Ich hab Sie schon leuchten hören! - Tom Voller - E-Book

Ich hab Sie schon leuchten hören! E-Book

Tom Voller

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Das Taxi ist ein Tollhaus: Sex, Crime und nackter Wahnsinn. - Nicht zu fassen, wer und was einem da so alles in den Wagen springt. Sie ist unberechenbar, die Spezies Fahrgast mit all ihren Seinsarten und Absurditäten. Wie umgehen mit pöbelnden Suffköpfen, schluchzenden Illusionspüppchen, arrogantem Geldadel oder gar Wesen aus einer anderen Welt? Was tun, wenn Gevatter Tod auf der Rückbank Platz nimmt oder unvermittelt aus dem Lauf eines Revolvers grüßt? Wenn einem plötzlich der Rocker an den Kragen will oder eine Dragqueen an die Kronjuwelen? Was ist ein St-Pauli-Original? Warum präsentiert die adrette Brünette so wortlos ihre nackte Scham? Wie fährt es sich unter Drogen? Und was zum Teufel hat es mit dem Ledersklaven auf sich, der auf der Rückbank vor sich hin stöhnt? Seit drei Jahrzehnten macht Tom Voller diesen Spuk nun schon mit, rätselnd über Mensch und Sein und was der ganze Wahnsinn wohl bedeuten mag. Manchmal hilft es, sich ins Fantastische zu flüchten, mit den Fahrgästen gedanklich durchs All zu fliegen oder sie von einem imaginären Rudel wilder Tiere zerfetzen zu lassen. Meistens aber ist es am besten, einfach seinen Job zu machen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Tom Voller

Ich hab Sie schonleuchten hören!

Taxistorys und mehr

Wahre Geschichten und Betrachtungen eines Leidtragenden.

Copyright: © 2021 Tom Voller

Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Umschlag & Satz: Erik Kinting

Titelbild: © ???

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

ISBN

ISBN

ISBN

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Ich hab sie schon leuchten hören

Junkie

Kollege Suff – Ein oft gesehener Gast

Aliens

Die Kunst des missglückten Einstiegs

Christus Jesus

Sterbebegleitung und Gevatter Tod.

Drogen

Eine Fußmassage

Sexuelle Nötigung

Schreck ist Urknall und Berta ist tot

Neulich in Afrika

Nichts sehen – Nichts hören – Nichts sagen

Sterbebegleitung II

Satudarah Maluku

Vorwort

Wer sich im jungfräulichen Alter von 21 hinter das Lenkrad eines Taxis setzt, um sein Studium zu finanzieren, ahnt nicht, worauf er sich da einlässt. Am ersten Arbeitstag erklärte mir mein Chef den Wagen, das Funkgerät und den Taxameter, drückte mir den Zündschlüssel in die Hand und wünschte mir »Gute Fahrt«. Alles Weitere, um nicht zu sagen das Wesentliche, ersparte er sich. Kein Ach ja, eines noch: Wenn du da jetzt rausfährst, wird dir die nackte Realität auf den Schoß springen, der Wahnsinn Mensch mit all seinen Unzulänglichkeiten und Absurditäten. Deshalb mein guter Rat: Nimm das alles nicht zu ernst, mein Junge! Und im Weggehen noch, mit erhobenem Zeigefinger: Obwohl es das natürlich ist!

