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Nach ihrem gefeierten Roman »Spiel der Königin« hat Elizabeth Fremantle einen neuen spannenden Roman über Intrigen und Bedrohung am Englischen Hof geschrieben.
Wir schreiben das Jahr 1554: Edward VI. stirbt überraschend jung und bestimmt die sechzehnjährige Jane Grey zur Königin, er bestimmt die Änderung der Erbfolge, um Mary als Königin zu verhindern. Doch Janes Regentschaft dauert nicht einmal zwei Wochen, da hat Mary die unerfahrene Jane entmachtet und enthaupten lassen. Doch was geschieht mit Janes jüngeren Schwestern Katherine und Mary? Dass königliches Blut in ihren Adern fließt, wird ihnen zum Fluch, denn die kinderlose Queen Mary fühlt sich schon allein durch ihre Existenz bedroht.
Elizabeth Fremantle lässt auch in ihrem zweiten Roman die wechselvolle Tudorzeit überraschend lebendig werden.
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Seitenzahl: 728
Veröffentlichungsjahr: 2016
Elizabeth Fremantle
IM SCHATTEN DER KÖNIGIN
Roman
Aus dem Englischen von Sabine Herting
C. Bertelsmann
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Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »Sisters of Treason« im Verlag Michael Joseph (Penguin Random House), London.
Die Zeilen aus dem Gedicht
»Wer jagen will, dem weiß ich ein Hinde« von Sir Thomas Wyatt mit freundlicher Genehmigung von Werner von Koppenfels.
Zitiert nach: »Englische und amerikanische Dichtung.
Band 1: Englische Dichtung: Von Chaucer bis Milton«, München 2000.
1. Auflage
Copyright © 2014 by Elizabeth Fremantle
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016 beim C. Bertelsmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlag: buxdesign, München
Umschlagmotiv: © Lee Avison / Trevillion Images
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-15904-7V001
www.cbertelsmann.de
Für Raphael und Alice
Inhalt
Stammbaum der Tudors und der Stuarts
Prolog
IKÖNIGIN MARY
IIVERGISSMEINNICHT
IIIKÖNIGIN ELIZABETH
IVKITTY UND MAUS
V LORD BEAUCHAMP
Epilog
Anmerkungen der Autorin
Erklärungen zu der Thronfolge der Tudors
Personen
Dank
Weiterführende Lektüre
Prolog
Februar 1554Der Tower von LondonLevina
Frances zittert. Levina greift nach ihrem Arm und hakt sie fest unter. Ein scharfer Wind braust durch die kahlen Bäume, zerrt an den Kleidern der Frauen und lüpft ihre Hauben, sodass die Bänder in ihren Hals einschneiden. Vor dem Winterhimmel, fleckig grau wie das Innere einer Auster, hebt sich dunkel der White Tower ab. Schweigende Menschen gehen vor dem Schafott hin und her, reiben sich die Hände und stampfen mit den Füßen auf, um sich warm zu halten. Zwei Männer, die einen Karren hinter sich herziehen, gehen an ihnen vorüber; doch Levina sieht sie gar nicht richtig, da sie zu einem Fenster in einem Gebäude auf der anderen Seite des Hofs hinaufschaut, wo sie die Umrisse einer Gestalt zu erkennen glaubt.
»Mein Gott!«, murmelt Frances und schlägt die Hand vor den Mund. »Guildford.«
Als Levina hinsieht, begreift sie sofort. Auf dem Karren liegt ein blutiges Bündel, die Leiche von Guildford Dudley. Frances’ Atem geht flach und schnell, fahl ihr Gesicht, nicht weiß, wie man meinen könnte, sondern grün. Levina packt sie an den mädchenhaft schmalen Schultern, dreht sie zu sich, sieht ihr beschwörend in die Augen und sagt: »Tief atmen, Frances, tief atmen.« Sie tut es selbst, in der Hoffnung, Frances möge es ihr nachmachen. Sie kann nur ahnen, was es für eine Mutter bedeutet, gleich ihre siebzehn Jahre alte Tochter sterben zu sehen und so machtlos zu sein, es nicht verhindern zu können.
»Ich verstehe nicht, warum Mary …« Sie hält inne und verbessert sich, »… warum die Königin mir nicht erlaubt, sie zu sehen … ihr Adieu zu sagen.« Frances’ Augen sind blutunterlaufen.
»Die Angst hat sie unbarmherzig werden lassen«, sagt Levina. »Sie wittert überall Verschwörung, selbst bei einer Mutter und ihrer verurteilten Tochter.« Sie beugt sich zu ihrem Windhund Hero, tätschelt seinen Rücken mit der hervorstehenden Wirbelsäule und verspürt Beruhigung, als er sein Maul an ihre Röcke drückt.
Levina erinnert sich, vor nicht einmal einem Jahr Jane Grey mit ihren königlichen Insignien gemalt zu haben. Sie war damals geradezu bezaubert von dem intensiven Blick des Mädchens, von diesen weit auseinanderstehenden, kastanienbraun gesprenkelten, dunklen Augen, ihrem langen Hals und den zarten Händen; alles strahlte Strenge und auch Zerbrechlichkeit aus. »Gemalt« ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn sie hatte kaum Gelegenheit gehabt, den Karton einzuritzen und den Kohlestaub durch die Löchlein auf die Platte zu stäuben, als schon Mary Tudor mit einer Armee in London anrückte, um ihrer jungen Cousine den Thron streitig zu machen, ihr, die nun am heutigen Tag auf diesem Schafott ihrem Tod begegnen wird. Frances Grey war es, die Levina half, diese Platte zu zertrümmern und ins Feuer zu werfen, ebenso den Karton. Das Schicksal wendet sich schnell im London dieser Tage.
Als Levina sich umblickt, sieht sie katholische Kirchenmänner näher kommen. Bonner, der Bischof von London, befindet sich mitten unter ihnen, feist und glatt wie ein groteskes Baby. Levina kennt ihn recht gut aus ihrer eigenen Gemeinde; man sagt ihm Brutalität nach. Ein hochmütiges Lächeln steht ihm im Gesicht; freut es ihn, dass einem jungen Mädchen der Kopf abgeschlagen wird – sieht er es womöglich als einen Triumph? Zu gerne würde Levina ihm dieses Lächeln mit einer Ohrfeige aus dem Gesicht vertreiben; sie stellt sich die rötliche Färbung vor, die sie auf seiner Wange hinterlassen würde, und den befriedigenden Schmerz in ihrer Hand.
»Bonner«, flüstert sie Frances zu. »Dreh dich nicht um. Wenn er dir in die Augen blickt, könnte er versucht sein, dich zu grüßen.«
Sie nickt und schluckt, und Levina führt sie einige Schritte weg von den Männern, sodass die Möglichkeit, einem von ihnen gegenübertreten zu müssen, geringer ist. Nicht viele sind gekommen, um ein Mädchen sterben zu sehen, das einige Tage lang Königin war; nicht die Hunderte, wie es hieß, die damals Anne Boleyn verhöhnten – ihr Tod war der Auftakt zu der Mode, Königinnen zu enthaupten. Heute wird niemand dazwischenrufen, alle sind zu schreckensstarr, mit Ausnahme von Bonner und seinem Gefolge, und selbst sie sind nicht so grob, dass sie offen ihre Freude zeigen. Sie denkt an die Königin im Schloss und stellt sich vor, wie sie sie malen würde. Bestimmt ist sie in Gesellschaft ihrer vertrautesten Hofdamen; womöglich sind sie ins Gebet vertieft. Doch in Levinas Vorstellung befindet sie sich allein in ihrem leeren, übergroßen Wachsaal, und gerade hat sie die Mitteilung erreicht, eine ihrer Lieblingscousinen sei auf ihr Geheiß hin ermordet worden. Ihr Gesicht spiegelt nicht den sorgsam unterdrückten Triumph wie das von Bonner, auch Furcht offenbart es nicht, obgleich sie angebracht wäre, denn schließlich ist es erst wenige Tage her, dass eine rebellische Armee – erfolglos – danach trachtete, sie zu entmachten und ihre Schwester Elizabeth auf den Thron zu setzen. Nein, ihr verkniffenes Gesicht ist so blank wie ein frischer Bogen Velinpapier, ihre Augen entseelt, entrückt, als wollten sie andeuten, das Töten habe gerade erst begonnen.
