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Wann hatten Sie zuletzt Zeit, die fundamentalen Fragen unserer Gesellschaft zu reflektieren? Wir alle sind einer permanenten Reizüberflutung, durch Politik, Wissenschaft, Medien, Verschwörungstehoretikern, Weltverbesserern und unserem eigenen sozialen Umfeld, ausgesetzt. Inmitten dieser Flut bewältigt jeder seinen Alltag in unterschiedlichen Rollen und kämpft gegen seine eigenen Nöte und Sorgen an. Hat man da noch Zeit sich seine eigene, differenzierte, Meinung zu bilden? Weil der Autor diese Frage für sich nicht öffentlich beantwortet sah, war es ihm wichtig aufzuzeigen, dass die Meinung eines mündigen Bürgers nicht auf ein Kreuz auf einem Wahlzettel heruntergebrochen werden kann. Er ist wesentlich reflektierter und vielschichtiger als dies oft dargestellt wird. Anhand eines einzigen Bürgers will er zeigen, dass dieser sehr wohl seine Rolle im sozialen Zusammenleben, sein Verständnis für Religion, seinen Umgang mit den Sozialen Medien, dem Bildungssystem und sein Verhältnis zu Wissenschaft und Politik hinterfragt. Er wägt in vielen Bereichen des Lebens Idealismus gegen Vernunft und seine finanziellen Möglichkeiten ab und beschäftigt sich auch ehrlich mit den Themen Hass und Tod. Dies muss er täglich aus verschiedenen Blickwinkeln tun, sowohl als Unternehmer, als Vater wie auch für sich selbst. Das Buch richtet sich an Menschen die nicht unbedingt einer Meinung mit dem Autor sein müssen, aber bereit sind, für die Dauer eines Buches, eine andere, vielleicht auch schmerzhaftere, Sichtweise zuzulassen. Menschen, die auf der Suche nach anderen Blickwinkeln sind um die eigene Sichtweise entweder zu verifizieren, erweitern oder beginnen sie neu auszurichten. Der Autor sucht keine Follower, sondern richtet dieses Buch an streitbare Diskutanten, die leidenschaftlich zu ihren eigenen Gedanken stehen. In erster Linie geht es darum zu zeigen, dass die Meinung eines mündigen Bürgers nicht auf ein Kreuz auf einem Wahlzettel heruntergebrochen werden kann. Er ist wesentlich reflektierter und vielschichtiger als dies oft dargestellt wird. Das Buch ist als leidenschaftliches Plädoyer für die politische Mitte und die Rückkehr zur Kompromissbereitschaft zu verstehen. An vielen Stellen ist dieses Buch provokant und auch abstrakt gedacht. Dabei ist das Buch aber das Gegenteil zu einer ideologischen Anleitung, sondern es soll den Leser dazu anregen, sich seine eigenen Gedanken zu machen.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ich widme dieses Buch meiner Tochter Ally. Mögest du stets die richtigen Fragen stellen um all deine Fragen beantwortet zu bekommen.
Vorwort
Unser Grundgesetz
Der Umgang mit der Schuld
Wer darf über wichtige Themen überhaupt diskutieren?
Wissen schafft.
Am Anfang steht die Selbsterkenntnis
Eine neue Diskussionskultur
Balance in der Natur, Balance in der Wahrnehmung
Auf der Suche nach der richtigen Frage?
Der Umgang mit unserer Sprache
Die Gesellschaft muss umdenken!
Meinung vs. Freiheit
Humor – Wen oder was darf man lustig finden?
