Identität - Peter Bohley - E-Book

Identität E-Book

Peter Bohley

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Beschreibung

Die menschliche Identität - hervorgegangen aus ursprünglichen Instinkten wurde sie im Verlauf der Evolution zu einem zentralen Bestandteil des Menschseins. Identität ermöglicht Orientierung - ob einem einzelnen Menschen, einer Familie, einer Stadt oder einem Nationalstaat - und spendet die Kraft, dieser Orientierung zu folgen. Identität hat den Menschen von Biotopabhängigkeit befreit und ihm ermöglicht, sich überall auf der Erde seinen Lebensraum einzurichten. Aus der menschlichen Identität entstanden menschliche Kulturen. Bis heute ist die Bedeutung von Identität für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ungeschmälert. Kein Wunder also, dass die UNESCO identitätsstiftende Kulturdenkmäler und -landschaften als Welterbe der Menschheit unter Schutz stellt. Tatsächlich ist das Thema "Identität" aktuell wie nie: Denn eine befriedigende Bewältigung von Flüchtlingskrisen kann nur gelingen, wenn kollektive Identitäten berücksichtigt werden, sowohl auf Seiten der Flüchtlinge, als auch auf Seiten der sie aufnehmenden Bevölkerung.

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Seitenzahl: 159

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag

Reihe Psychologie

Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag

Reihe: Psychologie

Band 29

PeterBohley

Identität

Wie sie entsteht und warum der Mensch sie braucht

Tectum Verlag

PeterBohley

Identität. Wie sie entsteht und warum der Mensch sie braucht

Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe: Psychologie; Bd. 29

© Peter Bohley, 2016

ISBN: 978-3-8288-6363-7(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3690-7 im Tectum Verlag erschienen.)

ISSN: 1861-7735

Umschlaggestaltung: Sabine Borhau | Tectum Verlag

Satz und Layout: Sabine Borhau | Tectum Verlag

 

 

Besuchen Sie uns im Internet

www.tectum-verlag.de

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Einleitung und Überblick

Wie Identität entsteht und wie wir uns ihrer vergewissern

Identität als Ergebnis der Evolution

Identität als psychologisches Phänomen

Die Kraft kollektiver Identität

In der Schweiz entstandene Identität

Deutsche Identitäten

Ausblick

Ein Nachwort zum Identitätsbegriff

Ein persönliches Nachwort

Literatur

Vorwort

Das vorliegende Buch möchte Identität als eine für das Leben als Mensch unentbehrliche Eigenschaft zeigen. Jedes Individuum und jede von Menschen gebildete Gemeinschaft ist auf Identität angewiesen, um handeln zu können. Die menschliche Identität ist im Verlauf der Evolution aus Instinkten des sich zum Menschen entwickelnden Lebewesens hervorgegangen und übernahm nach und nach ursprünglich von Instinkten wahrgenommene Funktionen. Ein von Identität geleitetes Handeln trat an die Stelle eines von Instinkten ausgelösten Reagierens. Identität wurde als seelische Ausstattung zu einem zentralen Bestandteil der menschlichen Konstitution. Nur dank seiner Identität konnte sich der Mensch überall auf der Erde seinen Lebensraum einrichten. Auch hätten ohne das Vorhandensein von Identität menschliche Kulturen nicht entstehen können. Die menschliche Identität ist eine verborgene Quelle von Kraft, die sich zwar exakter Messung entzieht und sich oft nicht einmal in Worte fassen lässt, die man aber zu deuten versuchen kann. Erstmals wurde der Begriff der menschlichen Identität von Sigmund Freud verwendet.

In erster Linie soll im vorliegenden Buch gezeigt werden, dass der Zweck der Identität vor allem darin besteht, Lebenshilfe zu sein. Außerdem versteht sich das vorliegende Buch als Klärung des häufig missverstandenen oder als Rätsel empfundenen Identitätsbegriffs. Vor allem jedoch soll die Darstellung von menschlicher Identität einem besseren Verständnis von uns selbst dienen. Der Leser soll sich im Gelesenen wiedererkennen können und sich auch bewusst werden, dass der Besitz von Identität eine Quelle seines Wohlbefindens sein kann. Das Buch bedient sich einer leicht lesbaren und gut verständlichen Sprache.

