Ihr letztes Stück - Arne Dessaul - E-Book + Hörbuch

Ihr letztes Stück E-Book und Hörbuch

Arne Dessaul

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Beschreibung

LIEBE, EIFERSUCHT UND GIER - am Bochumer Schauspielhaus ist der Teufel los Die Kulturredakteurin der RZ (Ruhrzeitung) Leonie Gratz wird auf bestialische Weise ermordet. Musste sie wirklich sterben, weil sie regelmäßig die Aufführungen am Bochumer Theater verreißt? Wo steckt der Vater von Intendant Leo Kaufmann, der seinen bisher größten Coup - er möchte den Kaufmann von Venedig mit einem strahlenden Helden Shylock inszenieren - plant und dabei auf breite Ablehnung stößt? Und mit wem verbringt der untreue Starschauspieler Veit Grosser seine Nächte? Kriminalkommissarin Lisa Bertram hat in ihrem ersten Fall in Bochum alle Hände voll zu tun, Licht ins Dunkel zu bringen und weitere Verbrechen zu verhindern. Ihr zur Seite stehen Privatdetektiv Mike Müller mit seiner rauen, zynischen Schale und Ex-Kommissar Helmut Jordan. Nach seinem Aus bei der Kripo Wolfenbüttel ist Jordan mit seiner Lebensgefährtin Jutta Langner nach Bochum gezogen, die genau gegenüber vom Schauspielhaus das Restaurant Sommernachtstraum eröffnet hat. Der erste Fall für Mike Müller!

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Seitenzahl: 299

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Zeit:7 Std. 22 min

Sprecher:Christopher Brehmer

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Arne Dessaul

Ihr letztes Stück

Ein Bochum-Krimi

 

Zum Buch

LIEBE, EIFERSUCHT UND GIER – am Bochumer Schauspielhaus ist der Teufel los

Die Kulturredakteurin der RZ (Ruhrzeitung) Leonie Gratz wird auf bestialische Weise ermordet. Musste sie wirklich sterben, weil sie regelmäßig die Aufführungen am Bochumer Theater verreißt?

Wo steckt der Vater von Intendant Leo Kaufmann, der seinen bisher größten Coup – er möchte den Kaufmann von Venedig mit einem strahlenden Helden Shylock inszenieren – plant und dabei auf breite Ablehnung stößt?

Und mit wem verbringt der untreue Starschauspieler Veit Grosser seine Nächte?

Kriminalkommissarin Lisa Bertram hat in ihrem ersten Fall in Bochum alle Hände voll zu tun, Licht ins Dunkel zu bringen und weitere Verbrechen zu verhindern. Ihr zur Seite stehen Privatdetektiv Mike Müller mit seiner rauen, zynischen Schale und Ex-Kommissar Helmut Jordan. Nach seinem Aus bei der Kripo Wolfenbüttel ist Jordan mit seiner Lebensgefährtin Jutta Langner nach Bochum gezogen, die genau gegenüber vom Schauspielhaus das Restaurant Sommernachtstraum eröffnet hat.

Impressum

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- oder Bildteile.

Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind vom Autor nicht beabsichtigt.

 

 

 

Copyright © 2021 by Maximum Verlags GmbH

Hauptstraße 33

27299 Langwedel

www.maximum-verlag.de

 

1. Auflage 2021

 

Lektorat: Dr. Rainer Schöttle

Korrektorat: Herwig Frenzel

Satz/Layout: Alin Mattfeldt

Umschlaggestaltung: Alin Mattfeldt

Umschlagmotiv: © photoagent / Shutterstock; © WinWin artlab / Shutterstock; © Yudhistirama / Shutterstock

E-Book: Mirjam Hecht

 

Druck: Booksfactory

Made in Germany

ISBN: 978-3-948346-41-6

Inhalt

Zum Buch

Impressum

Inhalt

Vorbemerkung

Personal

Prolog Einladung zur Premiere

1 Was ihr wollt

2 Freude

3 Ich will Spaß!

4 Der Räuber

5 Finden Sie Adolf!

6 Tief im Westen

7 Zwischenspiel: Es ist nicht alles Gold, was glänzt

8 Tür an Tür mit Alice

9 Für immer Adolf

10 Leonie heißt die Canaille?

11 Mit sechsundsechzig Jahren

12 Die bezaubernde Gina

13 Eine Leiche zum Dessert

14 E-Mail für dich

15 Niemand ist eine Insel

16 Vor Pitbulls wird gewarnt

17 Eins, zwei, drei

18 Aus der Zeit gefallen

19 Der große Bluff

20 So klug als wie zuvor

21 Für immer in Bluejeans

22 Es war in Wien

23 Abgeschminkt

24 Ich war siebzehn

25 Eine Reporterin namens Wanda

26 Am Tag, als Konny Weber sprach

27 Es war die Nachtigall

28 Applaus, Applaus!

29 Ich bin dann mal weg

30 Wie ein Gebet

31 Auf Liebe und Tod

32 Der Liebhaber

33 Größtenteils harmlos

34 Was für eine Nacht!

35 Im Dunst verschwunden

36 Ein letztes Glas im Stehen

37 Warten auf Veit

38 Kein Rosen-Tattoo

39 Tränen lügen nicht

40 Am Freitag bin ich verliebt

41 Der lange Schlaf

42 Nicht die größte Liebe von allen

43 Bonjour Tristesse

44 Hilf uns, Wanda!

45 Es ist der Tag eins

46 Frühstück bei Schreiber

47 Außer Atem

48 Wo zum Teufel ist Alice?

49 Statt Wein nur Wasser

50 Cherchez la femme

51 Theater, Theater!

52 Davon habe ich schon als kleiner Bub geträumt

53 Über den Wolken

54 Was ist denn hier los?

55 Und wenn sie nicht gestorben sind …

56 Ihr Auftritt, Helmut Jordan!

57 Das alte Fieber

58 Doch das Messer sieht man nicht

59 Wir brauchen keinen weiteren Helden

Schlussvorhang

Glossar Die Kapitelüberschriften

Über den Autor Arne Dessaul

Zehn Fragen an … Arne Dessaul

Und so geht es weiter …

„Ihr letztes Stück“ Das Hörbuch

MAXIMUM: Kriminalromane

Vorbemerkung

Selbstverständlich gibt es in Bochum ein Schauspielhaus, auf das die Stadt zu Recht stolz ist. Das war es aber auch schon mit den Fakten. Alles andere in diesem Roman – Figuren und Ereignisse – habe ich frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder mit tatsächlichen Geschehnissen wären reiner Zufall.

