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Der abenteuerliche »Kronenraub« aus erster Hand Nach dem plötzlichen Tod des Habsburgers Albrecht II. im Jahr 1439 wird Helene Kottannerin, Kammerfrau Elisabeths von Luxemburg, von ihrer hochschwangeren Königin beauftragt, die ungarische Krone zu entwenden, um dem ungeborenen Kind des Königspaars die Thronfolge zu sichern. In ihrem autobiografischen Bericht »Ich, Helene Kottannerin« erzählt Helene Kottannerin die packende Geschichte des »Raubs« der Heiligen Krone im Jahr 1440, die Geburt des kleinen Königssohns Ladislaus, die Krönung des zwölf Wochen alten Säuglings und die Flucht mit der Krone im Gepäck. - Die packende Geschichte des »Kronenraub« anschaulich und lebendig erzählt - Die ältesten Frauenmemoiren in deutscher Sprache - einmaliger Einblick in die Lebens- und Glaubenswelt einer Kammerfrau aus dem 15. Jahrhundert - Erstmals vollständig übertragen in heutiges Deutsch Die ältesten Memoiren einer Frau in deutscher Sprache Um 1450 niedergeschrieben, handelt es sich um die ältesten Memoiren einer Frau in deutscher Sprache. Mit der Übertragung in heutiges Deutsch machen Julia Burkhardt und Christina Lutter nicht nur die Geschichte des »Kronenraubs« einem breiten Publikum zugänglich. Sie geben auch einen außergewöhnlichen Einblick in die Lebens- und Glaubenswelt einer Kammerfrau aus dem 15. Jahrhundert und beleuchten die historischen Hintergründe sowie den Zeitkontext dieses einmaligen Dokuments.
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2023
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
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wbg Theiss ist ein Imprint der wbg.
© 2023 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt
Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.
Lektorat: Diana Napolitano, Augsburg
Satz: Arnold & Domnick, Leipzig
Umschlagabbildung: Unbekannter flämischer Meister, Ausschnitt aus einem Altarbild (ca. 1486–1493) © Lukas – Art in Flanders VZW/Bridgeman Images Umschlaggestaltung: Burkhard Finken, Stuttgart
Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier
Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de
ISBN 978–3-8062–4567–7
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
eBook (PDF): ISBN 978–3-8062–4599–8
eBook (epub): ISBN 978–3-8062–4600–1
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Innentitel
Inhaltsverzeichnis
Informationen zum Buch
Informationen zu den Autorinnen
Impressum
Inhalt
Wegweiser durch das Buch
Der Bericht der Helene Kottannerin
Der Beginn einer langen Reise
König Albrecht stirbt an der Ruhr
Sorge um die Heilige Krone
Ein umstrittenes Eheprojekt
Der Plan für den »Kronenraub«
Der Plan wird umgesetzt
Mit der Heiligen Krone über die Donau
Ein König wird geboren
Die Taufe des kleinen Ladislaus
Dem neugeborenen König wird gehuldigt
Elisabeth verhandelt mit den Unterstützern des Polenkönigs
Eilige Vorbereitungen auf die Krönung
Aufbruch an den Krönungsort Stuhlweißenburg
Ladislaus wird zum König von Ungarn gekrönt
Gefahr droht der Königsfamilie
Auf der Flucht nach Raab
Die Wege der königlichen Familie trennen sich
Aufbruch ins Ungewisse
Wer, was, wo? Der Bericht der Helene Kottannerin in seiner Zeit
Helenes Erzählung
Der politische und soziale Hintergrund der Geschichte
Die Objekte der Begierde:
Die Heilige Krone und die ungarischen Krönungsinsignien
Die Personen im Umfeld der Königsfamilie
Helene Kottannerin und ihre Familie
Wer erzählt die Geschichte noch? Weitere Quellen
Wo spielt die Geschichte? Raum und Topografie
Zentrale Orte: Burgen und Städte
Politik machen: Herrschaftshandeln im späten Mittelalter
Der religiöse Horizont
Leben bei Hof
Helenes Bericht als Rätsel: Fragen und Vermutungen
Anmerkungen
Helene Kottannerin in der Forschung
Anhang
Bibliografie
Ortsnamenkonkordanz
Register der geografischen Bezeichnungen
Register der Personen
Abbildungsnachweis
Wegweiser durch das Buch
Ein Thronstreit, eine Kammerfrau, ein Diebstahl und eine Krone. Das sind die Zutaten für eine spektakuläre Geschichte. Und die Geschichte, die dieses Buch erzählt, ist gleich in mehrfacher Hinsicht besonders.
Die Erinnerungen der Kammerfrau Helene Kottannerin gehören zu den spannendsten Quellen im mittelalterlichen Donauraum: Sie wurden von der wohl aus einer Ödenburger (ungar. Sopron) Bürgerfamilie stammenden Helene Kottannerin oder in ihrem Auftrag verfasst. Helene war Hofdame Königin Elisabeths von Luxemburg (1409–1442)1, der Erbtochter des römisch-deutschen Kaisers Sigismund von Luxemburg. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem österreichischen Herzog Albrecht V./II. (1397–1439)2, herrschte Elisabeth über das Königreich Ungarn. Albrecht jedoch starb bald nach seiner Krönung während der Kriegsvorbereitungen gegen das osmanische Heer, das damals an der Grenze zu Ungarn stand. Die nun verwitwete Königin Elisabeth war schwanger und hoffte nach zwei Töchtern und einem früh verstorbenen Sohn endlich auf einen männlichen Thronerben. Um die Erbfolge für dieses noch ungeborene Kind zu sichern, beauftragte sie ihre Kammerfrau und Vertraute Helene, in deren Obhut sich auch die kleine Königstochter Elisabeth befand, die legendäre Heilige Krone aus der ungarischen Burg Visegrád – der Plintenburg – zu entwenden. In einer Nacht- und Nebelaktion gelang der tapferen Kammerfrau das delikate Unternehmen. Wenig später sollte der zum Zeitpunkt des »Kronenraubs« noch ungeborene Ladislaus im Alter von nur zwölf Wochen zum ungarischen König gekrönt werden (1440).
