14,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 14,99 €
Das große Finale der »Chroniken von Sova«: Können Vonvalt und Helena das Reich des Wolfes retten? Das Reich des Wolfes wird von allen Seiten bedroht und steht kurz vor dem Zerfall. Junker Konrad Vonvalt und Helena müssen jenseits der Grenzen nach Verbündeten suchen – bei den Wolfsmenschen in den südlichen Ebenen und den heidnischen Clans im Norden. Doch alte Missgunst sitzt tief, und beide Fraktionen würden von Sovas Fall profitieren. Und selbst diese Verbündeten könnten nicht genug sein. Ihr alter Feind, der religiöse Fanatiker Bartholomäus Claver, verfügt über höllische Kräfte, die ihm von einem mysteriösen dämonischen Gönner verliehen wurden. Wenn Vonvalt und Helena sich gegen ihn behaupten wollen, müssen sie Freunde jenseits der Ebene der Sterblichen finden – aber solche Loyalitäten haben einen hohen Preis. Während die Frontlinien sowohl in Sova als auch im Jenseits gezogen werden, rückt die endgültige Abrechnung näher. Hier, im pulsierenden Herzen des Imperiums, wird der doppelköpfige Wolf in einem Feuer der Gerechtigkeit wiedergeboren ... oder in den Schatten der Tyrannei zermalmt werden.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Entdecke die Welt der Piper Fantasy!
www.Piper-Fantasy.de
Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »Im Nebel des Krieges« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.
Übersetzung aus dem Englischen von Simon Weinert
© Richard Swan 2024
Titel der englischen Originalausgabe:
»The Trials of Empire«, Orbit, an Imprint of Little, Brown, Book Group, London 2024
© der deutschsprachigen Ausgabe:
Piper Verlag GmbH, München 2024
Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)
Covergestaltung: Guter Punkt, München, nach einem Entwurf von Lauren Panepinto, Hachette Book Group, Inc.
Coverillustration: Martina Fačková
Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.
Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.
Cover & Impressum
Prolog
Eines Sommermorgens am Galgen
I
Die natürliche Weltordnung bröckelt
II
Über Alternativen nachdenken
III
Die Frucht vom vergifteten Baum
IV
Heidnische Zauberkünste
V
Das Schaudertor
VI
Feindlicher Empfang
VII
Das Reich der Wolfsmenschen
VIII
Tod und Schrecken in der Stadt des Schlafes
IX
Den Edelstein aus dem Auge brechen
X
Der Kasaraad
XI
Rückkehr in die Grenzlande
XII
Ein Fehler, der Zeit und Blut kostet
XIII
Auf nach Sova
XIV
Alte Freunde
XV
Neue Feinde
XVI
Ein unerwartetes Wiedersehen
XVII
Die Rückeroberung der Stadt
XVIII
Die Schlacht um die Kaserne
XIX
Eine Festung des Bösen und des Aufruhrs
XX
Neue Teufel
XXI
Die Seelen der Dinge, aus denen die Welt besteht
XXII
Der Gebrochene Pfad
XXIII
Das mähliche Übel
XXIV
Wes Brot ich ess …
XXV
… des Lied ich sing
XXVI
Ein Zweckbündnis
XVII
Der Himmel wird schwarz
XXVIII
Eiserne Herzen
XXIX
Nema hat uns verlassen
XXX
Die Seele des Reiches
XXXI
Sonnenklingen
XXXII
Ein Schwert in der Hand eines guten Menschen
XXXIII
Nachspiel
XXXIV
Mord an einer Idee
XXXV
Abschied
Epilog
Der große Niedergang
Danksagung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
»Schuldfähigkeit erwächst aus der Absicht.«
Aus Caterhausers Der sovanische Strafrechtskodex: Ratgeber für die Anwendung
Ich muss daran denken, wie ich einmal beim Hängen eines Mannes zugesehen habe. Es war in einer kleinen Ortschaft, zehn Meilen nördlich von Leyenswald, und dabei ging mir die ganze Zeit über im Kopf herum, wie grausam es doch war, an einem so warmen und angenehmen Sommermorgen hingerichtet zu werden.
Der Mann – dessen Name mir entfallen ist, ebenso wie der des Ortes, in dem wir uns befanden – war des Mordes für schuldig befunden worden. Eigentlich eine ganz lächerliche Sache: Ein Streit auf offener Straße, der ein paar Stunden später in der Schenke hätte beigelegt werden können. Doch stattdessen waren aus hitzigen Worten leichtsinnige Taten geworden, und der Mann hatte seinem Opfer ein Messer in die Brust gerammt. Daraufhin war er geflüchtet. Allerdings hatte Bressinger ihn bereits einen Tag später aufgespürt. Ausgerechnet in einem Baum hatte er sich versteckt.
Ich saß mit Vonvalt in einem für uns reservierten Zimmer im oberen Stock des Gasthauses und sah einem Trupp Arbeiter zu, wie sie unter der Anleitung eines Zimmermanns den Galgen aufbauten. Vonvalt saß am Tisch, blätterte in irgendwelchen Papieren herum, unter anderem auch in der offiziellen Anklageschrift. Derweil schmorte der Verurteilte im örtlichen Kerker, wo der hiesige nemanische Beichtvater gerade bei ihm weilte.
»Warum brauchst du das alles überhaupt?«, fragte ich und deutete vage auf das ganze Papier.
Vonvalt sah auf. Er schien sich nicht über meine Unterbrechung zu ärgern, denn selbst wenn ich mich unhöflich oder unverschämt verhalten sollte, ergriff er normalerweise freudig jede Gelegenheit, mir etwas beizubringen.
»Was meinst du?«, fragte er zurück.
»Diesen Papierkram. Die …«
»Anklageschrift.«
»Anklageschrift. Warum machst du dir überhaupt die Mühe?«
Ich merkte sofort, dass ich einen Fehler begangen hatte, als Vonvalt sich aufsetzte, seine Pfeife herauszog und sie anzündete. Seine Lippen umspielte ein leises Lächeln. »Stört dich das Prozedere?«
»Wenn es das ist, ja.« Ich zuckte mit den Schultern. »Es kommt mir halt wie Zeitverschwendung vor. Du hängst ihn doch so oder so auf. Das Ergebnis ist das gleiche. Wieso dann noch so viel Mühe auf … Verwaltungskram verwenden?«
Vonvalt dachte auf jene nervende, leicht amüsierte Weise darüber nach, wie er es immer tat, wenn er gut gelaunt war.
»Lass uns mal kurz darüber nachdenken. Was ist da passiert?« Er deutete mit einem Nicken zum Fenster und meinte den fraglichen Mord.
Ich legte verwirrt das Gesicht in Falten. Vonvalt wusste doch, was geschehen war. »Ein Mord. Eine Messerstecherei. Sie haben sich um weiß Nema was gestritten, um Werkzeuge oder so? Einer hat dem anderen das Messer reingerammt, der ist gestorben, und deshalb ist es Mord. Ein Haufen Leute haben es gesehen, es gibt also viele Zeugen. Das liegt doch alles auf der Hand.«
»Ja, so ist es«, sagte Vonvalt rasch. Er zog kräftig an seiner Pfeife und blies dann aus. »Na gut. Und was ist dann passiert?«
»Der Mörder ist davongelaufen, und Dubine hat ihn gefangen.«
»Und dann?«
Ich gab einen genervten Laut von mir. »Du hast ihn verhört. Du hast die Kaiserstimme eingesetzt, und er hat gestanden. Und anstatt ihm den Kopf abzuschlagen, hockst du hier drin, schreibst irgendwelches Zeug und lässt die Leute Zeit und Kraft darauf verschwenden, einen Galgen aufzubauen, der morgen schon wieder nicht mehr gebraucht wird!«
Vonvalt lächelte über meine Gereiztheit.
»Dann stellen wir uns mal kurz vor, ich wäre nicht da gewesen«, sagte er. »Ich hätte die Kaiserstimme nicht einsetzen und somit auch kein Geständnis zutage fördern können. Was wäre dann geschehen?«
»Dann hätten die Leute aus dem Ort ihn zu Tode geprügelt.«
»Bleib gefälligst ernst!«, fuhr Vonvalt mich derart an, dass ich zusammenzuckte.
»Es hätte eine Gerichtsverhandlung gegeben«, sagte ich nach kurzem Zögern.
»Ganz genau. Er wäre von Gesetzeshütern und womöglich auch dem Vorsitzenden verhört worden. Nun stellen wir uns mal vor, im Laufe dieses Verhörs wäre herausgekommen, dass der Täter den Verstand verloren hat. Was dann?«
Ich machte den Mund auf und klappte ihn wieder zu. Jetzt befand ich mich schon auf unsicherem Boden. »Tja … das ist etwas anderes.«
»Richtig. Sieht das Richterrecht Zugeständnisse gegenüber Verrückten vor?«
»Ja.«
»Warum?«
»Keine Ahnung.«
»Denk darüber nach!«
Ich dachte darüber nach. »Weil es nicht ihre Schuld ist.«
»Exakt. Schuldfähigkeit erwächst aus der Absicht. ›Ein Mensch, der das Wesen seiner Handlungen nicht begreift, kann nicht auf dieselbe Weise beurteilt werden wie einer, der dies vermag.‹ Caterhauser. Aus demselben Grund klagen wir auch keine Kinder oder Hunde an.« Er tippte sich an den Kopf. »Die wissen nicht, was sie tun.«
Es herrschte einen Moment Stille, während ich darüber sinnierte.
»Was, wenn das Opfer zuvor die Frau des Täters ermordet hätte?«, fragte Vonvalt.
