Idylle mit Grab - Teil 3 - Ines Franke - E-Book

Idylle mit Grab - Teil 3 E-Book

Ines Franke

0,0
2,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Gregor Kresien, ehemals Hackschmitt, Ex-Versicherungsbeamter mit Hang zum Verdrängen, hat sich erstaunlich gut eingerichtet: eigene Detektei, halbwegs funktionierende Familie und die Leiche im Garten tief in seinem Inneren vergraben. Doch die Idylle wackelt, als Rupert, die Gartenleiche, ehemals verschollen, jetzt eindeutig tot, wieder auftaucht. Und mit ihm ein zweiter Toter, offenbar ein weiteres Rädchen im nachbarschaftlichen Drogenkarussell. Kieferstein, moralischer Leuchtturm mit dunklem Fundament, dreht völlig durch und brachte beinahe Maike, Gregors Assistentin, um. Ein schiefes Geständnis im horizontalen Gewerbe bringt nun abermals Bewegung in seine Idylle. Die Dame will reden - mit ihm. Doch Gregor sieht nur bunte Kringel und hört eine abstruse Story. Kurz darauf ist sie tot. Die Polizei sieht keinen Handlungsbedarf. Gregor schon. Und plötzlich steckt er wieder mittendrin. Je mehr Fäden Gregor in den Händen hält desto deutlicher wird: Das der neue Fall auch der alte Fall ist - mit Kieferstein als Hauptakteur. FürGregor heißt das: Zurück in den Sumpf. Und diesmal wird’s persönlich.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ines Franke

Idylle mit Grab - Teil 3

Am Ende des Schweigens

Ein schiefes Geständnis im horizontalen Gewerbe bringt abermals Bewegung in Gregors Idylle. Die Dame will reden - mit ihm. Doch Gregor sieht nur bunte Kringel und hört eine abstruse Story. Kurz darauf ist sie tot. Die Polizei sieht keinen Handlungsbedarf. Gregor schon.

Impressum

Texte: ©Copyright by Ines Franke mit Unterstützung von ChatGPT

Umschlagsgestaltung: ©Copyright by Ines Franke mit Unterstützung von ChatGPT

Erscheinungsjahr: 2025

Verlag: Ines Franke

Köthener Str. 15a

06188 Landsberg

Teil 3

Was bisher geschah:

Alles begann mit einem Haus, das zu günstig war, um wahr zu sein, inklusive einer Leiche im Garten, kauzigen Nachbarn und einem Notizbuch voller Abgründe. Besitzer vom Haus mit Gartenleiche, Gregor, ein Eigenbrötler mit schlechtem Timing und schiefem Tannenbaum, der eigentlich nur seine Ruhe wollte.

Was daraus wurde?

Gregor Kresien, ehemals Hackschmitt, Ex-Versicherungsbeamter mit Hang zum Verdrängen, hat sich erstaunlich gut eingerichtet: eigene Detektei, halbwegs funktionierende Familie und die Leiche im Garten tief in seinem Inneren vergraben.

Doch die Idylle wackelt, als Rupert, die Gartenleiche, ehemals verschollen, jetzt eindeutig tot, wieder auftaucht. Und mit ihm ein zweiter Toter, offenbar ein weiteres Rädchen im nachbarschaftlichen Drogenkarussell. Kieferstein, moralischer Leuchtturm mit dunklem Fundament, dreht völlig durch und bringt beinahe Maike, Gregors Assistentin, um.

Für Gregor heißt das: Zurück in den Sumpf. Und diesmal wird’s persönlich

Am Ende des Schweigens

Beichte mit Sahne

Durch das offene Fenster zieht der Geruch von Frittierfett, Auspuffgas und gescheiterten Lebensentwürfen. Im Flur quietscht eine Tür, jemand hustet trocken, als hätte sich ein alter Brötchenkrümel dauerhaft eingenistet.

Vielleicht war’s auch ein Marder. Oder ein Kunde mit rostigem Einkaufswagen.

Das Bettgestell ächzt. Vielleicht unter Rosis Gewicht oder aus Protest.

Rosi scrollt durch ihr Handy wie durch ein Paralleluniversum. Zwischen Katzenvideos, Kundenanfragen und Kalendererinnerungen auf dem Level: „Atem holen nicht vergessen“.

