Im Anfang II - Mika Lamar - E-Book

Im Anfang II E-Book

Mika Lamar

0,0

Beschreibung

Der riesige Asteroid nähert sich stetig der Erde - mit dem Potenzial, alles Leben in Kürze komplett auszulöschen. Die Datenauswertungen zeigen mehr und mehr, in welch desolatem Zustand der Planet sich befindet. Es herrschen Umweltzerstörung, Kriege, Gewalt und Ungerechtigkeit. Können die Wissenschaftler vom friedlichen Volk der Plejaner die Gefahr abwenden? Ist die gefährliche Rettung eines Planeten, auf dem die Bewohner ihre Umwelt und sich selbst systematisch zerstören, verhältnismäßig? Gibt es eine Lösung? Während der Analysen macht der junge Wissenschaftler David eine unglaubliche Entdeckung auf der Erde. Ein unverhoffter Gast stößt zur Crew der Raumstation und der Kommandant Aaron schöpft neue Hoffnung. Werden seine Bemühungen, den Einschlag des Asteroiden zu verhindern, doch noch erfolgreich sein? Wer ist der unerwartete Besucher und was verbindet ihn mit Eliam?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 475

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



„Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer ihr dem Gewebe antut, das tut ihr euch selber an.“

(Chief Noah Seattle (See-at-la, 1786 - 1866) Häuptling der Suquamish- und Duwamish-Indianer)

Für Nina & Lena

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Was bisher geschah

Phase II – Die Vorbereitung

Die Insel

2.1 Der Aufklärungsflug

2.2 Heinrich (2)

2.3 Der Fund

2.4 Gabrielle (2)

2.5 Warten

2.6 Theresa (2)

2.7 Recherche

2.8 Pedro (2)

2.9 Anspannung

2.10 Alexander (2)

2.11 Ein unerwarteter Gast

2.12 Estelle (2)

2.13 Neue Hoffnung

2.14 Eliam

2.15 Jasna (2)

2.16 Spekulationen

2.17 Überraschende Informationen

2.18 James (2)

2.19 Keine gute Idee

2.20 Der Überlebende

2.21 Dietmar (2)

2.22 Die Pyramiden

2.23 Ein Bericht aus ferner Vergangenheit

2.24 Neue Freunde

2.25 Die Bekanntmachung

2.26 Eine gute Idee

2.27 Der Test

2.28 Eine neue Perspektive

2.29 Ein unerwarteter Auftrag

2.30 Studien auf der Erde

2.31 Alexander (2)

2.32 Bericht von der Erde

2.33 Die Konferenz

Auszüge aus den umfangreichen Vorträgen

Anfänge und Entwicklung

Genetik der Menschen

Verhalten der Menschen

Zustand der Erde

Prognosen:

Schlussplädoyer Gideon:

Schlussplädoyer Aaron:

2.34 Der Vorschlag

2.35 Thekengespräch

Kurzübersicht:

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesmal gibt es kein Vorwort, da alles Wissenswerte bereits im ersten Teil gesagt wurde.

Viel Vergnügen.

Mika Lamar

Die Gedanken sind immer noch frei!

Was bisher geschah:

Wir schreiben das Jahr 2029 und ein Asteroid rast, von den Menschen unbemerkt, auf die Erde zu. Ein Einschlag würde zwangsläufig das gesamte Leben auf der Erde zerstören. Ein Jahr vor dem erwarteten Eintreffen des Gesteinsbrockens bezog die Raumstation Osiris in Erdnähe Position. Die Crew besteht aus Wissenschaftlern des Planeten Plejsus und des benachbarten Raumfahrtplaneten Niberia. Die hochentwickelte, friedliche Zivilisation der Plejaner hatte vor 500.000 Jahren Schiffbruch auf der Erde erlitten und entdeckte dabei zufällig Frühmenschen, die große Ähnlichkeiten mit ihren eigenen Vorfahren aufwiesen. Das Projekt Dhara wurde ins Leben gerufen und seit jenen Tagen beobachten die Plejaner die Menschheit.

Auf den verschiedenen Missionen wurde, auf mannigfaltige Weise, Jahrtausende lang versucht, das ursprüngliche, friedliche Wesen der Menschen, welches durch genetische Eingriffe unvorhergesehener Weise negativ verändert wurde, wieder hervorzuholen – leider ohne den gewünschten Erfolg. Im Gegenteil - die Bevölkerung zeigte sich überwiegend resistent gegen jedwede Ratschläge, die wieder zu einem friedlichen und naturverbundenen Miteinander hätten führen können.

Die Situation auf der Erde verschlimmerte sich in Laufe der Jahrtausende stetig. Da ein Großteil der Menschheit ein unberechenbares und aggressives Verhalten an den Tag legte und sich unkontrolliert vermehrte, stand es immer wieder auf der Kippe, ob das Projekt Dhara weitergeführt werden sollte. Doch jedes Mal wurde ein weiterer Versuch mit einer neuen Strategie gestartet.

Nun ist die Mission Sachmet vor Ort und analysiert seit einigen Monaten die aktuelle Entwicklung. Die große Konferenz und die Entscheidung der Ältesten stehen kurz bevor. Das Verhalten der Menschen und der Zustand der Erde erscheinen schlimmer als je zuvor – und die Ältesten müssen abwägen, ob eine Fortführung sinnvoll ist – was unter dem Aspekt des sich nähernden Asteroiden nochmals brisanter ist.

Sollte das Projekt abgebrochen werden, wäre sowohl die Menschheit als auch alles Leben auf dem Planeten verloren. Die beiden Kommandanten der Mission haben unterschiedliche Meinungen zu dem Projekt. Während Gideon die Situation für aussichtslos hält und ganz klar einen Rückzug, und damit den Abbruch befürwortet, ist Aaron davon überzeugt, dass es Möglichkeiten gibt, die Menschen auf einen friedvollen Weg zu führen. Fieberhaft versucht er, eine Lösung zu finden – wobei er mit seiner Meinung mehr und mehr alleine steht.

Bei der Analyse der Erde wurden auch die in der DNA verankerten Gensequenzen erstmals untersucht und einbezogen. Diese genetischen Marker dienten ursprünglich zur Aufspürung von auf der Erde stationierten Forschern. Im Laufe der Jahrtausende wurden sie, durch die Zeugung von Kindern, an die menschlichen Nachkommen weitervererbt. Im Zuge der Untersuchungen deckten die jungen Wissenschaftler David und Namaan ein geheimnisvolles Signal auf, welches sich von allen anderen unterscheidet. Aaron hegt die Vermutung, dass der Ursprung des Signals von einem Überlebenden einer zurückliegenden Mission ausgehen könnte.

Während die Forscher auf der Raumstation dem Signal nachgehen und sich auf die Konferenz vorbereiten, leben die Menschen auf der Erde ahnungslos ihr Leben. Da sind Jake und Bill – zwei Geologen, die die seismischen Aktivitäten im Yellow Stone Park überwachen. Heinrich – der Obdachlose, der schon lange nicht mehr weiß, wofür er eigentlich lebt. James – der Karrieretyp, der nie Zeit findet, sich um seine kleine Tochter zu kümmern.

Theresa - die Sekretärin, die mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Hund ein unspektakuläres Dasein fristet. Dietmar – der Forscher und Buchautor, der überzeugt ist, dass einst Außerirdische die Erde besuchten. Gabrielle – die Aussteigerin, die der Welt den Rücken gekehrt hat und mit ihrem Partner Steve in den Wäldern im hohen Norden lebt. Alexander - der Archäologe, der seiner Frau beibringen muss, dass er ein Jahr die Welt bereisen wird. Estelle – die junge Studentin, die gerade aus Afrika heimgekehrt und frisch verliebt ist. Jasna - das Waisenkind, das liebevolle Eltern gefunden hat und darauf hofft, bald in der neuen Familie leben zu können. Pedro – der Polizist aus Südamerika, der an seinem Job zweifelt.

Das zweite Buch beginnt 2 Monate vor der Konferenz und 4 Monate vor dem erwarteten Asteroideneinschlag.

Phase II – Die Vorbereitung Prolog 2

Die Insel

11.500 Jahre vor unserer Zeitrechnung

Der Wind, der vom nahen Atlantik herüberwehte, war noch kühl. Die Frühlingssonne aber, die schon tief über dem Meer stand, gewann von Tag zu Tag an Kraft und wärmte Zitos wettergegerbtes Gesicht. Er kniff die Augen zusammen und ließ den Blick über das Wasser gleiten. Ein paar streitbare Seevögel kreisten kreischend am blauen Himmel.

Es war ein herrlicher Tag, die Wellen glitzerten silbern wie die mächtigen Mauern des Tempels. Er wandte den Kopf und sah in der Ferne das imposante Bauwerk, das wie eh und je über dem Zentrum der Stadt thronte. Seine Zinnen erstrahlten rötlichgolden im Sonnenlicht. Der Tempel gehörte seit vielen Jahren zu Zitos Leben, und immer noch überkam ihn bei seinem Anblick Ehrfurcht.

