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Zwei rebellische Frauen, ein bewegendes Schicksal … "Ich habe so sehr geliebt" von Judith Rotem jetzt als eBook bei dotbooks. In Noemis Familie spricht niemand über Gabriela. Noemi weiß nur, dass ihre verloren geglaubte Tante anders war, unkonventionell. Nun macht sie sich auf den Weg nach Berlin, um nach ihr zu suchen. Sie findet die lebensfrohe alte Dame in einem jüdischen Altersheim. Schon bald erkennen die beiden Frauen, wie ähnlich sie sich sind. In farbenfrohen Erzählungen lässt Gabriela ihre bewegte Vergangenheit lebendig werden: Der Ausbruch aus der streng orthodoxen Familie, ein Leben, das geprägt ist von immer neu gepackten Koffern, dem Kampf für Freiheit – aber auch dem Wunsch, das Leben zu feiern, erotischen Eskapaden, fremden Ländern und der Liebe. Je länger Noemi lauscht, desto deutlicher sieht sie ihr eigenes Leben, mit dem sie seit Langem hadert. Aber was kann Gabrielas Vergangenheit für ihre eigene Zukunft bedeuten? "Judith Rotem ist eine der wichtigsten und interessantesten israelischen Autorinnen. Ihre malerischen Beschreibungen und ihre scharfsinnigen Metaphern weisen ihren Roman als eines der großen Werke der Weltliteratur aus." ITON 77, Israelisches Literaturmagazin Jetzt als eBook kaufen und genießen: "Ich habe so sehr geliebt" von Erfolgsautorin Judith Rotem – unser Buchtipp für alle, die den Bestseller "Unorthodox" von Deborah Feldman verschlungen haben. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 800
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Über dieses Buch:
In Noemis Familie spricht niemand über Gabriela. Noemi weiß nur, dass ihre verloren geglaubte Tante anders war, unkonventionell. Nun macht sie sich auf den Weg nach Berlin, um nach ihr zu suchen. Sie findet die lebensfrohe alte Dame in einem jüdischen Altersheim. Schon bald erkennen die beiden Frauen, wie ähnlich sie sich sind. In farbenfrohen Erzählungen lässt Gabriela ihre bewegte Vergangenheit lebendig werden: Der Ausbruch aus der streng orthodoxen Familie, ein Leben, das geprägt ist von immer neu gepackten Koffern, dem Kampf für Freiheit – aber auch dem Wunsch, das Leben zu feiern, erotischen Eskapaden, fremden Ländern und der Liebe. Je länger Noemi lauscht, desto deutlicher sieht sie ihr eigenes Leben, mit dem sie seit Langem hadert. Aber was kann Gabrielas Vergangenheit für ihre eigene Zukunft bedeuten?
Über die Autorin:
Judith Rotem wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Budapest geboren. Als kleines Kind überlebte sie das Konzentrationslager, bevor sie nach Israel gelangte. Bücher waren seit ihrer Kindheit ein Weg für sie, Erlebtes zu verarbeiten und ihren Horizont zu erweitern. Bis 1983 lebte sie als Ehefrau, Mutter und Lehrerin in der ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinschaft, die sie schließlich mit ihren sechs Töchtern verließ. Nach einem freien und selbstbestimmten Leben strebend, baute sie sich eine neue Existenz als Journalistin und Autorin auf.
Auf www.dichterlesen.net können ein Gespräch mit Judith Rotem und eine Lesung aus dem Roman nachgehört werden, die 2010 im Literarischen Colloquium Berlin stattgefunden haben.
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eBook-Neuausgabe Januar 2018
Die hebräische Originalausgabe erschien 2000 unter dem Titel I Loved So Much (Ahavti Kol Kach) im Verlag Yedioth Ahronoth, Tel Aviv, Israel.
Copyright © der hebräischen Originalausgabe 2000 by Yedioth Ahronoth and Judith Rotem
Published by arrangement with The Institute for The Translation of Hebrew Literature
Dieses Buch erschien bereits 2002 unter dem Titel Eine Frau mit Vergangenheit im Ullstein Heyne List Verlag GmbH & Co. KG, München
Copyright © der deutschen Ausgabe 2002 Ullstein Heyne List Verlag GmbH & Co. KG, München
Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Luciano Mortula - LGM (Stadt), Taras Abamaniv (Frau)
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ml)
ISBN 978-3-96148-131-6
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Judith Rotem
Ich habe so sehr geliebt
Roman
Aus dem Hebräischen von Beate Esther von Schwarze
dotbooks.
EIN GROSSER SCHWARZER HUND WÜHLT IN DER ERDE UND REISST BLUMEN AUS
Fast jeder Mensch hat irgendwo in seinem Gedächtnis ein Bild des Augenblicks gespeichert, in dem eine entscheidende Wende in seinem Leben eintrat. Manchmal ist dieses Bild von einem dichten, staubigen Vorhang verhüllt, den keine Hand zurückzieht, und doch spürt man die Stelle, wo es sich in die Erinnerung hineingebrannt hat. Auf dem Bild, das sich mir eingeprägt hat, scharrt ein großer schwarzer Hund in unserem Garten in der Erde und reißt zarte rosa Phloxe und violette Zinnien aus, die meine Mutter im Frühjahr gepflanzt hat. Der Mann, der unser Haus bewohnen wird, läuft im Garten und in den Zimmern herum, als sei er Herr im Haus, und pfeift seinen Hund nicht zurück. Ich sehe den beiden vom Fenster aus zu. Die Möbel stehen noch an ihrem Platz, doch das Haus ist nicht mehr mein Zuhause. Man spürt schon den Aufbruch. Auf der Terrasse, die auf den Garten hinausgeht, stapeln sich Kartons und Kisten, die zum Verpacken der Kleider und des Hausrats bestimmt sind.
Ich beobachte den neuen Hausbewohner voll Angst und Wut. Er bückt sich, hebt etwas auf und steckt es in die Tasche. »Du hast totgeschlagen, dazu auch in Besitz genommen?«, murmele ich vor mich hin. Dieser Satz wurde gestern als Bibelspruch des Tages im Radio vorgelesen. Die Worte knirschen wie Sand zwischen meinen Zähnen.
Nichts hatte mich auf die Vertreibung aus dem Paradies vorbereitet. Für den Erlös des Hauses an der Zitrusplantage mit dem Gemüsegarten, den Blumenbeeten und den Obstbäumen kauften meine Eltern eine kleine Wohnung in einem hässlichen Wohnblock in einer ebenso hässlichen, fremden Stadt, die ich bisher nur von dem Bus Nummer 59 aus gesehen hatte, der auf dem Weg nach Tel Aviv durch die Hauptstraße fährt. Die Menschen dort sahen seltsam aus: Sie trugen Bärte, lange schwarze Mäntel und dunkle, breitkrempige Hüte. Bald nachdem wir in die neue Stadt gezogen waren, sah mein Vater auch so aus.
Es gab noch ein Anzeichen für die jähe Wende in unserem Leben und den Sturz aus dem Paradies: Meine Tante Gabi, ein bunter Paradiesvogel, die »weltliche« Schwester meines Vaters, wurde aus unserem Leben gestrichen. Sie verschwand plötzlich, ohne jede Erklärung, wie eine leichte Wolke an einem Himmel, der sich noch nicht verdüstert hatte, und auch ihr Bild fand seinen Weg ins Album der Erinnerung, wie der Zypressenhain und der Wasserturm und das kleine Haus mit dem Garten an der Zitrusplantage.
Meine Tochter Shira kam nach längerer Krankheit aus dem Krankenhaus zurück. Sie lag im Bett, blass, zerbrechlich und leer wie ein ausgeblasenes Ei. Mein Freund und ich hatten uns nach unserem letzten Streit wieder einmal getrennt, ohne uns wirklich zu trennen. In dem Architekturbüro, wo ich arbeitete, breitete man Pläne vor den Klienten aus, von denen sie sich die Erfüllung ihrer Sehnsüchte und Phantasien erhofften, obwohl sie eigentlich mehr von einem neuen Leben als von neuen Häusern träumten. Ich starrte sie an, ohne mich auf die Arbeit konzentrieren zu können.
Ich weiß nicht, was mich gerade damals dazu trieb, meine Mutter zu fragen, warum mein Vater mich immer so schlecht behandelt hatte. Ich wusste, dass sie meine Frage verstand, doch ich wusste nicht, ob sie mir darauf antworten konnte. Wie viele Menschen ihrer Generation, die in ihrer Jugend aus ihrer Heimat vertrieben wurden, hatte meine Mutter das Sprechen verlernt, doch zum Glück war sie sich dessen nicht bewusst. Nach einem Gespräch mit ihr war ich immer völlig erschöpft, und dazu musste ich mich noch bemühen, mir meine Ungeduld nicht anmerken zu lassen.
»Warum hat Vater mich so behandelt?«, wiederholte ich meine Frage in kindlich trotzigem Tonfall. Ich wühlte mich hartnäckig durch den Wall ihres Widerstandes hindurch wie ein Tier, das nach Wurzeln gräbt, um seinen Hunger zu stillen. Ich wollte endlich verstehen, warum mein Vater von seinen drei Töchtern immer nur mich angeschrien hatte. Warum er mir nichts erlaubte, warum er mich bestrafte, warum er mir das Gefühl einpflanzte, dass ich böse, verdorben und leichtfertig war. Warum hatte er mich so weit gebracht, dass ich mich selber hasste?
Mir war, als hinge mein Leben von ihrer Antwort ab. Sie schwieg.