»Das ist das Werk ihres Vaters«, stammelt Frances. »Ich kann nicht anders, als ihm die Schuld zu geben, Veena … Sein blinder Ehrgeiz.« Sie spuckt die Worte aus, als hätten sie einen fauligen Geschmack. Wieder schaut Levina zu diesem Turmzimmer hinauf und fragt sich, ob die beobachtende Gestalt dort oben Frances’ Gemahl, Janes Vater, Henry Grey ist, den ebenfalls das Los eines Verräters erwartet. Der Karren ist in einiger Entfernung von ihnen neben einem flachen Gebäude zum Stehen gekommen. Einer der Männer, die ihn gezogen haben, beugt sich vor, um mit jemandem zu plaudern, als wolle er sich nur die Zeit vertreiben, als läge dort nicht ein geschlachteter Junge auf der Ladefläche. »Es ist ein Kartenhaus, Veena, ein Kartenhaus.«
»Frances, nicht doch«, sagt sie und legt den Arm um die Schulter ihrer Freundin. »Du treibst dich noch in den Wahnsinn.«
»Und die Königin, wo ist ihre Gnade? Wir sind nahe Verwandte. Elle est ma première cousine. On était presqueélevé ensemble.«
Wortlos umfasst Levina sie fester. Frances vergisst immer wieder, dass sie kaum Französisch versteht. Levina hat sie nie gefragt, warum sie, die doch durch und durch Engländerin ist, so großes Gefallen an dieser Sprache findet, zumal sie bei Hofe aus der Mode gekommen ist. Vermutlich hat es etwas mit ihrer Tudor-Mutter zu tun, die die Witwe eines französischen Königs war. Es nähert sich ihnen ein Mann, dessen sich im Wind blähender Umhang ihn wie eine Fledermaus aussehen lässt. Als er mit einer höflichen Verbeugung vor den beiden Frauen stehen bleibt, zieht er sein Barett und knetet es mit beiden Händen.
»My Lady«, sagt er und schlägt die Hacken zusammen. »Sir John Brydges, Leutnant des Tower.« Er strahlt Strenge aus, er ist ein Gardist, vermutet Levina; doch dann fällt die Förmlichkeit von ihm ab. »Mein Herz fühlt mit Euch, my Lady. Meine Gemahlin und ich …« Er zaudert, seine Stimme bebt leise. »Wir haben Eure Tochter in diesen letzten Monaten sehr lieb gewonnen. Sie ist ein bemerkenswertes Mädchen.«
Frances sieht aus, als ertränke sie, und scheint nicht fähig, irgendetwas zu antworten, doch dann ergreift sie seine Hand und nickt bedächtig.
»Man wird sie nun herunterbringen.« Seine Stimme ist kaum mehr als ein Wispern. »Ich kann Euch einen Augenblick mit ihr gewähren. Ihren Gemahl lehnte sie ab zu sehen, bevor er …« Er meinte, »… bevor er starb«, hat aber den Takt, es nicht auszusprechen. »Nach Euch jedoch hat sie gefragt.«
»Bringt mich zu ihr«, murmelt Frances unter Mühen.
»Äußerste Diskretion ist erforderlich. Wir dürfen keinerlei Aufmerksamkeit erregen.« Es ist eindeutig, dass er auf Bonner und seine katholische Meute anspielt. »Ich gehe voraus. Ihr folgt mir in einigen Augenblicken. Nehmt den Hintereingang des Gebäudes da drüben.« Er zeigt auf ein winziges Haus, das sich unter den Bell Tower duckt. »Wir erwarten Euch dort.«
Er wendet sich um und geht; als die Frauen ihm ein wenig später folgen, könnte man annehmen, sie suchten Schutz vor dem Wind. Die Tür ist so niedrig, dass sie sich bücken müssen; als sie sie hinter sich zuziehen, umfängt sie Dunkelheit. Es dauert eine Weile, bis ihre Augen sich angepasst haben. Als Levina gegenüber eine weitere Tür entdeckt, fragt sie sich, ob sie dort hineingehen sollen; sie spürt, dass sie die Initiative übernehmen muss, denn Frances scheint nicht in der Lage, auch nur das Geringste zu tun. Gerade als sie auf die Tür zugeht, öffnet diese sich knarrend einen Spalt, und Brydges lugt heraus. Als er die beiden Frauen erkennt, drückt er sie ganz auf, und da steht Jane, von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt, mit zwei Büchern in ihren winzigen weißen Händen. Mit einem Lächeln sagt sie: »Maman!«, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Tag.
»Chérie!«, ruft Frances, und sie fallen sich in die Arme, während Frances immer wieder »Ma petite chérie« flüstert. Das Französische verleiht dem Augenblick etwas Theaterhaftes, als wäre es eine Szene aus einem historischen Festspiel. Levina bemerkt auch, dass eher Jane die Mutter zu sein scheint; sie wirkt so gelassen, so beherrscht.
Levina tritt zur Seite und wendet sich diskret ab, obwohl die beiden sich nicht einmal daran zu erinnern scheinen, dass sie zugegen ist.
»Es tut mir so leid, chérie … so unendlich leid.«
»Ich weiß, Maman.« Jane löst sich aus der Umarmung, sammelt sich und streicht ihr Kleid glatt. »Ne vous inquiétezpas. Gott hat mich für dieses Schicksal auserwählt. Als Gesandte des neuen Glaubens gehe ich bereitwillig zu ihm.«
Das Mädchen, das Levina erst vor wenigen Monaten gezeichnet hat, gibt es nicht mehr; hier steht eine Frau vor ihnen, aufrecht, elegant, ruhig. Als schmerzliche Ironie des Schicksals kommt Levina in den Sinn, dass Jane Grey eine weit bessere, klügere Königin abgegeben hätte, als Mary Tudor es je sein wird. Hätten die Menschen sie so gesehen, wie sie jetzt ist, wäre ihnen nie der Gedanke gekommen, eine Armee aufzustellen, um sie abzusetzen und ihre katholische Cousine auf den Thron zu heben.
»Hätte ich doch nur ein Quäntchen deines Muts«, murmelt Frances.
»Es ist Zeit, Maman«, sagt Jane mit einem Blick zu Brydges, der ernst nickt. Dann reicht sie Frances eines ihrer Bücher und flüstert: »Es liegt ein Brief für Euch darin und einer für Katherine. Ihren habe ich ins Buch hineingeschrieben, weil sie ihn ansonsten bestimmt verlieren würde – meine Schwester hatte noch nie die Gabe, Dinge zu bewahren.« Sie lacht; ein glockenhelles Lachen, das sogar Frances die Andeutung eines Lächelns entlockt, und einen Augenblick lang ähneln sie sich so sehr, dass auch Levina mit einem Mal lächelt. Doch Janes Lachen erstirbt so rasch, wie es erklungen war; sie fügt an: »Beschützt Katherine, Maman. Ich fürchte, sie wird es nicht gut ertragen.«
Levina ist entsetzt über die grausame Unausweichlichkeit, mit der nun Janes jüngere Schwester in den Mittelpunkt der reformistischen Verschwörungen rückt – bestimmt werden sie danach trachten, die katholische Mary Tudor abzusetzen und jemanden ihres Glaubens auf den Thron zu hieven – wie Dominosteine, die nacheinander umfallen.
»Und Mary? Was soll ich ihr von dir sagen?« Frances spricht von der jüngsten ihrer drei Töchter.
»Mary ist klug. Sie braucht meinen Rat nicht.« Dann winkt sie mit vogelähnlicher Hand und entschwindet. Die innere Tür schließt sich hinter ihr. Frances, die das Buch umklammert, muss sich an der Wand abstützen.
»Komm«, sagt Levina, umfasst ihren Oberarm und führt sie hinaus, zurück in den Wind und zum wartenden Schafott, wo unterdessen einige Menschen mehr zusammengekommen sind, obgleich noch immer nicht von einer Menge die Rede sein kann.
