Ich versuche es mal mit dem Glück - Angela Danz - E-Book

Ich versuche es mal mit dem Glück E-Book

Angela Danz

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Beschreibung

Gerade hat Kathrin ihren Job bei einem Fernsehsender gekündigt, da fällt ihr bei einem Waldspaziergang fast ein Baum auf den Kopf. Gerettet wird sie von der verschlossenen Försterin Jan, die zurückgezogen im Wald lebt. Obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten, kommen sie sich näher, bis Kathrin schmerzhaft Erfahrung mit Jans dunkler Vergangenheit machen muss. Als dann noch Kathrins Bruder Hanno bei ihr Hilfe sucht, verfolgt von Geldeintreibern, deren kriminelle Auftraggeber den Wald bedrohen, wird es ziemlich gefährlich – dass Jan auch noch meint, Kathrin stecke mit Hannos Machenschaften unter einer Decke, macht alles noch komplizierter, denn wen oder was soll sie jetzt zuerst retten?

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Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Angela Danz

ICH VERSUCHE ES MAL MIT DEM GLÜCK

Roman

© 2018édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-262-6

Coverfoto:

1

»Überleg’s dir nochmal.« Ein besorgtes Stirnrunzeln stand im Raum. Es gehörte zu Edith Helten, ihres Zeichens verantwortliche Redakteurin eines regional orientierten Fernsehsenders, der jedoch schon oft überregional Aufsehen erregt hatte.

»Das habe ich.« Kathrin Wiehler seufzte. »Auch wenn das im Augenblick vielleicht überstürzt erscheint, aber es geht einfach nicht mehr. Ich mache die Sendung jetzt seit über zehn Jahren. Ich habe Hunderte von Menschen interviewt, mir ihre Lebensgeschichten angehört, quasi mit ihnen und durch sie gelebt. Aber wo ist mein eigenes Leben?«

Edith, ihre Chefin, stand hinter ihrem mit Skripten und sonstigen Papieren überladenen Schreibtisch auf. Manchmal hatte man das Gefühl, das Computerzeitalter hatte sie noch nicht erreicht. Sie war zwar eine moderne Frau, vertrat zuweilen jedoch durchaus unmoderne Ansichten wie zum Beispiel die, dass Computer die Kreativität zerstörten. Also arbeitete sie lieber altertümlich auf Papier.

»Du hast ungeheuer viel erlebt«, widersprach sie, während sie hinter ihrem Arbeitsplatz hervorkam und lächelnd vor Kathrin stehenblieb. »Mehr als andere, die nur zu Hause sitzen oder Kinder großziehen.«

»Tja.« Kathrin stieß einen entsagungsvollen Seufzer aus. »Für Kinder hatte ich ja auch nie Zeit. Ich habe keine eigene Familie, meine privaten sozialen Kontakte kann ich an einer Hand abzählen, und wann habe ich mal eine Minute für irgendwas anderes als Arbeit? Ich bin erfolgreich im Beruf, die Leute erkennen mich auf der Straße, aber ist das wirklich die Erfüllung?«

»Du meine Güte!« Edith schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Denkst du wirklich, da hast du was verpasst? Ich bin dreimal geschieden, meine beiden Kinder kommen nur zu mir, wenn sie Geld wollen, und die Männer . . . Pff! Die kannst du doch sowieso vergessen. Mit einer erfolgreichen Frau können die nichts anfangen.«

»Ich bedauere dich zutiefst, Edith.« Mit einem verdächtigen Zucken ihrer Mundwinkel warf Kathrin einen Blick auf das sorgfältig zurechtgemachte Gesicht vor sich, eingerahmt von einer Frisur, bei der Kathrin sich immer gefragt hatte, wie Edith es fertigbrachte, jedem Härchen einen festen Platz zuzuweisen, der sich nie änderte. Als ob sie einbetoniert wären.

Tadelnd schüttelte Edith den Kopf. »Du hast gut reden. Ich weiß, das Problem hast du nicht.«

»Als ob das ein Unterschied wäre.« Kathrin atmete tief durch. »Ein romantisches Abendessen trage ich zwischen all den anderen Terminen in meinem Kalender ein. Und wenn etwas Berufliches dazwischenkommt, sage ich es ab.«

»Romantisches Abendessen?« Edith lächelte leicht, als hätte sie das auf eine Idee gebracht. »Ist das der Grund, warum du deinen Vertrag nicht verlängert hast?«

Etwas irritiert hob Kathrin die Brauen. »Ich habe dir rechtzeitig Bescheid gesagt, damit du einen Ersatz finden konntest.«

»Ein Ersatz ist immer nur ein Ersatz.« Edith seufzte. »Das Original wäre mir lieber.«

Auch wenn sie diese Bauchpinselei von Edith eigentlich nicht gewöhnt war, wusste Kathrin, dass Edith sie in diesem Moment äußerst zielgerichtet einsetzte, und fühlte sich deshalb nicht unbedingt geschmeichelt. »Ist das der Grund, warum du den Zuschauern bis jetzt nicht gesagt hast, dass ich aufhöre?«, fragte sie stirnrunzelnd. »Dass sie heute von dem neuen Moderator völlig überrascht werden? Weil du gehofft hattest, dass ich es mir überlege und dass gestern nicht meine letzte Sendung war?«

»Warum hast du es ihnen denn nicht selbst gesagt?«, fragte Edith etwas hinterlistig. Sie schob ein paar Blätter zur Seite, was an der anderen Tischkante dazu führte, dass ein Skript zu Boden flatterte, und setzte sich mit einer Pobacke auf den Schreibtisch. Wie ordentlich auch immer Ediths Haartracht war, ihr Schreibtisch war das Gegenteil davon. Vielleicht versuchte sie deshalb, auf ihrem Kopf die Ordnung zu erzwingen, die sie in ihren Papierstapeln nicht erzwingen konnte.

Ehrlich gesagt wusste Kathrin keine Antwort auf Ediths Frage. Sie hasste Sentimentalitäten, und deshalb hatte sie gestern an ihrem letzten Tag vor der Kamera keinen tränenreichen Abschied hinlegen wollen, bei dem sie ihren Zuschauern und Zuschauerinnen für ihre Treue zu ihrer Sendung in den vergangenen zehn Jahren dankte und ihnen vielleicht sogar versprach, dass sie wiederkommen würde, um den Abschiedsschmerz zu lindern.

Lügen waren in der TV-Branche nichts Besonderes oder Unerwartetes, zu großen Teilen lebte sie sogar davon, also wäre diese Lüge nur eine weitere von vielen gewesen, aber irgendwie hatte Kathrin sich nicht dazu durchringen können. Und die Wahrheit zu sagen, dass sie es einfach satt hatte, immer dasselbe zu tun, in einem Beruf, um den andere sie beneideten, das war dann vielleicht doch zu ungewohnt.