Im Zimmer ist es duster, als hätte jemand dem Tag keinen Wecker gestellt.

Die Tapete hängt schlaff wie ein deprimierter Vorhang, der Wasserhahn tropft im Takt des Untergangs. In der Ecke: eine Kommode mit einer Lampe. Sie leuchtet wie ein Glühwürmchen mit Burnout. Der Lampenschirm stammt aus den 70ern, orange-braun mit Fransen, die aussehen wie die letzten fünf Haare eines gealterten Schlagersängers.

Daneben ein Stuhl, Holz, wacklig, unbequem. Die Art von Möbel, die Menschen zur Selbsterkenntnis zwingt.

Darauf sitzt Paul.

Aufrecht, steif, mit der Körperspannung eines Mannes, der gleich „Hosen runter“ vom Urologen hört.

Sein Blick klebt an einem schiefen Bild: ein Schiff kämpft auf hoher See gegen Wind und Wasser. Das heroischste Objekt im Raum.

Rosi zieht ihre Leopardenleggings zurecht. Der Stoff kämpft tapfer gegen ihre Beine. Rosi ist drall und resolut. mit stoischer Ruhe trotzt sie den Regeln des guten Geschmacks, überzeugt, dass Mode nur eine Meinung ist. Ihre ist halt anders.

Sie legt das Handy weg, seufzt.

„Also?“, sagt sie. „Ich hab dich schon mal gefragt, Paul. Du bist doch Paul, oder?“

Sie checkt die Uhr. „Wir haben noch zwanzig Minuten. Hast du überhaupt Kohle?“

Paul gräbt in seiner Hose. Langsam. Eile ist was für Leute mit Hoffnung. Dann zieht er einen zerknitterten 50er raus.

Rosi prüft ihn im Dämmerlicht, nickt und schiebt ihn unter das Kissen. „Zwanzig Minuten“, sagt sie.

Das Bettgestell knackt. Vielleicht beleidigt. Vielleicht nervlich am Ende.

Dann: Bing. Nachricht von Frank: „Wie läuft das Geschäft?“

Rosi tippt zurück: „Leicht verdientes Geld. Der wird nur labern. Aber zahlt.“

Sie schaut zu Paul. Der starrt noch immer das Schiff an.

„Schwester Karin ist ’ne hinterhältige Schlange“, sagt er plötzlich. Keine Einleitung. Einfach so, als hätte das Schiff ihn gerade daran erinnert, dass auch auf hoher See hinterlistige Pflegekräfte lauern.

„Die tut so fürsorglich, aber die streut Zucker in den Kaffee und sagt dann, das sei Diätpulver. Ich hab’s im Urin gemerkt.“

Er sagt das mit der Überzeugung eines Mannes, der seinem Körper mehr vertraut als jeder Laborauswertung.

Rosi sagt nichts. Sie ist schon lange nicht mehr überrascht von dem, was ihre Kundschaft erzählt. Ihre emotionale Reaktion liegt irgendwo zwischen "Aha" und "Mein Gott, schon wieder Montag".

„Aber Leon… Leon ist ein feiner. Der schaut sogar in meine Schubläden. Oben und unten.“ Er nickt ernst, als wäre das ein Ausdruck tiefer medizinischer Kompetenz und nicht einfach das Verhalten eines neugierigen Klappspatens.

„Der gibt mir auch immer mehr Tabletten. Er sagt, das hilft beim Denken.“

Rosi verdreht die Augen und greift nach dem Handy, ein Reflex gegen Hirnmüll. Unvermittelt spricht Paul weiter:

“Wenn man jemanden tötet…?“

Rosi friert ein. Nur ein Wimpernschlag lang, aber genug, dass der Elektroschocker unter dem Kissen in ihrer Gedankenwelt eine Stufe höher rutscht.

Paul kratzt sich am Kopf, während sein Blick auf dem Bild bleibt. 

„Also… wenn jemand sagt: Töte den .. und man tut das dann…“

Er schaut jetzt zu Rosi. Seine Stimme ist ruhig, fast neugierig. Wie ein Kind, das fragt, ob man Toast auch mit Zahnpasta essen kann.

