Identität im Zeitalter des Chamäleons - Eric Lippmann - E-Book

Identität im Zeitalter des Chamäleons E-Book

Eric Lippmann

4,8

Beschreibung

Is identity in fact just a fiction? Is it possible to live in a society of ever more complex variations and remain an individual and autonomous person? Everyone talks about the split personalities of modern times, but doesn´t variety also represent an immense chance for further personal development?In this volume Eric Lippmann explains to us the five pillars of identity: relationships, work, body, possession, meaning. These are the core elements of our lives corresponding to the fragments of our self. The clear chameleon paradox of adaptation and autonomy are underpinned with examples from Woody Allen´s film Zelig.""

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Eric Lippmann

Identität im Zeitalter des Chamäleons

Flexibel sein und Farbe bekennen

Mit einem »Multilog« von Matthias Varga von Kibéd als Geleitwort

Mit 13 Abbildungen und einer Tabelle

3., aktualisierte Auflage

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-647-99856-5

Umschlagabbildung: shutterstock.com

© 2018, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstr. 13, D-37073 Göttingen / Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Printed in Germany.

Satz: SchwabScantechnik, Göttingen EPUB-Erstellung: Lumina Datamatics, Griesheim

Inhalt

Ein Multilog zwischen Zelig, Eric Lippmann und Matthias Varga von Kibéd

1 Einleitung

2 »Zelig«: Der Film

3 Ich bin viele – Facetten der fünf Säulen der Identität

3.1 Ich liebe, also bin ich: Soziale Beziehungen

3.1.1 Sage mir, woher du kommst, und ich sage dir, wer du warst: Herkunft und Identität

3.1.2 Sage mir, mit wem du wohin gehst, und ich sage dir, wer du wirst: Partnerschaft, Hinkunft und Identität

3.1.3 Ich werde verstanden, also bin ich: Heimatgefühl und Identität

3.1.4 Ich bin online, also bin ich: Virtuelle Identitäten und Beziehungen

3.1.5 Ich spreche mit mir, also bin ich – oder: »Du bist vielleicht viele, aber ich liebe dich«: Beziehungen zur inneren Familie

3.1.6 Die Säule »Soziale Beziehungen« bei Zelig

3.2 Ich arbeite, also bin ich

3.2.1 Der flexible Mensch – Korrosion des Charakters?

3.2.2 Erwerbsbiografische Unsicherheiten

3.2.3 Das Chamäleon-Prinzip: Farbe bekennen und sich anpassen

3.2.4 Die Säule »Arbeit und Leistung« bei Zelig

3.3 Ich bin da, also bin ich

3.3.1 Die Leib-Seele-Thematik

3.3.2 Embodiment: Die Wechselwirkung von Körper und Psyche

3.3.3 Wo wohnt das »Ich« oder gibt es überhaupt ein »Selbst«?

3.3.4 Identität und Geschlecht

3.3.5 Die Säule »Leiblichkeit« bei Zelig

3.4 Ich habe, also bin ich

3.4.1 Haben-Modus und Konformität

3.4.2 Spielen und Haben

3.4.3 Die Säule »Materielle Sicherheiten« bei Zelig

3.5 Ich glaube, also bin ich

3.5.1 Glaube und Religion

3.5.2 Ich erzähle, also bin ich: Die eigene Geschichte als Kraftquelle der Identität

3.5.3 Ich gebe dem Leben Sinn, also bin ich: Auf der Suche nach Sinngebung

3.5.4 Ich bin verrückt, also bin ich: Paradoxes, »Crazy Quilt« – und selbst dies nicht und auch das nicht

3.5.5 Die Säule »Glaube, Werte und Sinn« bei Zelig

4 Zusammenfassende und weiterführende Gedanken zu den fünf Säulen der Identität

4.1 Schlussgedanken zur Säule »Soziale Beziehungen«

4.2 Schlussgedanken zur Säule »Arbeit und Leistung«

4.3 Schlussgedanken zur Säule »Leiblichkeit«

4.4 Schlussgedanken zur Säule »Materielle Sicherheiten«

4.5 Schlussgedanken zur Säule »Glaube, Werte und Sinn«

Literatur

Ein Multilog zwischen Zelig, Eric Lippmann und Matthias Varga von Kibéd

Zelig: Einer der Songtitel über mich lautet ja »Du bist viele, aber ich liebe dich«. Dies verweist doch auf die Tatsache, dass die sozialen Beziehungen wohl die wichtigste Säule der Identität darstellen. Ich und der Mensch als soziales Wesen überhaupt, wir sind eben von Anfang an auf andere angewiesen. Und ich wollte ja immer, dass man mich mag.

Eric: Und welche Konsequenzen hast du daraus gezogen? Was hast du gerade dadurch gelernt? Was können wir von deinen Erkenntnissen dazulernen?

Zelig: Nun, deshalb habe ich die Fähigkeit entwickelt, mich der jeweiligen Umgebung anzupassen. Dass ich dadurch paradoxerweise besonders auffällig geworden bin, ist wohl mein Schicksal gewesen. Tja … nicht zufällig ist es auch ein Aspekt dieser Säule der Identität, der wesentlich zu meiner Heilung beigetragen hat: die Liebe zu Dr. Fletcher, meiner Therapeutin, welche glücklicherweise diese Gefühle erwiderte.

Eric: Ja, da habe ich von dir gelernt: Ich habe deshalb die sozialen Beziehungen als erste Säule der Identität in meinem Buch aufgeführt, weil ich auch davon überzeugt bin, dass sie für unsere Identitätsentwicklung zentral ist.

Matthias: Ja, woher sollen wir sonst schon wissen, wer wir sind, wenn wir es nicht in unseren Beziehungen zu den anderen herausfinden? Auch wenn nicht jeder das Glück haben kann, so wie du, Dr. Fletcher persönlich zu kennen.

Zelig: Da habe ich wirklich mal Glück gehabt! Und außerdem finde ich: Man ist dann immer gut beschäftigt, weil es schon über die Herkunft so viel herauszufinden gibt.

Eric: Wie viel Energie jemand aufbringen kann, um das Rätsel seiner Herkunft zu entschlüsseln, habe ich im Buch am Beispiel des Jungen aufgezeigt, der seinen Vater ausfindig gemacht hat. Zudem habe ich eine gewisse Ehrfurcht davor, wie die Fragmentierung der Identität heutzutage schon vor der Geburt möglich geworden ist.

