Im Anfang III - Mika Lamar - E-Book

Im Anfang III E-Book

Mika Lamar

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Beschreibung

Auf der großen Konferenz überrascht der junge Wissenschaftler David alle Teilnehmer mit einem bemerkenswerten Vorschlag. Auch die Entscheidung der Ältesten über die Weiterführung oder den Abbruch des Projektes - und damit über den Fortbestand oder den Untergang der Menschheit - ist überraschend. Die Reaktion des Kommandanten Aaron auf den unerwarteten Beschluss ist verstörend. Auch Namaans unerschütterlicher Optimismus wird auf eine harte Probe gestellt. Aarons alter Freund und Konkurrent Gideon wird eine weitreichende Entscheidung treffen und David wird vor enorme Herausforderungen gestellt. Auch Eliam wird eine neue Rolle zugedacht. Welches Schicksal erwartet die Menschen? Im dritten Teil erfahren wir, ob das Waisenkind Jasna ihr neues Zuhause kennenlernen wird. Ob der Polizist Pedro seine Schussverletzung überlebt und ob der Schriftsteller Dietmar jemals die Wahrheit erfahren wird. Im letzten Teil der Trilogie entscheidet sich das Schicksal aller.

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2022

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„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde verging, und das Meer ist nicht mehr.“

(Offenbarung 21,1)

Für Nina & Lena & Eva

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Was bisher geschah

Phase III – Das Ende der Reise

Irgendwo in Afrika

3.1 Die Entscheidung

3.2 Verloren

3.3 Teilnehmer der Rettungsmission

3.4 Heinrich (3)

3.5 Eine Gefälligkeit

3.6 Estelle (3)

3.7 Die alte Heimat

3.8 Gabrielle (3)

3.9 Wo ist Aaron?

3.10 Pedro (3)

3.11 Die Heilige Stadt

3.12 Die Suche

3.13 Alexander (3)

3.14 Nur eine Ruine

3.15 James (3)

3.16 Unauffindbar

3.17 Theresa (3)

3.18 Der Hirte

3.19 Jasna (3)

3.20 Gescheitert

3.21 Das Theater

3.22 Theresa (4)

3.23 Angst

3.24 Pedro (4)

3.25 Reaktionen

3.26 Theresa (5)

3.27 Gabrielle (4)

3.28 Ein Besuch auf der Arche

3.29 Theresa (6)

3.30 Dietmar (3)

3.31 Tag X

3.32 Eine Farm in Colorado

3.33 Es beginnt

3.34 Jake und Bill

3.35 Das Ende

3.36 Die große Stille

3.37 Abschied

3.38 Der lange Schlaf

3.39 Die Vision

3.40 Die letzte Entscheidung

Epilog

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

auch im dritten Teil erübrigt sich ein Vorwort. Aber eines kann ich versprechen – es wird spannend.

Unterhaltsames Lesevergnügen.

Mika

Die Gedanken sind frei, frei, frei!

Was bisher geschah:

Der Asteroid MK342 nähert sich weiterhin der Erde und birgt das Potenzial, den Planeten komplett zu zerstören.

Die Mission Sachmet, die seit einigen Monaten in Erdnähe stationiert ist, hat die aktuelle Situation auf der Erde analysiert und die Ergebnisse auf der kürzlich erfolgten großen Konferenz den Ältesten vorgestellt. Sie müssen nun die schwierige Entscheidung treffen, ob es eine Möglichkeit gibt, den Asteroiden abzulenken oder die Erde und ihre Bewohner ihrem Schicksal zu überlassen.

Während der Analysen wurde auf der Erde ein ungewöhnliches Signal entdeckt, dem Gideon nachging und unter der Sphinx eine Kühlkammer fand. Darin befand sich Lucifer – der legendäre Kommandant der Mission Aztlan – der über 10.000 Jahre in der Kammer überlebt hat. Nachdem er aufwachte, berichtete er über die damalige Katastrophe und erzählte interessante Begebenheiten aus der fernen Vergangenheit.

Lucifer und Eliam bauten eine Beziehung auf. Lucifer erfuhr, dass Eliam, genau wie Aaron und Gideon, schon bei der letzten großen Mission (Rasul) dabei war. Auch berichtete Eliam von Begebenheiten aus seinem Leben auf der Erde und den zum Teil dramatischen Erlebnissen, die ihm widerfuhren.

Während die Forscher auf der Raumstation sich auf die Konferenz vorbereiteten, lebten die Menschen weiterhin ihre Leben. Heinrich – der Obdachlose, der in den Tag lebt, ohne den Sinn seines traurigen Daseins ergründen zu können.

James – der Banker, dessen Ex-Frau Probleme macht, weil er nach wie vor zu selten Zeit für seine kleine Tochter findet. Theresa - die Sekretärin, die nicht den Mut aufbringt, ihrem gleichförmigen Dasein zu entfliehen. Dietmar – der Forscher und Buchautor, der daran glaubt, dass einst Außerirdische die Erde besuchten und damit hadert, von der Wissenschaft nicht ernstgenommen zu werden. Gabrielle – die Aussteigerin, die der Welt und auch ihrem Freund Steve den Rücken gekehrt hat und nun ganz alleine in den Wäldern im hohen Norden lebt. Alexander - der Archäologe, der inzwischen seine große Reise angetreten hat. Estelle – die junge Studentin, die sich um den Zustand der Welt sorgt und sich ihre Zuneigung zu Olivier nur zögerlich eingestehen will. Jasna - das Waisenkind, das bald zu seinen Adoptiveltern in sein neues Zuhause in ein fernes Land reisen wird. Pedro – der Polizist aus Südamerika, der bei einem Einsatz niedergeschossen wurde.

Das zweite Buch endet mit der großen Konferenz, auf der der Zustand der Erde dargelegt wurde. Zum Schluss trugen die Kommandanten ihre Einschätzungen vor. Dann meldete sich der junge Wissenschaftler David zu Wort und unterbreitete den Ältesten eine ungewöhnliche Idee.

Gideon befürwortete, nach Auswertung aller Daten, nach wie vor den Rückzug von dem Projekt. Aaron hingegen zeigte Möglichkeiten zur Weiterführung auf. Und David überraschte mit dem Vorschlag, die Menschen mit erhöhten Genmarkern auf große Archen zu evakuieren und in den Kälteschlaf zu versetzen. In ca. 500 Jahren könnten diese Personen dann auf der teilweise regenerierten Erde einen Neubeginn starten.

Nun steht der Beschluss der Ältesten an und es wird sich entscheiden, ob die Ablenkung des Asteroiden machbar ist, ob ein Rückzug erfolgen wird oder ob dem unerwarteten Vorschlag Davids gefolgt wird.

