Im Bulli auf dem Hippie-Trail - Heiko P. Wacker - E-Book

Im Bulli auf dem Hippie-Trail E-Book

Heiko P. Wacker

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Beschreibung

Im Hippie Style durch die Welt: Der Hippie-VW-Bus Bulli Der VW Bus Bulli prägte eine ganze Generation – die Hippies der 1970er. Wir haben heute ein genaues Bild vom Hippie Lifestyle der Siebzigerjahre vor Augen: bunt bemalte Bulli Camper, in denen die langhaarigen Hippies Reisen um die ganze Welt antraten – ähnlich den Backpacker Touren von heute. Ober-Hippie Jürgen Schultz und sein VW Bulli waren damals mit dabei und in diesem Buch erzählt er eine schier unglaubliche Fülle an Geschichten, Abenteuern und Anekdoten aus seiner Zeit auf dem legendären Hippie Trail. Bulli Reisen in der Hippie Zeit Seine Heimatstadt Memmingen war Jürgen Schultz nicht genug. Ihn trieb es aus dem beschaulichen Schwaben zusammen mit seinem Bulli hinaus in die Welt. Heiko P. Wacker hat seine Erzählungen aufgeschrieben und darin erwacht eine Zeit zum Leben, die inzwischen längst zur Legende geworden ist: • Außergewöhnliche Reiseziele, die heute teils nicht mehr zugänglich sind • Mitreißender Reisebericht von der legendären Hippie Trail Route • Für alle Fans des Kult VW Hippie Busses Bulli • Originale Fotos mitten aus dem Leben eines Hippies • Für Althippies, Junghippies und alle, die es werden wollen Der alte VW Bus existiert noch heute und die vielen Erinnerungen an die Reisen nach Indien, Goa oder Nepal ebenfalls. Gehen Sie auf eine Zeitreise und erleben Sie eine Bulli-Geschichte, wie es sie nur ein Mal gibt.

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HEIKO P. WACKER

IM BULLIAUF DEMHIPPIETRAIL

DIE ABENTEUER DES HERRN SCHULTZ

 

 

 

 

 

 

DELIUS KLASING VERLAG

 

INHALT

 

 

 

Prolog

Auf dem Hippietrail: Hinter München spürt man es

Grundausbildung in Sachen Fernweh

Auf dem Hippietrail: Grenzen überwinden

Südafrika – als Sklaventreiber im Stahlwerk

Auf dem Hippietrail: Auf nach Istanbul!

Im Westen lernt man viel Neues

Auf dem Hippietrail: Bye-bye, wir sehen uns!

Auf dem Hippietrail: Strandgut auf dem Highway der Hippies

Auf dem Hippietrail: Indien, endlich

München – Weltstadt und ein Chef mit Herz

Auf dem Hippietrail: Goa, das Paradies

Auf dem Hippietrail: Von Paradies zu Paradies

Auf dem Hippietrail: Rauf aufs Dach der Welt

Auf dem Hippietrail: Wie man in Nepal auf den Hund kommt

Blick zurück auf Jugendtage: Shivas Stadt am Ganges

Auf dem Hippietrail: Heimkehr

Daheim – und doch immer wieder unterwegs

Epilog

Über den Autor

 

 

 

 

 

 

 

Bei Rameswaram in Süd-Indien schippern auch Bullis via Dampfboot zur eigentlichen Sri Lanka-Fähre, auf die die Fahrzeuge dann per Kran gehoben werden. Zeitaufwand: ½ Tag.

Die Hippies und ihre Abenteuer waren stets ein dankbares Thema, ein schillerndes zumal. Entsprechend viel wurde über sie geschrieben in den vergangenen Jahrzehnten: Über ihre Reisen und Drogenexzesse, über ihre Bedeutung für die Kultur der Gegenwart, ihre Sehnsucht nach spirituellen Grenzerfahrungen. Die Hippie-Bewegung war unglaublich vielschichtig, manchen war sie auch suspekt. Nur langweilig – das war sie nie.

Bleibt die Frage: Was macht einen Hippie überhaupt zum Hippie? Bart und lange Haare vielleicht? Oder die Freude am Reisen, die Lust auf fremde Kulturen und neue Horizonte? Nun – in dem Fall wäre auch Jürgen Schultz ein Hippie, auch wenn er sich selbst höchstens mit einem Zwinkern als ein solcher bezeichnen würde. Er nimmt sich selbst nicht so ernst; ein charmanter Zug an ihm.