Diese aufsehenerregende Aktion, die in anderen zeitgenössischen Zeugnissen nur angedeutet wird, und ihr prominenter politischer Hintergrund wären schon Grund genug, die Geschichte wiederzugeben und zu kommentieren. Doch damit nicht genug: Helene gibt die Ereignisse aus ihrer Perspektive wieder: »Ich, Helene Kottannerin« ist eine ihrer häufigen Formulierungen. Sie ist zugleich Akteurin, Augenzeugin und Erzählerin der Geschichte. Solche Selbstzeugnisse waren im 15. Jahrhundert in Mitteleuropa noch selten; zumal in solcher Ausführlichkeit und von einer Frau verfasst. Mittelalterliche Schriftkultur war außerhalb von Klöstern, wo Mönche und Nonnen schrieben, vielfach Männern vorbehalten: Umso spektakulärer ist das schriftliche Zeugnis einer Frau aus dem bürgerlich-höfischen Umfeld in dieser Zeit.
Und wie Helene schreibt! Temporeich berichtet die Kammerfrau und Erzieherin von der Nachfolge Albrechts II. und Elisabeths als König und Königin von Ungarn und über alle Details der strategischen Planung und Durchführung ihres gefährlichen Unterfangens bis zur Krönung des Säuglings Ladislaus.
Neben der abenteuerlichen Geschichte des »Kronenraubs« würdigt die Kammerfrau ihre Königin als tatkräftige Politikerin, beschreibt das Alltagsleben an ihrem Hof mit seinen permanenten Reisen – bisweilen durch Kriegsgebiete –, seinen täglichen Audienzen, Entscheidungen und schriftlichen Aufträgen und erzählt sogar sehr eindrücklich vom Ablauf der Geburt des Thronfolgers Ladislaus.
In kluger Weise verschränkt der Text politische, soziale und alltagsgeschichtliche Aspekte und thematisiert dabei durchgehend das Handeln von Frauen genauso konsequent wie jenes von Männern – von der Herrin bis zur Magd, von den ungarischen Magnaten bis zu den namenlosen Helfern Helenes beim »Kronenraub«.
Ihre Darstellung bietet neben der systematischen Zusammenfassung der zentralen ungarischen Krönungselemente am »richtigen Ort«, durch die »richtige Person« und mit den »richtigen« Insignien der Macht eine Fülle von Informationen zu mittelalterlichen Lebensformen und Akteuren unterhalb der Ebene der »großen Politik«, über die die meisten zeitgenössischen Chroniken schweigen.
Helenes Person und Geschichte wurden daher vielfach zum Gegenstand wissenschaftlicher Studien. Die Lebendigkeit ihrer Sprache und der spannungsgeladene Plot der Geschichte haben wiederholt das Interesse germanistischer und historischer Forschung geweckt. Besonders die Frage, wie man sich Helene als Autorin vorstellen könne (schreibend? diktierend?), und jene nach ihren Motivationen (warum und für wen wurde dieser Text verfasst?) treibt Fachleute seit Jahrzehnten um. Wir machen es spannend und erörtern diese Aspekte erst am Ende unserer Darstellung, um die Leserinnen und Leser selbst der Spur des Rätsels folgen zu lassen.
Dass diese Fragen überhaupt gestellt und diskutiert werden konnten und können, ist wesentlich dem ungarischen Germanistikprofessor Karl (Károly) Mollay (1913–1997) zu verdanken. Mollay stammte selbst aus Ödenburg und schöpfte aus der reichhaltigen Stadtgeschichte und ihren Archiven vielfältige Anreize für seine Arbeit mit historischen deutschsprachigen Dokumenten Ungarns. Mit großer Liebe zu seinem Forschungsgegenstand und detektivischem Spürsinn ging Mollay dem Geheimnis von Helenes Text auf den Grund: Er ermittelte die Rezeptionsgeschichte des Textes in den Jahrhunderten nach seinem Entstehen, identifizierte Personen und Orte und glich die Erzählung mit anderen historischen Quellen ab. Auf dieser Basis veröffentlichte Mollay 1965 und 1971 die erste kritische Edition des Textes, die Standards setzte und bis heute für wissenschaftliche Arbeiten herangezogen wird. Auch unsere Übertragung von Helenes Erzählungen basiert auf Mollays kritischer Ausgabe; eine zweisprachige wissenschaftliche Ausgabe soll künftig in einer eigenen Reihe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (wbg) erscheinen.
Als Mollay 1993 in einem Interview anlässlich seines 80. Geburtstags gefragt wurde, welche seiner wissenschaftlichen Arbeiten ihm denn am meisten am Herzen läge, antwortete er feinsinnig: »Wahrscheinlich die ›Erinnerungen der Helene Kottannerin‹, denn darin gibt es Kleinigkeiten, die nur ich klären konnte.« Das ist unbestreitbar richtig. Dieses Buch ist deshalb dem Andenken an Karl Mollay gewidmet und möge viele Menschen für Helenes abenteuerliche Welt begeistern. Diese Begeisterung hat uns bei der gemeinsamen Arbeit am Manuskript geleitet: Sie wurde von zahlreichen Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Österreich, Ungarn und der Slowakei begleitet, die uns mit ihrer Expertise enorm geholfen haben.