Eine Einschränkung: Die Figuren aus dem Theaterstück Der Kaufmann von Venedig habe selbstverständlich nicht ich erfunden, sondern William Shakespeare. Dieses Drama spielt sozusagen eine tragende Rolle in meinem Krimi. Einige der Figuren tauchen in meiner Geschichte häufiger auf: allen voran Shylock, ein jüdischer Geschäftsmann im Venedig des späten 16. Jahrhunderts. Er leiht dem Antonio (das ist der titelgebende Kaufmann) Geld und verlangt statt Zinsen ein Pfund Fleisch aus Antonios Brust. Als Antonio nicht zahlen kann, will Shylock seine Zinsen eintreiben. Verhindern kann dieses Gemetzel, wie so oft bei Shakespeare, bloß eine kluge Frau, Porzia. Und dies gelingt, der Zeitepoche geschuldet, Porzia nur, indem sie sich als Mann verkleidet. Ansonsten sorgt Porzia für das bekannteste Zitat in diesem Drama: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Porzias Diener heißt Stephano; mehr muss man über ihn nicht wissen.

PS: Corona habe ich mit voller Absicht ausgeblendet.

PPS: Bei den Kapitelüberschriften habe ich Anleihen bei Werken aus Musik und Literatur gemacht. Ein „Glossar“ am Ende des Buches enthüllt die entsprechenden Quellen.

Personal

Helmut Jordan, pensionierter Kripobeamter, neuerdings Wirt und Teilzeit-Detektiv in Bochum.

Jutta Langner, Helmuts Partnerin, betreibt das Restaurant Sommernachtstraum gegenüber vom Schauspielhaus.

KOK Lisa Bertram,Kripo Bochum, KK 11.

KOK Henning Schmitt, Lisas Partner, privat und beruflich.

KHK Wolf Milewski, Leiter des KK 11.

Dr. Jochen Schaller, Gerichtsmediziner.

Ömer Yildirim, Leiter der KTU.

Mike Müller, der Jim Rockford Bochums.

Alice Kramer, Mikes Sekretärin und Mitbewohnerin.

Jakob Dieckmann, Bochumer Reporter-Urgestein.

Florian Gerber, Marketingchef der Ruhr-Universität.

Leo Kaufmann, Intendant am Bochumer Schauspielhaus.

Adolf Kaufmann, Leos Vater.

Dr. Nicolas Schreiber, Bochumer Kulturdezernent.

Veit Grosser, Deutschlands bester Schauspieler.

Ines Pfeifer, Veits Lebensgefährtin.

Bert Schiller, langjähriges Ensemblemitglied.

Gernot Wagner, noch länger jähriges Ensemblemitglied.

Leonie Gratz, Kulturredakteurin der RZ (Ruhrzeitung).

Wanda Arnold, hübscheste Reporterin in NRW.

Konstantin Weber, stellvertretender Kulturchef der Ruhrzeitung.

Sarah Liebig, Chefredakteurin der Ruhrzeitung.

Rosa Winter, Gesellschafterin von Leonie Gratz.

Jörg Heinrich, früherer NPD-Vorsitzender.

Walter Jürgens, Bochumer AfD-Ratsherr.

Prolog Einladung zur Premiere

„Aye, aye, Sir!“

„Dann biete ihr alternativ Reihe 6 Mitte an und lasse sie auswählen. Bauchpinseln, du verstehst. Die Leute wollen heutzutage gern mitentscheiden.“

„Reihe 5 außen steht auf ihrer Einladung.“

„Dann Reihe 5 außen oder Reihe 6 Mitte.“

„Klappt nicht. Da sitzen FAZ, SZ, Welt, Nachtkritik, NZZ und Theater heute.“

„Das merkt die garantiert nicht, vor allem nicht, wenn sie so schlau ist, wie sie schreibt. Nein, Scherz beiseite: Biete ihr Reihe 5 an, möglichst in der Mitte.“

„Hä, da gibt es doch keinen Unterschied.“

„Exklusiv?“

„Ich habe sie schon eingeladen.“

„Vertröste sie. Lade sie exklusiv zur Premiere ein.“

„Okay, zurück zur Ausgangsfrage: Was schreibe ich ihr?“

„Dem ist sie zu alt.“

„Und Veit?“

„Leo ist diese Dame herzlich egal, ihn interessiert die Lokalpresse bekanntlich nicht so sehr.“

„Was schreiben wir denn jetzt der RZ-Tante?“

1 Was ihr wollt

Voller Staunen betrachtete Lisa das Wunderwerk aus hellem Holz und Glas, in das sich dieses Lokal verwandelt hatte. Sie blendete dabei zumindest für ein paar Augenblicke ihre kleinen Sorgen und Nöte erfolgreich aus: vor allem ihre Unsicherheit, ob sie den Anforderungen in der neuen Dienststelle in Bochum gewachsen war. Und wie das ständige Zusammenleben mit Henning funktionieren würde. Na gut, und warum ihre Regel mal wieder auf sich warten ließ. Zwei Tage, okay, kein Drama. Dennoch: Ein dauerhaftes Ausbleiben besäße enorme Auswirkungen auf ihren neuen Job und das Verhältnis zu Henning. Egal, jetzt wollte sie dieses Treffen in Juttas neuem Restaurant genießen.

Drei lange Monate voller harter Arbeit lagen hinter ihnen. Tapeten abreißen, Wände einreißen, Toiletten, Waschbecken, Teppiche und Rohre herausreißen, altes Mobiliar und Fenster in Stücke reißen – und all das Gerümpel entsorgen. Und hinterher alles neu errichten.

Nun erinnerte nichts mehr an das frühere Restaurant Alt-Nürnberg mit seiner Eiche-rustikal-Optik. Stattdessen zauberten cremefarbene Wände mit großen Spiegeln und stimmungsvollen Fotos von appetitlichen Speisen ein Lächeln in die Gesichter der Gäste. Die hellen Holzmöbel, die geschwungene Theke und die große Glasfront trugen ihren Teil dazu bei.

