Ich suche dich - Olga Watkins - E-Book

Ich suche dich E-Book

Olga Watkins

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14,99 €

Beschreibung

Eine Liebe, die alle Grenzen überwindet. Als die Gestapo den jungen ungarischen Diplomaten Julius verschleppt, beschließt seine 20-jährige Verlobte Olga, ihn zu suchen. Damit beginnt eine verzweifelte Odyssee, die die junge Frau Tausende Kilometer durch das von den Nazis besetzte Europa führt, wobei sie Verhaftung und ihr Leben riskiert. Obwohl sich der Zweite Weltkrieg seinem blutigen Höhepunkt nähert, weigert sie sich, aufzugeben – selbst als ihr Weg vor den Toren des Konzentrationslagers Buchenwald endet. Als die Amerikaner das Lager befreien, findet sie Julius: schwer erkrankt, aber am Leben. Sie heiraten, kehren zurück nach Budapest. Doch dies bedeutet kein Happy-End – das Paar gerät in die Wirren der Nachkriegszeit. Die 93-jährige Olga Watkins erzählt mit bemerkenswerter Klarheit von dem Mut und der Entschlossenheit, mit der sie sich auf die Suche nach dem Mann begab, den sie liebte.

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Seitenzahl: 436

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Die Fotos stammen aus dem Privatarchiv der Autorin

Das heutige Foto der Autorin: © Splendid Books Limited

Besuchen Sie uns im Internet unter:

www.herbig-verlag.de

© Für die englischsprachige Ausgabe:

Splendid Books Limited, Droxford, Hampshire, 2011

First published by Splendid Books represented by Cathy Miller Foreign Rights Agency, London

Titel der Originalausgabe: The Greatest Love

© Für die deutschsprachige Ausgabe und das eBook:

F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2016

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Opalworks

Satz und eBook-Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-7766-8249-6

© Anthony Graham

Olgas Weg

1. Zagreb – Osijek (278 km)

2. Osijek – Budapest (251 km)

3. Budapest – Osijek (251 km)

4. Osijek – Zagreb (278 km)

5. Zagreb – Wien (360 km)

6. Wien – Budapest via Veszprém (315 km)

7. Budapest – Komárom (97 km)

8. Komárom – Wien (167 km)

9. Wien – Nürnberg (505 km)

10. Nürnberg – München via Passau (420 km)

11. München – Dachau (16 km)

12. Dachau – Erfurt (389 km)

13. Erfurt – Buchenwald (24 km)

Insgesamt: 3369 km

1. KAPITEL

Ich blickte mich fassungslos um, ich konnte nicht begreifen, was ich sah. Überall Wasser. Es bedeckte den gesamten Fußboden unseres kleinen Hauses und schwappte bis zur ersten Treppenstufe empor. Vorsichtig tauchte ich einen Fuß hinein. Es war eisig. Sofort sprang ich auf die Treppe zurück.

»Alles voller Wasser!«, schrie ich aufgeregt.

»Olga? Wovon redest du?«, rief meine Mutter von oben.

Ich vernahm ihre Schritte hinter mir auf dem Treppenabsatz, die polternd hinuntereilten und abrupt innehielten, als meine Mutter das Wasser entdeckte. Sie stöhnte und sah aus, als würde sie in Tränen ausbrechen.

Ich traute meinen Augen immer noch nicht – woher kam all das Wasser? Die Antwort lautete natürlich, von einem der drei Flüsse – Save, Kupa und Odra –, die in meiner Heimatstadt Sisak in Jugoslawien zusammenströmen. Mein Elternhaus war nur eines von Hunderten, die an jenem Tag im Jahre 1926 von einer Überschwemmung heimgesucht wurden.

Für die Kinder stellte sie eine aufregende Abwechslung dar – die älteren hatten an dem Tag schulfrei, und alle nutzten die Gelegenheit, sich in Behelfskanus durch die Straßen treiben zu lassen und Freunden zuzuwinken. Ich war damals drei Jahre alt und hätte mir kein größeres Abenteuer vorstellen können.

Für die Erwachsenen war die Überschwemmung ein Unglück, wenngleich ein vertrautes. Die Flüsse, die in Sisak, ungefähr 56 Kilometer von Zagreb entfernt, zusammentrafen, waren für das Geschäftsleben von Vorteil, da die Stadt einen Hafen besaß, aber von Nachteil für die Häuser, die sich im Umkreis befanden und überflutet wurden. Noch heute gibt es in Sisak nur wenige bemerkenswerte Bauwerke, abgesehen von der mittelalterlichen Festung, die auf einer Anhöhe in der Altstadt errichtet wurde.

Als meine Eltern mit den Aufräumarbeiten begannen, war es daher verzeihlich, dass sie die Flüsse verfluchten, die ständig über die Ufer traten. Mein Vater, Josip Czepf, hatte einen besonders triftigen Grund zu klagen. Er hatte viel Geld ausgegeben, um die Wände unseres Esszimmers mit hochwertigen Paneelen aus der Holzfabrik in Sisak zu verkleiden, und der untere Bereich der Verschalung hatte sich mit Wasser vollgesogen. Die Feuchtigkeit stieg in Windeseile. Er fasste den Entschluss, so bald wie möglich in ein höher gelegenes Haus umzuziehen – mit einem Esszimmer, das groß genug war, um die Holzverkleidung wieder einzubauen.

Als penibler Mensch, der in einer Fabrik vor Ort als Buchhalter arbeitete, war er der Überzeugung, dass eine solche Ausgabe nicht verschwendet werden durfte. Meine Mutter Slava, die in der Verkaufsabteilung des gleichen Betriebes tätig war, wäre sonst zutiefst enttäuscht gewesen.

Sie hatten sich vor acht Jahren in der Shell-Raffinerie in Caprag kennengelernt, einem Außenbezirk von Sisak, wo sie als Dolmetscherin und er in der Buchhaltung angestellt war. Hochgewachsen und von umwerfendem Aussehen, mit strahlenden grünen Augen und jugendlich sprühendem Temperament, hatte sie auf Anhieb Josips Aufmerksamkeit geweckt. Er war acht Jahre älter als sie und ein Mann von kräftiger Statur. Er war groß, hatte dichtes dunkles Haar, einen Schnurrbart, durchdringende braune Augen und eine aufrechte Haltung. Als die beiden heirateten, war sie erst neunzehn, und ich wurde im darauffolgenden Jahr, am 20. März 1923, geboren.

Sisak war eine ruhige Kleinstadt, und wir besuchten regelmäßig den Gottesdienst der katholischen Heilig-Kreuz-Kirche, wo meine Mutter im Chor sang.

Viele Verwandte meiner Mutter wohnten in der Nähe – entweder im Ort selbst oder auf Bauerngehöften in den umliegenden ländlichen Regionen. Ihre Mutter Amalia kam häufig zu Besuch. Meine Großmutter war eine hochgewachsene, elegante Frau, die sich jedes Mal freute, mich zu sehen, aber nichts von ihrem Schwiegersohn Josip hielt, mit dem sie ständig wegen aller nur erdenklichen Belange aneinandergeriet, angefangen vom häuslichen bis hin zum finanziellen Bereich.

1929 war ich sechs Jahre alt, und da es meiner Familie gut ging, bewohnten wir nun ein Haus in der Nähe des Stadtzentrums, dieses Mal höher gelegen. In der Schule gewann ich rasch neue Freunde und war jedes Mal stolz, wenn mich meine Mutter nach dem Unterricht abholte. Sie war bildhübsch und hob sich in ihrem ganzen Erscheinungsbild von den anderen Müttern ab. Sie zog alle Blicke auf sich, und wenn jemand fragte, erwiderte ich stolz: »Das ist meine Mutter.«

Im Lauf der Zeit wurde meine Großmutter immer gebrechlicher. Als unabhängige Frau hatte sie stets Wert darauf gelegt, alleine zu leben, doch in jenem Jahr erlitt sie einen Schlaganfall und trug eine linksseitige Lähmung davon. Sie konnte sich nicht mehr selber versorgen und deshalb wurde beschlossen, dass sie bei uns wohnen sollte.

Mein Vater war alles andere als begeistert, aber es gab keine Alternative, und so kam meine Großmutter zu uns und bezog einen Raum an der Rückseite des Hauses. Der Schlaganfall hatte ihr aber nicht die Sprache verschlagen, und so flammte der schwelende Konflikt mit meinem Vater umgehend und unerbittlich wieder auf.