»Das richtige Auto für einen echten Hippie, das ist und bleibt der VW Bus. Ganz einfach.«

Und doch bleibt die Tatsache, dass der gebürtige Memminger schon in jungen Jahren die halbe Welt bereist und auch den legendären Hippietrail mehrfach durchmessen hat. Natürlich mit einem VW Bulli: klassisch eben. »Das richtige Auto für einen echten Hippie, das ist und bleibt der VW Bus«, versichert der Weltenbummler, der weit über 80 Länder besuchte – von denen es viele schon lange nicht mehr gibt. »Denn mit dem VW Bus, da warst Du nicht nur ein Hippie. Mit dem Bulli warst Du der Ober-Hippie!« Der reiselustige Allgäuer – er war alleine in den 1970er-Jahren zweimal mit verschiedenen Bullis auf dem Trail, entsprechend sind auf den folgenden Seiten sowohl ein rot-weißer wie auch ein blau-weißer Bus zu sehen – grinst breit bei diesem Satz. Als ob er es selbst noch immer nicht so recht glauben mag, was er alles erlebt hat.

Den legendären Hippietrail mit dem eigenen Bulli bis nach Goa oder Nepal zu »er-fahren«, davon träumten viele. Jürgen Schultz hingegen lebte seinen Traum. Entsprechend viel haben er und vor allem sein blau-weißer VW Bus von 1956 zu berichten. Denn im Gegensatz zu vielen, vielen seiner Artgenossen, die letztlich auf den Schrott wanderten, existiert dieser besondere Wagen noch.

Und zwar beinahe genau so, wie er einst vom Subkontinent zurückkam: komplett mit Kaschmirbezug auf der Schlafbank, »Left Hand Drive«-Warntafel aus Sri Lanka am Heck und Ersatzteilsammelsurium in der Klapptür. Dieses Auto atmet nicht nur Geschichte. Es IST Geschichte.

Und Jürgen Schultz ist der Mann, sie zu erzählen …

»Es ist so einfach, so simpel! Man muss nur den Zündschlüssel rumdrehen und losfahren. Alles andere findet sich von selbst.«

Es ist angenehm mild an diesem frühen Spätsommermorgen in Memmingen. Ein Tag im September, ein Tag, so normal wie andere auch. Die Luft ist frisch, ein leichter Westwind. Jürgen Schultz liebt solches Wetter, liebt es, eine Reise bei Sonnenschein zu beginnen. Selbst der Motor hustet nur ein ganz klein wenig, fängt sich dann aber – kurze Gasstöße helfen immer. Hinten steht Muttern mit den Nachbarn am Gartenzaun. »Die kennen das ja schon von mir. Dieses Losziehen, dieses Aufbrechen.«

Mama Schultz weiß aber auch, dass ihr Sohn wieder heimkommen will – wenn auch erst in einem Jahr oder so. Und halten kann sie ihn sowieso nicht. »Damit hat sie sich abgefunden.« Jürgen Schultz würde sich nicht wundern, würde sie ihm beim nächsten Start zu einer Indienreise noch kurz einen Brief zum Postamt mitgeben.

Inzwischen kann er sich das Grinsen nicht mehr verkneifen, der linke Arm wedelt derweil herzhaft aus dem weit geöffneten Schiebefenster, während der Bulli um die Ecke biegt, nun den Blicken der Menschen am Gartenzaun entschwindend. »Es ist immer wieder ein unglaublich befreiendes Gefühl, wenn man endlich aus diesem Spießbürgermief rauskommt, endlich wieder unterwegs ist.« In solchen Momenten – und Jürgen Schultz hat viele dieser Sorte erlebt – kann der Memminger sogar Ampeln zumindest leidlich ertragen.

