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Im Reich des Wolfes gärt es. Rebellen und mächtige Patrizier gefährden die Macht des kaiserlichen Throns. Nur der Orden der Richter stellt sich dem Chaos entgegen. Sir Konrad Vonvalt ist der gefürchtetste von ihnen, der gemeinsam mit seiner Schreiberin Helena und seinem Vollstrecker Bressinger Recht und Gesetz vertritt. Als die drei den Mord an einer Adeligen untersuchen, kommen sie einer Verschwörung auf die Spur, die bis in die Spitze der kaiserlichen Gesellschaft reicht. Vonvalt muss sich entscheiden: Wird er die Gesetze missachten, die geschworen hat, zu schützen, um das Reich zu retten?
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Veröffentlichungsjahr: 2023
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Übersetzung aus dem Englischen von Simon Weinert
© Richard Swan 2022
Titel der englischen Originalausgabe:
»The Justice of Kings«, Orbit, an Imprint of Little, Brown Book Group, London 2022
© Piper Verlag GmbH, München 2023
Karte: Tim Paul
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Covergestaltung: Guter Punkt, München, nach einem Entwurf von Martina Fačková
Coverabbildung: Martina Fačková
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Cover & Impressum
Karte
I
Die Hexe von Rill
II
Heidnisches Feuer
III
Galetal
IV
Edler Bauer
V
Unliebsame Neuigkeiten
VI
Frachtversicherung
VII
Wettlauf um Mitternacht
VIII
Kalte Luft, hitzige Worte
IX
Rückkehr nach Rill
X
Seewacht
XI
Die Untersuchung wird wieder aufgenommen
XII
Konfrontation auf der Haunerstraße
XIII
Taube Ohren
XIV
Ein letzter Abend des Friedens
XV
Graves
XVI
Der mit den Toten spricht
XVII
Eine gefährliche Unternehmung
XVIII
Festung der Finsternis
XIX
Tiefer hinab in den Kaninchenbau
XX
Kultaars Geschenk
XXI
Gefangene
XXII
Ein gestohlenes Leben
XXIII
Prozessvorbereitungen
XXIV
Löwen und Geschwister
XXV
Chancen angleichen
XXVI
Eine Flamme am Zündpapier
XXVII
Feuertaufe
XXVIII
In Edle Bauers Fußstapfen
XXIX
Die Rechnung des Schlachters
XXX
Abschied vom Tal
Epilog
Die Gerechtigkeit der Könige
Danksagung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
»Nimm dich vor den Dummen, den Eiferern und den Tyrannen in Acht; sie alle kleiden sich in den Panzer der Unwissenheit.«
Aus Caterhausers Der Sovanische Strafrechtskodex: Ratgeber für die Anwendung
Es ist ein sonderbarer Gedanke, dass die tiefsten Wurzeln des Untergangs des Reichs des Wolfes und all des Todes und der Zerstörung, die er mit sich brachte, in dem winzigen und unbedeutenden Dorf Rill lagen. Und dass wir nicht einfach nur im Regen durch einen kalten Landstrich zwanzig Meilen östlich der Tolsburger Marken stapften, als wir uns diesem Dorf näherten, sondern dass wir uns auf den Großen Niedergang zubewegten, dessen steiler und tückischer Abhang jäh vor uns auftauchte wie eine Klippe aus glasigem Obsidian.
Rill. Wie soll man diesen Ort beschreiben? Der Geburtsort unseres Unglücks war so unscheinbar. In seiner Abgeschiedenheit war er typisch für die Tolsburger Nordmark. Er bestand aus einem großen Dorfplatz aus aufgewühltem Schlamm und Stroh, umstanden von einem Ring aus zwanzig Lehm- und Flechtwerkhütten mit reetgedeckten Dächern. Das Herrenhaus unterschied sich davon lediglich durch seine Größe, denn es war vielleicht doppelt so groß wie die größte Hütte, aber da hörten die Unterschiede auch schon auf. Es sah genauso baufällig aus wie die anderen. Etwas seitlich davon stand ein Gasthof, und auf dem Platz tummelten sich Vieh und Bauernvolk. Die Kälte hatte den Vorteil, dass der Gestank nicht so schlimm war, doch Vonvalt hielt sich trotzdem ein mit Lavendel gefülltes Tuch vor die Nase. Er konnte manchmal ganz schön zimperlich sein.
Eigentlich hätte ich guter Laune sein sollen. Rill war das erste Dorf, in das wir kamen, seit wir die kaiserliche Wegfeste an der Grenze zu Jägeland verlassen hatten. Und es war die erste einer ganzen Reihe von Siedlungen, die sich im Halbkreis bis zur Haunerfestung in Seewacht, fünfzig Meilen nordöstlich, hinzogen. Dass wir hier angekommen waren, bedeutete, dass wir wahrscheinlich schon in einer Woche nach Süden schwenken würden, um den östlichen Teil unserer Rundreise abzuschließen – und dort erwarteten uns besseres Wetter, größere Städte und eine größere Nähe zu dem, was man gemeinhin mit dem Begriff Zivilisation bezeichnen würde.
Dennoch nagten Sorgen an mir. Mein Augenmerk war ganz auf den riesigen uralten Wald fixiert, der an das Dorf grenzte und sich von uns aus hundert Meilen nach Norden und Westen erstreckte, den ganzen Weg bis zur Küste. Den Gerüchten zufolge, mit denen man uns auf unserer Reise versorgt hatte, sollte dort eine alte draedische Hexe hausen.
»Glaubst du, dass sie da drin ist?«, fragte Patria Bartholomäus Claver neben mir. Claver war einer der vier Reisenden in unserer Karawane, ein Nemapriester, der sich uns an der jägeländischen Grenze geradezu aufgedrängt hatte. Vorgeblich aus Angst vor Räubern, doch die Nordmark war bekanntermaßen menschenleer – und nach seinen eigenen Ausführungen reiste er eigentlich fast überall allein hin.
»Wer?«, fragte ich.
Claver lächelte kalt. »Die Hexe«, sagte er.
»Nein«, erwiderte ich knapp. Claver ging mir auf die Nerven – den anderen auch. Unser Wanderleben war ohnehin schon schwer genug, doch nach ein paar Wochen, während denen Claver Vonvalt permanent mit Fragen zu seinem Vorgehen und seinen Zauberkräften gelöchert hatte, lagen aller Nerven blank.
»Ich schon.«
Ich wandte mich um. Dubine Bressinger – Vonvalts Vollstrecker – kam näher und verspeiste dabei fröhlich eine Zwiebel. Während er auf seinem Pferd an mir vorbeitrabte, blinzelte er mir zu. Hinter ihm folgte unser Auftraggeber, Junker Konrad Vonvalt, und den Schluss machte unser Esel, der einen Wagen mit unserer Ausrüstung zog und respektlos Herzog von Brondsey genannt wurde.
Nach Rill führte uns ebenjener Grund, der uns überall hinführte: das Gesetz des Kaisers durchzusetzen, selbst hier draußen an den äußersten Rändern des Sovanischen Kaiserreichs. Bei all seinen Fehlern glaubte das sovanische Volk doch fest an Gerechtigkeit für alle, und deshalb sandte es kaiserliche Magistrate wie Vonvalt aus, um als fahrende Richter durch die entlegenen Dörfer und Weiler des Reiches zu reisen.
»Ich bin auf der Suche nach Junker Otmar Frost«, hörte ich Vonvalt vom hinteren Ende der Karawane rufen. Bressinger war bereits abgestiegen und winkte einen Jungen aus dem Dorf herbei, der sich um unsere Pferde kümmern sollte.
Einer der Bauern deutete wortlos auf das Herrenhaus. Vonvalt stieg ächzend ab. Patria Claver und ich folgten seinem Beispiel. Der Schlamm unter unseren Füßen war stahlhart.
»Helena«, rief mich Vonvalt zu sich. »Das Protokoll.«
Ich nickte und holte das Protokollbuch aus dem Wagen. Es war ein schweres Buch mit einem dicken, eisenbeschlagenen Ledereinband und einer mit einem Schloss versehenen Schließe. In diesem Folianten wurden alle anfallenden Rechtsangelegenheiten sowie Vonvalts wohlüberlegte Gerichtsurteile verzeichnet. Sobald es voll war, schickte man es in die Bibliothek des Rechts im fernen Sova, wo Beamte die Urteile durchgehen und sich vergewissern würden, dass das Richterrecht überall einheitlich angewendet worden war.
Ich brachte Vonvalt das Register, doch der hieß mich mit einem übel gelaunten Wink, es selbst zu tragen, und so gingen wir vier in Richtung des Herrenhauses. Nun erkannte ich auch, dass über der Tür ein Wappen hing, ein einfacher blauer Schild mit einem auf eine zerbrochene Lanze gespießten Eberkopf. Ansonsten war das Herrenhaus nicht weiter bemerkenswert und vermochte nicht im Mindesten an die riesigen Stadtpaläste und befestigten Landhäuser des Reichsadels in Sova heranzureichen.
Vonvalt hämmerte mit behandschuhter Faust gegen die Tür. Gleich darauf ging sie auf. Eine Magd, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als ich, stand in der Tür. Sie wirkte ängstlich.
»Ich bin Richter Junker Konrad Vonvalt vom kaiserlichen Magistratum«, erklärte Vonvalt, und ich wusste, dass er den sovanischen Akzent lediglich imitierte, denn eigentlich hatte er einen jägeländischen Einschlag; dieser hätte ihn jedoch als Emporkömmling verraten, ungeachtet seines Standes, und das wäre ihm peinlich gewesen.
Die Magd machte einen unbeholfenen Knicks. »Ich …«
»Wer ist da?«, rief Junker Otmar Frost von drinnen. Hinter der Türschwelle war es dunkel, und es roch nach Holzfeuer und Vieh. Ich beobachtete, wie Vonvalt geistesabwesend zu seinem Lavendeltuch griff.