»Du weißt, ich bin nicht gut in so was«, erwiderte sie ausweichend. »Und außerdem: Habe ich denn überhaupt kein Recht auf ein Privatleben? Endlich mal?«

»Was mich zurückführt zu dem . . . romantischen Abendessen.« Ediths zweideutiges Lächeln enthielt eine Aufforderung, ihr mehr zu erzählen. »Mit wem?«

Tief durchatmend schüttelte Kathrin den Kopf. »Mit niemandem. Darum geht es nicht. Es geht einfach darum, dass ich . . . etwas an meinem Leben ändern will, sonst nichts.«

»Ist doch immer dasselbe.« Ediths Seufzer klang fast wie ein schicksalsergebenes Aufstöhnen. »Ihr Mädels tut nichts einfach so, wenn nicht eine andere Person dahintersteckt. Auf einmal willst du Zeit für dich, für ein . . . Privatleben.« Es hörte sich so an, als ob sie das Wort fast ausspuckte. »Bisher warst du ganz zufrieden damit, keins zu haben. Also ist jemand aufgetaucht, der Zeit von dir verlangt, mit dem du Zeit verbringen willst, die du nicht hast. Weshalb du einfach deinen Job hinschmeißt.« Noch einmal seufzte sie tief auf, aber es klang ziemlich theatralisch, nicht wirklich echt. »Wenn du nicht du wärst, würde ich dich jetzt fragen, ob du schwanger bist.«

»Dann bist du sicherlich erfreut zu hören, dass ich es nicht bin.« Kathrin schmunzelte heftig. »Edith, bitte . . .« Sie trat den letzten Schritt, der sie noch von ihr trennte, auf Edith zu und musterte ihr Gesicht. »Da ist niemand, wirklich. Es geht nur um mich. Um mein Leben. Das ich bisher nicht hatte. Kannst du das denn nicht verstehen? Ich weiß nicht, was ich jetzt tun werde. Aber was auch immer sich ergibt, ich will frei sein, es zu tun. Nicht eingezwängt in einen Zeitplan, der mir kaum Luft zum Atmen lässt.« Sie holte tief Luft, als ob sie illustrieren wollte, wie dringend sie sie brauchte. »Ich muss etwas Neues ausprobieren. Was auch immer es ist. Ob es gutgeht oder nicht.«

Für einen Moment sah Edith nachdenklich aus. »Du willst mir also nicht sagen, wer es ist.« Sie nickte, stand auf, ging um ihren Schreibtisch herum und setzte sich wieder. Dann lächelte sie zu Kathrin hoch. »Dann probier es aus. Das ist dein gutes Recht. Ich würde dich gern davor bewahren, dir all die Enttäuschungen abzuholen, die ich schon hinter mir habe, aber das hat wohl keinen Sinn. Es ist ein Unterschied, ob man es erlebt und für unnütz befunden hat oder ob man –«

»Genau«, bestätigte Kathrin, indem sie sie unterbrach und lächelte. »Oder ob man es nie ausprobiert hat.«

»Und deshalb nicht für unnütz befinden konnte.« Edith lachte leise. »Jeder muss seine Erfahrungen selbst machen. Ich bin ein ganzes Stück älter als du, deshalb würde ich es wohl nicht mehr versuchen, aber in deinem Alter«, sie seufzte, »habe ich das dritte Mal geheiratet.«

»Während ich selbst das erste Mal noch vor mir habe.« Schief verzogen sich Kathrins Mundwinkel. »Gerade fühle ich mich, als wäre ich noch Jungfrau.«

Diesmal lachte Edith laut auf. »Das glaube ich dir aber jetzt nicht!«

Kathrin grinste ein wenig. »Stimmt. Dafür hatte ich Zeit. Geht ja auch schnell.«

»Ich denke, ich kann dich nicht halten.« Resignierend hob Edith die Hände. »Anbinden kann ich dich ja nicht. Also«, sie lächelte fast mütterlich, »lasse ich dich ziehen, mein Kind. Aber komm dann nicht zurück und erzähl mir, ich hätte recht gehabt. Das will ich nicht hören.«

»Willst du doch.« Verschwörerisch beugte Kathrin sich über Ediths Schreibtisch vor und zwinkerte sie an. »Weil du gern recht hast.«

Ediths Schulterzucken unterstrich ihr Selbstbewusstsein. »Stimmt auch wieder. Ich möchte dich nicht in dein Unglück rennen lassen. Aber jeder ist seines eigenen Glückes – oder Unglückes – Schmied.«

»Ich versuche es mal mit dem Glück«, erwiderte Kathrin heiter. »Das kenne ich noch nicht.«

»Frau Wiehler! Ach, das ist aber schön, dass ich Sie treffe! Ich liebe Ihre Sendung so! Freue mich jeden Tag darauf!« Eine strahlende Dame im Rentenalter trat auf Kathrin zu, als sie den Sender verließ.

In Kathrin zog sich etwas zusammen. Wie oft hatte sie das erlebt, dass sie auf der Straße angesprochen wurde, dass die Leute ihr ungefragt mitteilten, was sie von ihrer Sendung hielten? Meistens war es positiv, aber es gab natürlich auch welche, die meinten, sie wüssten alles besser oder sie, Kathrin, hätte da und dort irgendetwas anders machen oder andere Themen behandeln sollen beziehungsweise gewisse Themen nicht.

Sie seufzte innerlich. Es tat ihr ja leid, dieser Frau hier und anderen, die sich wie sie jeden Tag auf Kathrins Sendung freuten, etwas wegnehmen zu müssen, an dem sie offenbar so sehr hingen. Aber es ging nicht anders.

Sie setzte ein freundliches Lächeln auf, wie sie es immer tat, wenn sie angesprochen wurde oder jemanden interviewte. »Das freut mich sehr«, sagte sie.

Normalerweise fügte sie dem noch etwas hinzu, fragte nach besonderen Interessen, aber heute fiel ihr nichts ein. Dieser Lebensabschnitt war abgeschlossen. Es war wie ein Hamsterrad, aus dem sie ausgestiegen war, und nun wusste sie nicht, wie sie geradeaus laufen sollte.

Sie hörte nicht zu, während die Frau noch weiter ihrer Begeisterung Ausdruck gab, lächelte nur und nickte, bis die Dame endlich fertig war und sich mit einem lachenden »Ich sehe Sie ja dann heute Nachmittag in Ihrer Sendung!« verabschiedete.

Kathrin hatte nicht das Herz, ihr zu sagen, dass sie heute Nachmittag nicht dasein würde, dass die Zuschauer sich an ein neues Gesicht gewöhnen mussten.

