Im Gesang des Horizonts - Lucas Martainn - E-Book

Im Gesang des Horizonts E-Book

Lucas Martainn

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Beschreibung

Geschichten, die unabhängig von der Pionéa-Trilogie gelesen werden können und doch mit ihrem Feuer verbunden sind: das ist die SPARCS-Reihe. Großes Kino im Kleinformat. Was geschieht, wenn das Leben nicht mehr ausreicht, um sich selbst zu erzählen? Mit den fünfzehn hier versammelten Erzählungen reisen wir in jene Momente, in denen das Leben in Stille mündet und daraus eine neue Bewegung entsteht. Lucas Martainn schreibt leise, klar, oft heiter. Mal reduziert, mal erzählerisch im besten Sinn führt er in jene Lichtung, in der Sehnen und Ankommen, Nähe und Ferne, Sichtbares und Verborgenes, Schweigen und Sprache, ja selbst Leben und Tod keine Gegensätze mehr bilden.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Zum Empfang

TEIL 1: Personen

Jean Bouquin

Der Engel

Ainos

Das Meer

Der Tanz der Asche

Elpis

In einer anderen Ewigkeit

Nachtwache

TEIL 2: Ereignisse

LOOP

Gestern

STURM

Im Gesang des Horizonts

Reinigung

Kein Lüftchen

RINGLICHT

Ohne dich

TEIL 3: Erwähnte Geschichten

Lyra, die Traumweberin

Wo die Horizonte verschmelzen

Heimkehr

ANHANG

Auf Wiedersehen, kleine Blume

Nachwort

Zum Empfang

Er kniete sich neben Liya, die jetzt traumverloren in der Glut stocherte und Funken in die Dunkelheit sprühen ließ, als befragte sie ein Orakel.

»Was sagen sie?«, fragte Ian.

»Hm?«

»Die fliegenden Funken?«

»Ach, die. Ich war völlig woanders«, lächelte Liya. »Oder auch nicht. Jeder Funke ist eine eigene Geschichte. Und doch sind sie alle mit dem Feuer verbunden.«

Ian lächelte.

– aus LOOP, S. 187

Die Pionéa-Trilogie ist das Feuer, das Funken sprüht. Die Funken sind SPARCS: eine Sammlung von Geschichten, die mit diesem Feuer verbunden sind.

Können Sie diese Geschichten auch lesen, ohne die Pionéa-Trilogie zu kennen? Ja! Das ist möglich, denn diese Geschichten stehen für sich.

Wer weiß, vielleicht sind sie auch ein guter Einstieg in die Trilogie. Sie erzählen viel, aber nichts über die Trilogie.

Wir können es auch so betrachten: Diese Geschichten und die Trilogie sind im selben Garten gewachsen. Und ich glaube, dass man dieses Buch wie einen Garten betrachten kann, durch den man wandelt und an den Stellen verweilt, die einen ansprechen. Sie müssen die Geschichten also nicht der Reihe nach lesen.

Der Garten ist in drei Bereiche unterteilt, die mit der Trilogie verbunden sind. Personen, Ereignisse und Geschichten, die in der Trilogie erwähnt werden. Zu Beginn einer Geschichte informiere ich Sie jeweils, wenn es einen direkten Anknüpfungspunkt zur Trilogie gibt.

Und damit trete ich zurück und öffne das Tor in den Garten.

Lucas Martainn

TEIL 1

Personen

Jean Bouquin

»Jean wer?«, fragen Sie vielleicht, wenn Sie die Trilogie gelesen haben. Wir begegnen ihm hier:

Jean Bouquin hatte sich mit seiner Frau Adélie an den äußersten Tisch vor dem Café des Phares gesetzt und blinzelte in das Lichtspiel. Es war früh am Morgen und der Straßenlärm war noch nicht erwacht. Am Wochenende erhob er sich etwas später aus dem Bett der Stille. Ohnehin. Motoren waren nicht mehr die Lärmschleudern, die sie noch vor kurzem waren. Bald würde der Schatten der Julisäule sie erreichen wie der Zeiger einer riesigen Sonnenuhr. Kurz darauf würde die Sonne für Jean und Adélie Bouquin wie eine zweite Sonne aufgehen und sie würden in einem neuen Licht sitzen. Eine Frau in einem gelben Regenmantel mit einem kleinen Hündchen an der Leine, das ebenfalls in einen gelben Mantel gehüllt war, ging zielstrebig irgendwohin und direkt an ihnen vorbei.

