Ich lebe und Ihr sollt auch leben - Ursula Ruppel - E-Book

Ich lebe und Ihr sollt auch leben E-Book

Ursula Ruppel

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Beschreibung

Ediths ganze Sehnsucht erfüllt sich in der Liebe zu ihrer kleinen Tochter Anna. Sie hat das bäuerliche Leben hinter sich gelassen, ihre Familie, den Wald und die Armut eingetauscht gegen eine Stellung in der Stadt, gegen die Selbständigkeit und die Hoffnung auf ein Fortkommen. Wir sind in den dreißiger Jahren, Hitler kommt gerade in dem Jahr an die Macht, als Edith sich in Johann verliebt. Jetzt nimmt das Leben eine Form an, die für immer Bestand haben soll. Ihr Dorf scheint nun in weiter Ferne zu liegen, aber letztlich liegen auch die Politik und das Weltgeschehen außerhalb von Ediths Blickfeld. Ihre Hauptperson heißt Anna und die Geschicke der Familie soll schließlich Johann lenken, nicht Adolf Hitler. Allmählich stellt sich aber heraus, dass Hitler mehr Einfluss auf Ediths Leben nehmen wird als Johann. Ich lebe und Ihr sollt auch leben ist der intime Roman einer Frau, die drei einschneidende Abschnitte des 20. Jahrhunderts durchlebt: Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegszeit. Aus persönlichen Notizen, Fotoalben und Briefen hat die Autorin Ediths Leben herausgelesen und nachempfunden. Diese Recherchen brachten aber nicht nur das private Schicksal Ediths zum Vorschein, persönliche Tragödien und enttäuschte Hoffnungen eingeschlossen. Denn auch in den persönlichsten Aufzeichnungen scheinen zeitgeschichtliche Aspekte auf. Auf welcher Fotografie ist eine Hakenkreuzfahne zu sehen? Wer unterschreibt seine Postkarten mit Heil Hitler und wer bleibt bei den herzlichen Grüßen? Wie steht Edith zu all dem, zu den verschwundenen jüdischen Nachbarn und ihrer Freundin Jenny Adler? Wie sieht Edith ihre Gegenwart?

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Seitenzahl: 516

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Für meine Schwester

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

I

Die Stille ist anders als jede andere Stille und das Weiß anders als jedes andere Weiß. Edith gefällt es. Als sei eine Welle aus Schweigen durch sie hindurchgeflossen, um jedes Geräusch, jede Bewegung und jedes Gefühl fortzuspülen. Das Weiß kommt nicht aus einer Quelle von Licht, sondern dehnt sich in einem atemberaubenden Gleichmaß von Horizont zu Horizont. In einer ungenauen Ferne stapfen ein paar Gestalten vorbei. Edith sieht auf Scheitel und Hüte, ganz so als schwebte sie über ihnen. Ihre Jüngste läuft da unten, nicht mehr so lebhaft wie früher, setzt Klara zögernd einen Schritt vor den anderen. Und der Scheitel dort, zwischen dem dichten, aber doch grauen Haar, das wird Johann sein, der ein wenig vorausgeht. Dann fällt Schnee. Er fällt durch Edith hindurch auf die Gruppe unter ihr, die langsam verschwindet.

Johann wendet sich ab, dreht den Körper so rasch fort, dass seine Töchter nicht imstande sind etwas zu sagen oder ihn am Ärmel seines Mantels festzuhalten. Während sie vortreten, um eine Handvoll lehmiger Erde auf Ediths Sarg zu streuen, weicht Johann aus.

Er setzt den Hut auf, prüft mit einem raschen Griff seinen Sitz und macht sich davon, vorbei an den Trauergästen, die ihm ausweichen und Platz machen. Das schmiedeeiserne Tor fällt mit dem gleichen hohlen Scheppern ins Schloss wie in seiner Kindheit. Peng. Sie hatten es noch einmal geöffnet und wieder ins Schloss fallen lassen, Peng, ihm noch ein wenig Schwung mit auf den Weg gegeben. Peng. Peng. Bis eine der Frauen, die mit ihren Gießkannen und Setzlingen unterwegs waren, auf sie aufmerksam wurde oder gar die Mutter selbst. Was macht ihr denn da? Gar nichts. Paul hatte suchend hinauf in die Baumwipfel gesehen, als sei von dort gleich wieder ein Peng zu erwarten.

Johann verlangsamt seinen Schritt und hebt den Kopf, da keine Gefahr mehr besteht, den Blicken der anderen zu begegnen, die sich zu einer undeutlichen Reihe zusammendrängeln, um Lisbeth und Klara die Hand zu reichen: Mein Beileid. Der Weg steigt an zum Pfarrgarten hin, der in seinen blassen Novemberfarben daliegt, faulige Dahlien und Astern hängen über ihr welkes Laub herab. Johann zögert einen Augenblick, er wendet sich um, und einen Lidschlag lang sieht er Edith wieder dort stehen.

Damals im Sommer.

An der hinteren Mauer des Pfarrgartens steht sie und bindet Dahlien an dünnen Bambusstöcken fest. Die Blüten sind von einem kraftvollen dunklen Rot, dazu das Blau ihrer Schürze, das satte Grün des spätsommerlichen Gartens und Ediths glänzender Zopf natürlich, der ihr über den Rücken hängt, bis sie sich umdreht und Johann das helle Rund ihres Gesichts zeigt. Ein vergleichbares Rund hat Johann noch nicht gesehen. Die Stirn rund, die Wangen rund, jede auf ihre Weise. Der Mund.

Er kommt, um die Pfarrküche auszumessen.

Johann schwankt, ob er der jungen Frau die Hand reichen soll. Seine Rechte hebt sich, verharrt einen Augenblick lang im Ungewissen, um dann bis zu seinem Kopf aufzusteigen, wo die Finger prüfen, ob der Bleistift noch hinter dem Ohr steckt, wie üblich. Ja, der Bleistift steckt noch dort.

Edith lässt die Dahlien los, die augenblicklich von ihrem Stöckchen fortstreben und sich zur Erde neigen. Sie wischt sich die Handfläche an der Schürze ab und geht Johann voran durch den hinteren Eingang des Pfarrhauses. Er folgt dem schönen Zopf und dem blauen Schürzenbändel, der aus einer Schleife in der Taille fast bis zum Saum ihres Kleides flattert. Auch ihr Gang ist rund.

Bitte sehr. Sie öffnet die Küchentür und Johann holt sein Maß aus dem Rock und zückt den Bleistift. Länge soundsoviel, Breite soundsoviel und dann die Höhe. Abzüglich des gekachelten Sockels, abzüglich natürlich der Fenster und Türen, abzüglich der Holzverkleidung hinter der Eckbank.

Edith lehnt am Küchenschrank und schaut dem jungen Mann zu, der auf dem Boden kniet, sein Maß hin und her schiebt und sich Zahlen notiert. Sie fließen in exakten Reihen aus der Bleistiftspitze auf die karierten Seiten seines Notizblocks und geben Johann schließlich so viel Sicherheit, dass er mit einem eleganten Satz in den Stand kommt und sich mit einem kräftigen Handschlag verabschiedet.

Also dann. Eine kleine Verbeugung, aber nicht zu tief.

Johann, auf dessen untrügliches Farbempfinden sich Edith in allen Fragen der Einrichtung und der Kleiderstoffe wird verlassen können, kommt später immer wieder auf diese Dahlien zu sprechen, die den Augenblick ihrer ersten Begegnung beleuchtet hatten. Edith, weniger romantisch, fragt dann, und wenn es Bohnen gewesen wären, die sie aufgebunden hätte?

Wäre dann nichts aus ihnen geworden?

Für einen kurzen Moment wird es Frühling vor Johanns Augen, das Grün wäre lichter alles in allem, heller, mehr Gelb wäre darin. Er fügt Ediths verblichenes Leinen hinzu, die mageren Pflänzchen, die sich an das graue Holz der Bohnenstange lehnen und kehrt kopfschüttelnd zu den Dahlien zurück.

Es war aber nicht im Mai. Es war im August, und er war mit einem Schwung nach Hause gekommen, der noch für eine Neuerung reichte.

Johann hatte das Heft aus dem Regal gezogen, schon vor Wochen gekauft, 180 nummerierte Seiten, überzogen mit einem Netz feiner Linien. Maße malt er auf das Namensschild und auf die erste Seite Pfarrhaus. Er zieht einen Strich, der andeuten soll, dass es sich um eine Überschrift handelt und notiert: 1. Küche. Er trägt seine Zahlen ein und führt das ganze abends beim Nachtmahl vor.

Georg nimmt das Heft in die Hand und schlägt es auf. Die Maße der Pfarrküche hätte er auswendig aufsagen können wie übrigens auch die Maße der guten Stube, die im Pfarrhaus Wohnzimmer heißt, die der Studierstube usw. Abgesehen vom Pfarrhaus sind auch die Maße der meisten anderen Häuser des Orts in seinem Gedächtnis gespeichert, und wenn es heißt, da und da machen wir die Stube oder Küche oder wir streichen das Treppenhaus, sieht Georg den Raum vor sich und muss nicht erst hinlaufen wie seine Söhne. Aber hier und dort werden neue Häuser gebaut, ganze Straßenzüge, wo vorher Obstwiesen waren, neue Kunden, neue Zimmer, neue Höhen und neue Breiten. Georg schlägt das Heft zu und schiebt es über den Tisch, damit auch Louise sich die leeren Seiten durch die Finger gleiten lassen kann.