Sie blickte der Frau kurz hinterher und stand etwas unentschlossen auf dem Platz vor dem Sender. Dann ging sie los und schlug automatisch den Weg zu einem Café ein, das ganz in der Nähe lag und in dem sie oft gewesen war, aber während sie gewohnheitsmäßig darauf zusteuerte, fiel ihr ein, dass viele Kollegen dort sein würden und dass sie jetzt keine Fragen beantworten wollte.

Sie musste sich von all dem lösen, die bekannten Muster durchbrechen, etwas anderes als das Übliche tun.

Als ob sie nach einem Hinweis suchte, was das sein könnte, blickte sie in den Himmel und bemerkte, dass sie ihn kaum sehen konnte. Hier in der Innenstadt hatte sie auf einmal das Gefühl, die hohen Häuserwände würden sie erdrücken, sich fast auf sie senken und in diesen engen Gassen festhalten, als ob sie mit gierigen Händen nach ihr griffen.

Ruckartig drehte sie sich um und ging schnell auf die Bushaltestelle an der Ecke zu, wo ständig Busse hielten und abfuhren. Ohne nachzudenken stieg sie in den nächsten Bus, der kam. Es interessierte sie nicht, wohin er fuhr, sie schaute nicht einmal auf das Schild oder auf den Linienplan, überlegte auch nicht, wo sie hinwollte. Sie hatte kein Ziel. Es war wie eine Flucht.

Ihr erster Tag ohne Arbeit, ohne dass sie sich nach dem Zeitpunkt richtete, wann sie im Studio sein musste, wann in der Maske, wann vor der Kamera. So schlimm hatte sie es sich nicht vorgestellt. Sinnend saß sie am Fenster und schaute hinaus, ohne wirklich etwas zu sehen. Ihr Leben war so eingeengt gewesen von Terminen, dass sie ohne einen Termin fast nichts mit sich anfangen konnte.

Ohne sich von ihren Bedenken aufhalten zu lassen, bahnte der Bus sich auf seiner üblichen Tour den Weg durch die Stadt, und langsam wichen die Häuserfluchten zurück, öffnete sich der Blick auf Bäume und endlich sogar auf Felder.

Sie hatte fast vergessen, dass es hier auch so etwas gab. Dabei war sie selbst in einem solchen Dorf aufgewachsen. Erst als sie in der fünften Klasse aufs Gymnasium wechselte, hatte sie jeden Tag mit Bus und Bahn in die Stadt fahren müssen und so Stück für Stück den Kontakt zum Land verloren. Die Stadt wurde immer mehr ihre Welt, bis sie gar nicht mehr daran dachte, wie es früher gewesen war.

Irgendwann bewegte sich der Bus nicht mehr weiter. Der Fahrer wollte aussteigen und die Tür von außen schließen, da sah er Kathrin am Fenster sitzen.

»He, junge Frau!«, rief er ihr zu. »Endstation! Aussteigen!«

Kathrin erwachte fast wie aus einem Traum. »Wie? Ach so.« Sie stand auf.

Mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen starrte sie der Fahrer an. »Wollten Sie ’ne Rundfahrt machen?«

Für einen Moment wollte Kathrin wieder ihr gewohnheitsmäßiges Lächeln aufsetzen, aber dann merkte sie, dass der Fahrer sie nicht erkannt hatte. Er wusste nicht, wer sie war, sonst hätte er anders reagiert. Sie atmete erleichtert auf. Endlich einmal jemand, der ihre Sendung nicht gesehen hatte.

»Nein«, antwortete sie leichthin. »Zurück wollte ich nicht. Lieber vorwärts.«

Nun lächelte sie doch, während sie an ihm vorbei den Bus verließ. Aber sie lächelte nur für sich selbst. Ihr Lächeln wurde nicht von einer Kamera in alle Welt hinausgetragen. Es gehörte ihr ganz allein.

Er verriegelte die Türen und ging zu einem Kiosk hinüber, der am Rande eines Waldgebiets lag. So weit war sie hinausgefahren, dass es hier sonst wirklich keine Häuser gab.

Sie sah, dass er von der Frau im Kiosk einen Becher mit Kaffee gereicht bekam. Sie kannten sich offenbar so gut, dass er gar nicht danach fragen musste.

Er ist auch in einem Hamsterrad, dachte Kathrin. Wie ich. Alles wiederholt sich, immer derselbe Ablauf, der Kaffee steht auf die Sekunde bereit, wenn er hier ankommt. Jedes Mal wahrscheinlich.

Sie schüttelte sich. Das war eine schreckliche Vorstellung. Das ganze Leben so vorhersehbar, dass es keine Überraschungen mehr bot. Wie hatte sie das die letzten Jahre nur ausgehalten?

Sie hätte jetzt auch einen Kaffee trinken können und dann mit ihm zurückfahren. Die Möglichkeit hatte sie. Aber sie entschied sich dagegen.

Langsam schwenkte sie weit um den Kiosk herum in den Wald hinein. Wann war sie das letzte Mal spazierengegangen? Einfach nur so? Ohne dass ein Kamerateam ihr bei jedem ihrer Schritte auf den Fersen war? Musste eine Ewigkeit her sein.

Je weiter sie dem Waldweg folgte, desto mehr hatte sie das Gefühl, die Welt hinter sich zurückzulassen. Es wurde immer stiller, keinerlei Autolärm oder das übliche Wabern von Gesprächsfetzen, das die Anwesenheit von Menschen begleitete. Sie musste nicht zuhören, keine Fragen stellen, keine Aufmerksamkeit heucheln. Diese Art von Entspannung war sie nicht gewöhnt.

Für einen Moment machte die Ruhe um sie herum sie nervös. Dann bemerkte sie, dass es gar nicht so ruhig war. Überall in den Bäumen war Leben. Die Vögel machten sogar einen ziemlichen Lärm. Es schien, als ob einige sich richtig miteinander unterhielten.

Vor ihr huschte etwas durchs Unterholz, und sie versuchte zu erkennen, was es war, aber das war unmöglich. Das Unterholz war zu dicht.

Sie folgte dem Pfad weiter, bis der Wald immer dichter wurde, eine nur noch von Lichtsplittern durchbrochene schattige Dunkelheit sie umfing.

Das ist wirklich wie eine andere Welt, ging es ihr durch den Sinn. Keine Geräte, kein Strom, einfach nur Natur. Und trotzdem ist es gerade mal einen Katzensprung von der Stadt entfernt.

