aber gleich.“

  „Wozu?“, fragte Tino verwundert.

  „Weil Wissen Macht ist und Überlegenheit attraktiv macht.“

  Tino lief in den Keller und war gleich darauf mit seinen Fußballsachen zurück. „Die Latschen sehen aus wie Sau. So kann ich unmöglich antreten. Putzt du sie also?“

  „Hast du sie schmutzig gemacht oder ich?“

  „Ey, was machst du überhaupt noch? Du hängst nur noch rum, wie mir scheint. Und gekocht hast du auch schon mal besser. Ich muss dauernd aufstoßen.“

  Helen hob mahnend den Zeigefinger. „Ich warne dich, Rotzlöffel. Weiter in diesem Ton und  du kannst was erleben. Ich habe euch lang und breit erklärt, wie es künftig bei uns abläuft. Da dein Spatzenhirn überfordert zu sein scheint, fasse ich noch einmal zusammen: Ich koche, wasche eure Wäsche und...“

  „Macht die Maschine“, warf Tino ein.

  „...bügle und halte das Haus in Schuss, eure Zimmer ausgenommen. Alles andere bis zu einem gewissen Maß. Und deine verdreckten Fußballschuhe überschreiten dieses Maß. Hast du's jetzt?“

  Tino glotzte seine Mutter an. „Mir fehlen echt die Worte.“

  „Fein! Lass es mich eine Weile genießen.“

  Miesepetrig packte Tino die Sporttasche und produzierte im Flurschrank ein Chaos bei der Suche nach den Ersatzschuhen.

Mit steifer Grimasse verharrte Karsten im Türrahmen. „Was ist mit dir passiert?“

  „Überschlag dich bloß nicht vor Begeisterung.“ Helen trug ein dunkelrotes Cocktailkleid mit schwingendem Rock, das sie in einem angesagten Modegeschäft zu einem Schnäppchenpreis ergattert hatte. Das Pailletten-Oberteil schloss am Hals mit einem Stehbündchen ab. In einem Drogeriemarkt hatte sie sich ein Abend-Make-up verpassen lassen und selbst noch einmal nachgelegt. „Für einen Moment dachte ich, du erschreckst mich mit einem Kompliment.“

  Marlen kam angerannt. „Sieht sie nicht aus wie Julia Roberts?“

  Karsten machte die Tür hinter sich zu, schlüpfte aus der Jacke und hängte sie auf, ohne den Blick von Helen zu nehmen. „Was ist mit deinen Haaren passiert?“

  „Wonach sieht's denn aus? Nach einem erfolgreichen Frisörbesuch, oder? Deine Bewunderung macht mich zur glücklichsten Frau der Welt.“ 

  „Was bist du gleich wieder so? Ich  komme rein und sehe eine völlig veränderte Frau. Den Schock muss ich erst verdauen.“

  „Schock! Soso! Also mich würde es heiter stimmen, von einem attraktiven Mann empfangen zu werden, selbst wenn es der eigene ist.“

  „Papa, sag endlich, dass Mama dir gefällt“, half Marlen ihm auf die Sprünge.

  „Natürlich gefällt sie mir.“ Es klang wenig überzeugend. „Wie immer.“ Und zu Helen sagte Karsten: „Aber übertreibst du nicht. Du bist keine zwanzig mehr.“

  „Aber auch keine sechzig.“ Helen rammte die Hände in die Hüften. „Ich seh also aus wie immer! Demnach macht es keinen Unterschied, ob ich Schlabberhosen trage oder ein schickes Kleid!? Habe ich das richtig verstanden? Das klang neulich noch ganz anders.“

  Karsten streckte die Arme nach ihr aus. „Ja. Nein. Du musst dich aber deshalb nicht ve!rkleiden.“

  Helen schlug ihm auf die Hand. „Ich habe mich nicht verkleidet, du Idiot, denn ich beabsichtige nicht, auf einen Maskenball zu gehen. Ich habe mich fürs Nachtleben in Schale geworfen, um meinen Marktwert zu testen.“

  Tino kam die Treppe runter und brachte sich mit ein. „Papa, mach dich auf was gefasst. Mama hat sich aus der Knechtschaft befreit und die Ketten abgelegt. Hängen als Mahnmal über deinem Bett.“

  Karsten schaute ratlos in die Runde. „Kann mir mal einer sagen, was hier los ist?“

  „Ihr könnt mich alle mal!“, knurrte Helen. Sie griff sich Handtasche und Autoschlüssel und stolzierte erhobenen Hauptes aus dem Haus. Die Tür ließ sie offen.

  „Wohin gehst du?“, rief Karsten ihr hinterher.

  „Ins Institut für medizinische Mikrobiologie“, sagte Helen mit kräftiger Stimme. „Ich lasse mich einfrieren und erst wieder auftauen, wenn es auf diesem Planeten keine chauvinistische, unsensible Männer mehr gibt. Die Genforschung der Wissenschaftlerinnen dort läuft auf Hochtouren.“ Sie riss die Fahrertür auf, schwang sich hinters Lenkrad und krachte die Tür zu. Gleich darauf heulte der Motor auf und Helen preschte rückwärts aus der Einfahrt.

  Karsten verzog weinerlich das Gesicht. „Und wohin geht sie wirklich?“

  „Wird sich mit ihrem Lover treffen“, sagte Tino mit freundlicher Ironie. „Danach sieht es aus und alles spricht dafür. Du, wir müssen reden.“

*

„Sapperlot, der Frosch hat sich in eine Prinzessin verwandelt“, sagte Silke laut und vernehmlich, als ihre Freundin die Bar betrat.

  Begleitet von den Blicken anderer Gäste tippelte Helen in schwarzen Stöckelschuhen wie eine Balletttänzerin, mit den Zehen zuerst. Ein Hauch von Röte überzog ihre Wangen. „Musste das sein?“ Sie tauschte mit der Freundin Wangenküsschen aus und kletterte auf den Barhocker.

  „Aber allemal. Das achte Weltwunder muss bestaunt werden. Du siehst fantastisch aus. So wirst du zur echten Konkurrenz für mich. Ich weiß noch nicht, ob mir das gefällt. Das Laufen in diesen Dingern musst du allerdings noch üben.“ Silke zeigte auf die Schuhe.

  „Oh ja!“

  „Erzähl! Welcher Prinz hat dich wachgeküsst?“

  Helen grunzte. „Verschone mich mit vermeintlichen Prinzen. Mir genügt mein ungekrönter daheim.“