Schmerzliche Worte zuckten auf meiner Zunge wie geschlachtete Hühner, die im Todeskampf zappeln. »Wegen des Holocaust? Wegen der Vertreibung? Weil er es in Israel so schwer hatte?«
»Nein«, sagte sie.
»Warum dann?«
»Weil er Angst hatte.«
»Ich muss es wissen, Mutter, ich muss es verstehen. Wovor hatte er Angst?«
»Was verstehst du nicht?«
»Mutter …«
»Er hatte Angst, dass du so wirst wie Tante Gabi«, sagte sie schließlich, ohne mich anzusehen.
Wir saßen uns in der Küche gegenüber, an dem runden Tisch, der mit einem geblümten Wachstuch bedeckt war. Das Teeglas zitterte in meiner Hand, ein paar Tropfen von dem heißen Tee fielen auf meine Hand. Der geliebte Käsekuchen schmeckte mir plötzlich nicht mehr. Mein Vater hatte also Angst. Angst um mich? Angst um sich? Ist das ein Zeichen für Zuneigung oder Härte? Fürsorge oder Egoismus?
Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass mein Vater, der unumschränkte Herrscher des Hauses, so etwas wie Angst empfinden könnte. Er war ein ungewöhnlich großer Mann, der sich bücken musste, wenn er durch eine Tür ging. Er hatte eine dröhnende Stimme wie Fjodor Schaljapin oder Paul Robeson. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er einmal am Radio saß und fast mit dem Gerät verschmolz, während er mit Tränen in den Augen dem berühmten russischen Bass lauschte.
Ja, ich musste mir klar machen, dass auch er ein Mensch voller Ängste gewesen war. »Wohl dem, der sich immer fürchtet« – dieses Bibelwort pflegte er selbst oft zu zitieren. Und wegen dieser Angst wurden mir Ausflüge und Reisen, Sommerlager und Arbeitscamps und natürlich auch der Zivildienst im Kibbuz untersagt. Das letztere Verbot habe ich ihm nie verziehen. In diesem Zivildienstjahr lernten meine Freundinnen auf den verschwiegenen Pfaden der Obstplantagen oder beim Küchendienst im Speisesaal ihre zukünftigen Ehemänner kennen, während ich an einen frommen Talmudstudenten polnischer Abstammung verheiratet wurde. Mein Mann war weder reich noch sonderlich gelehrt und nicht einmal gut aussehend. Mein Vater schätzte ihn wegen des einzigen Vorzugs, den er aufzuweisen hatte: seiner unerschütterlichen Gottesfurcht. Diese Gottesfurcht war nicht nur ausgeprägter als seine geistigen Fähigkeiten, sondern auch als seine Liebe zu mir und den Kindern. Ich gebar ihm vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter, und ich hatte ebenso viele schwere Schwangerschaften, die in Fehlgeburten endeten – und nach alledem ließ ich mich von ihm scheiden. Die Tochter überließ er mir, die Söhne nahm er mir weg. »Die Mutter der Söhne frohlocket, halleluja.« Mir wurde dieses Glück genommen.
Am Tag nach dem Gespräch mit meiner Mutter ließ ich Tante Gabi durch ihren Sohn ausrichten, dass ich zu ihr kommen würde. Ich kündigte meine Stellung im Büro meines Freundes und flog zwei Wochen später mit der El Al nach Berlin.
Das Taxi bog in eine ruhige Seitenstraße ein und hielt vor einem weitläufigen zweistöckigen Haus, das hinter einem Zaun und einer Reihe von Bäumen verborgen lag. Auf einem großen Schild stand auf Deutsch und Hebräisch »Menuchat Avot – das Altersheim der orthodoxen jüdischen Gemeinde Adass Jisroel« in Berlin. Der Taxifahrer öffnete das massive Tor, brachte meine Koffer in die Eingangshalle, die voller Menschen war, und verabschiedete sich mit einem Händedruck von mir.
Vor dem Empfangsschalter stand eine Bank, auf der – eingezwängt zwischen zwei feisten alten Herren – eine kleine alte Dame in einem schwarzen Pelzmantel saß. Sie hatte kurzes, glattes, braun gefärbtes Haar. Ihr schmales Gesicht war erwartungsvoll auf die Eingangstür gerichtet. Große Brillengläser verdeckten ihre Augen. Unter der gekräuselten Persianerwolle ihres Pelzmantels, der ihr bis zu den Knien reichte, schauten ihre Beine hervor, die in schwarzwollenen Röhrenhosen steckten.
Großer Gott, das ist sie, meine Tante, dachte ich, und der Atem stockte mir. Alle Blicke waren auf mich gerichtet, die Stille, die plötzlich eintrat, dröhnte in meinen Ohren. Ich hörte mein Herz klopfen. Das Blut pulsierte in meinen Adern, als wollte es plötzlich aus allen Körperöffnungen hervorbrechen: aus Mund und Nase, aus den Ohren, zwischen meinen Beinen. Ich lehnte mich an die Wand, um nicht umzufallen.
Ich riss die Augen auf, um den Tränenschleier zu durchdringen, der mir den Blick trübte, und lief zu ihr hin. Meine Tante stand auf. Die beiden Männer standen ebenfalls auf, wie Leibwächter, die bereit sind, sie mit ihrem eigenen Körper zu schützen.
»No-e-mi! Du bist es! Wart, gib mir noch keinen Kuss. Ich will dich erst anschauen.«
»No-e-mi!«, wiederholte sie meinen Namen, wobei sie jede Silbe einzeln aussprach. Sie nannte mich immer noch Noemi. Sogar meine Eltern hatten diese ungarische Version des Namens Naomi längst gegen das israelische »Nomi« ausgetauscht. Als Kind hatte ich darauf bestanden, dass man meinen Namen in der korrekten hebräischen Form »No'o-mi« aussprach, um jede Spur der ungarischen Einwanderin zu verwischen. Doch jetzt störte mich die ungarische Aussprache nicht mehr, sondern löste ein heimliches Behagen, eine Mischung aus Wehmut und Heimweh in mir aus.
Sie umarmte mich und trat einen Schritt zurück, um mich besser zu sehen, hielt meine Hände mit den ihren umfasst und betrachtete mich von oben bis unten. Zwischen Weinen und Lachen wischte sie sich die Tränen ab, umarmte mich wieder und gab mir sechs Küsse: einen auf die Stirn, zwei auf die Augen, zwei auf die Wangen und zum Schluss einen leichten Kuss auf den Mund. Ich lachte und fühlte einen Stich im Herzen – genauso hatte ich meine Kinder immer zur Nacht geküsst.
So standen wir lange eng umschlungen.
»Tante Gabi, es tut mir so Leid, dass du so lange auf mich warten musstest«, stieß ich endlich hervor.
»Macht nichts, lelkem, meine Seele. Hauptsache, dass du endlich gekommen bist. Was soll ich dir nach so vielen Jahren sagen? Wie du dich verändert hast! Ich habe dich zuletzt mit zehn Jahren gesehen …«
Ihre Stimme war genauso, wie ich sie in Erinnerung hatte: eine tragende Stimme, wie die einer Schauspielerin, mit einem Timbre, das schwer zu definieren war. Als Kind nannte ich sie heimlich »Gabis Zigarettenstimme«, und ich liebte sie, obwohl ich Zigaretten immer gehasst habe. Ich hätte sie allein an dieser verrauchten Stimme wiedererkannt, dachte ich, vielleicht auch an ihrem Geruch – eine sinnliche Mischung von Parfum, teuren Cremes und Zigaretten. Der Geruchssinn kann Erinnerungen konservieren und mit einem Schlag wieder zum Leben erwecken. Ein ferner süßer Duft stieg mir in die Nase.
Vierzig Jahre hatte ich das Bild meiner Tante in der Erinnerung bewahrt und in Stunden der Einsamkeit immer wieder heraufbeschworen. Jede Einzelheit hatte sich meinem Gedächtnis eingeprägt: Sie war groß und schlank, elegant, stark und klug. Jetzt überragte ich die kleine alte Frau, die wie ein Kind in meinen Armen lag, federleicht und ätherisch in ihrem Pelzmantel. So war mir auch das Haus meiner Kindheit erschienen, als ich es nach Jahrzehnten wiedersah – es war plötzlich kleiner, als ich es in Erinnerung hatte, und so niedrig, als wollte es im Boden versinken.
Ihr kurzes glattes Haar hatte keine Spur mehr von der üppigen Lockenpracht, die einst in rötlichen Schattierungen und zu kunstvollen Frisuren aufgesteckt ihr herzförmiges Gesicht umrahmte. Als Kind konnte ich nicht begreifen, warum ihr Haar so oft den Farbton wechselte und immer anders frisiert war. Meine Mutter und die Nachbarinnen versteckten ihr Haar unter Kopftüchern oder Turbanen oder am Schabbat und bei festlichen Anlässen unter Hüten oder Perücken, denn das Haar musste immer bedeckt sein, das wusste ich, und jeder Verstoß gegen dieses oberste Gesetz war eine schlimme Verfehlung. Nur eine »Freie«, das heißt, eine »weltliche«, sittenlose, verworfene Frau zeigte ihr Haar.
Als wir noch auf dem Land wohnten, hatte unsere Tante uns manchmal besucht. Sie kam mit ihrer ganzen Lebensfreude, voll von aufregenden Erlebnissen aus Tel Aviv, aus dem unerreichbaren Glanz der großen Stadt, und an ihrer Schulter baumelte eine elegante Handtasche, die mir als Schatzgrube weiblicher Geheimnisse erschien. Mit ihren hübschen Kleidern, die ihre schmalen Hüften betonten, den hohen Absätzen und den knallroten Lippen glich sie den Filmschauspielerinnen, die ich im Rama-Kino in der Vorschau vor den Disney-Filmen gesehen hatte. Bei jedem ihrer Besuche schwoll mein Herz vor Glück, weil etwas von ihrem Hollywood-Glanz auf mich abzufärben schien.