Paul steht auf, um in die Singstunde zu gehen, für Neuerungen ist er nicht zuständig. Niemand weiß mehr genau, seit wann das Johanns Sache ist, mindestens aber seit seine gestochen scharfen Buchstaben Louises wacklige Sütterlinschrift im Rechnungsbuch abgelöst haben. Johann führt dicke Rechnungsblöcke ein und lässt Stempel schneiden: Maler und Weißbinder Georg Ritter.

Das ist doch viel zu lang! Für so ein kleines Rechteck!

Georg will aber nicht auf den Maler verzichten und Johann nicht auf eine gebundene Schrift. An Louises Tischseite heißt es, der Bub soll entscheiden, aber wenn sie jetzt den Stempel ins nass glänzende Kissen drückt und dann auf den Rechnungsblock, hat der Maler sich wieder an die erste Stelle gedrängelt und der Schriftzug wölbt sich, um Platz für die vielen Buchstaben zu schaffen. So folgt eine Neuerung auf die andere, Louise kommt gar nicht mehr mit. Dass sie in ein und dasselbe Buch schreibt, ob sie rasch in die Werkstatt läuft, um einen Liter Terpentin in eine Bierflasche zu zapfen oder hinter sich in ihr Ladenregal greift, um ein Päckchen Puddingpulver herauszuziehen, geht nun auch nicht mehr. Die Geschäfte müssen getrennt sein, die gelegentlichen Verkäufe aus der Werkstatt heraus einerseits und auf der anderen Seite die Colonialwaren, für die auch der schöne Stempel nicht herhalten darf. Jedenfalls sieht Johann es so, und deshalb wird es eins nach dem anderen auch durchgeführt.

Als die Pfarrküche gestrichen ist, schlägt Johann vor, einen Spaziergang zu machen und sie laufen am Friedhof vorbei, den Weinberg hinunter durch das kleine Auwäldchen, das nur aus ein paar Buchen besteht, bis ins offene Feld.

Bei Edith daheim sind die Wälder dunkel, dichtes Nadelholz, und wenn man heraustritt ins Licht, liegt das Dorf dort in einer Senke, ein paar Dutzend Häuser, Bauerngärten, schmale Felder, die nicht viel hergeben. Gerade in diesen Tagen wird die letzte Frucht eingebracht, und Edith sitzt hier als hätte sie Ferien.

Johann gefällt, dass sie gerne zu Hause wäre, obwohl es seinen Interessen ja deutlich widerspricht. Er fragt jetzt nach allem, nach den Eltern, den Geschwistern, nach der Art ihrer Milchkühe und wer zu Hause die Butter schlägt.

Wem sie ähnlich ist, dem Vater oder der Mutter.

Sie ist also die Älteste und nach ihr kommen noch zwei, ein Bub und ein Mädchen. Er ist gleichfalls der Ältere, zwar nur um die knappe Zeitspanne von einer Stunde älter als sein Bruder Paul, dennoch lässt sich da eine Gemeinsamkeit ausmachen, die Johann gefällt. Johann gefällt, dass Edith eine Bauerntochter ist, obwohl sie ja eigentlich Fuhrleute sind. Er sagt sich das Wort ein paar Mal vor und sieht zwei kräftige, gelbe Gäule vor sich wie auf den Bildern von Lechner, die lange, frisch geschlagene Stämme aus dem Wald ziehen.

Genau. Edith nickt und Johann gefällt, wie Edith genau sagt. Aber seit einiger Zeit haben sie den Opel Blitz, der auf einen Schlag so viel Holz zum Sägewerk schafft, wie der Vater mit dem Leiterwagen und den Gäulen an einem ganzen Tag nicht hat herbeibringen können. Johann gefällt, dass er sich so leicht eine Vorstellung von Ediths früherem Leben machen kann. Nichts daran kommt ihm fremd vor. Sie sitzen am staubigen Feldrain und schauen hinunter aufs Wasser, in dem zitternd der Himmel schwimmt.

Aber einen so schönen Fluss haben sie nicht bei ihr daheim!

Tatsächlich: nur einen seichten Bach hat Edith vorzuweisen, der das untere Dorf vom oberen trennt. Was heißt trennt, ein einziger großen Schritt und man hat ihn schon übersprungen. Mit der Böschung hier kann Johann also triumphieren, mit der sommerlichen Badestelle, den Bleichwiesen und den Trauerweiden, an deren Zweigen man sich festhält, um nicht mit der Strömung davon zu treiben.

Edith kann gar nicht schwimmen.

Das ist gar nicht so schwer.

Johann streckt sich aus, verschränkt die Arme unter dem Kopf und bestaunt Ediths Profil. Wo ist denn der schöne Zopf geblieben? Sie trägt das Haar hochgesteckt heute, auf eine geheimnisvolle Art eingeschlagen und mit unsichtbaren Nadeln so raffiniert drapiert, dass es wie ein dunkler Heiligenschein die blasse Stirn umrahmt.

Dass sie bloß ihr Haare nicht abschneidet!

Oh! Johann lächelt tapfer über sein Erschrecken hinweg. So gut kennt er Edith ja nun wirklich noch nicht, dass er ihr schon so strenge Vorschläge machen könnte. Aber Edith lächelt.

Nein, bestimmt nicht.

Johann atmet erleichtert aus. Da haben sie schon wieder eine Gemeinsamkeit, oder jedenfalls sind sie gleicher Meinung in dieser wichtigen Frage die weibliche Schönheit betreffend. Ein heiterer Anfang, alles in allem. Er steht auf und reicht Edith die Hand, damit sie sich daran hochziehen kann. So schlendern sie hinunter zu seinem Fluss, eigentlich ja ein Flüsschen, wie es da zwischen wiesengrünen Ufern an seinem Städtchen vorbeifließt, letzten Endes eher ein Dorf, ein Vorort der nahen Großstadt, um genau zu sein.

Darauf kommt es gar nicht an!

Sondern auf die Größenverhältnisse zum Beispiel, auf die Proportionen könnte man sagen, und die sind gelungen. Der Fluss fügt sich in seiner Breite und im Übrigen auch in seiner Geschwindigkeit und sogar im Abstand, den er einhält, ganz genau zu dieser Ansammlung von alten Handwerksbetrieben, Sommervillen und letzten Bauernhöfen, die sich den Hügel hinaufziehen. Sogar der Schornstein einer Fabrik schiebt sich harmonisch ins Bild und natürlich der Kirchturm. Alles so hintereinander aufgebaut und gestaffelt, dass es ein hübsches Motiv abgibt, nicht nur für die Sonntagsmaler. Sie laufen mit der Strömung bis zur Brücke und dann die Hauptstraße hinauf, die unweigerlich am Pfarrhaus vorbeiführt.

Möchte sie nicht zu seinem Konzert kommen am Sonntag, im großen Saal der Goldenen Gerste?

Da der Anfang freundlich war, heißt es zusehen, dass die Geschichte in Bewegung bleibt und nicht in Verlegenheiten erstickt. Es wird um die Wette gesungen, Johann mit dem Liederkranz gegen Paul mit seinem neuen Maienquartett.

Mal sehen. Wenn ihre Freundin Lina sie begleiten mag und Pfarrers keine Gäste zum Abendessen erwarten. Das Pfarrhaus ist noch nicht in Sicht, da hat Edith schon ja gesagt, also sie kommt.

Na, also! Da hat der Liederkranz seinen Sieg schon in der Tasche stecken!

Von klein auf hatte es geheißen, bei Johann kommen Augenmaß, Fingerspitzengefühl und Farbsicherheit gut zusammen.

Bei Paul ebenfalls!

Insbesondere Louise betont gerne, dass auch Paul sehr begabt sei und beiden liegt derart an Genauigkeit, dass sie sich manchmal kopfschüttelnd hatte abwenden müssen, wenn diese kleinen Buben anfingen, sich Millimeterpapier zu zeichnen.

Wie der Vater.

Dass man präzise ist, versteht sich von selbst, aber Louise ist auch Geschäftsfrau und bei Georg meint sie manchmal, er sei zum Vergnügen unterwegs. Er schneidet schon wieder Schablonen! Blütenblätter, mit dem Zirkel abgemessen!

Georg, was wird das denn? Obwohl sie es schon weiß.

Ein wunderschöner Fries wird sich auf Augenhöhe an der Badezimmerwand der Frau Dr. Becker entlang ziehen oder bei Fauldrahts oder wer weiß wo. Veilchen, die einander folgen oder Kornblumen, unterbrochen von kleinen Blätterranken. So exakt und regelmäßig in einem immer gleichen Abstand, dass niemand wird sagen können, da hat Herr Ritter angesetzt oder hier ist der Anfang gewesen. Es folgen Blütenstände, mit einem feinen Pinsel aufgetragen, hier und da ein blauer Schatten, damit die Rundung der Blüte auch wirkungsvoll hervortritt.

Aber wie soll Louise all die gelben Striche in Rechnung stellen, die winzigen Pünktchen des Blütenstaubs. Und dann zwei Buben, denen der Bleistift nicht spitz genug sein kann. Immer wieder wird das Messer Richtung Spitze gezogen. Johann holt feinstes Sandpapier aus der Werkstatt und schleift das Zeichenblei zu einer Nadel. Ein Strich über das Blatt und schon auf halber Strecke bricht die Spitze ab und die Prozedur beginnt von neuem.