»Richter Junker Konrad Vonvalt vom kaiserlichen Magistratum«, wiederholte er ungeduldig.
»Meiner Treu«, grummelte Otmar und erschien kurze Zeit darauf im Türrahmen. Er stieß die Magd umstandslos zur Seite. »Exzellenz, komm herein, komm herein, komm aus der Nässe und wärm dich am Feuer.«
Wir gingen hinein. Drinnen war es schmutzig. In einer Ecke des Zimmers stand ein Bett mit Fellen und Wolldecken und persönlichen Gegenständen, die auf eine Ehefrau hinwiesen, welche aber nicht anwesend war. In der Mitte brannte ein offenes Feuer, umrahmt von verkohlten und dreckverklumpten Teppichen, die aufgrund des Regens, der durch den offenen Rauchabzug tropfte, schimmelten. Eine Tischplatte auf Böcken am anderen Ende des Zimmers bot Platz für zehn Stühle, und daneben führte eine Tür in eine Küche. An den Wänden hingen schimmlige, verblichene, vom Ruß teilweise fast schwarze Tapeten, und auf dem Boden stapelten sich Teppiche und Felle. Am Feuer wärmten sich zwei große wolfsartige Hunde.
»Man hat mir mitgeteilt, dass ein Richter durch die Tolsburger Marken nach Norden reist«, sagte Junker Otmar, während er hektisch herumhantierte. Als tollischer Ritter und Edelmann war er in den Reichsadel erhoben worden – »die Hochmark nehmen«, wie man es nannte wegen der Vergünstigungen, die denjenigen zuteilgeworden waren, die sich den Legionen unterworfen hatten –, aber er hatte wenig gemein mit den gepuderten und verhätschelten Herrschaften in Sova. Er war alt, trug ein schmutziges Gewand mit seinem Wahlspruch darauf und eine Hose aus schlichtem, grobem Stoff. Sein verrußtes und verhärmtes Gesicht wurde von weißem Haar und einem weißen Bart eingerahmt. Seine Stirn hatte eine große Kerbe, die er sich vermutlich vor fünfundzwanzig Jahren als junger Mann zugezogen hatte, als der Reichskrieg gewütet hatte und die sovanischen Heere Tolsburg zu einem Vasallen gemacht hatten. Sowohl Vonvalt als auch Bressinger trugen Narben aus diesem Eroberungskrieg.
»Zuletzt hat dich Richterin August besucht?«, fragte Vonvalt.
Junker Otmar nickte. »Jawohl. Ist lange her. Früher haben wir mehrmals im Jahr einen Richter hier gesehen. Bitte, setzt euch doch. Etwas Speise? Bier? Wein? Ich wollte gerade essen.«
»Ja, danke«, sagte Vonvalt und setzte sich an den Tisch. Wir folgten seinem Beispiel.
»Hat meine Vorgängerin ein Protokollbuch dagelassen?«, fragte Vonvalt.
»Ja, ja«, entgegnete Junker Otmar und schickte die Magd erneut weg. Darauf hörte ich, wie nebenan eine Kassette geplündert wurde.
»Irgendwelche Probleme aus dem Norden?«
Junker Otmar schüttelte den Kopf. »Nein. Zwischen uns und dem Meer liegt ein Streifen der Westmark von Haunersheim. Vielleicht zehn oder zwanzig Meilen breit, aber genug, um Plünderer abzuhalten. Auch wenn ich mir denken könnte, dass das Meer um diese Jahreszeit ohnehin zu rau ist, als dass sich die Nordleute herunterwagen würden.«
»Ganz richtig«, sagte Vonvalt. Ich sah ihm an, dass es ihn ärgerte, dass er dieses geografische Detail vergessen hatte. Eine gelegentliche Erinnerungslücke war jedoch verzeihlich, denn das inzwischen über fünfzig Jahre alte Kaiserreich hatte in derart kurzer Zeit so viele Völker in sich aufgenommen, dass die Kartografen jedes Jahr neue Karten anfertigen mussten. »Und nachdem Seewacht wieder aufgebaut worden ist, nehme ich an«, fügte er hinzu.
»Ja, das waren die Autunen. Eine neue Ringmauer, eine neue Garnison und genug Geld und Futter, um in den Kriegsmonaten täglich auszureiten. Wöchentlich im Winter, laut Befehl des Markgrafen.«
Die Autunen. Der Doppelköpfige Wolf. Ob der Alte den Ausdruck als Schimpfwort benutzt hatte oder nicht, musste offenbleiben. Es war einer dieser eigenartigen Spitznamen für das Sovanische Reich, den die Unterworfenen entweder aus Hochachtung oder als Beleidigung benutzten. Wie dem auch sein mochte, Vonvalt ging nicht darauf ein.
»Der hat einen gewissen Ruf«, bemerkte Vonvalt.
»Markgraf Westenholtz?«, mischte sich Claver, der Priester, ein. »Ein guter Mann. Ein frommer Mensch. Die Nordleute sind ein gottloses Volk, das an den alten draedischen Bräuchen festhält.« Er zuckte die Achseln. »Du solltest nicht um sie trauern, Richter.«
Vonvalt lächelte säuerlich. »Ich trauere nicht um tote Plünderer aus dem Norden, Patria«, sagte er zurückhaltender, als es nötig gewesen wäre. Claver war noch jung, zu jung, um die Autorität eines Priesters innezuhaben. Im Lauf unserer kurzen gemeinsamen Zeit hatten wir alle eine gehörige Abneigung gegen ihn entwickelt. Er war sowohl ein Fanatiker als auch ein Langweiler, neigte zum Jähzorn und urteilte vorschnell. Er sprach in aller Länge und Breite über sein Anliegen – nämlich Templer für die südlichen Grenzlande zu rekrutieren – sowie über seine Beziehungen zu Edelleuten. Bressinger weigerte sich für gewöhnlich, mit ihm zu reden, Vonvalt jedoch unterhielt sich nun schon seit Wochen mit ihm aus reiner Höflichkeit, die Teil seines Berufs war.
Junker Otmar räusperte sich. Er stand kurz davor, den Fehler zu begehen, sich auf ein Gespräch mit Claver einzulassen, doch da kam das Essen. Ein herzhaftes, einfaches Gericht aus Fleisch, Brot und dicker Soße, doch während unserer Reise mussten wir selten hungern. Vonvalts Macht und Befugnisse flößten unseren Gastgebern stets Großzügigkeit ein.
»Du hast gesagt, es wäre eine Weile her, dass zuletzt eine Richterin hier durchgekommen ist?«, fragte Vonvalt.
»So ist es«, erwiderte Junker Otmar.
»Hast du in der Zwischenzeit die kaiserlichen Statuten befolgt?«
Junker Otmar nickte eifrig, aber mit ziemlicher Sicherheit war das gelogen. In diesen weit auseinanderliegenden Dörfern und Ansiedlungen, die mehrere Monatsreisen von Sova entfernt waren, selbst wenn man die schnellste Fortbewegungsart wählte, wurden die kaiserlichen Gesetze nur selten eingehalten. Es war eine Schande. Der Reichskrieg hatte Tausenden Tod und Elend gebracht, doch dieser große Misthaufen hatte ein Juwel zutage gefördert, und das war das System des Richterrechts.
»Gut. Dann habe ich wohl nicht viel zu tun. Außer die Wälder zu inspizieren«, sagte Vonvalt. Junker Otmar wirkte von dem Nachsatz verwirrt. Vonvalt leerte seinen Bierkrug. »Auf dem Weg hierher«, erklärte er, »wurde uns mehrfach von einer Hexe berichtet, die in den Wäldern nördlich von Rill leben soll. Ich nehme an, dass du davon nichts weißt?«
Junker Otmar zögerte die Antwort mit einem langen Schluck aus seinem Weinglas hinaus und gab dann vor, etwas zwischen seinen Zähnen hervorstochern zu müssen. »Nein. Mir ist nichts zu Ohren gekommen, Junker.«
Vonvalt nickte nachdenklich. »Wer ist sie?«
Bressinger fluchte auf Grozodanisch. Junker Otmar und ich fuhren vor Schreck fast aus unserer Haut. Der Tisch mitsamt den Tellern und dem Besteck machte einen Satz, als er von drei Schenkelpaaren hochgestoßen wurde. Kelche und Krüge kippten um. Junker Otmar fasste sich mit weit aufgerissenen Augen ans Herz, und sein Mund bewegte sich, um Worte auszuspucken, wie es ihm von Vonvalt befohlen worden war.
Die Kaiserstimme: die magische Macht, mit der ein Richter jemanden dazu zwingen konnte, die Wahrheit zu sagen. Sie hatte ihre Grenzen – zum Beispiel wirkte sie nicht bei anderen Richtern, und jemand mit festem Willen konnte sich ihr widersetzen, wenn er darauf gefasst war –, doch Junker Otmar war alt und sanftmütig und kannte sich mit den Gepflogenheiten des Ordens nicht aus. Deshalb traf ihn ihre Zauberkraft wie ein körperlicher Donnerschlag und kehrte sein Bewusstsein von innen nach außen.
»Eine Priesterin … ein Mitglied der Draeda«, keuchte Junker Otmar. Er wirkte entsetzt, weil sein Mund gegen seinen Willen sprach.
»Kommt sie aus Rill?«, bohrte Vonvalt weiter.
»Ja!«
»Gibt es noch andere, die den draedischen Glauben praktizieren?«
Junker Otmar wand sich auf seinem Stuhl. Er klammerte sich Halt suchend an den Tisch.
»Viele – aus dem Dorf!«
»Junker Konrad«, murmelte Bressinger. Er betrachtete Junker Otmar und zuckte dabei leicht zusammen. Claver dagegen labte sich sichtlich an den Qualen des Alten.