Es bleiben jetzt noch 2 Monate bis zum Einschlag des Asteroiden.

Phase III – Das Ende der ReiseProlog 3

Irgendwo in Afrika

200.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung

Sie trat aus dem dichten Dschungel und blieb abrupt stehen. Sie wusste genau, wie weit sie gehen konnte. Sie schaute in die weite Landschaft, streckte die Arme und legte beide Hände auf die durchsichtige Wand - jene Wand, die das ganze Gebiet umschloss, in dem sie seit einiger Zeit lebte. Sie wusste nicht mehr, wie sie hierhergekommen war. Eines Tages war sie aufgewacht und hatte nicht in der Savanne gelegen, sondern unter hohen, grünen Bäumen auf weichem Waldboden. Feuchte Luft hatte sie umgeben und bunte Vögel waren durch die Baumkronen geflattert - und sie war allein gewesen.

Ängstlich und sehr vorsichtig hatte sie begonnen, den Wald zu erkunden, und war nach kurzer Zeit auf BoBo gestoßen. Natürlich hatte sie ihm diesen Namen nicht gegeben, denn sie kannte keine Namen. Sie kannte nur Gesichter und Gerüche. Es waren die fremdartigen Wesen, die ihr und BoBo Namen gegeben hatten. Ihr Name war Lucia. Zuerst hatte sie die Wesen nur aus der Ferne gesehen.

Sie waren groß, viel größer als sie und BoBo, und hatten nur sehr wenige, sehr helle Haare, aber sie hatten zwei Arme und zwei Beine, genau wie sie. Lucia hatte sich jedes Mal schnell versteckt, wenn sie aufgetaucht waren. BoBo war immer in ihrer Nähe gewesen, das hatte sie beruhigt. Nach einiger Zeit war BoBo ihr Gefährte geworden. Er war stark und mutig. Aber sie war auch mutig.

Seit dieser Zeit hatten sie gemeinsam das große Gebiet durchstreift und jeden Winkel erkundet. Inzwischen fühlte sie sich sehr sicher in ihrem neuen Lebensraum. Manchmal vermisste sie zwar ihre Gruppe, aber sie hatte schnell erkannt, dass es hier viel besser war als in der Savanne, wo sie früher gelebt hatte. Es gab keine Raubtiere und es gab viel mehr Essen. Überall wuchsen Früchte, Pilze und Beeren. Kleine Bäche mit klarem Wasser durchzogen den Wald.

Und auch die fremden Wesen machten ihr keine Angst mehr. Sie hatte erkannt, dass von ihnen keine Gefahr ausging. Sie waren immer da, beobachteten sie und BoBo, und regelmäßig brachten sie besonderes Essen und riefen ihre Namen - aber niemals taten sie ihnen etwas zu leide.

Auf einem ihrer Streifzüge hatten sie die Wand entdeckt. Bobo war heftig dagegen gestoßen, weil diese Wand unsichtbar war. Sie waren schreiend in den Wald gerannt und hatten sich versteckt. Doch nach einiger Zeit war die Neugierde zu groß geworden und sie waren wieder hingelaufen. Vorsichtig hatten sie die unsichtbare, harte Wand betastet und beschnuppert. Es war sehr verstörend gewesen, denn man konnte die Begrenzung nicht sehen und sie hatte auch keinen Geruch. Tagelang waren sie tastend ihrem Verlauf gefolgt und irgendwann waren sie wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt.

Sie hatten Stöcke, Gras und Erde gegen die Wand geworfen und manches war daran kleben geblieben. Da hatten sie begriffen, dass sie das Gebiet nicht verlassen konnten. Aber das wollten sie auch gar nicht. Nie hatten sie so gut und gefahrlos gelebt wie hier.

Es gab immer frisches Wasser und Nahrung im Überfluss. Auch konnten ihnen die Tiere außerhalb der Begrenzung nichts zuleide tun. Einmal war ein Löwe an der Wand entlang gestreift. Sie hatten sich auf die Bäume geflüchtet und ihn beobachtet. Der Löwe hatte mit der Pranke gegen die Wand geschlagen, doch nichts passierte und nach einer Weile war er weggegangen. Er konnte nicht hinein.

Es gab für sie also keinen Grund, sich wieder in die trockene, gefährliche Savanne zu wagen.

Lucias Hände ruhten noch immer auf der durchsichtigen Wand. Sie hörte, wie BoBo aus dem Dschungel kam und sich neben sie stellte. Auch er legte seine großen Hände auf die Wand und zusammen blickten sie hinunter auf das gelbe Land, das sich bis zum Horizont erstreckte. In der Ferne sahen sie zwei große Gebiete, die aussahen wie die Panzer riesiger Schildkröten. Aber ihre Oberfläche schimmerte silbrig wie gebogenes Wasser und das Sonnenlicht, das darauf fiel, blendete sie bis hierher.

Nach einiger Zeit, die Sonne stand schon tief und warf lange Schatten, gingen sie zurück in den Wald, um sich ihre Schlafnester zu bauen. Ihr Weg führte sie an der weitläufigen Lichtung vorbei, die sich im Zentrum des Waldes befand und wo am Abend immer besonderes Futter bereitstand. Lucia sah sich um, aber die Leckereien waren noch nicht da. Ihr Blick streifte die Felswand, die die Lichtung begrenzte. Im Schein der letzten Sonnenstrahlen entdeckte sie plötzlich einen Spalt in der Wand, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Vorsichtig ging sie näher heran. Niemand war zu sehen. Als sie den Felsen erreicht hatte, spähte sie in den Spalt. Sie konnte nichts erkennen, nur in der Ferne leuchtete ein schwaches Licht. BoBo stand aufgeregt schnuppernd hinter ihr. Lucia fasste mit der Hand behutsam tastend in den Spalt. Eine große Platte schwang zur Seite.

Erschrocken sprangen sie beide zur Seite, näherten sich aber sogleich wieder der dunklen Öffnung, die nun in dem Felsen entstanden war und aus der bekannte und unbekannte Gerüche hinausströmten. Sie roch auch den Duft ihrer Lieblingsfrüchte. Geräusche waren keine zu hören. Vorsichtig machte sie einen Schritt in das Dämmerlicht und folgte wachsam dem engen Gang. BoBo folgte ihr zögerlich.

Als sie nach einigen Metern um eine Ecke bog, blendete sie ein helles Licht. Sie wich erschrocken zurück in den Schutz der Dunkelheit. Der Duft war stärker geworden. Sie spähte um die Ecke und sah einen Raum, in dem viele fremdartige, glänzende Dinge und eine Schale mit Obst auf einem Tisch standen. Langsam betrat sie den Raum. Das Licht war viel zu hell und überall blinkten kleine, farbige Lichter. Als sie in der Mitte des Raumes war, hörte sie die Stimmen der Wesen. Sie bekam Angst und sprintete los.