Zelig: Fragmentiert habe ich mich wirklich immer schon gefühlt.

Matthias: Ohne das würde der Versuch, in der Beziehung zur Ganzheit zu finden, ja auch sehr an Reiz verlieren, nicht wahr? Außerdem wird nach Martin Buber der Mensch ja erst am Du zum Ich.

Eric: Zugegeben, die Triade von Mutter, Vater und Kind ist noch immer der Normalfall. Die Tatsache aber, dass wir im Zeitalter der Reproduktionsmedizin bereits zwei Väter und drei Mütter haben können, ganz abgesehen von späteren Patchwork-Konstellationen, stellt für mich ein starkes Symbol dieser Fragmentierung dar. Diese muss aber nicht mit negativen Konsequenzen verbunden sein, wie dies Richard Sennett für die nicht privilegierten Menschen postuliert.

Zelig: Ich habe zwar bloß zwei Eltern, aber das höre ich mit Erleichterung.

Eric: Vielfalt und Fragmentierung der Persönlichkeit können durchaus auch kreatives Potenzial für den Einzelnen bedeuten.

Matthias: Auch so stimmen uns eben deine Erfahrungen, werter Zelig, letztlich hoffnungsfroher. Und es wäre uns wirklich ohne die auf den ersten Blick beunruhigenden Aspekte der Fragmentierung der Persönlichkeit Kostbares entgangen: noch so eine Paradoxie deines Lebens – und des unseren.

Zelig: Mich wundert es, dass dem Begriff der Flexibilität um die Jahrtausendwende so hohe Beachtung zukam. Ich habe das ja schon vorgelebt, indem ich zeigte, wie man sowohl verschiedene Berufe als auch verschiedene Persönlichkeiten annehmen kann.

Eric: Ja, und damit hast du das Chamäleon-Prinzip schon auf verschiedenen Ebenen vorgelebt. Hier ist deine Form der zweiten Säule der Identität zu finden: die Säule von Arbeit und Leistung – in deinem Fall eine sehr flexible Version davon.

Matthias: Und im Zweifelsfall kannst du ja bei Bedarf auch große Massen bewegen, etwa zu Ostern im Vatikan. Das fördert und fordert dann auch die Flexibilität der anderen. Aber, Zelig, sag doch noch, wie du zum Chamäleon stehst?

Zelig: Dass ich dann als Chamäleon diagnostiziert wurde, war für mich eigentlich eine Ehre. Außer als dann der Vorschlag kam, mich mit Fliegen durchzufüttern …

Eric: Statt mit Fliegen wurdest du mit Versuchsmedikamenten abgespeist. Kein Wunder, dass du dann wörtlich die Wände hochgingst.

Matthias: Wohl eine weitsichtige Vorwegnahme der Ambivalenz, die viele heutzutage den Psychopharmaka entgegenbringen.

Eric: Womit wir bei der Leib-Seele-Thematik angekommen sind, der dritten Säule der Identität. Wie ich im Buch aufzeige, bist du, Zelig, ja Meister in der Form des Modell-, Resonanz- und Imitationslernens. Dir gelingt es mittels deiner Spiegelneuronen optimal, bei andern Menschen wahrgenommene Signale so abzuspeichern, dass du sie selber reproduzieren kannst. Hier findet sich bei dir meine dritte Säule der Identität: die Leiblichkeit, in dieser deiner besonderen Lernfähigkeit als paradigmatischer Chamäleoniker.

Zelig: Ja, doch leider mit dem Preis, dass ich mich dabei immer wieder meinem eigenen Körper entfremdete.

Eric: Überhaupt ist deine Suche nach Sinn und Identität gespickt mit Paradoxien. So wurdest du ja gerade durch deine Art, dich an die Umgebung anzupassen und nicht auffallen zu wollen, zum Objekt größter Aufmerksamkeit.

Matthias: Und eigentlich, lieber Zelig, wolltest du dich doch nur anpassen, um dazuzugehören und normal zu sein! Doch wie Eric in seinem Buch darlegt, gelangst du gerade so in die Fänge der Psychiatrie.

Eric: Und dein anderes Motiv, nämlich um jeden Preis geliebt zu werden, verschaffte dir auch viele Feinde.

Matthias: Ich finde es wirklich bewundernswert, Zelig, wie du in dem Spannungsnetz so vieler Paradoxien deiner Identität auf der Spur geblieben bist!

Eric: Und da war noch ein weiteres Paradox bei dir, Zelig, das Paradox des Rückgrats …

Matthias: … womit du deinen Paradoxien eine körperliche Form verliehen hast …

Eric: … nämlich die Paradoxie, die entsteht im Zwischenraum von starkem Rückgrat im Sinne von »Farbe bekennen«, und von Flexibilität und Biegsamkeit, was ja auch bedeuten kann, dass man über kein zu starkes Rückgrat verfügt.

Matthias: Hier zeigst du Flexibilität selbst im Umgang mit der Flexibilität, was dir manchmal erstaunliche Kraft verleiht. Von einem Zelig’schen chamäleonischen Rückgrat könnten die Osteopathen noch was lernen!

Zelig: Die Fähigkeit, Farbe zu bekennen und mich anzupassen, habe ich auch gezeigt, in dem ich mich beispielsweise in einen afroamerikanischen Jazzmusiker, in einen Chinesen oder einen Indianer verwandelt habe. Und dies ohne chamäleonische Schillerschuppen!

Woody Allen: Und ich zeige meine Fähigkeiten zur Flexibilität, indem ich selber Drehbuchschreiber, Regisseur und Protagonist bin. Und in der Protagonistenrolle kann ich mich – wie ihr seht – in viele Personen verwandeln.

(Von dem plötzlichen Auftauchen dieses neuen Mitredners sind die drei Gesprächpartner alle überrascht und tun daher weiter so, als wären sie noch unter sich.)

Matthias (zu Zelig und vielleicht indirekt zu Woody Allen): Ja, und so mancher ahmt solche wahre Flexibilität eben nur nach, wie Amateure ein echtes Genie seiner Zunft.

Eric: Interessant scheint mir noch das Paradox des Versprechens bei dir, Zelig: Deine mit verschiedenen Identitäten gemachten Versprechen wurden dir ja zum Verhängnis.