Jean Bouquin hatte soeben in die Lektüre seiner Zeitung versinken wollen, als der Kellner ihn schon wieder daraus herausfischte.

»Bonjour, Madame und Monsieur Bouquin, ich hoffe, Ihr Morgen ist so außergewöhnlich wie diese Stimmung. Es gibt nur wenige Tage im Herbst, an denen die Sonne so auf den Platz scheint wie heute, und dann noch mit diesen Spiegelungen! Herrlich, nicht wahr?« Und ohne eine Antwort abzuwarten: »Das Übliche?«

»Einzigartig, ja. Man wünscht sich, solche Momente würden nie vergehen. Oder wenigstens immer wiederkommen. Das Übliche, Marc, ja, danke.«

»Kommt sofort.« Marc schenkte der Madame noch ein zusätzliches Lächeln und sie schenkte ihm eines, das er mit sich forttrug, in die Dunkelheit des Cafés, um diese für die Dauer, die er brauchte, um einen Latte Macchiato und einen Espresso abzuholen, etwas aufzuhellen.

Während Jean Bouquin noch über das Paradoxe seiner Bemerkung nachdachte, dass Augenblicke nicht vergehen dürften, paradox, weil der Wunsch ausgerechnet hier geäußert worden war, an diesem Ort, an dem große Ereignisse ihren Anfang genommen und die Geschichte für immer verändert hatten, und über die Frage, ob Geschichte verändert werden kann oder nicht einfach geformt, näherte sich ein dumpfes, tiefes Wummern, das sich in ein Brummen verdichtete. Reifen quietschten.

– LOOP, S. 453

Die folgende Geschichte ereignet sich viele Jahre vorher.

Der Engel

Imaginer courir dans les forêts

et rire au rythme de ta voix

– Juliette Armanet, Imaginer l’Amour

Stell dir vor, du rennst durch den Wald

und lachst im Rhythmus deiner Stimme

Für Claude Fontainbleu

Der Engel saß neben ihm und rülpste.

Dann Stille.

Keine Pauken. Keine Trompeten.

Keine himmlischen Chöre von unbeschreiblichen Klängen und Lauten.

Kein »Höre, denn ich bin…«, oder »Gegrüßt seist du…«, oder »Habet keine Furcht«.

Nichts dergleichen.

Stille.

Das überraschte Jean Bouquin doch sehr.

Sie schien aus sich selbst heraus zu strömen. Die Stille.

Sich zu weiten, zu vertiefen.

Alles schien durchflutet, durchtränkt mit leuchtender Stille, schien zugleich Quelle als auch ihr vollendeter Ausdruck zu sein.

Die Passanten, schlendernd, eilend, verliebt, verbittert. Geschäftig. Gelangweilt.

Der Stuhl, auf dem er saß.

Der Duft frisch gebackener Croissants.

Die Geräusche der Stadt.

Die Frage:

Wie er aussah.

Wie er hieß.

Was er sagte.

Vor allem, was er sagte.

Hatte er Flügel.

Ließ er Federn.

Jean Bouquin beschloss, dass die Bedeutung im Ereignis selbst lag.

Er wusste, dass es ein Engel war, weil er es so sehr wusste, wie er sonst nichts wusste.

Es war ganz unvorstellbar, wie sehr er es wusste! Wenn er je etwas gewusst hatte, dann das.

Als ob ihm in Afrika ein Elefant auf den Fuß steht. Das braucht er weder sich noch irgendjemandem zu beweisen.

Es war seine Präsenz.

Der Engel war präsent, wie Jean Bouquin es nirgends auf der Welt je angetroffen hatte.

Er war nie weit gereist.

Trotzdem.

Es ging eine nicht zu beschreibende Kraft davon aus.

Er war Raum. Totalität. Er war Hier.

Er umhüllte das Potenzial. Er war schöpferische Kraft.

Er war Da.

Man könnte den Unterschied zwischen einem Engel und einer Kuh so zusammenfassen, überlegte sich Jean Bouquin später, ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, dass zwar beide da sind, wobei das Da der Kuh einfach ein Da ist, während des Engels Da alles umfasst.

Darum war ihm klar, dass das, was urplötzlich neben ihm saß, nicht im Entferntesten irgend etwas mit einer Kuh oder sonst einer irdischen Präsenz gemein hatte, sondern ein Engel war, trotz seines überaus irdischen und nicht etwa überirdischen Lautes, den er von sich gegeben hatte.