Sie schnappte sich die Früchte und ein paar kleine, glänzende Dinger, die neben der Schale lagen und rannte zurück. Dabei stieß sie einige Sachen um, die scheppernd zu Boden fielen. BoBo, der am Eingang des Raumes stehengeblieben war, hatte die Wesen ebenfalls gehört und begann aufgeregt zu schreien.

Als sie den Gang erreicht hatte, blickte Lucia sich kurz um und sah zwei der Wesen, die von der anderen Seite in den Raum gerannt kamen. Sie blieben kurz stehen und schauten sich um. Schnell entdeckten sie Lucia und BoBo und kamen laut rufend auf sie zu gerannt. Lucia, die keine Sprache kannte, hörte nur ihre Namen aus den aufgeregten Lauten heraus. Kreischend flohen sie vor den Wesen durch den Gang und erreichten den Ausgang und die rettende Lichtung.

Lucia rannte in den Wald, gefolgt von BoBo. Nach einer Weile kletterte sie auf einen Baum und ließ sich hoch oben auf einem breiten Ast nieder. BoBo setzte sich neben sie. Kurz danach kamen auch die Wesen angelaufen. Aber Lucia hatte jetzt keine Angst mehr. Sie wusste, dass sie nicht klettern konnten, denn sie hatte sie noch nie auf einem Baum gesehen.

Es dauerte nicht lange, da entdeckten die beiden Wesen sie und einer rief wieder ihre Namen. Er machte Zeichen und wollte anscheinend, dass sie von dem Baum stiegen.

Das andere Wesen redete auf den Größeren ein und lief dann eilig weg. Lucia kümmerte es nicht. Sie wollte ihre Früchte essen und dachte nicht daran, hinunterzuklettern. Sie legte das Obst auf den Baumstamm und sah die kleinen glänzenden Dinger, die sie noch in der Hand hielt. Sie schnupperte daran, doch sie hatten keinen Geruch. Auch BoBo nahm sich eines der Dinger und beäugte es neugierig. Die Rufe des Wesens wurden lauter, aber Lucia beachtete ihn nicht. Sie war zu sehr mit der Untersuchung des unbekannten Objektes beschäftigt.

Ganz vorsichtig biss sie in die harte Schale. Es knackte leise und ein süßlicher Saft floss in ihren Mund. So etwas hatte sie noch nie gekostet. Der Saft prickelte auf ihrer Zunge und sie verzog die Lippen, als sie ihn runterschluckte. Sie verharrte einen Moment und nahm sich dann noch eines der Teile.

BoBo hatte seines noch in der Hand und blickte verunsichert nach unten zu dem inzwischen schreienden Wesen. Er wusste nicht, was er tun sollte.

Lucia knuffte ihn in die Seite und zog damit seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie biss in das zweite Ding und bedeutete BoBo es ihr gleich zu tun. Zögernd biss auch er in das glänzende Teil und verzog ebenfalls das Gesicht.

Lucia hatte Spaß daran, BoBo zu beobachten, die kleinen Dinger zu knacken und die Verfolger an der Nase herumzuführen. Sie nahm eine der Früchte, biss genüsslich hinein und war plötzlich sehr müde. Als ihr die Frucht aus der Hand fiel und sie von dem Ast glitt, dachte Lucia an ihr Schlafnest, das sie noch nicht vorbereitet hatte. Den Aufprall auf dem Boden spürte sie schon nicht mehr.

Als Lucia erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel. Sie blinzelte und blickte in das karge Blätterdach eines ausladenden Baumes. Sie spürte den harten Boden unter sich. Die Luft war trocken und staubig. Sie setzte sich auf und schaute sich benommen um. Neben ihr lag BoBo und schlief.

Sie war wieder in der Savanne. Aber alles sah so anders aus, als sie es in Erinnerung hatte. Auch BoBo sah anders aus. Sie hatte noch nie bemerkt, wie lang die Haare an seinen Augen waren. Sie schnupperte an seinem Fell.

Er roch wie immer, aber irgendetwas war anders. Sie erhob sich, um besser sehen zu können. Sie war in einem ihr unbekannten Gebiet. Vereinzelte Bäume standen verstreut in der weiten Landschaft. Sie stupste BoBo in die Seite und langsam erwachte er. Auch er blinzelte und schaute sich verwundert um. Sie hockte vor ihm und machte Laute, zeigte aufgeregt in die Savanne. BoBo war ebenso verwirrt wie sie.

Dann saßen sie einen Moment ganz still und schauten sich nur an - und erkannten einander plötzlich mit anderen Augen. Es war einer dieser bedeutsamen Momente, die nur ganz selten geschehen, und obwohl sie es nicht hätten benennen können, spürten Lucia und BoBo die Magie dieses Augenblicks. Dann war er vorbei und nach einer Weile machten die beiden sich auf den beschwerlichen und gefährlichen Weg durch die Savanne.

Sie wollten zurück zu dem wunderbaren Ort, an dem sie so lange gelebt hatten.

Sie liefen und liefen, trafen unterwegs andere ihrer Art, die ebenso wie sie auf der Suche zu sein schienen. Sie schlossen sich zu einer Gruppe zusammen und wanderten immer weiter durch die Savanne – aber nirgendwo fanden sie das grüne Land.

Einmal kamen sie in ein Gebiet, in dem – nur manchmal und kaum wahrnehmbar – vertraute Düfte durch die Savanne wehten. Aber auch hier war keine Spur des großen Waldes zu entdecken. Sie fanden nur große Kuppeln, die weit verteilt auf der Ebene standen. Sie glänzten wie silbriges, gebogenes Wasser. Niemand traute sich, diese merkwürdigen, fremdartigen Gebilde aus der Nähe zu betrachten. So gingen sie in einem großen Bogen um die Dinger herum und wanderten weiter und weiter.

Sie liefen am Rande einer großen Sandwüste vorbei, durchquerten grüne Wälder, kletterten über Hügel und Berge. Es wurde kühl und dann wieder heiß und die Welt, die sie kannten, veränderte sich mit jedem Tag. Die Gerüche waren fremd, unbekannte Tiere streiften ihren Weg und manchmal ging jemand aus ihrer Gruppe verloren.