Schluss jetzt mit dieser Verschwendung! Lauft hinüber zu Fauldrahts und schaut, wie weit euer Vater mit dem Badezimmer ist.

Johann gilt aber nicht nur als begabt, sondern erstens auch als anstellig und zweitens ist er geduldig. Paul, bei der Geburt erschreckend winzig, lässt schnell locker, wenn eine Sache nicht gleich gelingt, und wichtiger noch als das Handwerkszeug ist ihm sein Maienquartett und der Turnverein, die Radtour oder das Fußballturnier. Vielleicht grad weil er so zart war und schließlich auch eher klein bleibt, bedeutet ihm das Körperliche so viel. Meint Louise. Schneller zu rennen, weiter zu springen und ausdauernder zu radeln. Nach dem Krieg, als der Turnverein um Mitglieder wirbt, tritt Paul, obwohl grade erst zehn Jahre alt, als einer der ersten ein und bis zu zum nächsten Krieg oder jedenfalls beinahe bis zum nächsten, lässt er kein Turnfest aus. Während Johann, kaum ist die Schule zu Ende, die Turnhosen in die Ecke schmeißt.

Nie mehr!

Einmal noch hat er sich zu einem Auftritt überreden lassen, nur weil es hieß, zu turnen brauche er nicht, es fehlt ein Mann im Spielmannszug. Da hat er Paul zuliebe die Flöte geblasen. Halt die fünf Töne, die notwendig waren.

Wenn es allerdings geheißen hat, so und so hält man den Pinsel, locker aus dem Handgelenk heraus! Nicht mit dem Arm, nur mit der Hand, dann schaut Johann so genau hin, dass ihm der Mund offensteht. Als sauge er dieses Bild in sich ein, wie der Arm seines Vaters und für eine kleine Strecke auch der Oberkörper, hin und her diesem Pinsel folgen und der Lack sich verteilt wie flüssige Sahne.

Nicht zu schnell, sonst ermüdet man gleich, nicht zu langsam, sonst trocknet die Schicht schon bevor der Pinsel zurückkehrt. Nicht zu fest, sonst hinterlassen die Borsten Rillen, die ein nächster Strich nicht wieder ausgleichen wird. Nicht zu leicht, sonst trocknet die Farbe am Pinsel ein. Dann heißt es warten, bis der Lack durch und durch getrocknet und hart ist und nicht in hässlichen Rissen aufspringt. Dann mit dem Sandpapier drüber gehen und wieder mit dem Pinsel. Dann wieder warten. Und das Ganze nochmals und nochmals und nochmals. Etwas mehr Leinöl bei jeder Schicht, weniger Pigmente. So schaut es sich Johann ab und seine Lackierungen strahlen bald wie die von Georg, makellos glänzende Flächen, in denen Louise sich spiegeln kann. Oder noch schöner: Edith.

Liebe Anna, nein, er ist nicht so ein Zwerg wie Hirschwirts Johann! Es sind ja auch nicht alle Mädchen, die Anna heißen, so vorlaut wie Du! Er ist recht groß, eben einen halben Kopf größer als ich und hat braune Augen, die Haare wie Martin vom Scheitel aus nach hinten gekämmt. Etwas vorstehende Zähne, so wie Adlers Jakob, das kommt von seiner Mutter, die gleichfalls solche Zähle hat. So viel zu Johanns Aussehen und jetzt zu meinem Kleid.

Könntest Du bei Jenny vorbeilaufen und um das Schnittmuster des rot Gepunkteten bitten, das sie sich im letzten Sommer genäht hat. Die Frau Pfarrer hat eine Nähmaschine von ihrer Schwiegermutter bekommen, obwohl sie ja nichts damit anzufangen weiß. Eine schöne Singer Nähmaschine. Da möchte ich mich einmal versuchen und halte schon Ausschau nach einem leichten Stoff, also schicke mir bald den Schnitt! Und jetzt hätte ich fast das Wichtigste vergessen, nämlich mich für das Bildchen zu bedanken. Es ist zwar sehr klein, und wer auf dem Anhänger in der zweiten Reihe steht, kann ich gar nicht recht erkennen. Ich muss es noch mal mit der Lupe vom Herrn Pfarrer genau studieren, aber ich meine, die beiden in der zweiten Reihe sind die Adlers, die Jenny und der Jacob. Da wird der Vater recht stolz gewesen sein, als er angefahren kam. Und alle haben gestaunt, das kann ich mir denken. Wo ist er denn? Sitzt er im Führerhäuschen? Wahrscheinlich wollte er sich hinter dem Lenkrad präsentieren und bleibt deshalb leider unsichtbar. Richte herzliche Grüße von mir aus, dem Vater, der Mutter und dem Martin und ich freue mich, bald zu kommen und den Opel Blitz zu bestaunen, Deine Edith.

In der Kunstgewerbeklasse heißt es, sehen Sie sich die Zeichenmaschine des deutschen Malers Dürer an und machen Sie sie nach. Johann zimmert in Nullkommanichts einen Rahmen aus Sockelleisten, spannt Baumwollfäden aus Louises Nähkästchen so präzis und stramm, dass sie jedes Motiv, wohin er den Rahmen auch hält, in gleich große Quadrate aufteilen. Ihm gefällt die Übersichtlichkeit, die Ordnung einzelnen Quadrats, das sich ohne weiteres auf sein Blatt übertragen lässt, in das maßstabgerechte Netz feiner Linien.

Der Erfolg im Zeichnen lässt ihn übermütig werden, und wenn er die Freitreppe der Akademie hinaufspringt, mag er gar nicht erst im Parterre Halt machen, wo die Kunstgewerbler ihre Klasse haben und schon das Modell auf dem Sockel steht. Halten Sie sich ran meine Herren, Positionswechsel in einer Minute. Das leise Aufstöhnen der ewigen Nachzügler und Zauderer, die mit ihrer Bleistiftspitze noch nach einem Grundmaß suchen, obwohl der schöne Charles im nächsten Augenblick schon seine Muskeln entspannt und sich streckt.

Wechsel der Position!

Dann folgt der Diskuswerfer auf den Speerwerfer oder den Läufer. Johann huscht vorbei und hinauf in den ersten Stock. Was hier auf den Staffeleien steht und an den Wänden lehnt, ist anders. Unten heißt es: beachten sie die Proportionen, halten sie sich an die Natur und manchmal auch: gleichen Sie die Natur dem Ideal halt ein wenig an im Hinblick auf die Harmonie.

Johann achtet auf die Harmonie und hält sich an die Natur, mit Dürers Rahmen hat er eine Landschaft nach der anderen auf sein Zeichenbrett übertragen. Dann die Stillleben, die Vasen, die Flaschen und Krüge. Immer schön gestaffelt und so arrangiert, dass sich ein an der Klassik orientiertes Motiv ergibt. Im oberen Atelier sieht es nun aus, als sei alles nach Gusto, ohne Skizze, direkt auf die Leinwand gemalt. Schwarze Umrisse begrenzen die Gegenstände und stören die Harmonie. Für alle Zeiten bleiben die Objekte dieser Bilder voneinander getrennt, als habe jedes einen eigenen Raum nur für sich selbst, ohne Beziehung zu seinem nächsten. Als sei alles einsam. Jede Brücke, jede Vase, jedes Gesicht.

Das könnte Johann auch! Oder nicht?

Johann schwankt. Was er sieht, widerspricht dem, worum er sich müht. Brücken, die sich über einen Fluss spannen als stützten sie den Himmel, Häuserschluchten, die zusammenstürzen wollen. Gesichter, die nur aus Augen und Schrecken bestehen. Die Farben ziehen Johann von Bild zu Bild, eine Leinwand nach der anderen klappt er von den Wänden. Lang schaut er das Bild einer Brücke an, die er täglich überquert auf dem Weg hierher.

So hat er sie noch nicht gesehen!

So? Ja, so! Wie denn so? So sehr Brücke eben.

Johann schüttelt den Kopf. Weniger aus einer Abwehr als vielmehr aus einer Ratlosigkeit heraus, dass die Verletzung aller Regeln, die er im Erdgeschoss lernt, eine Brücke hervorbringen, die mehr Brücke ist als jede, die er jemals wird zustande bringen. Alles scheint falsch und unstimmig, die Größenverhältnisse, die Proportionen, die Perspektive und letztlich auch die Farbe. Und dennoch tritt klarer als bei all seinen eigenen Versuchen das Wesen einer Brücke zutage, eine Verbindung zwischen fernen Welten zu schaffen.