Man kann jetzt einwenden, dass Nicht-Kuh und nichtirdisch nicht unweigerlich Engel sein muss.

Die Frage:

Wie sah er aus.

Hatte er Flügel.

Flügel scheinen ein Garant für Engel zu sein. Als ob Engel in jenen Sphären, in denen sie zu verkehren pflegen, auf eine Mechanik angewiesen wären, um ihnen Auftrieb zu verschaffen.

Ganz zu schweigen von den gewaltigen Brustmuskeln, die konsequenterweise zu dieser Ausstattung gehören.

Was für ein Engelskörper.

Obwohl, das muss man der Gerechtigkeit halber anfügen, auch nirgends davon berichtet wird, dass ein Engel je mit den Flügeln flatterte, etwa:

»Und nachdem er Maria die Botschaft überbracht hatte, flatterte Gabriel wieder gen Himmel.«

Der Engel hätte sicher über genügend geistige Flexibilität verfügt, um sich Jean Bouquin mit Flügeln zu zeigen, wenn er das gewollt hätte. Und mit Namen.

Jean Bouquin hatte das Gefühl, dass Engel in Bezug auf ihr Erscheinungsbild nicht sehr heikel sind.

Nicht nachlässig oder unkritisch, was auch seine Art der Begrüßung auf eine doch eher unprätentiöse Weise hätte erklären können. Nein.

Eher entgegenkommend.

Die Frage:

Wie sah er aus.

Wie sehen Engel aus, wenn sie nicht per se aussehen?

Jean Bouquin beschloss, dass er präsent war, ohne auszusehen.

Mit Flügeln oder ohne.

Die Frage:

Was sagte er.

Er engte die Fülle nicht ein.

Er sprach, indem er nicht sprach.

Die schiere Präsenz des Engels bewahrte ihn davor, zum nihilistischen Ereignis zu werden.

Jean Bouquins Füße wurden schwerer. Sein Körper machte eine fast unmerkliche, nicht willentlich gesteuerte Bewegung. Es war, als würde er fallen. Aber nicht etwa nach unten. Nach oben. Die Füße fest am Boden.

Als würde ihn die Schwerkraft aufrichten.

Sein Körper wurde leicht. Nicht weniger materiell. Frei.

Er wurde weit wie das Meer. Offen wie der Wind, der ungehindert darüber weht.

Jean Bouquin sah nicht mehr Menschen, die an ihm vorübergingen, sondern Seelen. Hörte nicht mehr Diskussionen, Argumente, Bemerkungen, sondern Bewusstsein, das sich selbst erforscht.

Sah sich selbst, als sei er Zeuge sich entfaltender Kreativität. Hörte seine inneren Stimmen und Dialoge. Als würden sie auf einer Bühne vorgetragen.

Seine inneren Zustände, Dramen, Komödien – je nach Blickwinkel – sich entfaltend und in sich zusammenfallend, wie die Wellen der Brandung, keine bedeutender oder unbedeutender als eine andere; darunter, unter der Oberfläche, tiefe Stille, ruhige Ströme, nach ganz eigenen Gesetzen das Gleichgewicht wahrend und immerwährend suchend, umfassend, schaffend, ein dynamisches Gleichgewicht.

Jean Bouquins Einbindung wurde umfassender, von Atemzug zu Atemzug, von Moment zu Moment; so wie sich Mehl und Wasser vermischen, so vermischte er sich mit der Umgebung, den Menschen, der Menschheit, dem Planeten, dem Himmel, den Sternen, dem Jenseits der Sterne, er verlor sich, ohne sich zu verlieren, wuchs ins Unendliche und blieb ganz bei sich, er –

»Wünschen Sie noch etwas, Monsieur?«, fragte der Kellner,

»Nein, danke, etwas später«,

erkannte das Potenzial der Menschheit,

»Ein Croissant vielleicht?«,

des Kellners vor ihm,

»Nein danke«,

hörte ihn klingen wie eine Sinfonie,

»Einen Espresso?«,

sah ihn strömen durch die Jahrtausende,

»Etwas später, danke«.

Da saß er also.

Nachdem Jean Bouquins Bewusstsein wieder annähernd auf die ihm bekannte Größe geschrumpft war, ging er nach Hause und küsste seine Frau Adélie, wie er sie seit vierzehn Jahren nicht mehr geküsst hatte.

Sie brach in Tränen aus.

»Aber nein!«, sagte er. »Es ist nicht, was du denkst!«, sagte er. »Ich habe einen Engel getroffen.« Sagte er.