Dann erscheinen sie, erst Brydges mit aschfahlem Gesicht, hinter ihm der Katholik, dem es nicht gelungen ist, sie zu bekehren, beide mit gesenktem Blick. Und dann kommt sie, unerschrocken, aufrecht, mit dem aufgeschlagenen Psalter in der Hand, ihre Lippen bewegen sich im Gebet; zwei Frauen, die kaum die Tränen zurückhalten können, an ihrer Seite. Die Szene gräbt sich in Levinas Gedächtnis ein: Janes pechschwarzes Kleid vor den graubraunen Steinen des Tower; der Wind, der alle Ecken und Kanten in die Lüfte hebt, sodass man meinen könnte, alles flöge; die beinahe weinenden Ladys, deren Gewänder fahle Farbtupfer bilden; die strenge Blässe von Brydges’ Haut; und der Ausdruck feierlicher Klarheit auf Janes Gesicht. Es drängt sie, diese Szene in einem Gemälde wiederzugeben. Ein heftiger Windstoß bricht einen Ast von einem nahe stehenden Baum; als er krachend zu Boden fällt, machen Bonner und seine Anhänger einen Satz und stieben auseinander. Wie viele Menschen wünschen sich wohl, ebenso wie sie, der Ast hätte ein weicheres Ziel getroffen?
Jane Grey geht die wenigen Stufen hinauf und steht nun vor den Zuschauern, um etwas zu sagen. Levina ist ihr so nahe, dass sie, würde sie den Arm strecken, den Saum ihrer Röcke berühren könnte. Der Wind jedoch treibt die Worte des Mädchens davon, nur Bruchstücke erreichen sie. »Ich wasche meine Hände in Unschuld …« Sie reibt ihre kleinen Hände aneinander. »Ich sterbe als wahre Christin, und allein die Gnade Gottes rettet mich.« Bis zuletzt hält sie an dem neuen Glauben fest, und Levina wünscht sich, sie hätte nur ein Gran der unerschütterlichen Seelenstärke dieses Mädchens.
Als Jane geendet hat, streift sie ihr Gewand ab, reicht es den Frauen und öffnet die Bänder ihrer Haube. Als sie sie vom Kopf zieht, löst sich ihre Frisur, und ihr Haar fliegt wunderbar auf, als wollte es sie in den Himmel emporheben. Sie wendet sich zu dem Scharfrichter. Levina vermutet, er bitte sie um Vergebung; sie kann ihren Wortwechsel nicht verstehen. Aber sein Blick zeigt äußerste Verzweiflung – somit ist sogar der Henker entsetzt. Nur Jane wirkt ganz ruhig.
Dann nimmt sie von einer ihrer Ladys die Augenbinde entgegen; und nachdem sie mit leisem Kopfschütteln Hilfe abgelehnt hat, bindet sie sie sich selbst um den Kopf. Nun sinkt sie auf die Knie, legt rasch die Hände aneinander und spricht unhörbar ein Gebet. Doch als sie das Gebet beendet hat, scheint plötzlich alle Fassung von ihr abzufallen; sie tappt blind umher, ihre Hand streckt sich nach dem Hinrichtungsblock und findet ihn nicht. Levina fühlt sich an ein neugeborenes Tier erinnert, das mit noch geschlossenen Augen verzweifelt Beistand sucht.
Alle beobachten sie, aber niemand kommt ihr zu Hilfe. Alle sind vor Entsetzen erstarrt beim Anblick dieses jungen Mädchens, das in einer dunklen Welt nach etwas Festem tastet. Kaum ein Geräusch ist zu hören; selbst der Wind ist zu einem tödlichen Hauch abgeflaut, als würde der Himmel den Atem anhalten. Noch immer sucht Jane nach dem Block, ihre Arme flattern nun umher. Levina erträgt es nicht mehr, sie erklimmt das Podest und führt diese kalten Händchen, richtige Kinderhände, zu dem Ziel; Tränen erfüllen ihre Augen, als sie wieder zu Frances hinunterklettert, die schreckensbleich ist.
Dann geschieht es, mit aufblitzender Klinge und leuchtend rotem Strahl. Frances sinkt halb ohnmächtig Levina in die Arme, die sie aufrecht hält und ihr die Augen verdeckt, als der Scharfrichter Jane Greys Kopf an den Haaren hochhebt, um zu beweisen, dass er seine Aufgabe erfüllt hat. Levina weiß nicht, weshalb sie aufschaut, doch was sie nun sieht, ist keine Realität; es ist eine Szene, die ihre Fantasie heraufbeschwört: die Königin an der Stelle jenes Henkers, ihre Finger verfangen im blutigen Haar ihrer jungen Cousine, ihr Gesicht selbstgefällig, und nicht darauf achtend, dass Blut ihr Gewand besudelt. Alles ist still, mit Ausnahme des beharrlich wehenden Windes, der sich wie zum Protest wieder erhoben hat.
Levina tritt zur Seite und übergibt sich in den Rinnstein.
I KÖNIGIN MARY
Juli 1554Der Palast des Bischofs, WinchesterMary
Sitz still, Mary Grey«, mahnt Mistress Poyntz. Ihre Stimme ist ebenso hart wie ihre Finger. »Du zappelst.«
Sie zerrt meine Haare zu fest in die Bänder. Ich möchte sie am liebsten anschreien, sie solle damit aufhören und mich nicht mehr anfassen.
»Hier«, sagt sie nun, zieht mir die Haube über den Kopf und bindet sie unter dem Kinn. Sie bedeckt meine Ohren. Ich höre Meeresrauschen wie in der großen Muschel, an der wir in Bradgate immer gelauscht haben. Was ist nur aus dieser Muschel geworden, jetzt, da Bradgate nicht mehr unser Zuhause ist? »Magdalen wird dir in dein Gewand helfen.« Sie schubst mich in Richtung des dunkelhaarigen Mädchens, das mir einen schrägen, finsteren Blick zuwirft.
»Aber ich habe doch noch nicht …«, setzt Magdalen an.
»Du tust, was ich dir sage, bitte«, sagt Mistress Poyntz; ihre Stimme ist ebenso hart wie das Stützband unter meinem Unterkleid. Das Mädchen rollt mit den Augen und tauscht dann einen Blick mit Cousine Margaret neben ihr.
Unordnung umgibt uns: Gewänder quellen aus Truhen; Hauben hängen auf Leisten; Schmuck baumelt achtlos von verschiedenen Möbeln; und die Luft ist erfüllt mit dem Gestank zwölf unterschiedlicher Parfüms. Man kann sich kaum rühren, ohne einen Ellbogen ins Auge zu bekommen; wir sind so zusammengepfercht, dass die Mädchen übereinanderklettern, um an ihre Sachen zu kommen. Maman wohnt beinahe ebenso beengt wie wir, sie teilt den Raum mit fünf anderen Hofdamen, aber zumindest hat ihr Zimmer eine Tür. Die Unterkunft der Zofen, wo am letzten Abend sich vierzehn von uns zur Nachtruhe begeben haben, ist in Wirklichkeit nur ein durch einen Vorhang abgetrennter Bereich am Ende eines Flurs. Den ganzen Morgen schon verscheucht Mistress Poyntz Voyeure, die sich einen Blick auf die älteren Mädchen beim Ankleiden erhoffen.
Ich reiche Magdalen mein Gewand, die es hochhebt und mit einfältigem Grinsen fragt: »Wie soll das denn passen?« Mit spitzen Fingern hält sie es weit von sich.
»Dieser Teil«, erkläre ich und deute auf den hohen Kragen, der speziell so geschneidert wurde, dass er sich meiner Gestalt anschmiegt, »geht hier oben herum.«
»Über deinen Buckel?« Magdalen prustet vor Lachen.
Ich darf nicht weinen. Was würde meine Schwester Jane jetzt tun? Sei stoisch, Maus, hätte sie gesagt. Lass niemanden ahnen, was du wirklich empfindest.
»Ich verstehe nicht, warum die Königin eine solche Kreatur bei ihrer Hochzeit dabeihaben möchte«, flüstert Magdalen Cousine Margaret zu, aber nicht so leise, dass ich es nicht höre.