Jutta hatte sich bereits vor einigen Jahren, bei ihrem ersten Besuch in Bochum, in dieses Lokal und dessen geniale Lage gegenüber vom Schauspielhaus verliebt. Am Ende hatte dieses Gefühl den Ausschlag gegeben, nicht die Stelle als Köchin auf Norderney anzutreten, sondern stattdessen gemeinsam mit Helmut nach Bochum zu ziehen.

Mit Hennings Hilfe hatten Jutta und Helmut eine hübsche Wohnung in der Yorckstraße gefunden und einen Termin in der örtlichen Brauerei bekommen, der das seit geraumer Zeit leerstehende Restaurant an der Ecke Hattinger Straße und Königsallee gehörte.

Bei Fiege, so der Name der Brauerei, war man derart glücklich gewesen über Juttas Ansinnen, endlich diesen lästigen Leerstand loszuwerden, dass man sie nicht nur finanziell und logistisch beim Renovieren unterstützte, sondern ihr zudem ein pachtfreies erstes Jahr in Aussicht stellte, sollte sie denn dieses Premierenjahr tatsächlich überstehen.

Der Spätherbst schien ein geeigneter Zeitpunkt für den Start zu sein. Jutta musste sich zwangsläufig aufs Innengeschäft konzentrieren; eine Außenterrasse, und wäre sie noch so winzig, war an diesem Standort definitiv nicht drin. Es gab schlichtweg nicht genügend Platz vor dem Lokal.

Zwei Tage vor der Eröffnung, an einem frühen Donnerstagabend, versammelte sich nun also die gesamte Clique an der Theke des Restaurants. Neben Lisa, Helmut, Jutta und Henning gehörten auch der Journalist Jakob Dieckmann und der Marketingchef der Uni Bochum, Florian Gerber, dazu.

„Unsere kleine Wolfenbütteler Invasion“, wie Florian die Gruppe bezeichnete. Immerhin vier der sechs Personen stammten aus der beschaulichen Stadt im Harzvorland, wobei Jakob bereits seit knapp dreißig Jahren in Bochum lebte, Lisa, Jutta und Helmut erst seit wenigen Monaten.

Lisa Bertram arbeitete, genau wie zuvor in Wolfenbüttel, bei der Kriminalpolizei, jetzt aber Seite an Seite mit ihrem Verlobten Henning Schmitt. Helmut Jordan, vor einem halben Jahr unfreiwillig aus dem Polizeidienst geschieden, suchte noch seinen neuen Lebensmittelpunkt. Mittelfristig schwebte ihm eine Karriere als Privatdetektiv vor, kurzfristig unterstützte er seine Lebensgefährtin Jutta Langner bei deren ersten selbstständigen Schritten in der Gastronomie, indem er Bier zapfte.

Auf Juttas Speisekarte stand preiswerte Hausmannskost, auch zahlreiche vegetarische Gerichte waren dabei.

Während das kulinarische Angebot feststand und längst Küchenhilfen sowie Kellnerinnen und Kellner verpflichtet worden waren, fehlte noch ein wichtiger Baustein.

„Ihr wisst, warum wir uns hier versammelt haben“, eröffnete Helmut die Runde. Er stand an seinem angestammten Platz hinter der Theke, zapfte Fiege für die Herren und füllte Weingläser für die Damen. „Das Kind sucht einen Namen. Ich bitte um Vorschläge.“

„Ich liebe bekanntlich das Naheliegende.“ Florian sah Jutta an. „Ich schlage deshalb vor, es Juttas Restaurant zu nennen.“

Jutta lief rot an. „Das ist lieb von dir, Florian. Aber ich möchte nicht, dass das Lokal nach mir benannt wird.“

Jakob meldete sich zu Wort. „Warum denn nicht? Ich finde die Idee charmant.“

„Zweihundert Meter entfernt heißt ein Restaurant Schreiners, benannt nach dem Inhaber. Da finde ich diese Idee eher etwas unglücklich“, warf Henning ein.

Jutta nickte. „Das kommt hinzu. Deswegen darf auch kein Gemüse im Namen auftauchen, denn direkt um die Ecke liegt die Aubergine.“

„Tiere dürfen im Namen ebenso wenig vorkommen.“ Lisa dachte an den nahe gelegenen Grünen Gaul.

„Was hat es eigentlich mit dem Namen Jago auf sich?“, fragte Helmut. „Ich meine die Kneipe am Theatervorplatz.“

Die Antwort wusste Jakob. „Jago ist eine Figur aus Shakespeares Othello. Ein Schurke.“

„Schade“, sagte Helmut. „Bei unserer Lage drängt sich der Bezug zum Theater beinahe auf. Wenn jedoch das Lokal direkt neben dem Theater den Namen einer Figur von Shakespeare trägt, erübrigt sich mein Vorschlag.“

„Das sehe ich anders“, sagte Jakob. „Ich finde die Idee super, etwas rund um das Thema Theater zu suchen. Solange das Lokal nicht ausgerechnet Othello heißt.“

„Wie wäre es denn mit Goethe-Restaurant, Schillerstube, Bei Mutter Courage oder Chez Godot?“, fragte Lisa, der die Namenssuche großen Spaß bereitete. Kurz setzte der Begriff „Namenssuche“ eine Assoziationskette in Gang, doch Lisa stoppte sie rechtzeitig.

„Chez Godot? Da denken alle gleich an französische Küche, die es hier nicht gibt. Schlimmstenfalls zusätzlich daran, dass man vergeblich auf sein Essen wartet“, unkte Florian.

Henning lachte. „Der Schuss ginge nach hinten los. Goethe-Restaurant hingegen finde ich perfekt.“

„Klar, Goethe, Schiller, Brecht, das passt immer. Bochum ist allerdings eine Shakespearestadt, einer von zwei Sitzen der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft.“ Jakob steckte voll in seinem Element.

„Nennen wir es Shakespeare!“ Henning hob grinsend beide Daumen.

Jakob schüttelte den Kopf. „Die Kneipe neben dem Theater-Parkhaus heißt Biercafé am Shakespeareplatz. Wir suchen besser Namen von bekannten Stücken oder Figuren.“

„Romeo und Julia“, schlug Helmut vor.

„Klasse“, freute sich Henning. „Bekannter geht es nicht, oder?“

„Wie wäre es mit Hamlet? Das ist ein richtig, richtig berühmtes Stück“, sagte Jutta, woraufhin eine rege Diskussion folgte.