Heute, Jahrzehnte später und selbst Taxiunternehmer, handhabe ich es genauso. Wohlwissend, dass gute Ratschläge hier nicht weiterhelfen. Wer mit dem Irrsinn auf der Straße klarkommen will, muss seinen ganz eigenen Umgang damit finden, nur so funktioniert’s. Im Taxi komprimiert sich die Gesellschaft, jener Kosmos aus Männlein und Weiblein, Hetero und Homo, Trans und Gender, Jung und Alt, Arm und Reich, Einfältigen und Klugen, Kranken und Gesunden. Kriminellen, Politikern und Lobbyisten. Möchtegerne, Großmäuler und Duckmäuser, Prostituierte, Stricher, Freier, Drogensüchtige, Polizisten, Prominente, Menschen aus aller Herren Länder und weiß der Teufel wer noch steigen zu einem ins Taxi. Darunter Verärgerte, Fröhliche, Aggressive, Widerwärtige, Nüchterne, Berauschte, Laute und Leise, Weinende und Lachende, Saubere und Schmutzige, Stinkende und Duftende, Optimisten und Depressive, Verwirrte und noch Verwirrtere, Handzahme und Gefährliche. Und das alles im Minutentakt. Fremdes Sein das erstaunt, erschreckt, verärgert, beängstigt, verstört aber auch erfreut, belustigt, bereichert und amüsiert. Vor allem aber eines: desillusioniert! Wenn sich eines wie ein roter Faden durch die Gesellschaft zieht, dann sind es Selbstdarstellung und Lüge.

Glauben können sie niemandem – das können sie mir glauben!

Ich hab sie schon leuchten hören

Der sturzbetrunkene Vollalkoholiker, der mir auf den Beifahrersitz fällt, begrüßt mich mit den Worten: »Ich hab sie schon leuchten hören!« Und dem Zusatz. »Ach du Scheiße, was bist du denn für’n Arschloch?«

Zugegeben, die Frage stelle ich mir auch manchmal, allein schon aus Gründen der Selbstreflexion. Von Fremden allerdings höre ich sie nicht so gerne. »Moin erst mal«, bleibe ich höflich und betrachte ihni prüfend. Daran, dass er mich hat leuchten hören, hege ich keinen Zweifel.

»Wa…?«, lallt er mir seine Fahne ins Gesicht. »Geh mir wech mit Moin, du Penner!«

Es geschieht eher selten, dass mich ein Fahrgast zum Lachen bringt, doch jetzt muss ich lachen. Die Schnapsnase tut nicht gerade viel dafür, von mir befördert zu werden, um nicht zu sagen erschreckend wenig – eigentlich bettelt er um einen Rauswurf. »Und ich dachte immer, der Ton macht die Musik«, gebe ich zu bedenken.

»Hä …? Was wiss du denn?«, raunzt er mich an.

Ich versuche es anders und übersetze es ihm so: »Wer ficken will, muss nett sein. Uralter Spruch, kennst du ja wohl.«

»Quatsch nicht rum … fahr los, du Penner!«

»Gerne doch. Wohin noch gleich?«

Was ich ihm zugute halte ist, dass er einen recht ordentlichen Eindruck macht. Er stinkt nicht nach altem Schweiß oder Urin oder Schlimmerem. Was wiederum er mir zugutehalten darf ist: Ich erfreue mich gerade bester Laune, was sich nicht jeden Tag von mir behaupten lässt.

»Sachma hassu was mitte Ohrn? Scheplerstraße Fia, du Penner!«

Und es kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Bei meinem Fahrgast handelt es sich eindeutig um ein St.-Pauli-Original, also einem der letzten seiner Art. Das St.-Pauli-Original ist eine aussterbende Spezies und verdient als solche ein gerüttelt Maß an Nachsicht und Respekt. Leider jedoch ist das St.-Pauli-Original nicht mehr zu retten, sein Biotop, die gute alte Eckkneipe, schrumpft zusehends im Bestand, schon bald wird es sie hier nicht mehr geben. Das geht schon seit Jahren so, der St.-Pauli-Kiez wird rücksichtslos monokultiviert, überschwemmt von Horden partyhungriger Menschen, die ihn und seinesgleichen brutal aus dem Revier tanzen. Noch gibt es einige wenige Rückzugsgebiete, wo er seinen Schnaps noch bezahlen, seinem Alkoholismus noch ungestört frönen kann, doch bald werden auch diese überflutet sein. Der Mann wird auf St. Pauli ertrinken, so ist es vorgesehen. Bis es aber so weit ist, besitzt er Heimrecht. – Heimrecht vor den Feiernden, den Touristen, den Luden, der Heilsarmee, den Prostituierten, sogar vor den Polizisten auf der Davidwache und selbstverständlich auch vor meiner Wenigkeit.

