Im Leben wird dir nichts geschenkt. - Brigitte Nielsen - E-Book

Im Leben wird dir nichts geschenkt. E-Book

Brigitte Nielsen

4,6

Beschreibung

Brigitte Nielsen war die markante Schauspiel-Ikone der 80er-Jahre. Fast zwei Meter groß, mit platinblondem Bürstenhaarschnitt, spielte sie nach ihrer Tätigkeit als Model für Armani und Versace Rollen in Filmen wie Rocky IV, Red Sonja und Beverly Hills Cop II. Doch ihr Leben verlief nicht immer nur glamourös. In ihrer Autobiografie zeigt sie eine ganz andere Frau als die Trash-Queen, die mit zweitklassigen Filmen, einer skandalumwitterten Ehe mit Sylvester Stallone und zahllosen Affären, u. a. mit Arnold Schwarzenegger, Stoff für die Klatschpresse lieferte. Abseits der Scheinwerfer kämpfte sie mit Alkoholproblemen, finanziellen Problemen und der Sorge, wie sie ihre drei Kinder durchbringen sollte. All dies gipfelte in einem Selbstmordversuch, den sie glücklicherweise unbeschadet überstand. Brigitte Nielsen erzählt eine Lebensgeschichte mit Rückschlägen, Verletzungen und dem Kampf mit Männern, die ihr nicht guttun – eine Geschichte also, in der sich viele Frauen wiedererkennen. Sie ist erschütternd und spannend zu lesen, macht aber auch Mut und vermittelt die Weisheit, die aus überstandenen Krisen erwächst. Kurz: das Leben einer Frau, die sich trotz aller Höhen und Tiefen selbst treu geblieben ist und nun ihr Glück gefunden hat.

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Seitenzahl: 388

Veröffentlichungsjahr: 2012

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IMPRESSUM

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

1. Auflage 2012

© 2012 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

© der Originalausgabe Text copyright Brigitte Nielsen and Lucian Randall 2011

All Images © M&G Ent., unless otherwise stated

Die englische Originalausgabe erschien 2011 bei John Blake Publishing unter dem Titel You Only Get One Life.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Pamela Günther, München

Umschlagabbildung: © Mayk Azzato

Satz und EPUB: Grafikstudio Foerster, Belgern

ISBN EPUB: 978-3-86415-282-5

Weitere Infos zum Thema

www.mvg-verlag.de

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen,

die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Mit Dank an Peter Bennett für

seine kompetente Unterstützung.

Danke an Brunina, Eva und Caroline,

meine besten Freundinnen.

Inhalt

PROLOG

Kapitel 1ABSCHIED

Kapitel 2VON KOPENHAGEN ZUM CATWALK

Kapitel 3DIE BRIEFTAUBE, DIE NICHT ZURÜCKKAM

Kapitel 4EINE GIRAFFE IN DESIGNERKLEIDERN

Kapitel 5EIN BILDUNGS­EXPERIMENT

Kapitel 6DIE GROSSE, WEITE WELT

Kapitel 7ALLEIN IN DER STADT DER LIEBE

Kapitel 8GANZ OBEN

Kapitel 9UND IM HINTERGRUND SPIELTEN DIE STONES

Kapitel 10RED SONJA

Kapitel 11WIE DER ZUFALL SPIELT

Kapitel 12BEVERLY HILLS COP II

Kapitel 13EINE SCHEIDUNG IN ALLER ÖFFENTLICHKEIT

Kapitel 14DER ITALIENISCHE SUPERSTAR

Kapitel 15BYE-BYE, ARIZONA

Kapitel 16MEINE WAHREN FREUNDE

Kapitel 17

PROLOG

Sie kennen mich wahrscheinlich aus Film und Fernsehen oder haben in der Presse über mich gelesen. Man könnte nicht nur ein Buch, sondern eine ganze Bibliothek damit füllen, was andere über mich gesagt und geschrieben haben. Als ich jung war, habe ich das alles verfolgt. Wenn ich etwas Gutes über mich las, habe ich mich natürlich sehr gefreut, mir die Kritik dagegen zu sehr zu Herzen genommen, und so bin ich irgendwann zu dem Schluss gekommen, mein Leben in vollen Zügen auszukosten und mir nichts daraus zu machen, was andere von mir denken.