Da ich fürchte, ich könnte weinen, was meine Lage nur noch schlimmer machen würde, beschwöre ich ein Bild von Jane herauf. Ich erinnere mich, dass sie einst sagte: Gott hat entschieden, dich auf eine bestimmte Weise zu erschaffen, und dafür wird eseinen Grund geben. In seinen Augen bist du vollkommen – und inmeinen auch. Aber ich weiß, ich bin nicht vollkommen; ich bin verkrüppelt um die Schultern herum, und meine Wirbelsäule ist so krumm verwachsen, dass ich aussehe, als hätte ich zu lange mit dem Genick am Haken gehangen. Und ich bin klein wie ein fünfjähriges Kind, obwohl ich beinahe doppelt so alt bin. Im Übrigen zählt, was hier drinnen ist; vor meinem geistigen Auge legt Jane ihre Hand aufs Herz.
»Mary Grey hat mehr Berechtigung, an der Hochzeit der Königin teilzuhaben, als du«, sagt Jane Dormer, die Lieblingszofe der Königin. »In ihr fließt viel königliches Blut.«
Magdalen stottert: »Aber in welch einem missgestalteten Leib.« Schnaubend beginnt sie, mich in mein Gewand zu schnüren.
Das Leben meiner Schwester war der Preis für diese Hochzeit; es war das Werk der Königin. Obgleich einhundertvierundsechzig Tage seit ihrer Enthauptung vergangen sind (ich markiere jeden Tag in meinem Stundenbuch), schwindet das Gefühl von Verlust nicht im Geringsten – ich glaube, es wird nie vergehen. Ich bin wie der Baum im Park von Bradgate, in den der Blitz eingeschlagen hat, sein Inneres ist völlig verbrannt, er ist nun schwarz und hohl.
Es ist Sünde, die Königin zu hassen, wie ich es tue – eine hochverräterische Sünde. Aber ich kann nichts dagegen tun, dass Hass in mir aufquillt. Lass niemanden ahnen, was du wirklichempfindest, hätte Jane gesagt.
»Gut«, sagt Magdalen und wendet sich ab. »Du bist fertig.«
Sie hat mich so fest geschnürt, dass ich mich wie eine gefüllte und zugenähte Ringeltaube vor dem Braten fühle.
»Wird Elizabeth bei der Hochzeit zugegen sein?«, fragt Cousine Margret.
»Natürlich nicht«, antwortet Magdalen. »Sie ist in Woodstock eingesperrt.«
»Die Arme«, sagt Jane Dormer, und tiefes Schweigen senkt sich hernieder. Vielleicht denken sie alle gerade an meine Schwester Jane und was Mädchen zustoßen kann, die dem Thron zu nahestehen. Elizabeths Porträt hing lange in der Langen Galerie von Whitehall, aber nun sieht man dort nur noch das dunkle Rechteck auf der Holztäfelung, das es dort hinterlassen hat.
Der Gedanke, meine Schwester Katherine könnte nun eines dieser Mädchen an der Schwelle zum Thron sein, beunruhigt mich.
»Man hat mir erzählt, Elizabeth dürfe nicht einmal allein ohne Wache im Garten spazieren gehen«, wispert Magdalen.
»Genug jetzt mit diesem Tratsch«, tadelt Mistress Poyntz. »Wo ist deine Schwester?«
»Katherine?« Ich frage, da ich nicht weiß, wen sie anspricht – hier gibt es viele Schwestern.
»Hast du etwa noch eine Schwes…«, sie verstummt. Vermutlich erinnert sie sich, dass meine andere Schwester tot ist. Nun lächelt sie mich mit geneigtem Kopf an, streichelt mir über die Schulter und sagt: »Dieses Gewand ist schön geschnitten, Mary. Es kleidet dich gut.« Sie spricht in einem Singsang, als wäre ich ein kleines Kind.
Ich erkenne den Abscheu hinter ihrem Lächeln und sehe, dass sie mit der Hand, mit der sie mich berührt hat, über ihre Röcke streicht, als wollte sie sie abwischen. Ich sage nichts. Nun schickt sie Jane Dormer hinaus, sie solle nach Katherine suchen, die wahrscheinlich nichts Gutes im Schilde führt.
Ich entdecke das griechische Neue Testament im Stapel von Katherines Sachen und nehme es mit hinaus auf den Flur. Ich schlage den inneren Umschlag auf, worauf der Brief geschrieben steht, ich lese ihn nicht, ich betrachte nur Janes feine Handschrift. Ich brauche ihn nicht zu lesen, denn er ist in mein Herz gemeißelt.
Dies, liebe Schwester, ist das Gesetz des Herrn. Es istdas Testament und der letzte Wille, die er uns Elendenhinterlassen hat. Es wird Dich auf den Pfad ewiger Freudeführen. Und liest Du es mit guter Gesinnung, wird es Dir einunsterbliches, ewig währendes Leben bereiten. Es wird Dichunterweisen zu leben und Dich lehren zu sterben.
Ich habe versucht zu begreifen, warum es keinen Brief für mich gab. Warum sollte Jane Katherine geschrieben und sie ermutigt haben, dieses Buch zu lesen, wenn ich doch sicher weiß, dass Katherine Griechisch so gut wie gar nicht lesen kann. Ich bin es, die diese Sprache beherrscht; ich bin es, die Jane zugehört hat, wenn sie jeden Tag aus ihrer griechischen Bibel las, während Katherine ihre jungen Hunde durch die Gärten jagte und Vaters Pagen schöne Augen machte. Ich sage mir, Jane muss sich gedacht haben, dass ich keinen Leitfaden brauche. Aber obwohl ich weiß, dass es eine Sünde ist, verspüre ich überschäumenden stillen Neid auf Katherine, nicht weil sie so schön wie eine Sommerwiese ist und ich so gekrümmt wie ein Obstbaum am Spalier, sondern weil sie diejenige ist, der Jane sich entschieden hat zu schreiben.
»Mary, sollen wir ein bisschen spazieren gehen?« Peggy Willoughby nimmt meine Hand und führt mich hinaus zu dem Säulengang, der den Garten einrahmt. Es hat kräftig geregnet, und alles verströmt diesen frischen lehmigen Duft eines Sommergusses. Wir setzen uns auf eine geschützte Steinbank, wobei wir sorgsam darauf achten, dass unsere Gewänder nicht nass werden, denn jeder Wassertropfen hinterlässt Flecken auf der Seide und handelt uns Ärger mit Mistress Poyntz ein. Wir beide sind die Jüngsten; Peggy, Mamans Mündel, ist nur ein Jahr älter als ich, jedoch über einen Kopf größer, da ich so besonders klein bin. Sie ist blond, hat eine Stupsnase und runde blaue Augen, aber ihre Oberlippe ist gespalten, und sie spricht etwas seltsam.
»Wie mag er wohl sein, was glaubst du?«, fragt Peggy. Sie meint den Zukünftigen der Königin, den spanischen Prinzen Felipe; schon seit Tagen spricht man im Zofengemach kaum über anderes.
Ich zucke mit den Schultern. »Du hast das Gemälde gesehen.«
Wir alle haben das Gemälde in Whitehall hängen sehen, diese Augen unter schweren Lidern, die einen verfolgen, wo immer man steht. Allein der Gedanke daran jagt mir eine Gänsehaut über den Körper. Er trägt eine glänzend schwarze, hier und da vergoldete Rüstung, und seine Strümpfe sind weißer als die Daunen eines Schwans. Katherine und Cousine Margaret hatten vor dem Gemälde gestanden, als es aufgehängt wurde, und sich gegenseitig angestupst. »Sieh doch, seine feinen Beine, so dünn«, hatte Cousine Margaret gesagt. »Und der Hosenbeutel«, hatte Katherine angemerkt und puffte vor unterdrücktem Kichern.
»Aber ich meinte«, sagt Peggy, »ob er wohl die Inquisition mitbringt, wie manche es behaupten.« Sie spricht das Wort »Inquisition« aus, als wäre es heiß und als müsste sie es ausspucken, ehe es ihr die Zunge verbrennt.