Mit dem St.-Pauli-Original stirbt nicht nur eine altehrwürdige Kneipenkultur, auch die Ästhetik des gepflegten Suffs geht mit ihm unter. Denn Saufen ist nicht gleich Saufen. Anders als unsereiner, die wir uns gelegentlich mal einen Schwips antrinken, auf lustig volllaufen lassen oder ein Frust-Besäufnis hinlegen, trinkt er professionell. Um zu verstehen, was das St.-Pauli-Original ausmacht, begreift man ihn am besten als Extremsportler. Er spielt in einer Liga mit Wahnsinnigen wie Apnoe-Tauchern, Free-Climbern oder Wingsuit-Basejumpern. Genau wie sie liebt er das Risiko, die Balance auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. So wie der Free-Climber in der Steilwand klebt, klebt das St.-Pauli-Original am Tresen; wo der Free-Climber nach dem nächsten kleinen Vorsprung tastet, tastet das St.-Pauli-Original nach dem nächsten Schnaps. Beiden ist dabei eines stets bewusst: Es könnte jeden Moment zu Ende sein. Im Grunde tun sie das Gleiche, nur unter entgegengesetzten Vorzeichen. Während der Free-Climber die Todesnähe sucht, um sich den Adrenalinrausch ins Blut zu pumpen, pumpt sich der Alkoholiker den Rausch ins Blut, um die Todesnähe zu finden. Beiden wird dabei einiges abverlangt, es geht um Körperbeherrschung, Mut und eisernen Willen. Mentale Stärke ist alles. Wer nicht an sich glaubt, hat keine Chance. So wie der Wingsuit-Jumper oben am Sims des Towers noch einmal tief durchatmet, bevor er in die Tiefe kippt, tut es der Trinker auf der obersten Treppenstufe seiner Stammkneipe, bevor er den ersten Schritt in Richtung Taxi wagt.

Nein, der Vergleich hinkt nicht, wahrscheinlich ist es sogar das St.-Pauli-Original, das das höhere Risiko eingeht. Einer wie er kann selbst mit 3,0 Promille im Blut noch denken und reden und wissen, was er tut. Okay … wie es dabei um seine körperlichen Funktionen bestellt ist, steht auf einem anderen Blatt, aber mit 3,0 Promille noch auf den Füßen zu stehen ist für sich genommen schon Hochleistungssport. Sich dabei auch noch fortzubewegen grenzt an Zauberei. Das St.-Pauli-Original beherrscht das in Perfektion. Allein die Kraft mentaler Stärke befähigt ihn, wie auch seine Extremsport-Kollegen, die Naturgesetze quasi außer Kraft zu setzen. Leute wie er torkeln zwar, als wandelten sie bei Windstärke 12 an Deck eines Fischtrawlers, doch sie stürzen nicht. Keine Ahnung, wie sie es anstellen: Sie stürzen einfach nicht. Es ist, als hätten sie das Torkeln zu einer eigenständigen Gangart entwickelt, ähnlich dem Schlendern, dem Flanieren oder Schleichen.

Wie auch immer, rein medizinisch betrachtet müsste der Alkohol, der dem St.-Pauli-Original allabendlich durch die Adern schwappt, ihn eigentlich töten. Dass er es nicht tut, kann nur eines bedeuten: Er ist immun dagegen. Es ist paradox: Obwohl tagein, tagaus komplett vergiftet, bleiben diese Menschen lange Jahre erstaunlich gesund. Es scheint, als reagiere der Organismus irgendwann nicht mehr auf die Promille, wahrscheinlich sagt er sich: Sauf du nur soviel du willst, ich mach derweil mein eigenes Ding. Der Alkohol stößt beim St.-Pauli-Original gewissermaßen an seine Grenzen. Er vergiftet nicht mehr, er desinfiziert.

Was das bedeutet, zeigt sich auch bei meinem Exemplar: Gehen und Stehen schlecht, Orientierung und Sprache (vergleichsweise) blendend. Natürlich lallt er, bleibt aber verständlich, und den eigenen Namen zu vergessen wie Herr van de Kerkhoff (dazu später), würde ihm nie in den Sinn kommen. Diese Typen sind die Helmut Schmidts des Alkohols. Beneidenswert.