Ich war dennoch froh über die Gesellschaft meiner Großmutter, suchte häufig Zuflucht in ihrem Zimmer, las ihr vor und erhielt als Gegenleistung Deutschunterricht.

Falls wir das Gefühl hatten, nach dem Schlaganfall meiner Großmutter sei unsere Pechsträhne zu Ende, sollte sich das als Trugschluss erweisen. Der Wall-Street-Börsenkrach mochte am anderen Ende der Welt erfolgt sein, aber die Schockwellen waren noch in Sisak zu spüren. Die Familie meine Mutter musste miterleben, wie viele ihrer Investitionen über Nacht zunichtegemacht wurden und ein rapider Preisverfall in der Landwirtschaft einsetzte. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Leidensgenossen sah sich unsere gut situierte Mittelklasse-Familie in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen plötzlich der Herausforderung gegenüber, den gewohnten Lebensstandard erheblich zurückzuschrauben.

Die häuslichen Spannungen zwischen meinem Vater und meiner Großmutter nahmen zu. Es war abzusehen, dass sich etwas ändern musste – und das tat es bald darauf.

Als meine Mutter eines Tages vom Markt zurückkehrte, wo sie eingekauft hatte, herrschte Totenstille im Haus. Sie eilte in Großmutters Zimmer und fand sie schlafend vor. Ich war mit Freunden unterwegs. Doch wo steckte Josip?

In der Küche fand sie eine handgeschriebene Mitteilung vor; darin hieß es, er habe keine Lust mehr, für die Pflege ihrer Mutter aufzukommen, könne die ständigen Streitereien nicht länger ertragen und habe daher beschlossen zu gehen. Falls sich die Umstände änderten, sei er möglicherweise bereit, zurückzukehren.

Völlig außer sich, den Zettel in der Hand, lief meine Mutter auf die Straße hinaus, als würde sie erwarten, ihren Mann dort vorzufinden. Sie fragte die Nachbarn, aber niemand hatte Josip gesehen. Sie versuchte es in der Fabrik, aber seine Arbeitskollegen hatten ebenfalls keine Ahnung, wo er sich aufhalten könnte. Verloren kehrte sie nach Hause zurück, wo ich inzwischen eingetroffen war und mit meiner Großmutter plauderte. Josip war spurlos verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

Mit meiner Mutter im Alter von einem Jahr

Diese dramatische Veränderung unserer Familiensituation ließ mich relativ unberührt. Während meine Mutter um unser Überleben kämpfte, merkte ich, dass ich meinen Vater immer als ziemlich distanziert und abweisend empfunden hatte, und wandte mich bereitwillig der Familie meiner Mutter zu, um Trost zu suchen. Die Deutschstunden im Zimmer meiner Großmutter im ersten Stock wurden binnen kürzester Zeit fortgesetzt, und Verwandte boten uns ihre finanzielle Unterstützung an, die meine Mutter aus Stolz weitgehend ablehnte. Trotz alledem gefiel mir mein neues Leben.

Mein Onkel Drago betrieb ein Restaurant am Ufer der Kupa und hatte häufig einige der angesehensten Bewohner von Sisak zu Gast. Jeden Tag stand Grillfleisch auf der Speisekarte, und gleich nach Schulschluss pflegte ich ins Restaurant zu laufen, um die Reste des Lammkopfes zu essen, die er für mich aufgehoben hatte. Drago freute sich immer, wenn ich auftauchte: Der Rest der Familie hatte nur Söhne – ich war das einzige Mädchen.

Obwohl sich meine Mutter die größte Mühe gab, etwas über den Verbleib meines Vaters zu erfahren, war er unauffindbar. Er hatte uns völlig mittellos zurückgelassen, und es bestand keine Möglichkeit, Unterhalt von ihm zu fordern, solange wir seinen Aufenthaltsort nicht kannten.

Meine Mutter nahm ihre Tätigkeit in der Fabrik wieder auf, doch die Haushaltshilfen, die sie einstellte, damit sie sich um meine Großmutter und mich kümmerten, blieben nie lange. Schließlich sah sie sich gezwungen, zu kündigen und unseren Lebensunterhalt mit Sticken zu verdienen. Als geschickte Schneiderin konnte sie zu Hause arbeiten und, was noch wichtiger war, ich konnte ihr dabei zur Hand gehen. Und so brachte sie mir schon im Alter von sieben Jahren die Kunst und Kniffe der Textilstickerei bei.

1930 hatte die Elektrizität die Haushalte in Sisak noch nicht erreicht, deshalb arbeiteten wir bis spät in die Nacht im Schein einer Petroleumlampe, die hoch oben auf einem Regal stand, um zu verhindern, dass einer der Stoffe Feuer fing. Die Lampe warf ein gelbliches Licht auf den langen Tisch, an dem wir Platz genommen hatten. Ich saß auf einem Kochtopf, den wir auf den Stuhl gestellt hatten, um mich auf Tischhöhe zu bringen, und bestickte das eine Ende des Stoffes, während meine Mutter das gegenüberliegenden Ende mit Zierstichen versah. Ich lernte schnell, und wir plauderten wie langjährige Freundinnen miteinander, während wir arbeiteten, die Köpfe über den Stoff gebeugt, die Finger im Lampenschein flink hin und her gleitend. Am Abend legten wir eine Pause ein, um ein Brot mit Salami zu essen, bevor wir wieder zur Nadel griffen.

Mit meinem Vater, 1925

Doch das Leben bestand nicht nur aus Arbeit. Einer meiner Onkel besaß einen großen Bauernhof am Stadtrand, und ich half ihm oft, wenn er seinen Landarbeitern mit dem Pferdewagen Essen aufs Feld brachte. Er knallte mit der Peitsche, damit das Gespann eine schnellere Gangart einschlug, und wir galoppierten über die holperigen Wege, während ich mich am Sitz festklammerte und um mein Leben fürchtete, bis er das Tempo drosselte und wir an einer Scheune oder einem Gatter zum Stillstand kamen. Dann sprang ich vom Kutschbock, einen Korb mit belegten Broten am Arm, lief zum Vorarbeiter und übergab ihm die Stärkung. Der köstliche Duft der Salami löste jedes Mal Heißhungergefühle in mir aus, und ich neidete den Feldarbeitern das Essen.

Im Winter, wenn sich die Landschaft unter einer Schneedecke verbarg, brannten unsere Gesichter in der schneidenden Kälte, wenn die Pferde mit ihren Hufen ihren eigenen Schneesturm aufwirbelten. Mein Onkel wickelte mich in eine Fuchspelzstola, bevor wir losfuhren. »Ich fühle mich wie eine große Dame, wenn ich im Pelz auf dem Kutschbock sitze«, vertraute ich meiner Mutter an.

Genau wie viele andere Kinder in dieser Zeit musste ich schnell erwachsen werden. Schon bald war ich für die Familieneinkäufe auf dem Markt und das Feilschen um den Preis für Käse, Eier, Obst, Gemüse und Hühner verantwortlich. Ich lernte rasch, die Hühner, die damals lebend angeboten wurden, auf den Boden zu legen und sie mit dem Fuß abzutasten, um ihre Fleischqualität zu prüfen. »Mein liebe Olga, du bist ja eine ganz Schlaue!«, pflegten mich die Standbesitzer aufzuziehen. »Schade, wir hätten dir gerne dieses knochige alte Huhn verkauft.«

Sonntags gingen meine Mutter und ich in die Kirche, und danach gab es goldgelb gebackenes Hühnchen und Apfelkuchen als krönenden Abschluss. Zwischen April und Oktober, wenn das Wetter milder war, unternahmen wir Wanderungen in die ländliche Umgebung, wo wir ein Picknick veranstalten. Während wir im Gras saßen und die Ruhe genossen, zeigte meine Mutter mir, wie man aus Gänseblümchen Ketten macht, und erzählte mir Geschichten aus ihrer Jugend.

1933 verlief unser Leben in geordneten Bahnen. Es gab keinerlei Luxus, aber wir kamen über die Runden. Die Tatsache, dass mehr als tausend Kilometer entfernt, in der deutschen Hauptstadt Berlin, Adolf Hitler soeben zum Reichskanzler ernannt worden war, interessierte uns nicht im Geringsten. Die kleine deutsche Bevölkerungsgruppe, die sich in Jugoslawien angesiedelt hatte, mochte das aufregend finden. Aber welche Auswirkungen hätte diese politische Wende auf uns haben sollen? Nein, in unserem Alltag gab es auch so schon genug Sorgen – der Rest der Welt sollte sehen, wie er alleine zurechtkam. Tatsache war, dass ich mich selbst mit einem unverhofften Problem konfrontiert sah.