Niemals zuvor hatte er solch ein Bauwerk gesehen und die Frage, wie die Götter dies hatten erbauen können, übertraf bei weitem seine Vorstellungskraft. Manchmal fragte er sich, wie es im Inneren des Tempels aussehen möge – man hörte allerhand wundersame Gerüchte von riesigen Statuen, gewaltigen Säulen, einer Decke aus Gold. Zitos wusste nicht, ob er das alles glauben konnte, aber so, wie der Tempel schon aus der Ferne aussah, erschienen ihm die phantastischen Beschreibungen durchaus möglich. Natürlich hatte er den Tempel noch nie betreten. Er würde ihn auch niemals betreten. Obwohl er als Hafenmeister ein angesehener Mann war, war dieses Privileg ausschließlich den Priestern vorbehalten. Und natürlich Gott Atlas und seiner Familie, die dort ihren Wohnsitz hatte.

Er wandte den Blick ab und betrachtete den großen Hafen, der Platz für 1.200 Schiffe barg. Momentan ankerte dort allerdings nur ein Bruchteil dieser unvorstellbaren Menge.

Es herrschte wie üblich ein geschäftiges Treiben. Ware stapelte sich auf den Kais, es wimmelte von Menschen - Seeleute, Händler, Kaufleute, Bauern mit Vieh, Frauen mit Kindern an der Hand eilten hin und her und erledigten ihre Geschäfte. Schiffe wurden be- und entladen, einige legten jedoch nicht hier am äußeren Hafen an, sondern fuhren mit ihren Waren gleich weiter durch den breiten Kanal zu den kleinen, inneren Häfen. Wenige fuhren sogar direkt bis zur Anlegestelle des Tempels.

Alles war bestens organisiert, und die Versorgung der vielen Tausend Menschen, die hier lebten, war stets gewährleistet. Als er die Insel als junger Mann zum ersten Mal betreten hatte, hatte er nicht glauben können, was er sah.

Er rief den Hafenarbeitern ein paar Anweisungen zu und lehnte sich an die warme Mauer des Hafengebäudes. Seine Arbeit war für heute so gut wie erledigt. Sobald die Sonne im Meer versank, würde Ruhe einkehren und nur die Geräusche aus den Tavernen und das ewige Kreischen der Vögel würden noch für kurze Zeit zu hören sein.

Er freute sich auf den Feierabend, auf sein gemütliches Haus und ein gutes Essen im Kreise seiner Familie. Er sah Rabea vor seinem inneren Auge in ihrem bunten Kleid in der Küche stehen, sah, wie sie ihn lächelnd begrüßte. Bei dieser Vorstellung stahl sich ebenfalls ein kleines Lächeln auf sein bärtiges Gesicht. Er liebte Rabea immer noch genauso wie am dem Tag, als er sie, kurz nach seiner Ankunft auf der Insel, zum ersten Mal gesehen hatte. Und er fand sie immer noch genauso schön wie damals, obwohl inzwischen viele Jahre ins Land gegangen waren und ihr einst pechschwarzes Haar nun von silbernen Strähnen durchzogen war. Als junger Mann hätte er sich nie träumen lassen, dass sein Leben eine so glückliche Wendung nehmen würde – dass er eines Tages mit einer schönen Frau, wunderbaren Söhnen und einem Leben in Wohlstand gesegnet sein würde. Er fragte sich bis heute, womit er das verdient hatte. Er erinnerte sich noch, als wäre es gestern gewesen, an den Tag, als fremde Männer zu dem Platz am Meer gekommen waren, wo seine Gemeinschaft sich niedergelassen hatte. Sie hatten Arbeiter und Krieger für eine weit entfernte, unbekannte Insel gesucht. Er war damals sehr jung gewesen, seine Eltern waren bereits gestorben und er hätte niemals ein anderes Leben als das eines Nomaden führen können, denn es gab kein anderes. Bis die Fremden gekommen waren.

Gekleidet in edle Gewänder und mit einem absolut ungewöhnlichen und befremdlichen Aussehen, hatten sie alle Bewohner versammelt. Mit wohlklingenden Stimmen berichteten sie von der Schönheit der Insel, von dem Wohlstand und den guten Lebensbedingungen, die dort herrschten. Sie hatten Geschenke mitgebracht – viele ihm unbekannte Dinge, schmackhafte Früchte, die niemand von ihnen je gesehen hatte, Stoffe, weich und glänzend. Das Misstrauen der verängstigten Menschen verschwand langsam und fasziniert lauschten sie den unglaublichen Geschichten. Nie hatte er jemanden so reden gehört und vieles, was sie sagten, verstand er nicht.

Dann erzählten die Fremden, dass Arbeiter gesucht würden. Er hatte zwar keine Vorstellung davon gehabt, wo sie ihn hinbringen würden und was das für Arbeiten sein sollten, doch er war voller Neugierde und Tatendrang gewesen. Er hatte Glück gehabt und wurde mit wenigen anderen ausgewählt und war kurzentschlossen auf das große Schiff gestiegen. Auch solch ein Schiff hatte er noch niemals gesehen, er kannte nur kleine Flöße. Erst Tage später, als sie schon weit draußen auf dem Meer waren und er um sich herum nichts als Wasser sah, war ihm eingefallen, dass er ziemlich dumm gehandelt hatte. Die Versprechungen, die die Männer gemacht hatten, erschienen ihm plötzlich sehr unrealistisch, eigentlich unmöglich. Doch in der ersten Euphorie und der plötzlichen Chance, ein neues, besseres Leben führen zu können, hatte er einfach nicht darüber nachgedacht.

Auch das Auswahlverfahren erschien ihm im Nachhinein suspekt. Denn die Fremden hatten nicht jeden mitgenommen.

Alle Freiwilligen wurden ausführlich befragt und sogar einer merkwürdigen Untersuchung unterzogen. Letztlich waren eine Handvoll junger Männer und Frauen übriggeblieben, die mit zahlreichen weiteren kleinen Gruppen aus anderen Gemeinschaften auf einem großen Schiff die Reise über das Meer angetreten hatten.

Die Fahrt hatte sehr lange gedauert und es war ihm vorgekommen, als segelten sie zum Ende der Welt. Zuerst war das Meer ruhig gewesen, so wie er es kannte, und man konnte stets die Küstenlinie sehen. Jeden Tag ankerte das Schiff und es wurden weitere Menschen an Bord geholt. Vereinzelte Frauen hatten sogar Kinder dabei. Irgendwann hatten sie Kurs auf das offene Meer genommen und das Land war verschwunden. Der Ozean war fremd und rau geworden. Hohe Wellen hatten das Schiff hin und her schwanken lassen und Zitos Befürchtung, einen Fehler gemacht zu haben, war mit jedem Tag gewachsen. Auch vielen anderen auf dem Schiff erging es so und es herrschte mehr und mehr eine ängstliche Stimmung, obwohl sie gut versorgt wurden.

Doch dann war eines Tages eine große grüne Insel vor ihnen aufgetaucht - mit schwarzen Bergen, so hoch, wie er nie zuvor welche gesehen hatte. Und schon als das Schiff in den Hafen einlief, als er die bunten Häuser, die unzähligen Felder und die friedlichen Menschen erblickte, waren seine Bedenken weggefegt – obwohl sein neues Zuhause völlig anders war, als alles was er kannte und was er sich hätte vorstellen können. Er hatte seine Arbeit gut gemacht, hatte viele neue Dinge gelernt, war inzwischen Hafenmeister, hatte seine Frau kennen gelernt und eine Familie gegründet.

Er wusste heute, dass die damalige unbedachte Entscheidung die beste seines Lebens gewesen war.

Zufrieden lächelnd ließ er den Blick über den stiller gewordenen Hafen, die untergehende Sonne und das rote Meer schweifen. Tief sog er die klare, salzige Luft ein und schloss für einen Moment die Augen. Ja, das hier war seine Heimat, hier gehörte er hin, hier wollte er alt werden und hier wollte er sterben.

Dass ein Teil dieses Wunsches sich schneller erfüllen sollte als gedacht, ahnte er in diesem Moment nicht. Ein tiefes Grollen ließ die Insel erzittern. Zitos riss die Augen auf und für einen Wimpernschlag erfasste eine schreckliche Ahnung sein Unterbewusstsein.

Er starrte auf den Hafen, ebenso wie die Menschen, die sich noch dort befanden. Das kurze Zittern hatte aufgehört und eine unheimliche Stille hatte sich über die Insel gelegt. Dann brach unvermittelt ein ohrenbetäubendes Gekreische los, welches Zitos nicht sofort einordnen konnte. Dann sah er sie: Tausende von Vögeln verdunkelten den Himmel und steuerten auf das offene Meer zu. So etwas hatte er noch nie gesehen und als die Vogelschar in der Ferne nur noch als schwarze Wolke zu erkennen war, kehrte die Stille zurück.