Denn eigentlich mag Jürgen keine Ampeln, und auf Verkehrskontrollen steht er auch nicht. Er trägt das Haar stets ein wenig länger, wie es eben so ist in den 1970er-Jahren. Manchem Ordnungshüter stößt das aber sauer auf – vor allem, wenn besagter Langhaariger dann noch in einem mehr oder minder bunt bemalten Hippie-Bus sitzt. Dann gehen bei den Gesetzesvertretern alle Alarmglocken an, taucht vor dem inneren Auge das Fahndungsplakat auf, wie es in jeder Polizeidienststelle, in jedem Postamt hängt. »Und jedes Mal, wenn einer der Bösen geschnappt wurde, kriecht der Postbeamte aus seinem Glaskasten, nimmt einen schönen, dicken Stift, und streicht feixend das entsprechende Konterfei durch. Als Beweis dafür, dass der Rechtsstaat immer siegt.«

Jürgen ist aber weder ein Terrorist noch ein Bankräuber. Er ist einfach ein junger Mann, der Spaß am Reisen, Spaß an fremden Kulturen hat – und keine diffus-dumpfe Angst vor dem Fremden an sich. Für ihn sind Begegnungen mit anderen Menschen keine Plage, sondern mit ein Grund, immer wieder aufzubrechen. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf lenkt er den zum Camper umgefrickelten Bulli behutsam, aber nachdrücklich raus aus Memmingen, immer Richtung München, vorbei an Mindelheim und Landsberg am Lech.

Dann tief durchatmen, die »Weltstadt mit Herz« am Wegesrand liegen lassen, um bei Salzburg den ersten Grenzübertritt anzugehen. Und plötzlich ist es wieder da, dieses Kribbeln, dieses angenehm flaue Gefühl im Bauch: Reisefieber im Endstadium. »Spätestens hinter München spürt man es. Wenn man den richtigen Rhythmus findet, einfach nur fährt, fährt, fährt, weil man die Straße vor sich sieht, einfach nur rollt, weil man das Gefühl hat, voranzukommen. Egal wie schnell.« Noch Jahrzehnte später wird sich Jürgen an dieses besondere Feeling erinnern. Und wie er es erstmals spürte, als er von der Bundeswehr mehr oder minder zwangsweise nach Sardinien verfrachtet wurde …

Eigentlich hätte Jürgen Schultz ein sehr spießiges Dasein beschieden sein müssen: »Erst Volksschule, dann Handelsschule, dann die Lehre bei Mercedes-Benz – das war alles so furchtbar normal, so spießig. Und oft genug auch ziemlich sinnlos.« Jürgen hat seine eigenen Ansichten zur Schulbildung, beispielsweise in Sachen Stenographie. »Das hab’ ich meiner Lebtag nie gebraucht – aber abquälen musste ich mich trotzdem mit diesen Hieroglyphen.«

Mit den Sprachen hingegen sah das ganz anders aus: »Englisch und Französisch – damit konnte man was anfangen, das wusste ich schon in der ersten Stunde, schon beim ersten ›Ça va?‹, beim ersten ›thank you‹. Wie habe ich das geliebt. Sprachen sind mir alles.« Gerade mit seiner Zuneigung zur französischen Sprache machte sich Jürgen bei so manch älterem Semester aber auch unbeliebt – immerhin waren die freundschaftlichen Bande nach Frankreich noch sehr zart und jung, das kleine Pflänzchen der Völkerverständigung über den Rhein begann erst zu blühen. »Es gab ja gerade mal die ersten Städtepartnerschaften, dafür aber noch Vorurteile genug. Damals, Ende der 1950er-Jahre.« Dass Memmingen 30 Jahre später eine Partnerschaft mit der südwestfranzösischen Gemeinde Auch in der Region Languedoc-Roussillon-Midi-Pyrénées schließen würde, daran hätte in den Jahren des Wirtschaftswunders sicherlich niemand gedacht.

Dafür war es zu dieser Zeit kein wirkliches Problem, eine Lehrstelle zu finden – und so begannen 1959 auch für den kleinen Jürgen diese speziellen Jahre, die keine Herrenjahre sind. Dies wiederum dürfte vor allem am Lehrherren gelegen haben: »Mein Meister, das war so ein richtiger alter Kommiskopf. So ein eingefleischter, strammer, komplett phantasieloser Wehrmachtsfanatiker, der ständig nur von seinen Abenteuern im Krieg erzählt hat, und wie toll das doch an der Front gewesen war so als Fallschirmspringer. Das konnte ich bald nicht mehr hören.«

»Steno hab’ ich mein Lebtag nie gebraucht. Aber abquälen musste ich mich trotzdem mit den Hieroglyphen. Aber Englisch und Französisch? Damit konnte man was anfangen, Sprachen sind mir alles.«