Hin und wieder stießen sie auf andere Gemeinschaften, die entweder ebenfalls auf dem Weg waren oder sich irgendwo niedergelassen hatten. Manchmal schlossen sie sich zusammen, manchmal ging jede Gruppe ihrer Wege. Bei solchen Begegnungen verließen immer einige Mädchen den Stamm und lebten fortan bei den anderen. Zwei Töchter verlor Lucia auf diese Weise. Aber ebenso schlossen sich junge Mädchen Lucias Clan an.

Eines Tages endete ihre Reise jäh, als sie an ein großes Wasser kamen. Wellen schlugen an den Strand und das Wasser schmeckte salzig. Nie zuvor hatten sie ein größeres Wasser gesehen – es reichte bis an den Horizont. Hier war die Welt zu Ende. Sie wanderten einige Zeit an der Küste entlang und eines klaren Tages sahen sie in weiter Ferne gelbe Hügel aus dem Wasser ragen. Lucia war ganz aufgeregt und zeigte auf das ferne Land. Auch die anderen blickten neugierig dort hin. Aber es gab keine Möglichkeit, zu diesem Ort zu gelangen.

Also ließen sie sich am Ufer nieder und lebten viele Jahre dort. Manchmal war das gelbe Land hinter dem großen Wasser zu sehen, dann wieder nicht. Hin und wieder verließen einige Mitglieder die Gemeinschaft und zogen weiter, manchmal kam ein fremder Clan und blieb bei ihnen. Die Kinder planschten oft im Meer.

Eines Tages trieb einer der Jungen ein Stück ab, dorthin, wo das Wasser tief wurde. Alle schrien aufgebracht durcheinander, einige wateten ins Wasser und versuchten, ihn mit Stöcken zu erreichen. Aber er trieb immer weiter ab, schlug mit den Armen um sich und tauchte immer wieder unter. Er war verloren, wie so viele vor ihm.

Dann sahen sie, wie der Junge in der Ferne plötzlich ganz ruhig wurde und gleichmäßig mit den Armen ruderte. Er ging nicht mehr unter. Die Gruppe lief aufgeregt am Strand hin und her. Nach einiger Zeit näherte sich der Junge wieder dem Strand. Niemand konnte verstehen, wie das möglich war. Sie liefen ihm entgegen und zogen das erschöpfte Kind aus dem Wasser.

So kam es, dass der erste von ihnen schwimmen lernte und es allen anderen Kindern beibrachte. Viele Jahre später waren sie ein Volk von Schwimmern geworden und fühlten sich im Wasser ebenso wohl wie auf dem Land. Sie lernten Fische zu fangen und tauchten nach Muscheln und Krebsen.

Längst hatte der Stamm den Zweck ihrer Reise vergessen. Nur Lucia, die nie das Schwimmen erlernt hatte und alt geworden war, erinnerte sich noch an das grüne Land, in dem sie einst mit BoBo gelebt hatte. Oft saß sie am Strand, sah den jungen Leuten zu, die auf Baumstümpfen im Wasser trieben, tauchten und fischten. Oder sie blickte in die Ferne und fragte sich, ob das grüne Land wohl hinter dem Wasser, irgendwo hinter den gelben Bergen zu finden sei.

Sie erlebte den Tag nicht mehr, als ihre Sippe, viele Generationen später, auf Flößen die Meerenge überquerte und den heißen Kontinent verließ. Sie war nicht dabei, als ihre Nachkommen weiter und weiter durch fremde Gebiete wanderten, eisige Steppen und trockene Wüsten durchquerten, schneebedeckte Gebirge überwanden und letztlich jeden Winkel der Erde erkundeten und besiedelten.

Für Lucia war ihre Reise an diesem Meer zu Ende gewesen. Sie hatte nur am Strand sitzen und von dem verlorenen Land träumen können.

Sie konnte nicht ahnen, dass sie diesen Traum an ihre Kinder und deren Kinder und Kindeskinder weitergegeben hatte. Sie konnte nicht ahnen, dass die Menschen ihre Suche fortsetzen würden, ohne zu wissen, wonach sie suchten.

Und sie konnte nicht ahnen, dass alle nachfolgenden Generationen, dass jeder einzelne Mensch, tief in seinem Inneren verborgen, diese Sehnsucht in sich tragen und immer auf der Suche nach dem verlorenen Paradies sein würde.

3.1 Die Entscheidung

2 Monate vor erwartetem Einschlag

Es herrschte angespannte Stille in dem großen Saal, der wieder bis auf den letzten Platz besetzt war. Aaron und Gideon saßen wie üblich in der Mitte des Raumes mit Blick auf alle Sitzreihen. Die transparente Bildwand hing wieder wie stilles, klares Wasser zwischen den Kommandanten und der Besatzung. Gideon schaute in die Reihen der Wissenschaftler. Einige führten gedämpfte Unterhaltungen, aber die meisten waren in Gedanken versunken oder saßen still in erwartungsvoller Anspannung. In wenigen Minuten würden die Ältesten die Entscheidung bekanntgeben, und jedem war die Bedeutung dieser Worte bewusst. Gideon wandte den Kopf. Aarons blasses Gesicht zeigte einen entschlossenen Ausdruck, aber Gideon wusste, was in seinem alten Freund vorging. Er spürte seine Nervosität, seine Furcht und seine schwache Hoffnung, fast als wäre es seine eigene. Gideon wusste auch, dass in ein paar Minuten der letzte Hoffnungsfunke unwiederbringlich zerstört werden würde – die Ältesten konnten, nachdem was sie gehört hatten, nicht anders entscheiden. Auch der Vorschlag dieses jungen Wissenschaftlers konnte unmöglich ihre Zustimmung gefunden haben.

Es hatte im Laufe der Zeit immer wieder ähnliche Versuche gegeben, die allesamt gescheitert waren. Er ahnte, was das für Aaron bedeuten würde und wieder regten sich Mitgefühl und Sorge in ihm. Er würde sich nach der Entscheidung um Aaron kümmern müssen. Obwohl er wohl der Letzte war, von dem Aaron sich würde helfen lassen. Wahrscheinlich würde er ihm sogar eine Mitschuld am Abbruch des Projektes zuschreiben. Aber er würde Wege finden, seinem alten Freund zur Seite zu stehen. So, wie er immer Mittel und Wege fand, seine Ziele zu erreichen. Aaron hatte wohl Gideons intensiven Blick gespürt und drehte den Kopf zu ihm. „Was…“ setzte er an, doch in diesem Moment erschienen der kleine Rat und die Ältesten auf der Bildwand, die sofort alle Blicke auf sich zogen.

„Kamala und Baladeva und der Rat begrüßen die Kommandanten und die Crew der Osiris“ ertönte die Stimme von Baladeva durch den Raum.