Ich war gerade zehn Jahre alt, als ich eines Abends über meine Stickerei gebeugt feststellte, dass meine Sehschärfe nachließ, und nicht nur das: Die sauber abgegrenzten Stiche verschwammen vor meinen Augen. Die Kanten wirkten verwischt, die Farben schienen zu verlaufen. Ich blinzelte und rieb mir die Augen. Es fühlte sich an, als wären Sandkörner hineingeraten, und das Rubbeln schien es nur noch schlimmer zu machen.

Im Lauf der nächsten Wochen schmerzten meine Augen immer mehr, und mein Sehvermögen nahm rapide ab. Bei jedem Blinzeln tat es weh. Unser Hausarzt überwies mich an einen Augenspezialisten in Sisak, der ebenfalls vor einem Rätsel stand und eine Klinik in Zagreb für weitere Untersuchungen empfahl.

»Sie haben dort eine bessere medizinische Ausrüstung und die entsprechenden Medikamente«, erklärte er meiner Mutter. »Sie sind eher in der Lage, Ihrem Kind zu helfen.«

Meine Mutter und ich fuhren mit dem Zug in das 56 Kilometer entfernte Zagreb zu einer Reihe von Terminen in der Klinik. Die Zugfahrt eröffnete mir Einblicke in eine völlig neue Welt, die voller Überraschungen steckte. Bauern stiegen unterwegs mit lebendem Federvieh im Käfig oder Nutztieren ein, die sie am Strick hinter sich herzogen. Alle schienen reichlich Verpflegung dabeizuhaben. Wein wurde in riesigen Ballons transportiert, die zu zerbrechen drohten, wenn sie im ratternden und rüttelnden Zug gegen die Seitenwände des Abteils krachten. Auf das Zersplittern der Glasbehältnisse folgte lautes Gejammer und Gezeter.

Während die meisten Fahrgäste die Märkte in Zagreb ansteuerten, gingen meine Mutter und ich in die Klinik. Das geschäftige Hin und Her und die Menschenmenge in der Großstadt zu beobachten war aufregend, doch trotz der Zuversicht unseres Hausarztes in Sisak gelang es den Spezialisten in Zagreb genauso wenig wie ihm, den Grund für das nachlassende Sehvermögen zu entdecken.

Verschiedene Behandlungsmethoden wurden erprobt, doch nichts half, die Beschwerden hielten unvermindert an. Die Freude über die Besuche in Zagreb wurde bald von einem Gefühl der Angst verdrängt: Meine Welt schrumpfte fortwährend.

»Werde ich erblinden, Mama?«, fragte ich.

»Nein, natürlich nicht, die Ärzte werden das schon in den Griff bekommen«, versicherte sie mir, verbarg ihre Sorgen und die bange Frage, wer mir jetzt noch helfen könnte.

Die Kosten der Fahrten und der Behandlung waren eine große Belastung für meine Mutter, die ohnehin nur wenig Geld verdient und nun auch noch ihre Stickerei-Gehilfin verloren hatte. Sie sah sich gezwungen, ihre besten Möbel und ihren Schmuck zu verkaufen.

Ich musste eine Brille mit dunklen Gläsern tragen, um meine Augen zu schützen, und konnte nicht mehr zur Schule gehen; deshalb verbrachte ich meine Zeit damit, auf einem Stuhl vor dem Haus zu sitzen und zuzuhören, wie die anderen Kinder draußen spielten. Die Tage, an denen ich zum Restaurant meines Onkels Drago gelaufen war, um Lammkopf zu essen und auf dem Kutschbock mitzufahren, gehörten ein für alle Mal der Vergangenheit an. Meine Welt war plötzlich dunkel geworden, der Horizont äußerst begrenzt.

Ich hatte große Angst. Das Augenlicht zu verlieren ist ein erschreckender Gedanke für ein Kind und ich weinte oft, fürchtete um meine Zukunft. Meine Mutter war verzweifelt. Wir hatten die besten Spezialisten in Zagreb aufgesucht und uns dabei buchstäblich finanziell ruiniert. Wenn sie mich nicht heilen konnten, wer dann?

Hilfe nahte, dank eines Zufalls.

Eine Frau, die eine Familie in unserer Straße besuchte, sah mich auf meinem Stuhl sitzen, die Augen hinter der dunklen Brille verborgen, und fragte mich, was mir fehle.

Ich erklärte es ihr, und die Frau, die sich mit Brun vorstellte, bat, sich meine Augen anschauen zu dürfen. Sie betrachtete sie eingehend und holte dann aus ihrer Jackentasche ein kleines Vergrößerungsglas hervor. Dann folgte eine noch genauere Untersuchung.

»Ich glaube, ich weiß, was nicht stimmt«, sagte sie.

»Wirklich?«

»Ja, ich denke schon. Ist deine Mutter oder dein Vater da?«

»Meine Mutter ist drinnen.« Ich sprang auf und lief ins Haus, rief nach ihr.

Frau Brun erklärte meiner Mutter, das Problem sei nach ihrer Einschätzung, dass ich nicht eine, sondern zwei Wimpernreihen besaß, eine Erkrankung, die heute unter der Bezeichnung Distichiasis bekannt ist. Erschwerend hinzu kam, dass eine der Wimpernreihen nach innen wuchs und gegen die Hornhaut des Auges stieß, wo sie ein Wimpernscheuern verursachte, in der medizinischen Fachsprache Trichiasis genannt. Jede Bewegung des Lids verletzt dabei die Bindehaut des Auges, sodass darunter Blutungen entstehen. Es handelt sich, auch heute noch, um eine seltene Erkrankung, die damals buchstäblich unbekannt war. Die Diagnose erwies sich vor allem deshalb als schwierig, weil die zweite Wimpernreihe meistens farblos und daher schwer zu erkennen ist.

Zum Glück war Frau Brun sicher, meine Augen behandeln zu können. Sie besuchte uns noch zwei Mal, wobei sie die Wimpern mit Öl und Pinzette entfernte. Die Prozedur war schmerzhaft, und es gab Augenblicke, in denen ich weinte und mich fragte, ob sie tatsächlich den erhofften Erfolg bringen würde. Doch innerhalb einer Woche besserte sich mein Sehvermögen, und ich konnte die Augen ohne Probleme öffnen und schließen.

Frau Brun kam noch ein weiteres Mal und war zufrieden mit meinen Fortschritten. Ich bedankte mich überschwänglich, und meine Mutter bot ihr als Bezahlung alles an, was wir erübrigen konnten. Es war nicht viel. Doch Frau Brun wies das Geld zurück und wünschte uns alles Gute. Wir sahen sie nie wieder.

Briefe waren in unserem Haushalt kein alltägliches Vorkommnis, und wenn einer eintraf, herrschte große Spannung. Ich freute mich mit kindlicher Neugierde auf das Öffnen, während meine Mutter als Erwachsene Angst davor hatte, weil sie Zahlungsaufforderungen und andere Hiobsbotschaften erwartete.

Eines Tages traf ein Brief aus Zagreb ein, in einer sorgfältigen, akkuraten Handschrift verfasst; er enthielt sensationelle Nachrichten, für uns beide. Er stammte von einer Freundin meiner Muttern namens Helga, die im Hauptpostamt in Zagreb arbeitete. Beim Sortieren der Post war sie vor ein paar Tagen auf einen Umschlag gestoßen, der an einen »Josip Czepf« adressiert war, und hatte sich gefragt, ob es sich um meinen verschollenen Vater handeln könnte.

Helga hatte die Adresse notiert, und meine Mutter schaltete einen Rechtsanwalt in Sisak ein, der herausfinden sollte, ob es tatsächlich ihr Mann war; wenn ja, sollte er Klage gegen ihn einreichen, um den Unterhalt einzufordern, den er uns schuldete.

Es dauerte nicht lange, bis die Wahrheit ans Licht kam. Es war tatsächlich mein Vater: Er arbeitete jetzt als Chefbuchhalter der Asphaltfabrik Res in Zagreb und lebte mit einer wohlhabenden ungarischen Jüdin namens Ilona Ungarl zusammen.

Die gerichtlichen Schritte waren bald in die Wege geleitet, und ein Familiengericht in Zagreb ordnete an, dass Josip den Unterhalt von vier Jahren nachzahlen plus eine regelmäßige finanzielle Unterstützung leisten musste. Unter dem Strich kam eine beträchtliche Summe zusammen, und er verzieh meiner Mutter nie, dass sie diese Maßnahme auch nur in Erwägung gezogen hatte.