Zelig: Ja, das verursachte bei mir »Rückfälle«, wie die Psychologie das zu bezeichnen pflegt.

Matthias: Wobei »Rückfälle« durchaus auch ihren Sinn haben können; manchmal sind sie ja eher das, was Gunther Schmidt hypnosystemisch wertschätzender eine »Ehrenrunde« nennt.

Zelig: Etwa in der Episode, wo ich mit Dr. Fletcher aus Nazi-Deutschland floh und blitzschnell die Identität eines Piloten annehmen konnte.

Eric: Auffällig ist dabei die Tatsache, dass du beim Identitätswechsel nie in eine Frauenidentität geschlüpft bist. Die Diskussion zu Identität und Geschlecht führe ich im Buch ja auch.

Matthias: Aber ob das nun etwa biografische Gründe in deiner Familiengeschichte hat oder aus anderen angeblichen Ursachen abzuleiten wäre oder ob dir nicht vielmehr, werter Zelig, hier eine Festigkeit inmitten all der Flexibilität zu gewinnen gelungen ist?

Zelig: Diese Frage münze ich gerne in ein Kompliment um, ich bin ja flexibel.

Eric: Kommen wir zum Aspekt der materiellen Sicherheiten als vierte Säule der Identität!

Zelig: Ich verkörpere da sicher eher den von Erich Fromm beschriebenen asketischen Charakter, bescheiden und sehr anpassungsfähig.

Eric: Mit der Schattenseite, dass du durch deine Schwester und ihren Liebhaber aus Geldgier ausgebeutet wurdest.

Matthias: Das Eigentümliche der Grenzen, die wir mit unserer Identität verbinden, beruht nach William James, wie insbesondere Habermas herausgearbeitet hat, ja darauf, dass es schwierig ist, zwischen dem, was man als sich selbst bezeichnet, und dem Eigenen, uns Gehörenden strikt zu trennen, da wir bei dem uns Gehörenden offenbar oft ähnlich empfinden und handeln wie dann, wenn es um uns selbst geht. Man denke an die Autofahrer-Äußerung »Sie haben mich gerammt!«.

Zelig: Besitz sagt mir nicht viel, selbst meine geliebte Eudora Fletcher wollte ich nie besitzen, sondern nur mit ihr, bei ihr sein.

Woody Allen: Aber im richtigen Leben habe ich Mia Farrow dann doch verloren. (Alle drei schauen sich irritiert zum ungebetenen Gast um, bemühen sich aber, ihn weiter zu ignorieren.)

Matthias: Ein weiteres Paradox in deinem Leben und im Leben überhaupt taucht hier auf: Geht vielleicht der, der sich weniger um das Haben kümmert, in unserer Konsumgesellschaft materiell leer aus? Oder hast du vielleicht einen geradezu künstlerischen, sozusagen höheren Umgang mit dem Haben als deiner Form der Prozessierung dieses Gegensatzes entwickelt?

Eric: Jeremy Rifkin postuliert dazu, dass der Haben-Modus abgelöst wird von der proteischen Persönlichkeit, die spielerisch mit Besitz und Identität umgeht, mit dem Preis, vor lauter Spielen sich selbst nie finden zu können.

Zelig: Das Thema habe ich im Kern klar vorweggenommen: Ich bin ja in der Form eines Mockumentary »Spiel pur«.

Eric: Das gipfelt bei dir dann im »Spiel im Spiel«, indem es ja auch noch einen Film im Film gibt (»Der Mann, der sich verwandelt«).

Matthias: Ja, Zelig, denn da sagst du selbst, »der Film hat nicht übertrieben«, und wir sehen das Leonard-Zelig-Spiel mit der Kartonaufschrift »Wechseln Sie die Köpfe, mit einem kleinen Handgriff!«. Es ist wunderbar, wie du hier das Spiel im Spiel als Film im Film zu einer selbstreferenziellen Aufhebung der paradoxen Zirkel nützt, in denen du dich befindest – hier zeigst du dich, lieber Zelig, ganz auf den Höhen der Anwendung moderner Paradoxientheorie. Denn in der modernen Paradoxientheorie besteht der Sinn einer Paradoxie ja im Oszillationsprozess, den sie auslöst.

Eric: Die Vermarktung des ganzen »Leonard-Zelig-Kitsches« ist dann noch die Parodie, wie heute gerade im Film, in der Kunst oder im Sport alles vermarktet wird.

Zelig: Deshalb fragt Irving Howe am Schluss des Filmes zu Recht: »Hat sich Amerika denn seit damals verändert?« Und seine Antwort ist auch klar: wohl kaum!

Matthias: Eric meint dazu ja in seinem Buch, »Second Life gab es damals noch nicht, aber das Spiel mit den verschiedenen Ebenen der ›Realitäten‹ beherrscht Woody Allen wie wohl kaum einer sonst«, und tut glatt so, als ob alles diesem Woody Allen zuzuschreiben wäre, der ja glatt behaupte, dich erfunden zu haben.

Woody Allen: Ich behaupte das nicht nur, ich habe Zelig tatsächlich erfunden und bin zugegebenermaßen selber ein Teil von ihm, wie mein Leben nach dem Zelig-Film eindrücklich zeigt, deshalb habe ich mich ja vorher schon in euren Mutlilog eingeloggt.

Matthias (etwas ärgerlich): Mr. Allen, wir unterhalten uns nun schon geraume Zeit sehr angeregt mit Herrn Zelig und gedenken das fortzusetzen. Sie sind schließlich nicht der Erste, der haltlos behauptet, jemand anders erfunden zu haben. Wie sollen Menschen sich sinnvoll ihrer Identität nähern können, wenn jederzeit jemand wie Sie deren eigene Existenz in Zweifel ziehen kann?

Eric (etwas irritiert): Spricht jetzt Zelig oder Woody Allen? Wie auch immer: Die Suche nach Sinn und Identität ist jedenfalls auch gespickt mit Paradoxien. Damit möchte ich zur fünften Säule überleiten: »Glauben, Werte und Sinn«.

Matthias: … und Verrücktes!

Eric: Verrücktes?

Matthias: Ja, auch wenn du deinen früheren Plan jetzt vergessen haben solltest, aber hier gehört das streng akademisch dazu!