Liebe Anna, das hast Du wieder falsch verstanden, weil Du es falsch verstehen willst! Ich gehe ganz und gar noch nicht bei ihnen ein und aus, und dass seine Mutter diese vorstehenden Zähne hat weiß ich, weil sie ein Geschäft führt am Ort, also den Colonialwarenladen. Auch die Frau Pfarrer kauft dort ein, wenigstens einen guten Teil. So bin auch ich schon oft da gewesen, und auch schon, bevor ich Johann überhaupt kannte. Und übrigens hatte ich ja auch ihn schon vorher gesehen, wenigstens von weitem, denn sie ziehen durch die Straßen mit ihren Farbeimern auf dem Handkarren oder dem Fahrrad. Er, sein Bruder Paul und manchmal auch der Vater oder einer der Gesellen oder der Lehrling. Ich erzähle Dir zukünftig nichts mehr, denn ich fürchte ohnehin, Du wirst es im ganzen Dorf herumtragen und in Deiner Strickstube ausbreiten, wo ihr ja sowieso gar nichts strickt, sondern nur plappert. Danke für den Schnitt. Wie weit seid Ihr mit der Frucht? Hier feiern die Bauern schon Kirmes. Wir waren auch da, zweimal sogar, Lina und ich. Einmal sind wir Karussell gefahren, und dann hat die Frau Pfarrer mir den Sonntag frei gegeben, obwohl sie Verwandtschaft da hatte zum Kaffee, und wir sind in ein Konzert gegangen vom hiesigen Maienquartett. Das war sehr schön. Herzliche Grüße von Deiner Schwester Edith.

Johann schneidet sich ein paar Leisten zurecht, mittleres Format und bespannt den Rahmen mit Leinwand aus Louises Restekorb. Das Gewebe ist etwas feiner als es vielleicht sein sollte, aber zu Übungszwecken mag es angehen. Er grundiert die Fläche dünnflüssig, wie er es gelernt hat. Lieber ein zweites Mal als einmal zu dick auftragen, heißt die erste Regel eines jeden, dem die Haltbarkeit seiner Arbeit am Herzen liegt. Johann wählt die Rückansicht des väterlichen Hauses, wo das Fachwerk noch sichtbar ist und die unterschiedlichen Strukturen der Holzbalken mit ihren geschnittenen Verzierungen und den weiß verputzten Quadraten dazwischen malerisch reizvoll erscheinen. Davor gestaffelt, um dem Raum Tiefe zu geben, die Werkstatt mit ihren großen Atelierfenstern und den Birnbaum im Hof.

Johann postiert seine Staffelei in einer Entfernung, die allem genügend Platz geben soll, und obendrein noch einem Streifen Himmel, in den die Krone des Birnbaums ragen wird. Er lässt das Ensemble auf sich wirken, nimmt Maß mit der Spitze des Pinsestiels, den er am ausgestreckten Arm vor sein rechtes Auge hält, das linke kneift er zu.

Denken Sie daran, dass das Bild in Ihnen ist, nicht draußen in der Welt! Dort ist nur eine Hausmauer oder eine Kirchturmspitze!

Johann denkt an Dürers Zeichenmaschine, widersteht aber dem Wunsch, seinen eigenen Rahmen zu holen und auch den Bleistift lässt er stecken. Es kommt jetzt auf die Farben an, auf das Grau, das Braun und Grün und darauf, wie eines ins andere übergeht.

Louise hatte sich für Georgs gutes Aussehen entschieden und sie wird nicht enttäuscht. Bis ins Alter bleibt er stattlich, ein Mann mit vollem Haar und dichtem Schnauzbart. Sie nennt ihn Georges, ganz so, als spreche sie den Namen französisch aus, aber dann eben doch mit einer so starken Betonung der ersten Silbe, dass es mehr auf ein Schosch herausläuft. Er spielt anständig Skat, mehr als anständig, vermutet Louise, denn er ist ein beliebter Spieler in der Goldenen Gerste, wo sonntagnachmittags die Runde um den Stammtisch sitzt, und zwar jeden Sonntag, abgesehen von den Kriegszeiten, alles in allem vierzig oder fünfzig oder sogar siebzig Jahre, wie manch einer am Ende behaupten wird.

Louise merkt rasch, dass in Georgs kräftigem Äußeren eine Empfindlichkeit steckt und seine Leidenschaft für die Schablonen etwas im Zaum hält, was lieber Künstler wäre. Noch lieber als Maler und Weißbinder wäre Georg nur Maler und noch lieber als Maler wäre er Bildhauer.

Zu seiner Statur hätte es wohl gepasst!

Louise stellt sich vor, wie Georg einen Stein bezwingt.

Die Lungen waren zu schwach, hatte es geheißen, für den feinen Staub. Und dann, wer weiß! Womöglich wäre es auf den Steinmetz herausgelaufen.

Ach Georg! All die Grabsteine im Hof und alleweil traurige Kundschaft! Jetzt freuen sich die Hausfrauen über frisch gestrichene Küchen und spiegelndes Holz. Dann die kleinen Friese und manchmal auch größere Wandmalereien oder Restaurierungen. All dies stimmt doch weit heiterer als Namen und Todesdaten in einen Stein zu kratzen.

Georg kann die Taille seiner Frau mit zwei Händen umfassen. Viel fehlt jedenfalls nicht, wenn er ihr die Handflächen auf die Hüfte legt, hat grade noch der Nabel Platz zwischen den beiden Daumen. So schmal ist das Mädchen, jedenfalls in jungen Jahren war es so schmal, vor den Zwillingen. Alles an Louise war zart, nur halt die Zähne sind kräftig und dann noch so vorlaut. Obwohl sie so fragil, man könnte meinen hilfsbedürftig, erscheint mit ihren achtzig oder neunzig Pfund Gewicht, dirigiert sie von ihrer Ladentheke aus die Geschicke des Geschäfts und der Familie. Wenn Georg wochenlang an seinen Blumen malt und die Schranktüre wieder abschleift, weil ein Staubkorn darauf sitzt, braucht doch keiner zu hungern.

Liebe Anna, ich weiß noch nicht, ob ich zu Weihnachten nach Hause kommen kann in diesem Jahr, denn bei Pfarrers haben sich alle Töchter mit Ehemännern angesagt für die Feiertage, und das Haus wird voll sein und sie braucht bestimmt eine Hilfe. Ich sage noch rechtzeitig Bescheid und komme ansonsten in den ersten Januartagen, wenn hier der Trubel vorüber ist. Ich könnte ja dann auch zur Hochzeit von der Jenny da sein, schreibe mir doch das genaue Datum und auch, was sie sich wünscht. Ich könnte hier etwas besorgen. Und nun will sie nach Amerika mit ihrem Josef? Was sagt denn die Mutter dazu? So schlimm wird es doch nicht kommen. Das wird alles nicht so heiß gegessen wie gekocht. Das meint sogar der Herr Pfarrer und der hat doch mehr Übersicht als Du und ich.

Mein Kleid ist fertig, die Frau Pfarrer hat gestaunt, so etwas kann sie nicht. Aber nun ist es eigentlich schon zu kühl dafür, denn es ist ja ein leichtes Sommerkleid, und ich werde warten müssen bis ins nächste Frühjahr. Oder vielleicht einmal mit meinem blauen Jäckchen. Liebe Anna, ich freue mich, wenn Du mal wieder kommst, aber warte lieber, bis die Tage länger werden und das Wetter schöner ist. Jetzt wird alles immer dunkler und ist grau und nass, wenn auch vielleicht nicht so kalt wie bei Euch. Überlege es Dir und schreibe mir rechtzeitig.

Grüße alle sehr herzlich von mir, Eure Edith

Entwerfen Sie ein Fries für die Eingangshalle einer Volksschule. Sie sind frei in den gestalterischen Mitteln, aber beachten Sie im Hinblick auf eine mögliche Ausführung, dass die Arbeit in gebranntem Ton, also als Mosaik, ausgearbeitet werden soll.

Johann trägt Anzug und Fliege, wie es sich für einen Prüfungstag gehört, streift seinen weißen Kittel über und heftet ein Blatt auf sein Zeichenbrett. Der Entwurf soll für eine Größe von zwei mal fünf Meter angelegt sein.

Anders als in den letzten Tagen erwartet und anders, als er es bisher von Prüfungen gewohnt war, bleibt er völlig ruhig und gelassen. Er zeichnet aus dem Handgelenk heraus und ohne auch nur ein einziges Mal an Dürers Quadrate zu denken, eine kleine Gruppe von Kindern aufs Blatt, links, locker in den Raum gestellt mit einer Bewegung zur Mitte hin, knapp daneben einen Ball, damit auch erkennbar ist, wohin die Bewegung zielt. Zwei, drei größere Figuren mehr nach rechts gesetzt, in einer leichten Höhe, um zu sagen, hier sind die Lehrer, hier spielt die Musik, und da wird dann vermutlich kein Ball mehr gespielt, denn hier erwartet den Betrachter ein kleiner Tisch mit ein paar Insignien der Institution, also Bücher, zusammengerollte Karten, Rechenschieber und so weiter. Fertig so weit.

Johann staunt, wie rasch und leicht, und ohne sich in irgendwelchen Zweifel zu verstricken, er die Aufgabe meistert, und zwar recht gut meistert, das sieht er schon und braucht gar keine Note mehr abzuwarten. Er hat bestanden.

Er läuft die Freitreppe hinunter, zum letzten Mal als Student der Kunstgewerbeklasse und hat längst entschieden, und zwar ohne dass Louise ihn in diese Richtung hätte schieben müssen, sich nicht für die Meisterklasse der Malerei zu bewerben. Seine Meisterprüfung wird er in der Handwerkskammer ablegen.

Und wie steht es mit der Politik?

Johann lacht. Auch wenn Edith längst alle Prüfungen bestanden hat, diese Frage ist noch offen. Edith lächelt und lässt sie offen. Sie streicht mit den Fingern ihrer Linken durchs Haar, als sei dort etwas zu ordnen, doch das ist gar nicht der Fall, jede Strähne glänzt an ihrem geheimnisvollen Platz. Johann folgt ihrer Geste mit seinen Blicken und wird ein wenig abgelenkt vom Weltgeschehen.