Dann hörte er Stimmen. Die Menschen unterhielten sich aufgeregt und ratlos und jeder hatte es eilig, nach Hause zu kommen. Auch Zitos machte sich sofort auf den Weg.

Das Dorf, in dem er lebte, lag dicht hinter dem Hafen. Nach 20 Minuten erreichte er sein Haus. Seine Frau stand bereits in der Tür und erwartete ihn. Sie umarmte ihn und fragte „Hast du das gehört? Dieses unheimliche Grollen und dann das Zittern. Und hast du die Vögel gesehen? Wieso haben sie sich so aufgeführt?“ Er löste sich aus der Umarmung, küsste sie auf die Wange und schüttelte den Kopf. „Ja, ich habe es gehört und ich habe das Gefühl, dass das noch nicht alles war. Irgendetwas stimmt nicht“. „Ja“ sagte Rabea leise „lass uns erst einmal reingehen, das Essen ist fertig“.

Beunruhigt folgte er seiner Frau ins Haus. Die Mahlzeit erfolgte schweigsam, und das Schweigen endete erst, als Jamae, der jüngere Sohn, von seiner Arbeit nach Hause kam, sich an den Tisch setzte und ebenfalls aufgeregt über die seltsamen Vorkommnisse berichtete. „Aber macht euch keine Sorgen. Die Leute sagen, dass so etwas auf der Insel schon öfter vorgekommen ist.“ „Das stimmt. Erinnerst du dich Rabea? Als wir jung waren, hat auch einmal die Erde gebebt und wir waren sehr erschrocken. Aber weiter ist nichts passiert. Damals dachten wir, dass die Götter gestritten hätten. Vielleicht ist es diesmal ebenso. Wir sollten uns wirklich nicht zu sehr sorgen.“ Rabea schienen diese Worte nicht zu beruhigen. Nachdenklich sagte sie „Ja, damals war es ähnlich. Aber die Vögel… Ich kann mich nicht erinnern, jemals gesehen zu haben, dass so viele Vögel die Insel verlassen haben.“

Alle schwiegen und hingen ihren Gedanken nach. Nach einiger Zeit ergriff Rabea Zitos Hand, sah ihm in die Augen und sagte eindringlich: „Ich glaube, das war ein Zeichen. Auch wir sollten die Insel verlassen.“ Zitos sah sie verwundert an. „Aber wo sollen wir denn hin? Wir haben ja nicht einmal ein Boot. Und sollten wir eins auftreiben können, dann wären wir bis zum Festland wahrscheinlich wochenlang unterwegs. Es ist einfach zu weit. Selbst wenn wir die Küste erreichen würden – was sollten wir dort tun? Wir waren so lange fort, es wäre schwierig, sich zurechtzufinden. Wir hätten nichts, müssten ganz von vorne beginnen und egal wie hart wir arbeiten würden, unser Leben wäre nicht halb so gut wie das Leben, das wir hier führen.“ Jamae mischte sich ein „Was redet ihr da? Ich will nicht weg von hier. Ich kenne nichts anderes als dieses Land und aus euren Erzählungen weiß ich, dass es nur schlechter werden kann. Wir haben hier doch alles, uns geht es gut und nur, weil die Erde mal ein bisschen wackelt, sollten wir nicht gleich in Panik verfallen.“ „Du hast recht“, warf Zitos ein. „Wir sollten schlafen gehen, es ist schon spät“. Rabea sagte nichts dazu und räumte schweigend die Teller fort. Aber ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie diese Meinung nicht teilte. „Komm Rabea. Wir warten die nächsten Tage ab und dann sehen wir weiter“ sagte Zitos und löschte das Licht.

Rabea konnte lange nicht einschlafen, und als sie irgendwann in einen unruhigen Schlaf sank, zogen wirre und beängstigende Traumbilder durch ihren Kopf. Sie blickte von hoch oben auf die sonnenbeschienene Insel. Dann sah sie unter sich dunkle Wolken aufziehen und sank tiefer hinab. Entsetzt erkannte sie, dass die Wolken aus herumwirbelnden Tierkörpern bestanden. Dann fiel sie. Fiel mitten in die Wolke und trudelte mit Vögeln, Ochsen, Pferden und Elefanten durch die Luft. Unvermittelt stürzte sie aus der Wolke hinaus, dem Erdboden entgegen. Immer näher kam sie dem Boden, doch als sie unten angelangte, war dort kein Land – nur schwarzes, schäumendes Wasser. Der Sturz verlangsamte sich und sie schwebte auf das wirbelnde Meer zu. Ein unheimliches Grollen stieg aus den Tiefen hervor.

Keuchend schlug sie die Augen auf. Den Göttern sei Dank, sie lag in ihrem Bett. Alles war gut. Aber als sie das tiefe Grollen mehr spürte als hörte, wusste sie, dass nichts gut war.

Augenblicklich saß sie aufrecht im Bett und ganz langsam begann das Haus zu wackeln. Zitos drehte sich unruhig auf die Seite. Sie wollte ihn wecken, doch sie konnte nur dasitzen und mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit starren. Das Beben wurde stärker. Von den Holzbalken der Decke rieselte Staub. Endlich schlug auch Zitos die Augen auf, blickte sich einen Moment um und sprang mit einem Satz aus dem Bett. „Rabea, steh auf. Wir müssen hier raus.“

Er packte sie bei der Hand und zog sie hinter sich her. Jamae war ebenfalls auf den Beinen und zusammen liefen sie ins Freie. Auch die Menschen aus den Nachbarhäusern stolperten hinaus. Kinder weinten, und es herrschte ein erschrecktes Durcheinander. Die Erde wankte immer noch und jeder versuchte, das Gleichgewicht zu halten. Fässer stürzten um und rollten über die Wege, Kistenstapel fielen krachend zusammen, eine Holzleiter kippte von der Wand und traf einen Mann am Arm, der fluchend aufschrie. Was hatte das zu bedeuten?

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sich die Erde beruhigt hatte – obwohl nur ein paar Minuten vergangen waren.

Die Menschen blickten sich ängstlich um und wieder hüllte diese unheimliche Stille die Insel ein. Rabea wartete auf das Kreischen der Vögel, doch kein Laut durchbrach die Nacht. Natürlich nicht, die Vögel waren alle fort. Stattdessen brachen plötzlich andere Geräusche los. Schweine quiekten panisch, Pferde wieherten, Hühner flatterten und gackerten – es schien, als wäre jedes Tier der Insel verrückt geworden. Einige schafften es, die Ställe zu verlassen oder die Zäune der Koppeln zu überwinden und in panischer Hast in die Dunkelheit zu entfliehen.

Nachdem die ersten Bewohner die Sprache wiedergefunden hatten, entflammten aufgeregte Diskussionen. Jeder hatte eine andere Meinung über das, was vor sich ging, jeder kannte eine andere alte Geschichte und jeder schätzte die Lage anders ein. Die kleinen Kinder begannen zu frieren und weinten und die Mütter gingen sorgenvoll zurück in die Häuser.

Am Horizont zeigte sich das erste schwache Licht des Morgens. Auch Rabea, Zitos und Jamae gingen nach einiger Zeit durchgefroren zurück ins Haus. „Wir müssen hier weg“ sagte Rabea sehr bestimmt. Weder Zitos noch Jamae widersprachen. „Ich mache uns erst einmal einen heißen Tee, dann packen wir das Nötigste ein und suchen uns ein Schiff. Du läufst zum inneren Ring und holst Thassos“ sagte sie an ihren Sohn gewandt. „Aber Mutter. Er wird nicht weg können. Du weißt, dass die Krieger nicht einfach gehen dürfen“. „Das ist mir egal. Erzähl ihm irgendetwas, meinetwegen, dass ich im Sterben liege. Dann wird er schon kommen. Komm nicht alleine zurück! Wir fahren keinesfalls ohne ihn. Wir treffen uns nach Sonnenaufgang am Hafen“ sagte Rabea mit energischer Stimme.

So kannte Jamae seine sonst so sanfte Mutter nicht und er wagte es nicht, ihr zu widersprechen. Ihr fremder Blick voller Angst, Panik und Entschlossenheit ließ ihn erschaudern. „Ich beeile mich“ sagte er nur, umarmte seine Mutter kurz, küsste sie und verließ eilig das Haus, um seinen Bruder zu holen.

Während der Topf mit den Teeblättern auf der Feuerstelle langsam heiß wurde, packten Rabea und Zitos einige Sachen zusammen. Nur so viel, wie sie tragen konnten, und jeder hing seinen Gedanken nach. Rabea machte sich stille Vorwürfe, dass sie nicht schon am Abend auf ihr Gefühl gehört und darauf bestanden hatte, sofort die Insel zu verlassen. Sie hoffte und betete, dass es nicht bereits zu spät war. Zitos hingegen fragte sich, ob sie das Richtige taten. Wenn sie die Insel einmal verlassen hatten, konnten sie wahrscheinlich nicht wieder zurückkehren. Natürlich waren die Vorkommnisse erschreckend gewesen.