Doch sie erleichterte unser Leben in Sisak beträchtlich. Mit meiner Rückkehr zur Schule und dem Geld, das schließlich von meinem Vater eintraf, schien es, als würde es mit uns endlich bergauf gehen.

Doch dann, als die Kälte des Winters Einzug in die Stadt hielt und die Flüsse streckenweise einfroren, wurde meine Großmutter krank. Ich war damals elf Jahre alt und musste tatenlos zusehen, wie die Ärzte kamen und gingen. Ich hörte ihre schweren Schritt auf der Treppe und ihre leise Unterhaltung vor der Zimmertür meiner Großmutter. Niemand sagte mir, was los war, aber ich spürte aus irgendeinem Grund, dass ihre Tage gezählt waren.

Anfang Dezember sanken die Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt. Die Landschaft lag unter einer weißen Schneedecke begraben, und Eiszapfen hingen von den Dachsparren der Häuser. Am 3. Dezember fiel meine Großmutter in ihrem Zimmer ins Koma.

Meine Mutter nahm mich mit hinauf, damit ich sie noch einmal sehen konnte. Die alte Frau lag reglos und bleich da, mit geschlossenen Augen. Sie würde nie wieder Deutsch mit mir sprechen, mich fragen, wie es in der Schule gewesen war, oder meinen Vater als Taugenichts verfluchen. Ich berührte ihre Hand, war mir schmerzhaft der hauchdünnen Haut und zerbrechlichen Knochen bewusst, bevor ich sie behutsam auf die Stirn küsste.

Drei Tage später, am 6. Dezember 1934, starb meine Großmutter Amalia im Alter von 72 Jahren. Wie in unserer Gegend üblich, wurde sie innerhalb von 24 Stunden bestattet. Die Familie eilte herbei und füllte die Kirchenbänke, und ich entdeckte Drago, der im Pferdewagen angereist war, meinen Onkel, der den Bauernhof bewirtschaftete, und viele Cousins und Cousinen unter den Besuchern.

Nach dem Trauergottesdienst kamen alle Teilnehmer zu uns nach Hause, und das Stimmengewirr der Erwachsenen tönte durch alle Räume. Ich lief zwischen den verschiedenen Grüppchen hin und her, die sich zusammengefunden hatten, sprach mit meinen Verwandten, nahm Beileidsbekundungen entgegen und schnappte Bruchstücke der Unterhaltung auf.

Als ich den Raum betrat, hörte ich zufällig, wie meine Mutter zu ihrer Freundin Anna sagte: »Weißt du, Anna, ich habe das Gefühl, dass ich als Nächste an der Reihe bin.«

»Ach, hör auf«, erwiderte Anna. »Jetzt, wo alle Probleme mit Josip und der Krankheit deiner Mutter gelöst sind, kannst du ein neues Leben beginnen. Vergiss dieses dumme Gerede über den Tod, du bist schließlich erst 33. Und du hast eine Tochter, die dich braucht.«

Plötzlich bemerkten sie meine Anwesenheit und drehten sich zu mir um, lächelnd, als sei nichts gewesen.

Später, als die meisten Verwandten aufgebrochen waren, blieb Anna noch eine Weile. Meine Mutter drückte mir ein Kartenspiel in die Hand, und ich gesellte mich zu den beiden Frauen an den Tisch und verteilte die Karten. Im Raum war es warm, und nach den Aufregungen des Tages wurde ich rasch müde und machte es mir auf dem Fußboden bequem. Ich schlief ein, wachte aber immer wieder auf und hörte Bruchstücke der Unterhaltung mit.

Irgendwann gestand meine Mutter ihrer Freundin Anna: »Ich mache mir Sorgen, dass Olga nie einen Mann finden wird. So dünn und hässlich, wie sie ist.«

Die Bemerkung verletzte mich zutiefst. War ich hässlich? Noch Tage danach starrte ich mein Bild im Spiegel an, begutachtete meine Lippen, meine Augen und meine dunklen Haare. Was würde die Zukunft für mich bereithalten, wenn ich wirklich so hässlich war, wie meine Mutter behauptete?

Im Juli 1936 erlebte Sisak eine ungewöhnliche Hitzewelle. Die Kinder tummelten sich an den Flussufern; die kühneren schwammen in dem kalten Wasser, während die anderen auf der Straße spielten oder mit der Familie zum Picknick aufs Land hinausfuhren. In den Straßencafés herrschte Hochbetrieb, die Männer nutzten die Gelegenheit, um den ganzen Tag zu faulenzen und zu trinken.

Den Frauen bot das Wetter eine Chance, den hinausgeschobenen Frühjahrsputz zu verrichten, und am 20. Juli fing meine Mutter mit den Teppichen im Wohnzimmer an, die sie draußen über den Zaun hängte und mit dem Teppichklopfer bearbeitete, bis sie von Staubwolken bedeckt war.

»Olga!«, rief sie. Als ich zu ihr eilte, drückte sie mir ein paar Münzen in die Hand. »Geh doch bitte los und kauf Milch.«

Ich nahm das Geld und lief aus dem Haus, glücklich darüber, einen Vorwand zu haben, um bei der Hitze im Freien zu sein und Leute zu treffen. Ich war inzwischen dreizehn Jahre alt und wurde unterwegs immer wieder von den Markthändlern und Geschäftsinhabern begrüßt, die mich von meinen wöchentlichen Einkäufen kannten.

»Ah, Olga, komm herein und gib dein Geld bei mir aus!«, riefen sie. Ich winkte ihnen lachend zu und setzte meinen Weg fort, um die Milch zu besorgen.

Anschließend schlenderte ich durch die vertrauten Straßen, grüßte die Passanten, plauderte mit meinen Freundinnen und hielt hin und wieder an, um die Schaufenster zu betrachten.

Ich kehrte mit Sicherheit nicht auf dem kürzesten Weg nach Hause zurück, doch als ich langsam unsere Straße entlangging, tauchte plötzlich eine Nachbarin auf, mit besorgter Miene.

»Lauf los, hol den Arzt!«, schrie sie. »Deiner Mutter geht es nicht gut!«

Ich stellte die Milch ab und rannte zum Doktor, der mich nach Hause begleitete. Die Nachbarn hatten meine Mutter ins Haus gebracht und aufs Bett gelegt. Der Arzt maß ihre Temperatur. »Hol deine Tante Tonka – beeil dich!«, sagte er an mich gewandt. Abermals rannte ich los, und auch dieses Mal hatte ich ähnlich wie bei meiner Großmutter das sichere Gefühl, dass mir die Erwachsenen nicht alles sagten.

Tante Tonka – die Schwägerin meiner Mutter – kam sofort mit, aber sie schloss die Zimmertür, während sie mit dem Doktor sprach, und ich musste draußen bleiben. Durch die Tür hörte ich, wie sich die beiden im Flüsterton unterhielten. Schließlich tauchte meine Tante wieder auf und ging mir ins Wohnzimmer voran.

»Deine Mutter ist sehr krank«, eröffnete sie mir. »Sie hat eine Lungenentzündung und muss in die Klinik nach Zagreb; dort ist die medizinische Versorgung besser als in Sisak.«

Ich erinnerte mich, dass man mir das schon einmal erzählt hatte – und schon damals erwies sich das als Trugschluss.

Eine Ambulanz fuhr vor, und ich sah zu, wie meine Mutter aus dem Haus gebracht und die Trage im rückwärtigen Teil verstaut wurde, bevor sich der Wagen in Bewegung setzte und langsam die Straße entlangfuhr. Tante Tonka blieb bei mir, aber wir sprachen wenig. »Deine Mutter ist lebensgefährlich erkrankt; die Ärzte wissen noch nicht, ob sie durchkommt«, eröffnete sie mir.

Ich war am Boden zerstört. Meine Mutter und ich waren eng miteinander verbunden, eher wie Schwestern als wie Mutter und Tochter, eine Nähe, die durch die langen gemeinsamen Stickabende und die sommerlichen Picknicks auf dem Lande entstanden war. Meine Mutter umsorgte und liebte mich. Ohne sie hatte ich niemanden mehr auf der Welt.

An jenem Abend weinte und betete ich: »Ich bin doch erst dreizehn. Bitte, nimm sie mir nicht weg«, flüsterte ich in der Dunkelheit.