„Seid gegrüßt kleiner Rat, seid gegrüßt Kamala und Baladeva“ sagte Aaron mit erstaunlich fester Stimme und auch Gideon begrüßte die oberste Instanz von Plejsus. „Wir wollen es kurz machen, da wir nicht genau wissen, wann die Verbindung abbrechen wird. Wir haben uns mit den Ratsmitgliedern beraten und uns dann zur abschließenden Entscheidungsfindung zurückgezogen. Wir haben alle vorliegenden Daten gesichtet und bewertet und sind – nicht zuletzt durch engagierte Mitarbeiter eurer Crew – relativ schnell zu einem einstimmigen Ergebnis gelangt.“ Er machte eine kurze Pause und jeder im Raum schien das Atmen vergessen zu haben. „Wir haben uns entschieden, das Projekt fortzuführen.“

Gideon starrte ungläubig auf die Bildwand, dann zu Aaron. Er sah, wie Aarons Miene sich augenblicklich aufhellte und alle Last der letzten Monate von seinen Schultern fiel.

„Wir schließen uns dem sinnvollen Vorschlag von David an“ fuhr Kabala fort „und werden zwei Archen bereitstellen, die die Menschen sowie einige Tiere, Pflanzen und genetisches Material in Sicherheit bringen und nach gegebener Zeit, sobald der Planet wieder bewohnbar sein wird, auf die Erde entlassen werden.“ Gideon war überrascht von dieser Entscheidung, hatte er doch fest damit gerechnet, dass die vorliegenden Ergebnisse keine andere Entscheidung als den kompletten Abbruch zulassen konnten. Den Vorschlag von David hatte er, in Anbetracht der vorliegenden Fakten, sofort verworfen, da er ihn für viel zu aufwendig gehalten hatte. Er blickte wieder zu Aaron, der sein Entsetzen nicht verbergen konnte. Die gerade aufgekeimte Freude brach zusammen wie ein Kartenhaus. Für einen Moment befürchtete Gideon, dass Aaron auf der Stelle ebenso zusammenbrechen würde. Doch er fing sich erstaunlich schnell und seine Miene versteinerte.

Baladeva fuhr fort: „Wir haben uns die Entscheidung, aufgrund seiner Tragweite, nicht leichtgemacht. Aber anhand der vorliegenden Fakten über den Zustand des Planeten und seiner Bevölkerung und unter Einbeziehung der enormen Risiken, die eine Ablenkung des Asteroiden birgt, ist eine Fortführung des Projektes, wie allen klar sein dürfte, im bisherigen Sinne ausgeschlossen. Es ist sehr deutlich geworden, dass der Planet nicht mehr zu retten ist – selbst wenn kein Asteroideneinschlag ihn zerstört. Aarons Ausführungen, dass die gesamte Menschheit sich grundlegend ändern kann, können, aufgrund der bisherigen Erfahrungen, nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden. Das Risiko eines erneuten Fehlschlags ist zu hoch. Eine Fortführung mit den Genträgern erscheint uns jedoch vielversprechend.

Es ist David und der Hilfe Naamans zu verdanken, dass das Projekt unter diesen neuen Gesichtspunkten dennoch weitergeführt werden kann. Wären die Gencodes nicht einer genaueren Untersuchung unterzogen worden und hätte David nicht den gut durchdachten Vorschlag eingebracht, wäre uns keine andere Wahl geblieben, als das Projekt abzubrechen und uns zurückzuziehen. Aber in Anbetracht der immensen Forschungsarbeit, die Generationen von Wissenschaftlern über einen sehr langen Zeitraum in dieses Projekt gesteckt haben, erscheint es uns lohnenswert, unter diesen neuen Gesichtspunkten mit den entsprechenden Menschen fortzufahren. Zwar gab es ähnliche Versuche bereits in früheren Zeiten, jedoch in weitaus kleinerem Ausmaß und ohne den äußert wichtigen Aspekt der Klassifizierung mittels Genocodes. Zudem haben die erfolgversprechenden Ansätze der Mission Aztlan, über die Lucifer uns inzwischen einiges berichten konnte, unsere Entscheidung mit beeinflusst. Ein weiterer Punkt ist die Tatsache, dass es keinen anderen Planeten gibt, auf dem eine genveränderte Spezies lebt und somit gibt es auf diesem Gebiet keine vergleichbaren Untersuchungen.

Wir sind der Meinung, dass dieses Projekt eine einmalige Chance für die Wissenschaft darstellt und dass weitere Forschungen unter den neuen Gesichtspunkten enorme und vor allen Dingen einzigartige Erkenntnisse für uns bergen können.

Unser Eingreifen hat sich für die Entwicklung der menschlichen Spezies und auch für den Planeten als nachteilig erwiesen. Ohne uns hätte sich das Leben ungestört entwickeln können, es wäre jedoch lange nicht auf dem Entwicklungsstand, an dem es heute ist. Aber, und das gebe ich zu bedenken, wäre diese ungestörte Welt in Kürze, und vom Rest des Universums völlig unbemerkt, ebenfalls komplett zerstört worden. Die gesamte Entwicklung hätte von vorne beginnen müssen. Berechnungen zeigen, dass dem nicht mehr ganz jungen Planeten nicht mehr die Zeit bliebe, weitentwickelte Lebewesen hervorzubringen. Eine Entwicklung bis hin zu Säugetieren ist wahrscheinlich - sofern nicht andere unvorhersehbare Katastrophen geschehen würden. Dann allerdings wird die Zeit gekommen sein, an dem die Sonne verglüht und mit ihr alle Planeten in ihrer Nähe, wozu auch die Erde zählt.

Daher ist es auch unter diesem Gesichtspunkt sinnvoll, einen Teil der relativ weit entwickelten Menschen zu retten und sie wieder auf dem Planeten auszusetzen - in der Hoffnung, dass sie mit unserem jetzigen Wissen und unserer Hilfe einen guten Weg einschlagen werden. Es wird ein Konzept erarbeitet, wie diese Unterstützung nach der Wiederansiedlung aussehen kann.

Ein wichtiger Aspekt erscheint uns, die Menschen über die Netzwerke aufzuklären und deren Nutzung zu ermöglichen. Dieses Thema wird, unter der Aufsicht von Naaman, weiterentwickelt und ausgearbeitet.“ Naaman wurde von dieser Aussage völlig überrascht und nach einer kurzen Irritation zeigte sich ein freudiges Strahlen auf seinem Gesicht.