Für jemanden wie mich, die als kleines Mädchen in einem bescheidenen Vorort von Kopenhagen groß geworden ist, war es ein unglaublicher Parcours. Es ist hektisch gewesen und voller wunderbarer Erfahrungen, doch wie jeder andere habe auch ich meinen Anteil an Überraschungen erlebt. Wir alle kennen diese Momente … wenn das Leben eine unerwartete Wendung nimmt – eine Krankheit oder der Verlust eines geliebten Menschen oder aber etwas unglaublich Gutes.

Der entscheidende Augenblick in meinem Leben kam 1978, als mir eine Frau, der ich noch nie begegnet war, draußen in der Stadt auf die Schulter klopfte und mich in eine glamouröse Welt einführte, von der ich nicht einmal zu träumen gewagt hätte, geschweige denn ahnen konnte, dass ich einmal darin meinen Platz finden würde. Ich, eine dünne Bohnenstange von einem Teenager – und doch wurde ich über Nacht zu einer Sensation: ein Supermodel, für das der Traum vom roten Teppich wahr wird. Ich wurde erwachsen und habe von da an für den Rest meines Lebens im Rampenlicht gestanden – ob es mir nun passte oder nicht, dass nichts verborgen blieb. So ist das nun mal, wenn die Kameras erst mal laufen: Man ist zur Stelle. Und so war es für mich als Entertainerin, als Diva, als Blondine – Brigitte mit den langen Beinen und dem großen Busen. Sie war über Nacht ein Erfolg und völlig anders als der Mensch, der ich vorher gewesen war – die schüchterne, unsichere, linkische Gitte aus Rødovre in Dänemark. Als ich auserwählt wurde, fühlte ich mich wie im Märchen, und ich war einfach noch zu jung, um zu verstehen, dass man immer einen Preis zahlen muss.

Alle redeten von meinem Jetset-Lebensstil und einer Reihe sehr öffentlicher Beziehungen, doch mit jeder grellen Schlagzeile wurde ich nur einsamer, und die Person, über die ich las, war mir fremd. Den Menschen, der ich wirklich war, habe ich unter Make-up, einem breiten dänischen Lächeln und Designerklamotten versteckt. Heute weiß ich, dass ich zu viel von mir selbst preisgegeben habe, um mich in einer Welt zu bewegen, in der die Männer und die Medien unersättlich waren. Und mir war ihre Meinung so wichtig. Es gab zahllose Gelegenheiten, bei denen ich mir selbst nicht treu war, und andere, bei denen ich von denen, die mir am nächsten standen, hintergangen wurde. Am Ende kostete es mich fast das Leben.

An meinem vierzigsten Geburtstag sah ich es klar vor Augen: Meine Existenz war so nicht mehr zu ertragen. Meine vor Leben sprühende Seele war fast verloschen, doch obwohl ich damals nur einen einzigen Ausgang kannte, ist mir inzwischen klar, dass diese Erfahrungen – die guten wie die schlechten – mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin: Gitte Nielsen, nicht Brigitte, mit anderen Worten, die Frau, die ich von Anfang an gerne gewesen bin und die ich jetzt ohne Wenn und Aber mit Stolz wieder bin.

Ich weiß nicht, warum so viele Jahre vergehen mussten, bis ich mich endlich als den Mensch akzeptieren konnte, der ich bin, statt mich so zu sehen, wie die Welt mich sah, doch inzwischen setze ich eindeutig die richtigen Prioritäten: Zuerst bin ich Mutter, dann Ehefrau, erst dann kommt die Arbeit. Ich gebe immer noch mein Bestes, aber ich weiß, was wichtiger ist.