„Ist man dann ein Auftragsmörder?“

Rosi schaut ihn an. Ihr Daumen liegt auf dem Einschaltknopf des Elektroschockers. Sie überlegt kurz, ob sie ihn lieber jetzt schon testen sollte.

„Wenn es sich so zuträgt, wie du es beschreibst…dann ja.“

Paul nickt nachdenklich. „Okay. Dann bin ich wohl ein Killer.“

Stille.

Rosi blinzelt. Das Bild hängt schief. Die Lampe flackert. Und im Bad tropft der Wasserhahn.

Eine halbe Ewigkeit später, ein fast kindlich stolzes Nicken.

„Gestern gab’s Erdbeeren. Leon hat meine probiert. Er wollte probieren, ob sie frisch sind.“

„Das ist ja sehr nett von Leon“ sagt Rosi und denkt: Der Typ ist ein echter Wichser. Wahrscheinlich füttert er den alten Mann bald mit Batterien, damit der länger durchhält.

„Wen hast du denn umgebracht?“

Sie sagt es halb aus Neugier, halb aus Langeweile. An die Geschichte vom Mord glaubt sie nicht. Der alte Mann wirkt eher wie jemand, der seinen Schlüssel im Kühlschrank sucht, statt wie ein Profikiller.

„Wen hab ich… was?“

Paul blinzelt, als hätte ihn der Satz aus dem Schlaf gerissen. Sein Blick wandert an Rosi vorbei zur Wand, zur Decke, vielleicht sucht er dort nach dem Drehbuch.

„Die Enten“ murmelt er, „haben gestern wieder den ganzen Teich durcheinandergebracht. Zwei von denen führen was im Schilde, das seh ich doch.“

Rosi atmet genervt durch die Nase.

Plötzlich schreckt Paul auf. „Wie spät ist es? Der Bus muss gleich kommen!“

Rosi schaut verwirrt. „Welcher Bus?“

„Na, der 49er! Der, der zur Fabrik fährt. Ich darf nicht zu spät kommen, sonst macht Forelli wieder den Eintrag im Schichtbuch!“

„Ach der…“ sagt Rosi langsam und denkt: Welcher Bus? Und welche Fabrik?

Sie weiß nicht, welchen Bus Paul meint, und ob er die Fabrik meint, die vor über 15 Jahren abgerissen wurde. Wenn ja, steht dort inzwischen ein Meditationszentrum mit veganem Imbiss, was, wenn man genau darüber nachdenkt, auch irgendwie eine Art Fabrik ist. Denkfabrik mit Yuppieessen. 

Paul sitzt immer noch aufrecht da, als hätte er gerade einen Oscar für die beste tragische Rolle gewonnen.

Rosi schaut ihn an und fragt sich, ob er einfach nur ein verlorener Exzentriker ist oder tatsächlich ein kaltblütiger Mörder.

„Also… wie hast du deine Opfer umgebracht?“

Paul sieht sie an, als hätte er gerade erfahren, dass sein Lieblingskeks ausverkauft ist.

„Nur eins“ sagt er leise. „Ich hab ihn mit meiner Axt erschlagen. Von hinten.“

Kurze Pause.

„Sonst hab ich damit nur Holz gemacht. Für den Kamin.“

Er wirft einen bedeutungsvollen Blick auf das schiefe Schiff an der Wand.

„War aber auch Holz. Holzkopf.“

Rosi setzt sich langsam auf den Rand der Matratze und wirft einen Blick zum Elektroschocker. Ihre Hand bleibt aber vorerst auf dem Knie.

„Und? Erzähl mal weiter. Wen hast du denn da auf die Rübe gehauen?“

Paul nickt versonnen, wie mit den Gedanken an ein köstliches Dessert.

„Wenn’s wieder Erdbeeren gibt… will ich Sahne dazu.“

Rosi blinzelt irritiert. „Wie bitte?“

Sie fragt noch zweimal nach, erst vorsichtig, dann leicht genervt. Paul antwortet nur noch wirr: etwas von einer Bürgermeister-Katze, einem Jungen mit Angelhaken im Ohr, einem Zimtbriefumschlag, alles zusammenhangslos, aber mit der Ernsthaftigkeit eines Verschwörungstheoretikers.