Der Mensch
Was ich will und was ich muss
Über das Ziel hinaus
Der Verlust der Mitte
Wenn der Teufel während Messe grinsend auf dem Altar sitzt
Wenn wir sie verlieren
Vorbilder oder Verbilder
Ethisches Verständnis und falsche Propheten
Unser Bildungssystem
Stadt. Land. Fluß. Der Kreislauf
Der harte Boden der Realität
Absurde Strukturen
Idealismus vs. Vernunft vs. Geld – Der Augenöffner
Leben in der Illusion
Soziale Medien
Ich bin Jesus
Der Umgang mit dem Tod
Das wars dann wohl erstmal
Mein Bauch müsste bereits so groß sein wie ein Medizinball und ich wäre sicherlich im 567. Monat, wenn ich die Redewendung bemühen würde, dass ich schon sehr lange mit der Idee für dieses Buch schwanger gehe. Meine Fragen und Beobachtungen in meiner Kindheit haben es nicht geschafft, mich an die Schreibmaschine zu bewegen. Meine Jugend mit Tschernobyl und dem Fall der Mauer hat es nicht geschafft. Die Kurzarbeit und das Industriesterben in den 90ern haben es nicht geschafft; obwohl ich doch gerade meinen PC mit Word ganz neu hatte. Und auch Finanz-, Flüchtlings- und Klimakrise haben es vergeblich versucht, mich zum Schreiben zu bewegen. Dann kam Corona und plötzlich hatte ich plötzlich Zeit und fing unvermittelt an zu tippen. Da hat sich in knapp fünf Jahrzehnten doch so einiges angestaut, was von mir verarbeitet werden musste und jetzt, unter lautem Geklapper meiner Tastatur, endlich meinen Kopf verlassen darf.
Da sind wir nun angekommen im gepriesenen Zeitalter von selbstfahrenden Autos, schnellem Internet, Roboter-Medizin und Quantenphysik. Dennoch läuft unser Leben nicht annähernd so rund, wie man sich das im Vorfeld für eine hochentwickelte Gesellschaft vorgestellt hätte. Es scheint, als blieben die fundamentalsten Dinge unserer Entwicklung schleichend und unbemerkt, Stück für Stück auf der Strecke. Der Drang, Dinge in unserem System stetig verbessern zu wollen, scheint zum Selbstzweck verkommen zu sein. Wo damals Probleme und Schwierigkeiten so offensichtlich und störend waren, dass man sie dringend lösen musste – wodurch wahrer Fortschritt erst möglich wurde – hat man zunehmend den Eindruck, dass wir uns so sehr daran gewöhnt haben, Probleme lösen zu können, dass es uns fehlen würde dies nicht mehr zu tun. (Un)glücklicherweise wurden aber schon so viele Probleme gelöst; weshalb sich so mancher Intellektuelle anschickt, mittlerweile auf die Suche nach Problemen zu gehen, um eben dieser Befriedigung des Problemlösens weiter nachkommen zu können. Doch gerade dadurch werden Sinn und Zweck auf absurde Weise auseinandergetrieben. Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen einem realen Problem, für das es eine Lösung braucht, und einem Sachverhalt, in dem man unbedingt ein Problem erkennen möchte. Nur, um dann in „weiser“ Voraussicht, wie ein Marktschreier, die eigene Lösung anzupreisen. Das entlarvt sich meist schnell, wenn für die Präsentation der Lösung offenkundig mehr Aufwand betrieben wurde als für die Lösung selbst. Natürlich, mit der Präsentation der Lösung frönt man seiner Eitelkeit und holt sich Anerkennung, wohingegen weniger eitle Problemlöser mit Pragmatismus und Effizienz zwar tatsächlich Probleme lösen, aber Gefahr laufen, auf Dauer unerkannt zu bleiben. Somit geht es manchen auch ein Stück weit darum, ihren Fußabdruck im Zeitstrahl der Geschichte zu hinterlassen. Beispiele hierfür sind nicht nur die neuen Gendersternchen oder die Cancel Culture, sondern auch die seit Jahrzehnten stetig weiterentwickelte Bezeichnung für Menschen, die keine „deutschen“ Vorfahren haben. Der Umgang mit dieser ausländischen Bevölkerungsgruppe treibt den „ethischen“ Teil der deutschen Moralapostel schier in den linguistischen Wahnsinn; ein Zustand, welcher durch, im Fünfjahrestakt wechselnde, Begrifflichkeiten wie „Migrant“ oder „Deutscher mit Migrationshintergrund“ jüngst mit Berlins neuester Version „Deutscher mit internationaler Geschichte“ nahezu groteske Dimensionen annimmt. Aber ist ja auch verständlich; wer könnte besser beurteilen, wann ein afrikanischer Fabrikarbeiter aus Frankfurt diskriminiert wird, als eine zweiundzwanzigjährige Studentin aus Berlin Charlottenburg?