»Na schön, Junker Otmar«, sagte Vonvalt. »Na schön. Beruhige dich. Hier, trink einen Schluck Bier. Ich werde nicht weiter in dich dringen.«
Wir saßen schweigend da, während Junker Otmar mit zitternder Hand die verängstigte Magd herbeiwinkte und keuchend nach Bier verlangte. Sie ging, kam kurz darauf wieder und reichte ihm einen Krug. Junker Otmar leerte ihn gierig.
»Den draedischen Glauben zu praktizieren ist verboten«, bemerkte Vonvalt.
Junker Otmar sah auf seinen Teller. In seiner Miene standen Wut, Entsetzen und Scham, was bei den Opfern der Kaiserstimme keineswegs ungewöhnlich war.
»Die Gesetze sind neu. Die Religion ist alt«, sagte er heiser.
»Die Gesetze gelten schon zweieinhalb Jahrzehnte.«
»Die Religion gilt schon zweieinhalb Jahrtausende«, fauchte Junker Otmar.
Es entstand eine unbehagliche Pause. »Lebt in Rill überhaupt jemand, der nicht dem draedischen Glauben anhängt?«, fragte Vonvalt.
Junker Otmar begutachtete sein Getränk. »Das kann ich nicht sagen«, grummelte er.
»Richter.« In Clavers Tonfall schwang aufrichtiger Ekel. »Sie müssen ihm wenigstens abschwören. Die offizielle Religion des Reichs ist der heilige Glauben an Nema.« Er spie dies regelrecht aus, während er den alten Baron von oben bis unten musterte. »Wenn es nach mir ginge, würden sie alle brennen.«
»Das sind alles anständige Leute«, sagte Junker Otmar erschrocken. »Brave, gesetzestreue Leute. Sie bestellen das Feld und zahlen ihre Abgaben. Wir waren den Autunen nie eine Last.«
Vonvalt sah Claver wütend an. »Bei allem Respekt, Junker Otmar, wenn diese Leute den draedischen Glauben praktizieren, dann können sie schon gemäß Definition keine gesetzestreuen Leute sein. Ich bedaure, aber Patria Claver hat recht – zumindest zum Teil. Sie werden abschwören müssen. Hast du eine Liste der Draedaanhänger?«
»So etwas besitze ich nicht.«
Die Scheite im Feuer rauchten, knisterten und spien Funken. Bier und Wein liefen durch die Risse in den Brettern der Tischplatte und tropften platschend zu Boden.
»Der Vorwurf ist geringfügig«, sagte Vonvalt. »Eine kleine Geldstrafe, ein Pfennig pro Kopf, wenn sie abschwören. Als ihr Lehensherr kannst du die Summe womöglich sogar für sie übernehmen. Hast du einen Schrein für einen der Reichsgötter? Nema? Savare?«
»Nein«, spie Junker Otmar nun regelrecht aus. Es wurde zunehmend schwieriger, die Tatsache zu verleugnen, dass Junker Otmar selbst dem draedischen Glauben folgte.
»Die offizielle Religion des Sovanischen Reichs ist der nemanische Glaube, wie er bewahrt worden ist in den Schriften und sowohl im Richterrecht als auch im kanonischen Recht. Komm schon, es gibt Parallelen. Das Buch von Lorn ist im Grunde nichts anderes als draedischer Glaube, oder nicht? Darin stehen dieselben Gleichnisse, es schreibt dieselben Feiertage vor. Das könntet ihr ohne Mühe übernehmen.«
Es stimmte, dass das Buch von Lorn bemerkenswerte Parallelen zur draedischen Lehre aufwies. Das lag daran, dass das Buch von Lorn ein draedischer Text war. Denn die sovanische Religion war äußerst anpassungsfähig, und anstatt die zahlreichen religiösen Praktiken, mit denen sie während des Reichskriegs in Berührung kam, zu ersetzen, nahm sie sie einfach in sich auf wie eine Welle, die eine Insel umspült. Aus diesem Grund war der nemanische Glaube zugleich die am weitesten verbreitete und am wenigsten geachtete Religion der bekannten Welt.
Ich sah zu Claver hinüber. Der war fassungslos angesichts der leichtfertigen Andeutungen Vonvalts. Denn freilich war Vonvalt genauso wenig ein Anhänger des nemanischen Glaubens, wie es Junker Otmar war. Wie dem alten Baron, so war auch ihm die Religion aufgezwungen worden. Aber er besuchte die Tempel und verrichtete die Glaubenshandlungen wie der Großteil des Reichsadels. Claver dagegen war so jung, dass er nie eine andere Religion kennengelernt hatte. Ein wahrer Gläubiger. Solche Leute hatten ihren Nutzen, aber oft waren sie ihrer Unbeugsamkeit wegen auch gefährlich.
»Das Reich verlangt, dass du den nemanischen Glauben praktizierst. Das Gesetz lässt nichts anderes zu«, sagte Vonvalt.
»Und wenn ich mich weigere?«
Vonvalt richtete sich auf. »Wenn du dich weigerst, macht dich das zu einem Ketzer. Falls du dich mir gegenüber weigerst, hast du dich damit zur Ketzerei bekannt. Aber so dumm und selbstzerstörerisch wirst du nicht sein.«
»Und wie lautet die Strafe für jemanden, der sich zur Ketzerei bekannt hat?«, wollte Junker Otmar wissen, obwohl er die Antwort schon kannte.
»Du wirst verbrannt«, drängte sich Claver dazwischen, und in seiner Stimme schwang wilde Freude mit.
»Niemand wird verbrannt«, sagte Vonvalt verärgert. »Denn niemand hat sich zur Ketzerei bekannt. Noch nicht jedenfalls.«
Ich blickte zu Vonvalt, dann wieder zu Junker Otmar. Ich hatte Verständnis für Junker Otmars Lage. Er hatte recht mit seiner Aussage, dass der draedische Glaube harmlos war, und er erachtete den nemanischen Glauben zu Recht als wertlos. Außerdem war er ein alter Mann, dem man Vorträge hielt und mit dem Tod drohte. Aber das Sovanische Reich herrschte nun einmal über die Tolsburger Marken. Deshalb galten seine Gesetze, und diese Gesetze waren solide und wurden gerecht angewendet. Die allermeisten kamen damit zurecht, warum vermochte er das nicht auch?
Junker Otmar schien ein wenig in sich zusammenzusacken.
»Auf dem Gablersberg steht ein alter Wachturm, ein paar Stunden zu Pferd nordöstlich von hier. Die Gläubigen versammeln sich dort zum Gottesdienst. Dort wirst du auch deine Hexe finden.«
Vonvalt hielt einen Moment inne. Er nahm einen tiefen Schluck. Dann stellte er den Krug vorsichtig ab.
»Danke«, sagte er und stand auf. »Wir gehen sofort hin, solange wir noch ein, zwei Stunden Tageslicht haben.«
»Überhebliche und prahlerische Novizen sollten bei erster Gelegenheit aus dem Orden hinausgeworfen werden. Richter zu sein bedeutet, ein geduldiger und strenger Sachwalter des Rechts zu sein. Geschichten von Schwertkämpfen und Verfolgungsjagden zu Pferd sollten, auch wenn sie lose auf Fakten basieren, als Gerüchte abgetan und nicht weiter beachtet werden.«
Meister Karl Rothsinger
Innerhalb weniger Minuten standen wir wieder in Kälte und Regen vor dem Haus, während ein Junge uns die Pferde brachte. Dann ritten wir im schwindenden Tageslicht davon. Ich zog meinen Wachsmantel fester um mich, um meine Kleider vor der Nässe zu schützen, doch weder Bressinger noch Vonvalt schien das etwas auszumachen. Claver duckte sich auf seinem Sattel, wirkte ungepflegt und elend, freute sich jedoch sichtlich darauf, den hiesigen Heiden Angst einzujagen.
Wir hielten freilich nicht auf den Gablersberg zu, wie Junker Otmar es uns gesagt hatte. Vielmehr lenkte Vonvalt uns direkt in den Wald, einen alten Jägerpfad entlang, der halb von Farn überwuchert war.
»Junker Konrad?«, fragte ich. Meine Stimme klang zart und aristokratisch, und in dem Moment hasste ich mich dafür. Obwohl ich jahrelang umhergereist war, war ich dennoch verweichlicht. Von dem wilden Straßenkind, als das ich in den Straßen Muldaus aufgewachsen war, war keine Spur mehr übrig. Allmählich verwandelte ich mich in eine jener Adeligen, die ich lange Zeit verachtet hatte.
Er wandte sich um. In dem schwarzen Bart, den er sich in den kälteren Monaten des Jahres wachsen ließ, glitzerten Regentropfen.
»Was ist?«, fragte er. Sein Pferd, ein großes guelanisches Schlachtross mit dem Namen Vincento, blieb stampfend stehen.
»Ist der Gablersberg nicht nordöstlich vom Dorf? Wir reiten nach Nordwesten.«
Vonvalt nickte. »Ich weiß«, sagte er.
»Der Alte hat gelogen«, sagte Bressinger. »Er wollte uns in die falsche Richtung locken.«
»Ganz sicher, um uns einen Hinterhalt zu legen«, schnaubte Claver.
»Ach, das glaube ich nicht«, sagte Vonvalt milde. »Irreführen ja, aber nicht umbringen. Er hatte gar nicht die Zeit – und bestimmt auch nicht den Mumm –, um etwas Derartiges zu planen. Nein.« Er zeigte zu den uralten, bemoosten Bäumen. »Die Hexe von Rill befindet sich in diesen Wäldern.«
Wir ritten weiter, in den ächzenden, sich über hundert Meilen erstreckenden Wald hinein. Längst war das letzte Licht aus dem Himmel gewichen. Ich zitterte in der Kälte, die in meine nassen Kleider kroch und mir die letzte Wärme aus den Knochen saugte. Immer dringender wurde mein Wunsch nach einem wärmenden Feuer – und wichtiger noch: nach Licht –, doch schließlich wurden meine stillen Gebete erhört. Eine Viertelmeile vor uns sahen wir ein orangefarbenes Flackern.