Ich erinnerte mich genau an ihre gepflegten Hände, ihre langen, rot lackierten Fingernägel. Die Hände, die mich jetzt umfasst hielten, waren mit braunen Altersflecken übersät, doch die Nägel waren immer noch lang und kräftig und in einem diskreten Rosa lackiert. Ihre Füße steckten in weichen schwarzen Samtstiefelchen. Damals trug sie hochhackige Sandalen, die den Blick auf ihre schmalen Fesseln und die leuchtend roten Zehennägel lenkten. Bei uns hätte keine Frau gewagt, ihre Finger- und Zehennägel zu lackieren, und schon gar nicht in Rot!
Die knallroten Fingernägel von einst, das volle lockige Haar, das ihren Kopf wie ein Diadem krönte, die rauchige Schauspielerinnenstimme machten in meiner Erinnerung die Essenz ihres Wesens aus.
Doch was bedeutete ihr Wesen für mich? Spürte ich schon damals die Ähnlichkeit zwischen uns, schlug mein Unterbewusstsein schon damals die Brücke zu ihr, die uns in einer späteren Lebensphase verbinden sollte?
Dass sie so grundverschieden von uns war, weckte meine Neugier und zog mich unwiderstehlich an. Meine Eltern kamen nie auf die Idee, »dem Kind« diese Unterschiede zu erklären, und hüllten sich in Schweigen, was Familienangelegenheiten betraf. Ab und zu lüftete sich der Vorhang des Geheimnisses. »Meine Mutter hat mir alles erzählt, ich weiß Bescheid über deine Tante!«, sagte mir einmal meine Freundin Rachel beim Seilspringen, und die anderen Mädchen, die eben noch über das Seil gehüpft waren, blieben stehen und hörten zu.
»Was weißt du?«
»Die Wahrheit. Sag bloß, du wüsstest nichts davon! Sie ist eine ›Freie‹, und was sie sonst noch ist, darf ich nicht sagen …«
Was konnte sie meinen? Geflüsterte Gerüchte drangen an mein Ohr. Was wollten sie alle von ihr? War es möglich, dass »sie« Recht hatten? Mein Herz sträubte sich, etwas Schlechtes an ihr zu finden, obwohl ich ahnte, dass meine Tante sich Dinge erlaubte, über die man nicht spricht, Dinge, die »anständige« Erwachsene nicht taten. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie ein anderes Leben führte, in dem wunderbare, aufregende Dinge passierten. Manchmal hörte ich, dass meine Eltern über sie sprachen, doch sie verstummten sofort, wenn ich ins Zimmer trat. Wenn sie zu Besuch kam, setzte mein Vater eine ernste, strenge Miene auf, und meine Mutter bemühte sich vergeblich, eine harmonische Stimmung zu verbreiten.
Ich spürte, dass meine Tante ein Geheimnis verbarg, doch war dieses Geheimnis wirklich so schlimm? Oder war die Tatsache, dass sie ein Geheimnis hatte, an sich schon schlimm und verboten? In einem unbeobachteten Augenblick gab ich der Versuchung nach und öffnete ihre Handtasche. Ich fand wunderhübsche, verlockende Dinge, die mich vor Neugier und Verlangen erbeben ließen: ein besticktes Kosmetiktäschchen, das Lippenstift und Puder, ein längliches Parfumfläschchen und einen kleinen Spiegel enthielt, bestickte Spitzentaschentücher, eine Geldbörse, Schlüssel und ein Buch, auf dessen Einband ein küssendes Paar abgebildet war.
Was bedeutete das Wort »unmoralisch«, das mein Vater einmal mit wütender, angewiderter Miene hinter ihrem Rücken sagte, worauf meine Mutter ihm mit einem Senken der Lider zu schweigen bedeutete und ihn flüsternd warnte: »Pssst … das Kind …«
Seitdem war ich mir der schillernden Ambivalenz des »Bösen« bewusst – oder vielmehr dessen, was unsere Gesellschaft dafür hielt. Dieses Böse stieß mich ab und zog mich an, faszinierte und erregte, bedrohte und erschreckte mich.
Das Zimmer ist still und fast dunkel. Es dauert einige Minuten, bis ich weiß, wo ich bin: in Berlin, in der Wohnung meiner Tante im zweiten Stock des jüdischen Altersheims. Gestern haben wir bis Mitternacht in der kleinen Essecke in der Küche geredet. Eigentlich schwiegen wir mehr als wir redeten. Manchmal weinten wir, manchmal brachen wir in Lachen aus. Uns beiden standen im gleichen Augenblick Tränen der Trauer und der Freude in den Augen.
Am Abend kam Juliana, ein junge Jugoslawin, die in dem Altersheim arbeitete, und brachte uns Lebensmittel für das Abendessen und Frühstück: Gemüse, Obst, Brot und Konserven. »Man sieht, dass sie Ihre Tochter ist, Frau Mannheim«, sagte Juliana und legte die Sachen auf die Ablage in der Küche.
»Nein, sie ist meine Nichte, die Tochter meines Bruders aus Israel«, erwiderte meine Tante mit strahlendem Lächeln.
Ich weiß nicht, wer von uns beiden glücklicher ist. Schon lange bin ich nicht mehr so ruhig und ausgeglichen aufgewacht. Mein Rücken ist entspannt und schmerzt nicht, trotz der harten Matratze auf dem Gästebett. Mein Gesicht ist glatt und faltenfrei. Der Schlaf, den ich in den letzten Nächten so sehr vermisst habe, ist wieder zu mir zurückgekehrt, wie ein Vogel in sein Nest.
Ich ziehe den weißen Satinmorgenrock an, den meine Tante mir zurechtgelegt hat, und spaziere durch die Wohnung. Zweieinhalb Zimmer, eine kleine Küche, ein geräumiges Bad. Das Zimmer meiner Tante ist leer. Ihr Bett sieht aus wie ein elegantes Hotelbett: zwei pralle weiße Kissen und eine sorgfältig geglättete Daunendecke, die in einem blütenweißen, mit rosa und violetten Veilchen gemusterten Bezug aus feinster Baumwolle steckt. Die farbige Tiffanylampe auf dem Nachttisch brennt, als erwarte sie jeden Augenblick die Rückkehr der Hausherrin.
Auf dem Bett liegt ein Briefumschlag. Ich bücke mich, um die Adresse zu lesen. »Für Noemi«, steht dort in großen Buchstaben. Man sieht der Schrift an, dass meiner Tante das Schreiben schwer fällt. Ihre Schrift gleicht der meinen. Ist auch die Schrift ein Teil des genetischen Codes, der uns gemeinsam ist? Und was bedeutet dieser gemeinsame Code?
Ich verscheuche die Gedanken und streiche den Brief auf der Glasplatte des runden Tisches glatt, unter der dicht an dicht Fotos aus verschiedenen Zeiten liegen.
Noemi, meine liebe Nichte!
Ich war schon lange nicht mehr so glücklich wie heute früh, als ich dich im Wohnzimmer schlafen sah, in dem Bett, in dem Bubi immer schläft, wenn er zu Besuch kommt.
Du hast mich gebeten, dir meine Lebensgeschichte zu erzählen und mich um Erlaubnis gebeten, ein Buch darüber zu schreiben. Ich gab dir diese Erlaubnis, und ich will sie auch nicht widerrufen. Doch im Moment fällt mir dieser Beschluss etwas schwer.
Nein, sei unbesorgt, ich bereue ihn nicht. Versprochen ist versprochen.
Es ist noch sehr früh. Ich sitze am Arbeitstisch meines geliebten Mannes Mosi und versuche, die Gedanken zu ordnen, die mir in wirrer Folge durch den Kopf schießen. Ich habe die ganze Nacht nachgedacht. Ich konnte kein Auge zutun vor Aufregung und Freude, doch auch vor Schmerz und Kummer über all die verlorenen Jahre, die bis zu unserem Wiedersehen vergangen sind.
Liebste Noemi, ich möchte dir etwas sagen, was seltsam klingen mag: Du bist aus freien Stücken hierher gekommen, weil es an der Zeit ist, dass du einige Dinge in deinem Leben klärst, doch ich habe dich auch mit der Kraft meiner Gedanken und meines Willens hierher geholt, weil meine Zeit oder der Augenblick der Wahrheit für mich gekommen ist.
Du weißt, dass ich krank bin.
Auf dem Weg zur »Welt der Wahrheit« (nicht im religiösen, sondern im metaphorischen, philosophischen und emotionalen Sinne) ist es an mir, meine Wahrheit zu entdecken, und dabei kannst du mir helfen. Verzeih mir, dass ich mich so kühl und pragmatisch ausdrücke, obwohl ich diese Dinge in Wirklichkeit gar nicht so empfinde.
Mein Bihoschka – mit diesem albernen Kosenamen habe ich Mosi, meinen lieben Mann, immer angeredet – hat nie verstanden, was alte Menschen dazu drängt, anderen ihre Gefühle und Gedanken mitzuteilen. Obwohl er selbst Furchtbares erlebt hatte, sprach er kaum darüber, auch mit mir nicht. Da und dort erzählte er Bruchstücke, die ich zu einer beinahe vollständigen Geschichte zusammensetzen konnte, doch dann starb er, und ich blieb mit einem ungelösten Puzzle zurück (man sollte in Beziehungen zu anderen Menschen niemals Dinge ungelöst lassen).