Plötzlich wurde es still im Wald. Die Vögel hatten aufgehört zu zwitschern. Sekunden später wurde die Stille von einem unangenehmen Kreischen unterbrochen. Es ließ Kathrin regelrecht zusammenzucken. In einiger Entfernung hörte sie Stimmen, etwas wurde laut gerufen, und dem Kreischen folgte ein Krachen.

Sie seufzte. Das war es dann wohl mit der anderen Welt. Es gab keine Welt so nahe der Stadt, die nicht von Menschen bevölkert wurde.

Im nächsten Augenblick hatte sie das Gefühl, der Baum vor ihr würde sich plötzlich auf sie zubewegen, erst langsam, dann immer schneller.

»Was ist das d-?«

Sie konnte den Satz nicht mehr beenden.

Sie merkte nicht einmal mehr, wie der Baum sie traf, als es schwarz um sie wurde.

Ein merkwürdiger Traum verwirrte sie. Sie war im Studio. Dann wieder doch nicht. Sie war in einer Wohnung, aber nicht in ihrer eigenen. Menschen, die ihr bekannt unbekannt vorkamen, grüßten sie, entfernten sich wieder von ihr.

Eine junge Frau trat auf sie zu, verschlang sie mit den Augen, schmiegte sich an sie. War das diese Praktikantin gewesen? Sie konnte sie nicht einmal richtig erkennen.

Auf einmal spürte sie die warme Berührung ihrer Haut, ihre weichen Brüste. Sie seufzte auf.

»Anscheinend kommt sie zu sich«, hörte sie eine Männerstimme, die gar nicht zu der Szene passte, die sie gerade vor sich sah.

Kathrins Augenlider wollten sich nicht öffnen. War dies ein Traum in einem Traum? Wenn man aufwachte, wachte man gar nicht richtig auf, sondern träumte weiter?

»Können Sie mich hören?«

War das eine Frauenstimme? Sie war tief, aber trotzdem musste es eine Frau sein.

Endlich riss Kathrin mit Gewalt die Augen auf. Nur ein verschwommenes Bild bot sich ihr. Konturen, Schatten, keine genauen Formen.

»Sind Sie da? Hören Sie mich?« Die Stimme klang fast ungeduldig.

Kathrin versuchte zu sprechen. Es fiel ihr seltsam schwer. Dabei konnte sie doch die ganze Sendung hindurch ununterbrochen reden.

»Ja«, brachte sie mühsam hervor.

»Was hatten Sie in der Baumfallschneise zu suchen?«, fragte dieselbe tiefe und doch anscheinend weibliche Stimme. »Können Sie nicht lesen?«

»Lesen? Was?« Kathrin merkte, wie ihre Augen verzweifelt versuchten, den Blick zu fokussieren. Langsam gelang es ihnen.

»Die Warnzeichen«, klärte die dunkelhaarige Frau, die sich mit strengem Gesichtsausdruck über sie beugte, sie auf. »An den Bäumen.«

»Hab ich . . .« Kathrin schluckte schwer. »Hab ich nicht gesehen.« Ihre Stimmbänder waren so trocken, dass ihre Stimme krächzte.

»Offensichtlich.« Die Frau seufzte und richtete sich auf. »Diese Stadtleute. Keine Ahnung von gar nichts.« Sie drehte sich um. »Sie ist wieder da, Männer. Macht weiter. Wir müssen heute noch einiges schlagen.«

Tief brummende Zustimmung wurde von schlurfenden Schritten schwerer Stiefel abgelöst. Dann war es still.

Kathrin versuchte sich aufzurichten.

»Bleiben Sie liegen.« Das war eher ein Befehl als eine Bitte. »Der Baum hat Sie nur gestreift. Gebrochen ist anscheinend nichts. Aber vielleicht haben Sie eine Gehirnerschütterung.«

Im selben Moment, als die Frau das Wort aussprach, wurde Kathrin sich ihrer Kopfschmerzen bewusst, und gleichzeitig wurde ihr schlecht. Sie beugte sich zur Seite – offenbar lag sie auf einer Art Feldbett – und übergab sich. Was sie hervorwürgte, war nicht viel, denn außer einem Toast zum Frühstück und einer Menge Kaffee hatte sie heute noch nichts zu sich genommen.

»Gehirnerschütterung«, wiederholte die Frau ungerührt, verschwand kurz und kehrte dann mit einem Eimer zurück, den sie neben Kathrin stellte. »Falls noch mehr kommt.«

»Wohl nicht.« Kathrin schloss die Augen wieder. »Ich habe nur einen Toast gegessen.«

»So sehen Sie auch aus«, bemerkte die Frau nicht sehr freundlich. »Ist das alles, was Sie an einem Tag essen? Ein Toast?«

Trotz ihrer Kopfschmerzen hätte Kathrin fast gelacht. Sie war anscheinend beinah von einem Baum erschlagen worden, und diese Frau mokierte sich über ihre Figur?

»Zu mehr bin ich nicht gekommen«, wisperte sie heiser. Ihre Stimme gehorchte ihr immer noch nicht richtig. »Haben Sie vielleicht einen Schluck Wasser?«

»Können Sie haben«, erwiderte die Stimme, »aber ein Fünf-Sterne-Menü kann ich Ihnen hier nicht servieren. Das ist ein Forsthaus, kein Restaurant.«

Wer hat was von einem Fünf-Sterne-Menü gesagt?, dachte Kathrin verwirrt. »Wieso Restaurant?«, fragte sie.

»Na, wo wollten Sie denn hin in Ihrem schicken Kleidchen?« Ein Blechbecher schob sich in ihr Blickfeld. »Was ist? Keinen Durst mehr?«

Kathrin hatte den Becher nicht gleich mit Wasser in Verbindung gebracht. Nun griff sie danach und setzte ihn vorsichtig an ihre Lippen. Da sie dafür den Kopf heben musste, stöhnte sie gequält auf.

»Geschieht Ihnen recht«, kommentierte die Frau das nicht sehr mitfühlend. »Seien Sie froh, dass Sie Schmerzen haben. Das heißt, dass Sie noch leben. Sie hätten tot sein können.«

Schwer ausatmend ließ Kathrin ihren Kopf zurücksinken und stellte den Becher auf ihrem Bauch ab. »Das wäre Ihnen lieber, nicht? Dann müssten Sie sich jetzt nicht um mich kümmern.«

Wenn sie eins gelernt hatte in den vielen Jahren mit Menschen, die sie nur kurz für eine Story kennenlernte, dann, wie diese Menschen tickten. Das musste sie schnell herausfinden, um die richtigen Fragen stellen zu können, und ihr Gefühl täuschte sie selten. Diese Frau hier fühlte sich durch Kathrins Anwesenheit sehr gestört. Sie wollte sie so schnell wie möglich loswerden.