„Wir bitten euch ebenfalls, weiteren Möglichkeiten nachzugehen. Bei der nächsten Kontaktaufnahme werden wir unser Konzept mit euren Vorschlägen abstimmen und einen Beschluss fassen, wie die weitere Vorgehensweise gestaltet werden soll. Außerdem haben wir uns dazu entschlossen, drei ausgewählte kleine Naturvölker mitzunehmen.“

Aus den hinteren Reihen ertönte ein kurzer Freudenschrei. Baladeva sagte schmunzelnd „Der Vorschlag von Arjuni erscheint uns sehr sinnvoll, da der direkte Vergleich von weitestgehend unveränderten Menschen und den Genträgern äußerst aufschlussreiche Erkenntnisse hervorbringen dürfte.

Zudem sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass von diesen wenigen Menschen keinerlei Bedrohung für andere Lebewesen oder den Planeten ausgehen wird. Diese Gruppen werden, soweit möglich, in ihren angestammten Siedlungsgebieten ausgesetzt und ohne jegliche Beeinflussung sich selbst überlassen. Arjuni wird das Projekt leiten und mit drei weiteren Kolleginnen Beobachtungen und Studien durchführen.“ Er lächelte der jungen Frau zu, die vor Freude mit den Armen wedelte.

„Wie bereits gesagt, ist zu erwarten, dass dieser Weg, der noch nie zuvor beschritten wurde, zu einer Vielzahl neuer Erkenntnisse führen wird, die für weitere Forschungsprojekte, aber auch für unseren Planeten von großer Wichtigkeit sein können. Nicht zuletzt besteht für unsere Nachfolger die Möglichkeit, aus diesem komplexen Projekt, das leider auch von Fehlschlägen und Fehlentscheidungen geprägt wurde, zu lernen. Und es besteht langfristig die Chance, es in der Zukunft doch noch zu einem erfolgreichen Abschluss bringen zu können. Und solange diese Chance erkennbar ist und solange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden, wäre es unentschuldbar, sie nicht zu nutzen.“ Er machte eine Pause und leises Gemurmel war aus den Reihen zu hören.

Da Aaron keine Anstalten machte, etwas dazu zu sagen, ergriff Gideon das Wort. „Vielen Dank für eure Bemühungen und die weise Entscheidung. Wir werden sofort mit den Vorbereitungen beginnen. Wann werden die Archen eintreffen?“ „Die erste und kleinere wird, wie David sagte, bereits in einer Woche vor Ort sein. Die große Arche wird voraussichtlich in drei Wochen eintreffen. Es bleiben euch dann noch zwei Wochen bis zum Einschlag, so dass für die Rettungsmission nicht viel Zeit bleiben wird.“ „Wenn keine unvorhergesehenen Ereignisse eintreten, müsste es zu schaffen sein“ sagte Gideon. In Gedanken hatte er bereits begonnen, die erforderlichen Maßnahmen chronologisch zu ordnen.

Kamala sagte „Wir werden euch unverzüglich einen detaillierten Bericht zukommen lassen, in dem alle Anforderungen sowie erste Ideen zum weiteren Vorgehen nach dem Einschlag aufgelistet sein werden. Vorschläge eurerseits werden wir natürlich berücksichtigen. Weiterhin haben wir beschlossen, dass David, unter Aufsicht der Kommandanten, als Leiter der Rettungsmission eingesetzt wird. Es erscheint uns angemessen für den Mann, der durch seinen klugen Einfall das Projekt und mit ihm viele Leben gerettet hat.“

Alle Köpfe drehten sich zu David um, der in einer der hinteren Reihen saß. Der junge Mann wirkte vollkommen perplex und die plötzliche Aufmerksamkeit schien ihm unangenehm zu sein. Gideon betrachtete David einen Moment und fragte sich, ob es die richtige Entscheidung war, diesem jungen, unerfahrenen Mann die Leitung und die damit verbundene Verantwortung zu übertragen. Er wusste, dass David ein kluger Kopf war, aber Intellekt und die Fähigkeit zum strategischen Denken alleine machten noch keine gute Führungspersönlichkeit aus. Dazu brauchte es auch Durchsetzungskraft, Konsequenz, Selbstbewusstsein und einiges mehr – und diese Eigenschaften hatte er bei David bisher nur rudimentär entdecken können.

Er wandte sich ab und hörte, wie Kamala fortfuhr: „Die nächste Kontaktaufnahme wird glücklicherweise bereits wieder in 500 Erdenjahren möglich sein, so dass auch wir uns dann ein Bild vom Zustand der Erde machen können. Bis dahin wird, wie üblich, im Rotationsverfahren immer ein Teil der Crew in den Kältekammern ruhen. Weiterhin wird zu Beginn alle 500 Jahre ein Austausch der Hälfte der Crew und eines Kommandanten erfolgen. Wie die Zeitabstände im weiteren Verlauf sein werden, hängt von der Entwicklung des Projektes ab.

Wir haben beschlossen, dass Aaron sofort zurückkehren wird. Gideon übernimmt, mit Unterstützung eines Stellvertreters, vorerst alleine die Leitung. Eine zweite Kommandantin ist bereits auf der großen Arche und somit auf dem Weg zur Raumstation. Lucifer wird ebenfalls die Möglichkeit erhalten, mit dem ersten Flug zurück nach Plejsus zu kehren.“

Gideon blickte besorgt zu Aaron und sah, wie dessen Mundwinkel kurz zuckten, ansonsten blieb sein Gesicht weiterhin versteinert. Er wusste, dass Aaron genau wusste, was das bedeutete. Er wurde von dem Projekt abgezogen – aus guten Gründen – und er würde nie wieder die Möglichkeit haben, zurückzukehren. Gideon seufzte leise. Das würde die ganze Situation noch zusätzlich erschweren. Es musste für ihn einer Katastrophe gleichkommen und Gideon erwartete, dass Aaron gegen diese Entscheidung vehement protestieren würde – aber er blieb stumm, die Lippen zusammengepresst. Vielleicht hoffte er, dass Gideon für ihn sprechen würde. Aber er konnte es nicht. Und er spürte tatsächlich einen Anflug von Erleichterung, denn eine weitere Zusammenarbeit mit Aaron wäre, unter den neuen Bedingungen, schwieriger denn je geworden.

Auch wenn er selber kein Problem damit hätte, bei einem anderen Projekt eingesetzt zu werden, es sich sogar schon manches Mal gewünscht hatte, so wäre es doch unmöglich, dass Aaron mit einem anderen Kommandanten die Leitung übernehmen würde. Er wusste, dass das nicht gut gehen würde.

So fähig Aaron als Wissenschaftler und Kommandant auch immer gewesen war – dieses Projekt hatte ihn schon damals verändert, und seit der Rückkehr zu diesem Planeten war Aaron nicht mehr er selbst. Es war nicht mehr voraussehbar, welche Schritte er unternehmen würde. Er musste auf seinen alten Freund aufpassen – mehr denn je. Und er musste ihn zurückgehen lassen, nicht nur zum Schutz des Projektes, auch zu Aarons eigenem Schutz. Ein merkwürdiges Gefühl der Beklemmung breitete sich in Gideon aus.