Seine Frau ergoss eine weitere Tränenflut.

»Einen richtigen Engel.« Sagte er.

Sie weinte drei Tage und Nächte.

Zwischen dem Place de l’Opéra und dem Place St.Augustin. Jean Bouquin kam täglich an einem Blumenladen vorbei. ›Les Fleurs‹ hieß er. Ganz einfach. Klein. Ein Raum. Ein Schaufenster. Hunderte von Pflanzen bis an die Decke. Große und kleine Vasen. Ein alter Mann. Ein Käfig mit zwei kleinen Vögeln darin, deren Rufe man bis auf die Straße hörte. Jean Bouquin hatte den Laden nie bemerkt.

Heute blieb er stehen.

Er schaute durch das Glas in den Dschungel.

Er spürte eine Sehnsucht.

Lange war er in Betrachtung versunken, ließ sich von diesem Anblick entführen in eine andere Welt.

Etwas ließ ihn schließlich wieder in Bewegung übergehen und den Laden betreten.

Die Vögel begrüßten Jean Bouquin.

Der Ladenbesitzer begrüßte Jean Bouquin.

Er schaute.

Schließlich kaufte er einen Strauß mit Amaryllis.

Rote und weiße.

Er war schon bei der Türe, als er sich noch einmal umdrehte und fragte: »Was für Vögel sind das?«

»Pfirsichköpfchen. Agaporniden. Kleine Papageien. Sie werden ›Unzertrennliche‹ genannt.«

Der eine Vogel fuhr mit dem Schnabel seinem Gefährten sanft durch die kleinen Kopffedern.

Zärtlich, kam es Jean Bouquin vor.

Er trat wieder auf die Straße.

Zärtlich, dachte er leise. Als er mit dem Strauß nach Hause ging, wurde ihm bewusst: Er hatte vor langer Zeit vergessen, dass er seiner Frau Blumen mitbringen könnte.

Adélie war außer sich. Sie fand die Vase nicht.

Ihre einzige Vase.

Irrte in den Keller, fand sie in einer Ecke unter anderem Vergessenem, das unbemerkt durch den Alltag und die Jahre bis dorthin gesickert war.

Als sie hochkam, hatte sie Tränen in den Augen.

Regen.

Er stand auf der Brücke.

Blickte auf die Seine.

Sie führte wenig Wasser.

Floss langsam.

Tropfen formten Muster auf der glatten Oberfläche. Er hörte.

Hörte den Fluss träumen.

Jenseits von Bildern. Jenseits von Worten.

Jenseits von Klängen.

Man rempelte ihn an.

Er merkte es nicht.

Regen.

Dämmerung.

Adélie stand vor dem großen Schaufenster.

Sie spürte eine Sehnsucht. Lange war sie in Betrachtung versunken, ließ sich von diesem Anblick entführen in eine andere Welt.

Als würde sie gerufen.

Nein, sie hatte sich nicht vergessen.

Etwas ließ sie schließlich wieder in Bewegung übergehen. Als sie zur Brücke kam, blieb sie stehen.

Da stand er.

Nass. Den Schirm zugeklappt in seiner rechten Hand. Blickte auf die Seine.

Sie führte wenig Wasser.

Tropfen formten Muster auf der wandernden Oberfläche. Darin treibend, floss die Welt.

Er schien zu sehen ohne zu schauen.

Adélie ging langsam auf ihn zu.

Schritt für Schritt bemerkte er sie nicht.

Er wurde angerempelt.

Bemerkte es nicht.

Er schien in seinem eigenen Raum zu sein.

In seinem eigenen Universum.

Sie war jetzt dicht neben ihm.

Wollte ihn berühren.

Da drehte er seinen Kopf zu ihr.

War es Regen? Waren es Tränen?

»Ach, du«, sagte er sanft.

Drehte den Rest seines Körpers. Küsste Adélie. Umarmte sie. Sie nahm ihn unter ihren Schirm.

Seit Jean Bouquin ihn vor dreizehn Jahren kennen gelernt hatte, hatte er Claude Fontainbleu sich nie mit etwas anderem beschäftigen sehen als mit seiner eigenen Wichtigkeit. Doch das hatte Jean Bouquin bislang nicht gestört.

So musste er sich nicht verantwortlich fühlen. Dafür, dass zwischen ihnen seit dreizehn Jahren kein wirklicher Kontakt zustande gekommen war. Obwohl sie sich seit dreizehn Jahren, vier Monaten und siebzehn Tagen, um genau zu sein, täglich gegenüber saßen.