Am nächsten Tag folgte die nächste Hiobsbotschaft. Tonka erklärte, sie könne nicht länger bleiben, um mich zu versorgen – sie müsse wieder arbeiten und sich um ihre eigene Familie kümmern. Ich sollte nach Zagreb geschickt werden, zu meinem Vater, und dort bleiben, bis meine Mutter genesen wäre.

Mein Vater? Ich hatte ihn seit meinem sechsten Lebensjahr nicht mehr gesehen, als er uns verließ. Die Aussicht erfüllte mich mit Angst.

Die Zugfahrt nach Zagreb hielt dieses Mal keine Aufregungen für mich bereit; stattdessen hatte ich dunkle Vorahnungen. Tonka begleitete mich, und als wir auf dem Bahnhof ankamen, wurden wir von einem Paar erwartet. Ich stand meinem Vater zum ersten Mal seit sieben Jahren gegenüber. Mit der typischen Aufsässigkeit eines Teenagers weigerte ich mich, ihn zu begrüßen. An seiner Seite befand sich eine kleine, dicke, gewöhnlich aussehende Frau, ganz anders als meine hochgewachsene, elegante Mutter. Ilona Ungarl, wie sich herausstellte. Josip war damals 41 Jahre alt, Ilona 49; in meinen Augen wirkten beide uralt, verglichen mit meiner schönen jugendlichen Mutter.

Vor dem Bahnhof wartete ein Wagen mit Chauffeur. Niemand sprach während der kurzen Fahrt zum Haus meines Vaters, ein Haus, das sich auf dem ummauerten Gelände der Fabrik befand, in der er arbeitete.

Es schien, als hätte diese kurze Fahrt mein Leben unwiederbringlich verändert. Ich hatte keine Freunde in Zagreb, keine Cousins und Cousinen, keine gutherzigen Onkel – nur Fabrikmauern, die mich umgaben.

Im Haus meines Vaters in Zagreb ging es steif und formal zu. Dazu kam, dass ich praktisch bei wildfremden Menschen lebte. Mein Vater war unnahbar und eindeutig alles andere als erfreut, sich plötzlich um eine eigensinnige Dreizehnjährige kümmern zu müssen, während Ilona an allem, was ich tat, etwas auszusetzen hatte.

Ich erhielt ein kleines Zimmer im hinteren Bereich des Hauses mit einem Fenster zugewiesen, das einen trostlosen Ausblick auf die Fabrikmauern bot.

Ich hoffte inständig, dass meine Mutter bald wieder gesund sein würde und wir unser glückliches Leben in Sisak fortsetzen konnten. Mein Vater arbeitete den ganzen Tag, während Ilona mich zum Einkaufen mitnahm. Unsere Unterhaltung war gekünstelt, und ich machte keinen Hehl aus meiner Abneigung gegenüber der anderen Frau im Leben meines Vaters. Die Abende verbrachte ich alleine in meinem Zimmer, dachte immerzu an meine Mutter. Ich fragte meinen Vater ständig, ob er Nachrichten aus dem Krankenhaus habe. »Wenn ich etwas höre, lasse ich es dich wissen«, erwiderte er ungehalten.

Am 27. Juli 1936, an dem ersten Samstag, den ich in Zagreb verbrachte, schlug mein Vater vor, Freunde zum Kaffeetrinken zu besuchen. Während der Fahrt, als wir schweigend hinter dem Chauffeur saßen, kamen wir an einem Krankenhaus vorüber; ich war überzeugt, dass es die Klinik war, in der meine Mutter behandelt wurde, obwohl alle anderen demonstrativ in die andere Richtung blickten.

»Da ist das Krankenhaus!«, rief ich. »Bitte lasst uns anhalten, hineingehen und fragen, wie es Mutter geht.«

»Unsinn«, entgegnete mein Vater ungeduldig. »Wir würden zu spät zum Kaffee kommen, und sie warten auf uns.«

Ich ließ mich in den Sitz zurückfallen, von Traurigkeit überwältigt. Ich wollte unbedingt meine Mutter sehen, aber man ließ mich nicht zu ihr. Warum nicht? Ich brach in Tränen aus.

Montagmorgen wurde ich von meinem Vater ins Wohnzimmer zitiert. Die Vorhänge waren teilweise zugezogen, warfen tiefe Schatten.

Zwischen uns herrschte lange Zeit Stille, bevor er mir die Nachricht überbrachte, die ich befürchtet hatte: Meine Mutter war Samstagmorgen gestorben.

Wie betäubt rief ich mir noch einmal die Ereignisse an jenem Tag in Erinnerung. Wenn sie angehalten hätten, hätte ich die Chance gehabt, sie ein letztes Mal zu sehen; ich hätte bei ihr sein und ihre Hand halten können. Ich war völlig aufgelöst und viel zu wütend, um weinen zu können – ich ballte die Fäuste und starrte meinen Vater hasserfüllt an. Wie konnte er so grausam sein?

Doch das war noch nicht alles. Die Beisetzung war für den Nachmittag anberaumt, doch mein Vater blieb ihr fern; meine »Stiefmutter«, wie er Ilona nannte, würde mich begleiten. Ich konnte es nicht fassen. Nach allem, was er meiner Mutter angetan hatte, besaß er nicht einmal den Anstand, zu ihrer Beerdigung zu gehen.

»Warum nimmt du nicht daran teil?«, verlangte ich zu wissen.

»Du bist zu jung, um das zu verstehen.«

»Hast du der Familie meiner Mutter wegen der Beerdigung Bescheid gesagt?«

»Nein.«

Verbittert und wutentbrannt lief ich aus dem Raum. Ich habe niemals vergessen, wie eiskalt mein Vater an jenem Tag reagierte.

Am Nachmittag kleidete ich mich sorgfältig an und fuhr mit meiner »Stiefmutter« und zwei ihrer Freundinnen zum Friedhof. Sie gingen vor Beginn des Trauergottesdienstes mit mir zum Sarg und öffneten ihn für mich, damit ich einen letzten Blick auf meine Mutter werfen konnte.

Ich konnte nicht glauben, dass sie es war. Die prachtvollen schwarzen Haare, auf die sie so stolz gewesen war, waren schneeweiß geworden, obwohl sie erst fünfunddreißig Jahre alt war; die tödliche Krankheit hatte bewirkt, dass sie verhärmt und alt aussah.

Sie schlossen den Sarg, viel zu schnell, aber ich verlangte, dass sie ihn noch einmal öffneten, damit ich Abschied nehmen konnte. Ich brachte meinen Mund nahe an ihr Ohr und strich ihr sanft über das Gesicht. »Leb wohl, ich liebe dich«, flüsterte ich ihr zu.

Ich trat vom Sarg zurück, während die drei Frauen mich genau beobachteten. Die Gefühle drohten mich zu überwältigen – Kummer, Wut, Verzweiflung –, aber ich war zu erregt, um zu weinen. Später sagte Ilona zu ihren Freundinnen: »Olga ist herzlos; sie hat ihrer eigenen Mutter keine einzige Träne nachgeweint; wie kann ich da erwarten, dass sie Gefühle für mich aufbringt?«

Ein paar Tage später fuhren meine Stiefmutter und ich nach Sisak, um meine Sachen zusammenzupacken und das Haus auszuräumen. Die Verwandten meiner Mutter waren entsetzt und wütend, dass man sie nicht von der Beerdigung in Kenntnis gesetzt hatte – sie hatten erst jetzt erfahren, dass sie gestorben war.

Drago umarmte mich. »Meine Kleine, was soll nur aus dir werden?«, sagte er. »Im Notfall werden wir dich alle finanziell unterstützen, bis du die Schule beendet hast.«

Unsere Habe war rasch verkauft. Es brach mir das Herz, mitansehen zu müssen, wie die handgestickten Tischdecken und Kissenbezüge, an denen meine Mutter und ich so hart gearbeitet hatten, für wenig Geld den Besitzer wechselten.

»Darf ich etwas davon behalten und nach Zagreb mitnehmen?«, fragte ich meine Stiefmutter.

»Nein«, erwiderte sie. »Du brauchst nichts. Und wenn doch, bekommst du es von uns.«

Ich verabschiedete mich von den Verwandten und Orten, die meine Kindheit geprägt hatten, und nahm nichts mit als meine eigenen Kleider.