Das offenbart schon den ersten kolossalen Denkfehler. Das Sprechen über ein Problem mag bei der Bewältigung sicherlich hilfreich sein. Doch wir sind gefangen in der Verweigerung, uns der Realität zu stellen; nämlich, dass wir dieses Spiel so lange weitertreiben müssten, bis wir endlich bereit wären, jeden der hier lebt, einfach „Deutscher“ zu nennen. Punkt.
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, wie absurd die Situation wirklich ist: In dem wir versuchen, das perfekte Wort für diese Personengruppe zu kreieren, erschaffen wir automatisch genau den sichtbaren Unterschied zu den „Urdeutschen“, den wir so gerne mit unseren Wortkreationen auflösen würden. Aber es scheint so, als würden sich viele in den reinen Gesprächen über die Probleme so wohlfühlen, dass es ihnen glatt entgeht, dass daran anschließend, im praktischen Teil, die Lösung folgen sollte. Man müsste endlich den Unterschied im Zusammenleben auflösen. Trotzdem wird eifrig weiter diskutiert und während des Diskurses bereits das Eintreten einer Verbesserung erwartet. Es ist schon klar, dass Sprechen einfacher ist als das Machen. Erstaunlich ist aber die Verschiebung der Wahrnehmung darüber, was der bloße Diskurs am Ende überhaupt zu leisten vermag. Wir aber diskutieren solange, bis wir an einen Punkt kommen, an dem es sogar kontraproduktiv wird.
Man stelle sich, als Teil der verwöhnten Babyboomer-Generation, mal efolgendes Land vor: Kriegsgeschunden, ausgebombt und verrannt in eine Ideologie, die von Beginn an zum Scheitern verurteilt war. Die eigenen Ideale waren offenkundig jahrzehntelang falsch geerdet: die Führungsriege nahezu geschlossen zum Tode oder zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Eine Gesellschaft, die aus unterschiedlichsten Gründen die rechte Hand im Kollektiv nach oben reißen musste, starrt auf seine eigene Kompassnadel und sieht ihr bei ihrem wilden Tanz zu. Die eigenen Fehler der letzten zwölf Jahre wurden von vier Siegermächten schmerzhaft offengelegt, als die Bevölkerung ganzer Dörfer durch die benachbarten Konzentrationslager getrieben wurde. Plötzlich ist scheinbar sonnenklar, dass man natürlich keine zwölf Millionen Juden, Schwule, Behinderte und andere unarische Menschen einfach mal so vergasen hätte dürfen. Natürlich wäre es besser gewesen, ein demokratisches Parlament zu haben, anstatt einem einzigen verwirrten Psychopathen zu folgen. Nur, wie genau löst man sich von einem Moment auf den nächsten davon und findet eine völlig neue Weltanschauung? Ein Blick in die damalige Welt zeigte auch kein einziges perfektes Vorbild, das man einfach hätte kopieren können. Eine neue Verfassung für eine neugegründete Republik müsste also neue verbindliche Werte für ein geschundenes Volk definieren. Sie müsste den Spagat schaffen, mit der eigenen Schuld umzugehen, ohne davon aufgefressen zu werden und zugleich sollte sie mahnend genug sein, um das Handeln der Zukunft nachhaltig zu verändern. Vielleicht hätte sie sogar das Zeug dazu, ein leuchtendes Beispiel zu werden. Das setzt aber fundamental andere Grundwerte voraus, als man sie bis zum großen Zusammenbruch gedacht, gefühlt und praktiziert hatte. Eine schier unlösbare Aufgabe; und doch haben die Verfasser ein Werk geschaffen, auf das wir, nach knapp 80 Jahren seiner Schaffung, immer noch stolz sein können. Kluge Männer und Frauen – vermutlich das Klügste was wir unter den Verbliebenen der nicht korrumpierten Eliten noch hatten – haben mit einer Mischung aus Angst, Ehrfurcht, Respekt, Hoffnung und viel Glauben an das deutsche Volk eine bis heute stimmige Verfassung erschaffen, die ihre Gültigkeit und Richtigkeit auch in der modernen Welt nicht eingebüßt hat. Im Gegenteil: Egentlich ist sie gerade heute auch ein moralischer Meilenstein, dessen Betrachtung uns von Zeit zu Zeit erden könnte, würde man doch des Öfteren das Augenmerk darauf legen. Das Wertvolle an dieser Verfassung ist, dass die Verfasser Zeitzeugen waren. Sie haben den Horror dessen, wozu diese Nation im Stande war, entweder gerade erst am eigenen Leib erdulden müssen oder in voller Empathie, aber auch in Furcht, mit angesehen. Als jemand der dies nicht miterlebt hat, möchte ich mir an dieser Stelle