Rosen für Nathalie - Angela Danz - E-Book

Rosen für Nathalie E-Book

Angela Danz

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Beschreibung

Als Steuerberaterin sind Zahlen Nathalies Welt – bis der Paradiesvogel Lisa das alles über den Haufen wirft. Auf einmal muss Nathalies so wunderbar geordnetes Leben eine Überraschung nach der anderen verkraften, aber dennoch kann sie sich der Faszination, die diese freche Burlesque-Tänzerin auf sie ausübt, nicht entziehen.  Genauso ergeht es Lisa: Was findet sie nur an dieser trockenen und steifen Steuerberaterin, dass sie sich so von ihr angezogen fühlt? Zu Anfang hält Lisa es nur für eine Affäre von vielen, doch spätestens als Nathalies Ex mit Rosen für Nathalie auftaucht, muss sie sich plötzlich entscheiden, was sie will. Und für Nathalie soll es noch viel mehr rote Rosen regnen . . .

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Angela Danz

ROSEN FÜR NATHALIE

Roman

© 2024édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-377-7

Coverfoto:

1

»Nein, es tut mir leid. Das können Sie nicht als Werbungskosten absetzen.« Nathalie seufzte innerlich. In ihrem Beruf als Steuerberaterin wurde sie oft die absurdesten Dinge gefragt.

Einerseits, weil die Leute keine Steuern zahlen wollten, andererseits aber auch, weil das Ganze so kompliziert war, dass da niemand mehr durchblickte. Selbst sie als Steuerexpertin hatte da hin und wieder Probleme.

Dennoch liebte sie ihren Beruf, weil sie gern mit Zahlen umging und sich auch freute, wenn sie ihr Wissen anwenden konnte, um Menschen zu helfen, die sonst vom Staat gnadenlos ausgenommen worden wären.

Bei diesem Kunden hier war jedoch eher das Gegenteil der Fall. Er nahm seinerseits den Staat gnadenlos aus. Oder versuchte es zumindest. Wollte sogar das Cabrio seiner Geliebten in seiner Ferienwohnung als Werbungskosten absetzen.

Werbung wofür? Für seine Potenz?

Aber auch solche Kunden hatten ein Recht auf korrekte Beratung. Davon lebte Nathalie schließlich.

Manchmal träumte sie jedoch davon, selbst im Cabrio am Meer herumzufahren und nicht mehr pfennigfuchserisch alles aus einer Steuererklärung herauszuholen, was herauszuholen war. Auch wenn ihr das durchaus Spaß machte.

Allerdings war Spaß nicht unbedingt das, was ihr Leben bestimmte. Sie war immer mehr ein Pflichtmensch gewesen. Grundsätzlich.

Weil sie es zu Hause so gelernt hatte. Und wohl auch, weil es ihr tatsächlich lag. Ihr Bruder hatte diese Pflichtauffassung nie übernommen, obwohl er genauso erzogen worden war wie sie.

Doch was auch immer der Unterschied zwischen ihnen war, das hatte Nathalie meistens nicht berührt. Sie war ihren Weg gegangen, ganz egal, was sich ihr in den Weg stellte, und auch ganz egal, was andere davon hielten.

Ihre Mutter hätte lieber eine Tochter gehabt, die mit Puppen spielte, doch Nathalie hatte von klein auf lieber mit Zahlen gespielt. Es machte ihr Spaß, ihr Taschengeld nicht auszugeben, sondern sich auszurechnen, was sie sich damit kaufen könnte. Wie viel ihr übrig blieb, weil sie es sich nicht gekauft hatte.

Viele ihrer Altersgenossen und auch ihr Bruder gaben ihr Taschengeld aus, sobald sie es bekamen. Es war sofort weg. Nathalie hatte jedoch am Ende der Woche meistens immer noch alles übrig.

Dann gab sie es vielleicht aus, direkt bevor das neue Taschengeld kam. So hatte sie immer das Gefühl, genügend Geld zu haben, wenn sie sich etwas kaufen wollte. Obwohl sie es erst einmal nicht tat.

Diese Art von Beherrschung hatte alle erstaunt. Besonders bei einem Kind von sechs Jahren. Aber für Nathalie war das Vergnügen, Geld zu besitzen, es immer wieder zählen zu können, wenn sie das wollte, es immer sehen zu können, wenn sie ihr kleines, perlenbesticktes Portemonnaie öffnete, einfach wichtiger.

Sie war – so sagte einmal ihre Lieblingstante lachend zu ihr – ein richtiger Onkel Dagobert. Was ihre Tante allerdings noch gesagt hatte, war, dass sich das sicher bald auswachsen würde. Das wäre so eine Art Kindheitsobsession. Manche Kinder wären eben so, aber das würde nicht anhalten.

Damit hatte sie sich allerdings geirrt. Es wuchs sich nicht aus. Was sogar ihre Tante eines Tages akzeptieren musste.

Deshalb war es auch keine Überraschung gewesen, als sie sich für ihren Beruf entschied. Steuerberaterin schien für alle mehr als passend zu sein.

Doch jetzt musste sie zuerst einmal dieses Gespräch beenden, denn das brachte nichts. »Sie müssen Geld ausgeben, um Geld zu sparen«, fuhr sie deshalb fort. »Investieren. Am besten in Immobilien oder sonstige bleibende Werte. Oder Schulden machen, das geht auch.«

»Habe ich nicht schon genug Schulden?«, fragte er. »Aber es ist sicher kein Problem, noch mehr von der Bank zu bekommen. Mein Anlageberater hat mich letztens schon genervt.«

»Dann sollten Sie seinen Rat annehmen«, schlug Nathalie vor. »So kommen Sie fast auf null.«

»Das ist mein Ziel.« Er lachte. »Keine Steuern zahlen. Dieser Staat soll keinen Cent von mir bekommen. Dann schon lieber die Bank.« Im Hintergrund hörte man ein Geräusch. »Gut, ich komme«, rief er hallig in den Raum. »Ich habe jetzt ein Meeting«, sprach er daraufhin wieder in den Hörer zu Nathalie. »Und dann rufe ich meinen Anlageberater an. Danke für den Tipp! Sie hören von mir.« Damit legte er auf.