Als ich Tante Tonka Lebewohl sagte, drückte sie mir unbemerkt einen Ring mit einem einzelnen Diamanten in die Hand. »Er hat deiner Mutter gehört«, flüsterte sie mir zu. »Sie wollte, dass du ihn bekommst. Hier, nimm ihn.«

Ich versteckte den Diamantring in meiner Tasche und ging zu meiner Stiefmutter, um mit ihr nach Zagreb zurückzufahren. Ich warf einen letzten Blick auf Sisak und die Menschen, die ich mein Leben lang gekannt und geliebt hatte. Würde ich sie jemals wiedersehen?

Gewiss nicht, wenn es nach meinem Vater ginge. Nach der Rückkehr in das Haus in Zagreb nahm er mich zur Seite. »Sisak gehört der Vergangenheit an«, sagte er. »Hier in Zagreb beginnt für dich ein neues Leben. Ein anderes Leben. Kein armseliges leben wie bisher. Du wirst alles haben, was du brauchst. Von jetzt an wirst du deine Stiefmutter ›Mutter‹ nennen, denn sie wird sich um dich kümmern.«

Ich antwortete nicht, sondern verließ wortlos den Raum, während mein Vater mir in Gedanken nachschaute.

Ich habe Ilona kein einziges Mal in meinem Leben »Mutter« genannt.

2. KAPITEL

Der Zweite Weltkrieg dauerte schon eine Weile an, bis er Jugoslawien erreichte. Wir beobachteten beklommen, wie Hitlers Truppen einen Großteil Europas eroberten, und bangten um unsere eigene Zukunft. Mächtigere Nationen als unsere waren besiegt worden und unsere ungarischen Nachbarn hatten mit den Deutschen einen Pakt geschlossen. Die Vorzeichen waren unheilvoll und ich hörte oft, wie sich die Erwachsenen mit gedämpfter Stimme über den Krieg und die Auswirkungen auf unser Leben unterhielten. Es waren nicht nur die Deutschen, die wir fürchten mussten. Mussolini, Hitlers Verbündeter in Rom, hatte territoriale Ansprüche geltend gemacht und seit Langem ein Auge auf unser Land geworfen.

Der jugoslawische Ministerpräsident Milan Stojadinovic herrschte über ein korruptes System, das dem Untergang geweiht war. Die Wahlen waren alles andere als geheim – jeder, der zur Urne ging, musste sich offen zu seiner Entscheidung bekennen, die neben seinem Namen ins Wählerverzeichnis eingetragen wurde. Es war üblich, dass die Kandidaten, die einen Posten in der Regierung anstrebten, Geschenke im Austausch gegen Wählerstimmen verteilten. In einigen Regionen des Landes bestachen die Funktionäre die Wähler mit Opanken, den traditionellen Lederschuhen ohne Brandsohle und Absatz – den einen Schuh erhielten sie vor der Wahl, den anderen nach der Stimmabgabe. Angehörige des öffentlichen Dienstes liefen Gefahr, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wenn sie die Opposition wählten.

Das Land ließ alle Anzeichen einer gespaltenen Nation erkennen. Die Feindseligkeiten zwischen Serben und Kroaten bestanden seit Generationen und spitzten sich immer mehr zu. Belgrad, die Hauptstadt Jugoslawiens, war zur serbischen Hochburg geworden, während Zagreb die Hauptstadt Kroatiens war, ein Land, das einen getrennten Staat forderte.

Genau wie im restlichen Europa war in den 1930er-Jahren auch in Kroatien eine hausgemachte faschistische Bewegung entstanden, die Ustascha, an deren Spitze Ante Pavelić stand, eines der Gründungsmitglieder. Sie strebte einen eigenständigen kroatischen Nationalstaat an, in dem nur Kroaten als Bürger geduldet werden und eine Gesellschaft nach ähnlich totalitärem Muster wie Deutschland und Italien entstehen sollte. Doch abgesehen von den immer wieder aufflammenden Kämpfen mit Anhängern der kommunistischen Partei, die normalerweise auf die Umgebung der Universität von Zagreb beschränkt waren, hatte die Ustascha nur wenig Einfluss auf unseren Alltag.

Als 1939 der Krieg ausbrach, befand sich Pavelić in Italien im Exil, um sich der Todesstrafe zu entziehen, die ein Gericht in Belgrad wegen antiserbischer Aktivitäten gegen ihn verhängt hatte.

Am 6. April 1941, als das Königreich Jugoslawien von Deutschland, Italien, Ungarn und Bulgarien besetzt wurde, bot sich ihm die Gelegenheit zur Rückkehr. Ustascha-Anhänger und die ethnische Minderheit der in Jugoslawien lebenden Deutschen unterstützen die Invasoren, indem sie Sabotageakte verübten und den Kroaten die Aussicht auf einen eigenen unabhängigen Staat schmackhaft machten. Ihr Plan ging auf. Als die deutschen und italienischen Truppen vier Tage später in Zagreb einmarschierten, wurden sie von einer jubelnden Menschenmenge begrüßt. Die Befreier waren endlich da.

Im Haus meines Vaters auf dem Werksgelände der Fabrik konnte von Freude keine Rede sein. An dem Tag, als die Soldaten in die Stadt einrückten, war ich gerade 18 Jahre alt und machte einen Spaziergang mit unserem Hund und Frau Graf, einer Freundin der Familie. Während sie versuchte, ihre beiden eigenen großen Hunde in Schach zu halten, eilte ich voraus. Wir blieben wie angewurzelt stehen, als plötzlich das Heulen der Sirenen ertönte, die vor einem Luftangriff auf unsere Stadt warnten. Aus Angst vor einer Bombardierung liefen wir umgehend nach Hause zurück. Doch die Bomben blieben aus, es herrschte gespenstische Stille.

Die ganze Familie hatte sich versammelt, wartete darauf, zu erfahren, wie es nun mit unserem Land weitergehen sollte, als mit einem Mal laut gegen die Tür gehämmert wurde. »Aufmachen!«, brüllte eine Stimme.

Auf der Schwelle standen zwei Männer in kroatischer Uniform. »Wir möchten Ihnen mitteilen, dass ein neuer unabhängiger Staat Kroatien ausgerufen wurde«, erklärten sie, bevor sie kehrtmachten und wieder wegmarschierten.

Frau Graf sah blass aus. »Jetzt sind wir in Gefahr«, flüsterte sie mir zu, während mein Vater nur meinte: »Wir haben jetzt einen eigenen Staat.« Wie von Zauberhand füllten sich die Straßen mit italienischen Soldaten. Ich beobachtete die dunklen, exotisch wirkenden und gut aussehenden Männer vom Fenster aus, weil mein Vater mir verboten hatte, das Haus zu verlassen und mich unter die Menschenmenge zu mischen.

Am darauffolgenden Tag war das Zentrum von Zagreb menschenleer – die ganze Stadt schien darauf zu warten, dass sich ihr Schicksal erfüllte. Mein Vater verbrachte den Tag damit, im ganzen Haus Verstecke für den kostbaren, von der Familie gehorteten Goldschatz zu schaffen.

Fünf Tage später kehrte später kehrte Pavelić im Schutz der Dunkelheit mit mehreren Hundert Anhängern nach Zagreb zurück, die in der Stadt ausschwärmten und an den strategisch wichtigen Punkten die Kontrolle übernahmen. Sich als Poglavnik – als Staatsführer – stilisierend, begann er nun, seinen unabhängigen Staat Kroatien mit gnadenloser Brutalität zu regieren.

Die Ustascha-Milizen durchforsteten das Land, übten blutige Rache an ihren Feinden im Allgemeinen und an den Serben im Besonderen. Als Geste gegenüber den Deutschen brachten sie antisemitische Gesetzesverordnungen auf den Weg, doch anfangs zielten ihre Aktivitäten eher auf die Ausrottung der Serben in Kroatien als auf die Verfolgung der Juden ab.

Eine Atmosphäre der Angst breitete sich in jedem Viertel der Stadt aus. Ich besuchte die letzte Klasse der Privatschule St. Vincent de Paul, die von einem französischen Nonnenorden geleitet wurde, und mein Schulweg führte durch vertraute Straßen. Eines Morgens, kurz nachdem die Ustascha die Macht übernommen hatte, sah ich ein Kleiderbündel vom Geäst eines Baumes herabhängen. Ich wunderte mich, wie jemand auf die Idee kam, Kleider in einem Baum abzulegen, doch beim Näherkommen erkannte ich mit wachsendem Entsetzen, dass es sich um einen Mann handelte, der aufgehängt worden war. Ein Stück die Straße hinunter entdeckte ich eine weitere Leiche, und kurz darauf noch eine.