„Alle Beteiligten dieser Mission haben bisher sehr erfolgreiche Arbeit geleistet, dafür danken wir euch“ sagte Baladeva. „Es wird nicht einfach werden, aber wir sind uns sicher, dass ihr auch die bevorstehenden Herausforderungen meistern werdet. Mit dem Segen von Plejsus und der Tatkraft von Niberia verabschieden wir uns.“ Die Ältesten erhoben eine Hand und nickten den Versammelten zu.

Auch Gideon erhob seine Hand, sprach den Abschiedsgruß und das Bild verschwand. Nur die wasserklare Bildwand blieb zurück und gab den Blick auf die Anwesenden frei. Nach einem kurzen Moment des Schweigens brachen Unterhaltungen und Diskussionen los.

Gideon sah, wie die Sitznachbarn von David aufgeregt auf ihn einredeten, der junge Mann schien immer noch völlig perplex. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Aaron sich erhob. „Aaron…“ sagte er leise, aber dieser winkte nur ab, drehte sich um und verließ wortlos den Raum. Gideon starrte ihm nach und wusste für einen kurzen Moment nicht, was er tun sollte. Er hatte richtig gelegen mit seiner Vermutung, dass Aarons Verhalten unberechenbar geworden war. Er sammelte sich, hob die Hand und sagte zu der Menge, die jäh verstummte „Die Versammlung ist beendet. Wir werden den Bericht der Ältesten studieren und für morgen wird eine erneute Zusammenkunft zur Besprechung der Details anberaumt werden.“

An David gewandt, sagte er „David, dich bitte ich, in einer Stunde in mein Labor zu kommen.“ Der junge Mann war leicht zusammengezuckt und bestätigte die Aufforderung.

Die Wissenschaftler erhoben sich und einige schauten kurz irritiert zu Aarons Platz, aber während sie den Raum verließen, wurden die Diskussionen bereits fortgeführt.

3.2 Verloren

2 Monate bis zum Einschlag

Aaron hörte, wie hinter ihm die Türen des Versammlungsraumes aufglitten und Gesprächsfetzen zu ihm drangen. Er beschleunigte seine Schritte, bog ab und eilte durch leere Gänge. Der Weg erschien endlos. Irgendwann erreichte er endlich seine Räume. Die Tür glitt summend auf. Seine Beine trugen ihn kaum noch, als er den Raum durchquerte und sich auf eines der weichen Sofas niederließ. Er lehnte den Kopf zurück und starrte auf die helle Wand. Er fühlte sich vollkommen leer. Einzig das Gefühl, dass alles woran er geglaubt, wofür er gearbeitet, gelebt und gekämpft hatte, unwiederbringlich verloren war, war noch da.

Irgendwann, er wusste nicht, ob Stunden oder Minuten vergangen waren, piepste etwas und die Tür glitt summend auf. Jemand betrat den Raum. „Aaron, was sollte das denn? Du kannst doch nicht einfach wortlos die Konferenz verlassen.“ Er wandte träge den Kopf zur Seite. Gideon hatte sich neben ihn gesetzt und in seinem Blick mischten sich Ärger und Besorgnis. Seit wann war Gideon besorgt um ihn? Er wandte den Kopf wieder ab. „Ich verstehe ja, dass die Entscheidung nicht in deinem Sinne ist. Aber es ist das Beste, was du erhoffen konntest. Mehr, als du erhoffen konntest“ sagte Gideon. „Ich möchte, dass du gehst“ sagte Aaron leise. „Aaron“ sprach Gideon ungeachtet weiter „wir haben in den nächsten Wochen sehr viel zu tun. Und du solltest dich jetzt mit aller Kraft auf die anstehenden Aufgaben konzentrieren. Wir brauchen dich jetzt“.

„Ach, tatsächlich?“ fragte Aaron müde. „Natürlich. Jetzt kommt die entscheidende Phase, und wir sind auf diese Wendung nicht wirklich vorbereitet. Wir müssen in aller Schnelle einen funktionierenden Plan aufstellen. Und dafür wird jeder gebraucht. Allen voran natürlich der Kommandant.“ „Na dann. Soweit ich mich erinnere, bist auch du Kommandant. Und ich werde, wenn ich es richtig verstanden habe, in Kürze von dem Projekt abgezogen – was dir ja sehr recht sein dürfte. Du schaffst das auch ohne mich. Ich möchte jetzt alleine sein“ sagte Aaron, ohne den Blick von der Wand zu nehmen. Gideon seufzte. Dann sagte er, mit einer Spur Verärgerung „Gut. Ich sehe, mit dir ist momentan nicht zu reden. Ruh dich aus, lass das alles erst einmal sacken und morgen früh treffen wir uns zu einer Besprechung im Zentraum.“ Als Aaron nicht reagierte, erhob Gideon sich und ging zur Tür.

Er drehte sich noch einmal um und sagte „Aaron, glaubst du etwa, es wäre leicht für mich? Auch ich muss mich mit den neuen Gegebenheiten arrangieren. Ich hatte fest damit gerechnet, mich in den nächsten Tagen auf den Heimweg zu machen. Stattdessen werde ich nun auf unbestimmte Zeit hierbleiben müssen, und in Anbetracht meines Alters ist es nicht gewiss, ob ich Plejsus je wiedersehen werde.“ Aaron, der die Augen halb geschlossen hatte, seufzte nur. Jetzt versuchte Gideon es auf diese Art ‚Schau her, auch ich opfere mich für die Sache’. Als ob Gideon sich jemals opfern würde…. Sollte er sagen, was er wollte - es berührte ihn nicht. Ihre Situationen waren vollkommen unterschiedlich. Er drehte den Kopf zur Seite.

Gideon wandte sich wieder zur Tür und sagte im Hinausgehen leise „Du solltest nicht vergessen, dass unter den Überlebenden auch deine Nachkommen sein werden. Sie wären sicherlich froh, wenn sie deine Hilfe bekämen.“ Aarons Kopf fuhr herum. Gideon lächelte dünn und verließ den Raum.

So etwas musste ja kommen, dachte Aaron. Mit dem letzten Satz war Aaron aus seiner Erstarrung erwacht, und genau das hatte Gideon natürlich bezwecken wollen. Er machte nichts ohne Hintergedanken.