Aber rechtfertigte das wirklich, sein Zuhause für immer zu verlassen? Einzig Rabeas entschiedenes Verhalten und sein Wissen um ihre schon immer sehr ausgeprägte Intuition ließen ihn mechanisch weiter die Sachen zusammensuchen. Schweigend und hastig tranken sie den Tee, schulterten die gepackten Bündel und traten aus dem Haus. Das restliche Teewasser dampfte noch im Topf. Als sie die Straße erreicht hatten, schaute Zitos zurück und fragte sich, ob er sein schönes Zuhause je wiedersehen würde. Rabea war ohne einen Blick bereits vorausgeeilt und er beschleunigte seine Schritte. Sie waren nicht die Einzigen, die sich auf den Weg zum Hafen machten, und als sie dort eintrafen, bot sich ihnen, unter dem roten Schein der aufgehenden Sonne, ein erschreckendes Bild.

Die halbe Insel schien dort versammelt zu sein. Es wimmelte von Menschen und alle wollten einen Platz auf einem der wenigen Schiffe. Anscheinend war Rabea nicht die Einzige mit einer guten Intuition. Vielleicht waren aber auch Informationen von den Priestern des Tempels durchgesickert. Sie wussten alles, und auf ihr Urteil konnte man sich immer verlassen. Einige Schiffe waren bereits ausgelaufen, und auf den noch verbliebenen würde es nicht für jeden einen Platz geben.

Zitos sah Fischer, die hastig ihre Boote beluden und mit ihren Familien auf diese Weise fliehen wollten. ‚Der Weg zum Festland ist zu weit. Sie werden es wahrscheinlich nicht schaffen‘, dachte er betrübt. Wie groß musste ihre Angst vor der unbekannten Bedrohung sein, wenn sie sich lieber mit ihren kleinen Booten ins Verderben stürzten, als abzuwarten.

Er riss seinen Blick los und schaute sich um. Die Angst war überall greifbar - wie eine schwere Decke hatte sie sich über den Hafen gelegt. Dunkel und bedrohlich hüllte sie die Menschen ein. Die Masse war nur ein Haar breit von der Panik entfernt und nur die Hoffnung verhinderte, dass sie sich Bahn brach und wie eine Welle über die Menschen hinwegbrandete. Zitos mochte sich dieses Szenario nicht ausmalen. Noch aber hielt die Aussicht auf einen Platz auf einem der Schiffe die Flut zurück.

Er packte Rabea, die fassungslos auf das Getümmel schaute, am Arm und zog sie mit sich durch die Menschenmassen. Er hatte das Schiff eines befreundeten Kapitäns erblickt. Den Göttern sei Dank lag es gerade im Hafen. Die weißen Segel leuchteten in der Morgensonne wie ein strahlendes Licht der Hoffnung. Es dauerte eine Weile, bis sie atemlos die Kaimauer erreicht und sich an der langen Schlange vorbei gedrängelt hatten. Dann sahen sie den Kapitän.

Er arbeitete zusammen mit seinen Seeleuten wie besessen und versuchte, so viele Menschen wie möglich auf sein Schiff zu lassen. Er versuchte sogar, ein wenig Ordnung in das Chaos zu bringen und Frauen und Kindern den Vorrang zu geben. Viele weigerten sich jedoch, ohne ihre Männer oder ihre erwachsenen Kinder das Schiff zu betreten, und somit ließ sich das Vorhaben nicht durchführen. Letztlich wurden die Menschen einfach der Reihe nach über die Planken geführt. Der Kapitän erkannte Zitos sofort. Es bedurfte nur weniger Worte und sie wurden durchgewunken. Rabea nahm dem Kapitän das Versprechen ab, auch ihre Söhne, die sehr bald an diesen Kai kommen würden, aufs Schiff zu lassen.

Rabea drängelte sich sofort an die Reling, um nach den beiden Ausschau zu halten und ihnen zurufen zu können, sobald sie auftauchten. Zitos stand neben ihr und ließ ebenfalls den Blick über die Menge gleiten. Die Sonne schien inzwischen hell und warm vom Morgenhimmel. Es war wieder ein strahlend schöner Frühlingstag, das Meer glitzerte so ruhig und still wie selten und es wehte kaum ein Wind. In der Ferne ragten die gewaltigen Berge in den Himmel, ihre schwarzen Spitzen von Wolken umhüllt. Ein sattes, helles Grün überzog die Flanken und in der Ebene waren die riesigen Wälder zu erahnen, in denen zahlreiche wilde Tiere lebten.

Sogar Elefanten sollte es dort geben, aber kaum jemand hatte so ein Tier jemals gesehen. Die zahllosen Felder, die wie bunte Farbkleckse rund um den Stadtkern lagen, waren mit bloßem Auge zu erkennen. Ebenso die breiten Kanäle der Stadt, die in Ringen angeordnet bis in das Zentrum führten - wo auf einem Hügel erhaben der Tempel thronte. Er glänzte silbern und golden im Sonnenlicht. Zwischen den Ringen befanden sich zahlreiche Wohnhäuser, Geschäfte, Badeanstalten, Gärten und sogar eine Pferderennbahn gab es. Was für ein Anblick. Zitos war sich sicher, dass niemand sonst auf der Welt solch eine Stadt jemals gesehen hatte.

„Sie müssten längst hier sein“ sagte Rabea besorgt, die ihren Blick keine Sekunde vom Hafen abwandte und die Reling umklammerte, als wäre das Holz das Einzige, das ihr noch Halt geben konnte. Zitos legte den Arm um seine Frau. „Es ist ein weiter Weg Liebste. Sie werden schon kommen, sorge dich nicht.“ Doch auch er ließ seinen Blick angespannt über den Hafen schweifen.

Dann sah er sie. Zwei große schwarze Schiffe, ohne Segel. Sie kamen direkt aus dem Zentrum und steuerten durch den Kanal zum Hafenbecken. Erst wenige Male in seinem Leben hatte er diese Schiffe gesehen und er hatte nie herausgefunden, aus welchem Material sie bestanden und wie sie ohne Segel fahren konnten.

Auf den Schiffen mussten sich die Bewohner des Tempels und die Priester befinden. Und wenn sogar sie flohen, musste die Lage mehr als ernst sein. Er wurde blass und zum ersten Mal bekam er richtig Angst. Auch die Menschenmenge im Hafen verstummte bei diesem Anblick. Alle Augen waren auf die beiden Schiffe gerichtet, die sich schnell in westlicher Richtung entfernten.

Dann brach Tumult los. Im selben Moment erschütterte ein erneuter Erdstoß die Insel. Menschen schrien, drängelten und schubsten. Er sah verzweifelte Mütter mit weinenden Kindern auf dem Arm, alte Männer, die sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten und in der Menge verschwanden, größere und kleinere Schiffe, die die Planken einzogen und, so schnell sie konnten, ablegten. Es war erschütternd und fast mehr, als er ertragen konnte. Beim nächsten Erdstoß, der kurz darauf folgte, stürzten die ersten Häuser ein und die Schreie wurden noch lauter.

Zitos drückte Rabea fest an sich, musste den Blick abwenden und schaute in den blauen Himmel. Für einen kurzen Moment sah er zwei große silberne Flugwagen über dem Tempel aufsteigen und schnell in Richtung Osten verschwinden. Es wurde still im Hafen. Er sah die Menschen nacheinander auf die Knie sinken und stumm beten. Diese Stille war schlimmer als der Lärm und die Schreie.

Es war wie ein kollektives Wissen. Die Götter hatten die Insel verlassen – jetzt gab es keine Hoffnung mehr. ‚Wieso haben sie uns nicht geholfen? Wieso haben sie uns im Stich gelassen?‘ ging ihm durch den Kopf, doch er wusste, dass er keine Antwort darauf bekommen würde. Es sah, wie die Planke des Schiffes hastig eingezogen wurde und spürte kurz darauf, dass es sich in Bewegung setzte. Rabea schluchzte laut auf und versuchte, sich von ihm loszureißen. Er hielt sie so fest er konnte und nach kurzer Gegenwehr erschlaffte ihr Körper, als alle Hoffnung starb.

Als das Schiff sich ein Stück entfernt hatte, sah er die Kaimauer einstürzen. Zahlreiche Menschen fielen ins Wasser. Die Schreie waren zurück und wurden immer leiser, je weiter das Schiff davon segelte. Entsetzt sah er, wie Erdspalten aufrissen und weißer Dampf daraus hervorschoss und die schreckliche Szenerie in gnädigem Nebel versinken ließ. Die ganze Insel schien zu dampfen und in zwei Teile gerissen zu werden.