»Was willst du damit sagen?«
»Noch einmal: Was, wenn der Ermordete seinerseits am selben Morgen die Frau des Täters ermordet hätte? Oder vielleicht dessen Kind? Was, wenn es seitens des Täters eine Vergeltungstat war? Was dann?«
»Dann … tja, dann hat er ja trotzdem einen Mord begangen.«
Vonvalt lächelte und nickte anerkennend. »Ja. Aber: Ist es dann immer noch gerecht, dass wir ihn aufhängen?«
Ich dachte darüber nach und schüttelte schließlich den Kopf. »Nein, vermutlich nicht.«
»Nein, ist es nicht. Also, was sollen wir sonst tun?«
»Ihn einsperren?«
»Wir könnten ihn einsperren. Wir könnten ihn lebenslänglich in ein Verlies werfen. Wir könnten ihn ein paar Jahre lang einkerkern. Womöglich würde er nicht einmal schuldig gesprochen werden. Ich glaube, es würde sich kaum jemand in Denholtz finden, der es einem Mann übel nehmen würde, wenn er den Mörder seiner Frau erschlägt, oder nicht?«
»Kommt mir auch unwahrscheinlich vor«, pflichtete ich ihm bei.
Vonvalt lehnte sich zurück. Einen Moment lang rauchte er stumm. »Wie schnell also wird aus einem scheinbar offensichtlichen Mord ein verwickelter Fall? Hätten wir den Täter, kaum dass er sein Opfer erstochen hatte, zum Fluss geschleift und enthauptet, ohne uns die Mühe zu machen, nach dem Warum zu fragen, hätte dann Gerechtigkeit gewaltet?«
»Nein, natürlich nicht«, sagte ich und fühlte mich missmutig wie so oft nach Vonvalts Belehrungen.
»Nein, hätte es nicht«, bestätigte Vonvalt. Er ließ seine Pfeife ausgehen, steckte sie ein und betrachtete ein letztes Mal die Anklageschrift. Dann faltete er sie zufrieden zusammen und steckte auch sie ein, bevor er aufstand. »Ich weiß, dass einem die Vorschriften lästig, trocken und sinnlos vorkommen – oft sind sie es ja auch. Aber es gibt sie aus gutem Grund. Und wenn es um Leben und Tod geht, sind sie umso wichtiger. Wer weiß, was sich später noch herausstellt?«
»Hab’s kapiert.«
Vonvalt nickte. »Gut. Ich weiß, dass dir das Gesetz langweilig erscheint, Helena, aber glaub mir, was ich dir jetzt sage: Kaum etwas auf der Welt ist wichtiger als Vorschriften.«
Ich schnaubte, ehe ich mich zurückhalten konnte. Vonvalt sah mich streng an, doch die befürchtete Rüge blieb aus. Stattdessen blickte er zum Fenster hinaus, wo die Arbeiter gerade mit dem Galgen fertig wurden. Es war wirklich ein schöner Tag.
»Komm«, sagte er und eilte zur Tür. »Lass es uns hinter uns bringen.«
»Das Leben ist bedeutungslos. Vergesst die nemanische Kirche: Außer euren Mitmenschen und euch selbst gibt es kein Wesen und keine Sache, die euch zu richten vermag. Einzig eure Taten sollen heute für euch sprechen. Nur wenige von uns verharren lange in den Hallen menschlichen Andenkens.«
Edler Wolf von Warinstadt bei einer Ansprache vor der Ersten Legion am Vorabend der Schlacht von Rabsbach
Ich träumte gerade von Muldau, als wir angegriffen wurden.
Nein – Träumen ist ein zu milder Ausdruck. Es war ein Albtraum. Wir alle hatten schon seit Tagen Albträume. Manchmal hatten wir alle denselben, und diese Visionen schienen voller böser Vorahnungen zu sein. Manchmal waren es jedoch einfach nur unsinnige Schreckensbilder. Aber sie widersprachen sich nicht und waren durchweg Furcht einflößend. Noch Jahrzehnte danach bete ich darum, ruhig und traumlos zu schlafen. Nur selten werden diese Gebete erhört.
Ich hatte von Muldau geträumt. Ich verschwendete nicht oft einen Gedanken an Muldau. Meine ersten siebzehn Lebensjahre waren nicht besonders glücklich gewesen, vielmehr geprägt von Kälte und Hunger, Gefahren und Einsamkeit. Nur hin und wieder war etwas Gutes darin aufgeblitzt, auch wenn ich es damals nicht zu schätzen gewusst hatte.
Muldau hatte so manchen Tempel, und diese Tempel wiederum unterhielten so manche wohltätige Einrichtung. Bei vielen von ihnen handelte es sich um räuberische Organisationen, die kaum mehr boten als die Gelegenheit, schmutziges Geld zu waschen. Manche aber, so der Tempelorden der heiligen Grimhilt, hielten an ihrem vorgesetzten Ziel fest.
Zuweilen suchte ich dort Hilfe. Ich kehrte ein paarmal den Wandelgang, schüttelte den Staub aus den Altartüchern und polierte einen Teil des Tempelsilbers im Tausch gegen eine warme Mahlzeit und einen Schlafplatz für die Nacht. Im Traum nahm mich die Matria, deren Namen ich längst vergessen hatte, beim Essen beiseite, um mir die Kardinaltugenden beizubringen.
Allerdings vergaß sie sie andauernd wieder. Dann saß sie stumm da, sann vergebens nach, während ich immer ungeduldiger wurde. Ich wollte in Ruhe essen. Der Frau zuzuhören, war schlimm genug. Ihr zuzuhören, während sie bloß dasaß und schwieg, war noch schlimmer.
Nach einer Weile forderte ich sie zum Sprechen auf, aber sie sagte nichts. Ich wurde nachdrücklicher. Dann schrie ich sie an, brüllte, raste wie eine Verrückte, aber ich bekam aus der Frau nichts heraus, nur leere, verständnislose Blicke, als hätte sich ein dichter Nebel um ihren Verstand gelegt.
Die Frau fing an zu weinen, ihr Denkvermögen löste sich in nichts auf, und kein klarer Gedanke ließ sich mehr aus ihm heraufbeschwören. Während ich sie anherrschte, sie solle mir die Kardinaltugenden nennen, wurde sie von abgrundtiefem Entsetzen übermannt, konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und schon gar nicht an irgendeinen der nemanischen Glaubenssätze denken. Während sich die Essenz ihres Geistes auflöste wie Wasserdampf, sah sie mich mit vor Panik und vor Schreck geweiteten Augen an. Und dann begann sie zu schreien, verfluchte lautstark die Ungerechtigkeit ihres Wahnsinns, ihre Unfähigkeit und Machtlosigkeit angesichts ihres plötzlichen und endgültigen Verfalls. Sie brüllte wie ein Tier oder ein Säugling, ein Wesen ohne Selbstwahrnehmung, ohne einen Platz auf der Welt.
Danach verblasste der Traum. Seit diesem ersten Mal habe ich dasselbe noch viele Male geträumt, und es endet mehr oder weniger immer an derselben Stelle: Die Matria schreit, ich schreie, und dann wache ich schreiend auf.
Ich wusste nicht, was dieser Albtraum bedeuten sollte. Ich weiß es immer noch nicht. Jahrzehntelanges Nachdenken darüber hat mir keine kluge Erkenntnis gebracht.
Trotzdem denke ich immer noch darüber nach. Ich denke an vieles aus dieser Zeit.
Junker Radomir hielt mir mit seiner Hand Mund und Nase zu. Sein Handschuh roch nach altem Leder und Spirituosen.
»Still, Mädchen, in Nemas Namen«, flüsterte er. Sein Atem roch nach Wein. Schon lange betäubte er mit ihm die Albträume, aber diese neue Woge geheimnisvoller Visionen war selbst für ihn zu viel.
Ich verhielt mich ruhig. Instinktiv wollte ich mich aufsetzen, doch Junker Radomir hielt mich unten.
»Nein«, flüsterte er und schüttelte den Kopf. Er sah sich in der Halle um. Nur wenig Mondlicht drang herein, in dem ich das Weiße seiner Augen erkennen konnte.
Die Halle knarrte und ächzte im Wind.
Im Dunkeln sah ich die Markgräfin der Templer, Severina von Osterlen. Sie war von einem Kettenpanzer geschützt, und darüber trug sie den schwarz-weißen Wappenrock der Templer. Halb aufgerichtet lag sie neben dem Eingang, die Hand am Knauf ihres Kurzschwerts, das Gesicht vor Anspannung verzerrt.
Langsam wandte ich mich um. Am anderen Ende des Saals lauerte Vonvalt in einer ähnlichen Haltung. Doch während von Osterlen Unruhe ausstrahlte, wirkte er ruhig, beinahe meditativ. Ich fragte mich, was er dachte.
Junker Radomir bewegte sich langsam von mir weg und in seine Ecke zurück. Da wurde mir erst bewusst, dass ich die Einzige gewesen war, die noch geschlafen hatte.
Schweigend lagen wir auf der Lauer. Draußen klagte der Wind zwischen den Bäumen, pfiff durch die Zweige und raschelte in den Blättern. Die Balken der Halle knarrten wie das Holz eines Schiffes auf hoher See, wie eine mit Salzwasser vollgesogene Takelage. Die kalte Luft wisperte durch die Luke oben und wirbelte Staub und Abfall auf.
Etwas bewegte sich in all den Geräuschen.
Mir rauschte das Blut in den Ohren, während ich angestrengt lauschte. Was immer es war, es bewegte sich langsam und vorsichtig. Da es abwartete, bis der Wind kräftiger wurde, um seine Schritte im Rascheln des Grases zu verbergen, schien es über Verstand zu verfügen, womit verirrtes Damwild ausschied.