Besonders danken möchten wir Katalin Szende, Gábor Klaniczay und Kornelia Holzner-Tobisch, die uns stets in freundschaftlicher Verbundenheit und mit ihrer profunden Fachkenntnis unterstützt haben. Gergely Buzás hat uns freundlicherweise seine Rekonstruktionszeichnungen der Plintenburg zur Verfügung gestellt, Géza Pálffy lieferte wichtige Hinweise zum Quellenmaterial. Unser Dank gilt zudem Daniel Kufner, der uns die von ihm erarbeitete, erste moderne deutsche Übersetzung von Helenes Geschichte (online 2015) in einer handlichen Arbeitsversion zur Verfügung gestellt hat; außerdem den Studierenden der Übung »The Crown« an der LMU München sowie unseren Kolleginnen und Kollegen aus München, Heidelberg, Stuttgart, Salzburg, Wien, Bratislava und Budapest, die das Manuskript mit uns gelesen und diskutiert haben. Herbert Krammer erstellte passgenau die Karten und die genealogische Übersicht für dieses Buch und identifizierte mit uns kaum bekanntes urkundliches Material; Johannes Willert unterstützte die Recherche mit großer Sorgfalt; Stefan Erdei hat alle Versionen gelesen und kommentiert. Last, but not least danken wir der wbg, namentlich Clemens Heucke, Teresa Löwe und Jonas Bogumil, dafür, dass sie sich auf das Abenteuer des »Kronenraubs« gemeinsam mit uns einließen.
Warum ein »Wegweiser« durch das Buch? Helenes Geschichte ist nur in einer einzigen und noch dazu unvollständigen Abschrift überliefert – eine solch rätselhafte mittelalterliche Handschrift in mittelhochdeutscher Sprache erfordert einige Erläuterungen.
Am Anfang dieses Buches steht Helenes Bericht: Wir haben den im damaligen regional gefärbten Mittelhochdeutsch verfassten Text in modernes Deutsch übertragen. Dabei sind wir so nah wie möglich am Originaltext geblieben und haben auch heute noch übliche regionale Sprachwendungen (z. B. »der Polster«) in der Übertragung berücksichtigt. Für eine bessere Orientierung haben wir den Text zudem durch Zwischenüberschriften untergliedert. An die Übertragung schließt eine Darstellung an, die Leserinnen und Leser mit den politischen, dynastischen, kulturellen, sozialen und topografischen Rahmenbedingungen der Geschichte vertraut machen soll. Wer sich näher für den Text und die Forschung dazu interessiert, findet in einer knappen kommentierten Bibliografie sowie einer ausführlichen Literaturliste reichhaltiges Material.
Im Mittelpunkt von Helenes Erinnerungen steht eine Grenzregion zwischen verschiedenen sprachlichen und kulturellen Räumen. Seit dem 19. Jahrhundert wurde dieses historische Erbe zunehmend für nationale oder hegemoniale Ansprüche instrumentalisiert, und solche Traditionen spiegeln sich bis heute in der Benennung von Orten und Personennamen wider. Wir sind uns dieser Problematik bewusst und haben uns deshalb beim Umgang mit diesen Namen für eine pragmatische Lösung entschieden: Unser Buch geht von Helenes Perspektive und ihrer deutsch-ungarischen Lebensumwelt aus. Daher geben wir in der Übertragung ihres Textes Ortsnamen in der dort verwendeten deutschsprachigen Form wieder. In unserer Darstellung werden Ortsnamen ebenfalls auf Deutsch angegeben; bei der Erstnennung wird auch die ungarische Entsprechung in Klammern angeführt. Zudem sind jeweils alle relevanten Bezeichnungen in heutigen Landessprachen in einem Konkordanzverzeichnis am Ende des Buches erfasst. Auf den Karten folgen die Bezeichnungen dem heutigen Sprachgebrauch; bei besonders starken Abweichungen werden zum besseren Verständnis zweisprachige Angaben gemacht (so erwähnt Helene sehr häufig das mittelalterliche Pressburg, während sein moderner slowakischer Name Bratislava klarerweise nie vorkommt).
Abb. 1: Originalhandschrift des Berichts der Helene Kottannerin. Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2920, fol. 1r und 16v
Die Vornamen von Personen werden in deutscher oder latinisierter Form wiedergegeben, die Herkunftsbezeichnungen (»Nachnamen«) ungarischer Adeliger aufgrund des Bezugsrahmens des ungarischen Königreichs jedoch in der ungarischen Fassung, wobei alternative Namensformen (z. B. kroatische) bei der Erstnennung in Klammern angegeben werden. Alle Personen- und Ortsnamen sind zudem mit wechselseitigen Querverweisen zwischen den Sprachvarianten im Register angeführt. Die Karten sollen nicht nur die übliche geografische Orientierung ermöglichen, sondern darüber hinaus einen Eindruck von der Reiseroute Helenes und der königlichen Familie sowie von den topografischen Besonderheiten der berühmten Plintenburg geben; das genealogische Schema ermöglicht einen Überblick über die ungemein komplexen verwandtschaftlichen Verflechtungen der adeligen Hauptpersonen der Geschichte.