Also? Sie braucht sich doch nicht zu genieren vor ihm.

Edith weiß nicht, ob es ihr überhaupt zusteht, eine politische Meinung zu haben und falls ja, wüsste sie nicht recht, sie zu äußern.

Also diplomatisch ist sie auch, die Edith. Das kann einer Geschäftsfrau nicht schaden, die ja vom Zuspruch ihrer Kundschaft abhängt und nicht wie ein Bauer vom Zuspruch des Lieben Gottes.

Edith lacht. So hat sie das noch gar nicht gesehen.

Was hält sie denn von Herrn Hitler zum Beispiel?

Ediths Stirn kräuselt sich. Sie schaut aus der Schräge zu ihm herüber mit Lippen, die so fest verschlossen sind, wie man es selten bei ihr sieht.

Na? So schüchtern ist es doch sonst nicht, das Mädchen.

Das weiß sie nun wirklich nicht. Sie will nichts Falsches sagen.

Aber das kann sie doch gar nicht. Alles was sie sagt, wird interessant sein für Johann.

Im Pfarrhaus ist er nicht gut angesehen, der Herr Hitler.

Da vermeidet man es, das Thema überhaupt auf ihn kommen zu lassen. Und wenn es sich nicht vermeiden lässt, weil zum Beispiel der Sohn im Haus ist, wird er der österreichische Schreihals genannt. Das wird Krieg geben, heißt es dann, weil der Sohn einer der ersten war, der dem neuen Wehrdienst nachkommen muss. Er wollte zu studieren anfangen und soll nun strammstehen. Da heißt es, der österreichische Schreihals rüstet zum Krieg. Wozu sollte er denn sonst gut sein, der Wehrdienst.

Johann lacht.

Bei ihm daheim wird nicht viel anders gesprochen, obwohl er und Paul ja zu alt sind und nicht mehr eingezogen werden können, meint der Vater auch, dass es Krieg gibt und nennt den Hitler einen Schwätzer. Er selbst sieht das aber nicht so. Nicht ganz so jedenfalls. In dem einen Jahr hat er doch schon einiges geleistet, worauf sie vorher lang haben warten müssen und gar nicht mehr rechnen konnten.

Edith schaut Johann von der Seite an und versucht mehr zu erfahren, als er in seinen kurzen Sätzen zum Besten gibt. Bei ihr auf dem Dorf sehen die Leute es auch anders, besonders die jungen. Die Mädchen tragen weiße Blusen und machen die schönsten Ausflüge und Umzüge, und wenn er im Radio spricht, der Herr Hitler, sie sagen ja alle Adolf zu ihm, versammeln sie sich beim Hirschen in der Wirtsstube, also der Hirschwirt hat ein großes Geschäft durch den Hitler. Da sitzen sie auf dem Fußboden, weil keine Stühle mehr frei sind.

Johann lacht, weil das Bild ihm gefällt und weil ihm Edith gefällt, wie sie allmählich Scheu verliert. Da könnte er ja mal seinen Trumpf ausspielen.

Was denn für einen Trumpf? Edith sieht jetzt ganz neugierig aus.

Will sie einmal mit ihm hingehen, zu Hitler?

Edith schüttelt den Kopf, nicht eigentlich aus einer Ablehnung, sondern eher aus Ungläubigkeit heraus.

Was meint er denn damit? Hingehen? Zu Hitler?

Wenn er auftritt. Er spricht ja demnächst hier. Also nicht hier, aber eben in der Stadt. In der Festhalle sogar, da werden sie nicht einmal nass, falls es regnet. Edith zögert. Sie weiß nicht recht.

Die Frau Pfarrer wird das nicht erlauben.

Edith braucht es ja nicht zu erzählen. Schweigt sie halt drüber. Aber zu Hause kann sie es zum Besten geben. Wo sie nur vor dem Radioapparat sitzen. Na, mal sehen.

Johann gefällt, dass Edith etwas von der Fruchtfolge versteht und an Farbe, Körnigkeit und Gewicht des Bodens erkennt, ob er gern etwas hergibt oder sich geizig gibt wie bei ihr zu Hause, wo jedes Frühjahr aufs Neue aus der Tiefe des Ackers Steine auf die Oberfläche treiben und es aufsammeln heißt. Obwohl er selbst gar kein Bauer ist und auch Edith nur eine halbe Bauerntochter wegen der beiden Gäule und dem schwarz glänzenden Opel Blitz, lässt er sich gerade die bäuerlichen Lebensdetails besonders gern erzählen oder auch in ihren Feinheiten erklären.

Und sonst? Welche Jahreszeit zum Beispiel hat sie am liebsten?

Genau genommen gar keine. Ihr gefällt der Übergang von der einen in die andere, wenn man noch nicht absehen kann, ob neuerlicher Frost den Winter noch einmal zurückbringt oder eben der Herbst sich unentschieden zeigt. Am allerschönsten ist es aber, wenn der Rechen durchs frisch gemähte Gras fährt und die Feuchtigkeit herauskämmt und anderntags noch einmal und noch einmal, bis der Duft des Heus aufsteigt, während nebenan schon die Ähren vom Grün ins Gelb wechseln. Dann ist es am schönsten.

Edith rupft eine Ähre vom Halm und reibt die Hülsen, wie vom Vater gelernt, bis sie die winzigen Körner zwischen den Fingerkuppen spürt und mit dem Daumennagel ihre Härte prüft. Sie weiß, wie viele Wochen es noch braucht, wie viel Regen und welches Quantum an Sonnenschein noch nötig sein werden, bis zur Reife.

Ja, das weiß Edith alles.

Trotzdem wollte sie fort und sitzt nun hier mit Johann in der Goldenen Gerste. Zu Hause sind noch die Schwester und der Bruder und alle wollen sich von diesem geizigen Stückchen Land ernähren.

Aber jetzt gibt es doch den Lastkraftwagen.

Ja, das schon und überhaupt ist es nicht ganz richtig, dass der Hunger sie aus dem Haus getrieben hat. So war es nun auch nicht. Sie hatte eben einmal etwas anderes sehen oder kennen lernen wollen. Näher an die Großstadt.

Ach so. Schön.

Johann kann es nur recht sein, dass es bei Edith darauf hinausgelaufen ist, dass ihre Freundin Lina, die beim hiesigen Arzt schon länger in Stellung war, ihr den Posten im Pfarrhaus besorgt hat. Sonst wären sie einander womöglich gar nicht begegnet.

Johann schüttelt den Kopf. Dieses Unglück ist ihm erspart geblieben, und dafür dankt er Gott. Sie könnte also sogar ein Brot backen für ihn. Sicher kann sie Brot backen, sie hat es oft genug gesehen bei der Mutter und würde ganz vorschriftsmäßig vorgehen und sicher einen guten Laib hinbekommen.

Wenn es mit seinem Geschäft also einmal bergab gehen sollte und die Leute, zum Beispiel schlechter Zeiten wegen, nichts mehr machen lassen, also einfach keine Küchen mehr gestrichen haben wollen und keine Stuben, geschweige denn von den sonstigen Verzierungen. Dann könnten sie also ihr Korn anbauen, später zu Mehl mahlen und daraus Brot backen und sich selbst ernähren.

Edith sieht ihn über den Tisch hinweg an. Sie kommt, um ihn, wie schon das ein oder andere Mal, von seinen Singproben abzuholen. Da sitzen sie nun am Wirtshaustisch, umgeben von Sängern, Skatspielern und den üblichen Schwadroneuren.

Warum sollte es bergab gehen mit seinem Geschäft? Wo ja sogar noch die Mutter mit Lebensmitteln handelt?

Ach Edith, so war das doch nicht gemeint!

Johann fragt sich, ob er den Acker seines Lebens mit ihr bestellen kann. Er stellt sich das gern vor, Edith in einem bunten Rock, mit einem Rechen auf dem Rücken wie auf der Heuernte von Breughel. Und abends liest er ihr die Spreu aus dem Haar. Edith hat eine Art, ihn mit leicht schräg gestelltem Kopf ein wenig von unten herauf anzusehen, dass Johann nicht so recht weiß. Auf jeden Fall würde er ihr dann gern über die Wangen streichen und hier geht das nicht, zwischen all diesen Krakeelern und Biertrinkern. Er könnte sie nach Hause begleiten, jedenfalls bis zur hinteren Gartenpforte, die auf den Friedhofsweg hinausgeht, wo um diese Zeit keine Spaziergänger mehr zu erwarten sind.

Liebe Anna, was wünschst Du Dir zu Weihnachten? Du kannst es mir jetzt noch schreiben, solange Zeit ist, es hier zu besorgen. Ich werde um den 21. kommen und gleich nach dem Heiligen Abend wieder zurückfahren, um hier an den Feiertagen behilflich zu sein. Für die Mutter habe ich ein Schultertuch genäht aus einem warmen Wollstoff, den mir die Tochter von der Frau Pfarrer besorgt hat. Du möchtest also wissen, ob ich noch mit dem Johann ausgehe? Das kann ich mir denken! Ja, wir gehen noch aus und haben einen schönen Ausflug gemacht an meinem letzten freien Sonntag. Zusammen mit Paul und zwei jungen Leuten, die in seinem Chor singen, haben wir eine große Wanderung hier in der nahen Weingegend gemacht. Wir hatten großes Glück, denn es war einer der letzten sonnigen Herbsttage. Johann meint, politisch wird sich das nicht so halten wie es gerade ist. Sag das auch der Jenny, es wäre doch dumm hier alles aufzugeben. Schreibe mir bitte mal ausführlicher, wie es der Mutter geht. Ist sie wieder ganz wohl auf und gesund, Lina, die ja am letzten Wochenende zu Hause war, sagt eben, sie kränkelt noch immer und findet sich manchmal nicht zurecht. Lasst sie nicht so viel machen! Vor allem nicht im Stall.