Rosi lehnt sich zurück und denkt: Entweder ist der Mann komplett durchgedreht oder so irre, dass er genau weiß, was er tut und das ist irgendwie noch viel unheimlicher.

„Na, wen haben wir denn da?“

Schwester Karin steht plötzlich da, direkt aus dem Nichts gefallen, mit einem Lächeln, das eher Pflaster auf einem frisch gebrochenen Bein gleicht. Sanft, aber bestimmt, greift sie Paul am Ärmel seiner abgewetzten Jacke, als wolle sie ihn vor sich selbst schützen.

„Warst du wieder auf Tour?“

Paul nickt, sein Blick schweift ziellos zwischen den schmutzigen Bodenfliesen und einem Horizont, den nur er sieht.

„Ja, ich war auf Schicht.“

„Aha…“ Karin hebt die Brauen, so als hätte sie gerade einen unverständlichen Zauberspruch gehört. „Aber wenn du jetzt öfter auf Schicht willst, dann geht das bald nur noch hinter dem Zaun.“

Sie zeigt auf den drei Meter hohen Maschendrahtzaun, der wie aus Trotz mit halb verwelkten Rosenranken behangen ist, die ganz offensichtlich genauso wenig Interesse an Gefangenschaft haben wie Paul selbst. Dahinter breitet sich der sogenannte geschützte Bereich aus: ein Park, der aussieht, als habe jemand den Begriff „Gefängnishof mit Gartenflair“ wörtlich genommen. Steinfiguren, akkurat, aber totales Fluchtverbot.

Paul schaut den Zaun hoch, vielleicht nachdenklich,vielleicht prüfend, ob er sich daran hochhangeln oder doch lieber einen Tunnel graben sollte.

„Nein“ sagt er mit der Stimme eines Verschwörers. „Das war heute meine letzte Schicht.“

Karin lächelt mild, so wie man einem Kind zulächelt, das gerade behauptet hat, sein Brokkoli sei aus eigener Kraft im Müll gelandet.

„Du hättest fast die Erdbeeren verpasst“ sagt sie. „Aber ich hab dir welche zurückgelegt.“

Paul bleibt stehen, dreht sich halb um und grummelt: „Ich mag keine Erdbeeren. Da sind immer Käfer drin.“

Dann schlurft er davon, seine Hose zieht Spuren über den Boden, und seine Schultern hängen wie nasse Handtücher auf einer Wäschespinne.

Karin schaut ihm nach, seufzt tief, zückt ein Tablet und tippt etwas ein, wahrscheinlich einen Bericht oder einfach nur einen verzweifelten Hilferuf.

Aus dem Radio klang leise „Yesterday’s Echo“ von den Velvet Hawk. Die melancholische Melodie, mit leisen Gitarrenakkorden, die das Wohnzimmer sanft ausfüllte, vermischte sich mit Bennos undeutlichem Gebrabbel, eine ruhige Klanglandschaft, die jäh von Lunas lauter Stimme zerschnitten wurde:

„Tilo mit Oma im... Garten“ ruft Luna laut und langsam, als wolle sie der Welt etwas Wichtiges verkünden.

„Luna, kannst du das bitte etwas leiser machen?“ fragt Helen und zupft weiter an einem ausgefransten Ärmel.

„Nein! Wir sollen das laut lesen“ antwortet Luna mit Überzeugung.

Benno nutzt die Gelegenheit, um mit schokoladenverschmierten Fingern ein zweifelhaftes Kunstwerk an die Wand zu malen. Es könnte ein Haus sein. Oder ein explodierender Igel. Niemanden interessiert es.

Janus sitzt mitten im Raum auf dem Teppich und streichelt die Kunstfaser mit so viel Hingabe, als würde sie ihm gleich ein Geheimnis verraten. Dabei summt er eine Melodie, wie eine Beschwörungsformel.

Gregor sitzt mit seinem Notizbuch am Tisch. Seit einer halben Stunde versucht er, die Einzelheiten seines neuen Falls in seinem Kopf zu sortieren: Notizen, Zaun, Auto. Aber der Lärm um ihn herum zerlegt jeden Gedanken in Konfetti.

Er schaut zu Helen, zu Luna, zu Janus, zu Benno und wieder zurück in seine Notizen. Alles flimmert. Alles klingt. Alles klebt.