Vonvalt und Bressinger unterhielten sich vorn mit gedämpften Stimmen, sodass ich mich notgedrungen an Claver wandte: »Hast du das Licht gesehen?«, fragte ich.
»Ich habe es sehr wohl gesehen«, erwiderte er und grinste verächtlich. »Heidnisches Feuer. Es hat einen unheilvollen Einfluss, zu dem die Draedisten sich hingezogen fühlen. Wie Irre umtanzen sie es im Kreis. Ein Lumpenschauspiel ist das.«
Im Näherkommen erkannte ich Leute, die sich um das Feuer bewegten. Vonvalt unternahm keine Anstrengungen, sich zu verbergen oder sich anzuschleichen. Vielmehr ritt er zielstrebig weiter. Nun ließ sich erkennen, dass vielleicht fünfzehn oder zwanzig Bauern um das Feuer versammelt waren, das in der Mitte einer kleinen Waldlichtung brannte. Daneben erhob sich ein steinerner Altar, der von den ausladenden Ästen eines Baumes überdacht wurde. Hinter dem Altar stand die Hexe, eine ältere Frau in abgetragener dunkler Kutte mit einer groben Holzmaske vor dem Gesicht. Sie stand so regungslos da, dass ich zunächst glaubte, sie sei eine Statue.
»Frau Hexe«, rief Vonvalt der Frau zu. »Sei so gut und nimm deine Maske ab.«
Schreie schrillten in der eisigen Nacht. Die Heiden wirbelten herum und sahen uns erschrocken an. Ihr Tanzritual, wenn es denn eines gewesen war, brach unvermittelt und entschieden ab.
Ich glaubte, die Hexe würde sich Vonvalt widersetzen, doch sie hob die Hände an die Holzmaske, nahm sie ab und legte sie vorsichtig auf den Altar. Fast hatte ich damit gerechnet, dass unter der Maske die Fratze eines Ungeheuers zum Vorschein kommen würde oder zumindest ein grotesk entstelltes Menschenantlitz, aber ich war zugleich enttäuscht und erleichtert, dass sie sich als eine ganz normale alte Frau entpuppte. Sie musterte uns mit ruhigem Blick. Diesen kritischen Moment wählte Claver, um Zeugnis von seinem Glauben abzulegen.
»Ihr entweiht den Glauben an Nema!«, polterte er los. Niemand hatte dem Gottesdiener große Beachtung geschenkt, doch nun erhielt er sie im Überfluss.
Vonvalt fuhr in seinem Sattel herum und bedachte ihn mit einem grimmigen Blick.
»Das reicht, Patria«, blaffte er.
»Aber, Richter Vonvalt, das sind Ketzer!«, fuhr Claver fort und war aufrichtig perplex. Er steigerte sich in eine Rage hinein. »Bekennende Abtrünnige! Schau dir diesen heidnischen Unfug an! Diese Kultrituale! Sie spotten Sovas Gesetzen!«
»Ich und zwar ich allein werde entscheiden, wer Sovas Gesetze verspottet«, erklärte Vonvalt. Sein Ton war so kalt wie die Abendluft. »Sei so gut und schweige, sonst lasse ich dich von Bressinger zurück nach Rill bringen.« Dann wandte er sich wieder den Bauern zu und deutete auf das Feuer. »Ihr wisst, dass es verboten ist, den draedischen Glauben zu praktizieren«, sagte er. »Die Gesetze sind eindeutig.«
»Wie hast du uns gefunden?«, fragte die alte Frau. Ihre Zurückhaltung hatte sich in Trotz verwandelt. Das flößte ihrer Schar Mut ein. Ich konnte an ihren Körperhaltungen erkennen, dass sie sich von Flucht auf Kampf umstellten.
»Heute ist der Vorabend des Monats Goss«, sagte Vonvalt. Er zeigte auf eine Lücke in der Wolkendecke, wo der abnehmende Mond nur noch als dünne Sichel zu sehen war.
»Wir erkennen den Reichskalender nicht an«, sagte die alte Frau.
»Aber das Buch von Lorn verlangt nach dieser …« Vonvalt zeigte wieder aufs Feuer. »… dieser Zeremonie am Vorabend von Goss, nicht wahr? Das Feuer von Culvar brennt und verbannt mit seinem Licht und seiner Wärme den Trickster.«
»Du benutzt die Namen der falschen Heiligen. Der Autunenheiligen. Das Buch von Lorn ist ein Abklatsch des Buches von Draeda. Und noch dazu ein schlechter.«
»Aber das Ritual ist identisch«, stellte Vonvalt fest, als könnte er sie an Ort und Stelle bekehren. Er zuckte die Achseln. »Wie dem auch sei, so habe ich dich gefunden.«
Darauf folgte eine Pattsituation. Die alte Frau würde – konnte – nicht einknicken und ihre Überzeugungen ablegen, nur weil Vonvalt ihr erklärt hatte, dass das, was sie tat, nicht erlaubt war. Sie wusste, dass es verboten war. Und natürlich war Vonvalt durch seine Schwüre und durch das Gesetz daran gebunden, sie strafrechtlich zu verfolgen – doch auch er war nicht willens, dies zu tun.
»Junker Otmar hat sich schon bereit erklärt, eure Bußgelder zu übernehmen«, sagte Vonvalt schließlich. »Schwört dem draedischen Glauben ab, und ich lasse euch alle in Frieden. Dann braucht niemand hier zu sterben heute Abend.«
»Otmar würde seinen Glauben nie aufgeben«, sagte die Alte scharf.
Claver konnte nicht mehr an sich halten. »Mit deinen Worten hast du ihn verurteilt! Er ist ein Draedist!«
»Sei still!«, herrschte Vonvalt ihn an.
»Das ganze Dorf sollte abgefackelt werden und diese Ketzerbauern gleich mit!«
»Bei Nemas Blut, Mann, hältst du wohl den Mund!«, rief Vonvalt. »Dubine, bring ihn weg!«
»Mit Vergnügen, Junker«, sagte Bressinger und ließ sein Pferd – einen großen braunen Renner namens Gaerwyn – wenden.
»Ich tue das Werk der Göttin!«, rief Claver. »Fass mich nicht an! Ich sorge dafür, dass Nemas Wille geschieht!«
Bressinger lenkte sein Pferd neben das von Claver, riss dem Priester die Zügel aus den Händen und führte sein Tier auf dem Jägerpfad zurück. Fast rechnete ich damit, dass Claver absteigen und zurücklaufen würde. Doch Bressinger blieb so unerschütterlich ungerührt, dass der Priester verstummte.
Vonvalt wandte sich wieder der alten Frau zu. »Du bist Junker Otmars Frau«, sagte er.
»Junkerin Karol Frost.«
»Herrin, bist du dir der Folgen bewusst – der Folgen, zu denen mich das Gesetz zwingt –, wenn du dich weigerst, dem draedischen Glauben abzuschwören?«
»Ich bin mir ihrer bewusst.«
»Dann würdest du dich sogar dem Tod anheimgeben?«
»Das würde ich.«
»Du würdest auch diese Leute hier dem Tod anheimgeben?«
»Diese Leute hier können alle für sich selbst entscheiden.«
Vonvalt seufzte verärgert. Er wollte gerade wieder etwas sagen, als etwas Erstaunliches geschah: Die Holzmaske auf dem Altar stieg in die Höhe und schwebte in der Luft.
Ich stieß einen schrillen Schrei aus. Die Bauern hielten keuchend die Luft an. Die Maske, ein hässliches, grob geschnitztes Machwerk, glitt sanft nach oben und verharrte dann einen Klafter über dem Altar. Sie hing in der Luft – sich in ihr spiegelnd tanzten die Flammen auf ihrer Oberfläche – und schien das Geschehen mit unverhohlener Feindseligkeit zu beobachten.
Alle waren erstarrt. Vor Schreck brauchte ich einige Augenblicke, um wieder zu Atem zu kommen. Die alten heidnischen Götter schienen auf dieser Lichtung zu weilen, und sie zürnten wegen der Unterbrechung durch den Reichsrichter. Mich überkam ein fürchterliches Schwindelgefühl. Mördern, Dieben und Vergewaltigern konnte Vonvalt die Stirn bieten, dem Zorn der Elemente jedoch nicht.
Vonvalt zog sein Kurzschwert aus der Scheide – dreißig Zoll sovanischer Stahl. Die Klinge summte durch die Nacht. Junkerin Frost schrie auf, denn vor der Furcht, die ihr der kalte Glanz des Stahls einflößte, war sie trotz ihrer unbeugsamen Haltung und ihrem standhaften Glauben an die alten Götter nicht gefeit.
Sogleich sprangen die Bauern, die uns am nächsten waren, drei stämmige Männer, nach vorn, riefen und polterten in der alten draedischen Sprache. Ungestüm streckten sie die Hände aus und versuchten, Vonvalt an den Beinen zu packen, um ihn vom Pferd zu ziehen.
»Zurück, verdammt!«, rief Vonvalt eher genervt als wütend. Vincento stieg hoch und ruderte mit den Vorderhufen. Einem der Draedisten stieß das große schwarze Schlachtross den Huf direkt gegen die Brust, und zwar so kräftig, dass das Brustbein brach und der Bauer nach hinten gestoßen wurde. Einem zweiten Heiden trennte Vonvalt mit einem Schwerthieb den linken Unterarm ab. Der Narr schrie, fiel nach hinten und fasste sich mit weit aufgerissenen Augen an den spritzenden Stummel.
Der dritte Draedist war noch dabei, seinen unklugen Schachzug zu überdenken, als Bressingers Pferd ihn von der Seite niedertrampelte. Der Mann taumelte zwischen den Hufen des Tieres, benommen, geschlagen, aber noch nicht tot.