Zelig: Verrücktes? Naja, also für mich ist ein Sinn im Leben, geliebt zu werden …

Eric: … und der Versuch, geliebt zu werden durch Anpassung, hatte ja die Paradoxie zur Folge, dass du dir damit nicht nur auch Feinde schufst, sondern auch Gefahr liefst, das eigene »Ich« zu verlieren – sofern man das überhaupt so formulieren kann.

Zelig: Wieso eigentlich? Ich bin doch immer noch ich? Oder?

Eric: Ja, schon, aber im Film sagst du in der Therapiesitzung auf die paradoxe Intervention von Dr. Fletcher: »Ich bin niemand, ich bin nichts.« Deshalb verstehe ich deine Bemerkung nicht, dass du immer noch »ich« seist. Wie soll ich das verstehen?

Zelig: Macht Sinn, deine Frage. Aber bezüglich des Sinns im Leben noch dies: Ich habe ja – wie du im Buch erwähnst – vom Rabbi den Sinn im Leben nur auf Hebräisch erklärt bekommen. Da ich kein Hebräisch kann, musste ich mir den Sinn im Leben somit selber erkunden. Das ist für mich ein starkes Symbol: Vielleicht war das ja auch die Botschaft vom Rabbi, das nehme ich so mal an.

Matthias: Bei der Herausforderung der Suche nach Sinn und Werten fingst du also bei einer Quelle des Glaubens an, und als diese nur in fremden Zungen sprach, hast du eine chamäleonische Überlebensstrategie gewählt und bist zu einer Botschaft für dich gelangt.

Woody Allen: Seht ihr nicht? Seht ihr nicht? Das hat er doch ganz klar von mir gelernt!

Eric: Bei wichtigen Botschaften, wenn sie uns wirklich erreicht haben, ist die Biografie des Postboten vielleicht nicht mehr stets so entscheidend.

Matthias: Das, Eric, würde dir auch die Wissenschaftstheorie zugestehen!

Zelig: Also dafür hatte ich nie Zeit, leider, leider.

Eric: Zelig, du hattest wirklich größere Herausforderungen zu bewältigen. Einen strengen Wissenschaftler chamäleonisch zu erfassen wäre viel zu leicht für dich gewesen!

Matthias: Zelig, du hast uns da einen Weg zu deinem Funken Anteil an der Weisheit vorgelebt, die du im Balancieren in verschiedensten Dilemmata erworben hast. Wie Eric es im Buch sagt: Wenn Identität etwas Werdendes ist, so kann ich ja keine verlässlichen Aussagen über mich in meiner Zukunft machen. Dem hast du durch deine Ars Chamaeleonica, deine Chamäleonskunst, gründlich vorgebeugt, indem du dich immer wieder überraschend wandeltest. Du lehrst durch dein wundersames Leben, Toleranz zu entwickeln, mit Widersprüchen und Paradoxien, dem »Normalen« und dem »Verrückten« und schließlich nicht nur mit den anderen, sondern auch sogar mit uns selbst umzugehen – wer immer wir (gerade) sind.

Im Cyberspace, den 30. November 2012

Woody (über Zelig): Jetzt hat es dieser Zelig zu guter Letzt noch geschafft, mich aus meinem eigenen Werk wieder herauszuschubsen, obwohl ich doch sogar samt früheren Familienteilen darin vorkomme!

Zelig (nun als Chamäleon Woody als Autor imitierend): Ganz im Gegenteil – du darfst nun gerne ganz in »deiner« Geschichte bleiben, denn ich habe beschlossen, sie passend umzuschreiben, sowie ich Moby Dick doch noch fertig gelesen habe! (Zelig lächelt Ihnen, liebe Leser/-innen, selig zu.)

1 Einleitung

Wer bin ich und wer könnte ich sein? Gibt es überhaupt ein Sein, eine Identität? Solche Fragen stellen sich in der Multioptionsgesellschaft (Gross, 1994) auf brisante Weise. Die Auseinandersetzung rund um dieses anspruchsvolle Thema findet hauptsächlich an den Schnittstellen von Psychologie, Soziologie und den Sozialwissenschaften statt. Dabei laufen die einzelnen Disziplinen Gefahr, »unverbundene Spezialdiskurse« (Keupp et al., 1999, S. 63) zu betreiben, ohne dass ein interdisziplinärer Austausch gefördert wird. Als Psychologe mit sozialpsychologischem, familientherapeutischem und organisationspsychologischem Hintergrund versuche ich in diesem Buch, das Konstrukt Identität aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

Ziel, Sinn und Zweck dieses Buches bestehen darin, Ihnen als Leserin oder Leser Anregungen zu geben für die individuelle Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und derjenigen anderer Menschen. Dies soll eine Form des Nachdenkens und Nachfühlens ermöglichen, welche zur Reflexion und Weiterentwicklung der eigenen »Persönlichkeit« dient.

Das Buch richtet sich an alle, die eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Identität wie auch mit der Identität als »Konstrukt« suchen. Darüber hinaus angesprochen sind speziell Berater und Beraterinnen, Führungskräfte, Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen und sonstige Personen, die in ihrem professionellen Wirken in Interaktion mit anderen Individuen und deren Identitäten treten. Allen soll das Buch Anstöße und Orientierungen geben, Identität als Prozess konstruktiv und ressourcennutzend zu gestalten.

Identität als psychologischer Begriff ist ein Konstrukt: »Die Instanz, die über die Identität eines Menschen Auskunft zu geben vermag, ist der betreffende Mensch, ist das Subjekt selbst« (Hausser, 1995, S. 3). Vielleicht können Sie nach der Lektüre dieses Buches differenzierter Auskunft über Aspekte Ihrer Identität geben? Dies wäre zumindest aus meiner Sicht kein unerwünschter Nebeneffekt, aber für eventuelle Nebenwirkungen übernehme ich keine Haftung.