„Romeo und Julia ist bekannter.“

„Beide sterben. Das ist ein schlechtes Omen.“

„Vorher sind sie das Liebespaar der Weltliteratur schlechthin.“

„Komm, wir speisen heute Abend bei Romeo und Julia. Das klingt falsch.“

„Wie wäre es mit Macbeth? Den kennen alle aus der Schule.“

„Zu düster.“

„Hamlet ist auch düster.“

„Sogar Romeo und Julia ist düster.“

„Ein Sommernachtstraum! Selbstverständlich ohne den Artikel.“

„Es ist Ende Oktober.“

„Da träumen viele von Sommernächten.“

„Dann kommt der Sommer und man kann hier gar nicht draußen sitzen.“

„Wenn der Sommer wieder so heiß wird wie in den vergangenen Jahren, sitzen die Leute sowieso lieber in klimatisierten oder zumindest kühlen Räumen als draußen in der Affenhitze.“

„Wie es euch gefällt!“

„Komm, wir gehen heute Abend ins Wie es euch gefällt. Das klingt falsch und sehr schlimm.“

„Hm.“

„Viel Lärm um nichts?“

„Nein!“

„Nein!“

„König Lear?“

„Nein!“

So ging es eine Weile hin und her, bis Lisa vorschlug: „Lasst uns abstimmen.“

„Das ist nicht von Shakespeare“, witzelte Jakob.

Niemand lachte.

Stattdessen nickten alle anderen.

„Also, wer ist für Hamlet?“

Henning und Jutta meldeten sich.

„Wer ist für Macbeth?“

Niemand meldete sich. Das Gleiche passierte bei einigen anderen der vorgeschlagenen Theaterstücke.

„Wer ist für Romeo und Julia?“

Florian und Helmut meldeten sich.

„Okay, wer stimmt für Sommernachtstraum?“

Lisa und Jakob meldeten sich.

„Na prima. Unentschieden. Was jetzt?“ Lisa trank einen Schluck Wein.

„Jutta soll entscheiden“, schlug Florian vor.

„Nein, das wäre jetzt doof“, antwortete diese.

„Kästchenwahl“, rief Jakob.

„Was?“, riefen die anderen im Chor.

„Das ist eine berühmte Szene aus einem anderen Shakespearestück. Der Kaufmann von Venedig. Was in dieser Szene konkret passiert, weiß ich gerade nicht. Ich erinnere mich nur daran, dass es um eine wichtige Person namens Porzia geht und dass irgendwelche Leute unter drei Schatullen eine aussuchen sollen, um ihr Lebensglück zu finden.“

„Wir haben keine drei Schatullen“, rief Jutta.

Jakob winkte ab. „Egal, ich schreibe einfach auf drei Zettel die Namen und dann ziehst du einen.“

Jutta nickte.

Helmut kramte in den Schubladen hinter der Theke. Er holte Papier und einen Stift hervor. Beides reichte er Jakob.

Jakob schrieb und faltete. Dann hielt er Jutta die rechte Hand mit den Zetteln hin.

Jutta zog, entfaltete und las laut: „Sommernachtstraum.“

„Dann soll es so sein“, verkündete Florian feierlich.

„Auf den Sommernachtstraum! Möge er dir Glück bringen, Jutta!“

„Danke, Henning.“

Alle hoben die Gläser und riefen im Chor: „Auf den Sommernachtstraum!“

2 Freude

Was für ein herrlicher Theaterabend! Leonie Gratz tänzelte, noch ganz beseelt von diesem Ereignis, auf Zehenspitzen über das frisch geölte Eichenparkett, balancierte dabei behände ihr Weinglas, setzte sich an ihren massiven, mit Büchern vollgestapelten Schreibtisch, schaltete den Laptop an, nippte am Rotwein und schaute versonnen auf die Tasten. So sah modernes Theater aus: Karl Moors Räuberbande hauste im Hambacher Forst und überfiel die Ingenieure von RWE. Franz Moor diente in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Er hetzte seinem Bruder faschistoid anmutende Polizeitrupps auf den Hals. Gewalt- und Sexorgien wechselten sich munter ab; Amalia entpuppte sich als talentierte Fesselkünstlerin.

Schiller hätte seine pure Freude daran. Was sonst?

Leonie hatte ihre Freude gehabt, vom Begrüßungssekt im prallvollen und vom Stimmengewirr der Premierengäste erfüllten Foyer bis zum letzten von immerhin neun Vorhängen nach der Vorstellung. Wobei es stets der erste Vorhang war, der Leonie das heftigste Kribbeln im Bauch verursachte. Wenn das Gemurmel der Zuschauer in erwartungsvolles Schweigen überging, wenn das Licht im Saal erlosch, wenn die Platzanweiser sanft die Türen schlossen – und endlich der schwere, rote Vorhang nach links und rechts rauschte, um den ersten Blick auf die Bühne zu gewähren.

Aber zurück zu Amalia. Den nackten Franz in einem fünfundzwanzig Minuten dauernden Fesselungsakt an einen Pfahl zu binden – von Amalias Seite, obwohl ebenfalls nackt, vollkommen ohne erotische Absicht –, war einfach nur genial. Und dazu die schummrige Bühnenbeleuchtung, die wunderbar mit dieser Szene harmonierte.

Leo Kaufmann verstand sein Handwerk. Leider verstand das Bochumer Publikum ihn nicht. Deshalb erntete der Intendant häufig Buhrufe. Wie an diesem Sonntagabend nach der Premiere von Schillers Räubern. Seine Schauspieler hingegen badeten minutenlang im Applaus.

Allen voran der großartige Veit Grosser, zu Recht gefeiert als Deutschlands bester Schauspieler. Er verschmolz mit Karl zu einem Wesen, beherrschte weit über vier Stunden lang die Bühne, drängte den Rest des Ensembles an den Rand. Diesmal sogar Ines Pfeifer, wenngleich deren Amalia grandios zwischen Femme fatale und Fräulein changierte. Dennoch verschwand sie praktisch von der Bühne, sobald Veit auftrat.