»Ach das«, sage ich. »Das weiß niemand.«
»Was ist denn überhaupt die Inquisition?«
»Das weiß ich nicht so genau, Peggy«, entgegne ich ihr. Das ist eine Lüge; ich weiß sehr genau, was sie ist, denn Maman hat es mir erklärt. Menschen werden für ihren Glauben verfolgt und bei lebendigem Leibe verbrannt. Aber ich möchte Peggy keine Angst einjagen, denn sie hat schon genügend Albträume; und hätte sie auch nur die leiseste Ahnung des Terrors, der laut Maman an Englands Türen klopft, täte sie kein Auge mehr zu. »Solange wir gute Katholiken sind, haben wir nichts zu befürchten.«
Ihre Hand greift nach dem Rosenkranz, der an ihrem Gürtel hängt. Peggy ist ebenso sehr katholisch wie ich, das heißt, überhaupt nicht; aber wir müssen vorgeben, es zu sein, denn unser Leben hängt davon ab. So sagt Maman.
»Erlaubt darum die Königin Elizabeth nicht, an den Hof zu kommen? Weil sie den katholischen Glauben nicht akzeptieren will?«
»Wie soll ich das wissen?«, erwidere ich, denke an meine tote Schwester und frage mich, ob Elizabeth ebenso enden wird und dann auch Katherine. Doch ich schlucke diesen Gedanken hinunter, ehe er sich in mir festsetzt.
»Du weißt auch gar nichts.«
Dass sie das denkt, entspricht ganz meiner Absicht, denn in Wahrheit weiß ich viel zu viel. Das liegt daran, dass ich den Gesprächen lausche, von denen die meisten Erwachsenen glauben, dass ich sie nicht verstehe. Ich weiß, dass der spanische Botschafter Elizabeth loswerden möchte, so wie er Jane loswerden wollte. Ich weiß auch, dass die Königin sich noch nicht ganz überwinden kann, ihre Schwester zu verurteilen. Aber genau das hatten wir auch von Jane gedacht, denn Jane war eine der Lieblingscousinen der Königin. Das macht mir bewusst, dass ich, obwohl ich vieles weiß, noch viel mehr nicht weiß. Aber etwas, das ich mit Bestimmtheit weiß, ist, dass England diese spanische Hochzeit nicht gefällt und überaus fürchtet, was sie für die Zukunft bedeuten mag. »Würdest du mir helfen, mein Kleid etwas zu lockern?«, bitte ich Peggy, um das Thema zu wechseln. »Es sitzt unerträglich eng.«
Peggy schnürt mich ein wenig auf, was den Schmerz in meinem Rücken mildert. Ich beobachte eine Amsel, die mit ihrem buttergelben Schnabel in etwas hineinpickt; mit ihren Beinen, die so dünn sind, dass sie einem Wunder gleich ihren Körper tragen, hüpft sie über die Steine. Als sie auffliegt, dem Himmel entgegen, muss ich an Vergissmeinnicht denken, den blauen Sittich der Königin; ein prächtiges Tier, das dazu verdammt ist, sein ganzes Leben in einem Käfig herumzukratzen und Wörter nachzukrächzen, die es nicht versteht.
»Hast du dir je vorgestellt, dass Tiere eine Seele haben?«, frage ich.
»Oh, nein, es ist gottlos, so etwas zu denken.«
Ich möchte sie fragen, ob sie einmal darüber nachgedacht hat, ob Gott überhaupt existiert. Sie wäre erschrocken, dass ich einen solchen Gedanken hege, und würde sich bestimmt veranlasst sehen, es zu erzählen, und sei es nur, um mich vor mir selbst zu schützen. Ich stelle mir Mistress Poyntz’ entsetztes Gesicht vor. Wer weiß, was dann geschehen würde. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Glaube nicht wahr sein kann, solange man ihn nicht gründlich infrage gestellt hat. Aber solche Vorstellungen sind Ketzerei. Das weiß ich. Ich spüre, dass Jane an meine Gedanken klopft. Hat sie je ihren Glauben angezweifelt? Sollte sie es getan haben, so sprach sie nie darüber. Nein, ich denke, Jane glaubte, wie Katherine liebt, nämlich felsenfest.
Bist du bei Gott?, frage ich meine tote Schwester still und spüre einen kalten Hauch über mein Gesicht streichen.
»Komm«, sagt Peggy. »Mistress Poyntz wird sich schon fragen, wo wir bleiben.«
Katherine
»Harry Herbert, Harry Herbert, Harry Herbert, Harry Herbert …« Ohne Unterlass flüstere ich seinen Namen, während ich um den Fischteich herumlaufe. Der Boden ist mit Wasser vollgesogen, und der nasse Saum meines Rocks schlägt gegen meine Knöchel.
»Lady Katherine, Katherine Grey.« Jane Dormer steht auf der Treppe und ruft nach mir. Ich tue so, als hörte ich sie nicht.
»Harry Herbert, Harry Herbert, Harry Herbert.« Unter meinem Brusttuch, nahe meinem Herzen, trage ich sein Andenken: ein Satinband, dass Harry Herbert mir als Glücksbringer zu unserer Hochzeit geschenkt hat. Es war von zartestem Hellblau, wasserfarben, aber unterdessen nicht mehr, denn ich trage es schon so lange an mir, dass es sich zu einem schmutzigen Grau gewandelt hat. Wie passend – ein graues Band für eine Grey-Tochter. Angesichts der Schlichtheit unseres Namens – grau wie Dachschindeln oder Pflastersteine oder das Haar einer alten Herzogin – käme man nie auf den Gedanken, dass wir Greys eine so erlauchte Familie und nächste Vettern und Cousinen der Königin sind. »Harry Herbert, Harry Herbert, Harry Herbert.« Ich bemühe mich, mein ganzes Denken auf ihn zu konzentrieren, damit kein Raum für Gedanken an meine Schwester Jane bleibt oder an meinen Vater, die mir fehlen, als hätte ich ein Loch in meinem Inneren.
Ich erinnere mich mit schmerzlicher Schuld, wie eifersüchtig ich auf Jane war. Deine Schwester ist ein Wunder, sagten die Leute immer, ein Vorbild, von höchster Intelligenz und Anmut. Das ließ mich vor Eifersucht manchmal fast den Verstand verlieren. Aber nun vermisse ich sie bis ins Mark und kann nicht an sie denken, aus Angst, dass ich in Kummer ertrinke. Ich muss meine Gedanken auf anderes richten. Schließlich bin ich vierzehn Jahre alt, und Mädchen meines Alters sollten an die Liebe denken, oder? »Harry Herbert, Harry Herbert, Harry Herbert.« Und übrigens sagen alle, ich sei die Schönste der Familie, und in Anbetracht des Schicksals meiner armen Schwester möchte ich sehr viel lieber die Schönheit sein als das Vorbild.
Ich breite die Arme aus und drehe mich im Kreis. Noch immer gebe ich vor, Jane Dormer nicht zu hören, die verärgert mit gerafften Röcken die Stufen herab- und auf mich zukommt. Ich schaue hinauf in den Himmel, während ich mich drehe. Die Sonne ist eine Silbermünze hinter einer fedrigen Wolke. »Harry Herbert, Harry Herbert.« Ich versuche, das Gesicht meines Gemahls heraufzubeschwören, doch schon so lange habe ich ihn nicht mehr gesehen, ganze sieben Monate, und sein Bild ist zu einem vagen Eindruck verblasst. Doch ich erinnere mich an seinen Duft: nach Mandeln. Der Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal sah, war unser Hochzeitstag. Ich war wütend über diese ganze Idee und wollte keinesfalls heiraten; ich betrauerte eine vereitelte Caprice für einen meiner Cousins. Ich kann mich kaum noch erinnern, wie er aussah, dieser Cousin, und damals dachte ich, ich würde vor Sehnsucht nach ihm sterben.
Meine Schwester Jane hat mir immer gesagt, ich sei zu gefühlvoll, und sollte ich nicht achtsam sein, würde ich mich zugrunde richten. Aber ich kann nicht anders. Wer kann schon diesem Gefühl widerstehen, dem Rausch, dem Wirbel, dem Leichtsinn der Liebe? Genau das empfand ich, als ich zum ersten Mal Harry Herbert in dem grünen Seidenwams erblickte und seine dazu passenden grünen Augen, die sich auf mich richteten. Kaum sah ich Harry Herberts Lächeln, diese billigende Anerkennung, fiel der arme Cousin dem Vergessen anheim.