Etymologisch lässt sich Identität vom lateinischen »idem, eadem, idem« (derselbe, dieselbe, dasselbe) herleiten. Dies könnte zur Annahme verleiten, dass wir über die Zeit hinweg eine Einheit bleiben. Allerdings ist Identität nichts Statisches, sondern ein Relationsbegriff. Von identisch zu reden ergibt nur Sinn, wenn man zwei Dinge oder Personen zueinander in Relation setzt. Deshalb stellt sich weniger die Frage »Wer bin ich?«, sondern viel eher: »Wer bin ich im Verhältnis zu anderen oder im Vergleich zu damals?«. Das Relationale legitimiert einen sozialpsychologischen Zugang, denn es geht bei Identität immer um die Herstellung einer Passung zwischen dem Individuum, dem »Innen«, und der Gesellschaft, dem »Außen«. Identitätsdiskussionen stehen durch das Relationale ständig in Spannungsfeldern, welche in diesem Buch thematisiert werden (vgl. dazu auch Keupp et al., 1999, S. 69):

–Personaler Fokus versus soziale Konstruktion

Identität befindet sich im Spannungsfeld zwischen Selbstbezogenheit, Autonomie einerseits und sozialer Anerkennung mit einer gewissen Anpassung an das Umfeld andererseits.

–Identität als Sein versus Identität als Werden

Wir haben eine Identität mit einem dazugehörenden So-Sein oder aber wir befinden uns in einem permanenten Such- und Entwicklungsprozess und erfinden uns ständig neu. Kontinuität und Wandel können als komplementäre Perspektiven betrachtet werden: »Wir sind wir, nicht obwohl, sondern weil wir uns dauernd verändern und anpassen. Könnten wir das nicht, wären wir gar nicht mehr, also auch nicht mehr wir« (Greve, 2013, S. 33).

–Identität braucht Einheit versus Vielfalt als Chance

Wir haben und brauchen einen »Identitätskern« bzw. ein »Kernselbst«, mit dem wir durchaus in verschiedenen Rollen authentisch und kohärent bleiben können. Diese These steht im Spannungsfeld mit der Negierung eines Identitätskerns und eines realen »Selbst«.

–Identität zwischen den Polen des Bei-sich-Seins versus des Aussich-Heraustretens

Identität kann als fortwährende Entwicklung und Wachsen betrachtet werden. Dieser Prozess geschieht zwischen den Polaritäten der Integration des Bei-sich-Seins, der damit verbundenen notwendigen Abgrenzung, und der Desintegration des Aussich-Heraustretens mit entsprechenden Grenzüberschreitungen (Schmidt-Lellek, 2011, S. 31).

–Identität als Substanz versus Narration

Identität beruht auf grundlegenden innerpsychischen Prozessen, verbunden mit einem Identitätsgefühl, oder aber Identität wird durch Narration sozial konstruiert.

–Identität ist ein Problem versus Identität ist eine Lösung

Gerade in der Multioptionsgesellschaft schafft die Vorstellung, dass wir noch so etwas wie eine Identität haben sollen, erst recht ein Problem, da wir einem unerfüllbaren Soll-Zustand nacheifern. Dieser Sichtweise kann man entgegenhalten, dass wir – besonders in einer Zeit, in der Unbestimmbarkeit, Vielfalt, Widersprüchlichkeit und Relativität immer mehr zunehmen – zumindest eine Vorstellung einer Identität als gewisser Einheit brauchen, um uns nicht gänzlich im Chaos aufzulösen.

Die zentrale Fragestellung dieses Buches lautet: Ist es überhaupt noch möglich, in einer Multioptionsgesellschaft, in der die verschiedenen Lebenswelten immer vielfältiger werden, eine gewisse »Einheit einer Person zu erfahren mit einer Kontinuität über die Zeit« (Keupp et al., 1999, S. 86)? Brauchte das Individuum in vormodernen Gesellschaften keinen inneren Zusammenhang herzustellen, weil die Gesellschaft diesen festen Rahmen bot? Ist die Aufsplitterung des Subjekts erst zu einem Problem geworden, weil die postmoderne Gesellschaft dem Individuum keinen festen Halt mehr gibt? Oder ist die Vielfalt, welche eine dissoziierte Gesellschaft bietet, eine Chance für eine kreative Weiterentwicklung von uns Menschen?

Die Ausführungen in den einzelnen Kapiteln machen deutlich, wie stark die »gesellschaftlichen Kohärenzgarantien wegschmelzen« (Keupp et al., 1999, S. 87). Am pointiertesten zeigt sich dies in der Frage nach der eigenen Herkunft, einem zentralen Identitätsfaktor: Die heutigen technischen Möglichkeiten erlauben eine vielfache Mutter- und Vaterschaft (in der Kombination von Samen- bzw. Ei-Spende, Leihmutterschaft und verschiedenen Formen sozialer Elternschaft). Damit beginnt unter Umständen die Fragmentierung unseres Selbstschon vor der Geburt. Aber auch die anderen Felder der sozialen Beziehungen (Partnerschaften, virtuelle Welten usw.) werden in der Postmoderne vielfältiger und beliebiger. Die weiteren Kerngebiete unserer Identitätskonstruktionen – nationale und ethnische Identität, Berufsidentität, Körper- und Geschlechtsidentität – haben ebenfalls ihre »Qualität als Identitätsgaranten verloren« (Keupp et al., 1999, S. 87). Damit stellt sich die Frage, ob dann Materielles, Besitz oder Glauben und Spiritualität als mögliche Identitätssäulen umso wichtiger werden. Basierend auf diesen Kerngebieten der Identität gestaltet sich der Aufbau des Buches. Anhand der fünf Säulen der Identität, einem Konzept aus der Gestalttherapie (Petzold, 1993), werden zentrale Bausteine einer Identitätskonstruktion dargelegt. Die fünf Säulen umfassen die Aspekte:

Soziales Netz, Beziehungen: Als Beziehungswesen entwickeln wir unsere Identität in Interaktion mit unserer Umwelt in einem Prozess der Individuation oder Ko-Individuation. Beleuchtet werden die Rolle der Herkunftsfamilie, Partnerschaften und Hinkunftsfamilien, die Zugehörigkeit zu größeren Systemen wie Nation, Heimat sowie die virtuellen Beziehungen, die den soziokulturellen Megatrend der Individualisierung und Hybridisierung intensivieren und beschleunigen. Identität als Konstrukt wird dadurch zwar vielfältiger, aber auch fragiler. Bei den Beziehungen zu den inneren Familien- oder Teammitgliedern wird deutlich, dass sich parallel zur Komplexitätserweiterung in der Gesellschaft auch die Konzeptvielfalt der Anteilspsychologie erweitert hat. Es wird dargelegt, wie die inneren Familienmitglieder entstehen und welches ein optimaler Umgang mit ihnen sein kann.