Einer wie er pendelt ununterbrochen in einem Dreigestirn aus Stammkneipe, Bett und Taxi, das eine geht ohne das andere nicht. Wobei dem Taxifahrer die Rolle der guten Fee zukommt, denn wenn alle Stricke reißen – und sie reißen täglich –, dann ist er es, der ihn rettet. Das St.-Pauli-Original braucht das Taxi wie den Tresen, den Wirt, den Schnaps und das Klo. Alles greift ineinander.

»Schepplerstraße vier also …«, wiederhole ich. »Das Penner will ich mal überhört haben, ein Bitte wäre ganz angemessen. Aber egal.«

Er betrachtet mich grimmig. »Meinedwegen, wenn’s dir gud tut: Bidde!«

Na also, geht doch, denke ich. Wer ficken will, muss eben nett sein. Andererseits … er will ja gar nicht ficken. Ficken ist schon lange nicht mehr sein Metier, auch den Orgasmus hat er sich längst abgewöhnt. Er will einfach nur ins Bett, was für ihn allerdings in etwa auf das Gleiche hinausläuft. Schlaf bedeutet ihm jetzt höchste Befriedigung womit die Taxifahrt dann wohl das Vorspiel wäre.

»Was grinst ’n so blöd?«, blökt er.

»Du bist lustig, also grinse ich«, grinse ich und starte den Wagen.

Es ist nur eine kurze Fahrt, während der er unverdrossen an mir herum mäkelt und ich ihm zu erklären versuche, dass ich es doch vorzöge, wenn er etwas an seiner Wortwahl feile, da seine Umgangsformen doch zu wünschen übrig ließen und es im übrigen Kollegen gäbe, die aus weit nichtigerem Anlass schon mal den Ellenbogen sprechen ließen (auch dazu später mehr). Doch er hört mir gar nicht zu. Was solls, er ist einer der Letzten seiner Art, er hat Heimrecht und er muss ins Bett. Nach sieben Minuten Grantelei sind wir da.

»Sechs achtzig«, sage ich.

»Hier, zehn, stimmt so«, lallt er.

In weiser Voraussicht biete ich ihm an, beim Ausstieg behilflich zu sein, was er wie erwartet höflich ablehnt: »Was glaubs’n du werdu bist, du Penner, das krich Kurti schon noch allain hin.«

Für einen Moment steht Kurti schwankend in der geöffneten Wagentür, dann tritt er einen Schritt vor, wirft die Tür ins Schloss, stolpert zwei Schritte nach rechts, zwei nach links und rauscht dann auf direktem Wege geradeaus in die Rabatten. Die Perfektion des Torkelns ist ihm wohl kurzzeitig außer Kontrolle geraten, nur Beine und Hintern gucken noch aus den Büschen. Anders als der Free-Climber kann er sich solche Fehler erlauben, dennoch bleibe ich dabei: Alkoholismus ist die weitaus härtere Extremsportart. Keine zwei Tage würde der Free-Climber Kurtis Eckkneipen-Programm auf dem Kiez überleben, wohingegen das St.-Pauli-Original jede noch so knifflige Steilwand erklimmen würde, wüsste er nur, dass oben eine Flasche Schnaps auf ihn wartet. Dazu kommt die Gewissheit um Gevatter Tod. Anders als Free-Climber & Co geht das St.-Pauli-Original nicht davon aus, seinen Extremsport überleben zu können. Er weiß, es ist ein Pakt mit dem Teufel, der stets neben ihm am Tresen sitzt. Irgendwie mag ich sie, diese Letzten ihrer Art.

Kopfschüttelnd ziehe ich ihn aus der Hecke, hake ihn ein und führe ihn unter wüsten Beleidigungen Richtung Hochhaus. Die Fummelei am Türschloss sehe ich mir eine Weile an, dann schnappe ich mir den Schlüssel, öffne die Tür und ziehe ihn quer durchs Treppenhaus bis hinein in den Fahrstuhl.