Bei solchen Kunden hatte Nathalie das Gefühl, das System wurde auf den Kopf gestellt. Der Mann war Millionär, aber er zahlte weniger Steuern als irgendeine Kassiererin bei Aldi. Und wollte gar keine zahlen.

Dafür bezahlte er allerdings seiner Steuerberaterin einen schönen Batzen. Das störte ihn nicht. Auch nicht die Zinsen an die Bank. Es ging ihm nicht um Geld an sich, das er nicht ausgeben wollte.

Er wollte einfach nur keine Steuern zahlen. Das ging ihm gegen die Ehre.

In gewisser Weise konnte Nathalie das verstehen, denn auch sie selbst verdiente sehr gut, zahlte jedoch kaum Steuern, weil sie alle Tricks kannte, mit denen man das verhindern konnte. Legale Tricks, die voll im Rahmen der Gesetze lagen. Die Leute, die diese Gesetze gemacht hatten und immer noch machten, hatten wirklich nicht die geringste Ahnung.

Bei ihrem Spiel mit dem Staat kam Nathalie sich manchmal so vor wie damals als Kind. Als sie immer alle anderen hatte schlagen wollen, weil sie ihr Geld am längsten behielt.

Der Staat gab Geld für Sachen aus, für die Nathalie niemals Geld ausgegeben hätte. Und das wollte sie nicht unterstützen. In der Beziehung verstand sie Kunden wie denjenigen, mit dem sie gerade telefoniert hatte, gut.

Wenn man keine Kontrolle darüber hatte, wie und wofür das eigene Geld ausgegeben wurde, gleichzeitig aber dazu gezwungen wurde, Teile seines hart verdienten Einkommens dafür zur Verfügung zu stellen, vermittelte das ein schlechtes Gefühl.

Deshalb vermittelte ihr jeder Cent, den sie für sich oder ihre Kunden an Steuern sparte, ein ähnlich gutes Gefühl wie damals ein Blick in ihr kleines perlenbesticktes Portemonnaie, das man ihr als Kind geschenkt hatte.

2

»Was ist das?« Stirnrunzelnd betrachtete Nathalie den Rosenstrauß, der plötzlich in ihrem Türrahmen erschienen war. Dahinter war ihre Sekretärin, die ihn trug, kaum zu sehen.

»Die sind gerade für Sie gekommen.« Frau Kleinschmidts Stimme klang wesentlich erfreuter als Nathalies.

»Das habe ich mir beinah schon gedacht.« Nathalie rollte mit den die Augen in Richtung ihrer Mitarbeiterin. »Und wer hat sie geschickt?«

Frau Kleinschmidt kam mit einem nur unzureichend unterdrückten Schmunzeln im Gesicht ins Büro und blickte Nathalie an. »Das müssten Sie doch besser wissen als ich.«

In ihren Augen lag der neugierige Ausdruck einer alten Jungfer, die nichts mehr liebte als Liebesromane, die in ihrer Nachbarschaft stattfanden. Sie war keine alte Jungfer, sie war geschieden, aber das schon sehr lange, und irgendwie kam das wohl auf dasselbe heraus.

»Ich weiß von gar nichts, Frau Kleinschmidt.« Nathalie versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu beherrschen, aber die Neugier ihrer Mitarbeiterin ging ihr auf die Nerven.

Weil sie selbst keinen Mann fand, jedenfalls schien das in ihrem Alter und mit ihrer Ausstrahlung eines grauen Mäuschens unwahrscheinlich, hätte sie so gern an Nathalies Liebesleben teilgenommen. Nur hatte Nathalie auch keins. Oder nur selten und in großen Abständen.

Ordentlich, wie sie war, hatte Frau Kleinschmidt die Rosen bereits in einer Vase untergebracht, die sie jetzt zu Nathalies Schreibtisch trug. »Wo soll ich sie hinstellen?«

»Nirgendwo hin.« Fast angewidert hob Nathalie die Hand. »Nehmen Sie sie weg. Am besten gleich in den Abfall.«

Enttäuscht blickte Frau Kleinschmidt auf die wie Rubine strahlenden Blüten. »Das wäre aber schade.«

»Meinen Sie?« Mit einer verächtlichen Armbewegung schlug Nathalie ihr fast die Vase aus der Hand, die sie ihr hinhielt. »Wenn Sie wollen, können Sie sie gern mit nach Hause nehmen. Ich will das Zeug nicht mehr sehen.«

Frau Kleinschmidts eben noch enttäuschter Gesichtsausdruck verwandelte sich in einen ungläubig erfreuten. »Wollen Sie sie wirklich nicht haben?«

»Nein, will ich nicht.« Ablehnend zog Nathalie die Nase kraus. »Nehmen Sie sie schon weg!«

»Sofort.« Mit begeistert verzogenem Gesicht hob Frau Kleinschmidt die Vase hoch, um sie bis zum Feierabend auf ihren eigenen Schreibtisch zu stellen.

Nathalie sah ihr kopfschüttelnd nach. Das war bestimmt dieser BWL-Typ gewesen, den sie gestern auf dem Empfang der Steuerberatervereinigung getroffen hatte. Eine völlig überflüssige Veranstaltung und ein völlig überflüssiger junger Mann, dem man die Spießigkeit schon von Weitem ansah. Dachte er etwa, Nathalie würde die Mutter seiner ebenso spießigen Kinder werden?

Doch ohne noch länger darüber nachzudenken, wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu, vergaß schnell, was es sonst auf der Welt noch so gab, denn das interessierte sie nur wenig.

»Ich gehe dann, Frau Dengler.«

Ruckartig fuhr Nathalies Kopf hoch. Frau Kleinschmidt stand startbereit in der Bürotür, und sie war immer auf die Minute pünktlich, also musste es bereits – »So spät schon?«, fragte sie.