Die in der vorliegenden Studie verwendeten Beispiele sind zum Teil dem Alltagsleben, teilweise auch der deutschen und der Schweizer Geschichte entnommen. Das Handeln von Menschen kann nur dann ganz verstanden werden, wenn auch die seelischen Kräfte berücksichtigt werden. Auch die Gesamtheit eines Kollektivs kann die Rolle eines Akteurs spielen, der den Verlauf der Geschichte mitbestimmt. Mit meiner Studie versuche ich, einen Beitrag zu leisten für ein vertieftes Verständnis der insgesamt gesehen glücklichen Schweizer Geschichte, aber auch der Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte.

Für die Durchsicht des Buches und für wertvolle Anregungen danke ich vor allem folgenden Personen: Allen voran Peter Bohley, Professor an der Universität Tübingen, meinem Namens- und zugleich tatsächlichen Vetter (in dritter Generation). Ebenso danke ich den Teilnehmern des von ihm ins Leben gerufenen Tübinger Freitags-Gesprächskreises, sodann Hermann Lübbe, meinem Kollegen aus gemeinsamer Zeit an der Universität Zürich, und ganz besonders Professor Klaus Jonas, Ordinarius für Sozialpsychologie an der Universität Zürich. Dank schulde ich nicht zuletzt allen meinen Freunden, Verwandten und Bekannten, die mit ihren Hinweisen und Kommentaren die Entstehung des Buches begleitet und mir bei der Überwindung von Krisen geholfen haben. Nicht zuletzt schulde ich Dank meiner Frau Hiltrud, genannt Kora, die auf ihre liebevolle Weise entscheidend dazu beigetragen hat, dass die vorliegende Arbeit realisiert werden konnte.

Zürich, im Frühjahr 2015 Peter Bohley

Einleitung und Überblick

Die im vorliegenden Buch dargelegte Erkenntnis, dass Identität ein zentraler Bestandteil der menschlichen Konstitution ist, bedeutet nicht nur, dass Identität eine Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ geben kann, sondern bedeutet vor allem, dass sie eine in der menschlichen Psyche verankerte Hilfe ist, um das Leben eines Menschen führen zu können. Seine Identität zu kennen und sich ihrer sicher zu sein, ist daher für jeden von uns, wenn auch meist unbewusst, von vitalem Interesse. Nicht viel weniger wichtig ist es für uns aber auch, die Identität anderer Menschen zu kennen, denen wir im Leben begegnen, sei es Freund oder Freundin, seien es Kollegen, mit denen wir es im Berufsleben zu tun haben, oder seien es Menschen, die wir, vielleicht im Urlaub, zufällig treffen. Um über die Identität anderer Menschen etwas zu erfahren, sind wir in der Regel auf Anhaltspunkte angewiesen, die sich aus der Beobachtung ihres Verhaltens oder ihres Lebensstils ergeben. Daraus lassen sich Rückschlüsse ziehen. Die im vorliegenden Buch vorgenommenen Beschreibungen von Identitäten sind auf Anhaltspunkte angewiesen, die eine Deutung erlauben. Es hätte andernfalls gar nicht geschrieben werden können.

Der Besitz einer Identität hat von den Anfängen des eigentlichen Menschseins an bis zum heutigen Tag nichts von seiner Bedeutung verloren. Trotz aller Veränderungen der Lebensumstände haben die Menschen daher bis heute das Gefühl fürdie Unentbehrlichkeit ihrer Identitätbehalten. Das Bedürfnis, Identität zu haben oder sich ihrer zu vergewissern, wird neuerdings z.B. durch Rekonstruktionen historischer Bauwerke befriedigt, durch Initiativen für den Heimatschutz, durch Wiederbelebung von alten Bräuchen, durch intellektuelle Pflege sogenannter Erinnerungsorte oder durch Auszeichnung von Kulturdenkmälern und Kulturlandschaften als Welterbe der Menschheit durch die UNESCO. Die Menschen fühlen sich auch nach wie vor verpflichtet, zur Stiftung von Identität bei den jeweils nachfolgenden Generationen beizutragen.