Meine Stirn legte sich in Falten. Mein Kopf neigte sich zur Seite. Jetzt war ein eigenartiges … Tröpfeln zu hören, obwohl es nicht geregnet hatte und in der Halle kein Wasser war. Ich sah mich um, konnte aber keine undichte Stelle entdecken, und außer mir schien es niemand gehört zu haben. Es war wie ein Plätschern, als wäre ein Weinkelch umgefallen und sein Inhalt würde zwischen den Brettern der Tischplatte hindurchsickern und auf den Boden tropfen.
Ramayah.
Das Wort kam aus dem Nichts, ungebeten tauchte es aus den Tiefen meines Verstandes auf.
Und dann war ich wieder abgelenkt. Etwas streifte am Holz der gegenüberliegenden Wand vorbei, wo Vonvalt hockte, der nun aus seiner Versunkenheit aufschreckte.
Meine Hand ging zum Knauf meines Kurzschwerts. Die anderen umfassten ihre Waffen fester. Ich sah Vonvalt an, dann Junker Radomir und von Osterlen, aber wir konnten weder etwas sagen noch etwas anderes tun, als weiterhin den Anschein zu erwecken, als würden wir schlafen. So konnten wir unsere Angreifer vielleicht ihrerseits überraschen.
Ein leiser dumpfer Schlag gegen die Hallenwand, der nicht vom Wetter verursacht worden sein konnte. Drei Eindringlinge? Vielleicht vier? Oder nur die Kundschafter einer nachfolgenden Armee? Im besten Fall waren es ein paar Banditen, die uns ausrauben wollten. Im schlimmsten Fall war es eine Manifestation unserer Albträume. Es war unmöglich, das zu wissen. Durch die Tür zu brechen und hinaus in die Dunkelheit zu laufen, war Wahnsinn. Wir konnten nur abwarten und beten.
Dann kamen Geräusche von der Tür, ein Kratzen wie von Krallen auf Holz und ein Schnauben wie das Schnüffeln eines Keilers. Eine Sekunde lang regte sich in mir die Hoffnung, dass es sich um genau das handelte, dass unsere Angst und unser Verfolgungswahn uns endgültig einen Streich gespielt hätten. Ich wandte mich schon zu Vonvalt um, bereit, ihn schief anzugrinsen, mit den Augen zu rollen und ihm vielleicht gar wissend zuzuzwinkern. Dann würde er zurücklächeln, sein Schwert loslassen und mir bedeuten, dass ich mich wieder schlafen legen sollte.
Eins davon tat er tatsächlich, nämlich sein Schwert loslassen. Doch dann holte er sein Oleni-Medaillon aus der Tasche und legte es sich um den Hals.
Ich hatte heftiges Herzklopfen. »Nein«, keuchte ich.
»Was? Was ist denn?«, wollte Radomir flüsternd wissen.
Ich sah zur Tür. Das scharrende Kratzen war inzwischen nachdrücklicher geworden.
Ich schaute zu Vonvalt zurück. Er erwiderte meinen Blick und schüttelte sacht den Kopf. Er machte ein grimmiges Gesicht.
»Was?!«, zischte Junker Radomir.
»Ich glaube, dass wir sterben werden«, war alles, was ich sagen konnte.
Denn dann wurde die Tür aufgebrochen.
Der nächste Morgen war frisch. Der Himmel war ruhig und klar, aber die Luft war kalt. Unser Atem kam in großen Dampfwolken aus unseren Mündern, und wir schlangen die Umhänge um uns.
Erschöpft, erschüttert, aber am Körper unversehrt verließen wir die Halle. Draußen war keine Spur von Angreifern zu sehen. Im tauschweren Gras waren keine Fußabdrücke zu erkennen, keine Blumen waren geknickt, keine Fässer oder Kisten verrückt. Die Halle wies keine Spuren auf bis auf die, die wir hinterlassen hatten.
Das Dorf war typisch für diese Gegend Haunersheims. An seinen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern, nur dass es zwanzig Meilen nördlich von Hofingen lag, der letzten größeren Ansiedlung, bevor man es mit der weiten, trostlosen Leere zu tun bekam, für die die Nordmark berüchtigt war. Weit im Osten war das Hügelland von Leindau zu sehen, ein Ausläufer des Hassegebirges, der immerhin hoch genug war, um mit Schnee bestäubt zu sein. Im Westen lagen die ersten Gehölze eines Geflechts riesiger, uralter Wälder, das sich bis zum Nordmeer und zur tollischen Küste erstreckte.
Vor uns befand sich ein Haufen von vielleicht fünfzig Häusern mit derart steilen und hoch aufragenden Strohdächern, dass sie mehr aus Dach als aus Haus zu bestehen schienen. Von den Dorfbewohnern war nichts zu sehen.
»Junker Radomir«, sagte Vonvalt.
»Ja?«
»Bring mir bitte den Baron her.«
»Jawohl.«
Vonvalt, von Osterlen und ich blieben wartend stehen, während Junker Radomir zu einem der größeren Häuser ging, das ungefähr eine Viertelmeile entfernt war, und darin verschwand. Kurz darauf kehrte er zurück, diesmal in Begleitung einer Handvoll Männer, angeführt von einem alten Adligen, der mich an Junker Otmar aus Rill erinnerte – gebückt, leidend und wahrscheinlich schon seit seinem zwanzigsten Lebensjahr Herr dieses Ortes. Er hatte wohl schon mehrere Generationen seiner Zeitgenossen überlebt.
Schließlich langte der alte Baron, von seinem Gefolge flankiert, bei uns an.
»Hat sich unser Problem gelöst?«, fragte er.
Vonvalt schwieg einen Augenblick. »Ich glaube schon«, antwortete er.
Der Baron grunzte. »Nehmt ihr Proviant mit, bevor ihr aufbrecht?«
»Ja«, sagte Vonvalt. »Proviant und die Information, die du mir geben wolltest.«
Der alte Baron zwinkerte mir zu, doch ich war in zu sauertöpfischer Stimmung, um ihm das Lächeln zu gönnen, das er erwartete. Das schien ihn jedoch nicht zu stören. »Kommt. Lasst uns essen, dann erzähle ich euch, was ich weiß.«
Seine Bediensteten bockten im Saal einen Tisch auf und holten Brot für eine Morgenmahlzeit. Außerdem brachten sie einen Krug Wein, den wir gierig unter uns vieren aufteilten. Der Baron nahm nichts davon.
»Also, Edler Dovydas«, wandte er sich an Vonvalt. »Hast du eine Idee, was für ein Tier meine Leute in Schrecken versetzt hat?«
Vonvalt nickte langsam. »Ich glaube, eine seltene Art von Wildkatze – selten zumindest hier im Haunertal. Jenseits der Kova, in den nördlichen Teilen der Eidgenossenschaft, sind sie weitaus verbreiteter.«
»Eine große Wildkatze?«, fragte der Baron. Skepsis lag in seiner Stimme.
»Ja«, bestätigte Vonvalt ruhig. »Ein gevennischer Schwertzahn. Aufgrund seiner Färbung ist er schwer zu entdecken, und er jagt ausschließlich nachts. Wir haben ihn alle gesehen.«
»Ja, wir haben Lärm gehört«, sagte der Baron. Er sah bedeutungsvoll zu dem zertrümmerten Balken hinüber, der als Riegel zu der Halle gedient hatte.
Vonvalt neigte den Kopf. »Er ist eine furchterregende Bestie, ohne Frage. Aber ich habe zwei gute Nachrichten. Die erste: Es wird nur einer sein, denn es sind Einzelgänger. Die zweite: Höchstwahrscheinlich haben wir ihn für immer verscheucht.«
»Warum sagst du das? Wie kannst du dir so sicher sein?«
»Erfahrungsgemäß greifen diese Tiere nur an, wenn sich ihnen eine Gelegenheit bietet, sie stellen den Schutzlosen nach. Treffen sie auf Widerstand, geben sie ein Jagdrevier rasch auf. Vermutlich werdet ihr sie nie wiedersehen.«
Der erleichterte Baron schien ihm dieses Lügenmärchen abzukaufen. »Nun! Dann trinken wir darauf!« Er hob seinen Becher. »Ich stehe in deiner Schuld, Junker Dovydas!«
Vonvalt lächelte schwach, hob seinen Becher nur ein wenig an. »Ich wäre dir dankbar, Baron, wenn du mir verraten würdest, was du weißt.«
Der Baron nickte. »Ja, das habt ihr euch verdient«, erklärte er. Er wandte sich nach rechts und rief zur Tür hinaus: »Anthelm! Die Information!«
Vonvalt runzelte die Stirn, als erneut die Tür der Halle aufging. Diesmal kamen jedoch fünf kräftige, mit verschiedenen Nahkampfwaffen bewaffnete Männer herein.
»Was zum Henker soll das?«, verlangte Junker Radomir zu wissen und hievte sich auf die Beine. Von Osterlen und ich taten es ihm gleich und zogen unsere Kurzschwerter.
Vonvalt blieb sitzen. Er deutete auf die Neuankömmlinge. »Und diese Leute hier hätten nicht mit dem Schwertzahn fertigwerden können?«, fragte er müde.