nicht anmaßen, dass ich mir auch nur annähernd vorstellen könnte, wie sich dieses Martyrium im Dritten Reich angefühlt haben muss. Dieser kurze Zeitraum, in welchem ich mein bescheidenes Gedankenspiel zulasse, ist sicher kein Vergleich dazu, dies über zwölf schmerzhafte Jahre als seine eigene Realität erleben zu müssen. Aber alleine in meinem kurzen Gedankenspiel, mir vorzustellen, einer der Mitwirkenden an der ersten Verfassung der Bundesrepublik zu sein, spüre ich, wieviel für die Verfasser unseres Grundgesetzes auf dem Spiel gestanden haben muss. Sollte dieses Land sich jemals wieder von seinen Besatzern lösen und mit diesen auf Augenhöhe agieren wollen, muss es einen für alle glaubhaften Wandel vollziehen. Reine Lippenbekenntnisse würden den, von uns geschundenen, Anrainerstaaten nicht genügen, um uns aus der Zange der Besatzung in absehbarer Zeit wieder zu entlassen. So erschufen die Gründerväter unserer Republik ein Manifest, das in der Lage war, den Tanz der Kompassnadel zu beenden und eine deutliche Erdung für eine ganze Nation sichtbar zu machen. Wie ich finde, in exzellenter Weise. Und ich sage das aus einem bestimmten Grund: Die Verfasser haben ihr Erlebtes in das Grundgesetz ungetrübt mit einfließen lassen. Der Horror war zu diesem Zeitpunkt noch so frisch, dass deren Einschätzung eine angemessene war. Man kann erkennen, dass keine Probleme hochstilisiert und nichts herbeidiskutiert wurde, was nicht existent war. Es wurde keine Zeit mit Erste-Welt-Problemen verschwendet, sondern es schien allen klar gewesen zu sein, was wesentlich und für die Bevölkerung relevant ist. Nichts von dem, was in den letzten fünfzehn Jahren passiert war, durfte sich so wiederholen.
Auch, wenn sich viele heute anschicken, in ihrem Wahn nach Empathie dies nachempfinden zu wollen; das kann man einfach nicht. Es ist eine Illusion, zu glauben, man könnte sich als Nachkriegs-Deutscher, oder gar Millennial, in die Situation eines Juden von 1940 hineinversetzen. Es zu versuchen, ist sicher ehrenwert, aber man sollte sich unbedingt bewusstmachen, dass dieser Versuch nur unzureichend abbilden kann, was 1940 Realität war. Deshalb habe ich umso mehr Vertrauen in unsere Verfassung. Aber aktuell macht es den Anschein unsere Gesellschaft befände sich schon zu lange in einer Art Nebel, in dem der Wert unserer Verfassung nicht mehr allen wirklich bewusst ist. Vorschnell werden bei vielen von uns eigene Moralvorstellungen oder ein gleichgeschalteter Zeitgeist dem Grundgesetz vorgezogen. Nicht alleine schon deshalb, weil viele den Luxus genießen in einer Zeit aufgewachsen zu sein, in der man nie das miterleben musste, was es zuletzt notwendig gemacht hatte, überhaupt eine Verfassung zu entwickeln. Zu schnell werden von Menschen Begriffe inflationär verwendet, weil sie glauben, zu wissen, was diese Begriffe bedeuten, und sich einbilden, Parallelen zu aktuellen Ereignissen zu erkennen. Aktuelle Personen des öffentlichen Lebens werden mal schnell mit dem Zusatznamen „Mini-Hitler“ versehen, oder vorschnell Rechtsnationale mit Nationalsozialisten vermengt. Was echte Nazis für unvorstellbare Gräueltaten im Dritten Reich begangen haben, wird dabei scheinbar völlig ausgeblendet. Da stimmen Gewichtung und Dimension einfach nicht mehr überein. Man hechelt hier von einem Superlativ zum nächsten, nur um den eigenen, eher schwachen, Argumenten mehr Pathos oder Nachdruck zu verleihen. Aber auch, wenn man versucht ist, dies zu tun, darf man die verächtliche Äußerung eines Politikers – auch, wenn dieser aus einer möchtegern-alternativen Partei ist – nicht mit dem Massenmord an zwölf Millionen Menschen, in einem lapidaren Nebensatz, gleichsetzen. So sehr man diesen Politiker damit gerne beleidigen oder bloßstellen möchte, das wird im Umkehrschluss einfach der Dimension unserer Geschichte nicht gerecht. Aber genau in diese merkwürdige und selbstgefällige Richtung haben sich unser Zeitgeist und unsere Gesprächskultur über die letzten Jahrzehnte entwickelt. Deshalb ist unsere Verfassung wichtiger denn je und es gilt nicht nur, unser Land gegen Übergriffe der Gegner unserer Verfassung zu schützen, sondern auch, unsere Verfassung selbst muss geschützt werden.