Jane Dormer rückt mir bedrohlich nahe. Ich höre auf, mich zu drehen, und muss mich an ihrem Arm festhalten, um nicht umzufallen. Das Um-Himmels-willen-Gesicht, das sie aufsetzt, entlockt mir atemloses Gelächter. »Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt, Katherine.« Sie hält inne, wendet den Blick von mir ab und legt die Hand vor den Mund, als wolle sie verhindern, dass ihm weitere Worte entfleuchen.
»Ich feiere die Hochzeit der Königin.« Ich spüre, dass selbst Jane dies gutheißt.
Jane Dormer ist wirklich nicht so übel, nur so ganz anders als ich.
»Mistress Poyntz hat mich gebeten, dich zu holen. Wir müssen uns beeilen, du hast ja noch nicht einmal dein feines Gewand an.« Sie hakt mich unter und führt mich zum Schlosshof.
»Harry Herbert wird bei der Hochzeit zugegen sein.«
»Du wirst dich doch nicht noch immer nach ihm verzehren? Er ist nicht einmal mehr dein Gemahl … und ganz ehrlich, er war es nie.«
Die plötzliche Röte auf ihren Wangen verrät mir, dass sie damit meint, wir hätten die Ehe nicht vollzogen. Um ehrlich zu sein, bin ich mir dessen nicht ganz sicher. Die offizielle Geschichte lautet natürlich: Obwohl ich etwa einen Monat unter dem Dach seiner Eltern gelebt habe, seien wir noch Kinder, und aus dem Grund habe man uns voneinander ferngehalten. Als all die Schwierigkeiten begannen und Jane in den Tower gebracht wurde, versuchten die Herberts, sich von den Greys zu distanzieren; darum schickte man mich zurück ins Haus meiner Mutter, ein unberührtes Mädchen von dreizehn Jahren. Doch die Wahrheit ist eine andere, denn wir entwischten immer wieder heimlich unseren Anstandsdamen und genossen Momente der Zweisamkeit. Wenn ich heute daran denke – an seine forschenden Hände, an seine Zunge in meinem Mund –, habe ich das seltsame Gefühl im Bauch, als würde sich eine Natter entrollen. Ich weiß nicht genau, ob dies bedeutet, dass wir die Ehe vollzogen haben; sicherlich haben seine Finger meine feuchten Stellen berührt.
Im Gemach der Zofen reden wir nachts viel über diese Dinge, aber keine von uns weiß mit Bestimmtheit, was in einem Ehebett geschieht. Cousine Margaret sagt, der Mann müsse seine Hose geöffnet haben. Ich bin mir recht sicher, dass Harrys Hose zugeschnürt war – aber im Dunkeln, wenn man in Wallung gerät und sich darin verliert, ist es schwer zu sagen. Magdalen Dacre sagt, man könne von einem Kuss guter Hoffnung werden, wenn die Zunge nur tief genug hineintauche. Und Francis Neville meint, es reiche schon, dass ein Junge einen da unten berühre. Wir alle haben sich paarende Hunde im Hof beobachtet, aber vielleicht ertragen die meisten Mädchen es nicht zu glauben, Gott wolle, dass wir uns wie Tiere verhalten, um Kinder zu zeugen. Und obwohl ich es ihnen niemals gestehen würde, finde ich diese Vorstellung seltsam erregend.
»Oh, meine Liebe, sieh doch, meine Schuhe!« Mein Blick fällt auf die durchnässten Dinger, die unter meinen Röcken hervorlugen, als wir die Treppe hinaufgehen. Es sind meine liebsten Tanzschuhe. Das Rot von den Seidenblumen ist in das helle Leder gesickert, und außerdem sind sie lehmverschmiert. Nun bereue ich, dass ich so unachtsam mit etwas so Wertvollem war.
»Die sind hin«, sagt Jane Dormer, und unerklärlicherweise steigen mir plötzlich Tränen in die Augen.
Zwei Männer, von oben bis unten nach spanischer Mode gekleidet, gehen schwatzend an uns vorüber. Hier wimmelt es nur so von Spaniern. Sie haben walnussfarbene Haut und dunkle Augen, die uns kurz mustern. Was sie sehen, gefällt ihnen, falls das knappe Lächeln, das um die Lippen des Hübscheren der beiden spielt, irgendetwas besagt. Sie verneigen sich und ziehen ihr Barett. Jane will nicht zu ihnen aufblicken, doch ich biete die Hand, die leider der Picklige ergreift, der mir den Eindruck macht, als wollte er sie als Ganzes verschlingen.
Trifft man zwei Männer, und ist einer gut aussehend, befindet er sich unweigerlich in Begleitung eines anderen, der es nicht ist; woran liegt das? Der Picklige hat etwas hungrig Hündisches an sich, und obgleich ich Hunde sehr mag (zu sehr, wie manche meinen, denn ich habe fünf), missfällt mir dieser Kerl mit seinem gierigen Blick. Der andere ist nicht mehr ganz so jung, vielleicht um die fünfunddreißig, aber er sieht prächtig aus in seinem Gewand und ist überaus gut gebaut, auch wenn er mich nur kurz anschaut und zu Jane stiert. Ihr Blick ist noch immer zu Boden gerichtet, während seiner wie ein fliegender Fisch über sie tanzt.
»Das ist ein wunderschöner Stoff«, sage ich zu ihm und streiche mit einem Finger leicht über seinen karmesinroten Ärmel, in der Hoffnung, seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.
»Gracias«, entgegnet er flüchtig und schaut mich dabei kaum an. Anscheinend hat Jane Dormer ihn fest in den Bann geschlagen, denn nun hat sie ihm einen raschen Blick in ihre sanften braunen Augen in ihrem schneeweißen Gesicht erlaubt. Offensichtlich kann er sich nicht von ihr losreißen; ich muss einräumen, dass ich diesen Wettbewerb verloren habe. Doch ich gebe mich freudig geschlagen, denn an Jane Dormer ist kein Arg.
»Bäret Ihr zo lievensbürdig, mir su erlauben, dass ich mich vorstelle?«
Er brauchte unendlich viel Zeit, diese Worte auszustoßen, und ich musste mich anstrengen, mein Kichern zu unterdrücken; doch Jane, ein Bild an Selbstbeherrschung, sieht rasch auf und sagt ohne den geringsten Anflug von Freude im Gesicht: »Es würde mich sehr freuen.«
»Gómez Suárez, Conde de Feria«, verkündet er mit einer weiteren, nun tieferen Verbeugung.
Da Jane völlig sprachlos ist, bezwinge ich mein Glucksen und sage: »Dies, mein Herr, ist Jane Dormer, und ich bin Lady Katherine Grey.«
»Yane Do-ma«, sagt er, und wieder dringt mir ein schnaubendes Kichern aus der Nase, doch er scheint meine Unhöflichkeit kaum zu bemerken, denn er schaut Jane an, als wäre sie die Jungfrau persönlich. »Delectatus«, sagt er nun auf Latein.
»Ego etiam«, erwidert sie.
Ich wollte, ich hätte meinem Lateinlehrer besser zugehört.
Wenn ich verzweifelte Tränen über meinen Büchern vergoss – selbst meine kleine Schwester schien klüger als ich –, sagte meine Kinderfrau immer: »Keine Sorge, du bist so hübsch, dass es keine Rolle spielt.«
»Si vis, nos ignosce, serae sumus«, fügt Jane noch an, dann nimmt sie meine Hand, und wir gehen.
»Vos apud nuptias videbo«, sagt Feria. Das einzige Wort, das ich verstehe, ist »nuptias«, was so viel wie Hochzeit bedeutet.
Kaum im Flur, stupse ich Jane an und flüstere: »Da mag dich jemand.«
»Du kannst sie ja nicht alle haben«, entgegnet sie mit einem scheuen Lächeln.