Als ich nach langer Überlegung beschloss, meine Geschichte zu erzählen, wusste ich, dass ich der Welt offen und ehrlich zeigen musste, wer Gitte Nielsen wirklich ist – und sie ist ganz anders als das selbstbewusste Sexsymbol, das ein Film-Mogul in Hollywood in Brigitte umgetauft hat, weil er der Meinung war, dass »Gitte« im Film nicht funktionierte. Gitte klang nicht nach einem Star, die meisten würden nicht einmal wissen, wie es auf Dänisch ausgesprochen wird … – und sie war zu lange unter Brigitte versteckt. Gitte zu sein, erschien mir immer sicher, Brigitte dagegen brachte Aufregung und Gefahr. Brigitte hat mir all den Kummer eingebracht.

Meine Freunde haben mir geraten, offen und ehrlich zu zeigen, wer ich tatsächlich bin, und das ist nicht das, was man in den Klatschspalten liest. Meine Geschichte – das, was wirklich mit mir passiert ist – hätte auch jedem anderen passieren können, denn schließlich sitzen wir alle im selben Boot. Vielleicht erkennen Sie sich sogar in mir wieder und sehen in meinen Abenteuern Ihre eigene Geschichte – schließlich kennen wir Dänen uns mit Märchen aus! Hans Christian Andersen hat einige der besten geschrieben; erinnern Sie sich an das hässliche Entlein, das zu einem schönen Schwan mit langem Hals heranwächst? Doch die Dänen haben der Welt auch den Wikinger beschert – den gefürchtetsten Krieger –, auch wenn der gehörnte Helm ein Attribut ist, das wir der Fantasie der Viktorianischen Zeit verdanken. Sie werden mich irgendwo zwischen diesen drei Figuren wiederfinden – Krieger, anmutiger Schwan und das hässliche Entchen, das aus Leibeskräften mit den Flossen paddelt, um sich über Wasser zu halten, und davon träumt, akzeptiert, geliebt und glücklich zu werden.

Ich hatte zwei Cousinen, die immer langes, blondes Haar und blaue Augen hatten, während ich selbst hellbraunes Haar und fast ständig Fieberbläschen an den Lippen hatte. Meine Großmutter war die Einzige, die an meinem Aussehen etwas finden konnte. Sie nahm behutsam mein Gesicht in ihre kühlen Hände und strich mir das Haar sanft zurück. »Schau dir diese elegante Stirn an«, flüsterte sie mir zu. »Du wirst einmal schön.«

Sag das meinen Klassenkameraden. Ich wurde wegen meiner Größe und knöchernen Figur gnadenlos gehänselt. Ich habe sieben Mal die Schule gewechselt und war immer sehr einsam. Meine schulischen Leistungen waren ausgezeichnet, doch ich war immer die Letzte, die bei Mannschaftsspielen ausgewählt wurde, und im Unterschied zu den anderen Mädchen bekam ich nie Liebesbriefe. Diese Jahre vergisst man nie. Als ich erfolgreich wurde, war es an der Presse, mich unter Druck zu setzen: Sie wollten jede Einzelheit über meine Beziehung zu den brutalen Kerlen wissen, bei denen ich offenbar immer wieder landete. Das verletzte mich genauso wie all die Sticheleien in der Schule.

Man muss sich sein Glück erkämpfen, das weiß ich inzwischen. Nur du selbst bist für dein Leben verantwortlich. So leicht ist Glück nicht zu haben, und man muss sich gut überlegen, wie man die Dinge angeht.

