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Ein sterbender König. Eine schöne Königin in Gefahr. Und ein erbitterter Krieg, der alles zu zerstören droht ...
Als Katherine Parr mit einunddreißig Jahren den alten, sterbenden König Heinrich den VIII. heiratet, ist sie bereits seine sechste Ehefrau. Klug, schön und praktisch veranlagt, scheint sie die perfekte Königin und ihrer Zeit weit voraus. Aber ihr Herz gehört einem anderen. Denn Katherine ist unsterblich in Thomas Seymour, den Bruder von Heinrichs dritter Ehefrau, verliebt, mit dem sie bald eine leidenschaftliche Affäre beginnt. Doch nicht nur deshalb hängt ihr Leben an einem seidenen Faden: In England tobt ein blutiger Religionskrieg, und Katherine muss schnell handeln, bevor dieser für sie zur tödlichen Bedrohung wird ...
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Seitenzahl: 700
Veröffentlichungsjahr: 2014
Elizabeth Fremantle
DAS SPIEL DER KÖNIGIN
Roman
Aus dem Englischen von Sabine Herting
C. Bertelsmann
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Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Queen’s Gambit« im Verlag Michael Joseph, published by the Penguin Group, London.
Copyright © 2013 by Elizabeth Fremantle
Copright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014 beim C. Bertelsmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Covergestaltung: bürosüd
Covermotiv: Richard Jenkins Photography
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-12384-0V004
www.penguin.de
Für Alice und Raffi
Charterhouse, London, Februar 1543
Der Notar riecht nach Staub und Tinte. Wie kommt es wohl, überlegt Latymer, dass, wenn ein Sinn nachlässt, ein anderer schärfer wird. Alles steigt ihm in die Nase, der Biergeruch im Atem des Mannes, der Hefeduft des Brots, das unten in der Küche gebacken wird, der Geruch des feuchten Fells von Rig, des Spaniels, der sich am Kamin behaglich zusammengerollt hat. Aber sehen kann er kaum etwas, das Zimmer erscheint ihm verschwommen, und der Mann, der sich mit einem verzerrten Lächeln über sein Bett beugt, ist nur eine schemenhafte, dunkle Gestalt.
»Hier unterschreiben, my Lord«, sagt er in einem Ton, als redete er mit einem Kind oder einem Idioten.
Veilchenduft weht an sein Bett. Es ist Katherine, seine liebe, liebe Kit.
»Lass mich dir helfen, John«, sagt sie, als sie ihn aufsetzt und ihm ein Kissen in den Rücken stopft.
Ohne jede Anstrengung zieht sie ihn nach vorn. Er muss in diesen letzten Monaten stark abgenommen haben. Kein Wunder mit dieser Geschwulst in den Eingeweiden, die hart und rund ist wie eine spanische Pampelmuse. Die Bewegung löst eine Welle qualvollen Schmerzes aus, sie steigt in ihm auf und durchdringt seinen ganzen Körper, sodass ihm ein unmenschliches Stöhnen entfährt.
»Mein Liebster.« Katherine streicht ihm über die Stirn.
Ihre Berührung kühlt. Der Schmerz bohrt sich tiefer in ihn hinein. Er hört an dem Klirren, dass sie die Tinktur vorbereitet. Der Löffel blitzt auf, als das Licht sich in ihm bricht. Kühles Metall berührt seine Lippen, und etwas tröpfelt in seinen Mund. Der lehmige Geruch weckt in ihm die ferne Erinnerung an Ritte durch den Wald – und Trauer: Die Zeiten des Reitens sind für ihn vorbei. Er fürchtet, sein Schlund sei zu eng, um schlucken zu können, und der Schmerz könnte wieder heftiger werden. Er ist zwar etwas abgeklungen, aber noch ist er da, ebenso wie der Notar, der peinlich berührt unruhig von einem Fuß auf den anderen tritt. Latymer fragt sich, warum der Mann so wenig an derartige Situationen gewöhnt ist, wo er doch mit Testamenten seinen Lebensunterhalt verdient. Katherine streicht ihm über die Kehle, und die Tinktur rinnt hinunter. Bald wird sie ihre Wirkung tun. Seine Gemahlin hat eine Gabe für Arzneien. Er hat gegrübelt, welchen Trunk sie zusammenbrauen könnte, um ihn von diesem seinen nutzlosen Kadaver zu befreien. Sie wüsste genau, welche Kräuter geeignet wären. Schließlich könnte jede Pflanze, die sie verwendet, um seine Schmerzen zu lindern, bei entsprechender Dosierung einen Menschen umbringen – ein bisschen mehr hiervon oder davon, und schon wäre es geschehen.