Wie schade, dass du Bihoschka nicht gekannt hast. Er hätte dich sicher lieb gehabt. Er hatte überhaupt eine Schwäche für Frauen, vor allem für schlanke, zierliche, blasse Frauen wie dich. Doch er hätte meinen Wunsch und mein Bedürfnis, die Geschichte meines Lebens zu erzählen, niemals verstanden und akzeptiert.
Ich glaube nicht an ein Weiterleben nach dem Tode, und doch bilde ich mir seit deiner Ankunft ein, sein zorniges Gesicht vor mir zu sehen, seine großen grauen Augen, die ärgerlich gerunzelten grau melierten Brauen, die glatten Wangen, die bis auf die rötlichen Tränensäcke unter den Augen keine Falte aufweisen. Seit gestern fühle ich, dass sein Zorn mich umsummt wie eine lästige Fliege.
Auch meine Eltern im Himmel sind böse und machen mir Vorwürfe. Du wunderst dich sicher, dass ich so etwas sage, drágakám, meine Teure, und das überrascht mich nicht. Ich überrasche mich manchmal selbst. Seit ich denken kann, halte ich mich für einen rationalen, vernünftigen Menschen, und plötzlich habe ich Angst, Anyuka und Apuka, meine toten Eltern, zu verletzen.
Vielleicht liegt das an der Art, wie sie starben: sie wurden ins Todeslager geschickt, ohne dass ich von ihnen Abschied genommen habe. Vielleicht empfinde ich sie deshalb bis heute als so lebendig.
Ich kehre dauernd zu meinen schmerzlichen Erlebnissen zurück, denn die Vergangenheit, der Tod und der Schmerz liegen in mir, sie sind Teil von mir. Ich rufe mir alles ins Gedächtnis zurück: meine Kindheit, Liebe, Ehe, Mutterschaft, Vertreibung, Alter und Verlust, und ich lasse jetzt zum letzten Mal mein Leben an mir vorbeiziehen. Wird das zu einer Katharsis führen? Ich will es hoffen.
Ich denke über das Wesen der Erinnerung nach, frage mich, was davon ursprüngliche, reine Substanz ist und was ich weitergesponnen und umgeformt habe. Unzählige Male habe ich mir selbst in langen, schlaflosen Nächten meine Geschichte erzählt, doch ist das eine Garantie dafür, dass sie wahr ist? Habe ich in mein Gedächtnis, in die Essenz meines Ichs, nicht auch die Rechtfertigungen, Ausreden und Erklärungen mit einfließen lassen, die ich mir im Laufe eines langen Lebens zurechtgelegt habe? Wurden diese Rechtfertigungen nicht zu Krücken, die mir ermöglichten, weiterzuleben? Wo hört die Wahrheit auf, wo fängt die Phantasie, die bewusste oder arglose Selbsttäuschung an? Wo ist die Grenze zwischen Tatsachen und ihren verschiedenen Auslegungen?
Ich möchte dir alles sagen, életem, mein Leben, die ganze Wahrheit – dass es meine Wahrheit ist, versteht sich von selbst. Ich werde dir nichts verheimlichen – weder den Schmerz, der immer noch brennt wie eine frische Wunde, noch die Peinlichkeiten und Demütigungen, weder die Scham und die Schande noch die Schuld. Ich werde dir auch das gestehen, was ich mir selbst nie eingestanden habe.
Ich übergebe dir meine Geschichte wie Ton in des Töpfers Hand. Den meisten Menschen ist ihre Lebensgeschichte so hautnah wie die Kleider auf ihrem Leib, doch für mich sind Kleider nicht mehr als ein Gewand, das unsere Blöße bedeckt und jederzeit auswechselbar ist. Du kannst mein Leben nach deinem Willen umformen, es in deinen Worten niederschreiben, und durch sie wird mein Ich sich in deiner Seele widerspiegeln und von da aus seinen Weg in die Geschichte finden.
Ich verstehe immer noch nicht, warum ich so kurz vor meinem Ende diesen starken Drang empfinde, dir, meiner Nichte, diese Geschichte zu erzählen und mich zu entblößen, wie man einen nackten Körper entblößt. Die nächstliegende Erklärung wäre natürlich, die »Schuld« auf meinen Arzt, Dr. Rubin, abzuwälzen, der mich ermutigt oder sogar drängt, mein Leben zu erzählen. Er behauptet, Krankheiten seien ein Nebenprodukt der giftigen Rückstände, die dadurch erzeugt werden, dass wir uns ständig selber unsere Lebensgeschichte erzählen, anstatt sie herauszulassen und uns dadurch von ihr zu befreien. Diese Erkenntnis kommt mir zwar spät, aber das soll wohl so sein.
Du kannst mich im Café Irene an der Ecke finden, dort saßen Bihoschka und ich jeden Morgen, und wenn nicht, komme ich um zwölf Uhr zurück.
In Liebe – Deine Tante Gabi.
SONNTAGMORGEN, 5. MÄRZ 1995
Heute Nacht habe ich mich wieder im Bett gewälzt und konnte nicht einschlafen, doch gegen Morgen fühlte ich eine innere Klarheit, eine Art Erleuchtung, die vielleicht mit meinem Beschluss zusammenhängt, nicht nur die Geschichte meiner Tante, sondern auch meinen Besuch bei ihr zu dokumentieren. Nachdem ich dies beschlossen hatte, war mir leichter zumute, und ich fiel in einen unruhigen Schlummer.
Wie die meisten Kinder (oder vor allem Mädchen) hatte ich in meiner Jugend dicke Schulhefte mit sentimentalen Beschreibungen gefüllt, doch seitdem kein Bedürfnis nach solchen pubertären Ergüssen mehr empfunden. Ich würde gerne eine Art Tagebuch schreiben, das über die gewöhnlichen Vorstellungen von diesem Genre hinausgeht. Ich möchte Eindrücke, Gedankengänge, Beschreibungen und Stimmungen festhalten, möchte schreiben, um meine Gedanken zu ordnen, meine Gefühle zu analysieren und einen sinnvollen Rahmen zu konstruieren, in dem sich die große Geschichte meiner Tante mit meiner kleinen Geschichte zu einem Ganzen zusammenfügt (oder auch nicht).
Als ich vorgestern Nachmittag hier ankam, war ich vollkommen aufgewühlt und durcheinander. Ich fühlte mich wie ein Boot, das sich an scharfen Klippen vorbei durch die hohe Brandung kämpft. Mein verworrenes Leben mit all seinen Komplikationen, deren Lösung nicht in Sicht war, und das wechselvolle Leben meiner Tante schäumten und brodelten in mir. Das Leben meiner Tante, das sich zu meinem größten Schmerz schon dem Ende zuneigt, erschien mir jetzt noch viel inspirierender, spannender und ergreifender als in dem Augenblick, als ich einer plötzlichen Eingebung folgend beschlossen hatte, hierher zu fahren.
Der Weg vom Altersheim bis zum Café scheint mir endlos. »Es gibt einen kurzen und einen langen Weg« – wie seltsam, sich mitten in Berlin an diesen Ausspruch eines unserer jüdischen Weisen erinnert zu fühlen. Die Baumwipfel zu beiden Seiten der Straßen bilden ein Laubdach, das einer riesigen Pergola gleicht. Die Häuser, die jedes für sich ein Juwel sind, liegen hinter Gartenzäunen versteckt. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, welche düsteren Geheimnisse aus der Vergangenheit sie verbergen mögen. Der Frieden, der über dieser Straße ruht, rüttelt an meinem seelischen Gleichgewicht. Ich kann nicht vergessen, wo ich bin, in welcher Stadt, in welchem Land. Auch mein Körper kann es nicht vergessen. Heute Morgen entdeckte ich beim Waschen kleine rote Pusteln auf meiner Haut, von der Stirn bis zur Mitte der Brust. Ich verdeckte sie mit einer dicken Schicht Make-up.
Von der Straßenecke aus sehe ich das Café. Meine Tante winkt mir durchs Fenster mit ihrer behandschuhten Hand zu. Sie trägt dieselben Kleider wie gestern. Zwischen dem schwarzen Pelzmantel und der hellen Pelzmütze, die dem Pelzhut orthodoxer Juden gleicht, sieht ihr Gesicht noch kleiner aus als sonst. Ihr Lächeln ist so jung und sehnsüchtig, als warte sie auf ein Abenteuer. Wenn sie am Morgen noch Zweifel und Ängste hatte, so scheinen sie jetzt wie weggeblasen. Das behaglich warme Café, dessen Wände mit Fotos berühmter Gäste bedeckt sind – Herbert von Karajan, Elizabeth Taylor, Eddy Fischer, Willi Brandt, Max Frisch und andere – ist ein guter Ort, um mit dem Buch zu beginnen.
Das Tonbandgerät, das mein Freund mir gekauft hat, habe ich in der Tasche. In meiner Phantasie wird es zu einer Uhr, die mit ihrem unerbittlichen Ticken das Verstreichen der Zeit anzeigt. Ich berühre es und fühle einen schmerzlichen Stich im Herzen. Schon bedauere ich, dass ich es mitgenommen habe. Ich bin schließlich nicht hierher gekommen, um an ihn zu denken! Dieser Abschnitt in meinem Leben ist aus und vorbei, gelobe ich mir, doch dann kommt mir gleich der Gedanke: Ist das wieder einer der guten Vorsätze, die ich seinetwegen gefasst und gleich wieder gebrochen habe?