»Nein, er gehört ganz eindeutig dir.«
Sie kennt mich recht gut und weiß, ich will, dass alle mich wollen. Ich kann nichts dagegen tun. Das erspart mir, über all die Dinge nachzudenken, die ich lieber vergessen möchte. Ich richte meine Gedanken wieder auf Harry Herbert und verspüre Aufregung bei der Vorstellung, ihn gleich zu sehen. Ich weiß, er gehört zu Felipes englischer Entourage, und ich bin froh, dass mir Magdalen Dacre ihre Chopinen mit den hölzernen Sohlen leiht, denn sie machen mich größer. Sie sagt, es sei unmöglich, damit vernünftig zu laufen, aber ich habe den ganzen Vormittag geübt, Flur auf, Flur ab, bis ich mich an sie gewöhnt hatte, und glaube nun, dass ich schon zurechtkommen werde. »Harry Herbert, Harry Herbert, Harry Herbert«, murmle ich und eile in die Unterkunft der Zofen, um mich umzukleiden.
Als ich zu den Gemächern der Königin komme, wo ich mir vor der Tür noch rasch die Haube zubinde, sehe ich, als ich eintrete, dass alle bereit sind aufzubrechen. Susan Clarencieux ruft Anweisungen, mit denen sie jedem erklärt, welche Stelle er in der Prozession einnimmt, und wie üblich gibt es Streitereien über die Rangordnung. Maman winkt Mary und mich weit nach vorne, wo wir hingehören, hinter sich und die Gräfin von Lennox, die ebenfalls eine Cousine der Königin von Tudor-Seite ist. Aber Cousine Margaret macht einen Aufstand, denn sie will neben mir gehen. Sie drängt sich vor Mary, sodass ich ihr, um meine Schwester zu verteidigen, einen Stoß versetze, einen wütenden Blick zuwerfe und ihr aus gezieltem Versehen auf den Zeh trete, was ihr wegen der Chopinen gewaltig wehtun muss. Wenn meine Schwester Jane hier wäre, würde sie an meiner Seite gehen und Margaret neben Mary. Dieser Gedanke wühlt mich auf, und mehr noch, wenn ich mich daran erinnere, dass auch Vater – in seiner prachtvollen Robe des Hosenbandordens – nicht bei den anderen in der Kathedrale sein wird. Ich halte es nicht aus, an ihn zu denken. Ich atme tief ein, um den Tränen Einhalt zu gebieten, zwicke mich in die Wangen und beiße mir auf die Lippe. »Harry Herbert, Harry Herbert, Harry Herbert.«
Nachdem wir von der Schlemmerei ganz aufgebläht sind, wird die Tafel abgedeckt, und die Musiker treten an. Die Spanier haben sich auf der einen Seite des Saals gesammelt – kaum einer von ihnen hat ein Lächeln im Gesicht –, sie sehen aus, als wären sie überall lieber als hier. Und die Engländer, die sich auf der anderen Seite zu einer feindlichen Schar drängen, beäugen sie. Man hat eher den Eindruck, sich auf einem Schlachtfeld zu befinden als auf einem Hochzeitsfest. Der neue Gemahl der Königin hat einen finsteren Ausdruck auf seinem Habsburgergesicht, denn er bekam das Essen auf Silber- und sie auf Goldtellern serviert. Aber finsterer Blick hin oder her, es ist nicht zu leugnen, er macht eine gute Figur; und ich frage mich, wie die Königin, die in ihrem prachtvollen Hochzeitsgewand ganz verloren aussieht und von ihren Juwelen niedergedrückt wird, sich die Aufmerksamkeit ihres jungen Gemahls erhalten will.
Harry Herbert sucht zum tausendsten Mal meinen Blick. Er wirft mir eine Kusshand zu; ich mache eine Geste, als würde ich den Kuss auffangen und an mein Herz drücken. Schon während der Messe, als wir eigentlich dafür beten sollten, dass die Königin England eine ganze Schar von Erben schenkt, haben Harry und ich uns angesehen. Er stand da, als ich die Treppe der Kathedrale betrat; nur mit größter Mühe konnte ich widerstehen, aus der Prozession auszubrechen und mich in seine Arme zu stürzen. Er strich sich die dunkle Locke aus der Stirn und warf mir ein Lächeln zu, als ich an ihm vorüberging; ich fürchtete, ohnmächtig zu werden.
Die Männer stellen sich für eine Pavane in einer Reihe auf, die Damen ihnen gegenüber. Ich sehe, dass Harry Herbert auf mich zukommt, doch sein Vater greift nach seinem Handgelenk und zerrt ihn hinüber zu einer der Talbot-Töchter, mit der er tanzen soll. Zu allem Unglück steht mir Ferias hündischer Freund gegenüber, der die Schritte nicht kennt und mich immer wieder in die falsche Richtung dreht. Um ehrlich zu sein, ich kämpfe mit den Chopinen, denn sie haben meine Fersen aufgerieben; darum entschuldige ich mich, sobald es die Höflichkeit zulässt, und überlasse Cousine Margaret neben mir den pickligen Spanier und setze mich zu Mary, die ganz alleine ist. Keines der Mädchen, mit Ausnahme der hasenschartigen Peggy Willoughby, die aber bereits zu Bett gegangen ist, will mit ihr gesehen werden. Erst als wir an den Hof kamen, ist mir aufgefallen, dass Mary anders ist – natürlich habe ich gesehen, dass sie bucklig ist, aber zu Hause machte niemand Aufhebens davon; sie war immer einfach Mary, unsere kleine Maus. Aber hier meine ich, sie gegen die Zofen verteidigen zu müssen; sie sind schlimmer als ein Schlangennest.
Seufzend lehnt Mary den Kopf an die Holztäfelung. »Ich wollte, ich könnte mich zurückziehen.« Ich würde sie gerne in die Arme schließen, aber ich weiß, dass sie es nicht mag. Sie sagt, Legionen von Ärzten und weisen Frauen haben schon zu oft in ihrem Leben an ihr herumgezupft. Sie haben sie festgeschnallt, gestreckt und ihr faulig schmeckende Kräutersude verabreicht, um ihre Knochen zu erweichen, alles Versuche, ihren Körper gerade aufzurichten. Dann gab es die Priester und ihre Gebete, einer hat sogar in der Kapelle von Bradgate einen Exorzismus praktiziert. Doch Marys Körper blieb, wie er war. Ich verhake meinen kleinen Finger mit ihrem, das tun wir immer statt einer Umarmung.
Ich beobachte Harry Herbert, während er mit Magdalen Dacre tanzt; sie lachen zusammen über einen Scherz. Ich ertrage es nicht, sie zu sehen, aber ebenso wenig kann ich meinen Blick abwenden. Er nimmt ihre Hand, und mein Inneres krampft sich zusammen.
»Ich habe Neuigkeiten«, sagt Mary.
»Worüber?«
»Über Maman …« Sie zögert, sodass ich gleich an das Schlimmste denke. Ich möchte es nicht hören, mir die Finger in die Ohren stecken und summen, denn ich fürchte mich vor einer weiteren schlechten Nachricht und dass ich zusammenbrechen könnte.
»Es ist doch nichts Schlimmes?«
»Nein, etwas Gutes.« Sie schaut zu mir auf mit ihren runden kastanienbraunen Augen, die denen eines neugeborenen Rehs ähneln.
»Was ist es denn?« Harry Herbert flüstert etwas in Magdalens Ohr, und alles sträubt sich in mir.
»Sie beabsichtigt zu heiraten.«
Nun hat er sie dem hündischen Spanier weitergereicht und tanzt mit Cousine Margaret. Dann dämmert es mir, was Mary gerade gesagt hat. »Maman, heiraten! Nein. Das ist nur Tratsch, Maus.«
»Aber, Kitty, es stammt aus ihrem eigenen Munde.« Wie kommt es nur, dass Maman alles zuerst Mary erzählt? Nun hat sie Wieselaugen; und ich spüre die alte Eifersucht in mir aufwallen, die ich immer Jane gegenüber empfand. Mit Mühe erinnere ich mich daran, dass dies hier die bucklige kleine Mary ist, die es nicht böse meint. »Sie hat mir gesagt, sie habe die Absicht, Mister Stokes zu ehelichen.«
»Adrian Stokes? Das kann nicht stimmen. Er ist ihr Stallmeister … nicht mehr als ein Diener. Im Übrigen würde die Königin nie erlauben …«
»Sie hat die Erlaubnis …«, unterbricht mich Mary.