In diesem Haushalt hat man nur Ruhe, wenn man tot auf dem Gehweg liegt. Und selbst dann wahrscheinlich auch nur, bis der Paketbote über einen stolpert.

“Mami mit Mimi im Wald.” Luna liest inbrünstig.

In der Detektei roch es wie in einem Archiv mit Schimmelproblemen, eine Mischung aus altem Papier, kaltem Kaffee und dem süßen Hauch von Vergeblichkeit. Gregor lüftete nicht, aus Prinzip. Außer dienstags. Frische Luft sei nur ein Trick der Natur, um Leute aus ihren Wohnungen zu treiben.

Gregor starrte zum Schreibtisch. Auf dem Handy blinkte eine Nachricht von Helen: „Milch nicht vergessen.“ Gregor verdrehte die Augen. Warum auch nicht. Warum nicht Milch? Oder einen funktionsfähigen Drucker.

Denn der Drucker piepte seit drei Tagen ununterbrochen. Papier, bitte. Bitte! Er klang schon fast verzweifelt. Gregor hatte überlegt, ob man ihm einfach ein Taschentuch reinschieben sollte, als Zeichen der Anteilnahme. Aber jetzt nicht. Nicht heute. Heute war Putztag, Wischdiensttag. Und das bedeutete: Irisgleichens nasse Apokalypse.

Seit Frau Eule, seine ehemalige Putzfrau, nicht mehr kam, war alles anders. Sie hatte sich nach einem besonders aufmerksamen Blick auf Gregors Pinnwand nie wieder blicken lassen. "Ich träume schlecht" hatte sie noch gesagt, bevor sie ihre Eimer packte. Dabei hingen gerade mal drei Leichen an der Wand.

Rupert, skelettiert, aber künstlerisch ausgeleuchtet. Klar, sein Lächeln war… na ja, nicht mehr vollständig. Aber für forensische Zwecke war das ein Meisterwerk.

Frau Pantroski. Ein Unfall. Angeblich. Die Sippe wollte dem Fahrer die Schuld geben, aber sie war bis zur Gürtellinie mit Schnaps gefüllt und mehr getorkelt als gegangen. Der Fahrer hatte geweint, vor Schreck. Und ein bisschen auch wegen seinen neuen Kratzern am Lack. Man hatte sie nur noch an ihren Gesundheitsschuhen erkannt, diesen Dingern, bei denen man allein beim Hinsehen schon Blasen und Schwielen bekam.

Und dann Benno, der tätowierte Elkefan - war immerhin noch fleischlich halb präsent. Zwei Wochen im Wasser und dafür überraschend gut in Schuss. Sein Tattoo auf dem Oberarm war noch zu erkennen, auch wenn sie eher an gekränkte Delfine erinnert und nicht an einen Schriftzug. Gregor betrachtete das verblasste Tattoo auf Bennos Oberarm und erinnerte sich an die stundenlangen Gespräche mit Maike. Gemeinsam waren sie jeder Spur gefolgt, hatten Akten gewälzt und Zeugen befragt, immer auf der Suche nach der Wahrheit hinter dem vermeintlichen Schiller-Tod. Doch während die Versicherung die Akte schloss, wusste Gregor längst: Benno war der Tote, auch wenn niemand ihm glaubte. Schiller und seine Frau waren nicht einfach nur Nachbarn gewesen. Gregor erinnerte sich noch, wie sie ständig mit diesem roten Kinderwagen unterwegs waren, kein Baby, bunte Decke, fragwürdige Fracht. Für ihn sah das immer mehr nach Transportservice aus und nicht nach Spaziergang. 

Kein Wunder, dass Frau Eule das Weite gesucht hatte. Wer drei Leichen an der Wand zählt und den Verdacht hegt, dass es eine Vierte geben könnte, greift eben lieber woanders zum Putzlappen als in Gregors Detektei. 

Seitdem: keine Eule mehr. Nur noch Frau Gleichen.

Beate Gleichen.

Gregor nannte sie heimlich Iris. Iris Gleichen. Und bei der Frau suchte man wirklich nach ihresgleichen. Sie tauchte auf wie Wild im Fernlicht: plötzlich, unangekündigt und mit einem Eimer bewaffnet. Ihre Vorstellung von Sauberkeit war eher eine persönliche Mission. Sie reinigte nicht, sie bekämpfte.