»Ist bald vorbei«, sagte die Frau. »Der Krankenwagen ist schon unterwegs.«

Sie setzte sich an einen Tisch in der Mitte des Raumes, der offenbar aus einem einzigen Baumstamm gefertigt war. Sehr rustikal. Aber Kathrin gefiel es.

»Mit dem Bus habe ich eine ganze Weile hier heraus gebraucht«, sagte sie. »Kommt der Krankenwagen denn hier im Wald überhaupt durch?«

Die Frau, die sich über eine Liste auf dem Tisch gebeugt hatte, blickte auf. »Sie sind mit dem Bus gekommen?«

»Dachten Sie, mit einem Rolls Royce?«, fragte Kathrin amüsiert zurück.

Sie betrachtete die Frau nun genauer, da ihr Blick endlich klarer wurde und sie nicht mehr direkt vor ihr stand. Sie trug eine Art grüner Uniform, in der sie ziemlich breitschultrig aussah. Obwohl sie saß, wirkte sie auch ziemlich groß.

»Haben Sie so was?«, fuhr die Frau sie gereizt an. »Könnte ich mir vorstellen.«

»Dann hätte das Kleidchen, das Sie so schick finden, vermutlich das Zehnfache von dem gekostet, was es tatsächlich gekostet hat.« Kathrin schmunzelte.

»Mit so was kenne ich mich nicht aus.« Die Antwort kam etwas grummelnd. »Für mich sieht es schick aus. Nach Stadt eben.«

»Freut mich, dass es Ihnen gefällt«, erwiderte Kathrin belustigt. »Ich musste noch zu einer Besprechung bei –«

Im letzten Moment brach sie ab. Es war ganz offensichtlich, dass diese Frau sie nicht kannte, und sie wollte, dass es so blieb. Also erzählte sie ihr besser nicht, dass sie sich so angezogen hatte, wie sie es üblicherweise tat, wenn sie in den Sender ging. Alte Gewohnheiten konnte man eben nicht so schnell ablegen.

»Sie haben recht«, lenkte sie ein. »Ich hatte eigentlich gar nicht vor, so weit hinauszufahren. Meine Schuhe –« Erneut brach sie ab. Das Gefühl an ihren Füßen sagte ihr, dass sie gar keine Schuhe trug.

»Dass Sie damit überhaupt laufen können . . . auf einem Waldweg«, knurrte es vom Tisch herüber, aber trotzdem hatte die Stimme auf einmal einen leicht bewundernden Unterton. »Ich würde mir sofort alles brechen.«

Kathrin lachte, hielt aber sofort inne und fasste sich an den Kopf. »Au!«, stieß sie unwillkürlich hervor, weil ein Stich wie mit einem heißen Messer bis in ihre Stirn zuckte. »Alles Gewohnheitssache«, fügte sie dann hinzu, als der Schmerz nachließ. »Obwohl ich zugeben muss, dass es teilweise etwas mühsam war.«

»Am besten lassen Sie sich andere Schuhe ins Krankenhaus bringen«, schlug die Frau in der grünen Uniform vor und stand auf. »Sonst knicken Sie noch um, schlagen sich den Kopf viel schlimmer an als jetzt, und hinterher heißt es, es war der Baum.«

»Sie sind um die Reputation des Baums besorgt?«, fragte Kathrin sarkastisch. »Dass ihm nichts zugeschrieben wird, was er nicht wirklich angerichtet hat?«

»Ja, machen Sie sich nur lustig.« Die dunklen Augenbrauen der Frau trafen sich fast in der Mitte. »Ihr Stadtmenschen nehmt ja nichts ernst. Aber ich bin verantwortlich für die Arbeiten, und ich kann mir den Papierkram schon vorstellen, wenn Ihnen wirklich etwas passiert wäre.«

»Sie meinen die Beerdigungspapiere?«, entgegnete Kathrin gespielt teilnahmsvoll. »Ja, das wäre bestimmt ein großer Aufwand gewesen.« An der Reaktion ihres Gegenübers merkte sie, dass die das gar nicht lustig fand. »Entschuldigung.« Kathrin verzog nur leicht die Mundwinkel, um die Schmerzen in Grenzen zu halten. »Sie sagten, Sie sind für die Arbeiten verantwortlich? Darf ich fragen, wer Sie sind?«

»Damit Sie mich persönlich verklagen können?«, fragte die Frau in einem unheilvollen Tonfall zurück.

Sie war, wie Kathrin jetzt bemerkte, da sie stand, tatsächlich groß. Aus Kathrins Position, die einer Art Froschperspektive entsprach, wirkte sie sogar gewaltig. Überwältigend in einer Weise, die Kathrin sich sehr klein fühlen ließ, nicht nur, weil sie lag. Als ob sie den ganzen Raum ausfüllte. Und wenn sie sich zu Kathrin herunterbeugen würde, konnte sie sie wahrscheinlich erdrücken. Erstaunlicherweise fand Kathrin den Gedanken gar nicht so unangenehm.

»Daran habe ich nicht gedacht«, versicherte sie ihrer Gesprächspartnerin rasch, obwohl sie nicht den Eindruck hatte, dass sie ihre Laune damit verbessern würde, aber man konnte es ja mal versuchen. »Sie haben bestimmt recht, dass ich die Warnhinweise übersehen habe. Aber es ist wohl eine –« Berufskrankheit, hatte sie sagen wollen, doch damit würde sie ihr Inkognito lüften. »Ich bin einfach von Natur aus neugierig«, fuhr sie stattdessen leicht lächelnd fort. Lächeln schien keine Kopfschmerzen hervorzurufen.

»Da das hier das Forsthaus ist, können Sie sich vermutlich denken, wer ich bin«, entgegnete die Frau unwillig. »Meinen Namen werden Sie auch herausfinden, denn der steht ja schon im Unfallbericht. Jan Albrecht.«

»Jan?« Kathrin runzelte die Stirn und merkte sofort, dass das kein Lächeln war, denn es tat weh.

»Janina«, erklärte die Försterin. »Aber so nenne ich mich nicht.«

Aha, dachte Kathrin. Alles klar. Sie musterte die grüne Uniform. Hätte ich auch gleich draufkommen können. Ich habe doch mal einen Bericht über einen Förster gemacht. Aber vermutlich hatte der Schlag auf den Kopf ihr Denkvermögen beeinträchtigt.

»Sehr erfreut, Frau Albrecht«, sagte sie. »Auch wenn das jetzt eine etwas ungewöhnliche Art ist, sich kennenzulernen.«

»Ich glaube, da kommt der Krankenwagen.« Jan Albrecht reckte den Hals und ging dann zur Tür. »Genau. Gleich sind sie da.«

Wie schade, dachte Kathrin. Es fing gerade an, gemütlich zu werden.