Einführend wird anhand eines berühmt gewordenen Beispiels gezeigt, wie Identität manchmal unerwartet zutage treten kann, welche Tatsachen oder Geschehnisse im Allgemeinen zur Bildung unserer persönlichen oder kollektiven Identität führen können, wie wir uns im Speziellen als moderne Bürger eines Staates kollektive Identität aneignen können oder wie sie uns zu großen Teilen ganz unbewusst zuwächst. Um die Bedeutung von menschlicher Identität zu ermessen, muss man allerdings den Grund ihrer Entstehung im Zuge der Evolution kennen. Nur so ist es möglich, das Geheimnis der Identität zu entschlüsseln. Nur so kann gezeigt werden, warum und auf welche Weise beim einzelnen Menschen in den aufeinanderfolgenden Stadien seines Lebens Identität entsteht, welchen Zwecken sie dient, weshalb ein Mensch bemüht ist, sich ihrer zu vergewissern und sich durch den Besitz von Identität Wohlbefinden zu verschaffen. Nur so kann auch die Bedeutung von kollektiver Identität als zugrundeliegende Kraft bei der Entwicklung der Menschheit verstanden werden. Leider gilt das aber auch hinsichtlich der zerstörerischen Kraft, die bei ihrer Infragestellung ausgelöst werden kann.

Im Detail bestehen die einzelnen Kapitel des Buches aus Folgendem: Im ersten Kapitel wird dargestellt, wie eine moderne nationale Identität entstehen kann, wodurch sie sich vom unheilvollen Nationalismus vergangener Zeiten unterscheidet und wie Menschen ihr Bedürfnis stillen können, sich ihrer Identität zu vergewissern. Identität wird mit einem Kompass verglichen, den ein Mensch zu seiner Orientierung braucht. Auf einen Kompass kann man sich nur verlassen, wenn man sicher ist, dass er richtig anzeigt. Nur eine durch Vergewisserung bestätigte Identität ermöglicht eine verlässliche Orientierung und ein damit einhergehendes Wohlbefinden.

Im zweiten Kapitel wird dargestellt, aus welcher biologischen Logik sich Identität im Verlauf der Evolution aus Instinkten zu einem wesentlichen Bestandteil der menschlichen Konstitution entwickelt hat. Die Untersuchung führt zu dem Ergebnis, dass Identität das zum Menschen werdende Lebewesen von Biotopabhängigkeit befreite und zu einer für das Überleben als Mensch unentbehrlichen Lebenshilfe wurde. Allerdings gingen bei der Entstehung von Identität nicht alle Eigenschaften von Instinkten verloren. Das zweite Kapitel öffnet den Weg zu einem neuen Verständnis der menschlichen Psyche und erweitert unser Wissen über die menschliche Konstitution, die sogenannte Condition humaine.

Im dritten Kapitel wird in Anlehnung an den Psychologen Erik H. Erikson beschrieben, wie der einzelne Mensch in den aufeinanderfolgenden Phasen seines Lebens seine Identität erwirbt, von welcher Art die dabei erworbenen Identitätsbestandteile sind und wozu sie gebraucht werden. Auch zum Begriff der kollektiven Identität und für das Verständnis von kollektiver Identität und ihrer Bedeutung hat Erikson Entscheidendes beigetragen.

Das vierte Kapitel soll die von kollektiven Identitäten mobilisierbare Kraftentfaltung und ihre Bedeutung auch im Fall moderner Staaten zeigen. Vom Standpunkt der Identität aus gesehen, bedeutete die Entstehung von demokratischen Staaten in der Nachfolge von Imperien oder Feudalherrschaften einen gewaltigenFortschritt. Die zu Bürgern gewordenen Untertanen können sich jetzt als vollberechtigte Bewohner eines gemeinsamen Hauses verstehen und selber die Verantwortung für ihr Gemeinwesen tragen. Ihre kollektive Identität wurde für ihr gemeinsames Handeln nicht selten zu einem maßgebenden, wenn auch manchmal problematischen Kompass.

Die Ausrichtung dieses Kompasses hat sich in jüngster Vergangenheit zumindest in den westlichen Ländern erheblich verändert. War noch bis vor kurzem der Besitz einer nationalistisch geprägten Identität eine gewissermaßen metaphysisch begründete Bürgerpflicht, wandelte sich diese Identität unter dem Eindruck traumatischer Ereignisse der jüngeren Vergangenheit und als Folge eines kulturübergreifenden Wandels des Lebensstils zu einer für die Selbstverwirklichung des Menschen und für menschliches Wohlbefinden notwendigen Voraussetzung.