»Welches Stockwerk?«, frage ich knapp, denn mittlerweile bin auch ich genervt.

»Krich ich selbs’ hin!«

»Schon klar: Welches Stockwerk?!«

»Las’ mich in Ruh …«

»Ah, siebter Stock also, warum nicht gleich so.«

»Waa…? Nix siebter … Kurti wohnt immer noch im driddn …«

Ich lange in den Fahrstuhl, drücke auf den Knopf und wünsche eine gute Nacht.

Junkie

Als ich meiner Oma, Gott habe sie selig, dereinst nur so aus Spaß eine tote Kellerspinne in den Schoß warf, bekam ich postwendend eine geklebt. Nicht dass sie es böse meinte, nein, nur so ein Reflex; ihr impulsives Wesen verlangte danach. Das und ihre resolute Art schätzte ich an ihr, auch wenn ich sie ab und an zu spüren bekam.

Mit meiner Oma war nicht gut Kirschen essen. Sie hatte das psychotische kleine Männlein überlebt, das mit dem irren Blick, dem affigen Schnauzbärtchen und dem fauligen Hirn. Sie war jahrelang mit zwei Kindern im Schlepptau durchs Höllenfeuer des Krieges geirrt, zählte Hunger und Tod zu ihren besten Freunden und wusste doch stets, dass sie ihr nichts anhaben konnten. Courage und der Glaube an sich selbst waren ihr Überlebenselixier. Nachdem der Leibhaftige das psychotische Männlein endlich geholt und es sich kopfüber an den Hoden hängend unter die Decke seines Gewölbes genagelt hatte, fürchtete meine Oma nichts mehr – weder Tod noch Teufel. Seitdem durfte jeder, der ihr krumm kam, mit Konsequenzen rechnen – und manchmal traf es halt auch den eigenen Enkel.

Leider hat sie mir von ihrer Courage nichts vererbt. Als ich in den dunklen Revolverlauf des Junkies blicke, bin ich schneller aus dem Wagen als eine Wüstenspringmaus in ihrem Bau, wenn es donnert: Tür auf, raus und weg sind eins.

Dabei begann alles ganz harmlos: Das miese Arschloch steigt am Bahnhof zu, nimmt hinten rechts Platz und schweigt. Nach wenigen Minuten bittet er darum, an einem Zigarettenautomaten zu halten, fragt, ob ich ihm einen Schein wechseln kann, wartet, bis ich die Börse hervorziehe und hält mir im nächsten Augenblick eine riesige schwarze Kanone vors Gesicht.

»Her mit der Kohle!«, explodiert es in meinem Kopf.

Die Ideallösung, in solch einer Situation einfach mal in Ohnmacht zu fallen, ist mir leider nicht gegeben, also wähle ich die zweitbeste Option und ergreife die Flucht, wofür meine Omi oben im Himmel sicher nur ein tadelndes Kopfschütteln übrig hat. Der Junkie kann von Glück sagen, dass nicht meine Omi am Steuer saß. Kanone hin, Kanone her, sie hätte ihn ohne ein Wort zu verlieren allein mit strengen Blick vor die Frage gestellt, ob er es sich auch gut überlegt habe und nicht doch lieber nach Hause unter den Rockzipfel seiner Mutti möchte. Und dann hätte sie ihm eine saftige Ohrfeige verpasst und gleich noch eine zweite hinterdrein, damit er es sich für die Zukunft merkt. Undenkbar, dass sie auch nur einen Furz auf seine Kanone gegeben hätte. Und der Junkie, dafür lege ich meine Hand ins Feuer, hätte kleinlaut pariert, ahnend, ihr schon ins Gesicht schießen müssen, um auch nur einen einzigen Cent aus ihr herauszupressen. Eher etwas für Mafia-Killer denn ein Weichei auf der verzweifelten Jagd nach dem nächsten Schuss.