»Nun, aber es gab ja gar keinen Schwertzahn, nicht wahr? Richter Junker Konrad Vonvalt?«
Jetzt sah Vonvalt abrupt auf. Er starrte den alten Baron an. »Ach, du weißt, wer ich bin.«
Der Baron lachte. »Du hast mich wohl für einen Dummkopf aus der Provinz gehalten, was?« Er grinste. »Ich vergesse nie ein Gesicht, Junker Konrad.« Er stieß sich mit einem Daumen gegen die Brust. »Ich war bei deiner Amtseinsetzung in Sova. Ja ja, damals waren wir beide noch jünger, was?«
Vonvalt konnte seine Überraschung nicht verbergen. »Das ist über zwanzig Jahre her.«
Der Mann tippte sich an die Schläfe. »Und doch erinnere ich mich daran, als wäre es gestern gewesen.«
Vonvalt machte ein mürrisches Gesicht. »Und jetzt? Jetzt willst du mich umbringen, stimmt’s?«
»Du bist in Ungnade gefallen, Junker Konrad. Glaubst du etwa, die Nachrichten aus Sova würden uns hier in der Nordmark nicht erreichen? Der ganze Adel des Landes sucht nach dir. Auf deinen Kopf ist eine stattliche Prämie ausgesetzt. Genug, um dieses Dorf auf Jahre mit Nahrung und Handelswaren zu versorgen. Das wird mein Vermächtnis sein. Niemand wird behaupten können, dass ich dem Autunen nicht gehorcht hätte und ihm nicht treu ergeben gewesen sei.«
Es folgte eine längere Stille. »Ich hatte gehofft, hier würde es kein Blutvergießen geben«, sagte Vonvalt leise.
Der Baron lachte erneut. »Es wird auch keines geben. Ich habe es dir doch eben erklärt. Du wirst bloß verhaftet und in die Hauptstadt zurückgebracht.«
»Ich habe nicht unser Blut gemeint.«
Der Baron schnaubte und sah uns übertrieben an. »Ein Säufer, eine Frau und ein Mädchen, das noch grün hinter den Ohren ist. Der Ruf als Held des Reichskriegs mag dir vorauseilen, Junker Konrad, aber selbst du kannst es nicht mit fünf Mann aufnehmen. Und dieser Lumpenhaufen da schon gar nicht. Lasst eure Waffen fallen – und tu nicht so, als wärst du noch nicht geliefert.«
»Du elender alter Arsch«, sagte Junker Radomir und spie einen Speichelklumpen vor ihm aus. Dann setzte er mit müder, enttäuschter Wut hinzu: »Was für eine Verschwendung von Zeit und Leben! Müssen wir euch jetzt wirklich alle töten?«
»Werden wir wohl müssen«, antwortete von Osterlen verärgert. Sie nickte in Richtung des Barons. »Er weiß, wer Junker Konrad ist.«
Zum ersten Mal zeigte die Fassade des Barons Risse. »Genug damit! Lasst eure Waffen fallen, oder ich gebe den Befehl, dass man euch dazu zwingt. Und ihr solltet daran denken …«, fügte er hinzu und deutete dabei auf mich, Junker Radomir und von Osterlen, »… dass ich lediglich daran interessiert bin, Junker Konrad gefangen zu nehmen.«
»Seid ihr bereit?«, fragte uns Vonvalt über die Schulter hinweg, ohne auf den Baron einzugehen. »Wenn ich loslege, müsst ihr sofort handeln.«
Wir nickten, verteilten uns und hoben die Schwerter hoch in die klassische sovanische Verteidigungshaltung.
»Was in Nemas Namen redet ihr da?«, wollte der Baron wissen, und in seiner Stimme lagen Wut und Verwirrung. »Beim Blut der Götter, Anthelm! Schnappt sie euch!«
»Lasst die Waffen fallen!«, donnerte Vonvalts Kaiserstimme.
Die fünf Männer ließen sogleich die Waffen fallen, als hingen ihre Arme an den Fäden ein und desselben Puppenspielers. Dabei sahen sie sich mit vor Entsetzen geweiteten Augen und offenen Mündern an und torkelten wie besoffen herum. Keulen, Äxte und ein plumper Morgenstern fielen klappernd auf die Dielen.
Es war schnell vorbei. Ich hatte mich noch kaum gerührt, da hatten Junker Radomir und von Osterlen schon je zwei Mann getötet, indem sie immer wieder schonungslos auf sie einstachen und -hackten, als würden sie sich durch Gestrüpp schlagen. Ich für meinen Teil trieb meinem Gegner das Schwert in den Unterarm, weil er so geistesgegenwärtig war, meinen Hieb damit abzuwehren, und anschließend, als er vor mir zurückwich, ins Auge. Ich hatte nicht speziell auf sein Gesicht gezielt – eigentlich eher auf den ungeschützten Hals. Aber mein Kurzschwert glitt glatt hindurch bis in sein Hirn, die rasiermesserscharfe Klinge ließ sich von seinem Augenhöhlenknochen nicht aufhalten, und er sackte so plötzlich tot zu Boden, dass er mir dabei beinahe die Waffe aus der Hand gerissen hätte.
Junker Radomir drückte sich an mir vorbei und durchtrennte dem Mann die Kehle, um danach sein Schwert an dessen Kleidern abzuwischen. Es war ein Gemetzel. Der Boden war mit Blut überschwemmt, das aus klaffenden Wunden sprudelte wie roter Wein aus einer umgestürzten Flasche. Jemand schrie, lange und laut, immer und immer wieder mit jedem Atemzug, und ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es der Baron war.
Vonvalt hatte sich nicht vom Tisch fortbewegt. Und er bewegte sich auch weiterhin nicht, sondern blieb stumm, bis der Baron sein irrsinniges Geschrei beendet hatte. Ich fragte mich, ob einer der Erschlagenen sein Sohn gewesen war.
»Erst eben hast du mich gefragt, ob ich dich für einen Dummkopf aus der Provinz halten würde«, sagte Vonvalt. »Die Antwort lautet: Ja, das tue ich. Nichts von dem, was du hier getan hast, hat mich eines Besseren belehrt.«
»Wie konntest du – was hast du getan? Wie konntest du? Was hast du getan?«, kreischte der Baron wie blödsinnig.
Nun zog Vonvalt demonstrativ das Kurzschwert und legte es vor sich auf den Tisch.
»Die Information. Die Angelegenheit, über die wir gestern gesprochen haben. Ich hätte nun gern die Antworten. Ich weiß, dass ich sie aus dir herauskriegen werde, ob du willst oder nicht, also lass mich nicht unnötig Zeit und Kraft verschwenden.«
Einen langen Augenblick saß Vonvalt geduldig da, bis der Baron sich so weit beruhigt hatte, dass er vernünftig sprechen konnte. »Warum sollte ich es dir verraten?«, fragte er schließlich. »Du tötest mich doch so oder so.«
»Das tue ich. Du hast dich der Anstiftung zum Mord schuldig gemacht. Darauf steht die Todesstrafe.«
»Du hast nicht das Recht, mich hinzurichten. Du bist kein Richter mehr. Es gibt überhaupt keine Richter mehr.«
»Ich wurde meines Amtes nicht offiziell enthoben.«
»Du bist ein Verräter!«, plärrte der Baron.
»Des Verrates angeklagt«, erwiderte Vonvalt, als könnte diese kleinliche Berichtigung sein Gegenüber umstimmen. »Du vergeudest meine Zeit. Muss ich dich denn mit der Stimme fragen? Ich versichere dir, dass das unangenehm ist.«
Der Baron schaute vollkommen elend drein. »Du willst etwas über ›Heidenheere‹ erfahren?«, sagte er plötzlich gallig. »Draedisten und Nordleute, die durch die Wälder marodieren? Allesamt von einer Kriegerhexe angeführt? Ja? Darüber willst du etwas erfahren?«
»Du hast gemeint, dass du von derlei gehört hättest. Dass du darüber etwas wissen würdest.«
»Durchaus, ich habe davon gehört. Alles, was ich dir eben gesagt habe, habe ich darüber gehört.«
»Ich möchte die exakte Beschaffenheit und den Aufenthaltsort dieses Kriegshaufens erfahren.«
»Ich habe keine Ahnung, wo er ist. Ich weiß noch nicht einmal, ob er existiert! Für mich klingt das alles wie vollkommener Schwachsinn.«
Vonvalt runzelte die Stirn. »Du hast mir gesagt …«
Der Baron deutete mit einer heftigen Handbewegung auf die offen stehende Saaltür. »Das habe ich dir doch nur erzählt, weil ich wollte, dass das, was dieses Dorf in Angst und Schrecken versetzt, getötet wird. Und wenn jemand die Fähigkeit dazu hatte, dann du, Richter. Ein geübter Schwertkämpfer mit magischen Kräften – auch wenn du ein Reichsverräter bist –, diese Gelegenheit durfte ich mir nicht entgehen lassen.« Er ließ seinen Blick mit einem Ausdruck über die Leichen schweifen, der irgendwo zwischen verloren und giftig lag. »Nun erkenne ich, dass es bloß ein verfluchter Zufall war.«
Vonvalt lehnte sich zurück. Ich sah ihm an, dass er seine Wut im Zaum halten musste. »Du weißt also nichts. Du hast mich damit lediglich angelockt, um mich zu benutzen.«
Der Baron zuckte mit den Schultern. Ich hörte, dass Junker Radomir und von Osterlen hinter mir empört schnaubten.