Doch wie kann er sie darum bitten?
Er bekommt eine Feder zwischen die Finger gedrückt, und seine Hand wird zu den Papieren geführt, damit er sein Zeichen daraufsetzt. Sein Gekritzel wird Katherine zu einer Frau mit beträchtlichem Vermögen machen. Er hofft, es möge nicht dazu führen, dass ihr die Mitgiftjäger die Tür einrennen. Noch ist sie jung genug, gerade mal über dreißig, und ihr Charisma, das ihn – den damals schon älteren Witwer – sich so hoffnungslos in sie verlieben ließ, umstrahlt sie noch immer wie ein Heiligenschein. Sie hatte nie die gewöhnliche Schönheit der Frauen anderer Männer. Nein, ihr Reiz ist vielschichtig und erblüht mit zunehmendem Alter immer mehr. Doch Katherine ist zu gescheit, um auf einen redegewandten Schwerenöter hereinzufallen, der nach dem Vermögen einer Witwe schielt. Er verdankt ihr unglaublich viel. Wenn er daran denkt, wie sehr sie seinetwegen gelitten hat, möchte er weinen, aber nicht einmal mehr dazu ist sein Körper in der Lage.
Snape Castle, seinen Landsitz in Yorkshire, hat er ihr nicht überschrieben, sie würde ihn nicht haben wollen. Sie sei froh, hat sie viele Male betont, wenn sie das Schloss niemals wieder betreten müsse. Der junge John wird Snape erben. Latymers Sohn ist nicht ganz der Mann geworden, den er sich erhofft hatte, und oft hat er überlegt, was für ein Kind er mit Katherine wohl gehabt hätte. Doch dieser Gedanke wird stets von der Erinnerung an den toten Säugling überschattet, dieses verfluchte Kind, das gezeugt wurde, als die katholischen Rebellen Snape plünderten. Er kann es nicht ertragen, sich auch nur vorzustellen, wie dieses Baby entstanden ist und dass der Vater ausgerechnet Murgatroyd war, den er als Jungen oft zur Hasenjagd mitgenommen hat. Ein netter Bursche damals, der noch nichts von dem Rohling an sich hatte, der er einmal werden sollte. Latymer verflucht den Tag, an dem er seine Frau mit seinen Kindern allein ließ, um bei Hofe vom König die Begnadigung zu erbitten; er verflucht die Schwäche, die ihn überhaupt erst dazu verleitete, sich auf die Rebellen einzulassen. Sechs Jahre sind seither vergangen, doch die Ereignisse dieser Zeit sind in seine Familiengeschichte eingemeißelt wie Worte auf einem Grabstein.
Katherine streicht die Bettdecke glatt und summt eine Melodie; eine, die er nicht erkennt oder an die er sich nicht erinnert. Liebe wogt in ihm auf. Seine Vermählung mit ihr war eine Liebesheirat, für ihn jedenfalls. Doch er hatte versäumt, etwas zu tun, das Männer tun müssen: Er hatte sie nicht beschützt. Katherine hatte nie darüber gesprochen. Er hätte gewollt, dass sie geschrien und ihn ihren Zorn hätte spüren lassen – dass sie ihn gehasst und angeklagt hätte. Doch sie war ruhig und beherrscht geblieben, als ob nichts geschehen wäre. Und ihr Bauch wölbte sich und verhöhnte ihn. Erst als das Kind zur Welt kam und innerhalb einer Stunde starb, sah er die verwischten Tränen auf ihrem Gesicht. Und doch wurde nie ein Wort darüber verloren.
Seine Strafe ist das Geschwür, das ihn nun langsam auffrisst; und alle Buße, die er tun kann, ist, sie reich zu machen. Wie kann er sie um noch etwas bitten? Wenn sie auch nur einen Augenblick in seinen zerstörten Körper schlüpfen könnte, würde sie sein Begehr fraglos erhören. Es wäre ein Gnadenakt, und sicher ist nichts Sündhaftes daran.