So war sie, meine Oma, doch wie schon erwähnt, habe ich von ihrer Courage nicht viel abbekommen. Wüstenspringmaus trifft es da schon ganz gut, wie eine solche springe ich aus dem Wagen. Immerhin überrasche ich damit offensichtlich Mr. Heroin. Bevor er weiß, wie ihm geschieht, sieht er mich schon rückwärtig davonsprinten. Doch Mr. Heroin zeigt unerwartet Biss, hechtet vor auf den Fahrersitz, hängt sich bäuchlings aus der geöffneten Tür und brüllt mir wütend hinterher: »Lass die Kohle fallen! Lass sofort die verdammte Kohle fallen!«

Drei, vielleicht vier Sekunden sind verstrichen. Ich bin zurück in der Realität. Ein hastiger Blick über die Schulter und ich sehe den Junkie, das schwarze Monstrum im Anschlag. – Die Drecksau zielt auf mich. Plötzlich stehe ich. Keine Ahnung warum, aber ich stehe und starre zu ihm herüber. Dann auf die Geldbörse in meiner Faust, explosiv wie eine entsicherte Handgranate.

Sekunden springen aus der Zeit.

»Lass das Geld fallen, du Penner!«

Sein panischer Tonfall beunruhigt mich. Zwei weitere Sekunden machen sich auf und davon. Eine innere Stimme sagt mir: Hier könnte gleich fürchterlich etwas schiefgehen.

Die nächsten Sekunden glotzen wir einander an. Die Zeit drängt. Eine Entscheidung muss her, und zwar schnell. Sehr schnell.

Mit schnellen Entscheidungen ist es so eine Sache. Die wichtigste Erkenntnis, die mich der Wettkampfsport gelehrt hat, ist die Bedeutung schneller Entscheidungen. Dabei gilt: Wenn es wirklich fix gehen muss, spielt es überhaupt keine Rolle, was ich entscheide, entscheidend ist allein, dass ich entscheide, und zwar auf der Stelle. Man kann sagen, wer zuerst entscheidet, gewinnt! Wer jetzt zögert, funkt mir meine Sportlerintuition ins Hirn, könnte es gleich bitter bereuen. Oft sind es Kleinigkeiten, die den Ausschlag geben. In diesem Fall ist es der Ehering an meinem Finger, der mir plötzlich ins Auge sticht und anweist, was zu tun ist. Sofort fluten Ruhe und Gelassenheit meinen Körper. Bevor der Junkie noch ein weiteres Mal brüllen kann, bevor wir beide auch nur einen weiteren Atemzug nehmen, habe ich entschieden. In diesem Moment steht fest: Mr. Heroin ist erledigt, er weiß es nur noch nicht. Er hatte seine Chance, hätte abdrücken sollen, als ich noch am Steuer saß. – Zu spät. Nun bekommt er die Quittung.

Meine Geldbörse bleibt, wo sie ist. Ein Sprung zur Seite gibt mir notdürftig Deckung hinter einem Laternenpfahl, zugegeben ein etwas spärlicher Schutz, doch ich weiß genau, was ich tue. Der Junkie droht und fuchtelt mit der Waffe. Nerven hat er, das muss ich ihm lassen. Es ist früher Abend, links und rechts säumen Wohnblocks die Straße, jeden Moment könnte jemand ums Eck biegen. Sein Plan beginnt aus dem Ruder zu laufen, das sollte ihm langsam mal aufgehen. Besser er würde den Wagen starten und zusehen, dass er hier wegkommt. Worauf zum Teufel wartet er noch? Egal, sein Problem!

»Du willst mein Geld?«, rufe ich ihm zu. »Dann hol es dir!«

Der Junkie stutzt.

»Na, was ist Arschloch? Keinen Mumm?«

Keine Antwort, er scheint irritiert.

Mal sehen, was er hierzu sagt: Seelenruhig, geradezu behutsam, greife ich mit der rechten Hand in die linke Innentasche meiner Jacke. Mr. Heroin erstarrt. Ich bemerke den Wahn in seinen Augen, die Blässe seiner Haut und den Umstand, dass er leicht zittert. Der Mann ist am Ende, er braucht seinen Stoff, und zwar bald, er braucht ihn wie der Verdurstende das Wasser, der Ertrinkende die Luft. Doch damit ist jetzt Schluss, denn hier und heute steht er seinem Erlöser gegenüber.