Meine Tante sitzt mit einer üppigen, um nicht zu sagen dicken Frau an einem runden Tischchen. Ihr blondes Haar türmt sich zu einer Hochfrisur, die ihr schönes, klares Gesicht wie eine Krone überragt. Meine Tante stellt sie als Irén vor, ihre Freundin »aus fernen und nicht so guten Tagen«. Irén war einmal ungarische Schönheitskönigin und ein Mannequin, das in Ungarn und Österreich Furore machte. Ihr Mann, der Besitzer des Cafés, ist ein ungarischer Jude, der aus Israel nach Berlin ausgewandert ist. Die ehemalige Schönheitskönigin lächelt mir zu und lässt uns allein. Eine junge Kellnerin serviert uns Kaffee in dünnen Porzellantassen und zwei Stücke Schwarzwälder Kirschtorte.
»Fangen wir an?« Meine Tante holt tief Luft.
»Einverstanden«, sage ich.
»Ich sehe, dass du dein Tonbandgerät weggesteckt hast.«
»Weil es schwierig ist, dir zuzuhören und in die Augen zu sehen und gleichzeitig das Gerät zu bedienen. Es schafft eine Distanz zwischen uns«, sage ich. Das ist zwar nur die halbe Wahrheit, aber alles, was ich ihr im Augenblick sagen kann.
»Macht nichts, drága, Teure, vergiss das Gerät. Tu das, was für dich am besten ist.«
Irénka bringt mir einen Stift und Papier, ich mache es mir auf der gepolsterten Bank bequem und sehe meine Tante an, die mir kerzengerade gegenübersitzt.
»Du wirst den richtigen Weg finden, nicht wahr? Mit Mitgefühl und Liebe, aber du musst die Wahrheit schreiben, auch wenn sie wehtut.« Sie holt tief Luft und lacht, will sich selber Mut machen.
JETZT, JE-ETZT, SAGE ICH MIR UND SPRINGE DIE LETZTE STUFE HINUNTER
Alles beginnt mit den Eltern. Bei mir beginnt es mit deinen Großeltern, meinen Eltern, Gott hab sie selig. Im Herzen nenne ich sie Anyuka und Apuka, Mama und Papa, und das werden sie auch immer für mich bleiben. So ist es nun einmal im Ungarischen: die typischen Floskeln und Kosenamen sind Teil der Sprache, auch wenn sie nur Redensarten sind. Nach außen hin sind Eltern immer des Anyukám, des Apukám – süße Mama und süßer Papa, auch wenn in Wirklichkeit die Beziehungen in der Familie voll Bitterkeit und Trübsal sind.
Und deshalb, liebe Nichte, flößt mir die erste Assoziation, die ich mit meinen Eltern verbinde, Unbehagen und Scham ein. Ich denke täglich Dutzende von Malen an sie, und immer sehe ich vor meinem geistigen Auge als Erstes dieses Bild: Sie stehen in ihrem Geschäft »Gebrüder Imre Klein und Söhne«, laufen zwischen den Regalen und den Anprobekabinen, der Verkaufstheke und dem Warenlager hin und her wie zwei große Kakerlaken, bedienen die Kunden mit zuckersüßem Lächeln, überreden, feilschen und warten auf den Abend, auf den Augenblick, wo sie endlich allein sind.
Auch an jenem Abend waren sie im Geschäft, und wie immer stand die Hintertür zum Treppenhaus offen. Doch zum Glück sahen sie mich nicht. Sie waren auch in dem Augenblick, in dem die entscheidende Wende in meinem Leben eintrat, wie üblich beschäftigt.
Ich glaube noch immer die schmeichlerischen Höflichkeitsfloskeln zu hören, mit denen sie sich von einer Kundin verabschieden. »Jó estét kivánok, einen schönen guten Abend wünsche ich Ihnen«, antwortet die hohe Stimme der Kundin. Ich höre das Rascheln der Papiertüten, die mein Vater ihr über die Theke reicht, die schweren Schritte der Kundin und das trippelnde Geräusch der Absätze meiner Mutter, die sie zur Tür begleitet. Jetzt zieht sie die Gittertür zu, um den Kunden zu bedeuten, dass der Laden für diesen Abend geschlossen ist, auch wenn der Arbeitstag für sie und meinen Vater noch nicht zu Ende ist.
Jetzt, je-etzt, sage ich mir und springe die letzte Stufe hinunter. Die schwere eiserne Haustür fällt geräuschlos ins Schloss, als habe sie sich mit mir verschworen.
Leicht wie eine Schneeflocke flog ich auf die Straße hinaus. Die Kälte brannte mir im Gesicht. Ich sehe heute noch diese Szene mit allen Einzelheiten vor mir, vor der Kulisse dieser entscheidenden Stunde. Ich weiß sogar noch, was ich anhatte. Wundere dich nicht, Noemi, Kleider sind nun einmal ein wesentlicher Bestandteil meiner Erinnerungen und meiner Welt – Kleider und Gesichter, Stimmen, Farben, Gerüche, Musik, Landschaften, Interieurs. Meine innere Kamera erfasst alle diese Einzelheiten und hält sie fest.
Ich trug meine Schuluniform: das vorn geknöpfte Kleid aus dunkelblauer Wolle, das im jüdischen Lyzeum vorgeschrieben war. Vor lauter Eile hatte ich mich nicht umgezogen, sondern nur die graue Schulschürze abgelegt und mir meinen »guten« weinroten Mantel mit schwarzem Pelzkragen und -manschetten übergeworfen. Ich knöpfte mir im Laufen den Mantel zu und zog die Wollhandschuhe an. Als ich an dem Blumenladen in unserem Viertel vorbeikam, blieb ich einen Augenblick stehen, um mir die dicken Wollstrümpfe in den Lederstiefeln hochzuziehen. Ich betrachtete mich im Schaufenster. Der Pelzkragen rundete mein kleines, schmales Gesicht ab, das vor Kälte und Aufregung gerötet war. Ich gefiel mir, so verwirrt und ein wenig ängstlich, wie ich war. Die widerstreitenden Gefühle, die mich in diesem Augenblick bestürmten, sollten ein ständiger Wesenszug meiner Seelenlandschaft werden.
Meine Cousine Kató wartete an der Ecke Wescelényi – Dob utca auf mich. Auch sie trug ihren besten Mantel. In Budapest hatten alle Mädchen aus reichem Hause Mäntel für jeden Zweck. Ihr hellgrauer Mantel war glockenförmig geschnitten und hatte einen schwarzen Samtkragen und schwarze Samtknöpfe. Über den Ohren trug sie Ohrenschützer aus Silberfuchspelz. Sie sah aus, als sei sie einem der Modejournale entstiegen, die unsere Mütter sich aus Wien und Genf kommen ließen. Ihr helles Haar war zu einem Zopf geflochten, ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen glänzten.
Liebe Noemi, ich sehe, dass du den Kopf fragend oder zweifelnd zur Seite neigst. Wunderst du dich, dass mir alle diese Einzelheiten so lebendig in Erinnerung geblieben sind? Mein Kurzzeitgedächtnis lässt mich im Stich, aber gerade im Alter ist mein Langzeitgedächtnis wieder zu neuem Leben erwacht. Ich komme mir vor wie ein Archäologe, der zu seiner freudigen Überraschung ein unbeschädigtes Tongefäß entdeckt, ich hole Erinnerungen aus dem tiefen Keller heraus, in den ich sie verbannt habe, und siehe da, sie sind noch vollständig erhalten.
Nein, du hast Recht. Erinnerungen sind niemals vollständig. Aus einem unendlichen Meer von Eindrücken und Erlebnissen bewahren wir nur diejenigen auf, die uns am liebsten sind. Diesen Ausleseprozess, der dauernd in uns abläuft, können wir nicht beeinflussen, doch wir können ihn verstehen und nachträglich deuten.
Wie schwierig und gefährlich es für mich war, mich unerlaubt aus dem Haus zu stehlen, habe ich nie jemandem erzählt, auch Kató nicht. Ich wusste, dass sie mich trotzdem verstand. Wir verstanden uns instinktiv und ohne Worte wie kleine Tiere.
An jenem Tag hatte ich Glück. Mein Bruder Miśi war nicht zu Hause, er war Gruppenleiter in der örtlichen Jugendbewegung der »Agudat Israel« und vermutlich mit seiner Gruppe beschäftigt. Mit meinem ältesten Bruder Yózsi hatte ich keine Probleme. Er interessierte sich nicht für mich. Wenn er nicht im Geschäft arbeitete, ging er seiner Wege – Mädchen, Feste, Anproben bei seinem Schneider, der ihm Hemden und Anzüge nach Maß nähte. Yózsi kam nicht mit Apuka zurecht, obwohl er fleißig und beliebt bei den Kunden war. Miśi, der ein Jahr jünger war, zog seine »Luftgeschäfte« vor – Talmudstunden im Haus seines Rabbiners, Malkiél Steif, endlose Gebete in dem chassidischen Stibl, dem Bethaus, wo er sich meistens aufhielt, und lange Gespräche mit den Jungen seiner Gruppe. Trotzdem bewunderten meine Eltern ihn als den talmid chochem, den Thoragelehrten der Familie, den Vertreter des lieben Gottes auf Erden und übertrugen ihm die Aufgabe, mich, die aufsässige Tochter, zu beaufsichtigen. Seit dem Beginn meiner Pubertät war ich in ihren Augen suspekt und gefährlich, als hätte ich Brennstoff zwischen den Beinen, der bei jedem Schritt in Brand geraten könnte.
Miśi saß mir ständig im Nacken: Wo gehst du hin, was hast du gemacht, wo warst du, mit wem hast du auf der Straße gesprochen? Bis heute, sogar in diesem Altersheim, wo man nicht viel anderes zu tun hat, als im Leben der anderen herumzuschnüffeln, lässt mich jedes Eindringen in meine Privatsphäre innerlich erstarren oder aggressiv werden.
