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In 14 Lektionen und 2 Exkursen räumt Adolf Wagner mit der weit verbreiteten Illusion auf, die Nationalökonomik, also die Wissenschaft für die staatlich eingebundene Volkswirtschaft, sei eine empirische Wissenschaft. Vielmehr handelt es sich um eine Diskussionswissenschaft, die sich fortlaufend durch fachliche Debatten weiterentwickelt. Um das Funktionieren der Nationalökonomik in der »Marktwirtschaftlichen Demokratie« zu gewährleisten, ist eine »methodologische Ernüchterung ohne Illusionen« unerlässlich. Wollen und Können der Disziplin sollen auf diese Weise miteinander in Einklang gebracht werden. Dazu gehört auch die Abkehr vom »naturwissenschaftlichen Denkstil« und das Eingeständnis typisch unscharfer Variablen, ungenauer Daten und weicher Verknüpfungen.
Weil die Ökonomien mit ihren natural- und sozialökonomischen Bedingungen des Wirtschaftens grundverschieden sind, kann die Nationalökonomik niemals eine immer und überall gültige Einheitstheorie sein. Vielmehr gilt es, die Kontingenz nachkommender Ausprägungen von Ökonomien mitzudenken und anzuerkennen sowie die Unmöglichkeit, spezielle dynamische Makromodelle – durch Ökonometrie vergangenheitsgestützt – für verlässliche Prognosen zu verwenden.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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ADOLF WAGNER
Illusionen der Nationalökonomik
[3]
Adolf Wagner
Illusionen der Nationalökonomik
Eine Sozialwissenschaft zwischen Wollen und Können
Edition Wissenschaft & Praxis
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten© 2024 Edition Wissenschaft & Praxisbei Duncker & Humblot GmbH, BerlinSatz: Textforma(r)t Daniela Weiland, GöttingenDruck: CPI books GmbH, LeckPrinted in Germany
ISBN 978-3-89673-804-2 (Print)ISBN 978-3-89644-325-0 (E-Book)
Gedruckt auf alterungsbeständigem (säurefreiem) Papier entsprechend ISO 9706
Internet: http://www.duncker-humblot.de
[5]
„Die Nationalökonomik ist zwischen theoretischen
Fiktionen und empirischen Illusionen angesiedelt.“
Prof. Willy Meyer, Marburg
„In der Volkswirtschaft ist alles möglich und das
Dümmste wahrscheinlich.“
Prof. Werner Mahr, München
„Die vorgegebenen Raster der Nationalökonomik in Frage stellen!“
Prof. Wolfgang Stützel, Saarbrücken
„Eine Volkswirtschaftslehre, die Wandel und Veränderung
unterstellt, kann niemals so ordentlich, sicher
und elegant angelegt sein wie jene Wissenschaft, die
von unveränderlichen Wahrheiten ausgeht.“
Prof. John K. Galbraith, Harvard
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„Nationalökonomik ist wohl nur geordnetes Allgemeinwissen (organized common sense).“
Thomas Sargent (geb. 1943)
Vorwort:Verbesserung einer Diskussionswissenschaft?
Sozialwissenschaften, auch die Nationalökonomik für die staatlich eingebundene Volkswirtschaft (Nationalökonomie) gehören dazu, sind im guten Sinne „Diskussionswissenschaften“ (so Volker Gerhardt, geb. 1944), die sich durch den Meinungsaustausch der Fachleute entwickeln und verbessern. Dem soll mein vorliegender Beitrag dienen, dessen Ausgangspunkt man auch mit Thesen von Joan Robinson (1903–1983) umreißen kann, (1.) „Economists have a bias in favour of the measurable like the tanner’s bias in favour of leather.“ (2.) „Economics is the scientific study of wealth, and yet we cannot measure wealth.“ (3.) „We must not abandon the hope that economics can make an advance towards science, or the faith that enlightenment is not useless.“ Also: Eine Neigung zum Messbaren wie die der Gerber zum Leder. Die Wissenschaft von der Wohlfahrt, obwohl Nutzen und Wohlstand nicht objektivierbar zu messen sind. Dennoch: Kein hoffnungsloser Fall!
Bei (1.) denke man an alle Varianten an Volkswirtschaftsrechnungen für Nationalökonomien sowie an die Bilanzen der einzelnen Wirtschaftseinheiten mit Darstellungen „des Kapitals“ nach Formen (Aktiva) und Quellen (Passiva). Bei (2.) überrascht zunächst der Eindruck des Scheiterns einer Nationalökonomik, die schlüssig auf eine „subjektive Wertlehre“ gegründet sein will. In (3.) räumt selbst die nach Erich Preiser (1900–1967) überaus schätzenswerte Wirtschaftstheoretikerin Joan Robinson die Nützlichkeit des Faches und seine mögliche Verbesserung ein. Dazu muss man „die vorgegebenen Raster der Nationalökonomik in Frage stellen“ (so Wolfgang Stützel, 1925–1987), und dabei bedenken, dass der Beruf des Volkswirts zur Weltverbesserung ein recht schwieriger ist. Nationalökonomik ist für die Menschen und ihr Zusammenleben schlicht unverzichtbar. Ganz zutreffend galt sie vor geraumer Zeit als die „Politische Klugheitslehre“.
