16,99 €
Es geht ganz schön ruppig zu, besonders in Großstädten. Die Menschen nehmen sich kaum noch wahr und wenn, dann eher als Hindernis. Alle scheinen hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt zu sein. Selbstbezüglichkeit und Egoismus machen sich breit. Die Ursache: neoliberales Konkurrenzverhalten wächst in die Alltagskultur und macht uns zunehmend unsolidarisch. Medien und Werbung fördern die Ichlinge, die so zu viel Einfluss gewinnen. Es wird Zeit, dass die Politiker erkennen, was sie mit einer Politik anrichten, bei der nur noch zählt, was sich rechnet und der eine klare Richtung fehlt: Droht die Gesellschaft zu zerbröseln?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 389
Veröffentlichungsjahr: 2018
Ebook Edition
Heike Leitschuh
Ich zuerst!
Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip
Mehr über unsere Autoren und Bücher:
www.westendverlag.de
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN 978-3-86489-721-4
© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2018
Umschlaggestaltung: © Jasmin Zitter, ZitterCraft, Mannheim
Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich
Bestimmt kennen auch Sie Beispiele aus Ihrem Alltag, bei denen Sie sich mächtig über Ihre Mitmenschen ärgern. Nicht nur beim Autofahren, nein, das ist ja ein ganz alter Hut. Aber vielleicht wenn Ihnen mal wieder jemand ganz charmant die Schwingtür im Kaufhaus vor die Nase knallt. Oder wenn mal wieder jemand im Zug oder im Restaurant neben Ihnen sinnlos laut telefoniert. Oder wenn die jungen Mütter neben Ihnen im Café seelenruhig ihre Latte Macchiato trinken, während ihre Kinder die Gäste tyrannisieren. Vielleicht haben Sie dann auch schon mal gedacht: »Die Leute werden doch immer egozentrischer!«
Das mögen kleinere Irritationen und Unpässlichkeiten des Alltags sein. Doch es kommt immer schlimmer. Bei mir brachten drei Meldungen das Fass zum Überlaufen. In dem Sinne, dass ich keine Lust mehr hatte, mir das alles entgeistert anzusehen, sondern mich zumindest auf diesem Wege, also mit dem Buch, zu wehren: Die Nachrichten, dass Patienten die Erste-Hilfe-Notaufnahme mit einer Lappalie missbrauchen und dann dort auch noch randalieren. Weil es ihnen zu langsam geht. Die Nachrichten, dass Gaffer sich an Unfällen aufgeilen, filmen und die Rettungskräfte behindern. Auch aktiv. Die Nachrichten, dass von Jahr zu Jahr mehr Bahnbedienstete beleidigt und auch körperlich attackiert werden. Teils heftig. Ich wollte genauer wissen, was in unserem Land vorgeht, und habe mit Menschen gesprochen, die selbst zum Opfer wurden. Was sind die Ursachen dieses brutal rücksichtslosen Verhaltens, wollte ich wissen. Und gibt es Auswege?
Vor ein paar Jahren schon war mir ein vermehrt rüpelhaftes Verhalten im Alltag aufgefallen. »Die Flegel« wollte ich mein Buch zunächst nennen und vor allem über Beschäftigte in Unternehmen schreiben, die unter dem oft unverschämten Verhalten ihrer Kunden leiden. Interviews bei Fluggesellschaften, im Einzelhandel oder bei der Bahn bestätigten meine These, dass es da ein echtes Problem gibt. Allerdings wollten die Unternehmen darüber nicht öffentlich reden, denn schließlich wollten sie ihre Kunden nicht kritisieren. Ich sah keine Chance, genügend Informationen zu bekommen, und so legte ich das Projekt erst einmal beiseite. Dann erschien 2012 das Buch des Journalisten Jörg Schindler Die Rüpel-Republik, das unsoziales Verhalten in der Gesellschaft generell aufs Korn nahm. Ich fand das Buch sehr gut und ließ meine Idee fallen, denn ich konnte mir nicht vorstellen, Schindlers Ergebnissen noch etwas Neues hinzuzufügen.
Doch einige Jahr später hat sich die Lage geändert, und zwar zum Schlechteren. Sei es im Zug, im Café, im Krankenhaus oder in der Politik: Das Rüpelhafte ist in der Öffentlichkeit zur Normalität geworden und es setzt sich zunehmend im privaten Leben fort. Heute gibt es noch weit mehr Anzeichen dafür, dass sich der Umgang der Menschen untereinander erheblich verschlechtert hat, und es gibt auch einen neuen Befund: Es ist nicht nur das Benehmen, das zu wünschen übrig lässt. Es geht viel tiefer. Empathie und Solidarität, zwei ganz wesentliche Grundpfeiler einer humanen Gesellschaft, erodieren zunehmend. Das ist zumindest meine Wahrnehmung, und es ist die Wahrnehmung vieler Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe. Auch mit der Deutschen Bahn, die nun über das Problem redet. Offenbar ist eine Schmerzgrenze überschritten.
Immer häufiger treffen wir auf Zeitgenossinnen1, die sich selbst extrem wichtig nehmen. So wichtig, dass sie alle paar Meter ein Foto von sich aufnehmen und das dann in die Welt verschicken müssen. Die Selfie-Manie ist der oberflächliche Ausdruck einer Entwicklung, bei der das Ich immer wichtiger wird und das Wir an Bedeutung verliert. Unter der Egomanie leiden Beziehungen, im Kleinen wie im Großen. Dieser Ego-Kult ist ein Teil dessen, um das es mir geht. Es ist sogar noch der harmlosere Teil, wenn Menschen versuchen, ihren Körper, ihre Erscheinung, ihr ganzes Leben zu optimieren – um im täglichen Konkurrenzkampf besser bestehen zu können. Die Ursachen dafür sind keineswegs trivial, die Erscheinungsformen schon eher.
Ist die gesamte Gesellschaft auf dem Ego-Trip? Zum Glück (noch) nicht. Es gibt jedoch ernsthafte Anzeichen dafür, dass dies eines Tages so sein könnte – wenn wir nicht höllisch aufpassen. Schon jetzt ist deutlich erkennbar, dass eine Ideologie, die nur für wertvoll hält, was sich ökonomisch rechnet, die die Menschen in eine fortwährende Konkurrenz zueinander schickt, tiefe Spuren in unseren Herzen und Hirnen hinterlassen hat. Meine Gespräche und Recherchen haben dafür etliche und deutliche Anzeichen ergeben.