Édesem, meine Süße, es fällt mir nicht leicht, dir von meinem Bruder Miśi zu erzählen, weil er dein Vater ist. Das Verhältnis zwischen uns beiden ist nie wirklich geklärt worden.
In unserer Jugend behandelte er mich mit unerbittlicher Strenge, was mich zutiefst verletzte und dazu führte, dass ich ihm die kalte Schulter zeigte. Diesen nachtragenden Groll und die kühle Distanz haben wir uns ein Leben lang bewahrt. Groll und Kälte sind besonders wirksame »Gefühlstöter« …
Ich wusste nicht einmal, dass dein Vater so schwer krank war, und als er starb, rief deine Mutter mich erst nach der Schiwa, der jüdischen Trauerwoche, an und sagte: »Wir wollten dir das ersparen …« Und plötzlich geriet ich in Wut. Wie kam sie dazu, für mich zu entscheiden? Warum nahm sie mir auch diese letzte Möglichkeit, von ihm Abschied zu nehmen? Ich war immer der Meinung, dass die Trauerwoche ein sehr kluger und weiser Brauch ist, der extreme Reaktionen und Gefühle mildert und den Abschied erleichtert. Doch in den Augen deiner Eltern war ich nicht würdig, seine Schwester zu sein. Deswegen brauchte ich auch nicht um ihn zu trauern und Abschied von ihm zu nehmen …
Wie traurig du lächelst, Noemi. Als ich dich gestern fragte, warum du mit achtzehn geheiratet hast, sagtest du, das sei der einzige Weg gewesen, deine Familie zu verlassen, ohne den Kontakt zu ihr abzubrechen. Wenn du darüber sprechen willst, höre ich dir gern zu …
Aber zurück zu meiner Geschichte: Inzwischen war der Wind so kalt geworden, dass er mir ins Fleisch schnitt. Meine Nase rötete sich, Tränen stiegen mir in die Augen. Dann begann es zu schneien. Ein wunderbarer Anblick, immer neue Wirbel von Schneeflocken, die sich im Kreise drehten. »Schnell«, sagte Kató, »los, los!« Sie schnaufte und lachte hinter der Dampfwolke, die aus ihrem Mund drang. Manchmal beneidete ich sie um ihr fröhliches Lachen, ihre Unbeschwertheit und Sorglosigkeit. Sie war die einzige Tochter ihrer Eltern, geliebt und behütet wie ein Baby – damals wusste ich noch nicht warum –, doch man ließ ihr trotzdem ihre Freiheit. Sie hatte keinen großen Bruder, der auf sie aufpasste.
Arme Kató. Wenn du mich fragst, welche Gefühle ich mit ihr verbinde – es war ein ganzes Bündel von Gefühlen: Liebe, Eifersucht, Verletztheit, Zorn und wieder Liebe.
Und zuletzt bewunderte ich sie sogar.
Sie war meine beste Freundin. Wir wurden am selben Tag und fast zur gleichen Stunde geboren. Unsere Mütter waren Zwillingsschwestern. Meine Tante Szuri, die große Schwester unserer Mütter, die unverheiratet geblieben war, zog uns groß wie eigene Töchter. Wir gingen in dieselbe Klasse derselben Schule. Ihre Eltern, mein Onkel Hugo und meine Tante Piri, hatten ein Hutgeschäft und ein Atelier für Luxusperücken. Ganz Budapest kannte das Geschäft »Hugo Fried«, in dem Tante Piri auch Kurzwaren und Accessoires wie Seidenstrümpfe, Handschuhe, Seidentücher, Borten und Besätze, Spitzen- und Pelzkragen und Modeschmuck verkaufte, der »wie echt« aussah.
Mein Onkel Hugo lag wegen seiner Rückenschmerzen meistens auf einer breiten Pritsche mitten im Geschäft und erteilte von da aus Befehle an seine Frau, die die Kunden bediente, ihm unzählige Gläser Tee servierte, die Arbeiterinnen in der Werkstatt im Hinterzimmer beaufsichtigte und die Lieferanten becircte, während ihr Mann von seinem Lager aus mit ihnen feilschte, doch sie sah immer frisch und wie aus dem Ei gepellt aus, als hätte sie drei oder vier Seelen anstatt einer. Anyuka, die ihre Zwillingsschwester abgöttisch liebte, glaubte ihrem Schwager seine ewigen Rückenschmerzen nicht. »Meine arme Schwester, sie ist auf diesen Kaliker, diesen Waschlappen, hereingefallen. Was heißt hier Schmerzen? Es gibt nur Faule und Fleißige auf der Welt, und wer arbeiten will, der arbeitet. So einfach ist das!«
Kató und ich wuchsen fast wie Zwillinge auf, obwohl wir uns überhaupt nicht ähnelten. Kató war klein und rundlich, sie schlug der Familie ihres Vaters nach, und ich war groß und schlank wie mein Vater. Du siehst, dass von meiner Größe nicht viel übrig geblieben ist. Die blonde Kató war das gute Kind, jó kislány, und ich war dunkel und das böse Kind, rosszkislány. Ich bekam oft zu hören, dass ich schon als kleines Kind von kaum zwei Jahren immer nur nem, nem, nein, nein, sagte, auch wenn ich eigentlich igen, ja, sagen wollte. Möchtest du essen, Gabikám?, fragte man mich. Nein! Willst du trinken? Nein! Willst du spazieren gehen? Nein!
Seitdem war es klar, dass man ein wachsames Auge auf mich haben musste.
Ich war die Anführerin, die andere zu Streichen anstiftete. Auch an diesem Dezembertag im Jahre 1937 hatte ich unser erstes Abenteuer eingefädelt, das Abenteuer, das unser Leben ändern und alles beeinflussen sollte, was danach kam.
Wir waren sechzehn, Töchter aus guten jüdisch-orthodoxen Familien, und wir kamen uns äußerst gewagt vor. Wie Kinder, die zwischen Angst und wildem Triumph eine Mauer hinunterspringen, sehnten wir uns nach Gefühlskitzel und Abenteuern, ja sogar Gefahren, sofern es keine ernsten Gefahren waren. Doch trotz unserer unbändigen Sehnsucht nach dem Unbekannten waren wir immer noch wie geschlossene Blütenknospen, wie die fest geballten Fäustchen von Säuglingen. Unsere Wangen brannten, unser Herz schlug ungestüm, unsere Hände schwitzten vor Spannung, Erwartung, Aufregung. Doch ganz frei fühlten wir uns trotzdem nicht. Die bösen Engel Angst und Schuld schwebten über uns und lauerten nur darauf, im geeigneten Moment über uns herzufallen.
Wir wussten nicht genau, was wir eigentlich wollten. Ein Sehnen, ein unbestimmtes Verlangen trieb uns an wie ein Pendel die Uhr, doch es drang nicht in die Tiefe, es erfüllte uns nicht. In meiner heutigen Sicht war dieser Drang nicht mehr als ein heftiger, aber flüchtiger Impuls, eine dünne Schicht, wie der Zuckerguss auf einem Kuchen, die zerplatzte, als wir in den Wirbel unseres Abenteuers hineingerissen wurden. Die Leichtigkeit ging verloren, die Flügel, die uns emporgetragen hatten, wurden von dem Gewicht der Angst und Schuld herabgezogen.
Wir überlegten, ob wir die Straßenbahn zu dem prächtigen Eisstadion im Sportklub am Parlamentspalast nehmen sollten, wo uns eine andere Welt, eine märchenhafte Traumwelt, erwartete, aber schließlich gingen wir doch zu Fuß.
Wir brauchten eine halbe Stunde für den Weg – eine dumme Zeitverschwendung, wenn man bedenkt, wie wenig Zeit wir zur Verfügung hatten. Miśi konnte jeden Augenblick nach Hause zurückkommen. Es war kurz vor fünf. Bis zu unserer Rückkehr würde die Dämmerung schon in tiefe Nacht übergegangen sein, und das bedeutete, dass unsere Eltern sich Sorgen machen würden. Wir mussten eine glaubhafte Ausrede erfinden und einstudieren, damit unsere Mütter bei ihrem täglichen Treffen bei der älteren Schwester Szuri keine Widersprüche entdecken konnten.
Endlich kamen wir am Sportklub an. Schon am Eingang hörte ich die lockende Melodie des Donauwalzers, die aus den Lautsprechermuscheln an den vier Ecken der Eisbahn drang. Mein Herz weitete sich, eine Welle aus Angst und Glück riss mich mit sich fort. Ich fühlte eine Schwäche in den Knien, die lähmend bis zu den Füßen herabkroch.
Bis heute liebe ich diese sentimentalen Walzermelodien. Komm, Noemi, leg mir eine Johann-Strauß-Platte auf! In der Ecke dort steht ein altes Grammophon. Bitte meine schöne Freundin Irénka darum, sie weiß, was ich mag. Und nicht erst seit gestern. Ich werde dir noch erzählen, wo wir uns kennen gelernt haben. Ach, der Donauwalzer! Nur die Augen schließen und die blauen Wellen sehen, die sich im Walzertakt wiegen!