Ich denke, meine Geschichte wird viele Leser bewegen. Manche werden überrascht, andere verärgert sein. Manche werden fragen: »Wofür hält die sich eigentlich?« Aber so ist das nun mal, wenn man die Wahrheit erzählt. Der einzige Mensch, der mit Sicherheit stolz auf mich sein wird, ist mein Dad. Er starb in sehr jungen Jahren, und wenn er herabblickt, wird er lächeln, und ich lächle zurück. Dad wusste, dass die Wahrheit verletzen kann, aber dass man sich den Dingen mutig stellen muss. Ich bin selbst eigentlich nicht religiös, außer dass ich an einen Gott glaube, der in uns allen lebt – das Göttliche in uns allen, eine Kraft, die das Gute will.

Wenn ich meine siebenundvierzig Jahre Revue passieren lasse, dann denke ich zuerst an das dänische Mädchen, das in den Sechzigern im Westen von Kopenhagen aufgewachsen ist – ein Ausbund an Energie und Lebenshunger, das auf Abenteuer aus war, von denen die meisten nicht einmal träumen würden. Als Brigitte war das Leben aufregend und fantastisch, und im Laufe der Jahre bin ich eine Menge Risiken eingegangen, wahrscheinlich mehr, als gut für mich waren. In den meisten Fällen kam ich einigermaßen glimpflich davon. Ich war in meinem Leben immer bereit, den Sprung ins Ungewisse zu machen, in Swimmingpools zu springen, ohne mich erst zu vergewissern, ob Wasser drin war. Auch wenn ich nicht an einen konkreten Gott glaube, war immer jemand da und hat über mich gewacht. Ich bin bei Dingen mit einem blauen Auge weggekommen, die mich eigentlich Kopf und Kragen hätten kosten müssen.

Ich möchte allen danken, die an diesem Buch mitgewirkt haben. Vor allem meinem fantastischen Vater und Mattia Dessi, meinem Mann, der mich von der Flasche weggeholt hat und mit dessen Hilfe ich jetzt wieder einen klaren Kopf habe und voller Energie bin. Und natürlichen meinen Kindern Julian, Killian, Douglas und Raoulino. Ich liebe euch so sehr.

Gitte Nielsen

London, Mai 2011

KAPITEL EINS

ABSCHIED

Das Leben schwindet. Langsam … und ich bekomme mit, wie es passiert. Sekunde um Sekunde. Die Wochen und Monate, aus denen qualvolle Jahre wurden, schwappen wie eine Woge über mich hinweg, und sowie sich mein Sehvermögen verschlechtert, wird es allmählich dunkel um mich. Ich kann immer noch die Wände des Badezimmers erkennen, in dem ich auf dem Boden liege. Ich bin in der Villa am Luganer See, in der ich zwölf Jahre gewohnt habe, doch es fühlt sich nicht real an.

Der Raum ist groß, doch irgendwie fühlt er sich jetzt sogar noch größer an, alles scheint zurückzuweichen, wirkt verschwommen. Es ist mir egal, das alles zu verlieren, obwohl es mir einmal so viel bedeutet hat. Wir haben es selbst geplant, gebaut und eingerichtet. Wir haben unsere Liebe und einen ganzen Haufen Geld und Schweiß in unser Traumhaus gesteckt. Ich versuche, mich zu bewegen, falle aber sofort wieder auf den Boden zurück, ohne den Schmerz wahrzunehmen. Dieses Badezimmer ist, wie alles andere in der Villa, luftig, licht, luxuriös und stilvoll eingerichtet. Es wirkte alles so elegant, so perfekt. Das Haus sollte unsere Zuflucht, unser Rückzug sein. Jetzt flimmert es und ist kaum zu erkennen, wie ein schlecht eingestelltes Fernsehbild.

Die Sonne strömt durchs Fenster herein, und auch wenn ich die Wärme nicht spüren kann, fühle ich mich gut. Ich habe mich sozusagen auf Watte gebettet, und so macht es nichts. Ich fühle mich sicher. Von nebenan dringt Radiomusik herüber, sie klingt verzerrt und gedämpft wie unter Wasser. Als Kind bin ich in der Wanne mit dem Kopf untergetaucht und habe gespürt, wie das warme Wasser wohlig über mich hinwegspült, während mir die undeutlichen Geräusche aus der Ferne ein behagliches Gefühl gaben.