Bis in Reihe 6, sehr zentral, knisterte es bei jedem Wort, bei jeder Bewegung von Karl. Es hätte bestimmt auch in Reihe 5, weiter außen, geknistert. Doch Leonie saß lieber in der Mitte, selbst wenn sie, wie an diesem Abend, auf die Rücken der Kollegen der bundesweiten Medien gucken und ihren Kopf alle paar Minuten nach links oder rechts neigen musste, um am Kollegen der FAZ vorbeizuschauen. Dessen Masse an Körpergewicht und Größe war unübertroffen.

Wie gesagt: Ein herrlicher Theaterabend! Leonie schnupperte an ihrem Wein, lächelte verschmitzt, füllte das fast leere Glas nach, nippte und haute in die Tasten.

„Buhrufe für Leo Kaufmann. Bochumer Premiere von Schillers Räubern fällt beim Publikum komplett durch. Wenn die Schauspieler bloß brav ihren Schiller aufsagen und ihr Publikum eine zähe halbe Stunde lang mit unerotischen Fesselspielen langweilen, spielen sie garantiert unter Leo Kaufmann. Der Intendant, der zurzeit das einst legendäre Bochumer Theaterhaus leer spielt, wagt sich nach halbjähriger Pause wieder einmal an eine Regiearbeit. Hätte er mal bloß die Finger davongelassen! Seine Schiller-Einrichtung gerät bieder, um es vorwegzunehmen. Sehr bieder. Und schier endlos lang. Die knapp fünf Stunden (mit kurzer Pause) wollen nicht vergehen. Veit Grosser, früher ein grandioser und gefeierter Mime, geht als Räuberhauptmann Karl Moor hoffnungslos unter. Ines Pfeifer als seine Geliebte Amalia kann sich nicht zwischen Femme fatale und schüchternem Fräulein entscheiden und zieht mit ihrer Unentschlossenheit das restliche Ensemble mit nach unten …“

Leonie speicherte diesen Einstieg in ihren Artikel ab und lehnte sich zufrieden zurück. Sie stöhnte lustvoll beim Gedanken an die nackte Amalia, ließ dennoch nicht zu, dass die Gefühle sie übermannten. Mit der Erotik hatte sie vor einundzwanzig Jahren ein für alle Mal abgeschlossen.

Leonie trank einen ordentlichen Schluck Wein und ließ, mit einem boshaften Lächeln auf den Lippen, wieder ihre Finger über die Tasten huschen.

„Es bedarf aber keiner tragenden Rolle, um eine Inszenierung komplett herunterzuziehen. Die These illustriert trefflich die Besetzung des unscheinbaren Räubers Kosinsky …“

3 Ich will Spaß!

„Der Intendant, der zurzeit das einst legendäre Bochumer Theaterhaus leer spielt, wagt sich nach halbjähriger Pause wieder einmal an eine Regiearbeit. Hätte er mal bloß die Finger davongelassen! Seine Schiller-Einrichtung gerät bieder, um es vorwegzunehmen. Sehr bieder. Und schier endlos lang.“

Dr. Nicolas Schreiber schlug mit der rechten Hand gegen die Dienstagszeitung und hob den Blick. Der Bochumer Kulturdezernent fixierte sein Gegenüber. „Leo, warum verreißt die Kulturchefin der Ruhrzeitung unsere Premiere?“

„Weil ihr das Stück nicht gefallen hat?“, fragte Leo Kaufmann leichthin. Er wollte provozieren. Einerseits konnte ihm dieser selbst ernannte Kulturattaché weder intellektuell noch künstlerisch das Wasser reichen. Andererseits war es allein seine Premiere, sein Stück. „Der FAZ hat es sehr gut gefallen und die Nachtkritik hat es regelrecht gefeiert, wie man heutzutage sagt.“

Die beiden saßen in Schreibers Büro im Bochumer Rathaus, Schreiber hinter seinem protzigen Schreibtisch auf einem bequemen, sündhaft teuren Ledersessel, Leo davor auf einem knochenharten Stuhl, wie ein reuiger Büßer. Nicht einmal rauchen durfte er hier; stattdessen stank es nach Schreibers süßlichem Aftershave. Oder war es ein Parfum?

„Eben.“ Schreiber ließ sich nicht anmerken, ob ihn Leos lapidare Antwort störte. „Auch die Süddeutsche berichtet wohlwollend, die Neue Zürcher positiv neutral. Ganz zu schweigen von der Bochumer Kulturredakteurin der Ruhrzeitung. Für sie waren unsere Räuber eine Offenbarung. Was ist mit ihrer Kollegin in Essen los?“

„Keine Ahnung, Nicolas.“ Innerlich kochte Leo. Unsere Räuber – der Kerl war größenwahnsinnig. Es waren ausschließlich Leos Räuber. Leider war Leo in vielerlei Hinsicht auf den Idioten angewiesen. Sonst wäre er jetzt aufgestanden und aus dem Büro gestürmt, in das Schreiber ihn heute Vormittag regelrecht zitiert hatte. Wie einen Botenjungen! Ihn, den großen Leo Kaufmann. Unerhört! Wegen der Ruhrzeitung, also bitte! Und Nicolas Schreiber hätte sein Sohn sein können.

„Die Zuschauerzahlen sinken tatsächlich, Leo.“

Auch das noch! Das war so vorhersehbar. Dieses dämliche Genörgel wegen der paar Zuschauer mehr oder weniger. Damit nervte Schreiber ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Vollkommen überbewertet, dieses Thema: Große Kunst funktionierte immer, egal, ob der Saal voll war oder nicht. „Darf ich dich daran erinnern, dass wir im vergangenen Jahr mit meiner Inszenierung von Draußen vor der Tür beim Berliner Theatertreffen waren? Wie lange habt ihr hier in Bochum auf eine Einladung aus Berlin gewartet? Zehn Jahre? Fünfzehn?“

Schreiber winkte lächelnd ab. „Das habe ich nicht vergessen, Leo, und ich hoffe auf viele weitere Einladungen und Preise. Die traue ich uns zu. Dennoch muss zunächst das Feld direkt vor der Tür bestellt werden. Dazu gehören sowohl die Auslastung als auch die Akzeptanz der regionalen Medien. Beides ist für unsere Vorhaben unerlässlich.“

Bei diesem durchtriebenen Kulturdezernenten, der für jedermann ersichtlich nach Höherem strebte, steckte stets ein weiteres Ass im Ärmel. Typisch Politiker, dachte Leo. „Und was soll ich deiner Meinung nach unternehmen?“

„Bei den regionalen Medien liegt es auf der Hand: Sprich mit dieser Leonie Gratz. Lad sie zu einem Exklusivinterview ein oder so. Zeig ihr, dass du sie wichtig nimmst. Ich verwette ein Monatsgehalt, dass sie anschließend wieder handzahm ist. Früher hat sie nur Gutes über unser Theater geschrieben. Ab und zu brauchen manche Journalisten halt eine Extraportion Wertschätzung. Ich kenne das.“ Schreiber zwinkerte ihm zu.