In Kapitel fünf soll zu zeigen versucht werden, von welcher Identität die für die Schweiz maßgeblichen Akteure in entscheidenden Momenten geleitet wurden und wie die bis heute wirkungsmächtige kollektive Identität der Schweiz aus der Lebenswirklichkeit der in ein bis anhin unerschlossenes Berggebiet der Alpen eingewanderten Alemannen entstehen konnte. Gestiftet wurde diese Identität von den Gegebenheiten und Notwendigkeiten einer vor allem aus Allmendebewirtschaftung bestehenden Landwirtschaft. Diese auf der Grundidee der Genossenschaft beruhende Form der Landwirtschaft wurde bis in die Gegenwart zum prägenden Grundbestandteil der Schweizer Identität.

Kapitel sechs ist dem Versuch gewidmet, die Entstehung deutscher Identitäten zutreffend darzustellen. Im Fall der Germanen als den Vorfahren der Deutschen lassen die Mitteilungen des römischen Schriftstellers Tacitus das Bild kriegerischer Stämme mit der Bereitschaft zu einer jeweils bedingungslosen Gefolgschaft ihrem Gefolgsherren gegenüber entstehen. Untereinander übten sie offenbar routinemäßig den Kampf gegeneinander, wobei sie zu absoluter Treue und zu vollem Einsatz für ihren Gefolgsherren bei Strafe des Todes verpflichtet gewesen sein sollen. Vor allem durch Identifizierung mit den von Tacitus beschriebenen Eigenschaften sind deutsche Identitätsbestandteile entstanden, die ein Vertrauen in die Form der kollektiven Gefolgschaft begründeten.

Nach dem Niedergang des christlich-universalistisch orientierten römisch-deutschen Kaisertums und angesichts eines fehlenden weltlich-nationalen Kraftzentrums überlebte bei den Deutschen eine verinnerlichte Sehnsucht nach einem Gefolgsherren, wie der Mythos des im Kyffhäuser schlafenden Kaisers Barbarossasymbolhaft veranschaulichte. Martin Luther hat den Deutschen in ihrer damaligen Not dann zu Identitäten verholfen, die sie immer wieder zu großen Leistungen auf den Gebieten der Philosophie, der Wissenschaft, der Literatur und der Musik befähigten. Er schuf die Voraussetzung für das Entstehen von sogenannter Weltfrömmigkeit. Tragfähige nationale Identität konnte allerdings nicht entstehen. Nationale Identität wurde zwar oft beschworen, aber sie wurde nie gelebt. Das in den deutschen Identitäten verankerte Vertrauen in die Herrschaftsform der Gefolgschaft blieb weitgehend erhalten.

Im Ausblick wird die Vermutung ausgedrückt, dass in Zukunft aus heute vorhandenen Staaten neue Staaten hervorgehen werden. Durch eine konsequente Ausrichtung an kollektiver Identität versprechen sich Teilbevölkerungen eine größere Stabilität ihres Gemeinwesens. Es ist daher nicht ganz unwahrscheinlich, dass es in manchen Teilen der Welt zur Entstehung neuer, auf der Grundlage tragfähiger kollektiver Identitäten errichteter Nationalstaaten kommen wird. Für eine solche Entwicklung könnte ein wachsendes ökologisches und ein von der Informationstechnologie verändertes kollektives Bewusstsein von ausschlaggebender Bedeutung werden.

1

Wie Identität entsteht und wie wir uns ihrer vergewissern

Identität als Selbstbild des Menschen – Die Bestandteile von Identität – In der Sprache von Gefühlen sich ausdrückende Identität – Das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung – Kollektive Identität als Grundlage moderner Gemeinwesen – Pierre Nora: Les lieux de mémoire, Erinnerungsorte als Gegenstände der Identitätsstiftung und als Objekte der Selbstvergewisserung – Beispiele der Stiftung von kollektiver Identität durch Geschichte, Sprache, Bauwerke, Sport, Wirtschaft – Kollektive Identitätsvergewisserung durch Symbole und Mythen –Vergewisserung von kollektiver Identität als vorrangige Aufgabe demokratischer Politiker – Langlebigkeit tragfähiger Kollektividentitäten