Nie hätte Jürgen in seiner Lehrzeit gedacht, dass es ihn später selbst zur olivgrünen Fliegerei verschlagen würde. »Vielleicht wäre dann auch das tarnfarbene Geseier besser zu ertragen gewesen.« Doch auch so hatte Teenager-Jürgen irgendwann seinen Abschluss. »Ich hab’ die Zähne zusammengebissen, meine Arbeit gemacht und meine Zeiten in der Berufsschule abgesessen – und irgendwann hatte ich zumindest mal die Ausbildung als kaufmännischer Angestellter im Sack. Das war schon mal was, damals im Sommer 1962.«

Drei Monate blieben jetzt noch bis zum Einrücken in die Kaserne: »Als Azubi hat man noch Galgenfrist. Aber nach dem Abschluss war es dann so weit. Ein paar älteren Kumpels blieb das erspart, die waren in den Weißen Jahrgängen.« Damit sind jene Geburtsjahrgänge gemeint, die bereits zu alt für den Wehrdienst bei der Bundeswehr waren, und deshalb nicht einberufen wurden – während sie zugleich um den Militärdienst bei der Wehrmacht »herumgekommen« waren. »Aber egal. War vielleicht auch besser so – im Nachhinein betrachtet.«

Die Zeit bis er »zum Barras musste« – wie man in den 1950er-Jahren oder auch später noch häufig sagte, wenn jemand seine Wehrpflicht abzuleisten hatte – nutzte Jürgen so sinnvoll wie möglich. »Ich suchte mir für die paar Wochen einen Aushilfsjob.« Der fand sich in fußläufiger Entfernung – und bot viele müßige Momente zum Nachdenken. Und so ist es kein Wunder, dass Jürgen während seiner dreimonatigen Tätigkeit in einer Tankstelle an der Memminger Donaustraße über die bevorstehende Zeit bei der Bundeswehr grübelte.

Hühnerleiter am US-Flieger auf dem sardischen Stützpunkt in Decimomannu: »Mann, haben wir angegeben, wir Rotzlöffel. Aber schön war das doch.«

»Man macht sich schon so seine Gedanken, wir waren ja mitten im Kalten Krieg, hatten den Mauerbau und die Kubakrise noch in den Knochen. Das änderte aber nix an meinem Einberufungsbescheid, und deshalb machte ich mir schließlich keine Gedanken mehr. Ich hab’ dann lieber Stunden geklopft und in den drei Monaten an der Tankstelle ganz ordentlich was gespart.« Während die Freunde sich im Freibad, mit ihren Mopeds oder den Freundinnen vergnügten, füllte Jürgen sein Sparbuch – schon zu Jugendzeiten schaut er aufs Geld. Das sollte sich noch Jahre später im wahrsten Sinne des Wortes auszahlen.

Dann schließlich: Einrücken, neue Klamotten in fröhlichen Nato-Farben, Grundausbildung. »Zum Glück war unser Ausbilder ein fairer Kerl. Ganz anders als ich es als Lehrling erlebt hab’.« Recht bald hatte es sich zudem im – inzwischen aufgelösten – »Jagdbombergeschwader 34« herumgesprochen, dass Jürgen Schultz ein fleißiger und vor allem fähiger Schreibtischmensch war. »Ich kann es immer noch nicht glauben, wie schnell die mich ins Vorzimmer des Schießkommandos versetzt hatten. Das ging ruck, zuck – und schon hatte ich einen ganz einen schlauen Job.«

Die Welt im Kalten Krieg, der Eiserne Vorhang teilt das Land. Jürgen Schultz – unten rechts – und seine Stubenkameraden bei der Grundausbildung in Leipheim.

Jürgen war nun mitten im Geschehen des Geschwaders »Allgäu« auf dem Memmingerberg. »Zu meiner Zeit waren dort die Republic F-84 und dann der Starfighter im Einsatz, das war für so einen jungen Kerl wie mich natürlich faszinierend.« Jürgen erinnert sich aber auch an die brisante Geschichte mit den beiden vermissten Kampfflugzeugen, die kurz vor seiner aktiven Zeit über der damaligen Tschechoslowakei abgestürzt waren. »Die beiden Piloten konnten sich zwar mit dem Schleudersitz retten, wurden aber festgenommen.«