Wenn Leo eben noch innerlich gekocht hatte, betrug seine Temperatur nun achthundert Grad. Mit dieser Journalistin sprechen? Sich von ihr exklusiv interviewen lassen? Undenkbar. Niemals. Leo würde den Chefdramaturgen damit beauftragen. Das reichte allemal. Dann fiel ihm ein, dass sich die Gratz vor ein paar Wochen im Theater gemeldet und um ein Interview gebeten hatte. Mit ihm oder mit Veit oder mit beiden? Leo wusste es nicht mehr. Er hatte der Presseabteilung ausgerichtet, dass er nicht zur Verfügung stünde. Hatte sich Veit interviewen lassen? Egal, für dieses Mal stand der Entschluss fest: Der Chefdramaturg würde den Job erledigen. Um für noch besseres Wetter bei der Gratz zu sorgen, könnte Veit ihn begleiten. Basta. Leo nickte. Schreiber sollte annehmen, dass er dessen Vorschlag eins zu eins umsetzen würde.

„Ich verlasse mich auf dich, Leo. Auch beim zweiten Punkt, der Auslastung. Lass zur Abwechslung was Leichtes aufführen, lass die Leute Spaß haben. Wie damals beim Leander Haußmann. Da war die Hütte immer voll. Gibt es nicht ein neues Stück von Lutz Hübner? Die laufen jedes Mal wie geschmiert. In Bochum schwärmen sie noch alle von Hübners Singspiel vor sechs Jahren. Oder sieben?“

Leo war kurz davor, aufzuspringen und Schreiber zu erwürgen. Lutz Hübner? Singspiel? Leander Haußmann? Spaß? Volle Hütte? So viele Reizwörter in so wenigen Sätzen. Das schaffte nur Schreiber. Warum war er, Leo, ausgerechnet nach Bochum gekommen? In dieses Provinzkaff! Er wäre besser in Wien geblieben, seiner Heimat. Nein, er hatte sich abwerben lassen. Für alles Geld der Welt sozusagen. So ein Irrsinn. Singspiel? Spaß? Volle Hütte? Wie er das alles hasste. Dennoch nickte er.

„Wir verstehen uns, Leo. Woran probt ihr gerade?“

„Demnächst am Kaufmann.“

Schreiber runzelte die Stirn.

„Der Kaufmann von Venedig. Schon mal gehört?“ Vielleicht konnte er das arrogante Arschloch diesmal aus der Reserve locken?

„Führst du Regie?“

Nein, er konnte ihn nicht locken. Das Arschloch blieb gelassen.

„Das lasse ich mir nicht nehmen: Kaufmann inszeniert den Kaufmann.“ Er sah schon genau diese Schlagzeile vor sich: zum Beispiel auf Seite eins des Kulturteils der Süddeutschen – und zwar Wochen vor der Premiere. Sobald die Schlafmützen aus der Presseabteilung ihren Text fertig hatten, um ihn in die Welt hinauszuschicken. Im Spielzeitheft hatte er diesen Knüller mit voller Absicht nicht erwähnen lassen. Damit wollte Leo die Theaterwelt überraschen, ja: überfallen. Vor allem mit seiner grandiosen Idee, wie er den Shylock besetzen wollte. Damit würde er die Theaterwelt nicht nur überraschen oder überfallen, sondern begeistern – und, ganz nebenbei, revolutionieren.

„Das ist immerhin eine Komödie. Sehr beruhigend.“

Sei du mal beruhigt, du Kretin, dachte Leo. Ich werde dir zeigen, was ich aus dieser angeblichen Komödie alles heraushole. „Genau, es wird sehr lustig werden, Nicolas.“

„Was macht dein Vater so?“

Das nächste Ass, verdammt. Ausgerechnet heute stellte Schreiber diese Frage.

„Dem geht’s gut.“

„Keine Extratouren?“

„Keine Extratouren.“

„Möge es so bleiben.“

Weitere Kommentare verkniff Schreiber sich glücklicherweise.

4 Der Räuber

„Es bedarf aber keiner tragenden Rolle, um eine Inszenierung komplett herunterzuziehen. Die These illustriert trefflich die Besetzung des unscheinbaren Räubers Kosinsky …“

Schnaubend vor Wut zerknüllte er die Zeitung, zerriss sie anschließend, sammelte die Schnipsel auf, brachte sie auf die Terrasse, warf sie in die Feuerschale, ließ sein Zippo aufschnappen und zündete den Papierhaufen an.

Voller Genugtuung betrachtete er das Flammenspiel, inhalierte den Qualm und überlegte, was er mit der Asche anfangen sollte. Ins Klo spülen? In alle Winde zerstreuen? Oder der alten Hexe ins Maul stopfen?

Alles klang reizvoll. Hauptsache, weg damit!

Was fiel dieser Person ein? Erklärte sie dem Bochumer Theater den Krieg? Ihm hatte sie schon vor langer Zeit den Fehdehandschuh vor die Füße geworfen.

Sie mochte ihre Gründe haben, aus ihrer Sicht. Aus seiner Sicht war alles normal verlaufen. Einvernehmlich. Diese Reaktion hatte er nicht vorhersehen können. Es war ein Spiel gewesen, und niemand sonst hatte daran Anstoß genommen. Und: All das lag wie viele Jahre zurück? Fünfzehn? Zwanzig? Oder noch mehr?

Nein, sie ließ nicht locker, verriss seitdem jeden seiner Auftritte. Jeden! Egal, ob Hauptrolle oder Nebenrolle – er spielte miserabel. Bis dato beschränkte sich ihre beißende Kritik auf ihn, doch nun holte sie richtig aus, schrieb die gesamte Aufführung nieder.