»Sofort aufhören!«, brüllte Vonvalt. Diesmal ließ er die Kaiserstimme anklingen, und der Tumult legte sich sofort. Junkerin Frost blieb beim Altar stehen. Die drei Bauern, die Vonvalt angegriffen hatten, lagen stöhnend und wimmernd auf dem Boden. Bressinger war bereits abgestiegen und kümmerte sich auf seine grobe und mitleidlose Art um den Mann, der seinen Unterarm eingebüßt hatte. Entsetzt drängten die anderen Draedisten sich aneinander. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich Patria Claver, den Bressinger in einiger Entfernung abgesetzt hatte. Der Priester beobachtete das traurige Geschehen eine Weile, wandte sich dann um und ritt in Richtung Rill davon. Ich wünsche von ganzem Herzen, ich könnte sagen, wir hätten ihn damals zum letzten Mal gesehen.
Vonvalt sah sich mit verdrossener Miene um. Kurz darauf trieb er Vincento sanft zu dem Altar hinüber und kam dort zum Stehen. Dann ließ er sein Schwert in einem großen Bogen durch die Luft sausen. Die Maske fiel herunter, stieß klappernd gegen den kalten Stein und landete im Matsch.
»Ein Faden«, sagte Vonvalt. »Ein schwarzer Faden, der an einer verborgenen Seilwinde festgemacht ist.« Kaltschnäuzig steckte er das Schwert weg.
Der Bann war gebrochen. Was immer die Bauern im Namen ihres religiösen Eifers sonst noch hatten unternehmen wollen, verpuffte zusammen mit der Illusion.
Junkerin Frost wirkte niedergeschlagen. Sie fing an zu schluchzen. Leid tat sie mir nicht. Was sie getan hatte, war verwerflich. Offenbar hatte sie das Schauspiel für einen späteren Zeitpunkt während der Festlichkeiten geplant.
»Nun geht nach Hause«, sagte Vonvalt zu den Heiden. »Ihr kommt morgen früh alle zu mir und schwört eurem Glauben ab, oder ihr hängt am Galgen, so wahr mir Nema helfe.«
Die Bauern fielen beinahe über die eigenen Füße, so eilig hatten sie es, nach allen Richtungen in den kalten, dunklen Wald zu fliehen.
»Wie geht es ihm, Dubine?«, rief Vonvalt zu Bressinger hinunter.
Dieser zuckte mit den Schultern. »Mit einem passablen Feldscher könnte er es überleben.«
Vonvalt sah zu Junkerin Karol hinüber. »Du kümmerst dich darum, dass der Mann versorgt wird«, sagte er. »Wenn er stirbt, ziehe ich dich zur Rechenschaft.«
Die Frau nickte, und ihr Blick ging hektisch zwischen dem amputierten Heiden und Vonvalt hin und her.
Vonvalt seufzte und schüttelte den Kopf. Dann ließ er sein Pferd wenden und sah mich an. Geistesabwesend tätschelte er den Hals seines Tieres. »Helena, zurück nach Rill«, sagte er leise. »Ich will mich auf die Verhandlungen morgen vorbereiten. Das wird ein anstrengender Tag.«
***
Am nächsten Morgen standen wir früh auf. Wieder war es kalt und grau, und ich fragte mich, ob Rill jemals einen Sonnenstrahl abbekam.
Wir luden die Ausrüstung aus dem Wagen des Herzogs von Brondsey: Protokollbücher, Gesetze, Feder und Tinte, frische Pergamentrollen, einen zusammenklappbaren Tisch, Vonvalts lederbezogenen Ohrenlehnstuhl, frisches Siegelwachs und Stempel, ein schildgroßes Wappen des Sovanischen Reichs auf einem fünf Fuß hohen Mast und verschiedene Vollmachten, die die Leute einsehen konnten. Das alles bauten wir in der Mitte des Platzes auf.
Mit dem Sonnenaufgang erwachte auch das Dorf langsam, und die kalte Luft füllte sich mit dem Geruch der Herdfeuer. Für die meisten Bauern bestand das Frühstück wohl aus einem kräftigen Haferbrei, den man mit allem würzte, was gerade zur Hand war, und einem Becher Bier. Nur aus Frosts Herrenhaus drang der Duft von gebratenem Speck. Vonvalt, Bressinger und ich hatten im Gasthof ein paar kalte Pastetenrinden gegessen, und nun knurrte mir schon wieder der Magen.
»Dann ist unser Priesterfreund also aufgebrochen?«, fragte Vonvalt, als er sich auf seinen Stuhl setzte. Ich nahm auf einem kleinen Hocker neben ihm Platz. Als seine Schreiberin war es meine Aufgabe, alles zu notieren, was während der Verhandlung gesagt wurde.
»Ja«, gab Bressinger, der rechts von ihm saß, zurück. »Irgendwann in der Nacht, aber erst hat er mir noch die Ohren vollgeheult.«
»Danke, dass du mich nicht geweckt hast.«
»Er ist ganz und gar nicht zufrieden damit, wie du mit den Draedisten verfährst.«
»Seine Zufriedenheit ist ohne Bedeutung.«
Bressinger sah Vonvalt vorwurfsvoll an. »Er hat unnatürlich vehement sein Interesse gezeigt.«
»Er hat unnatürlich vehement sein Interesse an all meinen Angelegenheiten gezeigt, seit er sich uns angeschlossen hat. Ich bin froh, ihn los zu sein. Mich ärgert bloß, dass er uns nicht schon früher verlassen hat. Schließlich ist er bestens in der Lage, allein zu reisen.«
»Kommt dir das nicht seltsam vor?«, meinte Bressinger.
»Natürlich kommt mir das seltsam vor. Aber dieser Kerl ist seltsam.« Vonvalt zuckte mit den Achseln. »Ich vermute, er wird dann wohl vor uns in Seewacht ankommen? Um den Markgrafen und seine Männer dazu zu überreden, in den Grenzlanden ihr Leben zu lassen.«
»Davon gehe ich aus.«
»Er ist ein Narr, Dubine. Vergiss ihn.«
»Ein gefährlicher Narr.«
»In der Tat.«
»Und mit mächtigen Freunden, wenn man ihm Glauben schenken will.«
»Wenn man ihm Glauben schenken will«, sagte Vonvalt. Er wollte gerade noch etwas hinzufügen, als der erste Kandidat an den Tisch herantrat, ein Bauer mittleren Alters mit groben, selbst gesponnenen Kleidern und einer Wollmütze. Er schlurfte auf Vonvalt zu, eingeschüchtert von unserem provisorischen kleinen Gerichtssaal, so schäbig dieser in meinen Augen auch sein mochte.
»Ich würde gerne, äh«, fing er an, doch dann riss er sich die Mütze vom Kopf. »Mit deiner Erlaubnis, Exzellenz, würde ich, äh, gerne …« Er beugte sich näher heran. Da Vonvalt nun im Dienst war, zeigte er unendliche Geduld und beugte sich ebenfalls nach vorn, um dem Mann entgegenzukommen. »Ich würde gerne, äh … abschwören?«
Vonvalt nickte weise. »Ich akzeptiere deine Lossagung.« Er schlug eines der schweren Protokollbücher auf und fing an, dort etwas einzutragen. Er nahm die Angaben zur Person des Bauern auf. Am Rand notierte er das Bußgeld, das sich auf einen Pfennig belief, den er bei Junker Otmar eintreiben würde. »Hast du dem Kaiser irgendwelche Klagen vorzubringen?«
Der Mann schüttelte heftig den Kopf. »Nein, Exzellenz, nichts.«
Erneut nickte Vonvalt. »Dann ist das alles.«
Mit den anderen Leuten aus dem Dorf lief es ungefähr genauso. Einer nach dem anderen traten diejenigen, die wir im Wald gesehen hatten – und auch ein paar andere – vor das Gericht und sagten sich leise los. Mehr gab es an diesem Tag nicht zu verhandeln. Normalerweise hatten wir alle möglichen Fälle zu bearbeiten, vor allem, weil es Jahre her war, seit die letzte kaiserliche Richterin in die Gegend gekommen war. Immerzu gab es Diebstähle und Überfälle, um die man sich kümmern musste, und daneben auch schwerwiegendere Verbrechen – Mord, Vergewaltigung, Verrat. Aber an diesem kalten Wintertag in Rill gab es nichts als die stille Lossagung vom heidnischen Glauben.
Zum Mittagessen schlug Vonvalt das Buch zu und schickte mich los, um ihm und Bressinger aus dem Gasthof Brot, Käse und Bier zu holen. Als ich zurückkam, war ich erstaunt, Junker und Junkerin Frost vor dem Tisch stehen zu sehen. Junker Otmar hielt einen Beutel Münzen in der Hand. Ich eilte hinzu und kam gerade rechtzeitig, um den letzten von Vonvalts Anklagepunkten zu hören: Aufwiegelung zur Ketzerei.
»In diesem Punkt sind wir nicht schuldig«, sagte Junkerin Frost mit jenem Hohn in der Stimme, den Adelige – selbst aus dem niederen Adel – an sich haben. »Wir zahlen das Bußgeld nur, um unsere Untertanen zu schützen.«
Ich setzte mich wieder auf den Hocker und fing hektisch an, alles Gesagte aufzuschreiben.
Vonvalt nahm Junker Otmar den Beutel Münzen ab und reichte ihn Bressinger, der zu zählen anfing.
»Ich notiere, dass der nächste Richter, der durch Rill reist, hier einen der Nema geweihten Schrein vorzufinden hat. An markanter Stelle«, sagte Vonvalt mürrisch.
»Und wie genau sollen wir das anstellen?«, fragte Junkerin Frost.
Vonvalt nickte in Richtung Wald. »In den Wäldern gibt es massenhaft Rehe. Schick heute einen Jäger aus. Bewahre den Schädel auf. Lass ihn von einem Priester segnen. Errichte einen Altar im sovanischen Stil. Es ist ganz einfach.«
Inzwischen hatte Bressinger die Münzen gezählt. »Das sind fünf Mark auf den Groschen genau«, sagte er rasch.