Man mag mir jetzt vorwerfen, ich vermute eine Bedrohung unserer Demokratie, wo keine ist. Aber die sehe ich in der Tat. Die Terrorwelle des NSU und die Krawalle um den G20 Gipfel, an denen Teile der Antifa beteiligt waren, stellen sicher die Speerspitze dar. Aber nur, weil es in der zweiten Reihe etwas leiser zugehen mag, ist es dort nicht minder problematisch. Beispielsweise sehen Politiker, in Momenten des politischen Opportunismus, die Chance, das Gegenstatement zu Donald Trump zu sein. Um ein paar Wählerstimmen einzufangen, wird der klägliche Versuch unternommen, die Antifa vor Donald Trump in Schutz zu nehmen und dann wird sich auch gleich total kopflos noch schnell selbst als Teil der Antifa verstanden. Man könnte meinen, man hätte hier lediglich gemutmaßt, dass Antifa wohl „antifaschistisch“ heißen muss, und das wurde voreilig für gut befunden. Dass aber mit der Antifa nicht nur Mitglieder mit edlen Motiven verbunden sind, kann in diesem Moment nicht auf dem Schirm gewesen sein. Sonst wäre dieses peinliche Statement wohl kaum möglich gewesen. Als weiteres Beispiel führe ich gerne noch grüne Politiker an die immer wieder geltendes Recht außer Kraft setzen wollen, weil man denkt, man müsse „moralisch korrekt“ handeln. Aber wenn es nun mal in Italien per Gesetz verboten ist, ohne Einfahrgenehmigung mit einem Schiff im Hafen anzulanden, dann ist das dort von der Justiz zu ahnden, auch wenn es voll ist mit hilfsbedürftigen Flüchtlingen. Ob ich persönlich dem Kapitän meine ganze Hochachtung für seinen Mut entgegenbringe oder nicht, ist für die Justiz und die damit verbundene Rechtsprechung unerheblich. Es gilt auch dort das Gesetz als Rahmen für alle. Wenn dieses Gesetz nicht meinen Vorstellungen entspricht, habe ich die Möglichkeit zu demonstrieren oder mein Kreuz bei der Wahl an einer anderen Stelle zu setzen. Wem das nicht genügt, kann auch aktiv in die Politik gehen, um Gesetze mitzugestalten.
Aber bis dahin gilt: Was im Grundgesetz steht, gilt für alle gleichermaßen. Einen Gedanken möchte hier noch mit auf den Weg geben: Auch, wenn es einem in dem Moment nicht bewusst sein mag; sobald man der Meinung ist, die eigene Moralvorstellung wiege schwerer als das Grundgesetz, spricht man unserer Verfassung klar das Misstrauen aus. Das bedeutet auch, man wäre selbst besser im Stande, als alle anderen, zu beurteilen, was gut für unsere Nation ist. Dieser Tragweite der selbstauferlegten Verantwortung möge man sich bitte auch bewusst werden, wenn man sich für schlauer als unsere Gründerväter hält! So weit kann man sich nicht aus dem Fenster lehnen ohne herauszufallen.