Allerdings dauerte es eine ganze Weile, bis das im Westen bekannt wurde, und die beiden Männer nach ihrer Verurteilung wieder ausreisen durften. »Denen hatte man im Osten Spionage vorgeworfen – das war schon eine heftige Nummer.« Wenn man heute so problemlos nach Tschechien fährt, kommen einem Erzählungen aus den Jahren des Kalten Krieges mehr als unwirklich vor. »Der Franz Josef Strauß war ja damals Verteidigungsminister. Der hat die beiden Piloten nach ihrer Freilassung im Fernsehen präsentiert. Meine Herrn, was ein Zirkus!« Das Schicksal der beiden Kameraden war bei Jürgens Dienstantritt noch immer ein heißes Thema auf dem Memmingerberg.

»Auf einmal wusste ich, was ich nach dem Barras machen wollte: reisen! Ich hab’ mir wirklich gesagt: ›Die Welt, die muss ich mir anschauen!‹ Das war mit einem Mal mein Ziel.« Jürgen ist bis heute nicht damit fertig geworden …

Gleichwohl war auch der Gefreite Schultz vom Fliegen schnell so fasziniert, dass er selbst Stunden nahm. »Das glaubte mir anfangs keiner – aber ich hatte tatsächlich bald den Segelflugschein und flott meine 160 Starts auf dem Konto.« Entsprechend tat sich plötzlich die Tür zu einer Laufbahn bei der Bundeswehr auf; eine Vorladung zum Gespräch beim Commodore, der auf Jürgens volle Tauglichkeit, »T1« genannt, abhob, war die Folge. Und die Frage, ob sich der werte Herr Schultz denn nicht für eine Karriere bei der Luftwaffe erwärmen könne.

Das Geschwader wurde zu jener Zeit auf den Starfighter umgestellt, wobei man die Jagdbomber vom Typ F-104 oft auch als Witwenmacher bezeichnete. Ein Absturzopfer hatte Jürgen selbst noch verabschiedet, als sich der Pilot zu einem Routineflug aufmachte. »Das war auch der Grund, weshalb mir die zwei Pflichtjahre wirklich genug waren. Allein in der Zeit hieß es vier Mal ›Helm ab zum Gebet‹. Das braucht man nun wirklich so überhaupt nicht.« Der Commodore wiederum zog zwar ein langes Gesicht, akzeptierte jedoch die Entscheidung des Gefreiten Schultz. Was blieb ihm auch anderes übrig?

Anders sah das mit den Flügen nach Sardinien aus, denn auch die Bundeswehr war in den frühen 1960er-Jahren im Mittelmeer vertreten. »Der Commodore fragte direkt nach flugbegeisterten Leuten, die mit in den Süden wollten – und da war ich als Segelflieger natürlich in der allerersten Auswahl.« Nach einer rund sechs Stunden dauernden Anreise in einem Noratlas-Transportflugzeug und acht Tagen Wache schieben saß der Gefreite Schultz folglich auch hier meist im Geschwader-Geschäftszimmer, seine kaufmännischen Kenntnisse wusste man auch auf der wunderschönen Mittelmeerinsel zu schätzen.

»Für so einen jungen Kerl war das natürlich der absolute Traum. Sowieso war Italien als Reiseziel legendär. Und dann noch dorthin zu ›müssen‹, das war ein richtig tolles Ding.« Zumal das Leben auf dem Stützpunkt eher lässig war. »Außerdem waren die Mädels von unseren Khaki-Klamotten echt angetan.« Dass sich Jürgen und seine Kameraden im Vorfeld mitsamt Helm neben und in den Jagdbombern hatten ablichten lassen, um sich solcherart als »Piloti« auszugeben – geschenkt! »Mann, haben wir angegeben, wir Rotzlöffel. Aber schön war das doch.«

Nicht nur die Bilder aus dem Cockpit sorgten für Eindruck: »Die Mädels in Italien waren auch von unseren Khaki-Klamotten echt angetan. Was waren wir für Aufschneider.«

Insgesamt drei Mal für jeweils drei bis vier Wochen konnte, ja durfte er nach Sardinien. Der Commodore hatte es ihm wirklich nicht übel genommen, dass sich Jürgen gegen eine längerfristige Karriere bei der Bundeswehr entschieden hatte – wobei er sich dort nicht gerade überarbeitete, wie er zugibt. »An manchen Tagen musste ich als Statistiker ran und auf dem Klemmbrett einen Strich machen, wenn bei einer Übung tatsächlich mal ein Ziel getroffen wurde. Dann konnte es passieren, dass ich einen ganzen Tag damit zubrachte, einen einzigen Strich zu malen. Mann, was ein Gammlerleben!«