Jean Bouquin wusste alles und nichts über Claude Fontainbleu. Dass er die schönste Frau besaß, die auf Erden wandelte. Dass sie in der Liebe unschlagbar war.

Dass er trotzdem an und an ausprobierte, ob dem wirklich so sei, indem er Vergleiche tätigte. Hin und wieder musste er sich dies einfach bestätigen.

Dass seine Frau die beste Pasta zubereitete, die auf Erden zubereitet werden konnte. Nein, das war untertrieben.

Die beste Pasta des Universums.

Dass er es liebte, mit seiner Frau in die Oper zu gehen.

Er machte sich nichts aus Opern, ja verabscheute diese ganze Wichtigtuerei auf der Bühne geradezu. Er fand, die Menschen sollten sterben, statt zu singen, wenn sie ein Messer im Rücken haben.

Aber seine Frau war einzigartig anzusehen. Und alle sahen sie.

Er musste sie wirklich lieben.

Auch dass der beste Kaffee in seiner Heimatstadt gemacht wurde, in La Côte-Saint-André, welche auch die Heimatstadt des Hector Berlioz gewesen war, dem größten Komponisten aller Zeiten, und derjenige, der außerdem Literatur und Journalismus auf einzigartige Weise zu einer nie da gewesenen Synthese führte. Dass, wenn der Rest der Franzosen an den Wahlen so wählte wie er, sich Frankreich schon längst in ein Paradies verwandelt hätte.

Und so weiter und so weiter.

So ungefähr.

Jean Bouquin und Claude Fontainbleu ergänzten sich auf ideale Weise.

Claude Fontainbleu redete, und Jean Bouquin hörte zu.

Das beste Gespann auf Erden.

Sagte Claude Fontainbleu.

An diesem Tag war es anders.

Claude Fontainbleu stellte eine Frage.

Nicht eine dieser Fragen, auf die er sich dann sogleich selbst die Antwort gegeben hätte, nein, eine dieser richtigen Fragen, die nach einer richtigen Antwort eines Gegenübers verlangten:

»Was machen Sie morgen Abend, mein lieber Jean Bouquin?«

Jean Bouquin war geschockt. Er war wie erstarrt. In ihm breitete sich eine dumpfe Stille aus, die all seine Gedanken zu erstillen drohte.

Noch nie in dreizehn Jahren, vier Monaten und siebzehn Tagen war es zwischen ihnen zu einem solchen Maß an Interaktion gekommen.

Irgendwo in der flachen Stille fand er schließlich drei einsame Worte.

Und eine kurze Pause nach den ersten zwei.

Er schnappte sie sich, auf dass sie ihm nicht entwischen, klammerte sich daran, und warf sie schließlich nach außen. »Ich glaube, nichts.«

Jean Bouquin hatte nie etwas vor, morgen Abend.

»Na«, fuhr Claude Fontainbleu die Interaktion fort. »Na, dann wäre es doch wunderbar, wenn Sie und Ihre Frau uns morgen Abend in die Oper begleiten würden. Wie hieß sie doch gleich – Adèle?«

Stille.

»Ihre Frau, ihr Name ist Adèle, nicht wahr, mein lieber Jean Bouquin?«

»Ach, meine Frau? Ich dachte, die Oper.«

»Nein, Ihre werte Gemahlin meine ich. Sie heißt doch nicht Giovanni? Don Giovanni?«

Und lachte.

»Adélie. Adélie«, sagte er.

»Richtig. Wunderbar! Wissen Sie, mein Lieber, Sie haben sich verändert, möchte ich sagen, ich weiß nicht wie oder was, aber Sie haben sich verändert. Es wäre nett, Sie morgen Abend mit Ihrer entzückenden Gattin mit uns zu haben. Es wird keine Oper gespielt. Ein berühmter Pianist – wie hieß er doch gleich? – wird ein Solokonzert geben. Einer der Weltbesten, sagt man. Man muss ihn gehört haben!«

»Das wäre wunderbar. Ja, wunderbar«, sagte Jean Bouquin. Er fand die Worte wieder. Der sanfte Schleier der Stille hob sich.

»Ich war seit einer Ewigkeit nicht mehr in der Oper. Wunderbar!«

»Adélie!« rief er, als er nach Hause kam. »Zieh deinen Mantel an. Wir müssen noch heute in die Stadt!«

Adélie kam aus der Küche.

