Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Michael Lind geht auf drei Trends ein, die die Welt momentan neu ordnen und auch zukünftig stark prägen werden: stark sinkende Geburtenrate in der einheimischen Bevölkerung, nachlassende Religiosität und Polarisierung der Arbeitsplätze. Diese drei Trends in Kombination erklären laut Lind die meisten der heute in Europa wie den Vereinigten Staaten zu beobachtenden politischen Veränderungen. Der Beitrag ist eine Auskopplung aus dem Kursbuch 187.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 24
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Welt verändern
Inhalt
Michael Lind | Im Namen des weißen Mannes – USA und Europa im Gleichschritt von Spaltung und Veränderung
Anhang
Über den Autor
Impressum
Michael Lind Im Namen des weißen Mannes USA und Europa im Gleichschritt von Spaltung und Veränderung
Phänomene wie die Nominierung für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen, die der Milliardär und Reality-TV-Star Donald Trump den Republikanern abgenötigt hat, oder der Aufstieg nationalistischer und populistischer Parteien in Europa oder die hart umkämpfte »Brexit«-Initiative in Großbritannien – so wenig sie scheinbar miteinander zu tun haben, sind sie doch alle das Ergebnis von langfristigen demografischen, ökonomischen und sozialen Trends, die sich im Wandel politischer Strukturen widerspiegeln. Auf beiden Seiten des Nordatlantiks unterhöhlt dieser gesellschaftliche Wandel die über Jahrzehnte hin zusammengewachsenen politischen Ordnungen und kombiniert sie in ihren Komponenten auf überraschende Weise neu. Die drei wichtigsten gesellschaftlichen Trends sind demografischer, kultureller und ökonomischer Art.
Der bedeutsamste demografische Trend ist der der sinkenden Geburtenraten in entwickelten Ländern, Raten, die nicht ausreichen, um die Bevölkerung in der nächsten Generation zu reproduzieren. 2015 lag die Gesamtfertilitätsrate der Vereinigten Staaten bei 1,87 und damit zwar höher als in Deutschland mit 1,44, aber immer noch unter Reproduktionsniveau. Das heißt, sie war zu niedrig, um die Bevölkerungszahl ohne Einwanderung konstant zu halten.
Der bedeutsamste kulturelle Trend ist die rückläufige Religiosität und gleichzeitig zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft im transatlantischen Westen. Kirchenbesuch und religiöser Glaube sind in Europa schon seit Langem auf dem Rückzug, die amerikanische Gesellschaft zeigt sich zwar insgesamt noch stärker religiös, wird aber immer mehr »europäisiert«, das heißt säkularisiert. Zu den am wenigsten religiösen Amerikanern zählen heute die zwischen 1981 und 1996 geborenen sogenannten »Millennials«. Laut einer Umfrage der Gospel Coalition ist jeder Vierte von ihnen konfessionslos, und nicht einmal jeder Zehnte betrachtet Religion als etwas, das für sein Leben wichtig ist.
Der bedeutsamste ökonomische Trend ist die Aufspaltung der Volkswirtschaften in den »Sektor handelbarer« und den »Sektor nicht handelbarer Güter«. Der Sektor handelbarer Güter umfasst Waren und Dienstleistungen, die exportiert werden können – also Industrieprodukte, aber auch landwirtschaftliche Erzeugnisse, Energie und Rohstoffe, außerdem Beratungs- und Finanzdienstleistungen für ausländische Kunden und geistiges Eigentum wie Softwarelizenzen. Der Sektor nicht handelbarer Güter umfasst Waren und Dienstleistungen, die ausschließlich im Lande »konsumiert« werden, dazu gehören Produkte des Baugewerbes und eine Vielzahl personenbezogener Dienstleistungen.
Es ist der technische Fortschritt, und nicht die Produktionsverlagerung ins Ausland, der hauptsächlich dafür verantwortlich ist, dass die Zahl der Arbeitsplätze im traditionellen Produktions- und Distributionsbereich sinkt. Roboterfabriken und selbstfahrende Lastwagen werden schon bald die Jobs vieler Arbeitnehmer vernichten, so wie die Computersoftware viele Büroangestellte bereits überflüssig gemacht hat. Während in der Produktion Arbeitsplätze verloren gehen, wird der Arbeitsmarkt in den Industrieländern polarisiert zwischen Arbeitsplätzen im Bereich der Unternehmensdienstleistungen oben und einer wachsenden Zahl von Arbeitsplätzen im Gesundheitswesen, in der Gastronomie und im Einzelhandel unten.