Vonvalt sah die Frosts an. Eine Weile lang herrschte Schweigen. »Das Bußgeld beläuft sich auf einen Pfennig pro Ketzer«, sagte er. »Oder wollt ihr, dass ich noch eine Anklage wegen versuchter Bestechung ins Register eintrage?«
Junker Otmar lief rot an und griff hastig nach einer Handvoll Münzen. Seine Frau verpasste ihm eine schallende Ohrfeige.
»Narr«, brummte sie und stolzierte davon.
Als sie außer Hörweite war, die korrekte Bußgeldsumme entrichtet und das Geld sicher in unserer Kassette verstaut war, richtete Vonvalt das Wort wieder an Junker Otmar.
»Junker Otmar, ich möchte mir gerne einbilden, dass ich ein gerechter Mensch bin. Das Reich lässt mir einige Freiräume im Umgang mit derlei Angelegenheiten.« Er hielt inne, um die richtigen Worte zu finden. »Ich hoffe, dass dir klar ist, dass das auch ganz anders hätte laufen können. Ein anderer Richter an einem anderen Tag …« Er ließ den Satz unvollendet. Junker Otmar, der nur halb so forsch war wie seine Frau, nickte kleinlaut.
»Ich weiß, Exzellenz. Ich stehe in deiner Schuld.«
Vonvalt winkte mit der Hand ab. »Ich bin kein Narr, Junker Otmar. Ich weiß sehr wohl, was passieren wird, wenn ich von hier aufbreche. Ich will dir nur sagen, dass du vorsichtiger sein musst.«
»Ich bin dankbar für deine Freimütigkeit, Exzellenz«, sagte Junker Otmar und verneigte sich.
Schweigend sahen wir ihm nach. Als deutlich wurde, dass unser Tagwerk vollbracht war, klappte Vonvalt das Protokollbuch zu.
»Ich habe kein gutes Gefühl, was dieses Dorf angeht«, murmelte er und stand auf. »Gar kein gutes Gefühl.«
»Besteht das Verbrechen in einem Mord, dann muss man sicherstellen, dass die Verurteilung gerechtfertigt ist, ehe das Urteil – die Todesstrafe – vollstreckt wird. Ein Leben zu nehmen, ist eine schwerwiegende Sache; als Entschädigung dafür ein weiteres Leben zu nehmen, ist gleich doppelt schwerwiegend.«
Aus Caterhausers Der Sovanische Strafrechtskodex: Ratgeber für die Anwendung
Der Reiter begegnete uns ein paar Meilen außerhalb von Galetal, einer großen und reichen Handelsstadt in der Südmark von Haunersheim – dem Land östlich und südlich meiner Heimat Tolsburg. Inzwischen war Rill nur noch eine ferne Erinnerung, einige Hundert Meilen, ein Dutzend Städte und eineinhalb Reisemonate entfernt.
Hier unten war die Luft kälter und trockener als im Schatten der Tolsburger Marken, und Schneeflocken trieben darin. Bressinger hatte versucht, unsere Stimmung mit einem alten jägeländischen Volkslied zu heben, das er von Vonvalt gelernt haben musste, aber ich konnte nicht mit einstimmen, weil ich die Worte nicht verstand – er sang weder auf Altsaxanisch, dem im Kaiserreich gebräuchlichen Dialekt, noch auf Tollisch, meiner Muttersprache. Und Vonvalt sang nicht mit, weil er auf diesen langen Reisen zur Schweigsamkeit neigte. Er saß an der Spitze unseres Zuges zusammengesunken im Sattel.
Bei dem Reiter handelte es sich um einen jungen Burschen der Stadtwache, muskulös und auf großspurige Weise selbstbewusst. Mit einem Schlag war mir meine schäbige Erscheinung peinlich. Geduckt saß ich in meinem Wachsmantel im Sattel und roch wie der Herzog von Brondsey. Letztlich hätte mir das jedoch herzlich egal sein können, denn der Reiter würdigte mich keines Blickes.
»Edler Sauter meinte, dass auf der Haunerstraße ein Richter käme«, hörte ich ihn Vonvalt zurufen. Er trug ein Kettenhemd und eine Haube, die sein von der Kälte rötliches Gesicht einrahmte, und auf seinem Scheitel saß ein Eisenhut. Über seinen blauen Wappenrock liefen kreuzweise senfgelbe Streifen, und das Wappen von Galetal war darauf gestickt.
»Richter Junker Konrad Vonvalt«, sagte Vonvalt, nachdem er sich im Sattel aufgerichtet hatte. »Das sind mein Vollstrecker Dubine Bressinger und meine Schreiberin Helena Sedanka.«
Der Wachmann berührte seinen Helm. Er wirkte verstört. »Exzellenz, mein Herr, meine Dame.« Mein Herz stockte, als sein Blick kurz auf mich fiel. »Ihr kommt gerade recht. Wir hatten einen Mord vor nicht einmal zwei Tagen. Die Frau von Edler Bauer. Die halbe Stadt läuft in Waffen herum.«
»Und die andere Hälfte?«, murmelte Bressinger mir zu.
»Sei still«, fuhr ihn Vonvalt an, ehe er sich wieder dem Jungen zuwandte. »Es kommt nicht oft vor, dass die Frau eines Edlen getötet wird.«
»Im Tal hat man noch nie von so etwas gehört, Exzellenz. Und niemand kann sich einen Reim darauf machen.«
»Edler Bauer war es nicht?«, fragte Vonvalt. Eine angemessene Frage, denn üblicherweise war der Ehemann der Täter.
»Soweit ich weiß, wird er nicht verdächtigt.«
»Ich verstehe«, sagte Vonvalt und rieb sich am Kinn. »Seltsam.«
»Ja, Exzellenz, das ist es. Als wir euch vom Veldeliner Tor aus gesehen haben, hat mir Edler Sauter aufgetragen, euch so schnell wie möglich in die Stadt zu eskortieren.«
Vonvalt drehte sich zu mir um und betrachtete kurz meine armselige, verwahrloste Erscheinung. Der Herzog von Brondsey schnaubte und wieherte hinter mir. Er zitterte in der Kälte.
»Ich reite mit dir voraus«, erklärte Vonvalt dem Wachmann und wandte sich dann an Bressinger. »Dubine, begleite Helena in die Stadt. Sorge dafür, dass die Pferde in einen Stall kommen, und beschaffe uns eine Unterkunft.«
»Exzellenz.«
»Wo befindet sich die Leiche von Edle Bauer?«, fragte Vonvalt den Jungen.
»Im Haus eines Arztes – Herr Maquerink. Er ist der öffentliche Arzt der Stadt.«
»Zuerst werde ich mir die Leiche ansehen, bevor die Verwesung einsetzt und man nichts Brauchbares mehr erkennen kann.«
»Wie du wünschst.«
Sie eilten voraus, trieben ihre Pferde zu einem leichten Galopp an. Ich sah ihnen nach.
Bressinger ließ sein Pferd wenden und schloss die Lücke zu mir. Er musste meine Gedanken gelesen haben, denn er sagte: »So ein Junge ist nichts für dich, Helena.«
Ich errötete. »Was redest du denn da?«, entgegnete ich hitzig.
Bressinger grinste. »Wir sollten uns beeilen, bevor uns das Wetter dort erwischt. Weißt du noch, was ich dir beigebracht habe? Wie man Wolken liest?«
Ich nickte in Richtung eines tief hängenden dunklen Wolkenwalls im Osten. »Schnee«, sagte ich mürrisch.
»Dann komm. Und sing gefälligst mit.«
»Ich kann kein Jägeländisch«, erwiderte ich.
Bressinger zügelte mit gespielter Empörung sein Pferd, und ich musste lachen. »Bei Nemas Blut, Helena, du bist tauber als ein Brett. Das war nicht Jägeländisch, sondern Grozodanisch. Ich hoffe, du verwechselst mein Geburtsland nicht mit dem unseres verehrten Meisters.«
»Nein«, versicherte ich und kicherte laut. »Zumindest nicht, solange du einen so großkotzigen Namen wie Dubine hast.« Ich sprach den Namen absichtlich so aus, wie Vonvalt es immer tat, Du-ban, und nicht wie es alle außerhalb von Bressingers Herkunftsland Grozoda taten: Du-bine.
»Wenn du nicht aufpasst, schneide ich dir die Zunge ab«, sagte er. »Also, hör gut zu, sonst werden sich die nächsten paar Meilen ewig ziehen.«
***
Mittags kamen wir in der Stadt an. Wir betraten sie durch das Veldeliner Tor, das den südlichen Zugang bewachte. Galetal gehörte zu Haunersheim, auch wenn sowohl Tolsburg als auch Guelich im Verlauf seiner bewegten Geschichte versucht hatten, es für sich zu beanspruchen. Sowohl politisch als auch geografisch war die Stadt mehr oder weniger ein Produkt ihrer Lage. Denn Guelich war das Reich von Prinz Gordan Kzosic, dem dritten Sohn des Kaisers, und jede größere Stadt in unmittelbarer Nähe zu einem Mitglied des Kaiserhauses diente unweigerlich als Festung und zeitweilig auch als Residenz.
Die große, ummauerte Stadt schmiegte sich an die Hänge der Tolsburger Marken, und der Fluss Gale teilte sie in zwei Hälften. Das Hügelvorland ringsherum mit seinen langen und flachen grünen Flecken war fruchtbares Ackerland. Es lieferte genügend Kohl, Erbsen, breite Bohnen, Zwiebeln und Kartoffeln, um die Stadt zu ernähren und obendrein noch einen Handelsüberschuss zu erzielen – auch wenn dies nicht die eigentliche Quelle von Galetals Reichtum war. Die Gale war breit und tief und floss bis nach Sova, auch wenn sie dabei viele Umwege machte. Das ließ Galetal zu einem belebten Warenumschlagplatz werden, der so viele Handelszölle einbrachte, dass sich die Stadt eine gut gerüstete Stadtwache und gut ausgebaute und bewachte Straßen leisten konnte. Außerdem gab es einen großen Tempel der Gottmutter Nema (der einmal ein Tempel der Irox, der heidnischen Rindergöttin, gewesen war) und ein beeindruckendes, festungsartiges Kloster, das gebieterisch auf einem Hügel oberhalb des Ortes thronte.