Frau Kleinschmidt nickte. »Sie sind immer noch sicher, dass ich die Blumen mitnehmen kann?«

»Oh ja, da bin ich sicher!« Nathalie atmete tief durch. »Schönen Abend, Frau Kleinschmidt.«

»Ihnen auch, Frau Dengler. Und noch mal vielen Dank.« Frau Kleinschmidt strahlte wie ein Honigkuchenpferd, als sie mit dem nun wieder sorgfältig verpackten Rosenstrauß abzog, der noch ein wenig tropfte.

3

Nachdem Frau Kleinschmidt gegangen war, arbeitete Nathalie eine Weile ungestört vor sich hin.

Im Gegensatz zu ihrer Sekretärin machte sie nie pünktlich Feierabend. Zu Hause erwartete sie ja auch nichts Interessantes, nur eine leere Wohnung.

Ein dumpfes Geräusch ließ ihren Blick auf einmal zum Fenster wandern. Daher schien es gekommen zu sein. Allerdings konnte sie nicht genau feststellen, woher. War da irgendetwas heruntergefallen? Hier im Zimmer sah sie nichts.

Das Fenster war nicht nur ein Fenster, es war eine Fenstertür. Und davor befand sich ein kleiner Balkon. Da es ein altes Haus war, war der nicht sehr ausladend, und er lag direkt an der Straße, sodass es ohnehin kein Vergnügen gewesen wäre, darauf zu sitzen. Benzingestank und Lärm hielten sie zuverlässig davon ab.

Doch manchmal trat Nathalie hinaus, wenn sie sich vom Treiben auf der Straße ein wenig von der Arbeit ablenken wollte. Die Augen ausruhen, die sich zu lange auf den Bildschirm konzentriert hatten.

Mit einem fragenden Gesichtsausdruck bewegte sie sich zur Tür. Vielleicht hatten da Kinder etwas hinaufgeworfen? Einen Ball?

Das konnte sie sich zwar nicht so richtig vorstellen, aber die Leute kamen manchmal auf die unwahrscheinlichsten Ideen. Ihr Büro befand sich direkt auf St. Pauli, da war man vor Überraschungen nie sicher.

Der Scheibe war nichts passiert, also konnte der Aufprall, den sie gehört hatte, nicht so schlimm gewesen sein. Es hatte nicht geklirrt, nur dumpf gescheppert.

Sie öffnete die Tür und sah auf den kleinen Balkon hinaus. Da lag ein Vogel. Er war nicht tot, denn er bewegte sich, versuchte, sich wohl aufzurappeln, war aber anscheinend ziemlich benommen.

Nathalie hatte keine Erfahrung mit Tieren, mit Vögeln schon gar nicht, deshalb wusste sie nicht, was sie tun sollte. War das überhaupt nötig? Wahrscheinlich würde der Vogel sich doch von selbst wieder erholen. Auch wenn sie sich nicht damit auskannte, aber wild lebende Tiere waren da bestimmt nicht so empfindlich.

Warum der Vogel allerdings gegen ihr Fenster geflogen war, hier mitten in der Stadt, das war ihr ein Rätsel. Das war noch nie passiert. Und Rätsel waren etwas, das sie überhaupt nicht mochte. Ein Rätsel war ein ungelöstes Problem. Probleme waren jedoch dazu da, gelöst zu werden.

Deshalb runzelte sie fast ungewollt die Stirn, als sie über das Problem nachdachte. War das ein junger Vogel, der noch nicht wusste, wo er langfliegen musste?

Sie konnte es ihm nicht ansehen. Für sie sah er aus wie jeder andere Vogel, sie konnte da keinen Unterschied im Alter feststellen.

Doch zum Schluss interessierte sie das alles nicht wirklich. Es war nur lästig, sich mit so etwas beschäftigen zu müssen. Sie sollte hineingehen und ihn in Ruhe mit seinen Kopfschmerzen fertigwerden lassen, damit er so bald wie möglich verschwand und das Problem sich damit in Luft auflöste. Leicht genervt schloss sie die Tür wieder und ging zurück an ihren Schreibtisch.

Danach wanderte ihr Blick bei der Arbeit mehrmals zum Fenster, aber sie sah ihn nicht abfliegen. Warum sie sich überhaupt Gedanken darüber machte . . . Was ging sie das an?

Nun ja, es war ihr Balkon. Und ihr Fenster. Aber deshalb war sie noch lange nicht verantwortlich für die Dummheit eines Vogels, der entweder nicht richtig fliegen oder nicht richtig gucken konnte.

Nachdem sie ein paar Berechnungen für eine Kundin angestellt hatte, die zu wenig verdiente, um viel investieren zu können, weshalb sie mehr Steuern zahlte als der Cabriobesitzer, mit dem Nathalie zuvor telefoniert hatte, schloss sie die Unterlagen und fragte sich erneut, was mit dem Vogel war. War er jetzt doch gestorben? Dann musste sie seine . . . Leiche wohl entsorgen, bevor sie zu stinken anfing.

Also ging sie mit einem leichten Zögern zur Tür, hielt an, blieb stehen und überlegte. Sie konnte natürlich auch warten, bis die Putzfrau es tat. Die würde ja bald kommen.

Schon drehte sie sich halb auf dem Absatz um, da riss sie sich zusammen und straffte ihre Schultern. Wer war sie denn? Dass sie sich vor einem toten Vogel fürchtete? Sonst fürchtete sie doch nichts und niemanden.

Sie fürchtete sich ja auch nicht. Es war einfach nur unangenehm, sich mit so etwas beschäftigen zu müssen. Unangenehm und lästig.

Doch schon während sie das dachte, öffnete sie die Fenstertür und blickte hinaus. Der Vogel hatte sich aufgerappelt. Er hockte am Boden und versuchte zu fliegen, brachte es aber höchstens zu einem wackligen Hüpfer. Einer seiner Flügel hing bis zum Steinboden des kleinen Balkons herunter.