Viele Grüße von Deiner großen Schwester

Das Jahr ist noch nicht zu Ende, sondern vielmehr gerade an seiner dunkelsten Stelle angekommen, als Johann mit einer schmerzlichen Sehnsucht erwacht. Edith. Er schlägt die Augen auf in der Nacht mit einem Erschrecken, das er noch nicht kennt. Hinter ihm liegt ein Traum, aber er erinnert sich nicht, hinter ihm ist es so dunkel wie vor ihm. Von der anderen Seite des Zimmers hört er den gleichmäßigen Atem von Paul, ein und aus, ein und aus. Seit seiner Geburt begleitet ihn dieser Atem, und vor der Geburt war schon Pauls Herzschlag dagewesen, dicht neben dem seinen, so als verständigten sie sich durch dieses leise Pochen.

Manchmal meint er, sich daran zu erinnern, an diese Dunkelheit, die so verschieden war von der Dunkelheit jetzt, schattenlos und ewig. In der jedenfalls nur er von Paul wusste. Länger als die Mutter kennt er ihn, und das ist es wohl, was ihn eigentlich zum Ältesten macht, denn de facto gibt es nur diese eine Stunde zwischen ihnen. Er hatte sich vorgedrängelt, ein kräftiger Bub mit einem schönen runden Kopf, ganz wie der Vater. Alle hatten schon zufrieden das Ergebnis der mütterlichen Anstrengungen bestaunt, als es hieß, da kommt noch einer. Das war Paul, dem nicht gleich anzusehen war, ob er würde überleben können mit den gespenstisch weiten Augen und mageren Ärmchen. Es musste so aussehen, als habe er Paul nichts übrig gelassen und sich breit gemacht.

Seit diesem Tag nimmt Johann Rücksicht auf den Bruder und fügt sich in die Pflichten des Älteren, obwohl er das Privileg des Ältesten, die alleinige Aufmerksamkeit der Mutter, gar nicht hat genießen können. Vom ersten Schultag an hat er Paul verteidigt, der etwas Ängstliches hatte von Geburt an, vielleicht sogar von der Geburt. Das meint Johann, ohne je mit der Mutter oder gar mit einem anderen Menschen darüber gesprochen zu haben. Erst die sportlichen Siege verhelfen Paul zu einem allgemeinen Respekt bei ihren Altersgenossen.

Auch die Lehrstelle in der väterlichen Werkstatt überlässt er zunächst Paul und lässt sich zum Schlosser ausbilden, bevor er daheim nachrücken kann und schließlich in der Kunstgewerbeklasse genommen wird.

Johann liegt da und sieht sich das Rechteck des schwarzblauen Himmels vor ihrem Fenster an. Noch dunkler als der Himmel, der ein wenig Licht von einem halben Mond empfängt, strecken sich die kahlen Äste des Birnbaums ins Bild. Paul bewegt sich im Schlaf, ohne den gleichmäßigen Rhythmus seines Atems zu unterbrechen. Johann will aufstehen, um ihn an den Schultern aus seiner Ruhe zu schütteln.

Das wird ein Ende haben hier. Ich werde fortgehen und dich in deiner eigenen Dunkelheit lassen.

Aber er steht nicht auf, verschränkt stattdessen die Hände im Nacken und denkt an Ediths schweres Haar. Schön, wie es sich aufrollt und herabfällt, wenn man einmal vorwitzig die Nadeln so rasch herauszieht, dass Ediths lachender Widerstand viel zu spät kommt.

Johann?

Das hätte er sich denken können, dass Paul augenblicklich versteht was gespielt wird.

Schlecht geträumt?

Johann stöhnt ein wenig auf, um Paul anzuzeigen, dass er eigentlich schläft. Er könnte etwas sagen, und es wäre nur natürlich oder doch durch mehr als zwei Jahrzehnte zur zweiten Natur geworden: alles zuerst mit Paul zu besprechen. Alles zunächst ihm zu sagen und ihn zu befragen. Soll ich es doch mit der Kunst versuchen?

Aber in Zukunft wird es wohl Edith sein, die verreist ist, länger bleibt als gedacht und vielleicht, Johann fragt sich das mit einem tiefen Entsetzen, gar nicht wieder kommt. Zu Hause wird sie gebraucht, und wer weiß was sonst noch alles dazwischenkommen könnte.

Louise taucht ihren Löffel in die Klare Brühe, zwei Markklößchen weichen der Attacke aus und schwimmen kreiselnd an den Rand des Tellers. Also wieder einmal eine Neuerung. Johann will heiraten.

Ein schönes Mädchen, die Edith.

Der Löffel erwischt ein Klößchen, teilt es in der Mitte und gibt sein mürbes Inneres preis.

Wenn auch keine ganz so gute Partie.

Das sagt Louise aber nicht, jedenfalls nicht jetzt. Das wird sie heute Abend zu Georg sagen. Oder doch lieber nicht. Soweit sie die Welt überblicken kann, ist ihr Sohn selbst eine recht gute Partie. Und letzten Endes kommt es ja darauf an, wer man selbst ist und wie man dasteht. Ihr scheint, sie stehen gut da, ihre Buben. Johann noch besser als Paul, der sich beruflich weniger gut zurechtfindet und hier und da anfängt, bis ihm wieder was Neues einfällt.

Am Tisch herrscht noch Schweigen. Dass Georg stillhält und abwartet, bis von Louise ein Signal in die ein oder andere Richtung gegeben wird, überrascht niemanden, aber auch Paul, der immer so schnell bei der Hand ist mit seinen Kommentaren, konzentriert sich hartnäckig auf den Inhalt seines Tellers, als habe er in seinem Leben noch keine sonntägliche Markklößchensuppe zu sich genommen. Er erfährt also gerade erst von Johanns Plänen.

Sie wollen also im ersten Stock einziehen, Edith und Johann.

Er hat sich alles schon bis ins letzte Detail ausgemalt!

Zwei Zimmer und Küche und vorn der Balkon, das Zimmer zum Hof mit der Tür zur Treppe, das kann Paul ja behalten bis einmal Kinder da sind.

Danke! Das war Paul.

Die Küche soll so und so sein, also ganz praktisch alles, eben modern, und für das Schlafzimmer hat er an diese und jene Tapete gedacht, vielleicht die blassen, leicht grünlich schimmernden Streifen. So genau weiß er es auch noch nicht.

Ach, doch. Schon ziemlich genau.

Einen Teppich will er kaufen und ein Buffet, das zum Esstisch passt und vielleicht später durch eine Kommode ergänzt werden kann. Das Buffet soll eine ausziehbare Anrichte haben, wie ein Tablett, das man bei Bedarf hervorholen und danach wieder verschwinden lassen kann. So etwas hat man jetzt. Ganz erstaunlich. Louise stellt die Suppenteller ineinander und schüttet das Kartoffelwasser ab. Paul lacht plötzlich hell auf, kommt um den Tisch herum auf Johann zu und schlägt ihm auf die Schultern.

Sieh mal einer an!

Die Frage ist auch, was mit dem Fußboden geschehen soll, bleiben die Dielen oder lieber Stragula oder doch am Ende Linoleum, das haltbarste und auch das schönste. Johann hält einen Augenblick inne.

Stühle brauchen sie natürlich, passend zum Tisch, lieber sechs als vier oder zwei. Er wünscht sich neue Möbel, nichts Gebrauchtes, nichts aus zweiter Hand und nichts vom Schreiner, sondern aus einem Möbelgeschäft.

Louise schüttelt die Kartoffeln heftig auf, um den letzten Rest des Wassers verdampfen zu lassen.

Und wenn es Edith gefällt, dann wird er auf dem Balkon einen Weinstock pflanzen.

Auf dem Balkon? Georg schaut zu seinem Sohn und dann über den Tisch hinweg zu Louise hinüber, die langsam ihr Stückchen Fleisch zerschneidet. Mal sehen, wie alles noch kommt.

Edith legt den Kopf ein wenig schief, öffnet den Mund etwas mehr als zum Sprechen nötig, zieht die Lippen zurück und schiebt den Unterkiefer vor.

So geht das.

Rasch und unwillkürlich schlägt ihre Zunge an den oberen Gaumen, unmittelbar hinter den Vorderzähnen. So also entsteht ihr schönes rrrr mit dem sein Name und zukünftig auch der ihre beginnt. Johann lässt es sich wieder und wieder zeigen, schaut auf Ediths Mund und schüttelt den Kopf.

Das kann er nicht.