„Ich bin ein Berliner“, verkündete der amerikanische Präsident John F. Kennedy während seines Besuchs 1963 in dem von Mauern umschlossenen und von sowjetischen Panzern umzingelten Teil Berlins. Mit diesem in die Geschichtsbücher eingegangenen Satz, den er vom Balkon des Schöneberger Rathauses der versammelten Menge zurief, löste er frenetischen Beifall aus. Warum gab es einen solchen Beifall? Wörtlich genommen war der Satz falsch. Gerade das ermöglichte es jedoch, ihn „richtig“ zu verstehen, d.h. als das Bekenntnis Kennedys, er habe die Identität eines Berliners. Ohnevon Identität zu sprechen, vergewisserte Kennedy die versammelten Westberliner in ihrer kollektiven Identität, indem er sich in ihre Identität einschloss. Sie dankten ihm dafür mit nicht enden wollendem Beifall. Die Leute hatten verstanden, dass Kennedy ihnen mit seinen Worten mitteilen wollte, er teile ihr „Wir-Gefühl“, d.h. ihre Identität des „Wir-lassen-uns-nicht-unterkriegen“. Nicht weniger als die damals 15 Jahre zurückliegende Berliner Luftbrücke empfanden die Berliner diese Versicherung der Teilhabe an ihrer Identität als eine große Unterstützung bei ihrem bisher zäh durchgestandenen Kampf um Zukunftsbewältigung.

Als Kennedy 1963 Berlin besuchte, stand die Stadt im Brennpunkt des nach dem zweiten Weltkrieg entstandenen Ost-West-Konflikts. Der Westteil der ehemaligen Reichshauptstadt war von der übrigen Welt weitgehend abgeriegelt und nur über die Luft frei zugänglich. 1961 war der Westteil von Berlin durch eine mit einem Todesstreifen versehene hohe Mauer zu einer Enklave der sowjetischen Besatzungszone gemacht worden. Ein Versuch, mit der Waffe von Panzern und Kanonen die Freiheit Westberlins herzustellen, wäre nur um den Preis eines neuen Weltkriegs möglich gewesen. In dieser Lage hat Kennedy in seiner Rede an die Berliner durch sein Bekenntnis zur Berliner Identität auf Identität als ein Mittel hingewiesen, mit dem die Freiheit Berlins viel wirkungsvoller als mit Waffen verteidigt werden konnte.

Man kann die Identität, von der hier die Rede ist, als das Bild verstehen, das sich Menschen von sich selber machen, oder als die Antwort auf die meist stille Frage eines Menschen an sich selber: „Wer bin ich?“ Im Fall einer Gruppe oder einer Gemeinschaft (eines Kollektivs, wie beispielsweise der Bevölkerung einer Stadt oder eines Staates) kann sich jedes Mitglied, die anderen einschließend, die stille Frage stellen: „Wer sind wir?“ Dass man von Identität als Antwort auf eine solche, in der Regel natürlich unausgesprochene Frage reden kann, wird durch die eigentümliche Fähigkeit des Menschen ermöglicht, zu sich selbst Abstand zu nehmen und sich in seinem geistigen Spiegel anzusehen, d.h. bei sich ein Selbstbild zu erkennen. Das vor seinem inneren Auge Erscheinende kann ein Mensch als sein Selbstbild beziehungsweise als seine Identität wahrnehmen.

Für den Hirnforscher Ernst Pöppel bestimmt sich unsere Identität durch unser bildliches Wissen, das wir aus unserer Vergangenheit in unser Inneres mitgenommen haben. „Das Wissen um uns selbst, wer wir eigentlich sind, was unser Selbst ausmacht, wird bestimmt durch jene Bilder, die wir in uns tragen.“1 Auch die Ergebnisse von Denkvorgängen können ihren Niederschlag in Identitäten finden, gleichwohl ist Identität nicht dasselbe wie ein Denkvorgang. Denkvorgänge können für die Entstehung von menschlicher Identität eine entscheidende Rolle spielen, wenn sie ihren Niederschlag in unserem Inneren finden. Auf jeden Fall ist Identität etwas sehr Wirkliches und für einen Menschen ein Teil seiner Realität.

Man darf Identität nicht mit Ideologie verwechseln. Ideologie kann zwar Bestandteil einer Identität werden, aber von ihrem Ursprung her handelt es sich bei Ideologie um etwas ganz anderes als bei Identität. Ideologie ist ihrem Charakter entsprechend primär ein Denkmodell, Identität ist hingegen im Prinzip ein Gefühlsmodell. Identität ist eine Befähigung, die ein Mensch im Lauf seines Lebens neben anderen geistigen Befähigungen erwirbt. Es sind dies seine Sprachfähigkeit, seine Denkfähigkeit, seine Erinnerungsfähigkeit und schließlich auch seine schöpferische Phantasie, d.h. sein Vorstellungsvermögen. Seine Identität spielt gewissermaßen die Rolle eines Zentrums aller dieser Befähigungen. Sie wird von diesen unterstützt und wirkt auf diese zurück.