Prägender als die lässigen Dienstpflichten oder die markigen Auftritte im Pilotenstil war jedoch das internationale Flair auf Sardinien. »Der Fliegerhorst war so rund 40 Kilometer von Cagliari entfernt, da sind wir an freien Tagen natürlich hin. Und die Amis erst, die waren ja mit ihren nagelneuen F-105 da; die haben manchmal ganz schön auf den Putz gehauen. Die kamen ja auch aus völlig exotischen Bundesstaaten wie Nevada, Texas oder Florida. Das hat so einen Provinz-Allgäuer wie mich schwer beeindruckt.« Es war, als hätte sich just die Welt für Jürgen geöffnet.

Irgendwann einmal, wann exakt, das wird sich wohl nicht mehr klären lassen, geschah dann eine Initialzündung in der Vita des Jürgen Schultz: »Ich weiß wirklich nicht mehr, wann mir der Gedanke tatsächlich kam. Aber auf einmal wusste ich ganz genau, was ich nach dem Barras machen wollte: reisen! Ich hab’ mir wirklich gesagt: ›Die Welt, die muss ich mir unbedingt anschauen!‹ Das war mit einem Mal mein Ziel.« Ein großes Vorhaben war es, das sich der Gefreite Schultz damals 1964 vornahm. Und er ist denn auch bis heute nicht damit fertig geworden.

»Das Kribbeln, das habe ich immer, wenn ich endlich wieder unterwegs bin – das ist heute noch so arg wie beim ersten Flug nach Sardinien. Auch, wenn so ein Bulli ein bisschen langsamer ist.«

Der rollt inzwischen eher mit Tempo 75 als mit Tempo 90 zielstrebig Richtung Südosten, Jürgen und sein Bruder Emil haben ja Zeit. »Manchmal schafft man 300 Kilometer an einem Tag, das ist dann aber schon richtig viel – und eigentlich nur auf Schnellstraßen oder Autobahnen in Deutschland oder Österreich zu machen. Manchmal sind es auch nur 100 Kilometer oder noch weniger. Aber das ist auch in Ordnung. Wir sind ja nicht auf der Flucht, wir lassen den Bulli im eigenen Tempo rollen.«

Das schont Nerven und Material gleichermaßen. Denn keiner der beiden Schultz-Brüder hat eine Ausbildung als Mechaniker, geschweige denn die höheren Weihen des öligen Schrauberfingers. Und so ersetzt ein Höchstmaß an positivem Denken fehlendes Wissen um die Innereien des Volkswagens, der gleichwohl vor sich hinschnurrt, während Ljubljana und eine Weile später Zagreb passiert werden.

Ganz zwangsläufig führt die Route über den ebenso legendären wie verrufenen »Autoput«, der Hauptroute Richtung Griechenland und Türkei. »Die Straße hieß ja eigentlich ›Autoput bratstva i jedinstva‹, die ›Straße der Brüderlichkeit und Einheit‹. Das hatte sich der Tito ausgedacht. So richtig brüderlich ging es auf der Piste aber nicht zu«, erinnert sich Jürgen. Der Autoput galt zu Recht als eine der gefährlichsten Straßen in Europa. »Entsprechend viele Unfälle sah man. Vor allem, wenn manche auf den mörderisch langen Etappen einnickten oder auch wild überholten, wurde das richtig brenzlig.«

Zudem war die Strecke längst noch nicht durchgehend als Autobahn ausgebaut: »Da gab es etliche Abschnitte, das waren eher schon Landstraßen. Ans Überholen war da kaum zu denken – wurde natürlich trotzdem gemacht. Bin heute noch froh, dass uns ein großer Crash erspart blieb. Aber wilde Ausweichmanöver musste ich ja dann doch etliche machen. Zum Glück kann man mit einem Bulli notfalls auch mal ins Bankett, ohne sich gleich die Achse abzureißen.« Verglichen mit heutigen Autos ist solch ein T1-Oldie ein echter Offroader, wenn es um die Bodenfreiheit geht. »Das ist ganz anders als bei diesen modernen SUV, bei denen man denkt, die Ingenieure hätten einen Geländewagen entwickeln wollen – und dann kurz vor Schluss gemerkt, dass es ja doch schon Straßen gibt.«

Athen, Akropolis: Für Zwischenstopps wie hier vor dem Wahrzeichen der griechischen Hauptstadt nahm sich Jürgen immer Zeit auf all seinen Reisen.