Arbeit und Beruf: In der westlichen Gesellschaft wird dieser Säule eine hohe Bedeutung zugeschrieben, angefangen bei den Investitionen in Aus- und Weiterbildungen bis hin zur Betonung der Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit auf individueller wie auch organisationaler Ebene, wie etwa der Ausdruck »War of Talents« deutlich macht. Im Zentrum der Ausführungen stehen einige Phänomene in der Arbeitswelt, die mit der Globalisierung und Flexibilisierung einhergehen. Während etwa Richard Sennett (1998) von »Corrosion of Character« spricht, kann die Multioptionsgesellschaft durchaus auch Chancen beinhalten. So kann sich ein »modularer Mensch« flexibel den Bedürfnissen von verschiedenen Netzwerken anpassen. Begriffe wie Crowdsourcing, Slashers oder Sohos stehen für solche modernen Arbeitsnomaden.

Körper und Leiblichkeit: Die Leib-Seele-Thematik beschäftigt die Menschheit seit Langem im Zusammenhang mit der Identität. Das Konzept Embodiment beschreibt, wie das psychisch-mentale System mit seinem Organ, dem Gehirn, immer in Bezug zum gesamten Körper steht. Die wechselseitige Abhängigkeit von körperlicher und psychischer Entwicklung wird mit Ergebnissen aus einigen psychologischen Experimenten untermauert. Die Suche nach den neuronalen Grundlagen des Selbst mündet in eine Kontroverse, ob wir überhaupt ein »reales« Selbst haben oder nicht. Auch bei der Thematik Identität und Geschlecht wird gezeigt, dass es selbst in der Geschlechterforschung immer weniger Eindeutigkeiten gibt. Wir bewegen uns möglicherweise auch im Bereich der Geschlechteridentität hin zu einer uneindeutigen Vielfalt, die mit dem Begriff der »multisexuellen Biodiversität« treffend umschrieben worden ist.

Besitz und Materielles: In der psychologischen Fachliteratur finden materielle Sicherheiten wenig Beachtung. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass »Haben« für das Individuum nicht von Bedeutung wäre. Gerade in Zeiten, in denen so vieles im Fluss ist, dürften die Identitätsfunktionen von Besitz dem Einzelnen eine gewisse Stabilität bieten. Eine gelingende Identität ist immer auch auf »materielles Kapital« angewiesen. Erich Fromm beschreibt mit dem Marketing-Charakter, der sehr stark mit einer konformistischen Persönlichkeit einhergeht, die Übertreibung des Haben-Modus der modernen Gesellschaft sehr einprägsam. Auch Beziehungen werden verstärkt vermarktet, dies umfasst den Bereich der Partnerschaften so gut wie Geschäftsverbindungen. Dem Haben stellt Fromm den Sein-Modus gegenüber, welcher zur letzten Säule überleitet. Seine Dichotomie »Haben oder Sein« soll jedoch kritisch hinterfragt werden.

Glaube, Werte und Sinn: Die weiterhin starke Bedeutung von Religion kann als Folge der Verunsicherungen durch die Globalisierung verstanden werden. Parallel zur Zunahme einer Vielfalt an religiösen Bewegungen dürfte der Kampf um den »richtigen Glauben« anhalten, sodass die Forderungen nach gegenseitiger Toleranz weiterhin aktuell bleiben. Neben dem Glauben kann die Auseinandersetzung mit und Konstruktion von Lebensgeschichten in der postmodernen Welt dazu dienen, an der eigenen Identität zu arbeiten. Das Konzept der narrativen Identität betont die Wichtigkeit von Kohärenz, die eine zentrale Ressource für den Identitätsprozess darstellt. Geschichten haben zusätzlich die Funktion, das Selbst mit Sinn zu versorgen. Da es in der Multioptionsgesellschaft niemanden gibt, der uns sinnvolle Ziele vorgibt, muss jeder Mensch seinen eigenen obersten Sinn oder seine Ziele selbst finden. Da er sich dabei mit vielen Widersprüchlichkeiten auseinandersetzt, sollen auch Paradoxien aufgezeigt werden, die sich im Zusammenhang mit dem Identitätskonstrukt manifestieren, ganz im Sinne von »flexibel sein und Farbe bekennen«. Identität als Prozess berührt immer auch die Frage nach der »Verrücktheit« und der optimalen Balance auf der Gratwanderung zwischen Normalität und Abnormität.

In der Therapie, Beratung oder im Coaching dienen die fünf Säulen als wertvoller Einstieg und im weiteren Verlauf als Orientierungsrahmen, um eigene Identitätsbereiche zu erfassen und sich über Stärken, Ressourcen und Ungleichgewichte bewusst zu werden. Daraus ergeben sich oft Ansatzpunkte für Veränderungen und damit Ziele für die Beratungsarbeit. Hier sollen die fünf Säulen ebenfalls der Orientierung dienen, um sich in dem weitläufigen Themenfeld nicht zu verirren. Um eine weitere Optik hereinzubringen, werden anhand des Films »Zelig«, meines Lieblingsfilms von Woody Allen, die Ausführungen ergänzt und veranschaulicht.

Kapitel 2 fasst den Film aus dem Jahre 1983 zusammen. Einzelne Elemente werden dann in den folgenden Kapiteln zu den einzelnen Säulen der Identität genauer ausgeführt. Weshalb habe ich »Zelig« als Film ausgewählt?