Sicher ist das Aufarbeiten unserer Schuld der richtige Weg gewesen. Bei allen Verbrechen, die dieses Land am eigenen Volk und an anderen Ländern begangen hat, war es einfach nicht möglich, diese Geschichte bewältigen, ohne dabei Schuld zu empfinden. Dass sich Teile dieser Nation dann, im Zuge jener Aufarbeitung, aufgemacht haben, sich in den nächsten kolossalen Fehler, durch die Gründung eines anderen Deutschen Staats, zu verrennen, lasse ich an dieser Stelle außen vor. Ich betrachte die Situation aus meiner westdeutsch geprägten Realität.
Was ich im Laufe meines behüteten Lebens erkannt habe, ist, dass uns Dinge niemals genug sind. Wir waschen unsere Wäsche weiß, aber wir würden gerne nächstes Jahr unsere Kleider mit der nächsten Waschmittelgeneration noch weißer waschen können. Wir drehen eine Schraube fest und fragen uns Minuten später, ob wir sie wirklich festgezogen haben. Wir drehen nochmal nach, um sicher zu gehen. Manche wiederholen das Spiel sogar so lange, bis die Schraube am Ende abgerissen ist – fest ist gut; fester ist besser. Diese Tendenz mag menschlich sein. Es mag auch in unserem Wesen liegen, dass Reize nach einer gewissen Zeit nachlassen und wir dort sprichwörtlich die Schraube noch mal etwas anziehen müssen, um überhaupt wieder etwas zu spüren.
Was hier sicher auch mit reinspielt, ist die Tatsache, dass wir Dinge selten absolut, sondern eher relativ beurteilen. Wir als Europäer würden einen bewölkten Tag im Oktober bei 18°C als kalt bezeichnen, wohingegen wir im Februar bei den gleichen 18°C erstaunt darüber sinnieren würden, wie sonnig warm es in diesem Frühjahr bereits ist. Zweimal die gleiche Temperatur, aber beide Male mit einer völlig anderen Bewertung. Dazu kommt, dass Bewohner der Arktis bei 18°C generell immer schwitzen würden und jemand aus einer äquatornahen Gegend bei 18°C nur mit Daunenjacke das Haus verlassen möchte. So divers sind wir als Menschheit. Aber wir sehen in ein und demselben Tatbestand immer nur das, was wir selbst erkennen möchten. Die einen sehen das Glas halbvoll, die anderen halb leer. Hierzu gibt es viele Beispiele, wie die Wahrnehmung beeinflusst werden kann. Erwähnt seien hier nur die Gestaltgesetze. In einer polarisierten Gesellschaft könnte so ein Verhalten zu Konflikten ohne jede Hoffnung auf einen Kompromiss führen.
Da der Pazifismus in den letzten Jahrzehnten stark Einzug in unsere westlichen Kulturen gehalten hat, wurde so mancher Faustkampf oder auch Kriegsschauplatz in den sprachlichen Bereich verlagert und viele Gefechte werden heute mit Worten ausgetragen. Dort sind die Waffen der Wahl Rhetorik und Pathos. Und wir müssen uns nichts vormachen; auch da gab es ein regelrechtes Wettrüsten. Im Laufe der Jahre haben sich dort sprachliche Eigenheiten entwickelt, die auch wiederum stark vom Zeitgeist geprägt werden. Irgendwer etabliert durch einen Auftritt eine Redensart – meist etwas Banales schlicht anders und interessanter ausgedrückt – und ein Großteil plappert dies, ohne darüber nachzudenken, einfach nach. Ich erinnere mich noch an die Wahl von Josef Ratzinger zum Papst. Plötzlich benutzte jeder über Wochen das Wort „Pontifex“. Das gab es schon sehr lange, aber es kam wie aus dem Nichts in die Gegenwart zurück und alle machten fröhlich mit – denn „Papst“ klingt einfach wie „Pups“ und „Pontifex“ hingegen schon relativ gebildet.