Auf denen fühlt sich natürlich auch ein Bulli am wohlsten, wobei man – so man nicht ein Blechohr hat, das den in viel zu hohen Drehzahlen jammernden Boxermotor ignoriert – rasch in gemessene Geschwindigkeiten verfällt. »Jeder Bus, aber auch jeder Käfer, hat so sein eigenes Wohlfühltempo.« Unterdessen lässt man sich den warmen Spätsommerwind, der durch das weit geöffnete Ausstellfenster weht, um die Nase fächeln.

»Man spürt das, wenn man bereit ist, sich auf die Dinge einzulassen. Und vor allem spürt man, wenn ein Motor frei und ohne Schinderei vor sich hinwerkelt.« So ganz unbeleckt ist Jürgen eben doch nicht: »Na ja. Ventile einstellen, Öl wechseln oder den Ölbad-Luftfilter putzen, das krieg’ ich schon hin.« Und auch ein platter Reifen ist nur dann ein Drama, wenn man eines draus macht – was Jürgen sich ersparte. Und solcherart kann eine Reise durchaus entspannend sein.

»Am Anfang ist man noch aufgeregt, euphorisch. Da ragt der Alltag noch in die Fahrt rein. Spätestens aber, wenn man die ersten paar Tage unterwegs ist, die ersten paar Grenzen hinter sich hat, dann stellt sich eine gewisse Reiseroutine ein. Man wird wirklich gelassener.« Psychologen nennen diesen Zustand »Flow«: Unbewusst lenkt man dann ein Fahrzeug durchs Land, ohne die Gegend, den Verkehr oder gar Straßenschilder bewusst wahrzunehmen. »Und obwohl man alle Verkehrsregeln beachtet, kann man sich abends kaum an Einzelheiten erinnern. Nur, wenn es drauf ankommt, sollte man natürlich hellwach sein«, weiß Jürgen aus langjähriger Erfahrung als Weltenbummler mit vielen, vielen, vielen Kilometern auf dem Buckel.

Die ersten Grenzen nach Österreich oder ins damalige Jugoslawien waren noch völlig problemlos, obwohl Europa in den 1970er-Jahren noch weit von der Idee eines grenzenlosen Kontinents entfernt ist. »Also Pässe bereit halten, nett lächeln – dann klappt das auch.« Das eigens eingepackte »Borderdress« hingegen muss an der Grenze in die Alpenrepublik oder auf dem Balkan noch nicht zum Einsatz kommen. »Das braucht man erfahrungsgemäß erst im Mittleren Osten. Das hat noch Zeit.«

Zeit haben auch Emil und Jürgen, während sich allmählich besagte Reiseroutine einstellt – die dazu führt, dass der tapfere Bulli lässig, aber zielstrebig rollt, rollt, rollt. »Man tankt, wenn man muss, man hält, wenn man will. Und wo ich parke, da bin ich daheim«, bringt es Jürgen flott auf den Punkt, wird er nach den genauen Plänen einer solchen Reise befragt. »Bloß nicht zu viel planen – einfach losfahren. Das ist besser.«

Wer sich in ein enges Zeitkorsett zwängt, der wird nur eines erreichen: Unzufriedenheit nämlich. »Denn eine Reise ist ein bisschen wie das Leben. Alles kann man ohnehin nicht planen. Also sollte man nur schauen, dass man ein gewisses Ziel ins Visier nimmt. Und dann zusehen, wie man da irgendwie hinkommt.« Leute wie Jürgen Schultz werden mit einer durchgestylten und minutiös organisierten Gruppenreise nie im Leben glücklich werden. »Besser auf den Moment konzentrieren, und den dann auch genießen. Im nächsten Augenblick ist vielleicht sowieso wieder alles ganz anders. Vor allem, wenn man Tramper mitnimmt.«

»Am Anfang ist man noch aufgeregt, euphorisch. Da ragt der Alltag noch in die Fahrt rein. Spätestens aber, wenn man die ersten paar Tage unterwegs ist, wird man gelassener.«