Zuletzt noch ein Hinweis: Die Umschlagabbildung zeigt nicht Helene Kottannerin, sondern einen Ausschnitt aus einem fast zeitgenössischen niederländischen Altargemälde (1486–1493). Derart detailgetreue Abbildungen »einfacher« Menschen waren im mittelalterlichen Europa lange Zeit selten und setzten sich im östlichen Donauraum erst später durch als im Westen oder Süden des Kontinents. Immerhin aber sehen wir hier eine weibliche Person, deren Darstellung einen Eindruck davon vermittelt, wie man sich eine Kammerfrau wie Helene gemäß den Informationen aus schriftlicher, bildlicher und materieller Überlieferung wohl vorstellen kann. Mittelalterliche Quellen bieten uns oft nicht mehr als solche Fragmente, die wir in umsichtiger Feinarbeit prüfen und Stück für Stück zu einem Mosaik fügen müssen; das so entstandene Bild bleibt zumeist mehr Annäherung als getreues Abbild historischer Wirklichkeit. Umso außergewöhnlicher ist die folgende Geschichte mit ihrem großen Bogen, ihren vielfältigen Details und ihrer singulären Perspektive.
1Nicht für alle Menschen, die in diesem Buch vorkommen, sind Geburts- und Todesdatum nachgewiesen; für die Orientierung der Leserinnen und Leser sind solche Daten aber wichig. Wir geben in unserem Buch deshalb bei der ersten Nennung im Text sowie im Register immer dann beide Daten an, wenn sie sicher belegt sind; in jenen Fällen, in denen nur das Todesdatum bekannt ist, ergänzen wir den Zusatz »gest.« Regierungsdaten von Herrscherinnen und Herrschern finden nur dann Erwähnung, wenn diese Informationen für den Kontext relevant sind.
2Als österreichischer Herzog war er Albrecht V., als römisch-deutscher König Albrecht II.
Der Bericht der Helene Kottannerin
Übertragung in modernes Deutsch von
Julia Burkhardt und Christina Lutter1
Der Beginn einer langen Reise
Im Jahr 1439 nach Christi Geburt zwischen Ostern (5. April 1439) und Pfingsten (24. Mai 1439), als der edle Fürst Albrecht zum Heiligen Römischen König erwählt worden war und er und die Königin schon die Krone von Ungarn empfangen hatten, kam Seine Gnaden für kurze Zeit nach Pressburg.2 Die edle Königin, die Herrin Elisabeth, kam zu ihrem Gemahl von Ofen nach Pressburg, und auch Fürst Albrecht verließ Österreich und kam mit seinem Hof nach Pressburg. Und danach schickte Seine Gnaden nach Wien, dass man ihm seine jüngste Tochter, die Herrin Elisabeth, mit ihrem Hofgesinde nach Pressburg bringe, was auch so geschah. Da war auch ich, Helene3 Kottannerin, dabei, und auch ich wurde mitgeschickt zum Hof König Albrechts und seiner Gemahlin, der edlen und allergnädigsten Herrin. Nicht lange danach brachen wir mitsamt der Königin und der jungen edlen Fürstin auf und fuhren hinunter nach Ofen.
Wir waren nicht lange in Ofen, als sich ein Aufstand4 gegen die Deutschen erhob. Damals starb der Bischof von Gran, der Georg von Pálóci hieß. Zu dieser Zeit war die Heilige Krone in Gran, und König Albrecht kam zu den Herren von Pálóci, den Brüdern des Bischofs von Gran, die damals die Herrschaft über Gran innehatten. Dort fand König Albrecht die Heilige Krone und auch die Paramente5 vor. Da berieten sich die Herren von Pálóci untereinander, und eine ehrenwerte Botschaft wurde zum Domkapitel in das Schloss nach Gran gesandt, wo weiter beratschlagt wurde. Heraus kam, dass sie König Albrecht die Heilige Krone nicht vorenthielten, aber dass sie gegen den König waren. Nun beachtet, dass zu derselben Zeit, die nun vergangen ist, Königin Elisabeth schwanger geworden war und König Albrecht später einen edlen Nachkommen gebar, der Ladislaus genannt wurde. Als die Verhandlungen wegen der Heiligen Krone nun zu Ende gegangen waren, schickte der edle König Albrecht seine jüngste Tochter, die edle Fürstin, Jungfrau Elisabeth, auf das Schloss zu Plintenburg6 und ich, Helene Kottannerin, fuhr auch mit.
Noch am selben Tag machte sich der edle König Albrecht mit seiner Gemahlin, der edlen Königin, auf nach Gran zu der Heiligen Krone und diese wurde ihm überantwortet. Dann beabsichtigte Seine Gnaden, zu seinem Heer bei Szegedin zu reisen. Als Seine Gnaden nun bereit war, begab er sich zuerst auf die Plintenburg mit seiner Gemahlin, der edlen Königin, und brachte die Heilige Krone zu seiner jüngsten Tochter, der Fürstin. Und es kamen auch zahlreiche ungarische Herren mit, und sie trugen die Heilige Krone in ein Gewölbe, das fünf Seiten hatte, und ich, Helene Kottannerin, war auch dabei und trug die junge Fürstin auf meinem Arm und sah gut, wie und wo man die Heilige Krone hintat. Dann wurde das Gewölbe verschlossen, und die Tür zum Gewölbe wurde mit vielen Siegeln sorgfältig versiegelt. Die Herrschaft über die Plintenburg hatten zu dieser Zeit Graf Nikolaus von St. Georgen und Bösing und Graf Georg, sein Sohn, inne.