Ich erkenne die Melodie. Celine Dion singt »A New Day Has Come«. Ich bin ihr schon oft begegnet, und ich denke an ihre Schönheit und diese unverwechselbare Stimme. Aus meiner eigenen musikalischen Laufbahn ist nichts Rechtes geworden, und jetzt ist es zu spät. Es ist seltsam, wie klar ich denken kann. Ich bin ein Vogel, der nicht mehr mit den Flügeln flattert, sondern sich im Gleitflug langsam sinken lässt. Mein Geruchssinn ist noch intakt. Der Geruch von vielen Zigaretten an diesem Tag, der säuerliche Nachgeschmack einer Flasche Jack Daniel’s, die leer neben dem Waschbecken auf dem Boden liegt. Mein Atem stinkt.

Wie lange liege ich jetzt schon so da? An der Sonne kann ich nicht erkennen, ob es noch Morgen oder schon Nachmittag ist. Ich weiß nicht einmal, welchen Tag wir haben. Wahrscheinlich ist es Schulzeit, vermute ich, weil ich keine Kinder höre. Wo ist mein Mann Raoul? Ich weiß es nicht. Es ist mir ehrlich gesagt auch egal. Es wird nicht mehr lange dauern.

Zwei Stockwerke weiter unten bereitet die Köchin etwas. Durchs offene Fenster dringen zusammen mit dem Vogelzwitschern die Geräusche des Gärtners herein. Noch schwächer sind die Laute von den Touristenbooten auf dem See zu hören, an den das Grundstück grenzt. Wir wohnen direkt außerhalb eines Dorfs, und ich meine, auch das Läuten der Glocken zu hören. Neben mir auf dem Boden steht das Glas, das ich mit Pillen aus dem Arzneischrank gefüllt habe. Es waren ungefähr fünfundzwanzig. Ich habe sie alle auf einmal geschluckt, fünf sind übrig geblieben. Die letzten sechs oder sieben waren allerdings nicht einfach; ich musste Wasser nehmen, um sie hinunterzuspülen. Es waren starke Schmerztabletten, die mir der Arzt gegen meine Rückenschmerzen verschrieben hatte – mit derselben Wirkung wie Valium.

Ich hatte die Pillen schon lange. Mein linkes Bein ist fünf Zentimeter länger als das rechte. Als junges Mädchen wurde bei mir Skoliose festgestellt, eine seltene Erkrankung, die fünf meiner Rückenwirbel betraf und mein Rückgrat s-förmig verkrümmte. Zwei Jahre lang musste ich ein orthopädisches Korsett tragen. Immer mal wieder wurde es so schlimm, dass ich mich vor Schmerzen nicht mehr rühren konnte und selbst das Atmen zur Qual wurde. Ich hatte das Gefühl, als lägen in meinem Rücken die Nervenenden frei und jemand zöge daran. Ich hatte diese starken Schmerzmittel für den Fall, dass es richtig schlimm wurde, immer griffbereit, und über die Jahre hatte ich gelernt, die Krankheit selbst zu beherrschen. Jetzt verwende ich dieselben Pillen, um meinem psychischen Schmerz ein Ende zu setzen.

Ich denke daran, wie sich die Erde weiterdreht und das Leben in der schönen Umgebung des Sees weitergeht. Von der Begeisterung, mit der ich dieses Zuhause gestaltet hatte, war nichts mehr geblieben, doch ich blieb, weil ich einen Pakt mit mir geschlossen hatte. Ich hatte mir geschworen, nicht wieder die Koffer zu packen, nur weil die Situation schwierig wurde. Ich würde durchhalten und wie meine Eltern in meiner Ehe Ordnung und Verlässlichkeit einkehren lassen. Ich war entschlossen, zusammen mit meinem Mann alt zu werden, egal, was es kostet. Hier würden wir unsere Familie gründen, und anfänglich war ich auch sehr glücklich gewesen, doch nach und nach, in einem schleichenden Prozess, war meine eigene Version vom Paradies zu einem Gefängnis geworden. Alles, was ich einmal geliebt hatte, hasste ich inzwischen.