Sie werden sich die Frage stellen, ob es schon mal besser war mit der Solidarität. Die Antworten fallen wohl unterschiedlich aus, je nach den Lebenserfahrungen und -umständen. Was ist der Bezugspunkt für den Vergleich? War es früher tatsächlich besser? Wenn ja, wann und warum? Wie hat sich Solidarität historisch entwickelt? Nehmen wir das Thema Flüchtlinge: Auf der Flucht vor Nazideutschland wurden Juden keineswegs überall mit offenen Armen empfangen. So wenig wie die Sudentendeutschen nach dem Krieg. Was also ist meine Referenz, wenn ich sage, solidarisches Verhalten ist auf dem Rückzug? Vieles ist empirisch nicht klar nachvollziehbar, Daten und Fakten gibt es dazu nicht. Dennoch haben, so wie ich, viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, das Gefühl, dass unsere Kultur und unsere Gesellschaft derzeit einen Umbruch erleben. Alle haben dazu ihre ganz eigenen Geschichten. Und es ist mehr als ein Gefühl, dafür sind die Beispiele zu zahlreich und wiederkehrend.
Ich erzähle die Geschichten von Menschen aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, und ich erzähle die Geschichten, die ich selbst erlebt habe. Das zusammen ergibt ein Bild, das nicht immer eindeutig und manchmal sogar widersprüchlich erscheint. Deutlich wird jedoch, dass wir uns ändern müssen, um nicht bald schon in einem Land leben zu müssen, in dem sich jeder nur noch selbst der Nächste ist.
Heike Leitschuh, September 2018
24. Februar 2017: In der Nähe von Kassel ereignet sich auf der Autobahn ein Unfall mit Verletzten. Polizei und Rettungskräfte müssen zur Unfallstelle laufen, weil die Autofahrer keine Rettungsgasse bilden, wozu sie das Gesetz seit 1982 verpflichtet.1
10. Mai 2017: Ein Geisterfahrer verursacht auf der A5 einen schweren Unfall. Zwei Fahrer werden in ihren Autos eingeklemmt. Da die Autofahrer keine Rettungsgassen bilden, müssen die Verletzten länger auf Hilfe warten als nötig. »Mit Martinshorn und Blaulicht kämpften sich die Retterinnen teilweise im Schneckentempo zur Unfallstelle vor«, schreibt die Frankfurter Rundschau am 11. Mai 2017. Zudem haben laut Polizei gleich mehrere Fahrer keine Erste Hilfe geleistet.
17. September 2017: In Heidenheim kracht ein Motorradfahrer auf der Bundesstraße gegen eine Straßenlaterne und verletzt sich tödlich. Ein junger Fahrradfahrer kommt vorbei und filmt die Szene, macht jedoch keine Anstalten zu helfen. Er filmt auch noch weiter, als die Rettungskräfte eintreffen, und behindert sogar deren Arbeit, steht ihnen im Weg rum. Gegen den Mann wird wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt.
18. September 2017: Drei Bankkunden werden vom Amtsgericht Essen wegen unterlassener Hilfeleistung zu Geldstrafen verurteilt. Sie hatten im Eingang einer Bankfiliale einen zusammengebrochenen und hilflosen Rentner liegen lassen, waren teils sogar über ihn hinweggestiegen, um an die Geldautomaten zu kommen. Erst ein fünfter Bankkunde verständigt die Polizei. Der alte Mann stirbt.2
6. November 2017: In Berlin-Moabit attackiert ein 23 Jahre alter Mann Rettungskräfte, die gerade dabei sind, ein einjähriges Kind zu reanimieren. Der Rettungswagen blockiert sein Auto, und er will zur Arbeit fahren. »Mir doch egal, wer da reanimiert wird!« ruft er und auf tritt auf das Rettungsfahrzeug ein.3
10. November 2017: Auf der Autobahn A3 ereignet sich ein schwerer Unfall mit drei Toten. Mehrere Gaffer wollen Fotos von den Toten machen. Sie zeigen sich völlig uneinsichtig, als man ihnen das verbieten will. So weiß sich die Feuerwehr nicht anders zu helfen, als sie mit dem Wasserstrahl am Fotografieren und Filmen zu hindern und sie zu vertreiben. Der Fall erregt großes Aufsehen, vor allem in den sozialen Medien. Die meisten Kommentatorinnen unterstützen das Verhalten der Feuerwehr. Doch es gibt auch andere, die sich darüber aufregen, dass man nicht einfach ungestört nach Belieben Unfälle und Tote fotografieren darf.4
Anfang Dezember 2017: Eine Frau randaliert in einem Flugzeug, weil sie keinen Champagner mehr bekommt. Da sie sich überhaupt nicht beruhigen lässt, entscheidet sich der Pilot zur Zwischenlandung. In diesem Zusammenhang wird bekannt, dass 40 Prozent aller Airlines in den letzten Wochen Probleme mit Randalierern hatten und zum Teil deshalb zwischenlanden mussten.
Was ist bloß los mit den Menschen? Sind wir umgeben von gefühllosen und egozentrischen Zombies? Was geht in den Hirnen dieser Leute vor? Geht da etwas vor? Und was in den Herzen? Haben sie noch eines? Die Beispiele häufen sich, bei denen sich Mitglieder unserer Gesellschaft von ihrer unsympathischsten Seite zeigen. Die Schaulustigen bei Unfällen, die man richtigerweise nun ganz offiziell »Gaffer« nennt, weil schaulustig viel zu positiv klingt, sie gibt es ja schon seit langem. Ich erinnere mich an meine Kindheit, an die Staus auf Autobahnen, weil die Fahrzeuge auf der Gegenfahrbahn langsamer fuhren, um einen genaueren Blick auf einen Unfall erhaschen zu können. Das ist Jahrzehnte her und war damals schon abstoßend und ärgerlich. Heute aber hat das Phänomen eine völlig neue Dimension: Rettungskräfte werden oft sogar aktiv behindert, wenn sie sich um Verletzte und Sterbende kümmern. Nicht selten landen die Bilder und Videos danach im Internet, in den sozialen Netzwerken. »Seht mal alle her, da stirbt gerade einer. Und ich war dabei! Super, was?« Im Wettbewerb um mediale Aufmerksamkeit und vor allem Anerkennung scheint inzwischen fast jedes Mittel recht zu sein.
Weil diese Fälle in einem Ausmaß zunehmen, dass man nicht mehr von bedauerlichen Einzelfällen sprechen kann, hat nun der Gesetzgeber reagiert. Seit Mai 2017 ist das Gaffen und Filmen am Unfallort ein Straftatbestand. Mit einer Geldstrafe oder gar Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr muss rechnen, wer so die Unfallrettung beeinträchtigt.