Und sie log, dass sich die Balken bogen. Das Stück war mitnichten durchgefallen. Es hatte stehenden Applaus fürs Ensemble gegeben. Neun Vorhänge. Schiere Begeisterungsstürme für Veit. Einzig Leo hatte einige Buhrufe zu hören bekommen. Wie immer. Das zählte gar nicht.

Einen Leserbrief müsste er schreiben und den Sachverhalt richtigstellen. Ja, genau. Sie entlarven. Er würde unter einem Pseudonym schreiben. Nur welches? Darüber würde er in aller Ruhe nachdenken. Aber nicht hier, nicht in seinen eigenen vier Wänden. Er musste raus. Gab es nicht ein neues Lokal im Ehrenfeld? Schräg gegenüber vom Theater? Ein paar Kollegen waren schon dort gewesen und schwärmten von der Küche und vom Service. Das Bier zapfte ein pensionierter Polizist. Äußerst bizarr. Und einen Besuch wert. Warum nicht jetzt?

Falls ihm kein Pseudonym für den Leserbrief einfallen würde, gäbe es eine Alternative, wie er es dieser Person heimzahlen konnte.

5 Finden Sie Adolf!

Kürzlich hatte mich jemand gefragt, ob das mein richtiger Name wäre: Mike Müller.

„Was sonst?“, hatte ich zurückgefragt.

„Ein Künstlername?“, hatte diese Person ernsthaft vorgeschlagen.

Blanker Unfug!

Das hatte ich selbstverständlich nicht laut gesagt. Ich war ein netter Kerl; einer, der von Geburt an Mike Müller hieß. Mike, nicht Maik.

Der feine Herr, der mir jetzt, am späten Dienstagabend, gehüllt in Schal und Sakko, in meinem spärlich möblierten und kaum erleuchteten Büro – ein Schreibtisch, zwei Stühle, eine Funzel an der Decke – gegenübersaß, interessierte sich nicht für meinen Namen, ihm ging es um meinen Ruf.

„Ich habe gehört, Sie seien der beste Privatdetektiv in Bochum, Herr Müller. Deshalb bin ich hier.“

„Eine sehr schöne Begrüßung, Herr …“

„Kaufmann, Leo Kaufmann.“

Das Gesicht war mir doch gleich bekannt vorgekommen. Der Intendant des Schauspielhauses höchstpersönlich. Ich fühlte mich geschmeichelt, zeigte es aber nicht. „Darf ich fragen, aus welcher gut unterrichteten Quelle Sie diese Information haben, Herr Intendant?“

„Ines Pfeifer.“

Ines Pfeifer, mit zwei f und darum keine Figur aus der Feuerzangenbowle, wie es früher geheißen hatte. Ines und ich kannten uns seit der Grundschule in der Drusenbergstraße im schönen Ehrenfeld, blieben bis zum Abitur an der Goetheschule am genauso schönen Stadtpark in derselben Klasse, in denselben Leistungskursen und hin und wieder im selben Bett.

Dann war Ines nach München gezogen, um eine berühmte Schauspielerin zu werden. Am Theater und im Film. Neulich gab sie die Heldin in einem ZDF-Dreiteiler und kurz davor spielte sie im Kino die Freundin vom Schweighöfer und bei dieser Gelegenheit den Schweighöfer an die Wand.

Berühmt, wie gesagt. Nun war sie zurück in der Heimat, gehörte seit anderthalb Jahren zum Ensemble am Schauspielhaus, lebte mit dem gleichfalls berühmten Schauspieler Veit Grosser zusammen und hatte es bislang nicht für nötig gehalten, sich bei mir zu melden, geschweige denn, mich zu engagieren, was sie in den dreizehn Jahren, in denen ich als Detektiv arbeitete, ohnehin nie getan hatte. Die Münchner Jahre verzieh ich ihr, die Bochumer nicht.

Unterm Strich blieb: Ines war keine gut unterrichtete Quelle.

Egal, sie hatte mich ihrem Chef empfohlen. Danke, Ines!

„Was kann ich für Sie tun, Herr Kaufmann?“

„Nennen Sie mich Leo.“

„Das macht dann zweihundert Euro pro Tag. Plus Spesen.“

„Wie bitte?“

„Dummer Detektivwitz. Sorry. Was kann ich für Sie tun, Leo?“

Leo lachte, er verstand dumme Detektivwitze. Da deutete sich eine gesunde Basis für die gemeinsame Arbeit an. „Darf ich rauchen?“

„Dürfen Sie.“

Leo steckte sich eine Zigarette an. „Mein Vater ist verschwunden, Mike. Darf ich Mike sagen?“

„Sehr gern. Wann ist Ihr Vater verschwunden, wie heißt er und wie alt ist er?“

„Er heißt Adolf, ist einundachtzig und seit gestern verschwunden. Wir wohnen zusammen in der Joachimstraße.“

Nette Gegend, auch im Ehrenfeld, wie meine gute alte Grundschule. Aber kein netter Name – Adolf … Ich versuchte, ihn mit der schlauen Schlange aus Wir sind keine Engel zu assoziieren. Es funktionierte so einigermaßen. „Was genau heißt verschwunden?“

„Mein Vater ist gestern Morgen aus der Wohnung gegangen, um draußen eine Runde zu drehen, wie er es nennt. Das macht er häufig. Es dauert mal eine Stunde, mal den halben Tag. Aber gestern kam er gar nicht zurück. Da ich den ganzen Tag am Theater zugebracht hatte, fiel es mir erst am Abend auf. Ich rief sofort bei der Polizei an. Dort vertröstete man mich. Ich solle noch warten. Meist tauchen die Leute von allein wieder auf. Und so weiter. Es sei denn, sie sind geistig verwirrt, was auf Adolf nicht zutrifft. Heute rief ich erneut bei der Polizei an und wurde wieder vertröstet. Deshalb sitze ich jetzt hier.“

„Könnte Ihr Vater nicht bei Freunden sein?“

„In Bochum hat er keine Freunde. Wir sind erst vor knapp zwei Jahren aus Wien hierhergezogen. Mein Vater etwas widerwillig, aber allein in Wien wollte er nicht bleiben. Leider sucht er in Bochum keine neuen Bekannten. Entweder dreht er draußen allein seine Runden oder er sieht sich Proben am Theater an. Abends sitzen wir häufig bei einem Glas Wein zusammen, dann erzähle ich ihm von meiner Arbeit.“

„Könnte es denn sein, dass er spontan nach Wien gereist ist, um seine Bekannten dort zu besuchen?“