Ihr Blick fragte genug, um Jean Bouquin antworten zu lassen. »Wir müssen dir ein Kleid kaufen.«

Adélies Blick fragte noch mehr.

»Wir gehen morgen Abend in die Oper.«

Adélies Blick kam zurück zu ihr, nach innen, während sie ihrem Mann noch in die Augen schaute.

Hier begannen die Dinge zu fallen.

In ihr. In ihm.

Das Küchentuch aus ihrer Hand.

Sie ihrem Mann um den Hals.

Sie fand ihren Mantel und ihre Fassung, und gemeinsam verließen sie das Haus.

Hand in Hand, um ihr ein Kleid zu kaufen.

Jean Bouquin hatte keine Idee, wo sie es herbekommen würden.

Die brauchte er nicht. Adélie steuerte ihren Mann mit sanftem Zug ihrer linken Hand, mit der sie seine rechte fest umfasste, nach rechts, stieß ihn mit ihrem Körper sanft nach links, wobei sie an und an seine Wange berührte und er ihr Parfüm roch, sie blieben stehen, um die Sonne auf der Seine zu betrachten, die Wolken, und Jean Bouquin fand, dass seine Frau ein engelhaftes Lächeln besaß, wenn er, statt in die Wolken, aus den Augenwinkeln ihr klares Gesicht betrachtete, das von der Seite so klar geschnitten war wie ein Portrait auf einer griechischen Vase. Adélie beschrieb im Weitergehen ihrem Mann das Kleid, das sie sich würde kaufen wollen, wobei sie es in ihrem Herzen schon zu tragen schien, ein schlichtes, das durch seine Unauffälligkeit bestach, ein ruhiges, klares, das fiel wie der Morgentau von einem Grashalm, ja, gerade, still, achtsam, zufrieden, schützenswert, und es war ihm, als würde sie sich selbst beschreiben, wie er sie vergessen hatte, wie sie sich nie vergessen hatte.

Sie fanden das Kleid, Adélie steuerte zielsicher darauf zu, als würde es sie rufen, es war, als würde es nichts Natürlicheres geben, als dass Adélie dieses Kleid trug, es öffnete Jean Bouquin das Herz, als sie aus der Garderobe trat.

Seine Frau.

Madame Audreys Mund stand offen.

Sie schaute, als hätte sie einen Engel gesehen.

Jahrelang war Jean Bouquin an ihrem Fenster vorbeigegangen, wenn er morgens das Haus verließ, ohne ihr mehr zu wünschen, als ihm seine Erziehung abverlangte.

Doch heute, ja, heute, an diesem Morgen, der ganz normal begonnen hatte, wie jeder andere Morgen in ihrer sechsundzwanzigjährigen Karriere als Concierge dieses Hauses, war Jean Bouquin stehen geblieben.

Und nicht nur das.

»Ist das nicht ein wundervoller Morgen!«, hatte er mehr verkündet als gefragt.

Madame Audrey schaute ihn aus ihrem runden Gesicht an. Schob es etwas nach vorne.

Ob hier tatsächlich Jean Bouquin stand. Und mit ihr sprach. Noch nie in den dreizehn Jahren, in denen dieser Jean Bouquin, der jetzt vor ihr stand, mit seiner Frau Adélie die Wohnung im fünften Stock bewohnte, war es zwischen ihnen zu einem solchen Maß an Interaktion gekommen.

»Auf dass dieser Tag der beste Ihres Lebens wird!«, hatte er noch gesagt.

Und ließ Madame Audrey zurück.

Mit offenem Mund auf das jetzt leere Fenster starrend.

Die Vögel begrüßten ihn.

Der alte Mann begrüßte ihn.

Er kam nun regelmäßig in unregelmäßigen Abständen. Das hing davon ab, wie lange sich die Blumen hielten. Zu Hause, in der einzigen Vase.

Sie redeten ein wenig.

Dass Jean Bouquin heute Abend in die Oper gehen würde, um einen weltberühmten Pianisten zu hören.

Der Ladenbesitzer hieß Amaël Aron.

Jean Bouquin hieß Jean Bouquin.

Jean Bouquin kaufte neue Blumen.

Jean Bouquin war sich so viele Menschen nicht gewohnt. Vor allem aber war er es nicht gewohnt, dass Claude Fontainbleus Frau tatsächlich ein Mensch aus Fleisch und Blut war. Dreizehn Jahre lang war sie Erzählung gewesen.