Nachdem sie den Notar zur Tür hinausbegleitet hat, schwebt sie zurück, um sich zu ihm zu setzen. Sie nimmt ihre Haube ab, legt sie an das Fußende des Betts, reibt sich mit den Fingerspitzen die Schläfen und schüttelt ihre tizianroten Haare. Ihr Duft nach getrockneten Blumen dringt zu ihm, und er sehnt sich danach, sein Gesicht in ihnen zu vergraben, wie er es einst gern getan hat. Sie nimmt ein Buch und beginnt leise zu lesen, das Latein kommt ihr leicht über die Lippen. Erasmus. Sein Latein ist zu eingerostet, als dass er den Sinn erfassen könnte; er müsste sich an dieses Buch erinnern, aber er kann es nicht. Sie ist seit jeher gebildeter als er, auch wenn sie es verhehlt; nie hat sie sich in den Vordergrund gedrängt.
Ein zögerliches Klopfen an der Tür unterbricht sie. Es ist Meg, an der Hand jenes einfältige Kammermädchen, dessen Name ihm entfallen ist. Arme kleine Meg, seit Murgatroyd und seine Leute hier waren, ist sie schreckhaft wie ein Fohlen, sodass er sich manchmal gefragt hat, was womöglich auch ihr angetan wurde. Mit wildem Schwanzwedeln springt der kleine Spaniel auf und windet sich um die Beine des Mädchens.
»Vater«, flüstert Meg und gibt ihm einen Frühlingswiesenkuss auf die Stirn. »Wie geht es dir?«
Er hebt die Hand, ein großes totes Stück Treibholz, und legt sie angestrengt lächelnd auf ihre weiche, junge Haut.
Sie schaut zu Katherine. »Mutter, Huicke ist da.«
»Dot«, wendet sich Katherine an das Kammermädchen, »führst du den Doktor bitte herein?«
»Ja, my Lady.« Sie dreht sich mit raschelnden Röcken um und geht zur Tür.
»Und, Dot …«, setzt Katherine hinzu.
Das Kammermädchen bleibt an der Schwelle stehen.
»… bitte einen der Burschen, noch mehr Holz für das Feuer zu bringen. Wir sind schon beim letzten Scheit.«
Dot knickst und nickt.
»Heute hat Meg Geburtstag, John«, sagt Katherine. »Sie ist jetzt siebzehn.«
Er fühlt sich wie ausgegrenzt, denn er will sie klar sehen und den Ausdruck ihrer haselnussbraunen Augen deuten können, doch die Einzelheiten verschwimmen vor ihm. »Meine kleine Margaret Neville, eine Frau … siebzehn.«
Seine Stimme ist ein Krächzen. »Irgendjemand wird sich mit dir vermählen wollen. Ein feiner junger Herr.« Es trifft ihn wie eine Ohrfeige – er wird den Mann seiner Tochter nie kennenlernen.
Meg wischt sich die Augen.
Huicke huscht in das Gemach. Er ist in dieser Woche jeden Tag hier gewesen. Es wundert Latymer, dass der König einen seiner Leibärzte schickt, um ihn, einen beinahe in Ungnade gefallenen Lord aus dem Norden, zu umsorgen. Katherine deutet es als Zeichen, dass er tatsächlich begnadigt worden ist. Aber es ergibt keinen Sinn, und er kennt den König gut genug, um zu vermuten, dass diese Geste einem anderweitigen Zweck dient, auch wenn er nicht mit Bestimmtheit sagen kann, welcher das sein könnte.
Der Arzt nähert sich als schmaler schwarzer Schatten seinem Bett. Meg verabschiedet sich mit einem weiteren Kuss. Huicke schlägt die Bettdecke zurück, worauf ein fauliger Gestank entweicht; dann tastet er mit Schmetterlingsfingern das Geschwür ab. Latymer hasst diese Hände in Glacéhandschuhen. Er hat nie erlebt, dass Huicke die Handschuhe einmal abgestreift hätte. Sie sind fein und ledrig wie menschliche Haut, und darüber trägt er einen Ring mit einem Granat von der Größe eines Augapfels. Latymer verabscheut den Mann über die Maßen wegen dieser Handschuhe, wegen der Tücke, mit der sie vorgeben, Hände zu sein, und weil er sich ihretwegen unsauber fühlt.
Stechende Schmerzen hacken auf ihn ein, sein Atem wird schnell und flach. Huicke schnuppert an einer Phiole, die mit irgendetwas gefüllt ist – vermutlich mit seinem Urin –, und hält sie gegen das Licht, während er leise mit Katherine spricht.