Der Flur vor der Detektei glänzte wie frisch laminierter Schnittkäse. Die Luft war geschwängert mit Zitrus, Chlor und Pflichtbewusstsein.

Gregor rutschte vorsichtig in sein Büro, die Socken halb durchsichtig von Reinigungsmittel. Die Kaffeetasse dampfte ganz ohne Inhalt. Er öffnete vorsichtig die Tür zur Toilette und stöhnte. Aktivschaum.

Wieder hatte Frau Gleichen die Toilettenbrille in ein chemisches Kunstwerk verwandelt. Wer sich hier setzte, klebte fest wie vegane Gummibären am Gaumen.

Gregor wischte vorsichtig den Deckel ab. Das war sein neues Ritual. Wer es vergaß, wurde mit einer hautengen Verbindung zum Sanitärbereich bestraft.

Er hatte es einmal vergessen.

Einmal.

Seitdem lebte er mit einem leichten Argwohn gegenüber Schaum im Allgemeinen.

Trotz mehrfacher Hinweise, Bitten und unterschwellige Drohungen änderte Iris nichts an ihrer Technik. „Wenn Sie wollen, dass es glänzt, muss es so“ sagte sie und ließ dabei den Wischmopp kreisen wie ein Derwisch.

Gregor wusste: Er konnte sie nicht feuern. Gutes Personal war Mangelware. Und wer wollte schon selbst schrubben? Also lernte er, auf nassem Grund zu balancieren wie ein Pinguin auf Schmierseife.

Er wollte sich gerade setzen, da hörte er Schritte.

Nicht die wischenden, zischenden, chlorgetränkten von Iris. Nein. Diese Schritte hatten etwas Gerichtliches. Sie klangen nach Anklage. Nach Paragraphen in Absatzform.

Frau Fitz.

Ohne Klopfen. Ohne Gruß. Ohne einen Funken Anstand. Sie war einfach da. Wie ein Gerichtsvollzieher mit leichter Soziopathie.

Da stand sie in der Tür der Detektei.

Gregor sah auf. Er wusste: Der Tag war gelaufen. Wegen der Fitz und auch wegen des feuchten Bodens, der wahrscheinlich noch die nächsten zwei Evolutionen feucht bleiben würde.

Die Fitz.

Gregor hatte es befürchtet. Schon beim Aufwachen war ihm klar gewesen: Heute würde sie kommen. Das Verderben in Pumps. Und tatsächlich, kaum war die Tür halb offen, donnerte es auch schon:

„Ihre Jalousie hat wieder die ganze Nacht geklappert!“

Natürlich. Nicht der Krieg in der Welt, nicht der Klimawandel, nein, es war seine Jalousie, die Frau Fitz den Schlaf raubte. Wahrscheinlich hatte sie sich in der Nacht schon mit Ohrstöpseln, Notizblock und Taschenlampe bewaffnet ans Fenster gestellt, um Beweise zu sammeln.

Gregor dachte kurz darüber nach, wie friedlich die Straße wohl wäre, wenn Frau Fitz einfach… nun ja… plötzlich verschwände. Gullydeckel auf, Fitz rein, Deckel zu. Vielleicht mit einem Schloss. Oder Beton. Oder beidem.

Aber er nickte. Äußerlich ruhig, innerlich auf dem Weg zur inneren Emigration.

„Sie haben natürlich recht, Frau Fitz. Tut mir leid, ich gebe heute die Reparatur in Auftrag.“

„Machen Sie das. Sonst schalte ich meinen Anwalt ein!“ Oh ja. Der berühmte Fitz-Anwalt. Vermutlich ein älterer Herr mit brennendem Juckreiz im Mahnwesen und einer Leidenschaft für Lärmbelästigungsklagen.

„Keine Sorge, ich erledige es umgehend. Ich habe jetzt einen Außentermin, anschließend rufe ich sofort die Firma an.“

„Hoffentlich“ knurrte sie und rauschte davon, mit dem Charme einer Steuerprüfung und dem Tempo einer Räumungsklage. Ihre Absätze hämmerten über den Boden wie eine Richterin auf Speed, und Gregor war sich sicher: Wenn Blicke töten könnten, läge er jetzt ordentlich zusammengefaltet auf dem feuchten Boden.