Außerdem hat der Bundestag Anfang März 2018 ein Gesetz beschlossen, das es unter Strafe stellt, Fotos oder Filme von Toten bei Unfällen ins Netz zu stellen, oder anderweitig zu verbreiten. Bisher war es verboten, Verletzte aufzunehmen. Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger hatte dazu gesagt, es sei ihm völlig unverständlich, wie sich Menschen am Leid anderer ergötzen könnten.5
Anders gelagert ist der Fall des hilflosen Rentners in der Essener Bankfiliale. Hier scheint genau das Gegenteil zu passieren. Alle glänzen durch komplettes Desinteresse. Vier Personen ignorieren den hilflos am Boden liegenden alten Mann, der sich diesen Platz ganz sicher nicht freiwillig ausgesucht hat, wie die wegen unterlassener Hilfeleistung Beschuldigten später behaupteten. Drei von den vieren, die sich nicht kümmerten, wurden erfreulicherweise zur Rechenschaft gezogen, weil man sie aufgrund der Videoaufnahmen identifizieren konnte. Zu ihrer Verteidigung vor Gericht gaben sie an, sie hätten den Mann für einen schlafenden Obdachlosen gehalten, sie seien zu sehr mit eigenen Problemen beschäftigt gewesen, hätten einfach keine Zeit gehabt, sich zu kümmern, und so weiter und so fort. Nun wäre der alte Mann sehr wahrscheinlich auch bei schnellerer Hilfe gestorben, wie die Ärzte angaben. Aber spielt das in diesem Fall irgendeine Rolle? Leid tat es ihnen allen, ungeachtet dessen wurden die drei zu teils empfindlichen Geldstrafen verurteilt, weil der Richter keine ihrer Entschuldigungen gelten ließ. Auch bei einem Obdachlosen, der direkt vor den Kassenautomaten liegt, ohne jede Unterlage, ohne Decke, müsse man hinschauen, ob er gegebenenfalls Hilfe brauche. Denn es war allzu offensichtlich, dass sich der Mann nicht zum Schlafen niedergelassen hatte. Man hätte sich nur interessieren müssen. Doch vier Menschen stiegen über ihn hinweg und erledigten in aller Ruhe ihre Geldgeschäfte.
Fassungslos frage ich mich: Wie ist so etwas möglich? Aus den Elendsvierteln Indiens zum Beispiel weiß man, dass hier mitunter sogar Sterbende am Straßenrand unbeachtet bleiben. Hierzulande hielt ich so etwas bislang für völlig undenkbar. In einer wohlhabenden Gesellschaft mit einem hohen sozialen und kulturellen Anspruch, in Städten mit gut funktionierenden Notfallsystemen darf so etwas doch eigentlich nicht vorkommen. Und doch scheinen wir uns damit auseinandersetzen zu müssen, dass im Notfall Mitgefühl für Mitmenschen keineswegs mehr selbstverständlich ist. Da stellt sich unwillkürlich die Frage: Wer würde mir helfen, wenn ich auf der Straße stürze oder gar einen Schwächeanfall oder Schlimmeres erleide?
Je mehr Menschen einen Menschen in Not sehen, desto weniger bieten ihre Hilfe an. Man fühlt sich nicht zuständig, weil da noch andere sind und weil es doch die Polizei und den Rettungsdienst gibt. Ein bereits bekanntes Phänomen: »Diffusion von Verantwortung« nennen das die Sozialpsychologen. Jeder fragt sich: Muss ich was tun? Da sind doch genügend andere. Man selbst spürt, ich könnte, sollte etwas tun, doch eigentlich hat man doch gerade gar keine Zeit und keine Lust. Ein schlechtes Gewissen mögen viele dabei schon haben, wenn sie einfach weitergehen, so tun, als hätten sie nichts gesehen.
Klar, unsympathische und egoistische Zeitgenossinnen gab es schon immer, aber nun häufen sich die Anzeichen, dass eine neue Qualität der Acht- und Respektlosigkeit erreicht ist. Selbst diejenigen, die unter normalen Umständen nett und zuvorkommend sein können, mutieren in bestimmten Situationen zu Egomonstern. Unsere Art zu leben hat in den vergangenen Jahrzehnten zu tiefgreifenden Veränderungen im Gefüge unserer Gesellschaft geführt, deren vielfältige und oft unerwartete Auswirkungen wir jetzt mehr und mehr zu spüren bekommen. An vielen Stellen treffen wir auf empathielose Egoisten. Da ist der genaue Blick darauf gefragt, wo und wie sich dieser Trend zeigt und entwickelt und vor allem, welche Ursachen er hat und was man dagegen tun kann. Denn eines ist klar: Sollte er sich fortsetzen, ist Deutschland schon bald nicht mehr das Land, in dem wir »gut und gerne leben«.
Für das, was die Ichlinge so tun oder nicht tun, fehlen uns oft die Worte. Mindestens genauso unangenehm, wie die Ereignisse, die es in die Schlagzeilen schaffen, sind die vielen kleinen Vorkommnisse und auch Trends, die den Alltag und das Zusammenleben unerfreulich machen können und die wir alle immer mal wieder erleben müssen.
Beispiel: Betritt man ein Kaufhaus, oder irgendein öffentlich zugängliches Gebäude, in das viele Menschen wollen, muss man schwer aufpassen, um nicht die Tür auf die Nase zu kriegen. Die Tür für Nachkommende aufhalten? Fehlanzeige. Alle haben es doch so eilig, wie kann man da noch wertvolle Zeit für eine höfliche Geste verlieren?
Ein allgemeiner Aufreger sind die jungen Mütter, die heutzutage ihre Kinder überall mit hinnehmen und aus allem einen Spielplatz machen. Und vor allem: Die meinen, sie könnten sich dann vor allem ihren eigenen Interessen widmen und ihre Kinder der Allgemeinheit überlassen. So erleben wir nun häufig, wie sich die Mütter im Café eifrig unterhalten, während ihre Kinder den Bedienungen zwischen den Beinen rumlaufen – mitunter laut schreiend. Natürlich kann man Kinder mit in Cafés nehmen, keine Frage. Das ist ja auch schön, wenn sich die Generationen im Café oder Wirtshaus treffen. Aber dann muss man sich mit ihnen beschäftigen und wenn sie nicht zu beruhigen sind, muss man halt gehen. Doch viele Mütter − und natürlich auch Väter – meinen wohl, sie könnten ihr altes Leben auch mit Kind einfach weiterleben und müssten auf ihre Umgebung keine Rücksicht nehmen.