Einer der ersten, die den Charme von Lugano für sich entdeckt hatten, war Charlie Chaplin. Auch einer meiner Lieblingsschriftsteller, Graham Greene, ist seiner Schönheit erlegen. Der Sänger Robert Palmer lebte und starb hier. Strawinsky und Tschaikowski haben im Schatten der Alpen an seinen Ufern komponiert. Es ist fast zu schön, eine Bilderbuchidylle, der fast jeder verfallen kann.

Unser eigenes Haus hatte einmal einem Baron gehört, der sich in den Zwanzigerjahren in den Casinos ruiniert hatte. Das Gebäude verfiel, bis Raoul und ich uns in das, was davon übrig geblieben war, verliebten und uns an die Arbeit machten. Wir waren an der Grenze zu Italien, wo ich viel mit dem Fernsehen arbeitete. Die Schweiz war bei Leuten mit hohem Einkommen beliebt, da sie sich mit dem Staat auf die Steuer, die sie zahlten, verständigen konnten – und Raoul stammte von hier. Er musste nach Hause zurückkehren, und Lugano erschien uns als ein geeigneter Ort, um unser Leben als Ehepaar zu beginnen. Die Paparazzi kamen nie bis hierher, und ich konnte dem Stress meines pflegeintensiven Lebensstils entfliehen. Hier fühlten wir uns geborgen. Wenn man wollte, konnte man splitternackt herumlaufen. Wir konnten wir selbst sein. Hier konnte ich meinen Traum ausleben, eine gewöhnliche Ehefrau und Mutter mit einer ganz normalen Familie zu sein: Endlich wäre ich wieder Gitte.

Es war mir nicht vergönnt. Ich hätte auf meine innere Stimme hören sollen, die mir zuschrie: Schnapp dir die Kinder und nichts wie weg hier, doch ich wollte mit aller Macht, dass es funktioniert, und verwandte mein ganzes Geld, meine ganze Energie darauf. Jetzt war alles verbraucht, und mir wurde klar, dass mir kein anderer Ausweg blieb.

Ich dachte zuerst, unsere Ehe sei genau das, was ich brauchte, doch jetzt kann ich mich nicht einmal erinnern, wann wir uns das letzte Mal geküsst haben. Seit über zwei Jahren haben wir keinen Sex mehr gehabt. Wir alle haben von Sekten gehört, die ihre Anhänger durch Gehirnwäsche dazu bringen, etwas zu tun, was sie normalerweise nicht tun würden, doch jetzt verstehe ich, was sich da abspielt. Ich ertrage nicht mehr, was aus mir geworden ist, und erkenne mich nicht mehr wieder. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich nicht mehr die clevere, starke, unabhängige Gitte. Wo ist sie geblieben? Ich habe nicht mehr die Kraft – ich bin gebrochen. Sag mir einfach, was ich tun soll, und ich tu’s. Ich bin passiv. Ich bewege mich auf einer vom Alkohol angetriebenen Tretmühle – darum kreist jetzt mein ganzes Leben.