In den Straßen drängten sich Kaufleute, Gildenmitglieder, Gardisten, gemeines Volk und der Adel. Wir suchten uns einen Weg durchs Gedränge und blieben unbeachtet, obwohl wir hoch zu Ross saßen. Mir fiel auf, dass die Straßen zwar oft schlammig, aber größtenteils gepflastert waren und abgedeckte Kotrinnen besaßen, einer der gelungeneren Exporte Sovas, der den Großteil der Randgebiete des Kaiserreichs erst noch erreichen musste. Zum Glück half die Kälte – wie auch zuvor schon in Rill –, die Geruchsbelästigung einzudämmen. Dennoch war die Luft von vertrauten Gerüchen geschwängert: Holzfeuer, Pisse, Abfälle und Kot.
Die Gebäude der Stadt reichten von reetgedeckten Lehmhütten bis zu hoch aufragenden Stadthäusern aus Ziegeln und Holz. Die Tempel, von denen wir Dutzende vorfanden, waren aus großen, gelblichen Steinquadern errichtet, im Lauf der Generationen vom Rauch der Holzfeuer angelaufen und geschmückt mit grob gehauenen Götterbildern. Blumen und billiger Schmuck lagen auf ihren Stufen verstreut, doch der Großteil war schon längst in den Schlamm getrampelt und vergessen worden. Das Greinen der Bettler, die Almosen und Asyl gleichermaßen erflehten, durchschnitt die kalte Luft.
Dank seiner Stellung hatte Vonvalt das Recht, beim obersten Ratsherrn der Stadt untergebracht zu werden. Üblicherweise war dies der Bürgermeister oder der ansässige Friedensrichter, es konnte aber auch der höchstrangige Priester einer Stadt oder ein Adeliger oder Ritter sein. Da er keine ausdrücklichen Anweisungen bekommen hatte, wo er uns einquartieren solle, beschloss Bressinger, zunächst zum Haus von Bürgermeister Sauter zu reiten, das sich als riesiges Ziegelstadthaus mit schönem Fachwerk entpuppte.
»Das wird wohl reichen«, sagte er barsch, als wir unsere Pferde vor dem Eisentor halten ließen. Wir stiegen ab, und Bressinger ging auf den Wächter zu, der vor dem Eingang stand.
»Ja?«, fragte die Wache auf eine Weise, die zu ihrem Beruf passte. Er trug die gleiche Rüstung und den gleichen Waffenrock wie der junge Stadtgardist.
»Ich bin Dubine Bressinger«, erklärte er. »Das ist Helena Sedanka. Wir sind Gefolgsleute von Richter Junker Konrad Vonvalt.« Bressinger zeigte dem Mann sein kaiserliches Siegel.
»Ach ja, Herr«, sagte der Wachmann und verneigte sich. »Man hat uns berichtet, dass ihr kommt. Ich rufe den Jungen, damit er sich um das Pferd und den Maulesel kümmert. Geht es euch gut?«
»Ja, Danke. Wir suchen nach dem Haus des städtischen Arztes«, antwortete Bressinger.
»Es gibt mehr als einen, aber ich vermute, du meinst Herrn Maquerink«, führte der Wächter aus und zeigte in die Richtung, aus der wir gekommen waren. »Apothekenstraße. Zwei Straßen runter, dann rechts. Das Schild ist nicht zu übersehen.«
»Danke«, erwiderte Bressinger. Der Stallknecht, ein schmutziger Junge, der nach Pferdemist roch, kam herbei und führte unsere Tiere davon.
»Edler Sauter hat gesagt, dass wir euch bei eurer Ankunft verköstigen sollen«, rief uns der Wachmann unsicher nach. »Wollt ihr denn nichts essen? Oder ein bisschen Wein?«
»Später, danke«, antwortete Bressinger. Ich war nicht wenig verdrossen. Mein Magen war so leer wie eine geplünderte Getreidekammer.
»Wie ihr wollt«, meinte der Wachmann und nickte. Mit vom Reiten schmerzenden Beinen suchten wir nach dem Haus, in dem wir Vonvalt finden würden.
***
Der Arzt lebte in einiger Annehmlichkeit in der Apothekenstraße, umgeben von anderen gelehrten Medizinern, Badern und Astronomen. Auch hier war die Straße gepflastert, hatte aber keine Spurrillen wie die Handelsstraßen, die vom Marktplatz abgingen. Das Haus von Herrn Maquerink war mit einem großen hölzernen Schild gekennzeichnet, auf dem ein blauer Stern zu sehen war, das im Kaiserreich übliche Zeichen für einen lizenzierten Arzt. Bressinger preschte gleich ins Empfangszimmer, in dem es schwer nach Blut und Tod roch. Durch die Fenster auf der Rückseite des Gebäudes hörte ich Wildschweine, die im Abfall herumstöberten.
»Dubine?«, rief Vonvalt von unten. Wir wandten uns beide nach rechts und entdeckten die Treppe, die in die Eingeweide des Hauses führte.
»Exzellenz«, rief Bressinger zurück.
»Komm runter!«
Wir taten wie geheißen und fanden uns in einem großen Raum wieder, der die ganze Grundfläche des Hauses einnahm. Hier waren einige fleckige Bänke aufgereiht, und an den Wänden waren noch mehr aufeinandergestapelt. Kerzen – aus Wachs und nicht aus Talg – verströmten einen Kräuterduft, der kein bisschen gegen den Verwesungsgeruch half. Vonvalt und der Arzt standen neben der einzigen Bank, auf der jemand lag, am anderen Ende des Raumes. Der Richter drückte sich sein Lavendeltuch vor die Nase.
»Herr Maquerink hat mir gerade geschildert, wie die Leiche gefunden wurde«, erklärte Vonvalt.
»Ja, nun, der Junge von Tom Bevitt hat sie beim Ablauf des Segamunder Tors entdeckt. Sie war an einer Wurzel unter Wasser hängen geblieben«, sagte der Arzt. Er war ein gebeugter alter Mann mit grauen Haaren und einem Schnurrbart. Er wirkte so, als hätte ihm die lebenslange Fürsorge um andere die Lebenskraft ausgesaugt. Er war hager wie ein Bettler, völlig anders als die pummeligen Ärzte und Apotheker, mit denen ich es bisher zu tun gehabt hatte. »Das ist an sich schon ein Wunder, denn dort herrscht eine starke Unterströmung. Kaum etwas, was in der Gale verschwindet, sieht man jemals wieder.«
»Wen hat er davon in Kenntnis gesetzt?«, fragte Vonvalt.
»Er brauchte es niemandem zu erzählen. Von seinem Geschrei ist die halbe Oststadt aufgeschreckt. Die Stadtgarde hat sie herausgefischt. Dann haben sie sie hierhergebracht.«
»Und niemand hat die Leiche berührt?«
»Niemand, Exzellenz. Nur ich natürlich, aber nur um sie richtig hinzulegen.« Er zeigte auf sie. »Und um mir die Wunde anzuschauen.«
Von makabrer Neugier getrieben sah ich zu der Stelle, auf die der Arzt hinwies. Nicht, dass mich der Anblick einer Leiche sonderlich entsetzt hätte. Schließlich war ich eine Waise des Reichskriegs und deshalb sehr wohl mit dem Anblick des Todes vertraut. Obwohl Tolsburg bereits vor meiner Geburt von den Sovanern unterworfen worden war, hatten die Nachwirkungen – Nahrungsmittelknappheit, innere Streitigkeiten, die letzten Aufstände – noch angehalten, bis ich so um die zehn Jahre alt gewesen war. Erst dann beruhigte sich die Lage, und so etwas wie das normale Leben hielt wieder Einzug. In den ersten Jahren meines Lebens hatte reichlich Kampf und Tod geherrscht, und so war es nicht nur in Tolsburg gewesen. Während meiner beinahe zwei Jahrzehnte waren drei große Reiche – das Königreich Venland und die Herzogtümer Denholtz und Kòvosk – von den sovanischen Legionen gezähmt worden. Nun rechne man noch Jägeland, das Geburtsland Vonvalts westlich von Tolsburg, und Grozoda im Süden, Bressingers Heimat, hinzu – die beide vor dreißig Jahren, als diese beiden Männer Halbwüchsige waren, ins Reich eingefügt worden waren – sowie die ursprünglichen Territorien Sovas – Sova, das Fürstentum Kzosic, Estre und Guelich –, und man hatte ein Kaiserreich vor sich, das an Ausdehnung wohl nicht mehr übertroffen werden konnte. Beinahe hundert Millionen Untertanen lebten unter den wachsamen Augen des Doppelköpfigen Wolfs.
Die Frau auf dem Tisch war vermutlich Anfang vierzig, im Tode grau und in ein grünes Kleid mit goldenen Paspeln gehüllt. Das Wasser, aus dem man sie gezogen hatte, hatte es nicht gut mit ihren sterblichen Überresten gemeint, doch ich brauchte keine besondere Übung, um zu erkennen, dass sie nicht ertrunken war.
»Das war ein heftiger Schlag«, stellte Bressinger fest. »Und er wurde nicht mit einer Klinge geführt.«
»Du hast einen guten Blick für Leichen«, sagte der Arzt. Ich merkte, dass Bressinger und Vonvalt sich kurz ansahen.
»Sicher«, sagte Vonvalt mürrisch.
Einen Moment lang standen wir alle schweigend da.