Und nun stand sie vor ihm. In ihrer gesamten Dreidimensionalität. Die war, um es gelinde auszudrücken, gewaltig. Ihr üppiges Kleid machte sie zur wandelnden Säule. Sie hätte besser auf die Opernbühne gepasst als in einen der Sitze, in den sie sich jetzt zwängte.

Davon hatte Claude Fontainbleu nie gesprochen.

Doch was Jean Bouquin berührte, war, dass Claude Fontainbleu wirklich stolz zu sein schien auf seine Frau. Nicht in dem Sinn, wie er ihn dreizehn Jahre lang wahrgenommen hatte. Nicht, dass er seine Frau besaß, um sich selbst aufzuwerten. Es lag eine ehrliche Wertschätzung im Verhalten seiner Frau gegenüber, die er an ihm noch nie gesehen hatte. Wie er sie ihnen vorstellte. Wie er ihr den Mantel abnahm. Wie er sie, die Hand auf ihrem unteren Rücken, sanft durch den Saal führte.

Das erste Mal empfand Jean Bouquin für seinen Kollegen so etwas wie stille Sympathie.

Er erkannte, dass sich Claude Fontainbleu im Licht eines Scheinwerfers befand, in dem er nie hatte stehen wollen. Doch davon gefangen, konnte er ihm nicht mehr entfliehen.

Adélie war bezaubernd. Sie und ihr Kleid verschmolzen zu einer stillen Kraft, die die Oper zu erfüllen schien.

Die Töne eines der weltbesten Pianisten wurden zur stimmigsten Nebensache der Welt.

Sie erfüllte den Raum, innen und außen.

Er war zu Hause. Alles durfte so sein, wie es war.

Manchmal betrachtete er aus den Augenwinkeln ihr klares Profil. Wenn sie es merkte, lächelte sie, und deutete ihm mit schelmischem Blick, der in eine Bewegung der Augen überging, welcher ihr Kopf sanft folgte, den seinen wieder zum Pianisten zu wenden.

Dann lächelte sie still.

Er mochte dieses Funkeln in ihren Augen.

Plötzlich ließ die Musik ihn innerlich aufhorchen.

Ein einzelner Ton, in Zweiergruppen, zweimal die Zweiergruppe. Dann der Ton, aber mit Ausschmückungen, wie der einsame Ruf eines Vogels. Wieder die Zweiergruppen eines Einzeltones, dieses Mal tiefer. Dunkle Akkorde, darüber der einsame Ruf. Wieder, höher, mit Akkorden. Mit verschiedenen Akkorden. Akkorde wie Regentropfen, daraus immer wieder dieser Ton. Ein kurzes Anschwellen und Abfallen. Dann, wieder Zuversicht, der Ruf in einer anderen Lage, und Resignation, doch nur ganz kurz; neues Leben, neue Farben, Gewissheit, die sich festigt. Freiheit. Wieder tiefe Akkorde, der Ruf, als würde Dämmerung sich niederlassen.

Mit dem Verklingen des letzten Rufes öffnete sich die Stille.

Jean Bouquin wusste seit diesem Abend, was Gewissheit ohne Wissen bedeutet.

»Mein Lieber, mein Lieber!«, sagte Claude Fontainbleu am nächsten Tag als erstes zu Jean Bouquin. Und: »Ich war hingerissen! Was für ein Pianist! Nicht wahr?«

»Ich mochte die Musik«, antwortete Jean Bouquin.

»Man muss ihn gehört haben! Unerhört!«

Amaël Aron begrüßte ihn.

Jean Bouquin blickte zum Käfig.

Der eine Unzertrennliche war stumm.

Der andere – verschwunden.

»Was ist passiert?«, fragte er.

»Ich bin untröstlich!«, sagte Amaël Aron. »Ich wollte ihnen frisches Futter geben. Aber ich bin zittrig. Ich bin nicht mehr der Schnellste. Das Tor stand offen. Einer ist mir entwischt. Schwopp!«

Er machte mit beiden Händen eine schnelle, seitliche Aufwärtsbewegung. Jean Bouquin folgte der Bewegung mit seinem Blick. Warum der Alte beide Hände gebrauchte, war Jean Bouquin ein Fragezeichen.

»Ich versuchte, ihn einzufangen. Aber ich bin zittrig. Ich bin nicht mehr der Schnellste. Eine Kundin betrat den Laden, und das Vögelchen entfloh durch die offene Türe.«

Eine Pause.