Die Musik liebkoste mich wie ein seidenes Tuch, wie eine warme Brise, ich sog sie gierig in mich hinein, schlürfte sie wie ein Erdbeersorbet. Sie drang in meinen Körper, meine Haut, meine Seele ein. Diese Musik verführt zur Leichtfertigkeit, zur Nachahmung der Gojim, Gott bewahre, hätte Miśi mit gerunzelter Stirn gesagt, und mein Vater hätte unserem Talmudgelehrten unbesehen zugestimmt. Ich musste die Schallplatten, die ich von meinem Taschengeld kaufte, unter meiner Unterwäsche verstecken, sonst hätte Miśi sie gefunden und eine nach der anderen zerbrochen. Zum Glück stand mir meine Mutter in dieser Hinsicht bei, weil sie leichte Musik, Operetten und Opern liebte. Strauß, Offenbach, Lehr, Verdi, Donizetti, Smetana und Puccini waren ihr ganzes Glück. Musikalisch war unsere Familie in zwei Lager gespalten. Meine Mutter und ich liebten gojische Musik, mein Vater und Miśi synagogalen Gesang – Jossele Rosenblatt, Sevulun Kwartin, Gershon Sirota, Mordechai Hershman, Josef Schmidt und Berale Hagai. Yózsi gefiel beides, doch seine Meinung zählte nicht.
Da Kató an der Reihe war, den Eintritt zu bezahlen, wartete ich auf sie, während meine Hände und Füße im Walzertakt zuckten: Tam-tam-tam-tam-tam, tam-tam, tam-tam … An einer kleinen Bude hinter der Kasse zeigten wir unsere Karten vor und bekamen jede ein Paar Schlittschuhe mit aufgebogener Spitze, die an den Bug eines Wikingerschiffes erinnerte. Wir durchquerten einen großen Raum, der zu zwei Dritteln von der Garderobe ausgefüllt war. Der Eislauftrainer Uli, ein hübscher jüdischer Junge mit blonder Haartolle und gojischer Stupsnase, stand am Eingang zur Eisbahn. Er übte ab und zu mit Kató Eislaufen und weigerte sich, Geld dafür zu nehmen. »Hör auf, der ist doch langweilig«, sagte Kató mit einer wegwerfenden Handbewegung, als ich sie einmal neckte, weil er ihr den Hof machte.
»Einen wunderschönen Abend wünsche ich den hübschen jungen Damen«, sagte Uli lächelnd mit typisch ungarischer Höflichkeit und deutete eine Verbeugung an.
Kató zog ihren Mantel aus und schoss auf die Eisbahn hinaus wie ein Pfeil vom Bogen. Trotz ihrer Rundlichkeit war sie flink und temperamentvoll. Ich blieb noch ein wenig an der Tribüne am Rand der überdachten Eisbahn stehen, auf der sich Männer, Frauen und Kinder jeden Alters tummelten.
Dann ging ich langsam die Stufen hinunter. Den Mantel behielt ich an, mein Haar war im Nacken mit einem breiten Samtband zusammengebunden. Ich tauchte mit geschlossenen Augen in das Getümmel ein, öffnete sie wieder und breitete lächelnd die Arme aus, während ich in die Mitte der Eisbahn glitt. Ich fühlte die Augen der Zuschauer auf der Tribüne auf mir ruhen. Es waren einige Freunde von Uli darunter, junge Burschen, deren straff zurückgekämmtes Haar vor Pomade glänzte. Ich zeichnete konzentrische Kreise aufs Eis, zog die Kreise immer weiter wie ein großer Zirkel und schwang mich wieder zum Mittelpunkt zurück, wo ich wie ein Storch auf einem Bein landete. Danach lief ich zur anderen Seite hinüber und zog wieder einen kleinen Kreis, der bei jeder Runde größer wurde. Ich hörte Pfiffe hinter mir. Jemand rief: »Weiter so, szépség, Schönheit, du bist die schönste Eisläuferin der Stadt!«
Und die Musik spielte weiter. Jetzt kam Wiener Blut, ein Walzer, den ich auch sehr liebte. Als ich über die Eisbahn schwebte, fühlte ich mich schön, begehrt und bewundert. Wie viele solcher magischen, unvergesslichen Augenblicke gibt es im Leben?
Ich hörte Kató von der Tribüne rufen: »Gabi, Gabi, es ist schon spät, wir müssen nach Hause.«
Die Dunkelheit überraschte mich. Sie war so plötzlich gekommen. Die großen Bogenlampen über dem Stadion leuchteten eine nach der anderen auf und vertrieben die Finsternis, erst zögernd, dann immer schneller, bis schließlich alle brannten. Mein Herz dehnte sich, als wollte es zerspringen. Es war ein Augenblick reinen, ungetrübten Glücks.
Und dann sah ich ihn, im Übergang zwischen Licht und Schatten. Ein junger Mann, der vorher auf der Tribüne gestanden hatte, glitt langsam auf mich zu. Er sah mich an. Blicke sagen mehr als Worte, und erst recht, wenn man sechzehn ist. Wir wechselten kein Wort, doch sein Blick hatte schon eine Spur hinterlassen, wie der Einschnitt eines Messers, das Kinder spielerisch in die Erde werfen und wieder herausziehen.
Die Macht der Blicke … Zu meiner Zeit umwarben die Männer uns mit Blicken, unter deren Glut wir dahinschmolzen, und wir lachten und flirteten und warfen ihnen Blicke aus dem Augenwinkel zu, die wir für verführerisch hielten, oder wir schlugen in echter oder gespielter Sittsamkeit die Augen nieder.
Die Liebe begann mit Blicken. Das Herz und der Kopf kamen erst später dazu, und es dauerte noch eine Weile, bis auch der Körper mitspielte. Ja, zuerst waren es die Blicke, die in uns eindrangen, uns verwirrten und aufwühlten, die uns das Innerste nach außen kehrten. Wir warteten auf diese Blicke. Wir zählten sie, prahlten damit, reihten sie aneinander wie Perlen einer Kette, mit der wir uns schmückten.
Ich nehme vorweg, was später geschah, doch nicht ohne Grund. In diesen ersten Augenblicken geschah alles. Man kann fast sagen, dass schon damals mein Schicksal besiegelt war. Eine unbekannte Kraft begann mein Leben zu verformen und zu verbiegen wie einen Stab aus Weichmetall. Ich glich einem Schiff auf Kollisionskurs, für ihn war ich nicht mehr als ein zufälliger Glückstreffer. Im Rückblick weiß man, wohin das alles führen wird.
Ich musterte ihn mit schnellem Blick und spürte instinktiv, dass er keiner von denen war, die man um den kleinen Finger wickeln konnte, wie meine Mutter sich ausdrückte. Er sah und hörte alles, nahm alles auf, was er wissen wollte, und ließ das Überflüssige an sich abgleiten. Er hatte etwas Herausforderndes und Provozierendes, sogar ein wenig Bedrohliches, ganz anders als meine Brüder und ihre Freunde. Ich wusste nicht, wo diese Eindrücke herrührten – ob sie aus ihm oder aus mir selbst kamen. Bis heute frage ich mich: War diese Aura, die ihn umgab, wirklich vorhanden oder entsprang sie meinem Wunschdenken?
Bis er näher kam, nahm ich weitere Einzelheiten wahr: er war kleiner als ich, aber kräftig und muskulös, er trug eine Jacke aus Schafspelz, braune lederne Hosen und eine dunkle Ledermütze, die Kopf und Ohren umhüllte. Er sah aus wie ein Sportler. Sein Eislaufstil vereinigte Leichtigkeit mit Kühnheit und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein, sogar Dreistigkeit. Als ich später im Bett lag, glitt er mit derselben Leichtigkeit und Dreistigkeit durch meine Träume. Meine Phantasie, die Phantasie einer Sechzehnjährigen, die Abenteuerromane verschlingt, spielte verrückt, ich sah ihn vor mir, wie er auf einem Rappen durch die asiatische Wüste galoppierte, in einem Brustpanzer und einem lammfellgefütterten Lederumhang. Er war der Häuptling eines wilden Stammes, ein kriegerischer Prinz oder der Anführer einer verwegenen Bande von Straßenräubern.
Doch ich will nicht vorgreifen. Ich sollte noch einige böse Dinge erleben, bevor ich in dieser Nacht nach Hause kam.
Noch ein paar prahlerische, nahezu akrobatische Schleifen, und er hielt neben mir an und zog wie zufällig noch einen Kreis um mich. Seine grünen Augen unter den dunklen, geschwungenen Brauen hatten sich zu einem Spalt verengt. Seine Nase war schmal, doch in der spärlichen Beleuchtung, die ihn (und sicher auch mich) blasser erscheinen ließ, fiel mir vor allem die schwärzlich-violette Farbe seiner vollen Lippen auf, die aussahen, als seien sie bis zum Platzen mit Pflaumensaft gefüllt.
Diese üppigen Lippen sind mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben.
Und dann rutschte ich aus und fiel hin. Krach! Die talentierte, virtuose Eisläuferin, der Uli, der Eislauftrainer, eine Zukunft auf dem Eis prophezeite, »wenn du nur den Mut hättest, dich deiner fanatischen Familie zu widersetzen«, verliert das Gleichgewicht! Zu meiner Schande fand ich mich auf der Eisfläche sitzend wieder, die gespreizten Beine von mir gestreckt, während meine Hände in den Wollhandschuhen auf der spiegelglatten Eisfläche vergeblich einen Halt suchten. Das war der Augenblick, in dem der Körper nach einem Unfall blitzschnell den erlittenen Schaden registriert und sich auf den Schmerz einstellt, der gleich einsetzen wird. Noch fühlte ich weder Schmerz noch Angst, nur die Peinlichkeit der Pfiffe von der Tribüne, die spöttisch oder teilnehmend sein konnten.