Vonvalt stand auf und nahm sein Schwert. »Wenn ich du wäre, würde ich meine Treue zum Autunen nicht so offen zeigen. Jetzt wenigstens nicht mehr.«
»Ich habe die Hochmark genommen. Ich habe keine Sympathie für den Doppelköpfigen Wolf«, höhnte der Baron. »Aber ich weiß den Wert von Geld zu schätzen. Ich hätte dich wegen des Kopfgelds ausgeliefert, sonst nichts.«
»Völlig egal. Da in Seewacht keine Soldaten mehr stationiert sind, rechne ich damit, dass du dieser ›Kriegerhexe‹ bald Gefolgschaft schuldig sein wirst. Und bestimmt wirst du nur wenige Männer aus Hofingen zu deinem Schutz herbeirufen können.«
Der Baron schüttelte verwirrt den Kopf. »In Seewacht sind Soldaten stationiert.«
Vonvalt umklammerte seinen Schwertgriff fester, bereit, den Baron zu erschlagen. »Nein. Aber es spielt keine Rolle. Hast du noch etwas zu sagen? Jedes Wort, das du von dir gibst und das mir hilft, verlängert dein Leben um einen Moment.«
Der Baron schüttelte den Kopf, allerdings verwirrt, nicht trotzig. »In Seewacht sind Soldaten. Die Sechzehnte Legion ist dort. Prinz Gordan hat sie persönlich hingeführt.«
Vonvalt zögerte. »Die Sechzehnte Legion und Prinz Gordan wurden vor einigen Wochen bis auf den letzten Mann erschlagen.«
Erneut schüttelte der Baron den Kopf, diesmal aber resoluter. »Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll. Aber die Legion wurde nicht vernichtet. Sie hat sich in der Festung niedergelassen.«
Vonvalt dachte einen Moment darüber nach. Er nahm sein Schwert herunter, und ich glaubte, er würde den alten Mann verschonen. Aber dann fing er an, ihn immer wieder mit der Kaiserstimme anzubrüllen und ihn zu den Gerüchten über die heidnische Kriegerkönigin, über das Wesen, das das Dorf überfallen hatte, über Nachrichten aus Sova über Vonvalt und Prinz Gordan und viele andere Dinge auszuquetschen.
Der Baron war vielleicht ein hinterlistiger Mensch, aber er hatte uns die Wahrheit gesagt – zumindest was seine Unwissenheit anging. Er wusste nichts, was über die Gerüchte über ein Heidenheer mit einer geheimnisvollen Kriegerhexe an seiner Spitze hinausging, und die kannten wir bereits. Aber er blieb hartnäckig dabei, dass Prinz Gordan und die Sechzehnte Legion nicht vernichtet worden seien.
Am Ende brachte dem Baron nicht das Schwert, sondern die Befragung den Tod. Sein Kehlkopf zuckte schmerzhaft, seine Augen verdrehten sich in den Kopf, und er brach vornüber zusammen. Sein Herz war stehen geblieben.
Vonvalt wischte sich mit behandschuhter Hand den Schweiß von der Stirn. Dann betrachtete er den Baron einen Augenblick und schob sein Schwert in die Scheide. Er erhob sich.
»Kommt«, sagte er, stieg über die Leiche und verließ die Halle.
Wir folgten ihm. Ich hielt nur kurz inne, um mir die kleine Bannrune anzusehen, die er in den Türrahmen geschnitzt hatte.
»Du hast es zu einem ganz schönen Sümmchen gebracht«, sagte Junker Radomir zu mir.
Wir hatten unsere Pferde geholt und bewegten uns auf einem mit Dornengestrüpp beinahe zugewucherten Pfad Richtung Norden. Seit dem Tod des Barons hatte Vonvalt nicht mehr gesprochen.
»Was meinst du damit?«, fragte ich gereizt. Ich war erschöpft, mir war kalt, und der Schreck der letzten Nacht steckte mir noch in den Knochen.
»Ich meine die Leute, die du getötet hast«, erklärte Junker Radomir. Er trank einen tiefen Schluck aus seinem Schlauch, den er in der Vorratskammer des Barons mit Wein aufgefüllt hatte.
»Das ist ja mal eine sonderbare Aussage«, mischte sich von Osterlen hinter uns ein. »Zählst du etwa mit?«
Junker Radomir zuckte mit den Schultern. »Ich will damit nur sagen, dass Helena sich bisher immer an ihre hehren Ideale gehalten hat. Sie ist sehr schnell dabei, diejenigen zu verurteilen, die töten.«
»Genug«, rief Vonvalt an der Spitze unserer Karawane wie ein müder Schulmeister.
»Ich kann selbst für mich sprechen«, sagte ich.
»Ja«, versetzte Junker Radomir, während Vonvalt lediglich mit den Schultern zuckte. »Das kannst du wohl.«
»Was wir getan haben, war nicht gesetzeswidrig. Sie hätten uns gefangen genommen.«
»Aha!«, sagte Junker Radomir und streckte mir einen Finger ins Gesicht. »Aber sie handelten im Rahmen gültiger Gesetze. Es ist ein rechtmäßiges Lösegeld auf Junker Konrads Kopf ausgesetzt, und zwar vom Kaiser.«
»Es war Selbstverteidigung«, sagte von Osterlen mit ausdrucksloser Stimme.
»War es das? Oder war es das Gemetzel eines Haufens junger Leute, die das Richterrecht durchsetzen wollten? Das ist ganz sicher nicht mehr unser Ziel.«
Mich durchlief eine Welle der Wut. Ich warf die Arme in die Höhe. »Was machst du da? Was soll das? Und wenn schon? Hätten wir zulassen sollen, dass wir gefangen genommen, eingesperrt und nach Sova gebracht werden, um dort öffentlich hingerichtet zu werden, während Claver seinen Überfall in die Wege leitet? Beim Blut der Götter, behalte deine Gedanken für dich, wenn du uns einfach nur ärgern willst. Unser Leben ist weiß Nema schon schwer genug.«
Junker Radomir schwieg einen Moment. Dann lächelte er ein schiefes, falsches Lächeln. »Wollte mir ja nur das Schwert in einer juristischen Diskussion blutig machen. Ich dachte, das würde euch Spaß bereiten.«
»Es reicht, Junker Radomir«, sagte Vonvalt erschöpft.
Schweigend ritten wir eine Zeit lang weiter. Meine Gedanken wanderten zu Bressinger, wie so oft in letzter Zeit. Jetzt, wenn Vonvalt und von Osterlen schwiegen und Junker Radomir sich wie ein zänkischer Mistkerl verhielt, fehlte mir Bressingers ruhige Art mehr denn je. Sicher, er war unwirsch und verschlossen gewesen, aber seine Launen waren oft ein Gegenpart zu den anderen gewesen. Wenn Vonvalt still war, sang Bressinger. Wenn Vonvalt mürrisch war, plapperte Bressinger. Wäre er jetzt bei uns gewesen, hätte er versucht, mehrsprachige Wortwitze zu machen – seine Lieblingsbeschäftigung – oder sich mit Junker Radomir einen Wortspiel-Wettkampf zu liefern oder von Osterlen zum Lächeln zu bringen. Das hätte er auch hinbekommen. Bressinger konnte unbezähmbar sein.
Ich schmunzelte über meine Lieblingserinnerungen an ihn und biss mir auf die Zunge, um nicht zu weinen. Er fehlte mir so sehr.
Bis erneut jemand etwas sagte, verging vielleicht eine halbe Stunde. Inzwischen waren meine Gedanken wieder zur gestrigen Nacht und in die Halle, in der wir geschlafen hatten, zurückgewandert. Langsam kam mir eine Frage auf die Lippen, aber noch beunruhigte sie mich zu sehr, als dass ich sie hätte aussprechen können. Erst nach einer Weile konnte ich sie stellen: »Werden sie zurückkommen? Diese … Kreaturen? Von letzter Nacht?« Ich bemühte mich, nicht an sie zu denken. Es waren Abscheulichkeiten wie jene, die Junker Radomir und ich in Keraq gesehen hatten.
Abscheulichkeiten, die uns zu verfolgen schienen.
»Wohl eher Dämonen«, murmelte Junker Radomir.
»Ja«, pflichtete von Osterlen ihm leise bei.
Vonvalt drehte sich kurz um. Sein Gesicht wirkte müde und grau. »Nein. Zumindest nicht dorthin.« Ich musste an die Rune denken, die er in den Türrahmen geschnitzt hatte. Die Geschöpfe hatten gekreischt, als sie darauf gestoßen waren – als hätte man sie mit kochendem Pech angespritzt. »Aber … in den Nordmarken geht etwas vor sich. Ich spüre es. Das Gewebe zwischen den Welten ist dünn – und wird immer dünner. Und solange das so ist, werden wir, so fürchte ich, noch weitere solcher … ›Kreaturen‹ erleben.«
»Sei’s drum«, sagte Junker Radomir, der es eilig hatte, über etwas anderes zu sprechen. »Was soll dieses Gerede über die Sechzehnte Legion? Zwischen hier und Sova behaupten alle, sie sei vernichtet worden. Wie kann es sein, dass sie sich in Seewacht einquartiert hat?«
»Ich kann dir versichern, Junker Radomir«, sagte Vonvalt und wandte sich wieder nach vorn, »dass ich ebendies herauszufinden gedenke.«
Wir ritten noch etwas weiter, bis das Gelände offener wurde. Nach einiger Zeit wich das Dornengestrüpp zurück, ebenso die Felder, die von ihm umschlossen waren, und wir näherten uns einem großen Sumpfgebiet. Der Himmel hatte sich bewölkt, und die Landschaft wirkte trostlos und grau im Licht des späten Vormittags.
Bevor wir das Umland des Dorfes vollends verließen, stießen wir auf einen traurigen Anblick, halb im Stechginster verborgen. Es war ein alter Nemaschrein, doch der Altar stand schief, und der Rehschädel war auf den Boden gefallen. Lediglich geschmolzenes Wachs bedeckte wie Raureif die Steine. Dem Gesträuch nach zu urteilen, das sich um den Altar herum ausgebreitet hatte, war der Schrein schon vor langer Zeit aufgegeben worden.
»Wir sollten den Leuten im Dorf befehlen, dass sie ihn wieder instand setzen«, sagte von Osterlen.