Aktuell tauchen andere, unsägliche Wortkonstrukte, in den Öffentlich Rechtlichen Medien, auf. Von „Da müssen wir uns ehrlich machen.“ oder „AFD-Sprech“ oder „... klare Kante zeigen...“ bis hinzu „..die Menschen abholen..“ ist da alles dabei. Diese werden dann von Journalisten und Prominenten so oft kolportiert, dass auch der Bürger anfängt diese Sprachauswüchse im Alltag anzuwenden, weil er gerne genauso „gebildet“ klingen möchte wie seine Eliten. Nichts von diesen Ergüssen wird auch nur ansatzweise hinterfragt. Das sind aber nur die Auswüchse, welche im Sprachgebrauch dazugekommen sind und oft glücklicherweise unbemerkt wieder verschwinden. Wörter und Redewendungen, die einst normal und gängig waren, aber mit der Zeit wegfallen und man irgendwann nicht mehr sagen darf, entwickeln sich ungleich schleichender. Erst, wenn diese Begriffe nach langer Zeit wieder deutlich ausgesprochen werden, klingen sie für die Berufsempörten plötzlich befremdlich und werden unüberlegt und vorschnell geächtet. Ein afrikanischer Koch muss dann in der ARD, zur besten Sendezeit, studierten Schriftstellern die wahre Bedeutung der Wortes „Mohr“ erklären, nachdem sich die Elite fünf Minuten vorher selbst mit Vorurteilen und Unwissen auf peinliche Weise bloßgestellt hat. Ich wusste auch nicht, dass „Mohr“ im Mittelalter für gutes Essen stand.
Selbst, wenn sich viele Widersetzer des Sprachdiktats mit ihren Äußerungen rechtlich auf der sicheren Seite wähnen könnten, werden diese zurechtgewiesen, in Schubladen eingeordnet oder gar mit Torten beworfen – so wie es den vermeintlichen Hütern des Zeitgeistes und der „Moral“ gerade beliebt. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen es gerechtfertigt finden, Politikern Torten ins Gesicht oder Blumen vor die Füße zu werfen. Wobei wir dann wieder bei den Themen „eigene Moralvorstellung“ und „inflationär benutzte Superlative“ sind. Ob das guter Stil ist, fragt sich offensichtlich keiner. Daraus wiederum entstehen Tabus für ganze Gesellschaften. Bei manchen Menschen artet das so aus, dass man das Gefühl bekommt, sie hätten für den Vortrag Ihrer Moralvorstellung bereits eine eigens komponierte Hymne in der Schublade liegen. Würde ich auch mit solchen Superlativen um mich werfen, müsste ich diese Sprachkultur eine Sprachdiktatur nennen.
Wenn man regelmäßig alles konsumiert, was die TV-Landschaft in Sachen Talkshows und Gesprächsrunden hergibt, fällt einem auf, dass unter den geladenen Gästen meist nur Experten zu finden sind. Es macht schon fast keinen Unterschied, zu welchem Thema diskutiert wird. Prinzipiell ist es auch keineswegs abwegig, Fachleute zu bestimmten Sachverhalten zu befragen. Aber diese Übermacht an studierter Expertise gibt mir als Privatperson langsam ein bisschen das Gefühl, dass es den Studierten und Experten vorbehalten ist, sich zu wichtigen Themen zu äußern. Wer keinen Titel hat, soll bitte still sein. Das würde aber auch bedeuten, dass Fußball-Fans nicht über Fußball sprechen dürften, weil sie keine Profi-Fußballer sind. Das ist völlig absurd.
Wenn sich dann doch mal Fernseh-Köche, Schauspieler oder Krankenschwestern in Talkrunden verirren, wird schnell offenbar, wie sogenannte Experten dann von oben herab regelrechte Belehrungsvorträge halten. Teilweise werden die normalen Gäste von den Experten nicht einmal angesehen, während sie ihre Laienmeinung äußern. Eine größere Respektlosigkeit kann ich mir in einer Diskussionsrunde kaum vorstellen. Im Gegenzug soll man den ihnen danach aufmerksam folgen. Irgendwie so nach dem Motto „... Was du glaubst zu wissen, ist ja ganz nett, aber ich erkläre dir jetzt mal, wie die Welt funktioniert. Ich habe das studiert.“. Andere haben diese typisch professorale „yogeshwarische“ Attitüde die, auch eine echte Belastungsprobe für meine Arroganz-Rezeptoren ist. Talkgäste dürfen zu keinem Zeitpunkt die Statements der anderen Gesprächsteilnehmer für die Zuschauer „übersetzen“ und einordnen. Diese Kompetenz haben sie nicht und steht ihnen auch nicht zu.