Ich ging schneller, mit gesenktem Kopf, den Blick starr auf den Boden gerichtet, während die Leichen über mir an den Ästen hingen. Als ich das Eingangstor der Schule erreichte, rannte ich los.

Es war eine schreckliche Zeit, doch abgesehen von den Nahrungsmittelengpässen wären wir von diesen Ereignissen relativ unberührt geblieben, bis auf eine Sache: Meine Stiefmutter war Jüdin. Dennoch fühlten wir uns nicht unmittelbar bedroht – wir glaubten, die Serben hätten mehr zu befürchten. In dieser Phase des Krieges, 1941, hatte das Grauen des Holocaust seinen Höhepunkt noch nicht erreicht.

Deshalb versuchten wir so gut wie möglich, unser bisheriges Leben fortzusetzen. Ich war gut in der Schule, besonders in Sprachen, und gab Nachhilfeunterricht in serbokroatischer Grammatik und Literatur.

Und endlich hatte ich zumindest eine Freundin in der Familie gefunden. Tante Alice, die Schwester meiner Stiefmutter, war eine elegante Frau, modebewusst und lebenslustig. Sie betrieb einen Gold- und Uhrenhandel im Zentrum von Zagreb und brachte Aufregung und Glamour in unseren Alltag.

Wenn sie nicht arbeitete, nahm sie mich auf eine Einkaufstour durch die Läden der Stadt mit, in denen es die allerneueste Mode zu kaufen gab, und ihr verdanke ich, dass ich bereits mit achtzehn Jahren nicht nur stolze Besitzerin von Krokodillederschuhen nebst passender Handtasche war, sondern auch einen grauen Persianermantel und einen Zobelmantel besaß. Der Zobelmantel hatte Ilona gehört, aber Alice hatte ihn beschlagnahmt und ihrer Schwester eröffnet, dass sie dick darin aussähe, bevor sie ihn mir zu meinem achtzehnten Geburtstag schenkte.

Sie war das genaue Gegenteil von Ilona – und ich wünschte mir insgeheim, sie wäre meine Stiefmutter.

Mein Vater hatte die Nahrungsmittelknappheit vorausgesehen und große Mengen Salz, Zucker, Streichhölzer und Mehl eingelagert, die er bei seinen Arbeitskollegen in der Asphaltfabrik, von denen viele aus der ländlichen Umgebung stammten, gegen Fleisch, Käse und Brot eintauschte.

Wie sich herausstellte, war die Ruhe trügerisch. Es erfolgte eine Bekanntmachung, die Kroatiens elftausend Mitglieder umfassende jüdische Gemeinde in Panik versetzte: Alle Juden mussten sich bei den Behörden registrieren lassen. Was sollte Ilona tun? Lief sie Gefahr, verhaftet zu werden, wenn sie dem Aufruf folgte? Und was wäre, wenn sie sich der Meldepflicht entzog – würde man dann nach ihr fahnden? Dass meine Stiefmutter Jüdin war, wussten zu viele Leute, um die Anweisung einfach zu ignorieren, und angesichts der verzweifelten Lage, in der sich die Menschen damals befanden, konnten die betroffenen Familien niemandem trauen.

Ilona beschloss, sich der Registrierung zu unterziehen, die in einem der Regierungsgebäude in Zagreb stattfand, doch mein Vater weigerte sich, mitzukommen. Trotz meiner Gefühle brachte ich es nicht übers Herz, sie alleine gehen zu lassen, also bot ich ihr an, sie zu begleiten.

Als wir eintrafen, warteten schon ein paar Leute, aber bald waren wir an der Reihe, an den Schreibtisch vorzutreten, wo ein Ustascha-Funktionär meine Stiefmutter mit strenger Miene aufforderte, Namen, Geburtsdatum, Geburtsort und derzeitigen Aufenthaltsort anzugeben. Daraufhin händigte er ihr einen schwarzen Davidstern auf gelbem Grund aus und erteilte ihr die Anweisung, ihn ständig zu tragen. Dann wandte sich der Funktionär an mich und verlangte die gleichen Auskünfte.

»Aber ich bin keine Jüdin«, warf ich ein.

Der Funktionär schenkte meinen Worten keine Beachtung. »Name?«, blaffte er mich an. »Adresse?«

Ich beantwortete die Fragen und erhielt ebenfalls einen gelben Davidstern. Wir eilten davon; Ilona war so erleichtert, dass man sie nicht verhaftet hatte, dass sie während der ganzen Heimfahrt lachte. Nach unserer Rückkehr holte mein Vater seine Kamera hervor, um ein Foto von uns beiden mit unseren neuen Kennzeichen zu machen – ein makabrer Scherz angesichts der grauenvollen Realität, die nun über uns hereinbrechen sollte.

Schon bald verschwanden Juden in unserer Stadt über Nacht und niemand wagte zu fragen, was aus ihnen geworden sei. Häuser und Geschäfte, die sich im Besitz von Serben und Juden befunden hatten, wurden immer wieder geplündert, die Inhaber verhaftet und ihr Eigentum wurde an ›waschechte‹ Kroaten übergeben, die in den meisten Fällen Anhänger des Ustascha-Regimes waren.

Mein Vater und meine Stiefmutter merkten, dass viele Angehörige ihres Freundeskreises die Besuche bei uns einstellten, und die Einladungen zum Abendessen, an die sie gewöhnt waren, blieben beinahe vollständig aus. Selbst ihr Chauffeur, der nie zu Ilonas Bewunderern gehört hatte, machte aus seiner Feindseligkeit keinen Hehl mehr, sodass sie sich gezwungen sah, mit dem Taxi zu fahren. Ich erhielt oft den Auftrag, meine Stiefmutter zu begleiten, wenn sie das Haus verließ, denn mein Vater fürchtete um seine Stellung, wenn er zu oft mit seiner jüdischen Frau gesehen wurde.

Die Beziehung zwischen meiner Stiefmutter und mir änderte sich auf subtile Weise. Obwohl Ilona nach wie vor Wert darauf legte, sich gut zu kleiden, die Haare zum Knoten hochzustecken und stets eine Halskette zu tragen, machte ihr der neue Status eindeutig Angst, und ich empfand zum ersten Mal Mitgefühl für sie.

Marta, meine Vertraute und beste Freundin, 1944

Mit 18 verstand ich weder die politischen Winkelzüge der damaligen Zeit noch die Gründe für den Krieg, aber zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir bewusst, dass niemand sicher war. Das Lachen meiner Stiefmutter nach der Eintragung in das sogenannte Judenregister wurde angespannter, selbst in meinen Ohren. Durch den Davidstern hoben wir uns vom Rest der Bevölkerung ab, und wenn wir eine Straße entlanggingen, begleiteten uns ängstliche und auch feindselige Blicke.

Unser Leben hatte sich ein für alle Mal verändert. Eine dunkle Wolke hing über der Familie – wann würden die Schergen an unsere Tür klopfen?

Mein Vater, der kein Jude war, hatte Angst vor der Zukunft und war entschlossen, alles zu tun, um zu vermeiden, dass die Familie Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Ilona und er verließen selten gemeinsam das Haus und mieden öffentliche Ereignisse, trafen sich nur noch mit Menschen, denen sie vertrauen konnten und die sich oft in der gleichen Situation wie sie befanden.

Ich begriff nicht, warum irgendjemand in Ilona einen Staatsfeind sah. Es kam mir absonderlich und unfassbar vor, aber ich hatte mit eigenen Augen die Leichen der Gehängten an den Bäumen gesehen, hatte Gerüchte von der Ermordung zahlreicher Menschen gehört und einige Leute gekannt, die spurlos verschwunden waren. Nichts war mehr so wie früher, und die Angst sollte uns vier weitere Jahre überschatten, wurde immer schlimmer angesichts der zunehmenden Intensität der Judenverfolgung und des grauenvollen Massakers, das Europa überschwemmte.

Unser Haus wurde zum Zufluchtsort, und die Mauern des Fabrikgeländes, die uns umgaben, schienen nun eher ein Segen als ein Fluch zu sein.

Für mich war es dennoch eine Zeit, in der ich mich einsam fühlte. Schulfreundinnen durften nicht mehr zu mir kommen, weil unangemeldete Besucher am Haupttor der Fabrik läuten mussten, um von einem Pförtner eingelassen zu werden. Mein Vater meinte, es sei zu viel verlangt, zu erwarten, dass ein Pförtner Schulmädchen das Tor öffnete – und deshalb hatte ich keinen Besuch mehr.