Vonvalt warf einen Blick zu dem Schrein hinüber. »Warum zur Hölle sollte mich das kümmern?«, grummelte er und trieb sein Pferd weiter in diesen verlassenen, unversöhnlichen Landstrich hinein.
»Nichts ist gesünder für die Meinung eines Menschen als die Bereitschaft, sie zu ändern.«
Aus Chun Parsifals Abhandlung Das Reuige Kaiserreich
Es sollte meine letzte Reise nach Seewacht werden.
Der Ort war schon immer ein Symbol der Angst, der Korruption, des Verrats, der Gewalt und des Todes gewesen. Der einstige Sitz des vor etlichen Monaten gehängten Markgrafen Waldemar Westenholtz war bis zu der erwarteten Ankunft Prinz Gordans Ksozics, des dritten Sohns des Kaisers, und der Sechzehnten Legion einem Verwalter überstellt worden.
Auf unserer Reise nach Sova waren wir Prinz Gordan kurz auf der Badener Straße begegnet, und er hatte auf mich den Eindruck eines angenehmen Menschen gemacht, der sich nicht gern mit den Wechselfällen der Reichspolitik abgab. Der Prinz hatte den Auftrag bekommen, die Markgrafschaft von Seewacht noch vor der Kriegssaison, also der Zeit, wenn das Nordmeer so ruhig war, dass Raubüberfälle aus den nördlichen Königreichen möglich waren, zu übernehmen.
Seither war überall das Gerücht umgegangen, dass der Prinz mitsamt der Sechzehnten Legion ausradiert worden wäre. Zum ersten Mal hatte Senator Tymoteusz Jansen uns im Geheimen in der Hauner´schen Festungsstadt Osterlen davon berichtet. Aber wir hatten es auch in fast allen anderen Orten vernommen, durch die wir seither gekommen waren.
Die Legion umgab ein gewisser Nimbus. Dieser war freilich von den Sovanern eifrig kultiviert und verbreitet worden, wenn auch unnötigerweise. Denn überall sah man die Beweise für ihre Schlagkraft im Kampf. Zeit meines bisherigen Lebens hatte ich nie erlebt, dass eine sovanische Legion geschlagen worden wäre. In den fünfzig Jahren vor dem unklugen Einmarsch in Kòvosk und dem Aufkommen von Schwarzpulver als Waffe des Aufstands und der Sabotage in der Eidgenossenschaft würde man kaum einen Bericht über eine nennenswerte Niederlage einer Legion finden.
Dafür gab es viele Gründe, die ich in dieser Chronik nicht erwähnen muss. Ausbildung, Ausrüstung, strategisches und taktisches Können, Fanatismus und der Mangel an Koordination und Zusammenhalt bei den zahlreichen Feinden hatten jeweils eine Rolle gespielt. Deshalb erschien es völlig undenkbar, dass eine Legion vernichtet werden konnte, vor allem nicht so vollständig, dass kein einziger Soldat überlebt haben sollte. Doch wie bei so vielen anderen Dingen im Sovanischen Reich war auch der Stern der Legionen am Sinken. Auf dem Schlachtfeld wurde der Gebrauch von Schwarzpulver die bestimmende Kraft, und im Gegensatz zu ihren Feinden konnten die Sovaner sich nur langsam darauf einstellen – da sie so sehr an ihrem Kurzschwert und ihren überholten schweren Kavallerieangriffen hingen.
Nun zu erfahren, dass die Sechzehnte Legion gar nicht vernichtet worden war und dass Prinz Gordan sicher, unversehrt und wie geplant in Seewacht angekommen war, rief in uns eine eigenartige Mischung von Gefühlen hervor. Es passte in unsere eigene Sicht der natürlichen Ordnung der Welt, gemäß derer die Legionen unbesiegbar waren, und deshalb war es ein sonderbarer Trost. Und soweit die Erhaltung des Kaiserreiches oder zumindest des rechtlichen Friedens, den es gebracht hatte, noch unser Ziel blieb, war die Nachricht ein Segen.
Gleichzeitig aber haftete ihr etwas … Sonderbares an. Die meisten Leute – und darunter viele, die nicht leichtgläubig waren – waren davon überzeugt, dass die Legion vernichtet worden war. Deshalb kam uns diese scheinbare Umkehrung nicht wie eine gute Nachricht vor, sondern erschien uns als etwas inhärent Falsches, etwas Unheilvolles.
Und das war sie auch, in vielerlei Hinsicht.
Doch dazu komme ich bald.
Wir näherten uns Seewacht von Südosten. Die Reise war lang und beschwerlich. Aus Angst, entdeckt zu werden, mieden wir die wenigen guten Straßen, die durch diesen Teil Haunersheims führten, und wichen auf eine Abfolge alter Pfade durch die Wälder und Sümpfe dieses trostlosen Landstrichs aus.
Schließlich erreichten wir die Küste. Hier lag der Geruch von Salzwasser in der Luft, und ein kalter Wind peitschte den Sand und brachte die Böschungen mit trockenem Messergras zum Rascheln. Da wir uns nicht länger einen Weg durch dichten Wald suchen mussten, kamen wir schneller voran, doch ohne Bäume waren die Sturmböen gnadenlos.
Den Großteil der Reise verbrachten wir schweigend. Vonvalt war, wie nicht anders zu erwarten, mürrisch und melancholisch, während Junker Radomir zur Flasche griff und deshalb oft stumpfsinnig wurde. Allmählich begann ich mich zu fragen, weshalb er noch bei uns blieb. Er war ein einfacher Mensch, besser dafür geeignet, in einer kleinen Stadt das Gesetz aufrechtzuerhalten, als sich durch die großen Staatsintrigen zu navigieren. Die Albträume und magischen Gesichte machten ihm mehr Angst, als er sich eingestehen wollte. Aber wie Vonvalt hatte auch er im Reichskrieg gekämpft und die Folgen des schrankenlosen Krieges am eigenen Leib erlebt. Vielleicht machte er weiter, um eine Rückkehr dieser schlimmen Zeit zu verhindern. Schließlich war er ein ausdauernder Wachtmeister und seine Moralvorstellungen so schwarz und weiß wie von Osterlens Wappenrock.
Was die Templerin selbst betraf, so fragte ich mich, ob sie es bereute, sich Vonvalt angeschlossen zu haben. Ich war froh, dass sie dabei war, denn sie bewahrte einen kühlen, pragmatischen Kopf und war obendrein noch eine beherzte Kriegerin. Gegen die Düsternis, die uns befallen hatte, war sie jedoch nicht immun. Unsere Aufgabe war gewaltig und erdrückend, und von Osterlen war fromm und hatte es mit der Mission in Südenberg ernst gemeint.
Aber trotz allem glaubte ich nicht, dass sie uns verlassen würde. Denn sie kannte die Gefahr, die Bartholomäus Claver darstellte. Und auch wenn das Reich des Wolfes manchen Makel hatte und auf Blut und Knochen gegründet war, wäre es kaum eine Verbesserung gewesen, einen fanatischen Tyrannen auf dem Kaiserthron zu haben.
»Wie lautet dein Plan?«, fragte sie, als wir unser letztes Nachtlager vor der Ankunft in Seewacht aufschlugen. Wir saßen im Ausläufer eines uralten, finsteren Waldes, der einen Steinwurf weit an einen breiten, windgepeitschten Strand heranreichte. Unsere Pferde fraßen zaghaft das Messergras ab und waren genauso unglücklich wie wir.
»Wir müssen uns vorsichtig nähern«, antwortete Vonvalt und stocherte gedankenversunken mit einem Stecken im Feuer herum. »Ich schlage vor, dass Helena und Junker Radomir erst einmal die Gegend auskundschaften. Die beiden werden am wenigsten Aufmerksamkeit erregen.«
»Nach was halten wir denn Ausschau?«, fragte ich.
»Was glaubst du denn? Ich will wissen, ob die Sechzehnte Legion in Seewacht kaserniert ist.«
»Woran erkenne ich das?«
»Das sind fünfhundert Mann!«, entgegnete Vonvalt. »Du solltest es besser mal mit halb so vielen treiben.«
»Kein Grund, diesen Ton anzuschlagen.«
»Ja. Hab’s aber trotzdem getan.«
»Nema, sei kein so arschiger Griesgram«, sagte Junker Radomir. »Das ist meine Aufgabe.«
Unwillkürlich kicherten wir in uns hinein, doch darauf folgte langes Schweigen.
»Das beunruhigt mich«, sagte Vonvalt schließlich. »Es regt mich auf.«
»Der alte Baron wusste es vielleicht nicht richtig. Das ist doch die einfachste Erklärung, oder nicht?«, sagte von Osterlen.
Vonvalt schüttelte langsam den Kopf. »Nein. Er hat die Wahrheit gesagt, oder zumindest hielt er es für sie. Bis zum Ende.«
»Ende ist der richtige Ausdruck«, murmelte von Osterlen. »Er hatte Herzversagen, nehme ich an?«
»Hm«, brummte Vonvalt.
»Du hast ihm gesagt, dass du noch Richter wärst.«
Nun sah Vonvalt ihr in die Augen. »Ich bin ja auch noch Richter.«
»Nein, bist du nicht. Und ich bin keine Rechtsgelehrte, aber soweit ich informiert bin, ist es kein Verbrechen, dir zu widersprechen.«
Wieder herrschte lange Schweigen.