Obwohl gewohnt, nachzuahmen was er sieht, meist allerdings mit den Händen, muss er hier passen und alle Übung führt bestenfalls zu einem einzelnen r, aber eben nicht zu dieser klingenden Serie, die ihren Zungenschlag so reizvoll macht und Edith so begehrenswert. Wenn Johann später zurückschaut, und er wird zurückschauen, den Kopf von seinen Händen heben, dem Stück Holz zwischen ihnen, dem Pinsel oder dem Bleistift und sich umwenden, um das Geheimnis seines Lebens zu verstehen. Dann sieht er sie vor sich, Edith mit ihren aufgezwirbelten Haaren, fast noch ein Mädchen, das ihm Sprachunterricht gibt. Oder sie kommt die Straße herunter in ihrem lichtblauen Kleid, übersät mit hundert zarten Nelkensträußen.

Die armen Sträußchen!

Auseinandergeschnitten wie sie gerade der Schere in den Weg kamen und es von Edith gebraucht wurde, ohne dass sie auf der angrenzenden Stoffbahn ihre Fortsetzung fänden.

Ach du je!

So etwas lässt Johann sich nicht durchgehen beim Tapezieren, wo der Anschluss das wichtigste überhaupt ist und jedes Blättchen auf der nächsten Bahn weiter wachsen darf. Ein ungeübtes Auge kann gar keine Naht erkennen. Auf Schuss heißt das.

Aber Johann! Eine Wand hat keine Taille und eine Tapete ist kein Glockenrock.

Also gut.

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, und mehr als auf die Sträußchen kommt es ja auf die Farbe an und die bringt Ediths dunkles Haar und das Rund ihrer rosigen Wangen schön zur Geltung. Hauptsache, sie kommt überhaupt die Straße herunter ihm entgegen, immer näher. Sie wollen einen Ausflug machen mit den Rädern oder mit der Elektrischen in die Stadt hineinfahren, wo er ihr den Botanischen Garten zeigen wird oder den Zoo.

Edith kennt ja noch nichts.

Und über all diesen Szenen liegt eine stille Heiterkeit, die Johann gern festhalten möchte und immer mehr vertiefen, immer heiterer und immer leichter, immer rätselhafter und immer vertrauter, so wie Edith immer näher kommt.

Georg sagt, es gibt Krieg.

Ach was!

Er hält nach Edith Ausschau in ihrem neuen Kleid, das sich unwillkürlich in seine Träumereien vom selbstgebackenen Brot fügt.

Liebe Anna, sag es noch nicht den Eltern – diesmal tust Du mir einmal den Gefallen – Johann und ich wollen heiraten. Zwar noch nicht gleich, denn er will vorher die Meisterprüfung machen, und mit dem entsprechenden Kurs kann er überhaupt erst im Frühjahr beginnen. Er möchte eben selbständig sein, auch dem Vater gegenüber. Ich war am Sonntag zum ersten Mal zum Kaffee eingeladen und seine Mutter hat gefragt, ob es eine Verlobungsfeier mit Gästen geben soll. Johann meint nein, ich weiß es nicht. Sag den Eltern aber nichts, es hat alles noch Zeit. Der Fuchspelz ist besonders schön. Richte dem Vater vielen Dank dafür aus, ich habe ihm auch geschrieben. Hast Du auch einen bekommen? Sonst sicher nächstes Jahr. Ich habe mich aber nicht getraut, ihn zu Ritters überzulegen. Ein Hausmädchen mit einem Pelz, wie sieht das denn aus? Ich will ihn mal tragen, wenn ich mit Johann ins Kino gehe oder noch lieber, wenn wir in die Stadt fahren zusammen. Hier im Ort traue ich mich nicht. Was machen denn Jennys Pläne? Ich hoffe, sie ist noch nicht fort, wenn ich das nächste Mal komme. Es wird doch alles nicht so heiß gegessen wie gekocht. Alle meinen das hier, auch der Herr Pfarrer. Also sag ihr das noch einmal. Viele Grüße, Deine Edith

Edith tanzt recht gut.

Paul seufzt und dreht die Augen zum Himmel in einem stummen Gebet. Seit Johann angefangen hat über Edith zu sprechen, also über Edith als eine Wunscherfüllung, die sein restliches Leben so ausfüllen wird, dass nicht vieles mehr zu wünschen übrigbleibt, hört er gar nicht mehr damit auf. Obwohl nicht jeder es so ausführlich wissen will. Paul zum Beispiel ist höflichkeitshalber schon interessiert, aber warum soll er sich mit all diesen Details abgeben, die so nebenbei ausgebreitet werden. Edith tanzt also gut, schön, er hat mit ihrer Tanzkunst bei Gelegenheit des Faschingsfests im Saalhof bereits Bekanntschaft machen können, aber sein Bedürfnis, sich darüber auszutauschen, hält sich in Grenzen.

Und wie soll er die von Johann immer wieder beschworene, ach so reizende Schüchternheit der Freundin kommentieren? Sagt er nichts, kommt Johann so lange darauf zurück, bis er sich schließlich zu einem Satz hinreißen lässt, etwa derart, an der Schüchternheit erkenne man die Warmherzigkeit einer Frau. Obwohl es als Kompliment gedacht ist, kontert Johann dann plötzlich.

Ja, warmherzig sei Edith natürlich, sehr warmherzig, aber so schüchtern auch wieder nicht. Sie hat ihn eingeladen! Noch bevor alles zwischen ihnen abgesprochen war, schon gefragt, ob er nicht einmal kommen wolle, um ihr Dorf zu sehen, den lächerlichen Bach und natürlich die Schwester und den Bruder und so weiter. Kurz gesagt, ob er sich nicht vorstellen wolle bei den Eltern.

Findet Paul das etwa schüchtern?

Nahezu alle Gespräche mit Johann steuern jetzt auf diese toten Punkte zu, an denen Paul, nach einer ratlosen Pause, das Thema zu wechseln versucht. Sie sitzen auf der Bank hinter der Werkstatt, Paul hat seine Füße auf den Holzbock gelegt und schaut durch die offene Werkstatttür auf die Staffelei mit der Leinwand, die seit langem unberührt neben den Kalksäcken steht. Die rückwärtige Fassade, der Birnbaum und so weiter.

Gar nicht so schlecht. Jedenfalls auf die Entfernung.

Paul will das schöne Maienquartett verlassen, auf das er doch alle Hoffnung gesetzt hat. Jeder Kandidat wird geprüft, hatte es geheißen, ob die Stimmlage auch passt, ob er den Ton trifft und bereit ist für all die langen Übungsstunden. Mahlzeit für Mahlzeit waren die Berichte dieser Prüfungen aufregender und hatten über Wochen zur allgemeinen Unterhaltung beigetragen. Den und den haben sie abgelehnt und zurück in den Liederkranz geschickt, wo sich ein jeder verstecken kann. Jetzt wird das Repertoire immer dünner, hinter jedem zweiten Lied versteckt sich ein jüdischer Kompositeur. Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt. Wie flott sie das vorgetragen haben. Paul folgt gern der Melodie, jetzt dreht sich alles um den Rhythmus.

Marschmusik! Fastnachtsmusik!

Paul schüttelt den Kopf und nimmt die Beine vom Hackklotz.

Bleib doch noch eine Weile dabei!

Johann meint, dass alles rasch wieder anders werden kann. Und ehrlich gesagt: so schlimm scheint es ihm auch jetzt nicht, denn bei ihm selbst wendet sich grade alles zum Guten und kommt ins Lot. Paul rudert an allen möglichen Stellen ins Leere. Im Geschäft will er nicht bleiben, weil dort kein Platz sei für zwei auf Dauer, obwohl Johann immer wieder betont, dass Paul von der Mutter geerbt hat, was ihm letztlich abgeht, den Sinn fürs Geschäftliche.

So jemand wird doch gebraucht! Er ist ja der wichtigste Mann überhaupt.

Ach was! Paul winkt ab.

Und wie schaut es aus mit den Mädchen? Mit der Hanna zum Beispiel?

Paul weiß auch das nicht. Er ist bei allen beliebt, nicht nur bei der Hanna. Wohin er kommt, da herrscht allgemeine Freude. Im Turnverein, im Radverein, im Singverein, im Komitee zur Vorbereitung des Fastnachtsballs und wer weiß wo noch. Wenn Paul erscheint, hellt die Stimmung sich auf, obwohl er selbst trüben Gedanken nachhängt. Ein Schwarzseher, wie Johann meint, der sich das Schwarzsehen einfach nicht erlaubt. Jetzt tauchen in allen Vereinen Parteigänger auf, nicht nur im Maienquartett, vernünftige Leute, mit denen Paul meint befreundet zu sein und in Neuschwanstein war im letzten Sommer oder am Vierwaldstättersee im Jahr davor. Mit denen er, also auch Johann, schon auf der Schulbank gesessen hat. Der Spengler zwei Häuser weiter, oben am Eck der Maurer Scheider. Bislang hat bei ihm nur der Stammtisch gegolten, die Fastnachtsfeiern und dass ein jeder seine überteuerten Rechnungen pünktlich bezahlt. Das waren Scheiders Interessensfelder. Plötzlich ist ihm das Deutsche Reich nicht groß genug. Ausgerechnet ihm, der sich schwertut, den kleinen Garten in Schuss zu halten, der sein Haus umgibt.

Was will der mit mehr Land?

Anders als Johann, der ohnehin Distanz zu den Vereinen hält und sich seine soziale Zukunft nicht dort, sondern zu Hause mit Edith und noch einmal mit Edith vorstellt, gerät Pauls Welt ins Schwanken, wenn die Mitgliederlisten des Turnvereins mit denen einer Partei abgeglichen werden. Gerade der Scheider bohrt ständig in diesem Loch.