Dann gibt es da die Zeitgenossen, die anderer Leute Nerven heftig strapazieren, indem sie laut, viel zu laut telefonieren, gerne auch an Orten, wo andere Menschen zwangsläufig mithören müssen. Das ist überhaupt nicht neu, darüber wurde auch schon viel geschrieben, und das Thema ist immer wieder Gegenstand der Satire. Neuerdings beobachte ich aber, dass zu dieser schon fast normalen Belästigung anderer Leute nun noch was Neues hinzukommt: Leute spielen sich in der Bahn oder im Restaurant gegenseitig ihre Lieblingsvideos oder Lieblingsmusik vor – nicht über den Kopfhörer, nein, via Lautsprecher, sodass auch wirklich alle was davon haben. Eine Freundin betreibt ein Café in Frankfurt und muss das regelmäßig ertragen. Viele Gäste kämen gar nicht auf die Idee, dass sie mit diesem Verhalten andere stören.
Auch wenn viele Kommunen in den letzten Jahren viel für bessere Fuß- und Radwege getan haben, viele Autofahrer machen das Erreichte wieder zunichte: Ungeniert parken sie so, dass sie einen Gutteil der Wege versperren, erweitern einfach mal ihren Parkraum in den Platz für andere Verkehrsteilnehmerinnen. Das ist schlimmer geworden, seit es diese völlig überdimensionierten und unförmigen SUVs gibt. Auf meinem täglichen Weg ins Büro komme ich durch eine Straße, in der ein großer Kindergarten liegt. Frühmorgens kommen mir vor allem SUVs entgegen, in denen – in der Regel – junge Mütter sitzen, die ihre Kinder hier abgeben wollen. Ich muss daher höllisch aufpassen, denn die Straße ist schmal, und die monströsen Karossen vereinnahmen den wenigen Platz fast vollständig. Klar, ein großes Auto suggeriert Sicherheit, und vielleicht wollen die Mütter vor allem sich und ihre Kleinen schützen. Dass ihre schweren Riesengefährte damit den Verkehr allerdings insgesamt gefährlicher machen, kommt ihnen dabei wohl nicht in den Sinn. Ein Erwachsener, der als Fußgänger mit einem SUV kollidiert, hat eine sehr viel geringere Überlebenschance als beim Unfall mit einem Kleinwagen – die Chance eines Kindes, den Aufprall zu überleben, tendiert gegen null. Zur Aggressivität im Straßenverkehr trüge schon allein das Design der Autos bei, findet der Sozialpsychologe Harald Welzer. Und damit meint er nicht nur die vor allem für Städte völlig überdimensionierten und martialisch wirkenden SUVs, sondern auch ganz normale Autos. »Die sind farblich grell, oft kann man durch die getönten Scheiben die Fahrer nicht erkennen, und ihr Design signalisiert: ›Aus dem Weg, hier komme ich!‹« 6
Aber generell scheint Rücksichtnahme im Straßenverkehr seltener zu werden. Die ›Rechts vor Links‹-Regelung kennen nur noch wenige, blinken, wenn man abbiegen will, scheint auch zu anstrengend geworden zu sein, und an Tempolimits halten sich viele nur noch, wenn ein Blitzer in der Nähe ist. Apropos Blitzer: Im hessischen Gernsheim demolierte ein Mann im Dezember 2017 sechs Radaranlagen − mit einem Traktor. Entstandener Schaden: 600 000 Euro. Er hatte sich über die, seiner Ansicht nach, übertriebenen Geschwindigkeitskontrollen geärgert. Mag ja sein, dass eine Kommune diesbezüglich mal zu viel des Guten tut, dann muss man sich halt offiziell beschweren oder die Zeitung informieren – was man eben so tut in einer Demokratie, wenn einem etwas nicht passt. Doch solche Wild-West-Rambo-Manieren scheinen inzwischen für manche ein schnellerer, wirksamerer und vor allem sogar akzeptabler Weg zu sein.
Eigentlich ist es laut Straßenverkehrsordnung und Immissionsschutzgesetz verboten, in einem parkenden Auto zu sitzen und den Motor laufen zu lassen. Denn weder ist das angenehm für die Fußgängerinnen und Anwohner, noch verbessert es die Luft in der Stadt und dürfte schon gar kein guter Beitrag zum Klimaschutz sein. Und doch fällt deutlich auf, dass immer mehr Menschen genau dies tun. Der Grund: Bevor sie losfahren, checken sie nochmal Mails im Schlau-Fon oder tun eben, was man sonst noch mit diesen Multifunktionsspielgeräten so tun kann. Dabei will man es aber – je nach Jahreszeit – schön warm oder schön kühl im Auto haben. Also muss der Motor laufen. Viele unterschätzen vielleicht auch einfach nur, wie lange sie für ihre Schlau-Fon-Aktion brauchen. Gedankenlos und letztlich rücksichtslos ist es allemal. Gleichzeitig aber regen sich die gleichen Leute vehement über den Dieselskandal auf. Nicht zu vergleichen? Stimmt. Das eine ist kriminell, das andere bloß gedankenlos. Bloß gedankenlos? Nun, wie man’s nimmt. Denn schädlich für das Gemeinwohl ist dieses Verhalten auch – vor allem in der Summe.
Im Schnitt sind PKWs seit 2000 um zwölf Zentimeter breiter geworden. Gute Abnehmer der überdimensionierten Schlitten sind die sogenannten Autoposer – meist junge Männer, die mit ihren aufgemotzten Autos, viel zu schnell, mit röhrendem Motor und gerne auch bei dröhnender Musik und runtergelassener Scheibe durch die Innenstädte fahren. Einfach, um sich zu zeigen, um Aufsehen zu erregen – zum »Posen« eben. Eine vollkommen sinnbefreite Übung, die für alle anderen vor allem lästig ist.
Oder in der Bahn: Kleinkinder müssen während einer Bahnfahrt beschäftigt werden, klar. Da greifen moderne Eltern neuerdings gerne auch zum Tablet und lassen die Kleinen Filmchen gucken. Dass andere Reisende an diesem Geschehen ebenfalls ausgiebig akustisch teilhaben dürfen, scheint sie in der Multimediablase nicht zu interessieren. Dann gibt es diejenigen, die ihr Mobiltelefon offenbar nicht mehr ans Ohr halten wollen und ihre Gesprächspartnerin daher auf den Freisprecher schalten. All das nervt kolossal.