Es war immer dasselbe, dachte er verärgert. Er manipulierte die Leute zu seinen Zwecken, er bog sie sich zurecht, bis er bekam, was er wollte. So gut ein Argument auch sein mochte, wenn Gideon anderer Meinung war, hatte er stets ein noch besseres zur Hand. Aber dieses Mal hatte es nicht geklappt. Das Projekt war nicht abgebrochen worden – er hatte nicht bekommen, was er wollte - und das gab Aaron für einen Moment ein Gefühl der Genugtuung. Doch es hielt nicht lange an und wurde sofort wieder von der Verzweiflung überdeckt.

Was sollte er jetzt tun? Der Kampf der letzten Monate war verloren. Er hatte nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnte. Gideon hatte seine Nachkommen ins Spiel gebracht, weil er genau spürte, dass Aaron ihm entglitt. Ein kluger Schachzug – aber dieser Plan würde nicht aufgehen. Unbekannte Nachfahren interessierten ihn nicht und sie würden sowieso gerettet werden, ob mit oder ohne seine Hilfe. Was ihn interessiert hatte, waren seine Frau und seine Töchter – die er verlassen hatte. Was ihn interessierte, war der wunderbare Planet mit seiner einzigartigen Schönheit – den er nicht hatte retten können. Er hatte die Erde und ihre Bewohner beschützen und bewahren wollen.

Er hatte daran geglaubt, und er glaubte immer noch, dass die Menschen sich ändern konnten und dass die Erde wieder zu einem Ort des Friedens und der Schönheit werden konnte. Er war davon überzeugt, dass sich, mit den richtigen Methoden und genügend Zeit, alles zum Guten wenden konnte. Und er verstand nicht, wieso er der Einzige war, der das sah.

Sogar Naaman, der immer unerschütterlich an seiner Seite gestanden und wie er an das Projekt geglaubt und dafür gekämpft hatte, war ihm letztlich in den Rücken gefallen.

Er stand auf und ging durch den Raum. Er spürte, wie Wut in ihm aufstieg. Nicht einmal die Ältesten, von denen er immer eine hohe Meinung gehabt hatte, hatten seine Argumente und seine Vorschläge überzeugt. Sie waren eindeutig zu alt, um noch Entscheidungen treffen zu können. Sie hätten längst abgelöst werden müssen. Gideon war festgefahren. Seine Meinung stand schon lange fest und nicht das überzeugendste Argument hatte ihn auch nur ein Stück weit davon abrücken lassen. Er hätte gar nicht als Kommandant in Betracht gezogen werden dürfen. Die anderen Wissenschaftler waren ebenso engstirnig - schauten nur auf ihre Zahlen und bildeten sich aufgrund dessen ihre Meinung.

Wenn sie denn überhaupt eine Meinung hatten. Und dann dieser David. Aaron ballte unwillkürlich die Fäuste, bis seine Fingerknöchel weiß wurden.

David war der Einzige, der eine eigene Idee entwickelt hatte, und er hielt sie wahrscheinlich sogar noch für klug und dachte, er würde ihm damit helfen. Aber es war das Dümmste, was er hatte tun können. Dieser absurde Plan hatte alles zunichtegemacht. Es war ein fauler Kompromiss, auf den die Ältesten hereingefallen waren. Ohne diese Idee hätten sie das Projekt fortgeführt, da war Aaron sich jetzt sicher. Er hätte es geschafft, wenn dieser neunmalkluge junge Mann sich nicht eingemischt hätte. Er ließ sich wieder auf das Sofa fallen, atmete aus und merkte, wie eine tiefe Erschöpfung ihn übermannte.

Die Erkenntnis, dass die Entscheidung gefallen war, dass es jetzt kein Zurück mehr gab, keine Möglichkeit, noch etwas zu ändern, traf ihn mit voller Wucht und zog ihm den Boden unter den Füßen weg. Er schlug die Hände vors Gesicht und weinte.

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David saß in einem weichen Sessel, einen unberührten Drink in der Hand und betrachtete das Treiben um ihn herum.

„Wie ich bereits sagte, ich bin völlig überrascht von Davids Vorschlag. Wieso ist niemand von uns auf diese Idee gekommen?“ fragte Andreas und Saphira erwiderte seufzend „Wie du bereits mehrmals sagtest…. Und vielleicht ist David auf diese Idee gekommen, weil er möglicherweise doch klüger ist, als er vorgibt.“ Sie zwinkerte David zu und er grinste zurück. „Nie und nimmer. Ich glaube, er hatte einfach zu viel Zeit, im Gegensatz zu uns, die wir Tag und Nacht geschuftet haben“ neckte Andreas seinen Freund.

„Es liegt doch auf der Hand“ sagte Jakob ernst „David hatte einfach den besseren Überblick. Während wir größtenteils mit unseren fachspezifischen Themen beschäftigt waren, hatte er ständig Einblick in alle Ergebnisse. Da ergibt sich zwangsläufig ein anderes Bild“. David beobachtete seine Freunde, wie sie Überlegungen über ihn anstellten, als wäre er gar nicht anwesend. Still lächelte er in sich hinein.

„Nicht zu vergessen die Gencodes“ warf Naaman ein. „Die Entdeckung und Auswertung der Codes war der entscheidende Punkt. Ich verstehe einfach nicht, wieso dieses Werkzeug nicht schon früher eingesetzt wurde.“ „Weil bei den älteren Missionen dieser Aspekt noch gar nicht gegeben war und später keine Notwendigkeit bestand. Die Genmarker waren einzig zum Aufspüren unserer Wissenschaftler konzipiert worden“ antwortete Jakob und fuhr fort „und bei den letzten beiden Missionen gab es keine Personen aufzuspüren und es standen andere Dinge im Vordergrund.“ „Ja, zum Beispiel das Aufräumen nach einer Katastrophe oder die Aufzucht und Ausbildung eines Botenjungen“ sagte Andreas lachend. Dann fügte er ernst und leise hinzu „Wie seht ihr das? Mir erscheint es so, als ob die letzte Mission ziemlich dilettantisch durchgeführt wurde. Mal ehrlich – wie kann man glauben, dass eine Person es schafft, nicht nur sein gesamtes Umfeld, sondern letztlich ein ganzes Land oder gar die ganze Menschheit zu beeinflussen? Wie kann man einer Person, die auch noch halb menschlich ist, eine so immense Verantwortung aufbürden?“ er schüttelte den Kopf und Naaman warf bitter ein „Und denjenigen dann letztlich aus taktischen Gründen – oder war es Verzweiflung? – grausam foltern und fast sterben lassen. Ich frage mich, wie es dazu kommen konnte. Was ist mit den verantwortlichen Wissenschaftlern geschehen, dass sie das zulassen konnten?“

„Es mag Fehler bei der letzten Mission gegeben haben“ sagte Jakob „aber dennoch