Aber ich frage mich, wer darf eigentlich was? Darf ein autodidaktischer Musiker Jazz spielen? Darf ein Hobbymechaniker an die Bremsanlage ran? Und darf sich ein Nicht-Philosoph und Nicht-Psychologe zu Emotionen und Themen die unsere Welt betreffen ein eigenes Bild machen und dies äußern, ohne sich einen Shitstorm einzufangen? Ich denke, ich verstehe unsere Verfassung soweit, dass ich das Recht auf freie Meinungsäußerung habe, und deshalb mache ich davon ausführlich Gebrauch. Unser Planet wird glücklicherweise nicht nur von Experten bevölkert. Auch wir normalen Menschen sind mit den gleichen fünf Sinnen ausgestattet. Wer mit scharfen Sinnen durch das Leben geht und sich von dem, was er sieht und hört, nicht nur berieseln lässt, der wird zu jeder Diskussion etwas Wertvolles beitragen können. Die von allen Seiten vielbeschworene Pluralität muss sich endlich auch in den Gästelisten der Talkrunden widerspiegeln. In diesen Shows sitzen einfach zu wenige Philosophen, Soziologen, Historiker oder auch normale Bürger. Dadurch bildet sich im öffentlichen Diskurs oftmals leider nur ein sehr realitätsfremdes Bild ab, das lediglich die Situation höher gebildeter Gesellschaftsschichten widerspiegelt. Das führt dazu, dass die Interessen der Mittelschicht und auch der bildungsfernen Milieus aus dem Gesamtzusammenhang herausfallen. Wenn sich immer nur Wissenschaftler mit anderen Wissenschaftlern in der Kommunikation befruchten, ist das akademische Inzucht. Wie auf diese Weise ein repräsentatives Bild unserer Gesellschaft gezeigt werden soll, ist mir schleierhaft.
Um mal bei der Wissenschaft zu bleiben: Was genau ist Wissenschaft eigentlich und wie ist diese objektiv zu bewerten? In unserer Gesellschaft haben wir die Tendenz zur Wissenschaft ehrfürchtig aufzusehen. Verschiedene Verhaltensweisen im Umgang mit unserem Nachwuchs haben in unserer Gesellschaft zu einer Wissenschaftshörigkeit geführt, bei der ich mich frage, ob diese gerechtfertigt ist. Wir gehen mit unserem Kind zum Kinderarzt und legen unser Wertvollstes, in vollem Vertrauen in die Hände des Mannes mit weißem Kittel. Das spüren unsere Kinder auch. Wir geben unsere Sprößlinge in die Obhut von Lehrern, welche maßgeblich an der Erziehung und Formung der Persönlichkeiten unserer Kinder teilnehmen. Wir erzählen unseren Kindern durch Kinderbücher von Astronauten, Ärzten und anderen Wissenschaftlern, bereits in einem Alter, in dem sie noch nicht lesen können. Durch das Bedürfnis, unsere Kinder sobald wie möglich auf die Welt vorzubereiten, verlassen wir uns immer wieder auf das, was wir von der Wissenschaft an die Hand bekommen haben: Die Erde ist eine Kugel, die sich dreht. Dadurch entsteht die Erdanziehung. Es gibt unterschiedliche Aggregatszustände, die Photosynthese und vieles mehr. Das schafft bei unseren Kleinen, natürlich unterbewusst, eine gewisse Wissenschaftsgläubigkeit, die im Prinzip nichts anderes ausdrückt, als dass nur die Wissenschaft in der Lage ist, uns die Welt zu erklären. Das hat auch mit dem Auftreten der Wissenschaft zu tun. Wissenschaftler treten selten zweifelnd oder unsicher auf, sondern vertreten ihre Thesen in der Regel immer mit geschwellter Brust und vollem Selbstbewusstsein. Da drängt sich mir aber die Frage auf, wie verlässlich Wissenschaft überhaupt ist?