Dann hörte er ein mächtiges Grollen, hundertmal stärker als zuvor, und in der Ferne sah er Qualm und rote Feuerfontänen in den Himmel steigen. Es folgte ein ohrenbetäubender, schmerzhafter Knall und die Welt um ihn herum wurde plötzlich still.

Er starrte auf seine Heimat, die in Feuer und Rauch gehüllt war und er verstand nicht, was dort passierte.

Wieso ließen die Götter so etwas zu? Wieso mussten all die guten Menschen, die niemandem etwas getan hatten, sterben?

Steinbrocken schlugen, für ihn unhörbar, ins Wasser und auf das Deck, das Schiff erzitterte und wurde vom Meer angehoben. Dann spürte er die Hitze. Eine dichte weiße Wand aus Rauch raste auf das Schiff zu. Er sah Rabea an, die zitternd und mit leerem Blick auf die Insel starrte. Er nahm ihr tränennasses Gesicht in seine Hände und küsste sie. Sie wussten, dass es ihr letzter Kuss sein würde.

*

Das war der Tag, an dem die Insel Aztlan mit all ihren Bewohnern und all ihrer Pracht für immer versank. Dort ruht sie seither unauffindbar und zertrümmert in 2000 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund – versteckt unter haushohen Schichten von Schlamm und Geröll - bedeckt mit dem Sand vieler Jahrtausende.

2.1 Der Aufklärungsflug

2 Monate vor Konferenz

4 Monate vor erwartetem Einschlag

Gideon blickte durch die großen Fenster des Raumgleiters und sah die Konturen des Kontinents rasch näherkommen. Bald schon konnte er Einzelheiten erkennen. Eine weite Wüste, rot leuchtend im Schein der untergehenden Sonne, er sah das tiefblaue Meer, den großen Fluss, der sich mit einem grünen Saum endlos durch das karge Land schlängelte, und er sah die Bauwerke. Erhaben ragten sie aus dem Sand der Wüste und waren, lange bevor man die menschlichen Gebäude erkennen konnte, deutlich zu sehen. ‚Ein kluger Schachzug‘ dachte Gideon. Er hatte die Pyramiden bereits bei der letzten Mission aus einem Raumgleiter gesehen und damals waren sie nicht weniger beeindruckend gewesen. Er hatte sie allerdings nicht besucht, da sie zu jener Zeit nicht relevant gewesen waren. Dass er sie einmal aus nächster Nähe sehen würde, hatte er nicht geahnt.

Der Raumgleiter sank tiefer, und nun war auch die große Stadt, in der nach und nach die Lichter angingen, inmitten der Wüstenregion zu erkennen. Obwohl Gideon sich bemühte, gewohnt rational und analytisch an diesen Aufklärungsflug heranzugehen, gelang es ihm diesmal nicht.

Seine Gefühle schwankten zwischen Faszination, Aufregung und Abwehr. Er hatte nicht vorgehabt, jemals auf diesen Planeten zurückzukehren, aber die Entwicklung der Dinge machte diesen Schritt unabdingbar. Keinesfalls hätte er diese Aufgabe Aaron übertragen können. Er stieß einen stillen Dank aus, dass dieser so einsichtig gewesen war und nicht darauf bestanden hatte, bei dem Flug dabei zu sein, denn er hätte ihn nicht davon abhalten können. Er wunderte sich, dass Aaron seinen Einwand sofort akzeptiert hatte. Vielleicht kam der alte Kauz ja doch noch zur Vernunft.

Sie landeten lautlos an einem alten Steinbruch, dessen Schuttberge ausreichend Schutz boten.

Es gab außerdem einen direkten Zugang zu einer holprigen Straße, die in Richtung der Pyramiden führte. Gideon erhob sich und atmete tief ein, als sich die Schleuse öffnete. Warme Erdenluft, die nach Wüste, Sand und Abgasen roch, schlug ihm entgegen und machte das Atmen, nach all den Monaten auf dem Raumschiff, für einen Moment schwer. Er ging die Rampe hinunter und gab Anweisungen an seine Crew. Es waren außer ihm noch fünf weitere Wissenschaftler an Bord, von denen zwei zurückblieben, um den Gleiter startbereit zu halten und im Notfall eingreifen zu können.

Das Heck öffnete sich und ein großes Wüstenfahrzeug, das äußerlich kaum von Fahrzeugen auf der Erde zu unterscheiden war, glitt heraus. Es gab an Bord der Raumstation einige Fahrzeuge, die den aktuellen Modellen auf der Erde nachempfunden waren, um sich bei Bedarf unauffällig bewegen zu können. Die Fahrzeuge besaßen die gleiche Tarnfunktion, die auch die Raumgleiter für menschliche Geräte und Augen unsichtbar machen konnte.

Da ein Ausfall dieser Funktion, die einen sehr hohen Energieverbrauch hatte, unabsehbare Folgen haben konnte, nutzte man bei Außeneinsätzen den Menschen vertraute Fahrzeuge, in der Hoffnung, dass sich niemand näher dafür interessieren würde. Gideon nahm im Führerhaus Platz und Andreas tippte den Startcode in die Konsole. Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung, rollte in die hineinbrechende Nacht und folgte unbeirrt der programmierten Route.

Es wurde wenig gesprochen. Bereits nach einer knappen Stunde erreichten sie ihr Ziel unweit der Pyramiden. Die drei großen Monumente ragten, angestrahlt von starken Scheinwerfern und umringt von kleineren Pyramiden und den Ruinen von Tempeln und Wohnhäusern, fast surreal in den Nachthimmel auf. Sie stoppten das Fahrzeug außerhalb der Lichtkegel und stiegen aus.

Egu begann damit, die Drohne startbereit zu machen. Kurz darauf flog die winzige Maschine lautlos und unsichtbar in Richtung der Monumente. Gideon und die Männer beobachteten ihre Flugbahn auf einer kleinen Bildwand. Die Kamera erfasste die Umgebung und ortete jedes Lebewesen und zeigte an, um welche Art es sich handelte. Es wurden die Umrisse einiger Hunde und Katzen, einer Schlange und mehrerer Skorpione erfasst. Als die Drohne die beleuchtete Zone erreichte, konnten die Wissenschaftler genau erkennen, wie viele Menschen sich noch in diesem Bereich aufhielten.

Im Inneren des kleinen Museums, das sich ebenfalls auf dem weitläufigen Areal befand, erkannten sie sechs Personen, wahrscheinlich Reinigungskräfte und Sicherheitsmitarbeiter, die nach und nach verschwanden. Weitere Personen liefen auf dem Außengelände hin und her. „Es ist zu früh, noch sind zu viele Menschen dort.“ sagte Andreas. „Wir müssen uns eine Weile gedulden. Das Risiko einer Entdeckung ist momentan zu hoch.“ Gideon nickte, und sie alle beobachteten weiter den Rundflug der Drohne und warteten.

Als tief in der Nacht nur noch drei Personen auf dem Gelände auszumachen waren, die immer die gleichen Wege abschritten, sagte Andreas „Anhand der Waffen, die sie tragen, muss es sich um das Wachpersonal handeln.“ „Gut“ sagte Gideon. „Ich denke, wir können jetzt den Befehl senden und uns auf den Weg machen. Wir geben dir Bescheid, sobald du nachkommen kannst“. Er trat mit Peter und Egu im Schutz der Dunkelheit hinaus in die Nacht. Wieder mussten sie kurz innehalten, denn die schwere Luft bedurfte, nach der klimatisierten Luft in dem Gefährt, erneut einer kurzen Anpassung. Dann ging der kleine Trupp zielstrebig über das sandige Gelände, vorbei an Ruinen und den beiden anderen Pyramiden, von denen eine gewaltige Ausmaße hatte. Immer wieder warfen sie einen prüfenden Blick auf die Überwachungsgeräte.

Als die große und älteste Pyramide vor ihnen aufragte, hielten sie automatisch inne und sie alle verspürten eine eigenartige Faszination und Demut beim Anblick des riesigen erleuchteten Monuments.

„Es ist wirklich beeindruckend, was unsere Vorfahren mit den wenigen Mitteln, die ihnen noch zur Verfügung standen, geschaffen haben“ sagte Peter ehrfürchtig. Egu nickte bestätigend und sagte „Merkwürdig, dass man die Dimensionen erst wirklich erfassen kann, wenn man davor steht.“ Dann setzten sie ihren Weg fort, denn die Pyramide war nicht das Ziel ihrer Suche.

Sie gingen an zwei Wachleuten vorbei, die, von der Drohne betäubt, reglos auf dem Boden lagen. „Hier ist es“ sagte Peter nach einer Weile. Die drei Männer betrachteten prüfend die riesige erleuchtete Skulptur, die sich direkt vor ihnen erhob. Die mächtigen, langen Pranken ruhten auf einem steinernen Sockel und der viel zu kleine Kopf blickte in die Ferne.