2

»Na, du machst ja Sachen . . .« Edith kam zur Tür des Krankenzimmers herein und schüttelte fast die ganze Zeit den Kopf. »Im Studio wärst du sicherer gewesen.«

Kathrin lachte leicht. »Ich hätte von einem Scheinwerfer erschlagen werden können.«

»Mal den Teufel nicht an die Wand!« Abwehrend riss Edith die Arme hoch. »Ist in der ganzen Zeit noch nicht passiert, so was. Aber Bäume im Wald . . .«

»Sind gefährlich«, schmunzelte Kathrin. »Sie fallen so leicht um.«

»Ja, mach du nur Witze.« Edith seufzte. »Was meinst du, wie mir zumute war, als ich hörte, ein Baum wäre auf dich gefallen?«

»Es war meine Schuld.« Irgendwie hatte Kathrin das Bedürfnis, das sofort klarzustellen. »Die Försterin hatte nichts damit zu tun. Ich habe irgendwelche Warnschilder oder so was übersehen.«

»Die Försterin?« Interessiert horchte Edith auf. »Eine Frau?«

»Ja«, bestätigte Kathrin widerstrebend. Sie wusste schon, was jetzt kommen würde.

»Du wolltest eine Reportage über eine Försterin machen? Tolle Idee!« Ediths Gesichtszüge strahlten begeistert. »Klasse Story. Was ist sie? So eine Art Rübezahl?«

»Keine Story«, widersprach Kathrin. »Sie hat das Fällen der Bäume überwacht, sonst nichts. Und bis der Krankenwagen kam, hat sie mich im Forsthaus beherbergt.«

»Und? Du hast sie doch bestimmt ausgequetscht. Was ist ihre Geschichte? Warum ist sie Försterin geworden? Lebt sie da allein? Hat sie Mann und Kinder?« Die Fragen kamen angeschossen, als wäre Ediths Mund ein Maschinengewehrlauf.

Einen Mann schätzungsweise nicht, würde ich mal vermuten, dachte Kathrin. »Weiß ich nicht«, antwortete sie. »Ich habe sie nicht gefragt. Ich war bewusstlos.«

»Aber irgendwann bist du doch aufgewacht.« Edith musterte sie mit einem so verständnislosen Gesichtsausdruck, als wäre selbst eine Ohnmacht kein Grund, nicht mittendrin noch ein Interview zu starten.

»Da hatte ich dann eine Gehirnerschütterung und habe mich auf ihren Fußboden übergeben«, erklärte Kathrin unwillig. »Kopfschmerzen tun weh, weißt du? Da habe ich nicht sofort meinen Block gezückt und irgendwelche Fragen abgehakt.«

»Dann machst du das, wenn du wieder gesund bist«, beschloss Edith, ohne mit der Wimper zu zucken oder auf Kathrins Beschreibung ihres Zustandes einzugehen. »Wann wirst du entlassen?«

»Ich bin gerade erst eingeliefert worden!« Kathrins Stimme klang empört. »Ein paar Tage werde ich mich ja wohl erholen dürfen.«

»Darfst du, darfst du«, meinte Edith ungeduldig. »Aber so eine Story lässt du dir doch nicht entgehen.«

»Es ist keine Story, Edith.« Kathrin hätte sie am liebsten am Jackenkragen gepackt und geschüttelt. »Es war ein Unfall. Und damit hat es sich dann auch.«

»Du müsstest die Geschichte nicht im Studio moderieren.« Ediths Stimme bekam einen säuselnden Klang. »Du könntest hinter der Kamera arbeiten. Recherche. Und du schreibst die Geschichte. Ein kleines Interview vielleicht. Mehr nicht.«

Ein kleines Interview mit Jan Albrecht? Ja, das konnte sie sich gut vorstellen. Die breitschultrige Försterin wäre bestimmt begeistert. Könnte sein, dass dann wieder ein Baum auf Kathrin fiel, aber diesmal mit Absicht.

Sie schüttelte so langsam wie möglich den Kopf, um die Nebenwirkungen in Schach zu halten. »Es . . . ist . . . keine . . . Story«, wiederholte sie betont. »Du hast mir angedroht, dass ich bloß nicht zurückgekrochen kommen soll. Und ich komme nicht zurückgekrochen. Auch wenn du mich zu ziehen versuchst.«

»Du meinst das wirklich ernst, hm?« Edith seufzte tief auf. »Wie kannst du mich so im Stich lassen? ›Bekannte Moderatorin Kathrin Wiehler fast von Baum erschlagen‹. Und ich darf nicht darüber berichten?«

»Es gibt wirklich interessantere Themen«, behauptete Kathrin. »Für mein Leben hat sich noch nie jemand besonders interessiert.«

»Aber vielleicht für das dieser Försterin.« Edith zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. »Beschreib sie doch mal.«

»Edith . . .« Kathrin versuchte die Augen zu rollen, ohne dass sie gleich das Gefühl hatte, sie würden aus ihrem Kopf herausspringen, weil sich das heiße Messer wieder meldete.

»Einen Versuch war es wert, oder?«, entgegnete Edith ganz ohne schlechtes Gewissen. »Es wäre genau das, was die Leute gern hören. Eine Frau in einem Beruf, in dem man sich meistens nur Männer vorstellt. Und dann auch noch eine Försterin. Hat sie eine Uniform?« Ihre Augenbrauen hoben sich neugierig interessiert.

»Hat sie.« Kathrin seufzte. »Aber wir haben schon mal über einen Förster berichtet.«

»Das ist doch schon eine Ewigkeit her!«, winkte Edith wegwerfend ab. »Außerdem war das ein Mann mit Frau und zwei Söhnen. Kein Waldschrat.«

»Sie ist kein Waldschrat.« Streng und in einem Tonfall, als wollte sie sie zur Ordnung rufen, blickte Kathrin Edith an. »Sie ist eine ganz normale Frau, die als Beruf nun einmal diesen gewählt hat. Und sie ist der Typ, der in Ruhe gelassen werden will.« Mahnend hob sie einen Finger. »Ich würde dir nicht raten, ihre Ruhe zu stören.«

Ediths Augenbrauen wanderten noch neugieriger als zuvor nach oben. »Das klingt interessant. Schießt sie aus dem Forsthaus, wenn sich jemand nähert?« Ohne jedes Schmunzeln schaute sie Kathrin erwartungsvoll an, als ob das eine ganz ernsthafte Frage wäre.

»Jetzt hör aber auf!« Kathrin schloss leicht gequält die Augen. »Lass sie in Ruhe, bitte. Und ich habe jetzt wieder Kopfschmerzen.« Sie legte eine Hand auf ihre Stirn.

