Im Krachenschachen - Matto Kämpf - E-Book

Im Krachenschachen E-Book

Matto Kämpf

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Beschreibung

Matto Kämpf hat einen Emmental-Roman geschrieben - Gott hilf! Einen Menschen verschlägt es durch eine Verwechslung unverhofft ins Emmental. Dort geht grad die Sonne unter und er irrt durch Wälder, Wiesen und Dörfer, bis die Sonne wieder aufgeht. Dabei landet er in einem kuriosen Strudel aus Mythen und Klischees. Vergangenheit und Gegenwart geraten durcheinander, Realität und Wahnwitz ebenfalls. "Im Krachenschachen" knöpft sich vergnüglich Geschichten und Bilder des Emmentals vor. Eine saftige Persiflage voller Kräuter und Kräfte, Bauernkrieger und Wiedertäuferinnen, hornussenden Satanisten, freilichttheaternden Kühen und dem lange verschollenen Gotthelf-Manuskript “Der Drachenkrieg im Emmental”. Mit zahlreichen Zeichnungen des Autors.

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Seitenzahl: 64

Veröffentlichungsjahr: 2024

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IM KRACHENSCHACHEN

Matto Kämpf

Roman

Matto Kämpf

Im Krachenschachen

1. Auflage, 2024

eISBN 978-3-03853-193-7

© Der gesunde Menschenversand GmbH, Luzern

Alle Rechte vorbehalten

www.menschenversand.ch

Lektorat & Korrektorat: Roland Reichen

Korrektorat: Matthias Burki

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Sehr grosser Dank: Roland Reichen für Rat und Tat

Verlag und Autor bedanken sich für die Unterstützung bei:

Der gesunde Menschenversand wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2021–2024 unterstützt.

Ich stehe am Treffpunkt im Bahnhof Bern. Freitagabend, sechs Uhr. Claude ist noch nicht da. Wir sind zusammen zur Schule gegangen, am Alpenrand. Nebeneinander gesessen aus alphabetischen Gründen, angefreundet aus alphabetischen Gründen, aus den Augen verloren aus nicht-alphabetischen Gründen. Vor über dreissig Jahren. Im Kino Rex in Bern sind wir uns zufällig wieder begegnet. Grosses Hallo.

– Gehst du auch gern ins Kino?

– Ja.

– Gehen ja nur noch alte Knacker ins Kino.

– So ist es.

Wir haben ein Bier getrunken und beschlossen, demnächst mal zusammen ins Kino zu gehen. Eine Woche später hat er sich prompt gemeldet. Mit Datum und Filmvorschlag. So hat sich das eingebürgert. Claude wohnt in Rubigen, zehn Minuten von Bern. Wir treffen uns immer um sechs am Treffpunkt im Bahnhof Bern. Etwa zweimal pro Jahr. Wir schauen gern möglichst skurrile Art-House-Filme. OmU. Und fühlen uns kultiviert, den Alpen entflohene Intelligenzija.

Jetzt ist zehn nach sechs. Meistens ist er vor mir da. Vielleicht ein Problem mit dem Zug. Claude ist die Reiseleitung, er schlägt die Filme vor und ergoogelt die Restaurants. Meistens eher Take-aways mit Sitzgelegenheiten, thailändisch, türkisch, chinesisch, tamilisch. Claude ist immer sehr begeistert ob der Authentizität der Lokale. Mir ist das recht, es hat immer Platz, keine Gastro-Hektik.

Auf der Rolltreppe laufen zwei Kinder rückwärts. Respektive vorwärts, aber aufwärts, also zurück, und bleiben so immer an derselben Stelle. Das freut die Kinder, sie johlen und quietschen. Sie werden von den Eltern, die bereits unten sind, zum korrekten Gebrauch der Rolltreppe ermahnt. Warum diese Freude? Der unsinnige Gebrauch der nützlichen Technik? Unsinn schlägt Sinn? Das Ad-absurdum-Führen des Rolltreppenzwecks? Die Faszination, trotz Bewegung am selben Ort zu bleiben?

Viertel nach sechs. Ich rufe an. Er nimmt sofort ab und ist erstaunt. Falsche Woche, mein Fehler. Er lacht. Wir verabschieden uns. Bis in einer Woche. Ich stehe weiter am Treffpunkt herum. Was nun? Nach Hause gehen? Allein ins Kino? Sonst jemanden anrufen und versuchen, etwas abzumachen? Da spricht mich eine Frau an:

– Entschuldigen Sie, sind Sie Herr Hartmeier?

– Ja.

Sie reicht mir freundlich die Hand und sagt, sie sei Frau Lampart, wir hätten zusammen gemailt. Ich nicke. Sie weist mir den Weg zur Rolltreppe und fragt, ob ich gut gereist sei. Ich bejahe das. Ob ich denn ursprünglich aus der Region sei, wegen dem Dialekt. Ich stutze und frage mich, woher wohl ein Herr Hartmeier kommen könnte, und sage:

– Rubigen.

Rubigen kennt Frau Lampart nicht, sie sei ursprünglich aus Nidau. Wir reden über Rubigen und Nidau im Allgemeinen. Das geht recht gut. Oben auf der Park-Terrasse kommen wir zu einem neuen BMW. Frau Lampart zeigt auf meinen Plastiksack und fragt, ob das mein einziges Gepäck sei. Oho.

– Nein, mein Koffer ist bereits in einem Schliessfach.

Frau Lampart nickt, obwohl eher unlogisch. Wir steigen ein und fahren los. Das Autofahren entspannt die Situation, weil wir uns nicht mehr ansehen müssen. Bei schönem Abendlicht fahren wir über die Lorraine-Brücke und schweigen. Ich versuche, nicht krampfhaft zu überlegen, wer Herr Hartmeier sein könnte und wo wir hinfahren.