„Das ist er nun. Der Wächter der Pyramiden - wie die Menschen ihn gerne nennen“ sagte Gideon in die Stille der Nacht. „Und trotz aller Forschungen haben sie seine wirkliche Bestimmung nie erkannt…“ sagte Equ nachdenklich. „Haben wir es denn?“ fragte Gideon.

„Auch wir haben anscheinend all die Jahrtausende etwas Entscheidendes übersehen. Ich denke, es ist an der Zeit, herauszufinden, was es ist. Peter, wo genau ist der Eingang?“ Peter schaute auf sein Ortungsgerät und zeigte auf die gewaltigen Pranken der Statue. „Da müsste es sein. Ich frage mich, wieso in all der Zeit niemand von unseren Kollegen nachgeschaut hat“ sagte Peter. „Hättest du es getan, wenn das Signal nicht aufgetaucht wäre? Zumal dieser Eingang uns ja nicht bekannt war“ sagte Equ. „Es ist müßig, das jetzt zu diskutieren“ schaltete Gideon sich ein. „Ich werde dieser Frage zu gegebener Zeit mit Sicherheit nachgehen.“

Er schaute prüfend auf sein Gerät, aktivierte einen Sensor und sprach dann hinein. „Andreas, wir haben es gefunden. Du kannst dich auf den Weg machen.“ Die drei Wissenschaftler gingen zu der Stelle, die Peter genannt hatte und kurz darauf erschien vollkommen lautlos das mächtige Fahrzeug und stoppte ein Stück entfernt.

Andreas stieg aus und Gideon zeigte auf die Markierung. „Hier ist der Eingang. Kannst Du das Fahrzeug darüber positionieren und den Zugang öffnen?“ „Das dürfte kein Problem sein“ sagte Andreas und begab sich wieder ins Führerhaus. Er fuhr eine Hydraulik aus, welche das Fahrzeug ausbalancierte, so dass er problemlos die Vertiefung überwinden konnte, in der sich das Monument befand. Andreas vollführte weitere kunstvolle Aktionen, bis er das Fahrzeug genau über den mächtigen Pranken in Position gebracht hatte. Mit einem Greifarm hob er die große Granitstele an, die dort vor vielen Tausend Jahren aufgestellt worden war, und legte sie vorsichtig an die Seite. Er lehnte sich aus dem Fenster und sagte: „Ich prüfe jetzt zuerst die geologischen Gegebenheiten“ und schon war er wieder verschwunden.

Nach einiger Zeit erschien er erneut am Fenster und sage: „Es scheint tatsächlich einen relativ großen Schacht zu geben. Die Messungen zeigen ein rechteckiges Objekt, das nicht zu der sonstigen Umgebung passt. Ich beginne jetzt mit der Grabung.“

Gideon, Equ und Peter beobachteten aus einiger Entfernung gespannt das weitere Vorgehen. Gideon war nicht immer von Andreas kumpelhafter Art, die so untypisch für einen Wissenschaftler war, angetan. Aber nichtsdestotrotz war er einer seiner fähigsten Piloten und hatte vielfältige weitere Fähigkeiten. Seine Aufträge erledigte er absolut zuverlässig, mit größter Ernsthaftigkeit und Präzision.

Unter dem Fahrzeug leuchteten jetzt Scheinwerfer auf und Schaufelräder wurden ausgefahren, die in rasender Geschwindigkeit begannen, den Sand abzutragen. Über ein kleines Förderband wurde der ausgehobene Sand an einer Seite angehäuft. Zwischendurch pustete ein Rohr den nachrutschenden Sand von der Öffnung weg und eine Art Sprinkleranlage befeuchtete mit einer weißen Substanz den verbliebenen Sand, bis rund um die Grabungsstelle eine ebene, feste Fläche entstanden war.

Die Aktion ging leise vonstatten, wenn auch nicht ganz lautlos. Obwohl die Geräte ein Warnsignal abgeben würden, prüfte Equ immer wieder die Umgebung – alles schien sicher zu sein. Die Wärmekamera zeigte lediglich die drei Wachposten, die sich erwartungsgemäß nicht bewegten.

Sie waren bis Sonnenaufgang ausgeschaltet und würden sich nach dem Aufwachen an nichts erinnern können.

Dann endlich kratzen die Schaufelräder über Gestein und verschwanden wieder im Inneren des Fahrzeugs. Wieder kam der Greifarm zum Einsatz. Vorsichtig bewegte Andreas ihn über dem Loch, senkte ihn ab und kurz darauf kam er mit einer gewaltigen Steinplatte in der Klaue wieder zum Vorschein. Diese wurde ebenfalls an der Seite abgelegt.

Gideon ging, gefolgt von Equ und Peter, unter das angehobene Fahrzeug und trat an die Öffnung heran. Alle drei schauten gespannt in das schwarze Loch. Unterhalb der Stelle, wo die Steinplatte gelegen hatte, war ein überraschend großer, rechteckiger Schacht zu erkennen, ungefähr einen Meter lang und mindestens zwei Meter breit. An einer der Seiten waren regelmäßige Vertiefungen zu erkennen. Gideon vermutete, dass es sich um eine Art Stufen handelte. Andreas war ausgestiegen und blickte ebenfalls in das Loch. „Ich habe eine Tiefe von 40,7 m ermittelt, das ist mehr, als ich erwartet hatte“. „Das überrascht mich auch“ sagte Gideon. „Ich hoffe, wir sind auf der richtigen Spur. Für eine weitere Grabung fehlt uns in dieser Nacht die Zeit.“ „Das erfahren wir nur, wenn wir nachschauen.

Ich informiere die Kollegen und lasse uns hinunter“ sagte Andreas und stieg in das Fahrzeug. Eine Plattform erschien und schwebte bis über die Vertiefung.

Andreas kam wieder heraus, auf dem Rücken trug er, neben der obligatorischen Notfallausrüstung, einen Rucksack mit Werkzeugen. In der Hand hielt er eine kleine Steuerungseinheit, mit der er die Form der Plattform genau der Öffnung im Boden anpasste. Dann wurde noch ein Geländer ausgefahren. „Ich gehe zuerst“ sagte Gideon und betrat die Plattform.

Er gab Equ einen Wink, der ihm sogleich folgte. Andreas betätigte die Steuerung und die Plattform sank langsam in die Tiefe. Nach relativ kurzer Zeit erreichten sie festen Boden. Die Scheinwerfer des Fahrzeugs erhellten den Schacht ein wenig und Gideon konnte einen Gang erkennen.

„Alles klar. Wir scheinen auf der richtigen Spur zu sein“ sprach er in seinen Kommunikator. „Es gibt einen Durchgang. Ihr könnt kommen“. Er trat mit Equ in den Seitenschacht und die Plattform schwebte wieder nach oben. Finsternis umhüllte sie und sie schalteten ihre Beleuchtung ein. Vor ihnen war ein langer Gang zu erkennen, dessen Ende in der Finsternis verschluckt wurde. Die Luft war erstaunlich frisch und hatte nur einen schwach modrigen Geruch.

Nach einigen Minuten erschien die Plattform wieder, und Andreas und Peter traten ebenfalls staunend in den Gang, der ungewöhnlich groß war. Er hatte eine Deckenhöhe von mindestens 4 Metern und war so breit, dass sie alle nebeneinander laufen konnten. Andreas löschte die Lichter des Fahrzeuges und die Anspannung der vier Männer war nun deutlich zu spüren. Alle waren sich der Bedeutung dieses Augenblicks sehr bewusst.

Zögerlich setzten sie sich in Bewegung. Es war sehr wahrscheinlich, dass sie seit vielen tausend Jahren die ersten Lebewesen waren, die hier entlanggingen. Sie ließen ihre Lampen immer wieder über die Seitenwände gleiten, aber es war nichts zu erkennen, außer grob behauenem Stein. Keine Inschriften, keine Hinweise, keine Zeichen – nichts. Nach einiger Zeit, die ihnen in diesem dunklen Gewölbe sehr lang erschien, sagte Peter: „Da hinten scheint das Ende zu sein“ und er lenkte sein Licht auf eine weit entfernte Stelle. Sie beschleunigten ihre Schritte und schon bald standen sie vor einer Wand, in die eine massive steinerne Tür eingelassen war. Für einen Moment starrten sie nur schweigend auf den Durchgang, der versperrt war.

Andreas war der erste, der sich rührte und auf sein Display schaute. „Hinter dieser Tür liegt der Ursprung des Signals, das wir suchen. Dann wollen wir doch mal sehen, was wir tun können“ sagte er und betastet die Tür. Er drückte dagegen, fuhr mit den Fingern über den Stein, aber nichts rührte sich. Die anderen suchten ebenfalls nach einer Möglichkeit, die Tür zu öffnen.