Kaum war die Tür zu, schnappte Gregor sich Kamera, Notizbuch und seine Bauarbeiter-Verkleidung.

Heute war Tag drei in der Observation Bruns.

Wenn er den Kerl nicht endlich erwischte, würde er sich als Gartenzwerg aufstellen lassen.

Aber noch war Hoffnung da.

Der dritte Morgen in Folge. Heute musste es klappen. Wenn nicht, konnte Gregor seine Detektei auch gleich in eine Eiswürfelfabrik umwandeln. 

Er stand in der Straße vor dem Laden „Doktor Bärchen - Spielzeugreparaturen und Puppenflickerei“. Das Schaufenster war bis unters Dach mit traurigen Plüschtieren vollgestopft. Ein Teddy mit Augenklappe starrte ihn an wie ein verurteilter Pirat auf Bewährung. Gregor trug Bauarbeiterklamotten, Warnweste, Helm, alles aus dem Fundus „unangenehme Tarnungen“. Wenigstens war es kein Laden für... nun ja, Erwachsenenbedarf. Wieder was gelernt: Doktor Bärchen klingt harmloser. Täuscht aber vielleicht.

Gregor wartete.

Andreas Bruns tauchte wie geplant auf, linker Arm im Gips, das Gesicht eine theatralische Mischung aus Schmerz und Tapferkeit. Er bewegte sich mit der Anmut eines angeschossenen Rehs auf Glatteis, tastete sich von Tür zu Tür, als könne ihn jeder Luftzug umwerfen. Doch dann, an exakt der Stelle, an der Gregor ihn an den letzten beiden Tagen verloren hatte, wechselte Bruns plötzlich in den dritten Gang. Ohne Vorwarnung. Der Mann lief, ja fast rannte er in Richtung einer verwitterten Toreinfahrt. Beim Eintreten zerrte er sich mit einer Eleganz, die selbst Sportler neidisch gemacht hätte, den Gips vom Arm.

„Na schau einer an“ murmelte Gregor. „So gebrechlich also.“

Fünf Minuten später schob sich Gregor selbst durch das Tor. Der Hinterhof: eine staubige Baustelle. Zement, Schutt, ein müffelndes Dixiklo-Lüftchen. Und Bruns, oben auf dem Gerüst, lebendig wie nie.

„Was ist denn nun?! Bekomme ich heute noch Steine oder kann ich meine Bemmen auspacken?!“ krakeelte er. Der Gips lag achtlos in einer Ecke wie ein zu groß geratener Radiergummi.

Gregor trat zurück in den Schatten, machte ein paar Beweisfotos und verschwand zufrieden Richtung Detektei.

Der Bericht würde knackig ausfallen. Und Herr Bruns konnte sich wohl langsam mit dem Gedanken anfreunden, eine Karriere in der Glasfirma an den Nagel zu hängen, gleich neben dem Gipsarm.

Luna wollte ein Haustier. Nein, falsch, Luna verlangte ein Haustier, mit der Vehemenz eines Staubsaugers im Lego-Hindernisparcours. Sie bettelte nicht einfach, sie attackierte: mal lautstark wie ein Presslufthammer, mal schmuseweich mit einem gedehnten „Biiiiiitteee“, das sich wie Fensterkitt an der Seele festklebte.

Jede Absage wurde mit theatralischer Empörung quittiert. Türen knallten, Janus wurde gekniffen, Gregor versteckte die Fernbedienung zur Strafe. 

„Was für ein Tier möchtest du denn?“ fragte Helen irgendwann entnervt.

„Einen Hund! Einen riiiiiesigen! So wie die Marlene hat!“

Marlene, ihre beste Freundin, war in Lunas Augen ohnehin zu beneiden, sie durfte Cola trinken, trug Glitzerschuhe mit angeblichen Absätzen und ihre Großeltern hatten einen Bearded Collie.