Zwar hatte Nathalie keine Ahnung von Tieren, aber das legte wohl die Vermutung nahe, dass er sich den Flügel gebrochen hatte. Und mit einem gebrochenen Flügel konnte kein Vogel fliegen, das wusste selbst sie.

Somit konnte sie ihn auch nicht einfach in die Luft werfen, damit er sich in den Himmel erhob. Das würde er nicht tun können. Er würde auf der Straße zerschellen.

»Hm. Was machen wir denn nun mit dir?«, murmelte sie vor sich hin und sah ihn an.

Wieder überlegte sie, ob sie auf die Putzfrau warten sollte. Die hatte, soweit Nathalie wusste, Katzen, kannte sich also weit besser mit Tieren aus als sie selbst.

Aber Katzen waren keine Vögel. Die würden sich höchstens freuen, etwas Leckeres zum Abendbrot zu bekommen. Na ja, so tierlieb, wie die Putzfrau war, würde sie den Vogel wohl kaum an die Katzen verfüttern.

Das wollte Nathalie aber sowieso nicht. Der Vogel konnte jedoch auch nicht hierbleiben. Er war ein Problem, das gelöst werden musste. Und im Problemlösen war Nathalie gut. Sie fand immer eine Lösung, wenn sie sich Mühe gab.

Also ging sie auf ihn zu. Aber sie hatte sich wohl zu schnell bewegt, denn panikerfüllt versuchte der Vogel zu flüchten, indem er einen Flügel leblos hinter sich herschleifte.

Sofort blieb Nathalie stehen. Der Vogel drückte sich in eine Ecke, saß dort zitternd und fast erstarrt vor Angst, duckte sich so weit wie möglich auf den Boden, um unsichtbar zu erscheinen.

»Ach du je«, sagte Nathalie. »Das ist jetzt ein Kommunikationsproblem. Wie kann ich dir klarmachen, dass ich dir nichts tue?«

»Können Sie nicht«, sagte eine Stimme von der Balkontür her.

Nathalie fiel ein Stein vom Herzen. Die Putzfrau war gekommen. Sie drehte sich zu ihr um und sah sie beinah dankbar an. »Gut, dass Sie da sind, Frau Wechsler. Ich glaube, der Vogel hat sich einen Flügel gebrochen, als er gegen die Balkontür flog.«

Frau Wechsler warf einen Blick auf den herunterhängenden Flügel. »Sieht so aus«, bestätigte sie. »Das muss geschient werden, damit es wieder zusammenwachsen kann.«

Das leuchtete Nathalie ein. Das war wie bei Menschen.

»Können Sie das machen?«, fragte sie.

Bedauernd schüttelte Frau Wechsler den Kopf. »Ich denke, das macht am besten ein Tierarzt.«

»Tierarzt.« Nathalie wiederholte das Wort, als wäre ihr plötzlich eine Erleuchtung gekommen. »Ja, natürlich. Die sind dafür zuständig.«

»Wer sonst?« Mit einer hinweisenden Bewegung ihres Kinns zuckte Frau Wechsler die Schultern. »Am besten, Sie packen das arme Tier in ein Handtuch und bringen es da hin.«

»Ich?« Der Gedanke war Nathalie noch gar nicht gekommen.

»Ich habe kein Auto«, sagte Frau Wechsler. »Und hier in der Nähe ist keiner.«

»Wissen Sie, wo?«, fragte Nathalie.

»Ich könnte Ihnen nur meinen eigenen sagen.« Überlegend runzelte Frau Wechsler die Stirn. »Aber das ist zu weit draußen. Es gibt bestimmt einen, der hier näher ist.«

Nathalie nickte. »Das lässt sich ja herausfinden.«

Schnell ging sie zu ihrem Schreibtisch und rief eine Suchmaschine auf.

4

»Kennen Sie sich mit Wildvögeln aus?« Der ältere Tierarzt sah Nathalie zweifelnd an.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich kenne mich überhaupt nicht mit Tieren aus. Ich hatte noch nie ein Haustier.«

Mit Frau Wechslers Hilfe hatte sie es tatsächlich geschafft, den Vogel in ein Handtuch zu packen und zum nächstgelegenen Tierarzt zu fahren. Dann hatte sie eine Weile warten müssen, weil ziemlich viel los war – sie hatte gar nicht gewusst, dass es so viele Menschen mit Tieren gab, die ärztliche Hilfe benötigten –, was sie ziemlich nervös gemacht hatte, und nun war sie endlich im Behandlungsraum, fühlte sich aber mehr wie ein Störfaktor.

»Dann würde ich da nichts machen«, sagte er. »Das hat keinen Sinn. Sie kennen sich nicht aus, und Sie müssten eine ganze Menge Sachen kaufen, nur für diese kurze Zeit. Das fängt schon bei einem Käfig an. Oder haben Sie einen?« Er sah sie fragend an.

»So was habe ich noch nie gebraucht.« Erst jetzt wurde Nathalie klar, dass es mit dem einfach nur zum Tierarzt Bringen nicht getan war.

»Eben.« Er nickte. »Und ein Wildvogel braucht spezielle Fütterung. Wahrscheinlich würde er nicht so lange überleben, bis sein Flügel wieder einsatzfähig ist. Deshalb würde ich vorschlagen, machen Sie dem jetzt ein Ende.«

»Ein Ende?« Nathalie verstand nicht.

»Dann hat er es hinter sich und muss sich nicht mehr quälen«, erläuterte der Tierarzt.

»Sie meinen . . .?« Entsetzt klappte Nathalies Kinnlade herunter. »Ihn töten?«

»Das ist schnell getan.« Der Tierarzt zuckte die Schultern. »Ich bin nicht dafür, Tiere lange leiden zu lassen. Daher würde ich ihn einschläfern, das ist keine Sache. Ich gebe ihm nur eine Spritze . . .« Er wandte sich ab und schien auch gleich nach einer greifen zu wollen.