Nach einer Weile sagte Equ „Das kann doch nicht sein. Es muss einen Mechanismus geben, um diesen Eingang zu öffnen. Das macht doch sonst keinen Sinn.“ Gideon betrachtete die Wand mit zusammengekniffenen Augen und sagte nachdenklich „Und wenn sich diese Tür nur von der anderen Seite öffnen lässt?“ „Das ergibt doch ebenfalls keinen Sinn. Wozu sollte das gut sein? Wenn es wirklich das ist, was wir vermuten, dann wäre es sehr kontraproduktiv, den Zugang zu verschließen“ sagte Equ. „Und wenn es nicht der einzige Zugang ist? Wenn diese Tür, die relativ leicht zu entdecken ist, keinesfalls von Unbefugten geöffnet werden sollte und lediglich zu Transportzwecken oder anderem diente?“ überlegte Gideon. „Das könnte möglich sein“ entgegnete Andreas. „Aber selbst, wenn es so wäre - das bringt uns jetzt nicht weiter. Wir haben keine Zeit nach weiteren Zugängen zu suchen. Wir müssen diese Tür öffnen. Und ich habe eine Idee, wie es möglich ist.“ Die anderen schauten ihn fragend an.

„Ich werde ein Loch bohren. Dann können wir auf die andere Seite schauen und wenn es so ist, wie du vermutest Gideon, dann müsste sich die Tür von dort öffnen lassen.“ „Gut. Mach dich an die Arbeit“ sagte Gideon. Andreas holte verschiedene Werkzeuge aus seinem Rucksack und bohrte mit einem Laserstrahl ein kleines Loch durch das dicke Gestein. Dann schob er eine Kamera, die mit einem kleinen Greifarm und einer Lampe ausgestattet war, durch die Öffnung. Auf einem Display verfolgten sie, wie die Kamera die Wand entlangfuhr. Schon nach kurzer Zeit entdeckte Andreas etwas. „Du hast recht“ sagte er an Gideon gewandt.

„Schau, hier ist tatsächlich ein Hebel.“ Gideon erkannte erst jetzt den steinernen Hebel, der auf dem kleinen Display nur für geübte Augen zu erkennen war. Unter den angespannten Blicken seiner Kollegen richtete Andreas den Greifarm aus, drückte auf das Display und sofort ging ein Ruck durch die steinerne Tür. Sand rieselte von den Wänden, Gestein schleifte über den Boden und die schwere Tür drehte sich laut um die eigene Achse. Sie blieb quer zum Gang stehen und der Durchgang war frei. Sie alle hatten den Atem angehalten und atmeten nun fast gleichzeitig aus. Verblüfft schauten sie die offene Tür an. Nacheinander betraten sie den verborgenen Raum und betrachteten staunend die große Halle, die sich vor ihnen auftat.

2.2 Heinrich (2)

Heinrich stand in der Schlange, um sein Geld abzuholen. Gott sei Dank hatte er es früh geschafft und musste nicht allzu lange warten. In der Einrichtung, die Obdachlose betreute, konnte jeder, der kein eigenes Konto und keine Meldeadresse hatte, am Anfang des Monats seine Sozialhilfe abholen und man konnte sogar ein Postfach einrichten. Es war nicht viel, aber seit die Unkosten für den Alkohol größtenteils weggefallen waren, kam er ganz gut über die Runden. Er musste nicht betteln, denn wenn man sein Geld einteilte, konnte man durchaus ganz passabel davon leben. Er hatte keinerlei Ausgaben, mit denen sich normale Menschen herumschlagen mussten – keine Miete, kein Auto, keine Versicherungen – nicht einmal für Essen musste er viel ausgeben, da er fast täglich in die Einrichtung ging. Kleidung bekam er kostenlos bei einer der Ausgabestellen und die Sachen waren meist erstaunlich gut. In den letzten Jahren waren sie immer besser geworden, und Heinrich dachte manchmal, dass die Qualität der Kleiderspenden so etwas wie ein Gradmesser für den Zustand einer Gesellschaft war.

Bei den Obdachlosen, die Drogen und Alkohol konsumierten – und das waren die meisten - wurde es eng. Da war das Geld nach ein paar Tagen verbraucht und sie mussten schnorren gehen oder sich auf anderer Weise die Kohle beschaffen. Aber das war nicht sein Problem. Jeder musste sehen, wo er blieb.

„Hallo Heinrich. Na, wie geht es dir?“ fragte Ralf. „Alles ok, wie immer“ sagte Heinrich. Er erhielt einen weißen Umschlag, auf dem sein Name stand, zählte das Geld und unterzeichnete den Erhalt. „Prima. Na dann, bis die Tage“ sagte der Sozialarbeiter. Sie kannten sich inzwischen einige Jahre und Heinrich mochte ihn irgendwie. Ralf war nicht einer dieser jungen, überengagierten Sozialheinis, die einen mit Fragen löcherten, in der Vergangenheit wühlten, Verständnis vorgaben, das sie nicht haben konnten und einen unbedingt wieder „auf den rechten Weg“ führen wollten. Ralf ließ ihn einfach in Ruhe, und das kam Heinrich sehr entgegen. Er vermutete, dass der Mann, der schon viele Jahre in diesem Job arbeitete, so viele Menschen hatte kommen und gehen und sterben sehen, dass er abgeklärt war und die Dinge realistisch sah. Vielleicht war er auch einfach nur desillusioniert. Heinrich war es gleich. Der Mann machte seinen Job, erkannte, wer zurechtkam und wer Hilfe brauchte und vor allen Dingen merkte er, wer seine Ruhe haben wollte. Den Anspruch, irgendwen retten zu müssen, hatte er lange nicht mehr, wenn er ihn überhaupt je gehabt hatte.

Heinrich steckte den Umschlag in seinen Rucksack, murmelte „bis dann“ und verließ das Gebäude. Auf der Treppe begegnete er Ulla, eine der wenigen Frauen, die Platte machten. Im Vorbeigehen sagte sie „Hallo Hein. Zahltag heute. Gib nicht alles auf einmal aus. Außer du hast Lust, dein Geld in mich zu investieren“. Sie lächelte ihn zahnlos an. „Nee Ulla, lass mal. Du findest einen Besseren als mich” sagte er und öffnete die Tür. „Ha, das glaubst du doch selber nicht. Naja, schade. Aber ich krieg dich noch“ rief sie ihm von der obersten Stufe hinterher und ihr heiseres Lachen wurde von einem Hustenanfall verschluckt. Die Tür fiel ins Schloss und Heinrich trat auf den großen Platz. Es war ein sonniger Herbsttag, aber der Schatten der mächtigen Kathedrale tauchte weite Bereiche in Zwielicht. Ein kühler Wind, der das Bauwerk ständig umwehte, blähte seine Jacke auf. Er überlegte kurz, wohin er jetzt gehen sollte, und überquerte dann schnellen Schrittes den zugigen Platz. Auf den weitläufigen Stufen saßen, wie immer, einige Menschen. Lachende Jugendliche mit lauter Handymusik, Touristen, die auf die hohen Türme starrten und Fotos machten, Reisende mit Koffern, die sich die Zeit vertrieben, bis ihr Zug kam, und einige dubiose Gestalten, um die die Meisten einen Bogen machten.

Heinrich ging unbeteiligt an den Menschen vorbei, hinüber zum Hauptplatz. Er setzte sich auf eine der Bänke, zog eine Flasche Bier, die er sich mal wieder gegönnt hatte, aus seiner Tasche und blickte zu den gewaltigen Türmen hinauf. Weiße und graue Wolken fegten vorbei und um die Spitzen kreisten ein paar Vögel – von hier unten betrachtet, nicht mehr als winzige dunkle Punkte. Er nahm einen Schluck aus der Flasche und bemerkte, dass sich jemand neben ihn setzte. Irritiert schaute er zur Seite, denn für gewöhnlich behielt er eine Bank für sich alleine. Niemand setzte sich gerne neben einen wie ihn. Dort saß ein junger Mann und blickte ebenfalls zu den Türmen hinauf. Verwundert wandte Heinrich den Blick ab und beobachtete die Menschen auf dem großen Platz. Geschäftsleute mit Aktentaschen eilten zum Bahnhof, Touristen versuchten erfolglos, das Bauwerk in seiner Gänze zu fotografieren, junge Mädchen liefen kichernd vorbei, etliche Künstler, oder solche, die sich dafür hielten, boten ihr Kunststücke dar. Aus der Ferne wehte die Musik von Straßenmusikern zu ihm hinüber.