Im Zentrum um die Hauptfigur Zelig (Woody Allen) steht die Identitätsthematik und allem voran das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Anpassung. Zelig als fiktive Figur ist in der Lage, sich chamäleonartig an Menschen in seiner Umgebung anzupassen. Er macht dies aus einer »Identitätsschwäche« heraus, um ja nicht aufzufallen oder anzuecken. Paradoxerweise fällt er gerade deswegen auf und gerät ins Rampenlicht der Psychiatrie und der Öffentlichkeit in den USA. Seine Therapeutin Dr. Fletcher (Mia Farrow) heilt ihn durch verschiedene therapeutische Interventionen, der hauptsächliche Genesungsgrund dürfte aber die gegenseitige Liebe sein. Der Film in der Form eines »Mockumentary« (fiktionaler Dokumentarfilm) ist eine hervorragende Veranschaulichung der Vermischung verschiedener Realitätsebenen. Zelig ist zwar eine fiktive, aber dennoch historische Figur. Denn Woody Allen arbeitet mit echten Schwarz-Weiß-Filmausschnitten vor allem aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Hineingewoben werden in Farbe gestaltete Interviews mit echten intellektuellen Persönlichkeiten aus den USA, welche sich zur Figur Zelig so äußern, als hätte es diese wirklich gegeben. Im Zentrum der Aussagen stehen Kommentare zu Zelig und dessen Identitätsproblematik. Viele Kommentare beinhalten gesellschaftskritische Äußerungen und verweisen darauf, dass Identität ein individuelles und soziales Konstrukt ist. Zelig ist in einem weiteren Sinn historische Figur: Denn obwohl Fiktion, gilt das menschliche Chamäleon mittlerweile als Symbolfigur für die Anpassungs- und Konformitätsproblematik, die spätestens seit Richard Sennetts flexiblem Menschen (1998) an Aktualität noch gewonnen hat. Nicht zuletzt veranschaulicht der ganze Film auf verschiedenen Ebenen alle fünf Säulen der Identität eindrücklich.

Während Richard Sennett die Flexibilisierung überwiegend kritisch betrachtet und von einer »Korrosion des Charakters« (Sennett, 1998) ausgeht, sollen hier auch die positiven Seiten dieser Entwicklung beleuchtet werden. Dabei greife ich die Metapher des »Crazy Quilt« auf, welche Keupp (1989) aus der Patchwork-Identität weiterentwickelt hat. Umschrieben wird damit einerseits der Aspekt der Verrücktheit, die auch bei Woody Allen eine zentrale Rolle spielt; andererseits soll der Zugewinn an kreativen Lebensmöglichkeiten thematisiert werden, der durch die Flexibilisierung und Fragmentierung des Ichs eine Chance bedeuten kann.

Identität im Zeitalter des Chamäleons symbolisiert damit alle Facetten, welche das Leben uns eröffnen kann. Flexibel sein und Farbe bekennen ist ein Plädoyer für einen kreativen Umgang mit den Paradoxien des Lebens. Identität ist ein Thema voller Widersprüche. Dieser Aspekt zieht sich durch das ganze Buch und wird im letzten Kapitel noch besonders hervorgehoben. Es werden Paradoxien aufgezeigt, die sich im Zusammenhang mit dem Identitätskonstrukt manifestieren. Ein querdenkerischer Umgang mit Gegensätzen und Multivalenzen ist mit der sogenannten Tetralemma-Arbeit möglich, einem Verfahren, das Varga von Kibéd und Sparrer in der systemischen Strukturaufstellung entwickelt haben. Die Frage nach der Identität im Zeitalter des Chamäleons, wer ich bin bzw. werden könnte, kann frei nach dem Tetralemma wie folgt beantwortet werden: Ich bin (viele) oder ich bin gar nicht; indem ich werde, gilt beides: sowohl ein Sein als auch ein Nicht-Sein, aber es gilt auch weder noch, keines von beiden. Und mit der Einführung des fünften Elementes entsteht eine übergeordnete Sichtweise mit Aspekten der Überraschung, des Querdenkens und Humors: »All dies nicht – und selbst das nicht!« Mit »und selbst das nicht« wird postuliert, dass auch die fünfte Position keinen Anspruch auf Absolutheit haben kann. Bei der Suche nach einer Antwort, wer ich bin bzw. werden könnte, handelt es sich um einen vermutlich erst beim Tod endenden Entwicklungsprozess, der sich spiralförmig um die fünf Positionen des Tetralemmas dreht. Antworten in diesem Buch sind somit als Annäherungen an »die Wahrheit« zu betrachten, als Anregungen zum Reflektieren über Identitäten – die eigenen und die meines Gegenübers.

2 »Zelig«: Der Film

»Zelig« spielt in den USA in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, den sogenannten »Roaring Twenties«. Im Stil einer Fernsehdokumentation erzählt er die seltsame Geschichte Leonard Zeligs (Woody Allen), der durch die Fähigkeit, sich chamäleonartig der Umgebung anzupassen, weltberühmt wurde. Dabei passt er sich nicht nur äußerlich an, sondern imitiert auch die emotionalen und intellektuellen Charaktereigenschaften, wobei er das nur bei Männern macht. Das erste Mal auf sich aufmerksam macht Zelig 1928 auf einer Party der einflussreichen Upperclass in einem Sommerhaus auf Long Island. Der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald schreibt an einem Tisch im Garten über die zwanziger Jahre und beobachtet einen merkwürdigen kleinen Mann, der in erlesenem Bostoner Akzent bewundernd über die Republikanische Partei spricht. Wenig später spricht der gleiche Mann mit dem Küchenpersonal in einem dazu passenden Akzent und gibt sich zur Verblüffung des Schriftstellers als Demokrat aus. Ein Jahr später erzeugt Zelig die Aufmerksamkeit der Medien als Baseballspieler bei den New York Yankees. In einer sogenannten Flüsterkneipe tritt er im selben Jahr zuerst als Gangster auf und einen kurzen Moment später erblickt ihn ein Augenzeuge als Jazzmusiker unter den Farbigen.