Doch auch unter den Radfahrern hat sich eine rüpelnde Spezies breitgemacht, ich nenne sie die Kampfradlerinnen. Gut geschützt mit Helm und wetterfester Kleidung rasen sie durch die Innenstadt und treiben aggressiv alle Fußgänger aus dem Weg, die es wagen, einen Fuß auf den Radweg zu setzen. Nun sind Radwege zweifelsfrei für Radfahrer da. Aber oft gehen Rad- und Fußweg ineinander über und sind nur farblich oder durch die Wahl des Pflasters voneinander unterscheidbar. Wie kann man es da Fußgängerinnen verdenken, dass sie sich auch mal auf den Radweg verirren? Dann muss man als Radler eben langsamer machen, klingeln und – das wäre die große Kunst des guten Miteinanders – nett Danke sagen, wenn die Passanten aus dem Weg gehen, was sie ja in aller Regel sofort tun. Die Kampfradler haben aber für derlei Höflichkeitsgedusel keine Zeit: Im rasenden Tempo fahren sie auf Fußgänger zu und klingeln dann aggressiv, sodass diese erschreckt zur Seite springen. Nun könnten Stadt- und Verkehrsplanerinnen auf die Idee kommen, dass die Wege deutlicher voneinander zu trennen – tatsächlich wird darüber nachgedacht, Schnellfahrstrecken für Radler einzurichten. Das ist sicher eine gute Idee, doch in den Innenstädten ist der Raum nun mal begrenzt und wird von vielen Verkehrsteilnehmerinnen genutzt. Daher kann eigentlich nur gelten: Gegenseitige Rücksichtnahme! Doch die lässt leider mehr und mehr zu wünschen übrig – sogar bei Fußgängern. Kommt einem zum Beispiel eine kleine Gruppe Menschen auf dem Gehweg entgegen, so antizipiert diese oft nicht, dass es nun mit mir als »Gegenverkehr« zu eng werden könnte. Ist es wirklich nötig, dass man sich an den Rand drücken muss, während die anderen in voller Breite weitermarschieren und gar nicht auf die Idee kommen, Platz zu machen?
Erheblich ruppiger wird es zum Teil auch beim Sport (siehe auch Seite 91 »Im Sport zeigen sich vermehrt die großen Egos«). Nehmen wir nur mal das Skifahren: Mit Helm, Ellenbogen- und Knieschützern gerüstet rasen Fahrer auf den Carvingskis, die es auch recht Ungeübten erlauben, schneller zu fahren, als sie eigentlich sollten, die Hänge hinunter. Diese Pistenrowdies bringen so sich und andere in Gefahr. Die Verletzungen nehmen zu, nicht nur weil die Skigebiete voller sind als früher. Ähnliches lässt sich auch in anderen Sportarten beobachten.
Bin ich nun eine spießige, freudlose, intolerante Meckerliese, wenn ich solche Verhaltensweisen beklage? Gab es das nicht schon immer? Klar, wenn Menschen sich einen begrenzten Raum teilen müssen, sei es im Straßenverkehr, in der Bahn oder in der Nachbarschaft, sind Konflikte vorprogrammiert. Das Zusammenleben kann nur funktionieren, wenn die einen bei ihren Ansprüchen etwas zu- und die anderen etwas abgeben, und auch mal fünfe gerade sein lassen. Wir bekommen es jedoch zunehmend mit Verhaltensweisen zu tun, die nicht nur banale Ärgernisse des Alltags sind, sondern den Zusammenhalt der Gesellschaft insgesamt infrage stellen. Die Gleichgültigkeit und Ichbekzogenheit der Menschen nimmt zu, wenn Solidarität zu Mitmenschen als Schwäche interpretiert wird. Es ist die Haltung »Was geht mich das an? Was kümmern mich die anderen?«, die immer häufiger anzutreffen ist. Egal, ob es um vergleichsweise Nebensächliches wie die Sauberkeit in Häusern, auf Straßen und Plätzen geht, oder wenn es wirklich existenziell wird, wenn ein kranker oder verletzter Mensch Hilfe braucht.
Dies zeigt sich auch daran, dass die Klagen von bessergestellten Menschen zunehmen, die in einem sozial gemischten Stadtviertel wohnen. Nehmen wir beispielsweise das Frankfurter Bahnhofsviertel, früher eine Gegend, die zum größten Teil ausländischen Bewohnerinnen und Gewerbetreibenden, dem Rotlicht- und Drogenmilieu vorbehalten war. Nun ist der Stadtteil hip geworden, interessante Cafés, Bars und Restaurants haben sich hier angesiedelt, Firmen der kreativen Szene eröffnen hier ihre Büros, und so zieht es vor allem jüngere Menschen in das Viertel. Das lockt die Investoren. Seit ein paar Jahren wird hier nun kräftig saniert und damit die Gegend zunehmend auch für andere Menschen mit teils dickerem Portemonnaie attraktiv. So mehren sich die Klagen über Drogensüchtige, die sich rund um die Einrichtungen der Drogenhilfe aufhalten.7 Mit der Gentrifizierung wachsen die Konflikte zwischen sehr unterschiedlichen Milieus. Solche Konflikte sind nicht trivial und in der Regel nicht einfach zu lösen. Doch manche der neuen Bewohner meinen, es sich einfach machen zu können, wenn sie fordern, die Polizei solle die Junkies vertreiben. Haben die nicht auch genauso ein Recht auf ihren Anteil am öffentlichen Raum?
So wie die Obdachlosen. Schlimm genug, dass es zunehmend mehr Menschen gibt, die kein Dach über dem Kopf, keine eigenen vier Wände haben – warum auch immer. Doch wie viele sind es genau? Erfassen, zählen, ordnen – Deutschland liebt seine Zahlen. Alleine in unserer zentralen Statistikbehörde arbeiten über 2 000 Datensammler. Das Erntevolumen von Erdbeeren und die Zahl der Übergewichtigen, darüber werden penibel genau Statistiken gepflegt. Was keine Zahl ist, das gibt es nicht, so scheint es. Denn die Zahl der Obdachlosen ist unbekannt. Nicht gewollt oder nicht gekonnt? Und was wäre schlimmer?