Ich hob den Blick. Kató winkte mit nervöser, ungeduldiger Miene, als wollte sie mir zurufen: »Los, steh schon auf!« Doch ich blieb sitzen, wie gelähmt vor Verwirrung und dumpfer Angst. Die jungen Burschen pfiffen weiter. Ich hörte ihre Zurufe: »Komm, steh auf, Hübsche, steh auf, es ist nichts passiert!«
Uli glitt auf mich zu, doch der fremde junge Mann kam ihm zuvor und fasste mich mit breitem Lächeln an der Hand. Dieses Lächeln und die dunkelbraunen Locken, die sich unter seiner Mütze hervorstahlen, ließen sein Gesicht sanfter erscheinen.
»Vigyázz«, sagte Uli und fasste mich von der anderen Seite an. »Vigyázz« heißt »Vorsicht«, doch ich verstand diesen Rat als doppeldeutige Warnung: Sei vorsichtig, nicht nur jetzt, sondern immer, pass auf dich auf, hüte dich vor bösen Buben, vor Wölfen im Schafspelz. All dies spürte ich, und mir war beklommen zumute. Wollte er mir nur auf die Beine helfen oder mich vor diesem fremden jungen Mann warnen? Das kann doch nicht sein, redete ich mir ein, Uli hat das ganz harmlos gemeint, er will mir nur einen freundschaftlichen Rat geben, aus Zuneigung und Besorgnis.
Der Fremde machte eine Kopfbewegung in seine Richtung, als wolle er ihm bedeuten, uns allein zu lassen, und Uli verstand den Wink und lief zu zwei anderen jungen Eisläufern, die zusammengestoßen waren und auf dem Eis lagen. Wie sehr sollte er es später bereuen, mich dem Fremden anvertraut zu haben!
»Geben Sie mir die Hand, junge Dame, genieren Sie sich nicht, wir wollen jetzt langsam aufstehen. Ich hoffe, das ist nicht meinetwegen passiert«, sagte er lachend. Er hatte eine sonore, volltönende Stimme, sein Lachen war von einem leisen Schnarchlaut begleitet, als schnaufte er kräftig durch die Nase. Dieses Geräusch störte mich im ersten Moment wie ein ästhetischer Makel in einem schönen Gesicht, wie ein Kratzer auf einem Bild, doch bald nahm ich es gar nicht mehr wahr …
Ich blieb kraftlos sitzen, ohne mich zu rühren. Von unten sah der Fremde größer aus, mehr ein Mann als ein junger Bursche. In seinen grünen Augen glitzerte ein Funke. Doch was für ein Funke? War es Übermut, Abenteuerlust, das Erwachen männlicher Neugier? Was verstand ich schon damals? Ich beschnupperte ihn wie ein kleines Tier, erfasste instinktiv die Gestalt, die sich über mich beugte, ich sog seine Aura in mich ein. In meinem Inneren wallten nie gekannte Strömungen und Säfte auf, die sich bald zu heftigen Empfindungen, zu einer Reaktion auf seine strotzende, schamlose Männlichkeit verdichteten. Es gärte in mir, und ich spürte, dass auch sein Blut in Wallung geriet.
Doch im Gegensatz zu mir blieb er ruhig und überlegen. Heute weiß ich, dass sein freundliches Lächeln etwas anderes bedeutete, als ich mir vorstellte, nämlich die genüssliche Vorfreude auf »die höhere Tochter aus orthodoxem Haus«, die ihm bald wie eine reife Frucht in die Hände fallen würde. Der Kater leckt sich die Lippen, bevor er sich über die Rahmschüssel hermacht.
Ich stand langsam auf. Er stützte mich mit beiden Händen, stellte mich auf die Füße, legte den Arm um meine Hüfte und führte mich vorsichtig wie eine Schwerverletzte aus dem Stadion heraus. Seine Arme waren stark, seine Haut roch nach Zigaretten. Mein Vater pflegte nach Schabbatausgang eine Prise Schnupftabak zu nehmen, meine Brüder wagten nicht, zu Hause zu rauchen. Der Geruch machte mich schwindlig, doch vielleicht war es auch seine Berührung, die erste Berührung eines Mannes.
Liebste Noemi, ruf Irénka und lass uns eine Kuchenpause einlegen. Irénka ruht sich hinter dem Vorhang im Hinterzimmer auf dem Sofa aus, sie muss ab und zu ihre schweren Beine hochlegen. Wenn wir uns ansehen, sagt meine Tante, fühlen wir beide seit Jahrzehnten immer dasselbe: Sie beneidet mich um meine Schlankheit und ich beneide sie um ihre Schönheit. Bestell uns Kaffee mit Schlagsahne, Mohnkuchen, Apfelstrudel und túrós, einen Käsekuchen, der wie zu Hause schmeckt. Die deutschen Stammgäste sind ganz wild auf Irénkas Kuchen. Nur Ungarinnen können solche Kuchen backen.
Bis auf mich. Ich habe noch nie im Leben einen Kuchen gebacken. Doch Ungarinnen wissen, was gut ist: Kuchen und Kleider, Männer und Liebe.
Jetzt fängt es an, schwierig zu werden. Erinnerungen trügen, sie entgleiten uns, wenn wir sie fassen wollen, wie winzige Fische, wie die Wellenkämme am Strand, die einem die Füße kitzeln und sich in Schaum auflösen. Oft ist die Erinnerung abstrahiertes Wissen von Dingen, die einst geschehen sind. Erinnerungen überlagern sich, sie werfen Schatten, die ineinander fließen, bis man nicht mehr weiß, wo die Erinnerung aufhört und die Erinnerung an die Erinnerung anfängt. Weißt du, was ich meine, angyalom, mein Engel?
Ich weiß noch, Noemilein, wie sehr ich erschrak, als ich zum ersten Mal diese seltsamen, süßen und bangen Gefühle spürte, das Herzklopfen, diese prickelnden, verwirrenden Zuckungen im tiefsten Innern, an dem unbekannten Ort dort unten, unter all den Kleiderschichten. Der Mund wird trocken, die Kehle schnürt sich zusammen, die Beine geben nach, als seien sie gebrochen, ich erfuhr zum ersten Mal, was gemeint ist, wenn man von weichen Knien spricht, in meinem Inneren explodierte die Erregung wie tausend kleine Feuerwerke. Alles in mir toste und brauste, zuckte und zappelte. Ich warf meinem Begleiter einen bangen Blick zu, ich war sicher, dass er sah und spürte, was in mir vorging, dass er den inneren Aufruhr in mir hörte, so wie man manchmal des Nachts das leise Knacken der Möbel hört.
Lelkem, meine Seele, ich weiß nicht, wohin meine Gefühle mich noch fortgerissen hätten, doch in diesem Augenblick fiel der Schmerz mich an, der Schmerz von dem Sturz. Er schnitt wie ein Messer in meinen rechten Fuß, so stark, dass ich es nicht aushalten konnte. Ich wünschte mir nichts mehr, als aufzustehen und davongleiten zu können, wie Moira Shearer in dem Film Die Roten Schuhe, ich wollte so gern die Heldin sein, die still und heroisch ihren Schmerz bezwingt und sich nichts anmerken lässt, aber es gelang mir nicht. Außer dem Schmerz überfiel mich auch die Angst vor meinen Eltern. Was ist, wenn der Fuß verstaucht oder gar gebrochen ist, was sage ich dann zu Hause? Wie komme ich aus dieser Klemme heraus, in die ich mich selbst gebracht habe? Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte ich verzweifelt, ein kaputter Fuß und dazu die riesige Verspätung, die ich diesmal nicht mit Lügen vertuschen kann. Am liebsten wäre ich in den Boden gesunken, unter die Eisfläche verschwunden. Vor Angst und Selbstmitleid brach ich in einen Strom von Tränen aus.
Wie ich in die Garderobe gelangt bin, weiß ich nicht mehr. Kató war verschwunden, auch meine Tasche war weg. Mein unbekannter Begleiter setzte mich auf die Holzbank neben den Eingang und bat mich, einen Augenblick fortgehen zu dürfen. Ich konnte nur nicken, die Tränen erstickten meine Stimme.
Er kam mit einer Tasse Kaffee in der einen Hand wieder, die andere streckte er mir entgegen und sagte: »Gabi Klein.«
»Ja«, sagte ich.
»Was heißt ›ja‹? Wollen Sie mir Ihren Namen nicht sagen, schönes Kind?«
»Aber Sie kennen ihn doch. Sie haben ihn doch selbst gerade gesagt: Gabi Klein.«
»Nein, so heiße ich.«
»Ich auch.«
»Das kann doch nicht sein«, sagte Gabi lächelnd, »jetzt habe ich noch mehr Lust, Sie kennen zu lernen.«
Das Eisstadion wurde geschlossen, Uli, der es eilig hatte, entschuldigte sich und bat meinen Begleiter, »die junge Dame« nach Hause zu bringen.
Im Erdgeschoss des Hauses in der Dob utca Nr. 9, dessen ganze Front das Geschäft meiner Eltern einnahm, brannte ein schwaches Licht. In stiller Verzweiflung betete ich, dass sie noch im Geschäft waren. Ich wusste nicht, wie viel Uhr es war, meine Uhr war mit der Tasche verschwunden, und ich schämte mich, den jungen Mann mit seinem Namen anzureden, als ob das Aussprechen unseres gemeinsamen Namens eine Intimität, eine Art Bündnis zwischen uns schaffen würde.
Ich schämte mich auch, weil ich die Treppe so schwerfällig, mit angst- und schmerzverkrampften Gesicht hinaufstieg. Bei jeder Stufe unterdrückte ich ein Stöhnen. Was war ich nur für ein Pechvogel! Ich sandte stumme Stoßgebete zum Himmel: Jó Istenem,