Reflexartig schossen Nathalies Hände vor, und sie riss den Vogel an sich. »Sind Sie verrückt? Ich weiß ja nicht, wie alt dieser Vogel ist –«

»Jung«, sagte er. »Sehr jung. Vielleicht war das sein erster Ausflug aus dem Nest.«

So ähnlich, wie Nathalie es sich gedacht hatte. Der Vogel war noch sehr unerfahren und hatte nicht gewusst, was ein Fenster oder eine Balkontür ist.

»Aber sonst geht es ihm gut?«, fragte sie. »Nur der Flügel ist gebrochen?«

Tadelnd sah der Tierarzt sie an. »Für einen Vogel ist das kein Nur. Wenn er nicht fliegen kann, ist er so gut wie tot.«

»Aber er ist noch nicht tot!«, widersprach Nathalie heftig. »Schienen Sie seinen Flügel, und ich nehme ihn mit nach Hause.«

»Das würde ihn nur unnötig quälen«, sagte er noch einmal. »Und zum Schluss würde er doch sterben. Weil Sie keine Erfahrung mit Wildvögeln haben.«

Ach, jetzt bin ich schuld? Langsam baute sich ein Wutanfall in Nathalie auf, obwohl sie sonst nicht dazu neigte. Sie war wirklich eher ein nüchterner Zahlentyp.

Aber irgendwie fühlte sie sich für diesen Vogel verantwortlich wie für einen Kunden, für den sie die beste Steuerersparnis herausholen sollte. Da gab sie auch nicht so leicht auf.

»Tun Sie es oder tun Sie es nicht?«, fragte sie, äußerlich kühl, aber innerlich brodelnd. »Sonst suche ich mir einen anderen Tierarzt.«

Er seufzte. »Na gut. Wenn Sie unbedingt wollen . . . Es ist Ihr Geld.«

5

Wenn Lisa ihren Tag begann, sang sie meistens vor sich hin. Manche fanden das komisch, aber ihr selbst kam es ganz selbstverständlich vor. Es war das, was sie fühlte. Sie pfiff, sie sang, sie tanzte. Das lag einfach in ihrer Natur.

Alles, was sie fühlte, wollte sie der Welt sofort mitteilen. Vor allem positive Dinge. Allerdings fühlte sie auch kaum je etwas Negatives. Es wäre ihr schwergefallen, ein halb leeres Glas zu sehen. Sie sah immer ein halb volles. Oder füllte es in Gedanken gleich bis zum Rand auf.

Geld spielte in ihrem Alltag keine große Rolle. Sie hatte gerade mal genug zum Leben, aber das kümmerte sie nicht. Selbst wenn sie keinen Cent in der Tasche hatte, fühlte sie sich reich. Was man brauchte, fand sich immer.

Das war ihre Lebensphilosophie in jeder Beziehung. Deshalb fanden manche Leute sie anstrengend, fast verstörend, doch das konnte Lisa nicht verstehen. Die Welt war ein wunderbarer Ort, das Leben war eine wunderbare Sache, wie konnte man das nicht sehen?

Ihre Eltern hatten es schon lange aufgegeben, sie ändern zu wollen. Sie hofften, es war nur eine Phase. Die dauerte jetzt jedoch schon so circa zehn Jahre an, was eigentlich dagegen sprach.

Lisa machte sich darüber jedoch keine Gedanken. Sie war glücklich damit, in den Tag hineinzuleben, von einem Tag auf den anderen, von einer Stunde auf die andere, einer Minute oder Sekunde. Immer wieder ergab sich etwas Neues, das sie faszinierte.

Eine Sache faszinierte sie jedoch schon sehr viel länger als alles andere, das war das Burlesquetanzen. Schon als Kind hatte sie Burlesquetänzerin werden wollen, und das hatte sich auch als Teenager noch nicht verloren gehabt.

Da sie so ziemlich alles konnte, was sie sich vornahm, und deshalb auch in der Schule gut war, hatten ihre Eltern jedoch darauf bestanden, dass sie zuerst einmal Abitur machte. Beim Abitur war sie noch unter achtzehn gewesen, deshalb war ihr da gar keine andere Wahl geblieben.

Schlimm hatte sie die Schule sowieso nicht gefunden. Im Gegenteil. Was immer sie tat, sie genoss es. Dazu musste sie sich noch nicht einmal anstrengen. Es war Teil ihrer Persönlichkeit wie ihre Fröhlichkeit, ihre Unbeschwertheit, die Leichtigkeit des Seins, die sie von oben bis unten ausstrahlte, die um sie herum schwebte wie eine glückliche Aura.

Viele liebten sie deshalb und beneideten sie darum, doch manchmal artete dieser Neid auch in richtige Missgunst aus. Vor allem bei Leuten, die sich viel mehr anstrengen mussten als sie, um das zu erreichen, was Lisa anscheinend mit einem Fingerschnippen erreichen konnte, wenn sie wollte.

Auch warfen sie ihr vor, dass sie gewisse Dinge eben nicht wollte, die für andere so wichtig waren, so unverzichtbar erschienen. Dass sie kein geregeltes Leben führen wollte, dass sie sich standhaft weigerte, ein Studium zu absolvieren oder einen Beruf zu erlernen, der für ein gesichertes Einkommen und Sozialleistungen sorgte. Wie oft hatte sie schon das Wort Rente gehört, das ihr persönlich nichts sagte.

Natürlich wusste sie, was eine Rente war, aber es kümmerte sie nicht, dass sie keine hatte. Wie immer ging sie davon aus, dass sich das, was sie brauchte, schon finden würde, egal in welchem Alter.

Allerdings konnte sie sich ein hohes Alter auch gar nicht vorstellen. Ihr Körper war so gut trainiert, dass sie von Gebrechen noch nicht einmal träumte.

»He Lisa!«

Wenn Lisa über die Straße ging, wurde sie hier in diesem Viertel, in dem sie wohnte und auch arbeitete, von vielen erkannt. St. Pauli war groß, viele Fremde trieben sich hier herum, Touristen, Wochenendbesucher, und trotzdem kam man sich manchmal vor wie in einem Dorf.