Natürlich macht es kein gutes Gefühl, Obdachlose im Straßenbild zu sehen. Sie erinnern uns daran, dass man in unserer Gesellschaft durchaus unter die Räder kommen kann, dass auch wir ins Rutschen geraten und einmal Hilfe von anderen benötigen könnten. Sie erinnern uns daran, dass wir als diejenigen, denen es besser geht, durchaus immer mal wieder was abgeben könnten – und wenn es nur ein schnell zugesteckter Euro ist. Viele wollen sich aber daran nicht erinnern lassen und würden Obdachlose und die Ärmsten der Armen gerne aus der Öffentlichkeit verbannen. 2017 haben Frankfurter Polizisten rund 2 500 Obdachlose und Bettlerinnen kontrolliert und – man glaubt es kaum – versucht, für das Lagern auf Straßen, das angeblich eine Ordnungswidrigkeit darstellt, Bußgelder zu kassieren.8 Von Menschen, die oft nicht mehr haben, als das, was sie auf dem Leibe tragen! Ausgrenzung und Diskriminierung trifft oft zuerst die Schwächsten. Empörung löst dies bei Linken und Grünen aus, doch möchte ich gar nicht wissen, wie viele auch innerhalb dieser Wählerschichten insgeheim froh wären, jemand würde die Obdachlosen aus dem Straßenbild verbannen. Die Armut nimmt zu in Deutschland, der Reichtum auch. Die Solidarität mit den Armen wächst aber keineswegs, eher im Gegenteil. Wer es nicht schafft, im täglichen Rennen um die Existenz, den Kopf über Wasser zu halten, ist eben selbst schuld. Noch wagen nur wenige, dieses offen auszusprechen, insgeheim aber hat der neoliberale Virus, vielen bereits die Herzen vergiftet: Alle stehen mit allen in Konkurrenz, jeder ist allein für sich selbst verantwortlich, Solidarität für die Schwachen ist ein Auslaufmodell. »Die hätten sich mehr bemühen können«, denken sich wohl viele.
Egozentrik spricht auch aus der Art, wie wir mit Lebensmitteln umgehen, nämlich höchst verschwenderisch. Jahr für Jahr landen in Deutschland rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Wert von circa 30 Milliarden Euro im Müll.9 Dazu gehört die Kartoffel auf dem Feld, die leider ein bisschen krumm gewachsen ist, deshalb pflügen die Bauern Gemüse unter, das nicht den handelsüblichen Normen entspricht. Dazu gehören die Tonnen von durchaus noch genießbaren Lebensmitteln, die die Supermärkte tagtäglich aussortieren, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist, und die Kilos an Essen, die jeder Bürger wegwirft, weil er mal wieder zu viel eingekauft hat, weil die Tomate nicht mehr ganz prall, weil der Joghurt abgelaufen ist. Das liegt auch am Unwissen der Verbraucherinnen: An einer Milch muss man nur riechen, um zu erkennen, ob sie sauer ist, von einem ein paar Tage alten Käse muss man nur den trockenen Anschnitt abschneiden, von einer etwas schrumpeligen Karotte wird niemand krank, und gekocht merkt man keinen Unterschied zur taufrischen. Ökologisch und ökonomisch betrachtet ist diese Wegwerfgesellschaft eine Schande. Doch das Beispiel wirft auch einen dunklen Schatten auf die kulturelle Verfassung, in der wir uns befinden. Unser kritisches Nachdenken und unser Verantwortungsbewusstsein reichen oft nur bis zur eigenen Nasenspitze.
Ganz genauso verhält es sich, wenn die aufgeklärten Mittelstandsbürgerinnen sich heftig echauffieren, dass Firmen wie Amazon ihre Beschäftigten schlecht bezahlen und behandeln. Dass es einen direkten Zusammenhang zum eigenen Konsumverhalten gibt, wird dabei gerne mal übersehen. Beklagt wird auch der starke Verkehr in den Innenstädten. Doch ist es gerade der Lieferverkehr, der in den letzten Jahren maßgeblich für das erhöhte Verkehrsaufkommen in den Städten verantwortlich ist. Und wer wiederum bestellt die vielen Pakete, die schlecht bezahlte Boten die Treppen hochschleppen und dafür oft noch nicht mal ein kleines Trinkgeld bekommen? Weil die Empfänger nicht da sind, oder – viel eher noch – weil die so etwas schon lange nicht mehr für nötig halten? Wer regt sich über miese Arbeitsbedingungen in der asiatischen Textilproduktion auf und freut sich zugleich über das neue ach so günstige Kleidungsstück?
Wer kennt sie nicht, die Gutgebildeten unter uns, die auf der ganzen Welt zu Hause sind und natürlich wissen, dass der Flugverkehr einen immer größeren Anteil am Klimawandel hat. Trotzdem – als hätte das eine mit dem anderen so überhaupt nichts zu tun – steigen sie völlig unbekümmert und immer häufiger in den Flieger, zur Fernreise, in eine europäische Stadt oder auch nur von Frankfurt nach Berlin. Auch die Klimaschützer, die sich von Berufs wegen zu den Guten rechnen, bilden hier keine Ausnahme. Zu den jährlichen Klimakonferenzen kommen sage und schreibe 30 000 Teilnehmer aus aller Welt, die meisten von ihnen mit dem Flugzeug. Ich behaupte: Nicht alle werden dort wirklich benötigt. Oft ist es nur das eigene Ego, das ruft: Ich bin ja so bedeutsam! Ich muss dabei sein!
Kognitive Dissonanz nennen das die Psychologen. Ich sage dazu gerne etwas weniger galant: kollektive Schizophrenie. Natürlich können wir als Verbraucherinnen die Welt nicht retten, wenn nicht die Politik die Weichen richtig stellt und die Wirtschaft in die Pflicht nimmt, wenn es keine Abkehr vom verheerenden Wachstumswahn gibt. Doch ohne den Druck der Bürger wird es auch nicht funktionieren, und der muss sich eben auch ökonomisch zeigen: in einem anderem Kaufverhalten, in einem anderen, einem ressourcenleichteren, bescheideneren Lebensstil. Allen voran sind hier die stilprägenden und wohlsituierten Mittelschichten gefragt. Was ich hier beschreibe, ist im Rahmen der Ökologiedebatte um nachhaltigen Konsum seit langem bekannt und größtenteils erforscht. Gelöst ist es deshalb noch lange nicht.
Eine wichtige Erklärung scheint mir jedoch zu sein, dass wir es in der Wirtschaftspolitik seit Jahrzehnten mit einem Dogma zu tun haben, nach dem Wohlstand für alle nur erreicht werden könne, wenn die Wirtschaft fortwährend wächst. Inzwischen wird aber immer deutlicher, dass das ökonomische Wachstum unsere Umwelt nachhaltig zerstört und endliche Ressourcen in einem atemberaubenden Tempo verbraucht. Letztlich gilt die simple Erkenntnis, dass es in einer begrenzten Welt kein endloses Wachstum geben kann. Dennoch ist die Idee des grenzenlosen Wachstums tief im Gefüge unserer Weltwirtschaft verankert und hat sich in Form immer höherer Konsumansprüche in unseren Hirnen verfangen. »Die industrielle Moderne oder besser expansive Moderne der westlichen, aber auch der aufstrebenden Gesellschaften, wie China, Indien oder Brasilien, lässt uns an einem verhängnisvollen Fortschrittsbegriff klammern, der nur eine Richtung und ein Ziel kennt: höher, weiter, mehr, schneller.«10
Unser Überkonsum wirkt sich auf die Wertigkeit aus, die wir den Produkten zumessen. Wenn Kleidungsstücke bei Primark oder KiK nur noch wenige Euro kosten, muss man sich nicht wundern, wenn die Menschen, die dort einkaufen, den Produkten keine Wertschätzung mehr entgegenbringen. Allerdings fehlt auch die Wertschätzung bei denen, die 30 Euro oder mehr für eine T-Shirt ausgeben. Oft nur kurz getragen landet es als Spende in einem Oxfam-Laden. So hat man wenigstens ein gutes Gefühl – ein gutes Gewissen sollte das aber nicht verschaffen, wenn man nicht gleichzeitig auch den Kleiderkonsum reduziert, damit der Ressourcenverbrauch sinkt.