»Na gut.« Mit eindeutig unzufriedener Miene stand Edith auf. »Erhol dich erstmal. Aber eine Story will ich haben. Irgendeine. Wenigstens deine, wie du den Baum geküsst hast.«

»An den Kuss erinnere ich mich nicht«, entgegnete Kathrin zerstreut, weil die dumpfen Kopfschmerzen es ihr fast unmöglich machten, richtig zu denken. Und Ediths Hartnäckigkeit, mit der sie sie auszufragen versuchte, trug auch nicht gerade dazu bei, dass sie nachließen, im Gegenteil. »Darüber kann ich nicht berichten.«

Auf einmal kam ihr wieder der Traum in den Sinn, der auch etwas mit einem Kuss zu tun gehabt hatte. Waren es etwa Jan Albrechts weiche Brüste gewesen, die sie berührt hatten?

Aber nein, in der Uniform . . . das ging doch gar nicht. Außerdem hatte sie zuerst die Stimme eines Mannes gehört.

Aber warum hatte sie das dann geträumt? Doch nicht seinetwegen.

»Einmal Reporterin, immer Reporterin.« Edith lachte zuversichtlich. »Da verlasse ich mich ganz auf meine Erfahrung. Du wirst es nicht lange durchhalten ohne die ganze Aufregung, die du gewöhnt bist. Die Leute meinen, sie lieben die Stille, bis sie sie dann mal aushalten müssen.«

Die Stille im Wald. Kathrin erinnerte sich. Kurz bevor der Baum gefallen war, war es ganz still gewesen. Die Vögel hatten gewusst, dass sie sich in Sicherheit bringen mussten. Nur sie selbst leider nicht.

Sie seufzte. »Tut mir leid, Edith. Ich bin jetzt wirklich müde. Kannst du dich noch ein wenig gedulden? Bitte unternimm nichts, bis ich wieder aus dem Krankenhaus bin.« Erneut legte sie sich mit schmerzverzogenem Gesicht eine Hand über die Stirn.

Siegessicher begann Edith zu schmunzeln. »Klar, es ist deine Story. Ich nehme sie dir nicht weg.« Sie beugte sich über Kathrin und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn. »Willkommen zurück, Baby.«

3

Ein paar Tage später war Kathrin das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit im Wald. Sie redete sich ein, dass sie unbedingt an den Ort des Geschehens zurückkehren müsste, damit sie nicht ein Trauma zurückbehielt, das sie in Zukunft daran hindern würde, je wieder einen Wald zu betreten.

Eventuell hätte auch ein anderes Waldstück als Therapie dienen können, aber das verdrängte sie. Sie wollte genau in diesen Wald.

Sofort umfing sie erneut das sanfte Rauschen, das helle Zwitschern, die Luft, die so sehr nach Frische roch. Wie ein Märchen, das man durch die Tür eines Themenparks betrat. Draußen blieb die bekannte Welt zurück, man war sich dessen bewusst, dass sie da war, aber hier drin herrschten andere Gesetze.

Sie wusste nicht, wo sich das Forsthaus befand. Als sie dort hingebracht worden war, war sie ohnmächtig gewesen, und der Krankenwagen hatte sie später dann im Liegen hinausgefahren, sodass sie nur die grünen Baumdächer und den blauen Himmel sehen konnte.

Sehr weit entfernt konnte es aber nicht sein, denn die Rückfahrt hatte sich zwar holprig gestaltet, aber nicht ewig hingezogen.

Sie schaute sich um. Erkannte sie etwas wieder? Leider hatte sie bei ihrem ersten Spaziergang hier auf nichts geachtet, sie war ziellos herumgelaufen, einen Waldweg entlang, dann in einen Pfad abgebogen, der kaum noch markiert war, wahrscheinlich nur von Menschen oder Tieren heruntergetreten, die den Weg gekreuzt hatten, dann durchs Unterholz. So war sie wohl in die Baumfallschneise geraten, ohne die Warnungen zu bemerken.

Ob es so eine Art Wegweiser gab: Hier entlang bitte zum Forsthaus?

Wahrscheinlich nicht. Wie Jan Albrecht gesagt hatte, war es ja kein Restaurant, noch nicht einmal eine Waldschänke, in der sich erhitzte und durstige Wanderer erfrischen konnten. Es war nur die Bärenhöhle der Försterin.

Kathrin musste schmunzeln. Ja, ein bisschen hatte es so gewirkt wie eine Höhle. Und die grün gewandete Försterin mit einer Bärin zu vergleichen, die sich gern zum Winterschlaf zurückgezogen hätte, wenn Besucher kamen, war wohl auch nicht ganz falsch.

Dennoch konnte das Forsthaus nicht ganz unzugänglich liegen. Der Krankenwagen hatte bis vor die Tür fahren können. Es musste einen Zufahrtsweg geben. Den musste sie nur finden.

Sie stiefelte diesmal den Hauptweg entlang, den Weg, der für die Spaziergänger als Wanderweg markiert war. Irgendwo gab es vielleicht auch eine Karte, in der das Forsthaus verzeichnet sein musste.

Eine Weile war sie schon gelaufen, da sah sie sie. An einem Kreuzweg stand eine Holztafel als Wegweiser für Wanderer.

Das Forsthaus war offensichtlich mit Absicht so dargestellt, dass man es auch übersehen konnte, wenn man nicht direkt danach suchte. Grün auf Grün. Genauso grün wie die Försterin.

Kathrin lächelte. Vermutlich würde sie sie nicht einmal sehen, wenn sie hier im Wald herumlief. Sie war gut getarnt.

Zuversichtlich schritt sie den Weg voran, fast hätte sie vor sich hingepfiffen, um es den Vögeln gleichzutun, die ihr diesmal so erschienen, als würden sie sie begrüßen, als würden sie sie wiedererkennen. Manchmal klang es so, als würden sie über sie reden und dann über sie lachen. Kathrin fühlte sich ihnen auf eine merkwürdige Art verbunden. Vielleicht, weil sie das unbedingt wollte. Es war ihr wichtig, sich in diesem Wald zu Hause zu fühlen.

Warum?, fragte sie sich. Wälder waren noch nie mein Zuhause. Und ich hatte auch noch nie den Wunsch danach.

Wenn Kollegen einmal vorgeschlagen hatten, im Urlaub gemeinsam zu zelten, hatte Kathrin das immer entsetzt abgelehnt. Eine ihrer herausforderndsten Reportagen war es gewesen, über Leute auf einem Campingplatz zu berichten. Sie konnte einfach keine Verbindung zu ihnen herstellen. Sie verstand nicht, warum man in einem Zelt schlief, wenn es im Dorf um die Ecke ein Gasthaus gab, in dem man in einem ordentlichen Zimmer mit vier festen Wänden hätte übernachten können.