Fröhlich grüßte sie zurück. »Wie geht’s dir? Alles klar?«

»Wie immer«, antwortete der unauffällig gekleidete Mann Mitte vierzig.

»Super.« Lisa verwöhnte ihn mit einem breiten Lächeln, dessen sie sich gar nicht bewusst war. »Dann sehen wir uns heute Abend in der Vorstellung.«

»Klar.« Er winkte kurz und ging weiter.

Es war nicht ungewöhnlich, dass Lisa auf dem Weg zum Supermarkt auf diese Weise aufgehalten wurde. Und es war das, was sie an ihrem Job und an ihrem Leben so liebte.

Obwohl sie sich jetzt direkt nach dem Frühstück – das bei ihr allerdings eher zur Mittagszeit oder sogar erst am Nachmittag stattfand, weil sie bis tief in die Nacht oder manche hätten auch gesagt bis in den frühen Morgen arbeitete – nicht besonders auffällig geschminkt oder angezogen hatte, wie es auf der Bühne der Fall war, war sie dennoch kein unauffälliger Typ. Schon ihre höchst faszinierenden hellen Augen, die praktisch jeden in ihren Bann zogen, verhinderten das.

Nicht alle mochten diese Augen, die so hell waren, dass man sie fast schon als farblos hätte bezeichnen können, und doch konnte sich kaum jemand ihrem Zauber entziehen. Viele Menschen hier in Hamburg wie überall im Norden hatten blaue Augen, manche dunkler, manche heller, aber niemand hätte Lisas Augen wohl als blau beschrieben. Für diese Farbe fehlte eine Bezeichnung.

Was diese helle Farbe noch auffälliger machte, waren Lisas dunkle Haare. Bei so hellen Augen erwartete man nach oben hin eine blonde Fortsetzung. Lisas Haarfarbe war jedoch genauso undefinierbar wie die ihrer Augen.

Braun konnte man sie nicht nennen, rot auch nicht, rotbraun oder kastanienbraun traf es aber ebenso wenig. Wenn sie blaue, orange, blonde, violette, türkis- oder pinkfarbene Strähnchen darin trug, wurde der Eindruck noch mehr verfälscht. Der Farbenpracht waren in Lisas Vorstellung keine Grenzen gesetzt.

Manchmal entschied sie sich auch für Grau, und obwohl Grau eigentlich überhaupt keine Farbe war, gelang es Lisa, sie wie die interessanteste Farbe von allen erscheinen zu lassen. Sie war eben einfach eine schillernde Persönlichkeit, die man nicht festlegen konnte.

Wer das versuchte, biss schnell auf Granit. Denn in einem durfte man sich nicht täuschen: Lisa war kein lockerer Vogel, den man hin- und herschubsen konnte, weil er nicht wusste, was er wollte. Das wusste sie sehr genau. Schon ihre Eltern hatten sich daran die Zähne ausgebissen, sie in eine andere Richtung zu lenken.

Doch das sah ihr niemand an. Weshalb so viele sie falsch einschätzten und sie für ein taumelndes Blatt im Wind hielten.

»Guten Morgen, Süße.« Diesmal war der Mann, der sich Lisa auf der Straße anschloss, weniger unauffällig als der erste. In der Tat hätte man ihn von Weitem trotz seiner beeindruckenden Größe überhaupt nicht für einen Mann gehalten. Schon allein sein Hüftschwung irritierte in dieser Hinsicht. Ganz zu schweigen von dem Kleid und den hochhackigen Schuhen. »Sollen wir zusammen frühstücken?« Er beugte sich zu ihr herunter und hauchte ein Küsschen rechts und links auf ihre Wangen.

Lisa gab ihm zwei ebenso flüchtige Küsse auf die Wangen zurück, lachte, strich mit einer Hand darüber und sagte: »Weich wie ein Kinderpopo. Da hast du dir ja wieder Mühe gegeben.«

Er hob die sorgfältig gezupften Augenbrauen. »Immer«, gab er zurück. »Das weißt du doch. Soll ich etwa kratzen wie irgend so ein . . . Mann?« Das letzte Wort klang leicht verächtlich. »Café Zuckermonarchie?«, fügte er dann mit einem auffordernden Blick hinzu.

Freundlich schüttelte Lisa den Kopf. »Nein danke, Dominik. Heute nicht. Ich habe schon zu Hause gefrühstückt. Deshalb habe ich gar nichts mehr im Kühlschrank und muss jetzt einkaufen gehen. Denn später ist keine Gelegenheit mehr.«

»Ach ja.« Er seufzte, als hätte ihm jemand ein großes Unrecht angetan. Ihm ganz persönlich. »Einkaufen. Der Alltag. Dieses furchtbare tägliche normale Leben.« So, wie er das Wort normal betonte, hätte man es für eine Beschimpfung halten können.

»Dem können wohl selbst wir uns nicht entziehen.« Unbekümmert lachte Lisa ihn an. »Ich denke gar nicht darüber nach, dann ist es nicht so schlimm.«

»Du findest ja sowieso überhaupt nichts schlimm«, beklagte Dominik sich. »Was kann dir schon etwas anhaben?« Mit leicht schiefgelegtem Kopf sah er auf sie hinunter. »Manchmal beneide ich dich um dein kindliches Gemüt.«

»Kindliches Gemüt?« Wirklich erstaunt blickte Lisa zu ihm hoch, was bedeutete, dass sie ihren Kopf ziemlich in den Nacken legen musste. »Jetzt übertreibst du aber.«

»Tue ich nicht«, behauptete er. »Du hüpfst durch die Welt wie ein Flummi. Selbst wenn du mal falsch abprallst und irgendwo im Dreck landest, betrachtest du das höchstens als eine gute Gelegenheit, etwas Neues zu entdecken. Du ärgerst dich über gar nichts. Während ich . . .« Wieder seufzte er so, als würde ihn das Leben mit seiner Last schwer herunterdrücken.