»Na gut, ich merke, dass dich das schon lange wurmt. Lass es heraus, hier und jetzt.«
Von Osterlen schniefte. »Wir haben eine Mission, ja. Eine wichtige Mission. Das ist mir klar. Ich habe dir großes Vertrauen entgegengebracht, Vonvalt, was meinem Ruf teuer zu stehen kam – und meiner Karriere, möchte ich hinzufügen. Aber lass uns das eine klarstellen: Ob zu Recht oder Unrecht, du bist nicht länger im Dienst der Krone. Wenn wir Claver besiegen wollen – und ich bin ebenfalls der Meinung, dass seine Pläne durchkreuzt werden müssen –, dann dürfen wir nicht seine Methoden übernehmen. Claver ist ein elender, betrügerischer Mensch, und er verdreht den nemanischen Glauben so, dass es seinen Zielen dient. Niemand, der sich an das Bekenntnis hält, würde so handeln, wie er es tut. Wenn du die draedischen Geheimnisse für deine eigenen Zwecke nutzt – nein, indem du damit Menschen tötest –, bist du ein genauso schlechter Mensch wie er. Du handelst als Brigant. Und da mache ich nicht mit.«
Vonvalt hörte geduldig zu und ließ sie aussprechen. »Stell dir bitte einmal was für mich vor«, bat er.
Von Osterlen runzelte die Stirn. »Was meinst du damit?«
»Ich will, dass du dir etwas vorstellst. Ich will, dass du dir ein Reich vorstellst, in dem Claver Kaiser ist. Was glaubst du, was er tun wird?«
Von Osterlen dachte einen Moment nach, schüttelte aber schließlich den Kopf, nicht weil es ihr nicht gelang, sondern weil sie nicht wollte.
»Er würde seine Feinde abschlachten«, grummelte Junker Radomir.
»Genau«, sagte Vonvalt. »Es würde zu einer großen Säuberung in Sova kommen. Ich vermute, jedes Mitglied des ehemaligen Magistratums und alle Rechtsgelehrten des Kaiserlichen Gerichtshofs würden getötet werden. Alle und alles, was mit der Durchsetzung des Richterrechts zu tun hat, würde aufgelöst und vernichtet werden. Wer sonst noch?«
»Leute aus dem Senat«, sagte ich.
»Leute aus dem Senat. Jeder Haugenate würde eingekerkert, gefoltert und ermordet werden. Jedes Mitglied des Kaiserhauses samt den Kindern würde hingerichtet werden. Tausende Menschenleben würden ausgelöscht werden, und das nur in den ersten paar Tagen seiner Herrschaft. Danach würde Claver dem zweiten Kopf des Doppelköpfigen Wolfes wieder zum Vorrecht verhelfen: dem kanonischen Recht. Die nemanische Kirche würde ihre alte Macht zurückerlangen und dazu noch – Götter bewahrt! – die draedischen Geheimnisse. Und wo einst Richter wandelten, wandeln dann nemanische Inquisitoren. Weißt du, welche Strafe nach kanonischem Recht auf Ketzerei steht?«
»Die Todesstrafe«, antwortete von Osterlen.
»Der Scheiterhaufen«, korrigierte sie Vonvalt. »Der schlimmste Tod. Weißt du, welche Strafe auf Ehebruch steht?«
Von Osterlen schüttelte den Kopf.
»Blenden. Diebstahl?«
»Ich hab’s verstanden.«
»Du verlierst eine Hand. Gotteslästerung?«
»Ich sagte, dass ich es verstanden habe.«
»Man reißt dir die Zunge aus. Einen Patria beleidigen?«
Von Osterlen erwiderte nichts mehr.
»Man beschlagnahmt dein Haus. Wenn man einem Sakrament fernbleibt? Man beschlagnahmt dein Vieh. Geschlechtsverkehr vor der Ehe? Ersäufen. Und …« Er zeigte auf sie. »… es wird nicht nur diejenigen treffen, die eines Vergehens angeklagt wurden. Denk an deine Rechte. Was kannst du jetzt alles tun? Unter dem Richterrecht kannst du gehen, wohin du willst, sprechen, mit wem es dir gefällt, heiraten, wen immer du willst. Du kannst essen, was du möchtest, trinken, wo es dir passt, beleidigen, wen immer du beleidigen willst. Der nemanische Glaube ist zwar die Staatsreligion des Reiches, das stimmt schon, aber wie lautet die Strafe auf Ketzerei? Ein Bußgeld, genau, und dazu noch ein geringes. Ketzer, die nicht abschwören, werden immer noch verbrannt, aber alle Richter, die ich kenne, versuchen wirklich alles, um das zu vermeiden. Du kannst frei deinem Gewerbe nachgehen und weißt, dass du ein Recht auf deine Freiheit hast. Dass, selbst wenn du ein Verbrechen begangen hast, deine Unschuld so lange angenommen wird, bis deine Schuld bewiesen ist. Das Schlimmste, was dir für die meisten Vergehen blüht, ist Kerkerhaft, und so sollte es auch sein.« Er schnippte laut mit den Fingern, sodass von Osterlen zusammenschreckte. »All das wäre dahin. Über Nacht. Wenn du glaubst, das, was dem Autunen vorausging, wäre schlimm gewesen, dann warte nur ab, bis du siehst, was auf ihn folgt. Und das alles unter der Voraussetzung, dass Claver sich überhaupt an die etablierten Gesetze des kanonischen Rechts hält und nicht völlig nach Lust und Laune regiert. ›Nimm dich vor dem Tyrannen in Acht – er kleidet sich in den Panzer der Unwissenheit.‹«
»Ja«, erwiderte von Osterlen. »Ein jeder Mensch unterliegt denselben Regeln und Verfahren. Selbst du, Junker Konrad.«
»In der Tat. Ich habe dir also gesagt, was geschehen wird, wenn Claver Erfolg haben sollte – und glaube mir, das ist noch der günstigste Fall. Was ist ein annehmbarer Preis, um dies zu verhindern?«
»Ich bin keine Juristin. Ich glaube, du kannst die Tatsachen und Argumente so verdrehen, dass sie deinen eigenen Zielen nutzen und gut und ehrlich erscheinen.«
»Ich wäre ein schlechter Rechtsgelehrter, wenn ich das nicht könnte.«
»Ich meine es ernst.«
»Ich auch. Komm schon, Severina. Das ist wichtig.«
Sie seufzte und verdrehte die Augen. »Mir ist kalt, ich bin müde. Beende deine Belehrung, damit ich mich hinlegen kann.«
»Denk an das Richterrecht. Denk an deine Rechte und Freiheiten. Lass uns einmal so tun, als hätten die Sovaner nur zu dem Zweck Eroberungen gemacht, um das Richterrecht einzuführen. Würdest du sagen, dass der Reichskrieg dafür ein annehmbarer Preis gewesen ist?«
»Tausende sind gestorben.«
»Ja, aber Tausende haben überlebt. Und nun haben sie ein besseres Leben. Ganz allgemein betrachtet haben mehr Leute vom Reichskrieg profitiert, als unter ihm gelitten haben.«
»Wenn du magst, kannst du so argumentieren. Viele würden dir widersprechen. Vor allem die Unterworfenen.«
»Widersetze dich nicht so halsstarrig, Severina. Benutze deinen Verstand. Denke nach. Die Richtigkeit meiner Aussage ist offensichtlich.«
»Ich glaube, dass du sie für richtig hältst.«
Zum ersten Mal während dieser Unterhaltung – falls man sie so nennen wollte – erkannte ich, dass Vonvalt wütend wurde. »Nun stell dir doch die Alternative vor. Eine absolute Theokratie unter der Führung eines Wahnsinnigen. Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende werden sterben und wahrscheinlich noch mehr. Es ist eine trostlose, schwarze Zukunft, in der Millionen in Angst leben, in Panik, weil das kleinste Vergehen zu Verstümmelung und Tod führen kann. Welcher Preis sollte gezahlt werden, um das zu verhindern? Ein Menschenleben? Tausend – zehntausend?«
Von Osterlen zuckte theatralisch und höchst verbittert mit den Schultern. »Was willst du, dass ich dir antworte?«
»Was du sagst, ist mir scheißegal. Es geht darum, was du verstehst.« Vonvalt streckte seine Hand aus, als hielte er etwas zwischen Daumen und Zeigefinger. »Es spielt keine Rolle, ob ich draedische Magie anwende. Es spielt keine Rolle, ob ein Baron in der Provinz stirbt. Es spielt keine Rolle, ob fünf junge Leute in einer Halle erschlagen werden. Ich hätte das ganze Dorf mit all seinen Einwohnern verbrennen können, und es wäre immer noch ein annehmbarer Kollateralschaden. Verstehst du? Wir haben noch nicht einmal die kleinste Steigung der Schwelle dessen erreicht, was annehmbar wäre, wenn Claver dadurch nicht auf den Thron kommt.« Vonvalt holte tief Luft und trank einen ordentlichen Schluck Bier aus seinem Schlauch. Als er weitersprach, starrte er ins Feuer. »Manchmal müssen wir außerhalb des Gesetzes handeln, um es zu schützen. Du sagst ganz richtig, dass Claver ein elender Betrüger ist, aber du irrst, wenn du meinst, ich sei nicht besser als er. Ich bin besser als er. Ich werde immer besser sein als er. Claver bricht das Gesetz, um es zu zerstören. Ich breche es nur, um es zu retten. Die Zeit für hochtrabende Ideale ist um. Vor uns liegen finstere Taten. Wenn dir das Bauchschmerzen bereitet, dann geh.«
»›Es ist besser, im Dienst des Gesetzes zu sterben, als einem Regime zu dienen, das sich nicht ans Gesetz hält‹«, flüsterte ich.
»Blix«, murmelte Vonvalt, als sich unsere Blicke trafen.