Buchstäblich alle verbliebenen Freunde meiner Stiefmutter waren Ungarn, und ich konnte ihre Sprache kaum verstehen. Der einzige Ort, wo sich junge Leute in meinem Alter treffen konnten, war der Ungarische Gesellschaftsclub, in dem mein Vater und meine Stiefmutter Mitglieder waren.

Der Club befand sich in einem unscheinbaren, einstöckigen Gebäude mit einem roten Ziegeldach in der Duga Ulica, einer Straße, die vom Stadtzentrum in die historische Altstadt von Zagreb führte. Hinter den imposanteren Fassaden der Häuser mit Blick auf die Duga Ulica verbarg sich ein kunterbuntes Sammelsurium aus kleinen Büros, Werkstätten und Wohnräumen, zu dem auch der Ungarische Gesellschaftsclub gehörte. Trotz seines ein wenig tristen äußeren Erscheinungsbilds war es ein gastlicher Ort, angefüllt mit ungarischen Emigranten und bekannt für seine großzügige Verköstigung und seine Musik.

Und es war der Ort, an dem ich dem Mann begegnen sollte, der mein Leben ein für alle Mal veränderte.

Mir gefiel der Club auf Anhieb und schon bald fand ich dort Freunde, allen voran Marta, ein hübsches blondes Mädchen in meinem Alter. Ihre Mutter war Ungarin und ihr Vater angeblich ein Verwandter des Partisanenführers Josip Tito. Niemand wagte zu fragen, ob es stimmte, da die Deutschen gerade erst 100000 Reichsmark Belohnung für seine Ergreifung ausgesetzt hatten, tot oder lebendig.

Ich nahm an zwei Abenden in der Woche an einem Sprachkurs in Ungarisch teil, und es dauerte lange, bis ich den Csardas beherrschte, den ungarischen Nationaltanz.

Der Mittelpunkt meines gesellschaftlichen Lebens wurde der Ungarische Club, während sich mein Familienleben in erster Linie um Tante Alice drehte.

Jeden Tag eilte ich nach der Schule zum Jelacica Platz im Zentrum der Stadt, am hoch aufragenden Reiterstandbild des Ban Jelacic vorbei, der rittlings auf seinem Pferd saß, das Schwert zum Himmel erhoben. Ich bahnte mir den Weg durch die Blumenstände und lief die Treppe zum Trznica Dolac, dem Dolac-Markt, hinauf. Links neben der obersten Stufe, wo sich der Gemüsemarkt auf dem Platz ausbreitet, befand sich Alices Goldladen.

In Zagreb war das eine Geschäftsadresse, die so gut war wie jede andere; die Türme der Kathedrale überragten die Gebäude am anderen Ende des Marktplatzes, und die Turmuhr über der Ladenreihe zeigte mit ihrem Läuten jede volle Stunde an. Die Gebäude stehen heute noch, obwohl Alices Laden inzwischen ein Restaurant ist.

Tante Alice und ich plauderten gerne miteinander, umgeben von Gold in allen Formen und Größen. Ich pflegte die kostbaren Schmuckstücke zu betrachten und zu schätzen, was sie wert sein mochten. Bei jeder Summe, die ich nannte, lachte Alice: »Nein, nein, Olga, so viel kostet es bei Weitem nicht«, oder »Wirklich, Olga, das ist wesentlich mehr wert«. Ich riet ständig falsch, aber ich konnte dennoch davon träumen, wie es wohl wäre, mit Goldschmuck behängt auszugehen.

Ich sah fasziniert zu, wie fünf ältere Uhrmacher die Köpfe über die Werkbank beugten und ihrer präzisen Arbeit nachgingen. Alice hatte einen Vertrag mit Helvetia abgeschlossen, einem Schweizer Uhrenhersteller, und war damit betraut worden, die Wartung und Reparatur von einer der weltweit führenden Uhrenmarken zu übernehmen.

Der Goldhandel war ein Familienunternehmen. Ilona besaß Anteile am Geschäft, und mein Vater übernahm die Buchhaltung. Alice war zwei Mal verwitwet und hatte einen Sohn, Ferdinand, der mit einem Fotomodell namens Blanka Fredhan verheiratet war.

Infolge meiner politischen Unwissenheit kam mir nie der Gedanke, dass eine Jüdin mit einem so lukrativen Geschäft für das Ustascha-Regime eine unübersehbare Zielscheibe sein könnte. Alice war einfach nur meine Tante – temperamentvoll, glamourös und lustig. Kein Mensch auf der Welt konnte sie hassen, oder?

Jeden Sonntag besuchte Alice mit mir das Grab meiner Mutter, kaufte stets Blumen für mich, um damit den Grabstein zu schmücken. Danach gingen wir miteinander zum Mittagessen.

Zum ersten Mal seit dem Tod meiner Mutter vor fünf Jahren fühlte ich mich geliebt.

Im August 1941 wurden wir um zwei Uhr nachts von einem lauten Hämmern an der Wohnungstür aus dem Schlaf gerissen. Mein Vater schlüpfte rasch in seinen Morgenmantel und öffnete. Zwei uniformierte Mitglieder der Ustascha-Miliz standen auf der Schwelle.

»Wir möchten Sie davon in Kenntnis setzen, dass Alice Keller verhaftet und in eine Zelle in der Petrinjska verbracht wurde.«

»Warum wurde sie verhaftet?«, fragte mein Vater. Die beiden Männer musterten ihn mit ausdruckloser Miene, als wäre die Frage absurd.

»Können wir sie besuchen?«

»Ja.«

»Wann?«

»Jetzt gleich.«

Mein Vater weckte die Familie, und wir kleideten uns in aller Eile an. Meine Gedanken überschlugen sich. Wer waren diese Männer, die mitten in der Nacht an unsere Tür klopften? Und was meinten sie damit, Tante Alice sei verhaftet worden?

Die Nachricht erschütterte mich bis ins Mark, doch dann sagte ich mir: Nur Leute, die Straftaten begangen hatten, landeten im Gefängnis; Tante Alice hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen, deshalb musste das Ganze ein furchtbarer Irrtum sein, und sobald wir zur Polizeistation gelangten, würde man sie mit einem Lächeln und unzähligen Entschuldigungen wieder freilassen.

Wir nahmen ein Taxi, in dem wir mitten in der Nacht durch die menschleeren Straßen von Zagreb fuhren. Wir kamen am Jelacica-Platz vorüber, der in Dunkelheit gehüllt war, und bogen scharf in die Petrinjska Ulica ein, die stadtauswärts in Richtung Bahnhof führte.

Im Gegensatz zu den anderen Straßen ging es hier lebhafter zu. Uniformierte Männer gingen in den Gebäuden ein und aus, Licht überflutete das Straßenpflaster, wenn sich die Türen öffneten, und in den Schatten standen Prostituierte, die in diesem Bezirk der Stadt ihrer Arbeit nachgingen.

Hier befand sich auch das Zentrum von Recht und Ordnung in Zagreb: Die imposanten Gebäude beherbergten Polizeistationen, Verhörzentren der Geheimpolizei und Zellen. Ein Furcht einflößender, düsterer Ort, und meine Zuversicht schwand in dieser bedrohlichen Atmosphäre. Mein Vater und meine Stiefmutter waren schweigsam, aber nicht auffallend nervös. Der Taxifahrer war mürrisch und sichtlich erpicht darauf, uns loszuwerden.

Niemand sprach es offen aus. Aber hatte man uns in eine Falle gelockt? Vielleicht würde man uns auch verhaften, sobald wir die Polizeistation betraten.

Ich dachte an Tante Alice, eingesperrt in einer der vielen Zellen; sie konnte das geschäftige Treiben auf der Straße vermutlich hören, aber nicht länger daran teilhaben, weil man sie aus Willkür verhaftet und ins Gefängnis gebracht hatte.

Wir wurden durch den Eingang der Hauptwache an der Petrinjska und von dort in ein Sprechzimmer geführt, wo wir eine in Tränen aufgelöste und verängstigte Alice vorfanden. Man hatte ihr weder einen Grund für die Festnahme genannt, noch konnte sie uns sagen, was man mit ihr vorhatte.

Während sie meinen Eltern den Hergang schilderte, wurde ich von Angst ergriffen, nicht nur um Alice, sondern um uns alle. Das neue Regime hatte seine Fühler ausgestreckt und uns so grausam und jäh auseinandergerissen, dass ich es kaum fassen konnte.

Die Feindseligkeit der Wachposten und Polizisten war offenkundig – es würde weder Entschuldigungen noch ein Lächeln geben.