Abb. 2: Luftaufnahme der Plintenburg, 2016
König Albrecht stirbt an der Ruhr
Dann zog der edle König Albrecht mit seiner Gemahlin, der edlen Königin, ins Feld und in das Sumpfgebiet bei Szegedin. Und wie es dann weiterging, das weiß man wohl: Nicht lange danach wurde der edle König krank; er litt an einer Krankheit, die man die Ruhr nennt. Da ließ ihn der Truchsess krank auf die Plintenburg bringen, und man bereitete ihm ein Lager im Schloss. Da kamen die Ärzte aus Wien zu ihm. Und als sich Seine Gnaden ein wenig erholt hatte, schickte ihm seine junge Tochter, die Fürstin, ein Hemdchen, das sie selbst am Leib getragen hatte. Da schickte Seine Gnaden das Hemdchen wieder durch einen Getreuen, den Weichemann, genannt der Vinsterel,7 hinauf zur Burg; der hatte eine Spange an einen Beutel genäht, der hatte auf beiden Seiten Bilder und zauberkräftige Erbsenschoten8. Danach reiste die edle Königin zu den Gütern des Ban Ladislaus (von Gara)9 jenseits von Ofen und war sehr bekümmert, denn der edle König Albrecht hätte sie gern bei sich gehabt. Und er schickte ihr viele Botschaften – besonders als die Königin nicht zu ihm zu kommen vermochte –, dass sie doch noch einmal käme, bevor er abreiste. Danach verlangte es sie beide.
Dann brach Seine Gnaden als Kranker von der Plintenburg auf. Da wollte er auch noch seine junge Tochter, Jungfrau Elisabeth, sehen und reiste zu ihr nach Gran. In Langendorf (ungar. Neszmély) wurde seine Krankheit noch schlimmer. Und so starb der edle König und Fürst Albrecht am Abend des Tages der Hl. Apostel Simon und Judas (27. Oktober 1439).
Sorge um die Heilige Krone
Am letzten Vormittag kam ein ungarischer Herr auf die Plintenburg zu der jungen Fürstin, wo er gleich mit der edlen Königin sprechen wollte, ihrer Mutter. Er wollte nicht weggehen, und es wurde ihm geantwortet, wie es sich ziemte. Er sprach später mit unserer gnädigen Frau und erzählte ihr, wie der edle König Albrecht die Heilige Krone aus der Plintenburg gebracht hatte. Da erschrak Ihre Gnaden sogleich und schrieb an Graf Nikolaus von (St. Georgen und) Bösing und Graf Georg, seinen Sohn, ob dem so wäre oder nicht, das sollte man sie wissen lassen. Da kamen die beiden erwähnten Grafen zu mir und nahmen mich beiseite, und wir gingen miteinander zu der Tür, durch die man zu der Heiligen Krone ging. Da waren die Siegel alle unversehrt, und das schrieben sie der Königin so zurück. Da wollte Ihre Gnaden sich selbst davon überzeugen und kam auf die Plintenburg, und viele ungarische Herren kamen mit ihr, und sie gingen in das Gewölbe und trugen die Truhe mit der Heiligen Krone herauf und nahmen die Heilige Krone mitsamt Futteral heraus, auf dem viele Siegel angebracht waren. Die brachen sie und nahmen die Heilige Krone heraus und sahen sie genau an. Da war ich dabei. Danach nahmen sie die Heilige Krone und legten sie in eine kleine Kiste. Darin lag auch die andere Krone, mit der man die edle Königin in Ungarn gekrönt hatte. Und so lagen die zwei Kronen beisammen in einer Kiste, und nahe bei dieser Kiste stand ein Bett, darauf legte sich die edle Königin mit ihrer schweren Bürde; bei ihr lagen zwei Jungfrauen in demselben Zimmer, die eine hieß Barbara, die war die Tochter eines ungarischen Herrn, die andere hieß die Fronacherin.10Auch ein Nachtlicht, eine Wachskerze, stand bei ihnen, wie es Gewohnheit bei den Fürstinnen ist.
Abb. 3: König Albrecht II., Porträtgemälde aus dem 16. Jahrhundert, Kunsthistorisches Museum Wien
Nun war die Jungfrau in der Nacht aufgestanden und hatte übersehen, dass das Licht umgefallen war, und es begann im Zimmer zu brennen; und die Kiste, in der die zwei Kronen lagen, fing Feuer und wurde angesengt, und oben auf der Kiste lag ein blauer samtener Polster, da brannte ein Loch hinein, größer als ein Span. Und beachtet das Wunder: Der König, der die Heilige Krone tragen sollte, war noch eingeschlossen im Mutterleib, und die beiden waren kaum zwei Klafter voneinander entfernt – die hätte der böse Feind11 mit der Feuersbrunst gern verletzt. Aber Gott war ihr Beschützer, der hat sie rechtzeitig aufgeweckt, und ich lag draußen bei der jungen Königin. Da kamen die beiden Jungfrauen, ich solle sofort aufstehen, es brenne in dem Zimmer, in dem meine gnädige Frau lag. Ich erschrak sehr, stand sofort auf und eilte ins Zimmer, in dem alles voller Rauch war, und ich dämpfte und löschte das Feuer und ließ den Rauch hinausziehen und machte das Zimmer wieder wohlriechend, sodass die edle Königin die Nacht darin schlief.
Am Morgen kamen die ungarischen Herren zu meiner gnädigen Frau, die ihnen erzählte, wie es ihr in der Nacht ergangen war und wie es so nahe bei ihr und der Heiligen Krone gebrannt hatte und auch bei der anderen Krone. Das erstaunte die Herren, und sie rieten, man solle die Heilige Krone wieder in die Truhe legen und man solle sie auch wieder in das Gewölbe bringen, in dem sie vorher gewesen war. So geschah es noch am selben Tag. Erneut wurde die Tür versiegelt wie zuvor, aber mit weniger Siegeln als vorher. Als dies nun geschehen war, schickte meine Herrin zum Grafen Georg von Bösing und forderte die Schlüssel zur Plintenburg, so wie es die ungarischen Herren haben wollten, damit sie das Schloss an ihren Vetter, den Ban Herrn Ladislaus von Gara, geben konnte. So geschah es.