Plötzlich fragt Frau Lampart:

– Sind Sie nervös?

Was meint sie wohl? Und was sage ich jetzt?

– Es geht.

Vorzügliche Antwort. Frau Lampart weiter:

– Irgendwann wird alles zur Routine.

– Absolut.

Wieso sollte ich nervös sein? Muss ich etwas machen? Steht mir etwas bevor? Eine Prüfung? Eine Feuertaufe? Muss ich irgendwie auftreten? Erwartet mich ein Publikum?

Ich beschliesse, mir das nicht zu überlegen.

Wir brausen über die Autobahn. Bei der Ausfahrt Burgdorf-Emmental zweigt Frau Lampart ab. Wir fahren durch Burgdorf. In Sumiswald parkiert Frau Lampart vor dem Gasthof Hirschen. Sie führt mich in den Saal im ersten Stock. Dort stehen Stuhlreihen und auf einer Bühne ein Rednerpult und eine Leinwand. Frau Lampart startet einen Beamer und zeigt auf einen Laptop.

– Dort können Sie Ihre Bilder anklicken.

Meine Bilder? Welche Bilder? Frau Lampart drückt auf dem Laptop herum, das erste Bild ist eine Art Titelbild: «Martin Hartmeier – Die Drachenlüge». Aha.

– Ich lasse Sie kurz allein. Essen ist um halb acht, Ihr Vortrag beginnt um halb neun. Sie essen Fleisch, richtig?

Ich nicke. Und weg ist sie und allein bin ich. Mit meiner Drachenlüge. Ich klicke weiter. Fotos von Ausgrabungen mit Knochenfunden. Das CIA-Logo, ein Adler, an einem Rednerpult. Ein Haus mit geschlossenen Rollläden. Ein Zeitungsartikel über mich, Titel «Der Drachenlügner». Ich werde nicht ganz schlau. Hinten im Saal liegen Bücher auf einem Tisch. Bücher von mir. Eines heisst «Die Drachenlüge», ein zweites «Verschollene Skelette». Erschienen im Loch-Ness-Verlag. Auf einem Buchrücken steht: «In diesem minutiös recherchierten Bericht deckt Martin Hartmeier den Skandal vertuschter Drachenfunde auf.»

Mein Thema sind offenbar Drachen-Skelette. Drachen-Skelett-Ausgrabungen werden verheimlicht und vertuscht. Doch mir ist es gelungen, streng geheime Fotos aus Geheimdienstbeständen zu schmuggeln und ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Drachen hat es tatsächlich gegeben, aber was nicht sein darf, darf nicht sein. Dinosaurier ja, Drachen nein. Drachen-Skelett-Ausgräber werden zum Schweigen gebracht, verschwinden und werden umgebracht. So einer ist das, der Herr Hartmeier.

In einem Klappentext lese ich meine Biografie: geboren im Prättigau, ursprünglich Bodenleger, dann Sachbuch-Autor. Darunter ein Foto, dem ich nur äusserst entfernt ähnlich sehe. Zum Glück hat sich Frau Lampart nicht allzu gründlich vorbereitet, sonst wäre ich schon längst aufgeflogen. Dem örtlichen Landjäger überstellt. Ein Scharlatan, der versucht, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen einen Vorteil zu erschleichen. Ein Abendessen und ein Vortragshonorar.

An der Wand hinter dem Büchertisch hängt ein laminiertes Zeitungsinterview mit mir. Ich bin gegen Gender-Wahn, Klima-Hysterie und ein muslimisches Europa. Au Backe. Ich finde meine Ruhe im Wald. Mir ist leicht klamm. Unwohl ob mir selber. Ich stütze mich am Büchertisch ab. Da kommt Frau Lampart zurück und fragt, ob ich mein Zimmer sehen möchte. Das möchte ich. Wir steigen einen Stock höher.

– Leider kein Lift. Der Gasthof ist über dreihundert Jahre alt. Denkmalschutzgeschützt.

Ich lächle. Im zweiten Stock führt sie mich in Zimmer Nummer 4. Ein einfaches Landgasthofzimmer. Mit Tapeten und historischen Stichen an den Wänden. Auf dem Kopfkissen ein kleines Schokoladen-Herz.

– Bitte sehr, Toilette ist nebenan, ich hole Sie in einer Viertelstunde zum Essen.

Ich schliesse die Zimmertüre. Alarm. Sofort weg. Schleunigst entkreuchen. Sonst wird das schwierig. Plötzlich taucht der echte Herr Hartmeier auf. Kommt per Taxi angebraust und verkompliziert alles. Wie beim Fussball, wo sich gemäss Jean-Paul Sartre alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft verkompliziert.

Ich öffne das Fenster. Das ist mein Weg. Ein schräges Dach. Ein relativ flaches, schräges Dach. Unten auf dem Parkplatz steht ein Mann und schaut auf sein Handy. Hoffentlich mehr an den Bewegungen im Internet als an den Bewegungen auf dem Dach interessiert. Ich darf mich nicht beirren lassen, ich muss hier weg. Ich klettere aus dem Fenster und kraxle auf allen vieren in Richtung First. Auf der Rückseite abzusteigen scheint mir sicherer. Vorne sind der Parkplatz und die Strasse. Ich erreiche den First und spähe auf der anderen Seite hinunter. Hinter dem Gasthof ist ein Kiesplatz mit parkierten Autos. Ich steige über den First und beginne den Abstieg in Richtung Regenrinne. Rückwärts, auf allen vieren. Ich komme an einer Frau vorbei, die an einem offenen Fenster steht und raucht.

– Do you need help?

– No, thank you.