„Das ist ein beeindruckendes Gebäude“ hörte er den jungen Mann sagen. Heinrich wandte sich kurz zu ihm um und bemerkte, dass der Mann tatsächlich mit ihm redete. Er fragte sich, aus welchem Land er wohl kam, denn er sah seltsam aus und sprach mit einem merkwürdigen Akzent. Vielleicht gab es in seinem Land keine Obdachlosen, sonst hätte er wohl kaum so unbefangen mit ihm geredet. Gab es überhaupt Länder ohne Obdachlose? fragte Heinrich sich und trank einen weiteren Schluck Bier. „Leben Sie in dieser Stadt?“ fragte der Mann wieder. „Mhm“ brummte Heinrich und nickte knapp. Was wollte der Kerl von ihm? „Kann man gut leben in dieser Stadt?“ kam die nächste Frage. Heinrich starrte den Mann an. Was war los mit dieser anscheinend völlig weltfremden Person? „Wenn man ein Dach über dem Kopf hat, eine Arbeit und etwas zu essen, kann man hier wohl ganz gut leben“ antwortete er leicht gereizt. Der Mann schien nachzudenken. „Haben sie ein Dach über dem Kopf und eine Arbeit und etwas zu essen?“ fragte er. „Sehe ich so aus?“ fragte Heinrich ärgerlich und erhob sich. Jetzt konnte er nicht einmal mehr in Ruhe auf einer Bank sitzen, ohne vollgequatscht zu werden. Er schlurfte davon und spürte den Blick des Mannes in seinem Rücken. Ein merkwürdiges Gefühl beschlich ihn.

Als er an dem gewaltigen Portal vorbeikam, entschied er sich spontan, dem Dom einen Besuch abzustatten. Vielleicht hatte er dort seine Ruhe. Fast jeden Tag führte sein Weg ihn hier vorbei, aber meist hatte er keinen Blick dafür übrig, und betreten hatte er das Gebäude seit Jahren nicht mehr. Warum auch, er war nicht gläubig. Wenn er es je gewesen wäre, so hätten ihm die letzten Jahre jeden Funken Glauben genommen. Er reihte sich in die kleine Menschenmenge ein, die durch die gläsernen Türen ins Innere strömte. Aus den seitlichen Türen verließen ebenso viele Leute den Dom. Wie viele Besucher mochten hier wohl täglich ein- und ausgehen?

Als er das Mittelschiff betrat, blieb er einen Moment lang stehen. Der Duft von Weihrauch schlug ihm entgegen, den er merkwürdigerweise als angenehm empfand. Er erinnerte sich, dass er den Geruch in seiner Jugend fast unerträglich gefunden hatte. Verwundert blickte er sich um. Normalerweise wirkten Orte und Gebäude, die man viele Jahre nicht besucht hatte, beim Wiedersehen kleiner. Nicht so dieser Ort. Er betrachtete die gewaltigen Säulen, die sich irgendwo in schwindelnder Höhe verloren. Das ganze Bauwerk war wirklich eine architektonische Meisterleistung. Das Sonnenlicht, das durch die Bleiglasfenster fiel, machte die sonst unsichtbaren Staubkörner sichtbar. Tausende winzige, glitzernde Punkte segelten durch die Luft. Alte, griesgrämig aussehende Kirchenmänner schlichen in roten Roben umher. Langsam ging er durch die weitläufige Halle. Ihm fiel auf, wie laut es war. Die vielen Besucher unterhielten sich alle in normaler Lautstärke und fast jeder fotografierte unentwegt.

‚Sogar dieser Ort verliert langsam seinen Zauber’ ging es ihm durch den Kopf. In seiner Erinnerung war es hier immer sehr still gewesen, so wie man es in Kirchen gewohnt war. Er kam sich jetzt eher vor wie auf einer belebten Einkaufsstraße, wo die Passanten sich über die Auslagen in den Geschäften und den neuesten Tratsch unterhielten. Merkwürdig, er hatte nie eine Beziehung zu Gotteshäusern aufbauen können, aber das hier fühlte sich falsch an. Aber was machte er sich darüber Gedanken, es konnte ihm doch egal sein.

Sein Weg führte ihn an einer Stelle vorbei, an der man eine Kerze entzünden konnte. Hunderte kleine Lichter brannten in zahlreichen Reihen. Bei jedem zarten Luftzug flackerten sie leicht. Es hatte etwas von Weihnachten. Weihnachten, wie es früher einmal gewesen war.

Er starrte auf die zuckenden Lichter und sah seinen Sohn und seine kleine Tochter unter dem schön geschmückten Weihnachtsbaum sitzen und Geschenke auspacken. Er roch Marzipan und Lebkuchen. Er griff ganz automatisch nach einer kleinen Kerze, zündete sie an und stellte sie zu den vielen anderen. Verdammte Erinnerungen. Musste man sich nicht etwas wünschen oder an jemanden denken, wenn man eine Kerze anzündete, fragte er sich. Aber ihm fiel nichts ein.

Er legte aus Pflichtgefühl ein paar Cent in die Box, obwohl er immer schon der Meinung gewesen war, die Kirche sei reich genug. Er blickte sich kurz um, denn er hatte immer noch das Gefühl, den Blick des merkwürdigen Mannes zu spüren. Er steuerte den Ausgang an, verließ den Dom und nahm sich vor, ihn nicht wieder zu betreten. Zu viele Menschen, zu viel Lärm und zu viele unerwünschte Erinnerungen.

Draußen schaute er noch einmal hinauf zu den beeindruckenden Türmen. Wie waren die Menschen nur darauf gekommen, seit Jahrhunderten – oder waren es schon Jahrtausende? - überall auf der Welt Unmengen Geld und Arbeitskraft in Gebäude zu stecken, die einzig der Anbetung eines Gottes gewidmet waren, den niemals jemand gesehen hatte und dessen Existenz bis heute umstritten war? Wie viele Schulen, Waisenhäuser oder Armenhäuser hätte man stattdessen bauen können, wie viel Brote hätte man mit dem Geld und dem Gold backen können? Um wie vieles besser könnte die Welt heute sein….

Nicht zu vergessen die vielen Kriege, die im Namen eines Gottes oder eines Glaubens geführt worden waren und immer noch geführt wurden.

Wie viele Millionen Menschen wären nicht gestorben, wenn niemand auf die absurde Idee gekommen wäre, einen übermächtigen, unsichtbaren Gott anzubeten. Die Menschheit war total verrückt. Und Gott, sofern es ihn gab, war mit Sicherheit schon lange weit weg, hatte resigniert und kümmerte sich nicht mehr um die Belange seiner durchgeknallten Schützlinge.

Heinrich schüttelte den Kopf und beschloss, sich heute einen guten Kaffee und ein Quarkteilchen zu gönnen. Vielleicht auch noch ein Bier, nach diesem merkwürdigen Tag. Dann würde er zum Fluss gehen, sein Teilchen essen, die Erinnerungen vergessen und den vorbeifahrenden Schiffen zusehen.

2.3 Der Fund

2 Monate vor Konferenz

4 Monate vor erwartetem Einschlag

Die vier Männer standen regungslos im Dämmerlicht, und für einen Moment sprach niemand. Equ war der Erste, der sich regte und Worte fand „Das ist ja eine Überraschung – unglaublich.“ „Ich werde etwas mehr Licht machen“ sagte Andreas, holte eine weitere Lichtquelle aus seinem Rucksack und beleuchtete den Raum.

Sie befanden sich in einer großen, rechteckigen Halle mit sehr hoher Decke. Wände und Boden bestanden aus glatten und präzise bearbeiteten Steinen. Die Halle erschien auf den ersten Blick vollkommen leer, das Ende verlor sich in der Dunkelheit. Die Luft roch hier muffig und abgestanden. „Was hat das zu bedeuten?“ fragte Peter im Flüsterton, ohne eine Antwort zu erwarten.

Gideon schaute sich konzentriert in der Halle um und ging dann langsam im Schein der Lampe weiter. Die Männer folgten ihm. Ihre Schritte hallten in der Stille, die Jahrtausende hier geherrscht hatte, unnatürlich laut auf dem ebenen Boden. Plötzlich ertönte Peters Stimme. Er stand an einer der Wände und kratze mit einem Werkzeug an der Oberfläche. „Massiver Granit. Gute Arbeit“ sagte er anerkennend. Gideon nickte nur und ging langsam weiter.

Hier und da standen zu seiner Verwunderung einige Dinge herum, die überhaupt nicht in dieses Gewölbe passten. Es waren ausschließlich menschliche Gerätschaften und sie waren sehr alt. Eine brüchige Holzleiter mit einigen fehlenden Stufen lehnte an einer Wand. Ein kaputter Eimer stand verloren im Schatten, das Holz modrig und durchlöchert. Ein paar einfache Werkzeuge lagen verstreut auf dem Boden.

Peter steuerte auf eine kreisrunde Mauer zu, die sich an einer Seite befand. „Hier ist ein Brunnen“ sagte er überrascht. Alle schauten in das gähnende Loch. „Erstaunlich“ sagte Gideon „er führt immer noch Wasser“. Ganz am Ende der Halle schälte sich der schemenhafte Umriss eines rechteckigen Objektes aus dem Dunkel. Sie beschleunigten ihre Schritte und blieben verblüfft vor dem Kasten stehen. Equ fand als erster die Sprache wieder und sagte: „Was ist das? Das sieht ja aus wie…“ „Wie eine alte Kältekammer“ ergänzte Gideon. „Ich wusste es!“ sagte er fast triumphierend - die Männer schauten sich fragend an.