»Wer ist der Wachtmeister?«, fragte Vonvalt.
»Junker Radomir Dragić«, sagte der Arzt.
»Er weiß davon?«, wollte Vonvalt wissen.
»Natürlich«, gab der Arzt zurück. »Ganz Galetal weiß davon. Edler Bauer ist ein bekannter Mann. Seine Frau war allenthalben beliebt.«
»Ist Edler Bauer ebenfalls beliebt?«
Der Arzt zögerte. »Bekannt«, bestätigte er noch einmal.
»Und was hat der Wachtmeister für einen Ruf?«
»Ein fähiger Mann des Gesetzes, wenn auch so griesgrämig, dass man seinesgleichen vergeblich sucht – und dazu noch ein Säufer.«
»Ich habe noch nie einen fähigen Mann des Gesetzes gesehen, der das nicht gewesen wäre«, bemerkte Vonvalt, während er näher an die Leiche heranrückte. Mir fiel auf, dass er darauf achtete, nicht zu nahe heranzukommen, um sich nicht mit einer Krankheit anzustecken. Schließlich weiß man, dass Leichen giftige Dämpfe verströmen, ähnlich wie Feuer Rauch produziert.
»Ein einziger Schlag seitlich gegen den Kopf«, murmelte er. »Mit ziemlicher Wucht.«
»Ja, Exzellenz«, bekräftigte der Arzt. »Zweifellos ein Todesschlag. Schau, wie die Haut geplatzt und aufgerissen ist, und der Schädel ist gebrochen. Eine Keule oder so etwas, geführt von einem kräftigen Arm.«
»Woher weißt du, dass es keine Klinge war?«, fragte Vonvalt. Bestimmt kannte er die Antwort bereits. Er wollte den alten Arzt nur auf die Probe stellen.
Herr Maquerink zeigte mit dem Zeigefinger auf die Wunde. »Ein Schwert oder eine Axt hätte nicht nur die Haut durchdrungen, sondern gewiss auch den Schädelknochen gekerbt, und das alles mit einem sauberen Schnitt. Aber das hier wurde zerschmettert wie mit einem Granitquader. Das erkennst du am Muster der Brüche im Knochen, und die Haut ist aufgeplatzt und nicht durchschnitten.«
»Hast du Erfahrung mit solchen Wunden?«
»Du wirst in Galetal schwerlich einen Mediziner finden, der so etwas nicht aus erster Hand kennt, das haben wir dem Reichskrieg zu verdanken.«
Vonvalt nickte. Wir alle betrachteten die Leiche, als würde sie uns Geheimnisse preisgeben, wenn wir sie nur lange genug anstarrten. Doch uns war klar, dass hier kaum noch etwas in Erfahrung zu bringen war. Edle Bauer hatte einen teuflischen Schlag abbekommen, der sie wahrscheinlich auf der Stelle getötet hatte. Aufgrund des sovanischen Vorrangrechts hatte Vonvalt als hochrangigster kaiserlicher Rechtsgelehrter die Befugnis, die Untersuchungen und die anschließende Gerichtsverhandlung zu führen.
»Ist an der Leiche sonst noch etwas Auffälliges?«, fragte Vonvalt leise.
»Nichts, Exzellenz«, bekräftigte der Arzt. Noch einmal zeigte er auf die Wunde. »Ve sama horivic.«
Es ist, wie du es siehst. Er sprach auf Hochsaxanisch, der Sprache der Herrschenden, aber die Redewendung war so gebräuchlich, dass sie niemand zu übersetzen brauchte.
»Dann war es also Mord«, sagte Vonvalt.
»Ja«, erwiderte Bressinger leise.
Herr Maquerink sah Vonvalt nervös an, und als er sprach, klang er sehr besorgt. »Wirst du … deine Zauberkraft bei ihr anwenden? Ich habe Erzählungen gehört, dass manche kaiserliche Richter mit den Toten sprechen können.«
Vonvalt beäugte die Leiche und schüttelte sanft den Kopf. »Nein«, sagte er. Dann sah er mit traurigem Blick an Edle Bauers Leichnam hinauf und hinunter. »Sie ist schon zu sehr verwest. Schon zu lange tot.« Kurz hielt er inne und dachte nach. »Tretet zurück«, murmelte er, und wir kamen seiner Aufforderung rasch nach. Er streckte die Hand aus, die Finger gespreizt und auf den Kopf von Edle Bauer gerichtet. Seine Züge nahmen einen schmerzvollen Ausdruck an, während er prüfte, wie hoch die Chancen auf eine erfolgreiche Totensitzung waren. Nach ein paar Sekunden nahm er die Hand herunter. »Nein. Nein, ich werde es nicht einmal versuchen.«
»Wer weiß, welche Geschöpfe nun ihre Krallen in sie geschlagen haben«, murmelte Bressinger.
Vonvalt sah ihn streng an. »Pass auf, was du sagst! Das behält man besser für sich.«
Herr Maquerink und ich sahen uns erschrocken an. Doch ehe jemand darauf reagieren konnte, sagte Vonvalt: »Danke, Herr Maquerink!« Er wich ein paar Schritte von der Leiche zurück. »Ich bin hier fertig. Du kannst den Leichnam für die Segnung und die Beerdigung bereit machen.«
»Jawohl, Exzellenz.«
»Schreibst du einen Bericht? Um deine Ergebnisse festzuhalten?«
»Jawohl, Exzellenz.«
»Sehr gut. Dubine, wo sind wir einquartiert?«
»Beim Bürgermeister, Exzellenz.«
Vonvalt wandte sich noch einmal an den Arzt. »Kannst du den Bericht dorthin senden?«
»Wie du wünschst.«
Vonvalt warf einen letzten Blick zu der Leiche hinüber. Er zögerte einen Moment. »Nun gut. Wir gehen.«
Wir verließen das Haus des Arztes und traten auf die Apothekenstraße. Während unseres Aufenthalts im Haus des Arztes hatten sich die Wolken zusammengeballt, als hätten wir sie mit unserer Stimmung über unseren Häuptern beschworen. Sie bildeten nun eine tief hängende graue Decke und sorgten im Dorf für ein unangenehmes Zwielicht.
»Ich möchte mit Junker Radomir sprechen«, erklärte Vonvalt und linste zu den Wolken hinauf. Nicht ganz überzeugend fügte er hinzu: »Dafür reicht das Tageslicht noch.«
»Ich vermute, dass er in der städtischen Wache ist«, sagte Bressinger. »An der sind wir vorhin vorbeigekommen, in der Nähe des Veldeliner Tors.«
»Ich erinnere mich«, meinte Vonvalt und nickte geistesabwesend. »Dann also hier lang. Nicht trödeln, Helena!«
Vonvalt schritt rasch aus. Das war eine seiner Gewohnheiten. Aufgrund seiner Zauberkräfte, seiner auffälligen Haltung und seiner Amtsabzeichen pflegte er stets Aufmerksamkeit zu erregen. Die Untertanen des Kaisers waren ein abergläubischer Haufen, und wohin wir auch gingen, folgte uns meist ein Tross von Menschen. Manche wollten Gerechtigkeit, die Vonvalt ihnen nicht verschaffen konnte. Andere wollten, dass er seine Zauberkräfte einsetzte, damit sie mit ihren verstorbenen Liebsten zu sprechen vermochten. Die meisten aber waren schlicht in seinen Bann geschlagen. Vonvalt war von einer überirdischen Aura umgeben, die auf manche stärker wirkte als auf andere. Diese Leute bildeten häufig eine bunte Menge, die uns folgte wie ein Marketendertross einem Heer. Normalerweise gingen sie in zwanzig, dreißig Schritt Abstand, schlurften, die einen ängstlich, die anderen wie erstarrt, hinter uns her. Blieben wir für längere Zeit in einem Gebäude, konnten wir damit rechnen, dass wir auf der Türschwelle allerlei Opfergaben vorfinden würden: Blumen, Kerzen, Götterbilder. Vonvalt hatte sich längst daran gewöhnt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es ihm überhaupt noch auffiel. Ich für meinen Teil fand es auch nach zwei Jahren noch sehr befremdlich.
Wir hatten Glück, dass Galetal eine Handelsstadt war und sich auf seinen Straßen Edle und betuchte Geschäftsleute bewegten und auf alle möglichen Arten ihren Reichtum zur Schau stellten. Deshalb fiel Vonvalt hier etwas weniger auf, als er es sonst tat. Dennoch gingen wir rasch und zielstrebig unseres Weges.
Die Wache befand sich in der Südstadt. Galetal war wie die meisten Städte des Reichs entlang überlieferter Gildengrenzen in Bezirke aufgeteilt. Die Wache lag in dem Bezirk, der der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung gewidmet war, was bedeutete, dass sie sich die Straße mit dem Gerichtsgebäude und dem städtischen Gefängnis teilte. Sie besaß zwei von alten schwarzen Holzbalken eingerahmte Stockwerke und außergewöhnlich viele Maßwerkfenster an der Frontseite. Zwei große Kamine spuckten schwarzen Rauch in die eisige Luft. Davor befand sich ein Gefangenenkäfig, der allerdings aufgrund der Winteramnesie leer war.
Wir gingen an einem verhärmten und mitleiderregenden Wachmann vorbei und betraten das Gebäude. Sofort schritt Vonvalt auf den Empfangstisch zu und riss einen gelangweilten Weibel aus seinen Tagträumen.
»Ich bin Richter Junker Konrad Vonvalt vom kaiserlichen Magistratum«, stellte er sich mit seiner Ausruferstimme vor.
»Ein k-kaiserlicher Richter?«, stotterte der Weibel und fasste sich an die Stirn. In stummer Qual klappte sein Mund ein paarmal auf und zu. »I-ich habe davon reden hören, hab’s aber nicht geglaubt. Seit Jahren hatten wir hier keine Magistraten mehr. Bist du über die alte Haunerstraße gekommen?«