»Hat sie das gesagt?« Mir schwirrt der Kopf, und ich spüre brodelnde Wut in mir aufsteigen, als ich an meinen großartigen Vater und dann an diesen Niemand denke, der sich um die Pferde kümmert. »Wie kann sie nur?« Der Schmerz über den Verlust meines Vaters ist wie ein Messer in den Eingeweiden. Ich war Vaters Liebling; er konnte es nicht verbergen.
»Ich glaube«, sagt Mary mit dünner Stimme, »dass sie genug hat. Sie meinte, wenn sie unter ihrem Stand heirate, dürfe sie sich vom Hof zurückziehen, wir könnten mit ihr gehen und seien in Sicherheit.«
»In Sicherheit!«, schnaube ich.
»Und sie liebt ihn, Kitty.«
»Das ist unmöglich«, entgegne ich. »Ihre Mutter war die Schwester von König Henry und die Gemahlin des Königs von Frankreich. Und außerdem, selbst wenn es möglich wäre, Ladys wie Maman gehen keine Liebesheirat mit ihren Stallburschen ein.« Aber insbesondere ich sollte wissen, dass die Liebe an jedem überraschenden Ort aufflammen kann und man überdies von Sinnen ist, wenn man in ihre Fänge gerät.
Die Vorstellung, dass Maman nicht mehr bei Hofe sein und das Leben einer Landfrau führen werde, kann ich nicht ertragen, sie wäre nicht mehr die Herzogin von Suffolk, sondern nur die einfache Mistress Stokes – der Gedanke daran fährt mir wie ein Stich unter die Haut. Ich weiß in meinem Innersten, dass ich ihr Glück wünschen sollte, aber ich kann nicht anders. »Und du verlässt mit ihr den Hof?«
»Ich weiß es nicht, Kitty. Vielleicht erlaubt es die Königin nicht. Schließlich bin ich ihr Schoßäffchen.« Sie sagt es mit ungewohnter Bitterkeit.
»Maus.« Nun empfinde ich tiefe Liebe für meine kleine Schwester in mir aufwallen. Der Groll wegen ihrer Nähe zu Maman fällt von mir ab, wenn ich mir Marys reale Lebensbedingungen vorstelle. »Komm, ich schmuggle dich hier heraus und bringe dich zu Bett. Es wird niemandem auffallen.«
»Sieh doch«, sagt sie und hebt den Saum meiner Röcke. »Dein Fuß blutet. Die Schuhe sind schuld. Ich werde ihn dir verbinden.«
Ich bin voll guter Absichten, doch während wir da stehen, ist er plötzlich da, Harry Herbert, warm und nach Mandeln duftend; er schlingt seinen Arm um meine Taille und flüstert mir ins Ohr: »Komm mit mir nach draußen. Es schaut gerade niemand.«
Ich weiß, ich sollte ablehnen und ihm sagen, ich müsse mich darum kümmern, dass meine Schwester ins Bett kommt, dass wir über wichtige Dinge reden müssen; doch schon bin ich in seine Welt hineingezogen. Ich kann nicht anders.
»Nur einen Augenblick«, sage ich zu Mary, und schon lasse ich mich hinausführen, mein blutender Fuß ist vergessen – alles ist vergessen.
Draußen ist es warm, und der runde Mond wirft silbernes Licht auf den Schlosshof.
»Hier.« Harry reicht mir ein Fläschchen. Ich setze es an die Lippen und schlucke die ganze Flüssigkeit in einem Zug. Sie brennt in meiner Kehle, sodass ich husten muss. Ich lache und er auch.
»Harry Herbert. Harry Herbert. Bist du es wirklich?«
»Ich bin es, meine schöne Kitty Grey.«
Ich ziehe ihm das Barett vom Kopf und streiche ihm durchs Haar.
Wir finden uns in einem kleinen ummauerten Garten wieder, ein Stück vom Hof entfernt, mit Eibenhecken und einem dichten Rasen. Wir sinken nieder, und seine Finger nesteln an meinen Bändern. Ich schmecke seinen salzigen Nacken. Seine Hand ist in meinem Kleid.
»Wir sind noch immer Mann und Frau«, sagt er.
»Somit ist es keine Sünde.« Ich lache. »Wie schade.«
»Unartige Kitty. Mein Vater würde mich prügeln, wenn er uns hier fände.«
Ich winde mich aus meinem Obergewand, streife die Haube ab, sodass mein Haar sich auf das feuchte Gras ergießt, und breite die Arme aus. Er ist über mir und lächelt, ganz silbern im Mondlicht.
»Ich habe dich so vermisst, Kitty, so schrecklich vermisst«, murmelt er. Sein heißer Atem liebkost meine Haut, er drückt seine Lippen auf meine. Endlich fühle ich mich lebendig.
Mary
Ich warte schon ewig auf Kitty. Vermutlich kommt sie nicht zurück. Die Sorge, dass dieser Harry Herbert sie in Schwierigkeiten bringt, nagt an mir. Ich beobachte seinen Vater, Pembroke, der auf der Tanzfläche nach ihm sucht. Ich meine, Katherines goldenes Haar in einer Menschenmenge nahe der Tür zu entdecken, aber ich täusche mich, denn als das Mädchen ganz in meinem Blick ist, hat sie nicht die strahlenden Augen und den knospenden Mund meiner Schwester. Es ist nur ein Mädchen, das ihr ein wenig ähnelt. Es fällt auf, dass ich hier ganz alleine sitze, und ich sehe neugierige Blicke zu mir herüberhuschen. Ich fühle mich angestarrt wegen meiner Hässlichkeit, so wie meine Schwester sich für ihre Schönheit angegafft fühlen muss. Mein Kleid zwängt mich ein, und mein Rücken schmerzt in dieser Enge. Ich überlege, mich allein zu dem Gemach der Zofen davonzuschleichen, aber ohne Hilfe komme ich nie an die Bänder hinten an meinem Gewand; und Peggy schläft bestimmt schon längst. Und Maman ist damit beschäftigt, die Königin zu bedienen. Ich erwäge sogar, nach Mistress Poyntz Ausschau zu halten, aber der Gedanke an ihre Strenge entmutigt mich.
Ich beschließe, noch ein wenig zu warten, und sehe, dass die Königin ihren neuen Gemahl betrachtet. Wie eine Blume ist sie erblüht, doch er kann seine Enttäuschung nicht verbergen. Was hatte er erwartet? Hatte man ihm ein Bildnis geschickt, das ihr ein wenig zu sehr schmeichelt, wie jenes von mir, das Maman aufbewahrt, auf welchem meine Gestalt vollkommen aussieht? Je länger ich das junge Paar betrachte, umso stärker fühle ich, dass mich Hass für sie beide erfasst. Sein Unmut verhöhnt den Preis, der für diese Vermählung gezahlt wurde – das Leben meiner Schwester.
Ich werde niemals vergessen, wie ich die Wahrheit hinter dieser spanischen Verbindung entdeckt habe. Es war im letzten Winter, in der schweren Zeit nach einer gescheiterten Rebellion der Reformisten, die den Thron an sich reißen wollten. Die Hofdamen, und ich unter ihnen, saßen die ganze Nacht wach, dicht gedrängt im Gemach der Hofdamen in St. James; erstarrt erwarteten wir die Rebellenarmee. Vater war irgendwo draußen bei ihnen, obwohl ich das damals noch nicht wusste. Ich hörte Maman Levina zuflüstern, es gebe ein »Blutbad«, falls die Aufrührer es bis zum Palast schafften. Ich begriff es damals noch nicht, aber ich habe in diesen letzten Monaten etwas über die Welt gelernt. Maman sagte auch, wir sollten alle insgeheim dafür beten, dass der Aufstand gelinge, denn sollte die Königin abgesetzt werden, würde Jane aus dem Tower befreit, wir dürften aber niemandem außer Gott auch nur ein Wort davon sagen. Vieles davon verstehe ich noch nicht ganz, und sosehr ich mich auch bemühe, ich kann die Puzzlesteine nicht zusammenfügen. Die Leute erzählen mir nichts; sie halten mich für zu jung. Aber ich weiß mehr, als sie glauben.
ENDE DER LESEPROBE