Jetzt bin ich mir sicher, was ich will: Ich weiß, dass ich das Richtige tue. Es erscheint mir nicht egoistisch, und ich denke auch nicht an die Kinder und erkenne nicht, dass ich Alkoholikerin geworden bin. Alles erscheint so logisch. Ich habe nicht die Kraft zu planen und zu organisieren, und so wird es keinen Abschiedsbrief geben, keine Anweisungen für die Beerdigungsfeier, keinen Gedanke daran, was mit meinen sterblichen Überresten werden soll, und der heutige Tag ist zum Sterben genauso gut wie jeder andere. Es hätte genauso gut gestern oder morgen sein können. Vielleicht hat es damit zu tun, wie die Sonne heute zu den Fenstern herein­scheint, oder mit dem fernen Hintergrundrauschen, das vom Dorf herüberdringt, oder mit den Geräuschen des Gärtners draußen. Ich kann es wirklich nicht sagen. Ich brauche einfach nur Frieden. Ich möchte ihn riechen, schmecken, fühlen.

Ich hatte daran gedacht, ins Wasser zu gehen, doch der Gedanke an das eiskalte Wasser hatte mich abgeschreckt. Außerdem hatte ich gehört, Ertrinken gehöre zu den schlimmsten Todesarten. Von den Pillen fühle ich mich einfach schläfrig, ein wenig, als ob ich schwebte. Das ist der Frieden, nach dem ich mich sehne. Ich drifte hinüber und wache nie wieder auf.

Ich bin ein bisschen enttäuscht, dass es noch nicht dazu gekommen ist – ich hätte gedacht, dass es schneller geht. Aber jetzt ist es allmählich so weit. Ich fühle mich wirklich entspannt und habe kein bisschen Angst. Zum ersten Mal seit Langem tut mir weder physisch noch seelisch etwas weh. Irgendwie scheint sich mir der Magen umzudrehen. Ich habe so viel geweint – es kommt mir so vor, als hätte ich seit Jahren jeden Tag geweint. Ich habe mich an diese unerträgliche Qual so gewöhnt, dass ich erst jetzt, als sie plötzlich nicht mehr da ist, merke, wie sehr ich gelitten habe.

Keine Lügen mehr, keine Schuldkomplexe, keine Gefühle. Die Welt verblasst ringsum und mit ihr auch dieses Spiegelbild, das ich nicht wiedererkannte. Ich lächle, lächle, ziehe mich allmählich aus dem Bild zurück. Mein letzter Gedanke geht an Marilyn Monroe, als sie die Überdosis genommen hat. Ich bin wieder zu Boden gesackt, doch ich spüre es nicht.

KAPITEL ZWEI

VON KOPENHAGEN ZUM CATWALK

Ich komme aus einer sehr kleinen Vorstadt namens Rødovre im Nordwesten von Kopenhagen. Gediegen, aber nicht glamourös. Es ist ein See in der Nähe, der einen Tagesausflug lohnt.

Mein Ausblick fürs Leben war eine berufliche Tätigkeit als Bibliothekarin, wie meine Mutter, oder auch als Verkäuferin. Ich hatte eine Stelle in einer Bäckerei und hätte nichts dagegen gehabt zu bleiben. Ich wäre damit zufrieden gewesen, für meinen jährlichen Pauschalurlaub zu sparen, und meine Träume hätten sich auf ein etwas größeres Haus oder ein besseres Auto beschränkt. Ich wäre für meine Zuverlässigkeit bei der Arbeit bekannt und meinen 2,4 Kindern eine gute Mutter. Die Kinder wären gut im Sport und wären musikalisch talentiert, sodass sie es vielleicht in eine TV-Talentshow schaffen. Es wäre nicht das Drehbuch für einen Blockbuster gewesen, aber das wäre in etwa passiert. Doch es sollte anders kommen. Bei meiner Geschichte war Zufall im Spiel, doch weitgehend habe ich sie selbst geschrieben. In der anderen Realität wäre die kleine Gitte nie über Dänemark hinausgelangt, hätte sich um ihre Kinder gekümmert und wäre damit völlig zufrieden gewesen. Selbst jetzt denke ich immer noch, dass ich vielleicht zurückgehen und in dieser Bücherei arbeiten oder die Bäckerin um die Ecke sein könnte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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