Umgekehrt werden die Menschen und Produkte in den Billigläden ebenfalls kaum noch wertgeschätzt. An einem Samstagvormittag bin ich in einem Drogeriemarkt und wundere mich, dass an vielen Stellen Produkte auf dem Boden liegen. Im allgemeinen Gewühl werfen Kunden etwas um und lassen es einfach liegen. Sollen sich doch die Verkäuferinnen darum kümmern. Das zeugt natürlich vor allem von mangelndem Respekt gegenüber den Angestellten, aber auch von Respektlosigkeit gegenüber den Waren, für die Rohstoffe ausgebeutet, oft die Umwelt beeinträchtigt, wenn nicht gar zerstört wird und für die Menschen hart arbeiten müssen – nicht überall gut bezahlt und gut behandelt. Angesichts der riesigen Mengen von Billig- und Billigstwaren verwundert das nicht. Allerdings machen die Menschen damit eigentlich nur nach, was ihnen die Konzerne vormachen: Soziale und ökologische Kosten, die durch mich, aber nicht bei mir selbst entstehen, werden einfach negiert.
Unhöflich, ja respektlos ist auch der Umgang mit Menschen geworden, die für uns eine Dienstleistung erbringen. Ich fahre sehr häufig mit der Bahn. Da erlebe ich, wie selten noch die Fahrgäste den Gruß der Schaffnerin erwidern, die freundlich nach den Fahrtkarten fragt. Wortlos werden ihr die Tickets hingehalten, wortlos wieder zurückgenommen, als hätte man es mit einem Automaten zu tun. Auch hier hört der Schaffner kein freundliches »Moment bitte« oder vielleicht sogar »Entschuldigung, ich hab’ es gleich«. Warum auch, ist der doch bloß irgendein namenloser Dienstleister, den kann man ruhig warten lassen. Von selbst versteht sich, dass das »Gute Fahrt noch« der Schaffnerin nicht mit einem kleinen gemurmelten »Danke« erwidert wird. Von einem netten Lächeln wollen wir gar nicht erst reden.
Nicht viel besser ergeht es mir als Reisende, wenn ich ein Abteil betrete: Selten antwortet jemand auf meinen Gruß, selten grüßt jemand, der sich direkt neben mir im Sessel niederlässt. Für die Mitreisenden bin ich genauso Luft, wie die Schaffnerin, eigentlich ja sogar eher ein Ärgernis, weil ich ihnen womöglich ihren zweiten Platz streitig mache, auf dem sie doch ihre Tasche platziert hatten. Nun hat sich der Autor Hans Magnus Enzensberger schon vor vielen Jahren über die Feindseligkeit von Bahnreisenden gegenüber denjenigen gewundert, die neu ins Abteil kommen, und diese Erfahrung herrlich ironisch beschrieben und kommentiert. Die Menschen breiteten sich eben gerne mit ihrem Hab und Gut aus und legen fremden, neu hinzukommenden Reisenden gegenüber ein territoriales Verhalten an den Tag, das zwar »irrational«, aber umso »tiefer verwurzelt« sei. Enzensberger hat seinen Text, mit dem er die Ablehnung des Fremden – und auch von Asylsuchenden − erklären wollte, bereits 1994 geschrieben. So versteht sich, dass er sagt, es gäbe in der Bahn bloß deshalb keine tätlichen Auseinandersetzungen, weil »die Fahrgäste einem Regelsystem unterliegen, das nicht von ihnen abhängt. Ihr territorialer Instinkt wird einerseits durch den institutionellen Code der Bahn, andererseits durch ungeschriebene Verhaltensnormen wie der Höflichkeit gebändigt.«11 Genau das stimmt aber leider nicht mehr.
Fakt ist, dass man im Mikrokosmos Bahn sehr gut beobachten kann, wie sehr Menschen inzwischen auf ihren Rechten, auf ihren Interessen und ihren Bedürfnissen beharren. Sitzt zum Beispiel jemand auf einem reservierten Platz und die Reisende mit der Reservierung kommt, so höre ich oft ein mehr gebelltes als gesprochenes »Das ist mein Platz!«, als habe ihr der andere den Platz bewusst streitig machen wollen. Offenbar ist für viele schon die Tatsache, dass da jemand unerhörter Weise auf einem Platz sitzt, »den ich doch für mich reserviert habe«, ein so großer Stein des Anstoßes, dass man die Person erst mal anblaffen muss.
Gering ausgeprägt ist dagegen die Fähigkeit und Bereitschaft, sich bei Interessenkonflikten zu verständigen, zum Beispiel wenn es sehr eng wird, weil viele Reisende mit ihren Koffern die Gänge verstopfen. Keiner will Platz machen, manche verstauen erst mal in aller Ruhe ihre Koffer und brauchen dafür den ganzen Gang, anstatt die Nachkommenden erst einmal durchzulassen. So lösen sich die Knäuel oft nur sehr langsam auf. Ein besonderes Ärgernis: Ich warte hinter jemandem, die sich gerade setzen will, da drängt ein anderer, der meine Rücksichtnahme offenbar dämlich findet, an mir vorbei.
Apropos Koffer: Häufig stellen besonders Frauen, die sich gerne für schwächer halten, als sie sind, ihre Koffer direkt neben sich in den Gang oder im Abteil vor sich. So muss ich mich im Gang vorbeizwängen oder habe kaum Platz für meine Beine, wenn ich das Pech habe, einer solchen Kofferfrau im Abteil gegenüberzusitzen. Dass mich das stören könnte, darauf kommt selten eine Reisende. Hauptsache, man muss sich nicht damit mühen, das Sperrgut ein paar Meter weiter unterzustellen oder gar in die Gepäckablage zu wuchten.