Der kommt schon wieder zur Besinnung.

Das meint Johann. Und was ist mit der Hanna? Sie ist doch recht hübsch, die Hanna.

Das kann Paul nicht leugnen. Und fleißig. Hilft, wenn Not am Mann ist. Wenn ihr Gespräch an dieser Stelle ankommt, weiß Paul, dass der Kreis sich bald wieder schließt. Er steht auf, zieht die Hose ein wenig hoch.

Also die Edith!

Paul streicht mit einer raschen Geste das Hosenbein glatt, steckt die Hände in die Taschen, um aufzuzeigen, dass er fort gehen will.

Was die bei Pfarrers alles leistet.

Paul tritt von einem Bein auf das andere und nickt zerstreut.

Unbeschreiblich. Den ganzen Haushalt hat sie in der Hand, der Frau Pfarrer fehlt es an Geschick dafür. Da gäbe es mittags nichts zu essen, wenn Edith nicht die Klöße rollt und Erbsensuppen rührt. Dann der Garten. Wie dieser Garten leuchtet, wie dort alles aufblüht unter Ediths bäuerlichem Regiment!

Später wird Johann manches Mal daran denken, wie sie da im Hof gesessen hatten. Kurz vor Ostern muss es gewesen sein, er will mit Edith zu ihren Eltern fahren, in ihrem Opel Blitz werden sie am Bahnhof warten, die Schwester, sein zukünftiger Schwager Martin und der Vater. Vor ihrer Abreise, wenige Tage nach seinem Gespräch mit Paul, lässt er seine Singbrüder wissen, dass er den Vorstand des Liederkranzes niederlegt. Er wird halt nicht mehr regelmäßig teilnehmen können an den Proben und Versammlungen.

So? Gefällt es ihm nicht mehr?

Die Männer stehen um ihn herum, die Hände in den Taschen, die Noten unter den Arm geklemmt.

Wo er doch schon so lange dabei ist! Hat er keine Lust mehr zu singen. Die schönen neuen Lieder! So kraftvoll.

Er wird ja noch mitsingen, nur im Vorstand will er nicht mehr sein. Ihm fehlt es an der Zeit. Er hat sich zur Meisterprüfung angemeldet, und das schluckt all seine freien Stunden. Abendkurse sind auch dabei womöglich. Und wenn nicht, wird er abends den Stoff für die Prüfungen pauken müssen, das Niveau wurde angehoben, mehr als die Hälfte fällt durch. Da will er nicht dabei sein. Nichts für ungut. Er wird weiterhin zur Singstunde kommen, also versuchen will er es jedenfalls.

So ist er, der Johann. Immer diplomatisch um einen Ausgleich bemüht, ganz wie in seinen malerischen Kompositionen liegt ihm auch im Leben an der Harmonie. Später hat er sich manches Mal gewünscht, Edith nicht gerade 1933 kennen gelernt zu haben. Die Dahlien blühen in jedem Sommer, und Edith verbringt nicht das erste Jahr im Haushalt des Pfarrers, er hätte einen August früher vorbeikommen können. Irgendetwas gibt es immer zu streichen in einem Pfarrhaus. Jedenfalls scheint ihm diese Zahl, an und für sich ja schön, die doppelte drei, im Nachhinein wie ein Makel auf ihrer Begegnung zu liegen und einen Schatten darauf zu werfen.

Aber jetzt legt er erst einmal den Vorstand des Liederkranzes nieder und plant einen Ausflug mit Edith. Sie radeln an seinem Fluss entlang Richtung Quelle.

Mal sehen, wie weit die Puste reicht.

Bald wird er Edith lehren, schwimmend gegen die Strömung anzukommen. Sie übt schon und legt die Handflächen über dem Kopf aneinander, um sie dann rudernd durch die Luft sausen zu lassen. Ob das etwas wird?

Es scheint wichtiger zu sein, als über die Welt nachzudenken.

Johann läuft noch einmal über die Brücke und zur Akademie hinüber, einem plötzlichen Impuls folgend und eigentlich auf dem Weg zur Handwerkskammer, wo er seine Unterlagen für die Meisterprüfung abholen will. Nur rasch wieder einmal die Freitreppe hinauflaufen und gleich weiter in den ersten Stock, mal sehen, ob er noch einen der Studenten kennt, die in der Meisterklasse vor ihren Staffeleien stehen.

Wie still die Eingangshalle da liegt, grade so als seien Ferien, obwohl das Semester nicht einmal zur Hälfte absolviert ist. Ihm scheint, als sei ein halbes Leben vergangen, seit er den Entwurf für die Schule auf den Tisch der Prüfungskommission gelegt hat. So fremd fühlt er sich. Klopft man an die Tür eines Ateliers oder tritt man einfach ein?

Unterricht findet jedenfalls keiner statt, der Raum liegt so schweigend da wie die Halle unten. Das matte Licht auf den fleckigen Dielen, grade wie früher, die hohen Fenster, der Geruch nach Öl und Lösungsmitteln. Ein paar Staffeleien auch wie gehabt, auf den schmalen, verschmierten Holzbänken die jeweilige Sammlung von Gläsern mit Pigmenten, Pinseln, mit Resten von Leinöl. Und trotzdem.

Was ist denn los?

Die Staffeleien sind leer. Die besondere Stille des Raums rührt von der Abwesenheit der Bilder her. Ist er überhaupt richtig?

Er tritt zurück, um das Schild neben der Tür zu konsultieren. Meisterklasse. Dieses Wort ist geblieben, aber der Name des Professors fehlt. Hierhin hatte es ihn so oft gezogen, wenn es unten langweilig war. Er hatte sich zwischen den Staffeleien hindurchgeschlängelt, wie andere auch, die nur zum Schauen kamen. Kiebitze hatten sie geheißen, die vielleicht zu feig waren oder halt zu untalentiert.

Was gibt es Neues?

Große Frauengestalten, deren Körper geometrische Formen annahmen, spitze Köpfe, dreieckige Leiber vor schrägen Wänden, die bald einstürzen würden. Das schreiende Rot der Münder und die schwarzen Umrisslinien sind verschwunden wie Fritzis züngelnde Schwertliliensträuße.

Auf dem schmalen Tisch an der Querseite des Raums, wo er manchmal geholfen hatte, die Leinwand auf den Rahmen zu ziehen, liegen der Holzhammer und ein paar kurze Leisten, als sei einer gerade dabei, ein kleines Format zu präparieren. Johann bleibt einen Augenblick stehen und sucht die leeren Wände ab, als habe er doch etwas übersehen. Nein, nichts.

Er geht zum Fenster und schaut eine Weile hinaus, die Aussicht immerhin ist dieselbe geblieben, der Fluss und die Brücke darüber, der ferne Kirchturm, von dem es Mittag schlägt. Johann rechnet nach. Grade zwei Jahre ist es her, seit die Liste am Anschlagbrett ihn aufgefordert hatte:

Tragen Sie sich ein für die Exkursion nach Berlin! Wir wollen unserem Professor die Ehre geben. Dem Stolz unserer Akademie. Zahlreiche Teilnahme erbeten.

Er hatte den Bleistift gezückt, um seinen Namen in die letzte Zeile zu setzen, da hieß es, zu spät! Die reservierten Abteile sind alle schon belegt. Warten Sie das nächste Mal ab, das wird eine ständige Einrichtung: die Frühjahresexkursion nach Berlin mit Führung durch den Beckmann-Saal.

Edith wünscht sich augenblicklich ein Mädchen. Sie spürt schon, es wird ein Mädchen, als sie noch gar nicht weiß, ob sich überhaupt etwas ankündigt. Anna soll es heißen wie die Schwester und genau das schwebt Edith auch vor, wenn sie an dieses zukünftige Wesen denkt, ein Schwesterchen, eine kleine Freundin für ihr Leben fern der Wälder und der Senke ihres Dorfes und jetzt eben endgültig fern, denn im Pfarrhaus, das war ja ein Übergang, und es war nicht absehbar, wohin dieser Übergang sie führen wird.

Hierhin also hat er sie geführt. Zwei makellos tapezierte Zimmer, Bahn für Bahn präzise auf Schuss, allerdings kein Blumenmuster, sondern blasse ockerfarbene Streifen, einem Damast nachempfunden.

Das hat man jetzt so.

Johann pflanzt seinen Wein im Hof, zwischen Birnbaum und Werkstatt. Für alle Zeiten wird man nun seinen Weg um diesen Weinstock herum nehmen müssen. Mal abwarten, ob er überhaupt angeht und treibt. Von den Fenstern der oberen Etage sind vorläufig nur zwei dürre Stöckchen in einem Kreis feuchter Erde auszumachen.

Edith sortiert die Glückwunschkarten. So hübsch sind die kleinen Rosensträußchen und goldgeprägten Hochrufe und Segenswünsche, immer wieder kann man sie vor sich ausbreiten und aufs Neue betrachten und die Unterschriften lesen und aufzählen, wer alles ihrer gedacht hat. Die Lina und die Patentanten und die Nachbarn allesamt und die Frau Pfarrer natürlich mit ihrer geschwungenen Handschrift wünscht gleichfalls eine goldene Zukunft. So sehr sie es auch bedauert, Edith zu verlieren. Die Hände hat sie über dem Kopf zusammengeschlagen vor Louises Ladentheke.