»Ich dachte, sie seien unzertrennlich«, sagte Jean Bouquin.

»Oh, das sind sie, das sind sie. Schauen sie sich das arme Kerlchen an.«

Jean Bouquin betrachtete den traurigen Vogel.

Redete mit Amaël Aron.

Fasste einen Entschluss.

Zwanzig Minuten später trat Jean Bouquin wieder auf die Straße.

In der linken Hand einen großen Blumenstrauß.

Unter dem rechten Arm den einsamen Unzertrennlichen in seinem Käfig.

Claude Fontainbleu: »Ich weiß nicht ob ich es heute noch einmal schaffe zurückzukommen.«

Jean Bouquin: »Sie meinen, es dauert so lange?«

»Man weiß nie, kein Zeitgefühl haben sie mehr, diese Herren!«

Nachdem Jean Bouquin seine Arbeit abgeschlossen hatte, ging er nach Hause.

Er öffnete die Türe zu ihrer Wohnung im fünften Stock.

Er hörte Adélie leise lachen.

Er hörte Claude Fontainbleu lachen. Er trat herein und schloss die Türe. »Adélie, ich bin zu Hause!«, rief er. Kurze Stille.

Claude Fontainbleu trat mit offenen Armen und freudigem Gesicht aus dem Wohnzimmer.

»Viel Zeit ist nötig, um die Weltenmeere der Musik aufzufinden, noch viel mehr aber, sie befahren zu lernen! Nicht wahr, mein lieber Jean Bouquin?«

Jean Bouquin legte fragend den Kopf zur Seite.

»Ich war in der Gegend, und statt noch einmal zum Büro zu fahren und Sie dort zu dieser Stunde nicht mehr anzutreffen, dachte ich mir, ich bringe Ihnen noch dies hierher« – er deutete auf eine Aktentasche, die an die Wand des Ganges neben der Türe gelehnt war – »mit der Bitte, sich es doch bis Morgen anzuschauen, wenn es möglich sein sollte, und mir ein Urteil darüber zu geben. Zu meiner Verwunderung waren Sie noch nicht da, doch Ihre werte Frau hat mich eingelassen, und wir haben uns glänzend unterhalten. Einen seltsamen Vogel haben Sie da in seinem Käfig sitzen. Er zerreißt mir beinahe das Herz! Ich habe auch Ihre kleine Bibliothek entdeckt, alle drei bedeutsame Werke, die ich auch zu meinen Lieblingen zähle. Sie haben mir gar nie gesagt, dass sie Berlioz kennen! Den Berlioz kenne ich auswendig!«

»Natürlich«, sagte Jean Bouquin.

Adélie trat aus dem Wohnzimmer und begrüßte ihren Mann.

»Auch wenn ich die holperige Sprache des Herrn Strauss in Ihrer revidierten Ausgabe doch als einen Stolperstein empfinde!«, sagte Claude Fontainbleu.

Und lachte.

Jean Bouquin schwieg.

»Nun«, sagte Claude Fontainbleu schließlich.

Wippte dazu auf seinen Zehen etwas auf und ab.

Schaute zu Jean Bouquin. Schaute zu Adélie.

Und noch einmal: »Nun.«

Und abschließend: »Wir wollen ja nicht versuchen, den Reichtum der Interpretation einzuebben, nicht wahr?«, gab Jean Bouquin die Hand, verbeugte sich leicht in Adélies Richtung, trat zur Türe, öffnete sie schwungvoll, wünschte beiden einen schönen Abend, trat hinaus in das schwach beleuchtete Treppenhaus und zog die Türe wieder hinter sich zu.

Jean Bouquin saß an diesem Abend im Wohnzimmer.

Er besaß drei Bücher.

Victor Hugos Der letzte Tag eines Verurteilten.

Ferdinand Saussures Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft.

Hector Berlioz’ Instrumentationslehre, ergänzt und revidiert von Johann Strauss.

Er blätterte.

Doch er las nicht wirklich.

Er war sich nicht sicher, ob er wirklich suchte. Oder ob er fand.

»Aber natürlich, natürlich!«, sagte Madame Audrey nach einem kurzen Zögern, das nicht etwa aus Zweifeln gegenüber der ihr gestellten Aufgabe entsprang, sondern der Tatsache, dass Jean Bouquin mit einem Vogelkäfig mit einem traurigen Vögelchen darin vor ihrer Türe stand.

Selbstverständlich konnte sie sich um den stillen Vogel kümmern, während sie in den alljährlichen Ferien waren.