Aber hier gab es keinen Zeltplatz. Auch das hätte die Ruhe der Försterin wahrscheinlich gestört. Und irgendwie hätte Kathrin es auch nicht passend gefunden. Dieser Wald war wirklich etwas Besonderes. Er hatte sich gegen die gierigen Griffe der Stadtentwickler gewehrt, gegen all die Einfamilienhäusersiedlungen, die so viele schöne Gegenden zerstört hatten. Er war ursprünglich und unberührt von der Hektik der Metropole, von all dem, was das tägliche Leben der meisten Menschen ausmachte.

Erst jetzt stellte sie fest, dass es in dieser Ruhe etwas gab, das ihr bisher – vielleicht schon immer, vielleicht aber auch nur in den letzten Jahren – gefehlt hatte.

Sie hatte nie in der Natur Urlaub gemacht. Wenn sie überhaupt je Urlaub gemacht hatte, hatte sie sich immer in Städten aufgehalten. In den Hauptstädten der Welt, in die man für ein Wochenende, höchstens für eine Woche, schnell einmal fliegen konnte. Mit Stadtrundfahrt und persönlichem Stadtführer hatte man dann sehr effizient in kürzester Zeit alles Wichtige abgehakt und konnte zurückfliegen.

Was brauchte man mehr?, hatte sie gedacht. Was würde ein Aufenthalt in der Natur bringen? Natur war einfach nur Natur. Keine kulturellen Errungenschaften, keine landestypischen Gebäude, keine geschichtsträchtigen Monumente.

»Haben Sie die Baumfallschneise heute nicht gefunden?«, wurden ihre Gedanken von einer erstaunlich leisen Stimme unterbrochen, die dennoch eine durchdringende Kraft besaß.

Wie sie schon vermutet hatte, verschmolz die Försterin fast mit der Umgebung. Kathrin hatte sie weder kommen sehen noch hören können. Jetzt stand sie vor ihr, als wäre sie aus dem Nichts aufgetaucht.

»Leider.« Kathrin hob lächelnd die Hände. »Ich wäre so gern wieder ins Krankenhaus zurückgekehrt. Da habe ich mich so wahnsinnig wohlgefühlt.«

Jan Albrecht ging nicht auf ihre ironische Bemerkung ein, sondern musterte sie von oben bis unten. »Wo haben Sie das denn gefunden? Haben Sie einen Outdoor-Laden ausgeraubt?«

Kathrin lachte. »Ich dachte, ich kleide mich mal umgebungsgerecht. Finden Sie es nicht angemessen? So kann ich mir wirklich nicht die Knöchel brechen. Vielleicht könnte ich sogar vor einem fallenden Baum zur Seite springen.«

»Wenn Sie ihn rechtzeitig bemerken . . .«, erwiderte Jan zweifelnd.

»Möglicherweise fehlt mir dafür noch das richtige Gespür«, gab Kathrin zu. »Aber kurz vorher waren die Vögel ganz still. Ich wusste nur nicht, was es bedeutet.«

»Sie haben auf die Vögel geachtet?« Das schien Jan zu erstaunen.

»Nicht bewusst«, sagte Kathrin. »Es ist mir erst im Nachhinein aufgefallen.«

»Das war dann allerdings zu spät.«

Auf einmal raschelte es wieder im Unterholz, und ein Dackel schoss heraus. Er kam direkt auf sie zu.

»Na, du Schlawiner? Was habe ich dir gesagt?« Jan beugte sich hinunter und nahm den Hund an die Leine. »Du sollst doch nicht in die Fuchsbauten kriechen. Konntest wieder nicht hören, hm?«

Der Dackel schaute seine Herrin treuherzig an. Kathrin konnte sich auf einmal vorstellen, woher der Ausdruck Dackelblick kam.

Sie lachte. »Ich dachte immer, gut ausgebildete Hunde tun so etwas nicht.« Auch darüber hatte sie einmal eine Reportage gemacht.

»Dux hat eine spezielle Ausstattung mitbekommen. Er verliert seine Ohren, wenn er das Wort ‚Ausbildung‘ hört.« Jan blickte den Hund strafend an, aber ihre Worte klangen so weich, wie Kathrin es noch nie zuvor in ihrer Stimme gehört hatte.

Bisher hätte sie die Vorstellung von Zärtlichkeit nicht mit Jan Albrecht in Verbindung gebracht, aber auf einmal erschien ihr das nicht mehr so unvereinbar. »Dux«, erwiderte sie, »ist kein Name, der auf Gehorsam hindeutet. Eher auf das Gegenteil.«

»Ja, da hat die Züchterin wohl von vornherein gewusst, was sie da hervorgebracht hat«, bestätigte Jan immer noch mehr an den Hund als an Kathrin gewandt. »Normalerweise wäre er gar nicht für den Forstdienst geeignet.«

»Aber glücklicherweise weiß das niemand?«, vermutete Kathrin schmunzelnd, während sie die Försterin und ihren Hund beobachtete, als müsste sie einen Bericht über deren Verhältnis abgeben.

Als Kind hatte sie sich immer einen Hund gewünscht, aber nie einen bekommen, weil ihre Mutter fand, dass so ein Tier zu viel Aufmerksamkeit verlangte und zu viel Arbeit machte, man sich jeden Tag um ihn kümmern musste, mit ihm rausgehen, ihn füttern . . . Und man konnte dann nicht mehr einfach so in Urlaub fahren. Das war das endgültige Argument gewesen, dass die Anschaffung eines Hundes oder überhaupt irgendeines Tieres unmöglich gemacht hatte.

»Wenn Sie es keinem verraten . . .« Nun traf Jans Blick endlich Kathrin und ließ sie völlig unerwartet erschauern.

Vielleicht war sie nur nicht auf diesen Blick vorbereitet gewesen, weil sie noch so angestrengt über Hunde, die sie niemals gehabt hatte, nachgedacht hatte. Auf jeden Fall löste er ein leises Kribbeln auf ihrer Haut aus, das sie überraschte.

Was er ebenfalls auslöste, war eine Art Fluchtreflex. Ich sollte schnellstmöglich von hier verschwinden, dachte sie und wurde unruhig. Sie fühlte, da war irgendetwas im Busch. Etwas, das sie nicht im Griff hatte.

Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie war immer diejenige gewesen, die entschieden hatte, ob sie eine Frau interessant genug fand, um sich mit ihr zu beschäftigen. Aber auf einmal schien das nicht ihr Kopf, sondern ihr Bauch für sie zu entscheiden. Ohne dass sie großen Einfluss darauf hatte. Und ohne dass sie es verhindern konnte.