Von Osterlen sah mich schief an. »Solange du schweigend dagesessen hast, hast du mir besser gefallen.«
»So geht’s mir mit dir auch«, schoss ich zurück. Junker Radomir schnaubte, und das Schnauben wurde zu einem Kichern. Das Kichern wurde zu einem Lachen, und schon bald lachten wir alle, dankbar, dass die Spannung sich gelöst hatte.
Vonvalt seufzte. »Nun schlaft alle. Ich halte die erste Wache. Morgen werden wir sehen, ob wir herausfinden, was mit der Sechzehnten Legion geschehen ist.«
Junker Radomir und ich näherten uns Seewacht. Wir gaben uns als Gemeine aus, was wir zu diesem Zeitpunkt wohl auch waren.
Seewacht, diese gigantische obsidianschwarze Burg, die in und zwischen die Felsklippen des Nordmeers gebaut worden war, ragte in den grauen Morgenhimmel. Zu ihren Füßen breitete sich eine illegale Siedlung aus, ein belebter Fischer- und Handelsaußenposten, der sich den kaiserlichen Auflagen schon lange widersetzte. Wie eine hartnäckige Warze blieb sie bestehen, und schon eine ganze Reihe von Markgrafen hatten vergeblich versucht, die Siedlung aufzulösen, und es dann aufgegeben.
Hier war es kalt und feucht, und es roch stark nach Salzwasser und Fisch. Unablässig trillerten die Seevögel in der Luft. Normalerweise sah man im Hafen, wo die große kaiserliche Flotte aus Kriegskaracken vor Anker lag, einen Wald aus Masten. Doch an diesem Tag waren keine zu sehen.
Wir bemühten uns, so gleichmütig zu tun wie Leute, die nichts zu verbergen haben. Trotzdem wurde ich nervös, als die Siedlung in Sicht kam. Wir hatten ausgemacht, dass wir uns erst einmal eine Weile dort umhören würden, indem wir uns nach Salzbruchstein und einem dauerhaften Lieferanten für einen namenlosen sovanischen Händler erkundigten. In den Außenbezirken der Siedlung war allerdings niemand anzutreffen, weshalb wir weiter ins Zentrum vordringen mussten, als wir wollten.
Das Problem war nur, dass dort auch niemand war.
»Wo zur Hölle sind die denn alle?«, grummelte Junker Radomir und sah sich um.
Ich war davor schon zweimal in Seewacht gewesen, und beide Male hatte in dieser kleinen Siedlung rege Betriebsamkeit geherrscht. Jetzt aber war sie wie die restliche Nordmark verlassen. Auch gab es keinen Hinweis auf ein Heerlager, wo die Masse der Sechzehnten Legion doch eigentlich die Mauern Seewachts sprengen und sich im Umland hätte ausbreiten müssen.
»Ich weiß es nicht«, nuschelte ich zur Antwort. Wir sahen die Häuser an, planlose Gebilde, die sich allmählich von zeitweiligen Behausungen zu ständigen gewandelt hatten. Manche bestanden aus Ziegeln und Holz, die Mehrheit aber aus Flechtwerk und Lehm. Sie waren alle leer.
Ich sah zu den hohen schwarzen Mauern Seewachts hinauf. Dort oben war auch niemand, vor dem matten grauen Licht des morgendlichen Himmels hob sich nicht die Silhouette eines einzigen patrouillierenden Soldaten ab. Es war, als wäre der Ort, abgeschnitten vom Rest des Reiches, von einer Seuche heimgesucht und dem Verfall überlassen worden.
»Dieser Ort ist tot. Was immer hier geschehen ist, wir haben es wohl nicht mitbekommen«, erklärte Junker Radomir, während er gedankenverloren den Schutt zur Seite trat, der auf dem Weg lag. Es gab keine Kampfspuren, keine Brandspuren, keine Klingenspuren oder Blutspritzer. Einen Raubüberfall hätte ich mir noch erklären können, auch wenn eine riesige Armee Monate – wenn nicht Jahre – gebraucht hätte, um Seewacht zu besiegen, und mir wäre nicht zu Ohren gekommen, dass jemals so viele Plünderer übers Nordmeer gefahren wären. »Das gefällt mir nicht. Wir sollten zurück. Es ist doch so: Die Sechzehnte wurde vernichtet. Der alte Baron hat sich geirrt.«
Ich teilte sein Unbehagen. Nicht nur, weil der Ort menschenleer war. Es war noch etwas anderes. Die Luft war erfüllt von diesem unheimlichen Gefühl, beobachtet zu werden von etwas Falschem, von bösen, geheimnisvollen Kräften. Das konnte nur teilweise mit unseren äußerst angespannten Nerven erklärt werden.
Ramayah.
Ich fuhr abrupt herum. »Hast du das gehört?«, fragte ich.
»Was?«, fragte Junker Radomir.
»Ein Flüstern. Etwas hat mir ins Ohr geflüstert. Hast du es nicht gehört?«
»Ich habe es nicht gehört«, sagte Junker Radomir und verbarg seine Furcht unter Gereiztheit. »Komm, lass uns gehen. Hier bringen wir nichts weiter in Erfahrung.«
Ich stimmte ihm voll und ganz zu, wollte schon umkehren und den Hausiererpfad zurückgehen, den wir gekommen waren, als mir etwas ins Auge fiel.
»Dort!«, sagte ich und zeigte zur Ringmauer.
Junker Radomir folgte meinem Fingerzeig und sah eine Weile mit zusammengekniffenen Augen in den hellen grauen Himmel. »Ja«, murmelte er, doch die Furcht war immer noch da.
Der Silhouette nach zu urteilen, war es ein Soldat. Er schritt die Mauer ab, sah weder nach links noch nach rechts, wandte sich am Mauerturm Richtung Norden und verschwand aus unserem Sichtfeld. Die Mauer war zu hoch und der Soldat zu weit entfernt, um mehr als seine bloße Existenz wahrnehmen zu können. Aber sein Gang war eigenartig gewesen, gleichmäßig und unnatürlich, als würde er paradieren. Ein paar Augenblicke später kam er zurück und setzte seine Runde fort. Er traf keine Anstalten, zu uns herunterzurufen, obwohl wir die einzigen sichtbaren Menschen in der Siedlung waren.
Junker Radomir und ich standen eine Weile stumm da. Mir fiel auf, dass er die Hand am Schwertgriff hatte.
»Komm«, sagte er, ohne den Blick vom Wehrgang zu nehmen.
»Wer ist das?«, murmelte ich und versuchte, die Farben des Wappenrocks zu erkennen. Es schienen die des Kaiserhauses zu sein, das Rot, Gelb und Blau der Autunen, aber vor dem hellen Hintergrund des Himmels konnte man unmöglich mehr ausmachen.
»Ich weiß es nicht, aber jemand hat sich in der Burg niedergelassen«, antwortete Junker Radomir. »Das ist die Information, die wir gesucht haben.«
Ich wollte ebenso gerne gehen wie der Wachtmeister, aber ein sonderbarer Drang hielt mich zurück
»Wir wissen nicht, wer das ist.«
»Es sind Autunen. Vielleicht nicht die Sechzehnte, aber Kaiserliche – und uns deshalb nicht freundlich gesinnt.«
Wieder verstummten wir eine Weile, während wir die Burg beobachteten. »Na gut«, sagte ich. »Lass uns gehen.«
Dann öffnete sich das Tor.
Es bestand aus gewaltigen, dicken Eichenbalken, die mit Eisenbändern beschlagen waren. Quietschend und rumpelnd bewegten sich die Torflügel zur Seite.
»Helena, komm!«, zischte Junker Radomir und packte mich am Oberarm.
»Nein«, sagte ich, ohne den Blick vom Tor zu nehmen. Niemand kam heraus, keine Patrouille verließ die Burg, kein Kämpfertrupp eilte hervor, um uns Eindringlinge zu schnappen. Die Torflügel bewegten sich wie der Soldat. Langsam und automatenhaft, weniger kontrolliert als gezwungen.
»Komm«, sagte ich und ging auf die Burg zu.
»Wir sollten Junker Konrad holen«, widersprach Junker Radomir.
Ich schüttelte seine Hand ab. »Dann geh!«
»Helena, du kannst da nicht rein. Die bringen dich um.«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Wenn sie uns töten wollten, wären wir bereits tot. Noch in hundert Schritt Entfernung wären wir in ihrer Bogenreichweite.«
Junker Radomir sah mir eindringlich in die Augen. »Helena, da stimmt was nicht. Das gefällt mir nicht. Komm jetzt mit mir. Wir sollten Junker Konrad und Markgräfin von Osterlen holen.«
Ich wich seinem Blick aus und ging wieder langsam aufs Tor von Seewacht zu. »Geh du. Bring sie her. Wir treffen uns drin.«
Ich wartete seine Antwort nicht ab, und er folgte mir nicht.
»Helena!«, rief er.
Ich betrat die Vorburg.
»Helena!«, rief Junker Radomir ein letztes Mal.
Das unbemannte Tor schloss sich rumpelnd hinter mir.
Ich wurde nicht begrüßt. Niemand kam mir entgegen. Das Innere der Burg war so leer wie die Siedlung vor ihren Mauern.
Ich fühlte mich beklommen und ängstlich, aber nicht so sehr, dass ich zu nichts mehr fähig gewesen wäre. Deshalb ging ich zu der Steintreppe, die zum Wehrgang hinaufführte, und stieg sie rasch hoch. Oben angekommen, sah ich über die Zinnen und erkannte Junker Radomir in der Ferne, der zurück zum Versteck von Vonvalt und von Osterlen eilte. Das überraschte mich. Obwohl ihm bange gewesen war, hätte ich erwartet, dass er in der Nähe bleiben würde.