Herr Ladislaus von Gara, der Ban, übernahm das Schloss und besetzte es mit einem Burggrafen. Als nun die edle Königin mit ihrem Vetter Ladislaus und den anderen ungarischen Herren wieder nach Ofen reisen wollte, nahm Ihre Gnaden mich vertraulich beiseite und sprach: »Liebe und treue Kottannerin, ich vertraue Euch meine Tochter an und auch die Kammer, lasst niemanden hineingehen außer meiner Tochter und Euch selbst.« Und sie vertraute mir auch ihre Krone und ihre Halskette und andere Kleinodien an, die bewahrte ich alle in der Kammer, durch die man zur Heiligen Krone gelangte. Und als wir so miteinander sprachen, kam Herr Ladislaus mit seinem Burggrafen und sprach: »Gnädige Herrin, ihr sollt Eurer Kammerfrau befehlen, niemanden in die Kammer hineinzulassen außer meinem Burggrafen.« Darauf gab Ihre Gnaden eine freundliche Antwort und sprach zu mir: »Liebe Helene Kottannerin, wenn mein Vetter, Herr Ladislaus, und sein Burggraf hineinwollen, so lasst sie ein.« Da ging der Burggraf zu der Tür, an der die Siegel befestigt waren, nahm ein Tuch, legte es über die Siegel, band es zu und legte sein Siegel darauf.
Ein umstrittenes Eheprojekt
Als all das geschehen war, brach die edle Witwe, meine gnädige Herrin, zusammen mit ihrem Vetter, Herrn Ladislaus, und den anderen ungarischen Herren nach Ofen auf, beladen mit einer schweren Bürde und umgeben von vielen Sorgen. Denn die ungarischen Herren wollten, dass sie sich einen Ehemann nehmen solle, und trugen Ihrer Gnaden etliche (Kandidaten) an. Einer davon war der König von Polen, genannt Herr Wladislaus, ein anderer war der Sohn des Despoten Serbiens. Darüber war die edle Königin sehr betrübt, und unter anderen höflichen Antworten gab sie folgende: »Liebe Herren, gebt mir keinen Heiden12, gebt mir lieber einen christlichen Bauern.« Ihr Vetter Ladislaus wollte, dass sie den (König) von Polen nähme, und auch die ungarischen Fürsten bestanden darauf, dass sie das tun solle. Aber sie wollte nicht und gab zur Antwort, sie wolle warten, was ihr Gott gäbe, danach wolle sie sich richten. Denn alle ihre Ärzte hatten ihr gesagt, dass sie einen Sohn in sich trage, und darauf baue ihre Hoffnung. Aber sie konnte die Wahrheit nicht wissen und sich auch nicht danach richten. Deshalb brach Ihre Gnaden von Ofen auf und begab sich zur Plintenburg unten in den Hof.13
Da kam Graf Ulrich von Cilli zu ihr; als das die ungarischen Herren bemerkten, kamen sie auch gleich zu Ihrer Gnaden und bedrängten sie wieder wegen des Polen. Daher wurde ihr geraten, den (König) von Polen zu nehmen und unterdessen zu überlegen, was das Beste für sie wäre, dann würde man doch noch einen Weg finden, wie sie davonkäme; und so tat es Ihre Gnaden und willigte ein, den König von Polen zu nehmen. Aber sie benannte auch drei Dinge, die wohlbekannt sind,14 und wenn sie diese einhalten würden, so wollte sie den (König) von Polen nehmen. Jedoch wusste sie wohl, dass niemand die drei Bedingungen erfüllte, weder der (König) von Polen noch die ungarischen Herren, und wollte so dem Versprechen entgehen, das sie gegeben hatte, den (König) von Polen zu nehmen. Das durchschauten die Herren jedoch nicht und waren froh, dass Ihre Gnaden eingewilligt hatte, den (König) von Polen zu nehmen. Als das die weise und edle Königin erkannte, da richtete sie ihr Denken und Trachten darauf, wie sie die Heilige Krone von den ungarischen Herren in ihre Gewalt bringen könnte. Das tat sie in der Annahme, dass, so sie einen Sohn gebären würde, dieser nicht aus dem Reich vertrieben würde; trüge sie aber eine Tochter, so könnte sie dennoch besser mit den ungarischen Herren verhandeln. Und sie bat mich schnell, ob ich die Heilige Krone herausbringen könnte. Das war aber zu dieser Zeit nicht möglich. Es war aber eine glückliche Verhinderung, dass die rechte Zeit noch nicht gekommen war, zu der Gott der Allmächtige sein wunderbares Werk vollbringen würde, wie ihr es noch hören werdet.
Die ungarischen Herren hätten es gern gesehen, wenn die edle Königin auf der Plintenburg im Kindbett gelegen wäre. Das war Ihrer Gnaden aber nicht recht, und sie tat nichts dergleichen und kam nicht auf die Burg. Das bewirkte ihre verborgene Klugheit; denn sie hatte Sorge, dass sie, wäre sie auf die Burg gekommen, dort mitsamt dem Kind gewaltsam festgehalten worden wäre. Das andere, das (die Herren) noch weniger bemerken sollten, war, dass sie nach der Heiligen Krone strebte. Da nahm die edle Königin ihre jüngste Tochter, die Herrin Elisabeth, von der Burg zu sich hinunter an den Hof, und mit ihr mich und zwei Jungfrauen, die anderen aber ließ sie oben, eine Herzogin aus Schlesien und andere edle Jungfrauen. Das wunderte jedermann, warum Ihre Gnaden die Jungfrauen und das andere Hofgesinde, das meiner jungen Herrin zugedacht war, da oben ließ. Warum das so war, das wusste niemand außer Gott, Ihre Gnaden und mir. Und ich hatte die Schlüssel zu dem Gemach, in dem sich ihre Krone, ihre Halskette und andere Kleinodien befanden.