»Was ist denn schon wieder, Dominik?« Auch wenn Lisa überhaupt nicht zum Seufzen neigte, hörte sich ihre Stimme ein wenig so an, weil sie ganz automatisch Dominiks Tonfall imitierte.

»Ach Liebchen . . .« Theatralisch schicksalsgebeugt winkte Dominik mit dieser Handbewegung ab, die anscheinend nur Schwule beherrschten. »Es ist doch immer wieder dasselbe mit den Kerlen.«

»Da kenne ich mich nicht so aus«, erwiderte Lisa schulterzuckend, »aber ich dachte, Leon und du –«

»Die alte Leonie hat mich verlassen«, unterbrach Dominik sie verärgert. Doch gleichzeitig merkte Lisa auch, dass er damit nur seine Betroffenheit kaschieren wollte. Es schien ihm wirklich nahezugehen. »Dumme Pute.«

»Hm.« Obwohl sie den Eingang des Penny-Marktes auf der Reeperbahn in diesem Moment erreicht hatten, ging Lisa nicht hinein, sondern blieb stehen.

»Ich glaube«, sagte sie, »das mit der Zuckermonarchie war doch keine so schlechte Idee. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, verlangt die Situation nach einem Frauengespräch.«

6

»Du bist spät dran.« Eine leicht affektierte, jedoch dennoch tiefe Männerstimme begrüßte Lisa. »Hatte ich nicht gesagt, alle sollten pünktlich sein?«

»Ich weiß.« Lisa machte ein entschuldigendes Gesicht, aber ihre Augen waren dabei nicht so überzeugend, denn sie zwinkerten. »Und du bist die beste Chefin der Welt, Francesca. Ich liebe dich.«

Schnell umarmte sie die etwas füllige Gestalt mit den langen falschen Wimpern und dem dick aufgelegten Make-up.

»Und du weißt ganz genau, wie du mich rumkriegst und dass ich dir nicht böse sein kann.« Francesca, die eigentlich auf den Namen Frank getauft war, nun aber ein Lokal führte, in dem ein solcher Name nicht sehr nützlich gewesen wäre und auch nicht zu ihrem Glitzeroutfit gepasst hätte, lächelte sie an.

»Danke.« Zurücklächelnd und zugleich fragend blickte Lisa ihn an. »Hast du zufällig Leon . . . Leonie gesehen?«

»Leon? Nein.« Auf einmal klang Francesca doch eher wie Frank, geschäftsmäßig uninteressiert. »Aber Dominik müsste wissen –«

»Mit Dominik hatte ich gerade ein stundenlanges Gespräch über Beziehungen. Weil Leon ihn verlassen hat«, nahm Lisa ihm das Wort aus dem Mund. »Deshalb komme ich zu spät.«

»Ach du je.« Francescas Stimme klang nicht sehr anteilnehmend. »Immer wieder dasselbe mit den Mädels.«

»Scheint so«, sagte Lisa. »Und mir scheint auch . . .«, sie legte eine Hand ans Kinn, »dass es Dominik diesmal schwerer getroffen hat als sonst.«

»Heißt das, Dominique tanzt heute Abend nicht?« Das schien Francesca de Rubio, wie Frank sich auf der Bühne nannte, viel mehr zu erschüttern als die Trennung.

Diesmal sprach er Dominiks Namen wie den einer Frau aus, denn als solche betrat Dominik ja auch die Bühne. Dort gab es keinen Dominik mehr, sondern nur noch eine Dominique.

»Nein, er wird auftreten«, versicherte Lisa ihm. »Wenn Leon allerdings nicht da ist, wird der Auftritt vielleicht nicht so feurig wie sonst.«

»Macht nichts.« Francesca winkte ab. »Sie ist so gut, das merkt keiner. Hauptsache, sie kommt auf die Bühne.«

»Ja, ich glaube, wir sind alle froh, wenn er kommt. Und ich denke, es tut ihm auch gut. Vielleicht vergisst er Leon dann für ein paar Minuten.« Lisa verzog das Gesicht. »Das war ein ziemlich heftiges Gespräch, das wir in der Zuckermonarchie hatten. So habe ich Dominik wirklich noch nie erlebt.«

»Komisch.« Stirnrunzelnd – was man allerdings kaum sah unter der dicken Schminke – beugte Francesca sich vor. »Ich dachte immer, er ist einer von der oberflächlichen Sorte. Hatte ja jedes Mal schon die nächste, wenn das Bett von der vorher noch warm war.«

»Leon hat anscheinend einen Nerv getroffen«, sagte Lisa. »Aber ich bin da keine Spezialistin.« Sie lächelte. »Bei mir hält es ja auch keine lange aus.«

»Ach, das bildest du dir ein.« Wieder winkte Francesca mit einer Hand ab. »Und du hast doch diese eine alte Freundin, die immer wiederkommt. So was ist selten.«

»Du meinst Sonnenblume?«, fragte Lisa. »Die ist doch nicht von dieser Welt. Ich weiß auch nicht, was sie von mir will. Das alles hier«, sie machte eine Armbewegung, die das ganze Lokal, das Wildest Dreams, in dem sie arbeitete, umfasste, »ist überhaupt nicht ihr Ding.«

»Es gibt Leute, die sind schon zum Hippie geboren«, meinte Francesca schulterzuckend. »Und so gehen sie auch durch die Welt. Weißt du eigentlich, wie sie im realen Leben heißt?«

Lisa schüttelte den Kopf. »Nein. Das hat sie mir nie gesagt. Ich weiß nur, dass sie nicht auf den Namen Sonnenblume getauft worden ist.«

»Wer ist das schon?« Leicht affektiert fuhr Francesca sich über das hochtoupierte Haar ihrer Perücke. »Wir sind doch alle Kinder des Zufalls. Fragt sich immer nur, ob es ein glücklicher oder ein unglücklicher Zufall war.«

»Du bist jedenfalls kein geborener Hippie«, lachte Lisa. »Du bist zur Philosophin geboren. Und ich muss mich jetzt umziehen.«

Verabschiedend winkend ging sie weiter nach hinten zu den Garderoben.