Ein paar Monate später melden sowohl die Hauswirtin wie auch der Chef des Büroangestellten Leonard Zelig dessen Verschwinden der Polizei. Nur zwei Hinweise wurden in Zeligs Wohnung in Greenwich Village gefunden: ein Foto von Zelig mit Eugene O’Neill und ein Foto von ihm als Bajazzo. Aufgrund eines Hinweises verfolgt die Polizei seine Spur in Chinatown. Dort entdecken sie einen sonderbar aussehenden Asiaten, der Zelig ähnlich sieht. Die Polizei versucht, dem Mann seine Maskierung herunterzureißen, dabei stellt sie fest, dass es gar keine Maskierung ist. Es kommt zu einer Schlägerei und Zelig wird ins Manhattan Hospital gebracht. Da beginnt der Prozess von vielen Untersuchungen und Experimenten. Bei der ersten Begegnung mit den Ärzten gibt Zelig vor, selbst Psychiater zu sein. Eine junge Psychiaterin, Dr. Eudora Fletcher (Mia Farrow), ist von Anfang an fasziniert von Leonard Zelig und möchte den Neuzugang übernehmen. Sie sieht in ihm – wie sie später in einem Interview berichtet – die Möglichkeit, Karriere zu machen. Zelig behauptet, sein Spezialgebiet seien paranoide Wahnvorstellungen. Er habe in Wien mit Freud gearbeitet: »Wir haben uns über den Penis-Neid zerstritten. Freud war der Ansicht, dass er nur bei Frauen auftrete« (Allen, 1983, S. 20). Zu Testzwecken wird Zelig mit verschiedenen Personen zusammengebracht, an die er sich dann verblüffend gut anpasst: Franzosen, fettleibige Männer und Afroamerikaner. Man erfährt, dass Zelig der Sohn von Morris Zelig sei, eines Schauspielers am jüdischen Theater. Seine Kindheit verlief nicht besonders erfreulich. Mit seiner zweiten Frau stritt sich Morris Zelig häufig in einer solchen Lautstärke, dass sich, obgleich die Familie über einer Bowlingbahn wohnte, die Benutzer der Bowlingbahn über ständige Lärmbelästigung beschwerten. Als Junge wurde Leonard häufig von Antisemiten schikaniert. Seine Eltern schützten ihn aber nicht, sondern stellten sich auf die Seite der Antisemiten. Nach dem Tod des Vaters erlitt Zeligs Bruder Jack einen Nervenzusammenbruch und seine Schwester Ruth wurde zur Ladendiebin und Alkoholikerin.

Die Presse hat Wind von Zelig bekommen und das sensationslüsterne Interesse der Öffentlichkeit wird sofort kommerzialisiert. »Mensch mit verschiedenen Persönlichkeiten entdeckt« lautet die Schlagzeile einer Zeitung. Die Ärzte sind ratlos und stellen skurrile Diagnosen. Eine Vermutung ist, dass Zeligs Krankheit auf eine Verkrümmung der Wirbelsäule zurückzuführen sei. Tests jedoch zeigen, dass diese Diagnose ein Irrtum ist, und verursachen beim Patienten vorübergehende Beschwerden. Ein Bild zeigt Zelig auf einem Streckbett, umgeben von lächelnden Pflegenden, die seine Beine massieren. Seine Beine sind falsch herum am Körper. Medienberichte häufen sich. Zwei Zeitungsredakteure des New York Daily Mirror erwähnen in einem späteren Interview, dass sich Zeligs Geschichte von allein verkaufen ließ, ohne dass sie wie sonst üblich an den Fakten noch etwas beschönigen mussten, um die Auflagen in die Höhe zu treiben. Es bricht eine »Zelig-Manie« aus, es gibt Zelig-Witze und im Jahrzehnt der Modetänze wird die Nation schon wieder von einem neuen mitgerissen: »Tanz den Chamäleon«. Es gibt aber auch kritische Stimmen zu Zelig. Die Kommunisten klagen, dass Zelig unfair zu den Arbeitern sei, da er fünf Jobs für sich allein beanspruche. Der Ku-Klux-Klan sieht in ihm eine dreifache Bedrohung: einen Juden, der sich in einen Neger oder Indianer verwandeln kann. Eudora Fletcher ist als einzige Ärztin überzeugt, dass Zeligs Symptome psychische Ursachen haben. Sein Verhalten sei ein Schutzmechanismus. Indem er sich anpasse, versuche er, das Wohlwollen seiner Umgebung zu gewinnen. Paradoxerweise macht ihn gerade dieses Nichtauffallen-Wollen, dieses zwanghafte Anpassen und Verleugnen der eigenen Persönlichkeit, zu einer Attraktion in der Öffentlichkeit. Fletcher hypnotisiert Zelig in den Behandlungen. Dabei gibt Zelig seine Motivation preis, wieso er sich der Umgebung völlig anpasst: »Es ist sicher […] so wie die anderen zu sein […] Ich will, dass man mich mag« (Allen, 1983, S. 35).

Seine Verwandlungen haben bereits im Kindesalter angefangen. Die erste prägende Anpassung an die Umgebung war in der Schule. Ihm sei es peinlich gewesen, dass er als Einziger »Moby Dick« nicht gelesen habe. Da habe er einfach so getan, als ob er das Buch kenne. Die erste Verwandlung geschah an einem St. Patrick’s Day in einer irischen Bar. Da habe er sich in einen Iren verwandelt und habe etwas von der großen Hungersnot erzählt und von Gnomen und Elfen.

Als Dr. Fletcher anfängt, einige Fortschritte zu erzielen, tauchen plötzlich Zeligs Halbschwester Ruth und ihr zwielichtiger Liebhaber auf und geben an, sich um Zelig zu kümmern. Sie vermarkten in der Folge Zelig als Zirkusnummer. Es werden Zelig-Merchandise-Artikel verkauft, Musikstücke komponiert und es wird sogar ein Film über Zelig gedreht. Eine Eifersuchtsaffäre führt dann aber zum gewaltsamen Tod von Ruth und ihrem Geliebten, sodass Zelig auf sich selbst gestellt ist und untertaucht. Zuerst geht die Nachricht wie ein Lauffeuer um die Welt, dass Zelig vermisst werde. Doch schon bald gerät er in Vergessenheit, denn »eine Bevölkerung, die mit Reizen überflutet ist, vergisst rasch«, so der Erzähler (S. 69). Unterdessen enden die zwanziger Jahre im totalen wirtschaftlichen Zusammenbruch, Zelig bleibt verschwunden. Dr. Fletcher versucht vergeblich, ihn zu finden, und gibt nach einigen erfolglosen Hinweisen auf.

Später taucht Zelig während der Ostersonntagszeremonie von Papst Pius XI. als Störenfried auf. Es entsteht ein Chaos, Zelig wird von den italienischen Behörden wieder in die USA gebracht. Erneut erfolgt eine Einlieferung ins Manhattan Hospital. Diesmal erhält Dr. Fletcher die Chance, Zelig zu behandeln. Sie nimmt ihn mit zu sich in ihr Landhaus und therapiert ihn unter anderem mit Hypnose. Die Sitzungen finden im sogenannten »Weißen Zimmer« statt und werden von Fletchers Cousin Paul Deghuee gefilmt. Damit soll die Therapie für die Nachwelt festgehalten werden. Dr. Fletcher möchte »damit in die Geschichte eingehen« (S. 73).