Nun wollte Ihre Gnaden heimlich aufs Land reisen und bat mich, ich solle auf die Burg gehen und versuchen, ob ich ihre Krone und ihre übrigen Kleinodien heimlich hinab zu ihr an den Hof bringen könne. Und das tat ich und kam auf die Burg, und in meinem Gewand brachte ich von dort in großer Heimlichkeit meiner gnädigen Herrin die Krone und all ihren Schmuck auf einem Schlitten. Und als ich in den Hof fuhr, da ritten die ungarischen Herren mir entgegen, und Herr Ladislaus fragte mich: »Helene Kottannerin, was bringt Ihr da mit?« – »Ich bringe mein Gewand mit.« Und meine gnädige Herrin war froh, dass ich ihr den Schmuck gebracht hatte: Ich müsse heute die Krone in der Kammer behalten, in der meine junge Herrin und ich schliefen, da es sehr wenige Gemächer gab, die man versperren konnte. Und ich verwahrte sie mit großen Sorgen unter dem Bett, da wir keine Truhe hier hatten. Denn hätten die Herren das Futteral mit der Krone gesehen, hätten sie gedacht, es wäre die Heilige Krone, und es wären viel Mühe und Widrigkeiten daraus entstanden und sie hätten auch erkannt, dass Ihre Gnaden sich mit dem Gedanken trug, aufs Land zu reisen. Als nun die edle Königin den ungarischen Herren eine Antwort wegen des Königs von Polen gegeben hatte, wie ihr vorher gehört habt, und auch die Briefe und die ungarischen Herren, die als Gesandte zu dem (König) von Polen reiten sollten, abgefertigt waren – der Bischof von Erlau, Ban Matko (Tallóci) und Emmerich »Vajdafi«15 und andere Herren –, da reisten die ungarischen Herren von der Plintenburg wieder nach Ofen. Auch die edle Königin verließ die Burg und machte sich mit ihrer jungen Tochter, Herrin Elisabeth, auf nach Komorn.
Der Plan für den »Kronenraub«
Da kam Graf Ulrich von Cilli auch zu Ihrer Gnaden als ein treuer Freund16 und sie berieten sich, wie man einen Weg finden könnte, die Heilige Krone aus der Plintenburg herauszuschaffen. Da trat meine gnädige Herrin an mich heran, dass ich das tun solle, da es niemanden gäbe, der die Gegebenheiten besser kannte als ich und dem sie noch dazu vertrauen würde. Da erschrak ich sehr, denn es war für mich und meine kleinen Kinder ein schweres Wagnis. Ich überlegte hin und her, was ich denn tun solle, und wusste auch niemanden um Rat zu fragen außer Gott allein und dachte, wenn ich es nicht täte, käme vielleicht Schlimmes dabei heraus, und das wäre meine Schuld gegenüber Gott und der Welt. Und ich willigte ein in die gefährliche Reise und das Wagnis meines Lebens und bat um einen Gehilfen. Da wurde die Entscheidung mir zugeschoben, wer mir geeignet dafür schien, und so schlug ich einen vor, von dem mir schien, er wäre meiner Herrin ganz treu ergeben, und er war ein Kroate. Und er wurde zu einer geheimen Beratung geholt, wo ihm die Sache vorgetragen wurde, die man von ihm forderte. Da erschrak der Mann so sehr, dass er die Farbe wechselte, als ob er halb tot wäre, und er willigte auch nicht ein, sondern ging hinaus in den Stall zu seinen Pferden. Ich weiß nicht, ob es Gottes Wille war oder er sich sonst irgendwie dumm anstellte, aber an den Hof kam das Gerücht, dass er schwer vom Pferd gestürzt sei. Und als sich sein Zustand besserte, machte er sich auf und ritt fort nach Kroatien. Die Angelegenheit musste länger verschoben werden, und meine Herrin war traurig, dass der Feigling nun um die Sache wusste. Und auch ich war in großer Sorge, aber es war freilich Gottes Wille. Denn wäre der Plan zu dieser Zeit ausgeführt worden, so wäre meine gnädige Herrin mit großem Bauch und mit der Heiligen Krone nach Pressburg gezogen. Dann wäre das edle Kind, das sie noch trug, an der Krönung gehindert worden, denn sie hätte vielleicht in Zukunft keine solche Hilfe und Macht zur Verfügung gehabt, wie zu dieser Zeit, als es sich dann gut fügte.
Als nun die rechte Zeit kam, da Gott der Allmächtige seine Wunder wirken wollte, da sandte uns Gott einen Mann, der einwilligte, die Heilige Krone (aus der Burg) herauszuschaffen; er war ein Ungar, wurde der …17 genannt und ging treu, weise und männlich an die Sache heran. Und wir stellten zusammen, was wir für den Plan benötigten. Wir nahmen etliche Schlösser und zwei Feilen. Er, der mit mir sein Leben wagen wollte, legte einen schwarzen, samtenen Bettrock an und zwei Filzschuhe, und in jeden Schuh steckte er eine Feile, und die Schlösser nahm er unter den Rock. Und ich nahm das kleine Siegel meiner gnädigen Herrin, und außerdem hatte ich die Schlüssel zur vorderen Tür, derer waren drei, da bei der Angel auch eine Kette sowie ein Türriegel war. Daran hatten wir auch ein Schloss angebracht, bevor wir in die Nähe kamen18, aus dem Grund, damit niemand anderes ein Schloss daran hängen konnte. Und als wir nun bereit waren, da sandte meine Herrin einen Boten voraus auf die Plintenburg und ließ den Burggrafen und Herrn Franz von Pöker und Ladislaus »Vajdafi«19, die derweil die Aufsicht über die Jungfrauen hatten, wissen, dass sie sich danach richten sollten, wann der Wagen käme, damit sie bereit wären, nach Komorn zu Ihrer Gnaden zu fahren, da sie plante, nach Pressburg zu ziehen; das hatte man all ihrem Hofgesinde angekündigt.