Unerfreulicher wird es auch für Kassierer in den Supermärkten der Republik. Immer seltener werden ihre Gruß- und Abschiedsformeln erwidert. Schlimmer: Kunden telefonieren munter mit ihrem Mobiltelefon und lassen sich nicht einmal beim Bezahlen in ihrem, oft privaten und mitunter lautstark geführten Gespräch stören. Der Verkäufer wird nicht beachtet. Wort- und blicklos streckt man ihm Geld oder Kreditkarten entgegen. Auch hier ein Verhalten, als hätte man es mit Robotern zu tun. Eine Verkäuferin, die ich in einem Drogeriemarkt frage, ob ihr das oft so gehe und wie sie das empfinde, meint: »Sehr oft. Es stört mich schon sehr. Aber ich versuche, es nicht persönlich zu nehmen. Die Menschen sind wohl so sehr in Gedanken und immer in Eile.« Nun ja, eine wohlmeinende Begründung, an der sicher auch was dran ist. Ich fürchte jedoch, wir haben es auch hier obendrein mit einer Spielart des Egoismus zu tun. Das sieht auch ihre Kollegin so: »Ich erlebe viele Kunden ganz schön egoistisch«, und sie erzählt, dass Kundinnen, die ein Produkt suchen, sie ohne Grußformel, ohne »Entschuldigen Sie« sofort anblaffen »Wo ist …?« »Man kommt sich vor wie ein Tier«, sagt die Verkäuferin und mutmaßt über die Gründe: »Vielleicht ist es der Überfluss, der die Leute so werden lässt.« Mit einem Lächeln fügt sie hinzu: »Wir müssen da aber nicht mitmachen.« In der Tat. Wir haben die Wahl: Denn niemand zwingt uns, an der Kasse zu telefonieren. Auch so sehr seinen Gedanken nachzuhängen, dass man andere nicht wahrnimmt, scheint mir nur schwer entschuldbar und narzisstisch zu sein. Im Laden ist so ein Verhalten unhöflich, im Straßenverkehr aber kann man damit sich und andere ernsthaft in Gefahr bringen.
Gleich mehrere Branchen können sich über den wachsenden Narzissmus freuen: die Wellnessindustrie, die Schönheitschirurgie, Verlage mit ihren Ratgebern und sicher auch die persönlichen Sporttrainer und Coaches. Ratgeber gehören zu den einträglichsten Büchern, und es gibt sie zu Zigtausenden und allen erdenklichen Themen. Besonders viele gibt es zur Frage, wie ich mich und mein Leben optimieren kann. Hier nur mal eine ganz kleine Titelauswahl: »Gesundheit für mich«, »Alles über meine Schwangerschaft«, »Die perfekte Hochzeit«, »Selbstzuwendung, Selbstvertrauen, Selbstakzeptanz«, »Ich bin die Göttin«, »Weil du es dir wert bist«, »Für mich: Rezepte und Verwöhnideen« und so weiter und sofort. Und natürlich ganz viele Ratgeber wie ich »Clever reich werden« kann. Nun ist nichts dagegen einzuwenden, dass sich Menschen informieren, wie sie sich gesund und fit halten, wie sie sich in der Schwangerschaft verhalten sollten, mehr Selbstvertrauen gewinnen, beruflich erfolgreicher sind und wie sie mehr Geld verdienen können. Auffällig ist jedoch, dass nicht nur die Zahl der Ratgeber massiv angestiegen ist, sondern auch deren deutlicher Bezug zum Ich. Die Menge der Ratgeber korreliert mit dem steigenden Absatz von nicht rezeptpflichtigen Medikamenten. Überspitzt ausgedrückt: Ratgeber war gestern, Ichgeber ist heute.
Das Individuum, das Ich, steht bei den meisten im Vordergrund, nicht das Wir. Genauso ist es in der Werbung: Slogans wie »Ich und mein Magnum«, »Ich bin ich«, »Meine Bank und ich« zielen ebenfalls auf das narzisstische Ego. Ich stehe im Vordergrund, es geht nur um mich. Für meine Bedürfnisse, meinen Genuss arbeiten die anderen mit ihren Produkten und Dienstleistungen. Ich brauche mich um nichts zu kümmern. So die Botschaft, die offenbar gut ankommt, weil sie zugleich ein gutes Gewissen macht und Hilfe verspricht.
Ein Trend ist es auch, die eigene Haltung mit Sprüchen auf dem T-Shirt zur Schau zu tragen. Dank entsprechender Kopierläden, in denen die Shirts bedruckt werden, lassen sich so ganz individuelle T-Shirts herstellen, die Hinweise auf die Trägerin geben. Oder man kann natürlich aus vorgefertigten Parolen auswählen. Für Männer gäbe es da zum Beispiel Sätze wie: »’N Scheiß muss ich« oder «So kann man als Opa aussehen«, »Hetz mich nicht«, »Ja, ich habe auch Gefühle. Ich habe das Gefühl, ich möchte jetzt ein Bier.« Für Frauen sind im Angebot: »Die beste Mama der Welt«, »Hier wächst unendliche Liebe heran« (für Schwangere, der Text ist dann auf dem T-Shirt auf dem Bauch platziert), »Ich habe das schon verstanden. Ist mir nur egal« und ganz vieles mehr. Meines Erachtens ist das der sehr öffentlich zur Schau getragene Ausdruck einer Egomanie.
Vieles funktioniert in einer sozial orientierten Gesellschaft nur, wenn alle, oder sagen wir wenigstens die meisten, bereit sind, ihren Teil beizutragen. Alle nach ihren Möglichkeiten. Das fängt beim Steuerzahlen an und geht über die Einhaltung von Regeln, die das Zusammenleben erleichtern oder vielleicht sogar erst ermöglichen − wie im Straßenverkehr zum Beispiel −, und über die Bereitschaft, freiwillig etwas für das Gemeinwesen zu tun. Sich ehrenamtlich zu engagieren oder wenigstens etwas zu spenden. Eigentlich sind die Deutschen fleißige Spenderinnen und Spender und nicht als Geizkragen verschrien. So meldet das Deutsche Institut für Soziale Fragen auch, dassdas Spendenaufkommen 2017 leicht gestiegen ist. Allerdings: Es sind die über 70-Jährigen, die mit 41 Prozent den Löwenteil der rund fünf Milliarden Euro spenden. Die Jüngeren sind da wesentlich zurückhaltender: Nur 13 Prozent der Spenden kommen von den bis zu 29-Jährigen, und auch die eher wohlhabenderen Babyboomer, die heute 50 bis 59-Jährigen sind nur mit 16 Prozent beteiligt.12 Sterben also so langsam diejenigen Bürgerinnen und Bürger weg, für die Teilen und Abgeben selbstverständlicher ist?