Die Distanz zwischen uns beträgt knapp 20 Meter. Das klingt nicht viel, ist aber selbst für einen geübten Schützen ohne Entzugserscheinungen eine Herausforderung. Es verlangt Konzentration, festen Stand und eine ruhige Hand. Mr. Heroin besitzt nichts von alledem. Meine Finger in der Jackentasche umschließen den metallenen Griff einer 21er Beretta Bobcat, Kaliber 6.35. Natürlich ist mir bewusst, dass es uns Taxifahrern nicht gestattet ist, eine Waffe mitzuführen, doch nun, da ich sie schon mal dabei habe …

Die Beretta wiegt schlanke 300 Gramm, ist durchgeladen und besticht durch ein hervorragendes Handling. Mein Gegenüber hantiert mit einem schwarzen Ungetüm von schätzungsweise einem knappen Kilo Leergewicht. Eine solche Waffe dient eher der Abschreckung denn dem Gebrauch.

Hastig versucht er, sich aufzurichten. – Zeit die er eigentlich nicht hat, noch dazu kein leichtes Unterfangen mit dem Ungetüm im Anschlag, doch irgendwie kriegt er es hin. Mit schlackerndem Arm zielt er zu mir herüber. »Mach schon! Her mit der Kohle!«

Ohne jede Eile ziehe ich meine Bobcat hervor, es wird ihr erster Einsatz werden. Dabei drehe ich mich in einer einzigen flüssigen Bewegung längsseits hinter den Laternenpfahl und lege auf ihn an. Die Arme durchgestreckt, beide Hände an der Waffe, dazu gehe ich etwas in die Knie. Nicht dass ich groß Ahnung davon hätte, doch so kenne ich es aus Film und Fernsehen, es wirkt kernig und professionell zugleich.

Mr. Heroin gerät auch prompt aus der Fassung. Es ist dies der Moment, in dem die Kontrolle die Seite wechselt und dem Junkie die Pferde durchgehen. Zum einen, da er nun seinerseits in den Lauf einer Waffe blickt, zum anderen, und das wiegt schwerer, da ihm aufgeht, dass er seine Droge heute nicht bekommen wird. Reflexartig zuckt er runter in die Hocke, kauert sich zwischen Fahrertür und Karosserie, aufgeregt Befehle brüllend und wie wild mit der Kanone fuchtelnd. Die Panik in seiner Stimme verrät, dass er drauf und dran ist, abzudrücken. Das miese kleine Arschloch ist tatsächlich bereit, mich zu erschießen, um an seinen Stoff zu kommen.

Vor meinem inneren Auge sehe ich meine kleinen blonden Jungs auf dem Spielplatz, wie sie mir vergnügt zuwinken, dahinter meine geliebte Ehefrau, auch sie winkt und lacht fröhlich, wie es ihre Art ist. Ich lächle und winke zurück, zuversichtlich, denn ich weiß, dies ist nicht der Tag, an dem ich sterben werde. Ich bin ein von Natur aus kompromissbereiter Mensch, doch Mr. Heroin wird davon nicht profitieren, denn in diesem Moment drückt er tatsächlich ab. Der Schuss geht weit ins Nirgendwo, ebenso der zweite und dritte. Wie von Sinnen ballert er drauflos. Ungerührt meine Stellung haltend zähle ich mit: Drei, vier, fünf … Die Streuung ist abenteuerlich. Sechs – das wars! Mr Heroin hat sein Pulver verschossen, dabei ist er auf die Knie gerutscht, hockt eingeklemmt zwischen Tür und Holm, die Verzweiflung steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Souverän trete ich hinter dem Laternenpfahl hervor und schlendere, die Beretta locker im Anschlag, zu ihm herüber. »Weißt du, was dein Problem ist, Junkie?«

Wie paralysiert starrt er auf meine Schritte.