Als nun der Wagen bereit war, den man nach den Jungfrauen schicken sollte, und der Schlitten, auf dem ich und der, der meine Sorgen teilte, fahren sollten, wies man uns zwei ungarische Herren zu, die mit mir zu den Jungfrauen reiten sollten. Wir fuhren nun dahin. Da kamen dem Burggrafen Gerüchte zu Ohren, dass ich zu den Hofdamen wollte. Das wunderte ihn und das andere Hofgesinde meiner Herrin sehr, dass man mich so weit von meiner jungen Herrin wegschickte, obwohl sie noch klein war und mich nicht gern wegließ, wie alle wohl wussten.
Nun war der Burggraf ein wenig erkrankt und hatte geplant, sich vor die Tür hinzulegen, wo der erste Eingang zur Heiligen Krone war. Da wurde seine Krankheit schlimmer, weil es Gott so haben wollte, und er wagte es nicht, Knechte dorthin zu legen, und zwar deshalb, weil der Ort im Frauenzimmer lag. Und er legte ein Leinentuch um das Schloss, das wir an der Angel angeschlagen hatten, und tat ein Siegel darauf.
Der Plan wird umgesetzt
Als wir nun auf die Plintenburg kamen, waren die Jungfrauen froh, dass sie zu meiner gnädigen Herrin fahren sollten, und machten sich bereit und ließen eine Truhe für ihr Gewand anfertigen. Damit musste man lange herumhantieren und klopfen bis zur achten Stunde20. Und der mit mir war, der kam auch in das Frauenzimmer und vertrieb sich die Zeit mit Späßen mit den Jungfrauen. Nun lag ein wenig Holz vor dem Ofen, mit dem man ihn heizen sollte. Darunter verbarg er die Feile. Das hatten die Knechte, welche die Jungfrauen bedienten, unter dem Holz gesehen, und sie raunten nun miteinander. Das hörte ich und sagte es ihm sogleich. Da erschrak er so sehr, dass er die (Gesichts-)Farbe wechselte, nahm (die Feile) wieder an sich und verbarg sie woanders. Und er sprach zu mir: »Frau, seht zu, dass wir Licht haben«. Und ich bat eine alte Frau, dass sie mir etliche Kerzen gäbe, denn ich hätte viel zu beten, da es ein Samstagabend war, und zwar der nächste Samstag nach Allermannsfasching21 (20. Februar 1440).
Und ich nahm die Kerzen und verbarg sie am Weg. Und als nun die Jungfrauen und jedermann schliefen, da blieb ich in der kleinen Stube und mit mir eine alte Frau, die ich mitgenommen hatte. Sie konnte kein Wort Deutsch und wusste auch nichts über das Vorhaben, hatte keine Ahnung von der Burg und lag da und schlief fest. Weil es nun Zeit war, kam der, der mit mir in dieser Notlage war, durch die Kapelle an die Tür und klopfte an. Da machte ich ihm auf und schloss nach ihm wieder zu. Nun hatte er einen Knecht mit sich genommen, der ihm helfen sollte, der wurde mit dem Taufnamen genau wie er genannt, der …22, und hatte ihm (einen Eid) geschworen.
Abb. 4: Kachelofen mit dem Wappen von Matthias Corvinus. Königlicher Palast von Visegrád, 1480er-Jahre (Rekonstruktion). Diese Abbildung zeigt einen geschlossenen Kamin aus Ungarn im 15. Jahrhundert. Der von Helene beschriebene Kamin hingegen ist offen, allerdings nicht bildlich überliefert.
Ich ging hin und wollte ihm die Kerzen bringen, da waren sie verschwunden. Nun erschrak ich so sehr, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte. Und die Sache wäre fast nur am Licht gescheitert. Da besann ich mich und ging und weckte die Frau heimlich auf, die mir die Kerzen gegeben hatte, und sagte ihr, die Kerzen wären verloren und ich hätte noch viel zu beten. Da gab sie mir andere, und ich war froh und gab ihm diese und auch die Schlösser, die man wieder anbringen sollte, sowie das kleine Siegel meiner gnädigen Herrin, mit dem man (die Tür) erneut versiegeln sollte, und schließlich auch die drei Schlüssel, die zu der vorderen Tür gehörten. Da nahm er das Tuch mit dem Siegel von dem Schloss ab, das der Burggraf daraufgelegt hatte, und sperrte auf und ging hinein mit seinem Diener und mühte sich sehr mit den anderen Schlössern, sodass das Schlagen und Feilen überlaut war; und obwohl die Wächter und die Leute des Burggrafen in dieser Nacht aus der Sorge, die sie hatten, sehr munter waren, hatte Gott der Allmächtige ihrer aller Ohren verstopft, sodass keiner von ihnen etwas hörte. Aber ich hörte alles gut und war derweil auf der Hut mit großen Ängsten und Sorgen; und ich kniete nieder mit großer Andacht und betete zu Gott und zu unserer Lieben Frau, dass sie mir und meinen Helfern beistünden. Doch hatte ich größere Sorge um meine Seele als um mein Leben.