Identität kann aus allem entstehen, was Menschen bewusst oder unbewusst beeindruckt, womit sie sich identifizieren und was sie dadurch zu einem Identitätsbestandteil machen. Identität beinhaltet Haltungen oder Einstellungen, die uns bei unseren Entscheidungen und unserem Handeln leiten. Wenn wir beispielsweise unter verschiedenen in Frage kommenden Alternativen bei einer davon „ein gutes Gefühl“ haben, wenn wir einer von ihnen mehr zuneigen als den anderen, dann haben wir eine Antwort in der Form erhalten, wie sie uns auf unsere Fragen an uns von unserer Identität gegeben wird. Umgekehrt: Wenn wir beispielsweise um eines Vorteils willen zur Lüge greifen, meldet sich unsere Identität zu Wort, indem wir ein schlechtes Gewissen bekommen. Die Möglichkeit eines schlechten Gewissens bewahrt uns vor vielerlei Verfehlungen, ein gutes Gewissen zu bekommen veranlasst uns andererseits zu Taten, wie z.B. zu einer Spende, wenn sich irgendwo in der Welt eine Katastrophe ereignet hat.

Die Antworten auf unsere Fragen an unsere Identität teilensich uns also vor allem in Form eines Empfindens oder in derSprache von Gefühlen mit. Es sind dies oft stille, vielleicht nagende, aber in der Regel nicht überschäumende Gefühle, wie sie z.B. bei extremer Verliebtheit, bei tiefer Trauer oder existentieller Bedrohtheit auftreten können. Es ist nicht immer einfach, die Sprache von Gefühlen, durch die sich uns unsere Identität mitteilt, richtig zu deuten. Da vieles von dem, was wir über unser Selbst wissen wollen, tief in unserem Inneren verborgen ist, sind wir oft im Unsicheren, was unser Gefühl uns zu verstehen geben möchte. Es besteht immer die Möglichkeit, sich zu täuschen oder Erwünschtes mit Identität zu verwechseln. Um unserer Identität sicher zu sein, müssen wir uns ihrer vergewissern und sind dankbar, wenn uns diese Vergewisserung wie im Fall der Berliner Rede Kennedys geschenkt wird.

Die Begeisterung, die Kennedy auslöste, war also Ausdruck des Dankes für die Bekräftigung einer Identität, die den Westberlinern die Kraft verlieh, in ihrer belagerten Stadt auszuharren, oder kurz gesagt, Berliner zu bleiben. Identität und im Speziellen eine durch Vergewisserung bekräftigte Identität konditioniert uns zum Handeln und verleiht uns die dazu notwendige Kraft. Die Westberliner brauchten solche Kraft, um weiterhin die Beschränkungen der Belagerung ertragen zu können und um nicht abzuwandern. Ohne diese Kraft wäre Westberlin als Enklave der sowjetischen Besatzungszone nicht zu halten gewesen.

Wenn bisher von Identität die Rede war, handelte es sich meistens um kollektive Identität und deren Bedeutung als mobilisierende Kraft. An den Tag gebracht wurde die Realität dieser Tatsache im Fall der Berliner Rede Kennedys von einem Menschen mit einer offensichtlich ganz besonderen Begabung. Es ist daher naheliegend, sich zu fragen, in welcher persönlichen Identität diese Begabung verankert war. Im Fall Kennedys weiß man viel über sein Leben, seine Herkunft und über die von ihm geäußerten Überzeugungen. Man kann unterstellen, dass er sich den zitierten Satz, der den Höhepunkt seiner Rede an die Berliner bildete, gut überlegt und ihn in seiner Wirkung vorher durchaus berechnet hat. Ein Politiker sucht Anerkennung und Zustimmung beim Publikum, an das er sich wendet. Kennedy war ein politisches Talent, seine persönliche Identität war die eines bedeutenden Staatsmannes, doch brauchte er natürlicherweise die Anerkennung von anderen Menschen, um sich seiner Identität als erfolgreicher Staatsmann zu vergewissern.

So verschieden, wie Menschen sind, so verschieden sind ihre individuellen Identitäten. In jedem Fall bestehen sie aus vielen Einzelbestandteilen, die aber bei aller Heterogenität ein Ganzes bilden und in der Regel eine gewisse Dauerhaftigkeit besitzen. Grundbestandteile einer persönlichen Identität sind Geschlecht und Abstammung