„Daran habe ich bereits gedacht und mit allen Menschen in Wien telefoniert, die infrage kämen. Bislang ist Adolf bei niemandem aufgetaucht. Alle Freunde und Bekannten würden sich sofort bei mir melden, wenn sie ihn sehen.“

„In seinem Zimmer haben Sie keinerlei Hinweise gefunden, wohin Ihr Vater gegangen sein könnte?“

„Ich habe dort nichts durchwühlt oder so, nur ins Zimmer reingeschaut, und auf den ersten Blick nichts festgestellt.“

„Vielleicht sollten Sie doch wühlen? Ich kann Ihnen gern dabei helfen. Ich kann durchaus beurteilen, wonach wir suchen müssen.“

„Einverstanden, Mike. Wann sollen wir es machen?“

Das kam wie aus der Pistole geschossen. Ich nahm es hin. „Spätestens morgen.“

„Sagen wir siebzehn Uhr?“

Der nächste Schuss. Der Intendant hatte diesen Besuch vermutlich minutiös durchgeplant. Inszeniert sozusagen. Bravo! Ich hegte allerdings bereits erste Zweifel an der Ernsthaftigkeit von Leos Auftrag und vor allem seiner Sorge um den verschwundenen Vater. Wäre hier nicht mehr Eile geboten? Es war Herbst, die Tage wurden kürzer, die Nächte kälter und Leos alter Herr nicht jünger.

„Okay. Ach Leo, es könnte sein, dass ich einen Kollegen mitbringe. Vier Augen sehen mehr als zwei, Sie wissen …“ Das wäre eine gute Gelegenheit, Hennings Freund Helmut Jordan in mein Gewerbe einzuführen. Falls Helmut Zeit hätte.

 

6 Tief im Westen

Es lief prima. Zum Glück. Vom ersten Abend an strömten die Gäste in den Sommernachtstraum. Theaterbesucher, Schauspieler und Beschäftigte des Theaters sowie die Leute aus dem Viertel kamen, aßen und tranken. Auch die Inhaber der umliegenden Restaurants machten Jutta und Helmut ihre Aufwartung.

Die beiden hatten während der Renovierung ihrerseits viele der sogenannten Mitbewerber besucht. In der Aubergine waren sie gleich mehrfach gewesen. Das Essen dort schmeckte vorzüglich.

Einer der Schauspieler, Gernot Wagner, war in den ersten knapp anderthalb Wochen bereits viermal im Sommernachtstraum gewesen. Er stand an der Theke, trank Wein und unterhielt sich mit Helmut oder besser: Er unterhielt Helmut mit Anekdoten aus dem Schauspielhaus.

Heute, am späten Mittag, als dicke Regentropfen gegen die Fensterfront prasselten, nahm ein Kollege von Gernot dessen Platz ein. Der Uhrzeit angemessen trank er Kaffee und Wasser. Er stellte sich als Bert Schiller vor; Helmut schätzte ihn auf etwa Ende vierzig.

„Du bist also der berühmte Ex-Polizist“, eröffnete Bert das Gespräch. Er hatte sich noch gerade so vor Beginn des Schauers in das Restaurant gerettet.

„Richtig.“ Helmut hatte sich daran gewöhnt, die meisten Gäste, vor allem die Theaterleute, zu duzen.

„Gernot hat es mir erzählt. Du scheinst eine regelrechte Attraktion zu sein.“

„Das ist ein wenig übertrieben.“ Helmut trank ebenfalls einen Kaffee.

„Wie kommt es denn, dass du umgesattelt hast? Wie ein Pensionär siehst du mir nämlich nicht aus.“

„Danke. Das täuscht. Im übernächsten Jahr wäre es so weit gewesen. Ich habe mein Rentnerleben halt ein bisschen vorverlegt.“

„Freiwillig?“

Helmut lächelte. Im Gegensatz zu Gernot, der beinahe ausschließlich von sich erzählte, interessierte Bert sich für seine Gesprächspartner. „Sagen wir mal so: Es gab Differenzen im Präsidium, die mir meinen vorzeitigen Ausstieg schmackhaft gemacht haben.“

„Aha! Hier in Bochum?“

„Nein, in Wolfenbüttel.“

„Ah, dort wo Lessing seinen Nathan geschrieben hat. Faszinierend. Kennst du den Nathan?“

„Nein. Ich weiß natürlich, dass Lessing das Stück in Wolfenbüttel geschrieben hat, habe es aber leider nie gelesen oder gesehen.“

„Verstehe. Kommt nicht Hexenschluck, der weltbeste Kräuterlikör, aus deiner Heimatstadt?“

Helmut schmunzelte. Der weltbeste Kräuterlikör war sein letzter Fall als Kriminalhauptkommissar und Leiter der Dienststelle Wolfenbüttel gewesen. Er hatte ihn gelöst. Gerade einmal fünf Monate lag das zurück. Helmut kam es dennoch wie eine kleine Ewigkeit vor. „Ja, der wird bei uns hergestellt.“

„Und warum hat es dich so tief in den Westen verschlagen?“

„Zum einen ist eine meiner früheren Kolleginnen nach Bochum gewechselt.“

„Das klingt nach mehr als einer bloßen Kollegin, wenn du ihr bis ins Ruhrgebiet folgst? Das klingt nach Romanze. Ich liebe Romanzen.“

„Das täuscht. Lisa ist wegen ihres Verlobten nach Bochum gekommen, der hier bei der Kripo arbeitet. Sie ist außerdem halb so alt wie ich.“

„Das hat noch keinen Kerl abgehalten.“

„Mich schon. Wobei, so ehrlich will ich sein, auch meine Freundin Jutta ein wenig jünger ist als ich. Jutta gehört der Sommernachtstraum. Sie kocht außerdem.“

„Ah, nun schließt sich der Kreis. Das alles hat der gute Gernot mit keiner Silbe erwähnt. Na, dem werde ich was erzählen. Gleich nachher, wenn wir uns bei der Rollenvergabe für den Kaufmann von Venedig treffen. Das ist unser nächstes großes Stück am Schauspielhaus. Und du wirst nun den Rest deines Lebens hinter der Theke stehen? Juckt es dich denn nicht in den Fingern, wenn du mitbekommst, was deine Kollegin und ihr Verlobter so treiben?“