Beim wirtschaftsstatistischen „Spurensammeln“ und beim ökonometrisch-theoretischen „Spurendeuten“ unterlaufen den Nationalökonomen immer wieder bedenkliche Wahrnehmungen der Wirklichkeit. Es ist deshalb an der Zeit, fachspezifische Illusionen zu thematisieren, die man zumeist als Selbsttäuschung über die Wirklichkeit, gepaart mit allerlei Wunschdenken, verstehen kann. Die Gründung der „Econometric Society“ im Jahre 1930 löste eine Zusammenschau von (a) Wirtschaftstheorie oder Denkökonomik (wegen der Problemstellungen und Ergebnisdeutungen), (b) Ökonometrie (wegen der Test- und Schätzverfahren), (c) Wirtschaftsstatistik (wegen des Zustandekommens und der Fehlerrisiken statistischer Daten und sonstiger Informationen) aus. Sie vermochte das Fachgebiet der Nationalökonomik nicht in der Spur einer aussichtsreichen „Wahrheitssuche“ [8] zu halten, was keineswegs nur an fehlenden statistisch-ökonometrischen Fähigkeiten der Wirtschaftstheoretiker liegt. Die „Econometric Society“ brachte sogar selbst einige illusorische Machbarkeits-Erwartungen mit sich. Insbesondere gibt es in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften keine regelrechte Falsifikation von Hypothesen, sondern nur „innocuous falsifications“ (sogenannte Als-ob-Falsifikationen).
Leipzig / Rottenburg, im Februar 2024
Adolf Wagner
[9]
„Einfache Leute glauben sicher zu wissen, was richtig und was falsch ist.“
Joan V. Robinson (1903–1983)
1. Einige Verfahrens-Illusionen
1.1 Die methodologische Illusion
1.2 Die Allwissens-Illusion
1.3 Die Verhaltens-Illusion
Exkurs: Die Optimismus-Pessimismus-Modellierung
1.4 Die Gleichheits-Illusion
1.5 Die Genauigkeits-Illusion
1.6 Die Vollständigkeits-Illusion
1.7 Die Eindeutigkeits-Illusion
2. Einige Ergebnis-Illusionen
2.1 Die ordnungsgebundene Erfolgs-Illusion
2.2 Die Verteilungs-Illusion
2.3 Die Machbarkeits-Illusion
2.3.1 Demokratieverträgliche Lebenslagen per Besteuerung herstellen?
2.3.2 Lebenslagen – näher betrachtet
2.3.3 Wunschbilder, Lebenslagen und ihre Veränderlichkeit
2.3.4 Spannungsfeld „Verfahrensgerechtigkeit“ und „Ergebnisgerechtigkeit“
2.4 Die Kreislauf-Illusion: Ausgaben bewirken Einnahmen
2.5 Die Größen-Illusion
2.6 Die Wachstums-Illusion: Geld, Investitionen, Wirtschaftswachstum
2.6.0 Drei weitere Vorbemerkungen
2.6.1 Sparen und Investieren
2.6.2 Passive Buchgeldschöpfung und Helmstädter-Spirale
2.6.3 Aktive Buchgeldschöpfung und Binswanger-Spirale
2.6.4 Wachstumszyklen
[10]
2.6.5 Zuwanderungen als Wachstumspolitik?
Literatur zu
2.7 Die Glücks-Illusion – total, partiell und summarisch
3. Gesucht: Demokratietaugliche Nationalökonomik
3.1 Grundlagen gesichert?
3.2 Ordnungspolitische Orientierungen klar?
3.3 Marktwirtschaftliche Demokratie als System gesichert?
3.4 Sparkassen abseits ihres Gründungsauftrags?
3.5 Glück und Freiheit im Fortgang der Geschichte?
3.6 Appelle an Verbraucher und Investoren?
3.7 Eine wirtschaftsfreundliche Presse?
3.8 Können „Expert Economists“ die irrenden „Folk Economists“ korrigieren?
3.9 Die Arbeitsweise der Nationalökonomen
3.10 Produktion, Transaktionen, Wohlstandswachstum
3.11 Mikro-Wicksell-Effekte bedenken
3.12 Wachstumsimpulse
3.13 Keynes-Jöhr-Instabilität, Harrod-Paradoxon und die Verhulst-Gleichung
3.14 Staatsausgaben an Strategische Sektoren
3.15 Makro-X-Ineffizienz staatlicher Stellen beachten
3.16 Lebenslagen für Nutzen- und Glücksziele umreißen
3.17 Das „magische Neuneck“ als Behelf?
Exkurs: „Macht“ in der Wirtschaft
4. Resümee
Anhang: Wozu Nationalökonomik?
Literatur
Sachregister