Obwohl sie es normalerweise eigentlich vermied, sich in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen, hatte das Gespräch mit Dominik heute sie doch nachdenklich gemacht. Nicht sehr nachdenklich, aber nachdenklich. Was nicht sehr typisch für sie war.

Wahrscheinlich lag es daran, dass Dominik sich in einer Art verändert hatte, die in ihr ein unbehagliches Gefühl hervorrief. Bisher war Dominik ihr immer wie eine Art Gustav Gans erschienen. Ein Mensch, dem nichts etwas anhaben konnte, der immer Glück hatte, der immer genau das tat, was er wollte, manchmal sogar ohne Rücksicht auf Verluste. Dennoch hatte er einen Charme, der das meistens ausglich.

Damit hatte Lisa etwas anfangen können, denn in gewisser Weise betrachtete sie sich selbst genauso. Sie war in ihrem Leben noch nie wirklich unglücklich gewesen. Sie nahm das Leben, wie es kam, und es war gut zu ihr.

Sie versuchte, andere Menschen nicht zu verletzen, ihre Lebensart zu respektieren und zu akzeptieren, aber worum es ihr in erster Linie ging, war, das Leben zu leben, das sie leben wollte. Nicht ein Leben, das andere ihr vorschrieben.

Das brachte manchmal auch unerfreuliche Reaktionen mit sich, aber die ignorierte sie. Es betraf sie höchstens in der Sekunde, in der es geschah. Danach war es schnell wieder aus ihrem Gedächtnis entschwunden.

Sie trug niemandem etwas nach. Aber sie suchte den Kontakt mit Leuten, die ihr etwas nachtrugen, auch nicht.

Aus einem ihr unerfindlichen Grund gab es Leute, die neidisch auf sie und ihr Leben waren. Sie selbst war niemals neidisch und konnte das deshalb nicht verstehen.

Die Auswirkungen verstand sie jedoch sehr gut. Diese Leute taten das Gegenteil von dem, worum Lisa sich bemühte. Sie versuchten, andere Leute zu verletzen, sie niederzumachen, sie kleinzuhalten, ihnen ihren Willen aufzuzwingen. Diese Leute waren sehr unangenehme Zeitgenossen, mit denen sie nichts zu tun haben wollte.

Sie betrat die Garderobe, die sie sich mit mehreren anderen teilte. Einzelgarderoben gab es im Wildest Dreams nicht, und alles war ziemlich eng. Ein paar Spiegel nebeneinander, vor jedem Spiegel eine Batterie von Schminkutensilien, eher funktional als künstlerisch. Das Künstlerische begann zwar beim Schminken, aber richtig kreativ wurden die Burlesquetänzerinnen erst auf der Bühne.

Da Lisa die einzige biologische Frau war, hätte sie eigentlich Anspruch auf eine Einzelgarderobe gehabt, jedenfalls in einem konventionellen Umfeld, aber im Grunde spielte das hier keine Rolle. Sie zogen sich alle voreinander um, und niemand fand etwas dabei.

Am Anfang hatten Lisa dabei einige neidische Blicke wegen ihrer von Natur aus vorhandenen Brüste gestreift, aber mittlerweile hatten sich alle so daran gewöhnt, dass nicht einmal das mehr stattfand. Sie waren alle Kolleginnen, auch wenn alle anderen bis auf Lisa als einzige Ausnahme männlichen Geschlechts waren.

Da Lisa zu spät kam, saßen alle anderen – bis auf Dominik, der sich noch mehr verspätete als Lisa – schon vor den Spiegeln und malten Augenbrauen, tuschten Wimpern, trugen Lidschatten auf und zogen Lippen nach.

»Na Schätzchen, du bist aber spät dran heute«, schmunzelte ihre Sitznachbarin Divina, die im richtigen Leben auf den fantasielosen Namen Horst getauft worden war. »Ist man gar nicht gewöhnt von dir.«

»Abwechslung ist das halbe Leben.« Freundlich lächelte Lisa sie an. »Zu viel Routine macht so vorhersehbar.«

»Da hast du recht.« Divina seufzte und betrachtete die Menge der Wimperntusche, die sie aufgetragen hatte, kritisch im Spiegel, indem sie sich ganz nah zwischen die vielen Lichtquellen, die um die Fläche herum angebracht waren, vorbeugte. »Als Frau darf man nie vorhersehbar sein. Dann wird man schnell langweilig.«

»Du doch nicht.« Lisa lachte. »Du könntest nie langweilig sein.«

»Vielleicht ist auch das Leben langweilig«, gab Divina gleichgültig zurück. Sie presste ihre Lippen zusammen und ließ sie sich wieder öffnen, um den Lippenstift gleichmäßig zu verteilen. »Ganz sicher sogar. Ich lebe sowieso nur auf der Bühne.«

Während Lisa sich zu schminken begann, dachte sie darüber nach, ob es für sie nicht genauso war. Das tat sie normalerweise nicht, aber heute schien jeder ein bisschen nachdenklich drauf zu sein. Das färbte anscheinend auf sie ab.

Das Leben auf der Bühne war ein völlig anderes als das, was den Rest des Tages ausmachte. Es unterschied sich so sehr, dass sie manchmal das Gefühl hatte, in zwei verschiedenen Welten zu leben.

Welten, die sich kaum berührten. Wenn sie zu arbeiten anfing, gingen andere Leute bereits schlafen. Leute, die am nächsten Tag am frühen Morgen wieder arbeiten mussten, wenn Lisa noch schlief. Die Welt des Tages und die Welt der Nacht.

Ihre Welt war weit mehr die der Nacht. Für sie war der Tag nur die Zeit, die man überbrücken musste, um in die Nacht zu kommen. Wenn das Leben anfing.