„Auf keinen Fall!“ rief Gregor, als hätte jemand vorgeschlagen, ihm ein Abo fürs Fitnessstudio zu schenken. Vor seinem inneren Auge sah er sich schon unfreiwillig in Jogginghose, mit einem zotteligen Fellmonster im Schlepptau durch den Nieselregen traben. „Luna, Liebling, der Hund ist zu groß für eine Wohnung. Marlenes Oma hat einen Garten. Wir haben... naja... Bennos Baustein-Minenfeld.“

Es folgte eine Liste, wie aus einem Panini-Sammelalbum für Tierfreunde: Labrador, Terrier, irgendein weißer Fusselhund aus der Werbung. Gregor konterte mit einem einzigen Satz:

„Du musst dann jeden Morgen eine Stunde früher aufstehen und mit ihm Gassi gehen.“ Das wirkte. Kurz.

Daraufhin kamen andere Vorschläge: ein Vogel - zu laut, Meerschweinchen - stinkt, Hase - knabbert alles an, Schildkröte - langweilig wie lebendiger Beton.

Letztlich gaben Helen und Gregor klein bei, aus Erschöpfung, taktischen Gründen oder beidem und standen nun im Tierheim.

Es roch nach feuchtem Fell, Futter und einem Hauch Resignation. Überall Gitter, Gebell und gespannte Erwartung. Helen hatte zuvor mit der Tierheimleiterin, Frau Schmidtke, telefoniert. Sie war eine resolute Frau mit einem Herz für Tiere und einer Teflonbeschichtung gegen Kinderdramen.

Luna zappelte vor Aufregung wie ein Frosch im Storchenschnabel.

„Da ist sie!“ sagte Frau Schmidtke stolz und deutete auf ein pelziges Etwas in der Raummitte. Eine einäugige Katze lag wie ein geplatztes Sofakissen auf einer Decke, gähnte demonstrativ und schnarchte weiter.

„Nee“ sagte Luna. „Die ist total hässlich.“

Helen riss entsetzt die Augen auf, Gregor suchte bereits nach dem Notausgang.

Doch Frau Schmidtke war vorbereitet: „Du hast recht. Schön ist sie nicht. Aber sie ist super anhänglich und die anderen Katzen kratzen alles kaputt, Sofa, Gardinen, sogar Menschen.“

Luna schwankte. Das konnte man sehen. Sie versuchte, Abscheu und Hoffnung gleichzeitig im Gesicht unterzubringen. Schließlich siegte die Angst, mit leeren Händen nach Hause zu gehen.

„Na gut“ murmelte sie, als hätte sie gerade zugestimmt, zum Eisbaden zu gehen.

„Wir nennen sie Jack“ sagte Helen, „wegen Jack Sparrow.“

Luna, großer Fan von Fluch der Karibik, strahlte plötzlich wie ein Glühwürmchen auf Ecstasy.

„JAAA!“

So einfach ist das bei Kindern. Ein bisschen Piratenmagie, und selbst eine einäugige, halbverschnarchte Sofa-Katze wird zum Abenteuer.

Und so zog Jack, eigentlich ein Mädchen, aber wen interessiert das bei so einem Namen, als neues, leicht schielendes Familienmitglied bei ihnen ein. Gregor verdächtigte sie insgeheim, früher mal Piratin gewesen zu sein. Vielleicht würden sie ihr ein kleines Holzbein basteln.

Rosi lebte in einer Art Wohngemeinschaft, wobei das Wort ‚Wohn’ schon ein großes Versprechen war. Drei Zimmer, mehr schlecht als recht durch Türen getrennt, ein Bad, das nach Zahnpasta und Verfall roch, und eine Küche, in der die Dreißigerjahre noch fröhlich vor sich hin rosteten. 

Die Elektrik hatte öfter Mucken als eine Druckerpatrone zum Feierabend und der Durchlauferhitzer war so unkooperativ, dass man ihn glatt zum Ehrenmitglied der Zickigen erklären könnte.

Trotzdem hatten sich die drei Bewohner das Elend irgendwie schöngeredet. Holger, ein schmaler Mittvierziger mit dem sexuell aufgeladenen Charisma eines alten Teebeutels, war vermutlich schwul oder auch einfach nur menschenscheu. Er sprach nicht darüber, und wer ihn länger als zwei Minuten kannte, fragte auch nicht mehr.

---ENDE DER LESEPROBE---