»Dein Problem ist: Du nimmst die falsche Droge.«

Er will sich aufrappeln, doch ich bedeute ihm, auf den Knien zu bleiben.

»Heroin passt nicht ins Leben, mein Lieber! Ich weiß, Heroin ist das Paradies, aber … das Paradies gehört nicht in diese Welt. Verstehst du? Wir sind hier nicht im Paradies und das hat seinen Grund. Gerade du solltest das wissen.«

Ich bemerke die Leere in seinem Blick und die Furcht – er weiß, dass ich ihn töten werde.

»Verstehst du, was ich meine?«

Es sieht nicht danach aus, er scheint verwirrt und restlos am Ende.

»Ich spreche vom Tod, Arschloch! Schon mal drüber nachgedacht?«

Den Finger am Abzug stehe ich über ihm. Mr. Heroin zittert. Zum einen, weil langsam der Entzug einsetzt, zum anderen, weil er spürt, dass seine Reise hier zu Ende geht.

»Das Leben ist keine Drogenparty, mein Lieber, nur Spaß haben läuft nicht. Das Leben will was anderes. Keine Ahnung, worum es geht, aber du, so viel steht mal fest, hast es gründlich verkackt, Arschloch!« Das Arschloch spucke ich förmlich auf ihn nieder.

Angsterfüllt blickt er zu mir auf. Feuchtigkeit sammelt sich in seinen Augen, die große schwarze Monster-Waffe gleitet ihm vom Schoß, fällt metallen auf den Asphalt. Ein kaltes, einsames Geräusch.

»Warum nur, Dummkopf? Warum ausgerechnet Heroin, wo es doch so viel anderes gibt? Alkohol zum Beispiel, den bekommst du doch an jeder Ecke, Psychopharmaka gibts sogar auf Rezept. Und glaube mir, Antidepressiva sind auch nicht schlechter als dein Zeug. Da werden Hunderttausende Hausfrauen nicht irren. Andererseits«, gebe ich eine lapidare Handbewegung mit der Beretta, »läuft es am Ende wohl eh auf das Gleiche hinaus. Es ist doch so …« Ich hocke mich zu ihm herunter, was ihn noch weiter in sich zusammensinken lässt. »Niemanden interessieren die fünfhundert Psychopharmakatoten jährlich in diesem Land. Oder die tausenddreihundert Herointoten. Nicht einmal die sechzigtausend Alkoholtoten interessieren hier irgendjemanden. Im Gegenteil, für Alkohol wird munter geworben. Aber das ist nicht mein Thema, Arschloch! Mein Thema ist, dass du …!«

Ich drücke ihm den Lauf der Beretta auf die Stirn. Er schließt die Augen und beginnt zu wimmern.

»… ohne mit der Wimper zu zucken und nur für ein Tütchen Heroin bereit bist, meinen Kindern ihren Vater zu nehmen.«

Der Junkie schluchzt in sich hinein.

»Wahrscheinlich sagst du: Was soll ich tun?Heroin ist schweineteuer, wie bitte soll ich das bezahlen, ohne kriminell zu werden? Sicher, stimmt schon. Natürlich wäre es ein Leichtes, auch dir den Stoff auf Rezept zu geben und billiger noch dazu für Vater Staat. Und nur fair obendrein, schließlich bist du krank, schwer krank, suchtkrank, mein Lieber. Nur leider zählst du nicht zum Kundenstamm der Pharmaindustrie. – Pech für dich! Verstehst du, worauf ich hinaus will?«

Der Junkie flennt. Rotz leckt ihm aus der Nase.

»Was ich sagen will, ist: Du bist ein Opfer gesellschaftlicher Missstände. So besehen bin auch ich jetzt ein Opfer gesellschaftlicher Missstände. So besehen sitzen wir beide also im selben Boot. Wir zwei beiden sind denen egal, Arschloch. Unser Problem fällt durchs Raster. Kurzum, wir müssen das unter uns ausmachen, einer von uns wird den Kopf hinhalten müssen und nun rate mal, wer das sein wird?«