In der Nähe dieses jungen Arztes erstrahlt sie. Er ist zu exzentrisch und weibisch, um eine tatsächliche Bedrohung darzustellen, doch Latymer hasst ihn auch wegen seiner Jugend und seiner Zukunft, nicht nur wegen seiner behandschuhten Hände. Er muss recht brillant sein, wenn er in seinem Alter bereits dem König dienen darf. Huickes Zukunft scheint wie ein Festmahl vor ihm angerichtet zu sein, während seine eigene bereits verzehrt ist. Latymer dämmert ein, das Geflüster säuselt über ihn hinweg.
»Ich habe ihm etwas Neues gegen die Schmerzen gegeben«, sagt sie. »Silberweidenrinde und Herzgespannkraut.«
»Ihr habt medizinisches Gespür«, erwidert Huicke. »Mir wäre nie der Gedanke gekommen, beides zusammen zu verabreichen.«
»Kräuter interessieren mich. Ich habe meinen eigenen kleinen Kräutergarten …« Sie zögert ein wenig. »Ich mag es, die Dinge wachsen zu sehen, und ich besitze Bankes’ Buch.«
»Bankes’s Herbal, das ist das beste von allen. Jedenfalls meiner Meinung nach, doch die akademische Welt schätzt es gering.«
»Vermutlich hält man es für ein Buch für Frauen.«
»Ja, tatsächlich«, sagt er. »Und genau deshalb befürworte ich es. Meiner Meinung nach wissen Frauen mehr über die Heilkunst als alle Gelehrten von Oxford und Cambridge zusammen, auch wenn ich diese Ansicht im Allgemeinen für mich behalte.«
Latymer durchzuckt ein Schmerz wie ein Blitz, er ist noch stechender als der letzte, er scheint ihn zu zerreißen. Er hört einen Schrei, erkennt kaum, dass es sein eigener ist. Sein Schuldgefühl bringt ihn um. Der Krampf weicht schließlich einem dumpfen Schmerz. Huicke ist gegangen, und er vermutet, dass er eingeschlafen sein muss. Plötzlich überfällt ihn ein überwältigendes Gefühl der Eile. Er muss seine Bitte vorbringen, ehe ihn die Fähigkeit zu sprechen verlässt, doch in welche Worte soll er sie fassen?
Überrascht von seiner eigenen Kraft greift er nach Katherines Handgelenk und röchelt: »Gib mir mehr von der Tinktur.«
»Das kann ich nicht, John«, antwortet sie. »Ich habe dir bereits so viel gegeben, wie möglich ist. Mehr wäre …« Ihre Worte versiegen.
Er umklammert sie noch fester und keucht: »Genau das will ich, Kit.«
Sie schaut ihm ins Gesicht und schweigt.
Er glaubt, ihre Gedanken wie ein Uhrwerk arbeiten zu sehen; sie wird überlegen – so vermutet er –, wo in der Bibel eine Rechtfertigung für so eine Tat zu finden sei; wie sie ihre Seele damit versöhnen könne; dass sie das an den Galgen bringen könne; dass sie aber, wenn er ein vom Hund aufgestöberter Fasan wäre, kein Problem hätte, ihm gnadenhalber den Hals umzudrehen.
»Was du von mir verlangst, wird uns beide in ewige Verdammnis stürzen«, flüstert sie.
»Ich weiß.«
Whitehall Palace, London, März 1543
Es ist noch spät Schnee gefallen, und die schneebedeckten Türme des Whitehall Palace verschwinden vor dem fahlen Himmel. Im Hof liegt knöcheltiefer Matsch, und trotz der Sägespäne, die man auf die Pflastersteine gestreut hat, um annähernd sichergehen zu können, spürt Katherine die nasse Kälte durch ihre Schuhe dringen; die feuchten Säume ihrer Röcke schlagen hart gegen ihre Knöchel. Zitternd zieht sie den dicken Umhang fest um sich, während der Stallbursche Meg vom Pferd hilft.
»Da sind wir«, sagt sie strahlend, auch wenn sie sich alles andere als strahlend fühlt, und streckt Meg die Hand entgegen.
Die Wangen ihrer Stieftochter sind gerötet. Die Farbe hebt ihre braunen Augen hervor, die dadurch frisch und klar wirken. Sie hat den sanften, leicht erschrockenen Blick eines Waldtieres; doch Katherine sieht, wie viel Anstrengung es sie kostet, ihre Tränen zu unterdrücken. Der Tod ihres Vaters ist ihr sehr nahegegangen.
»Komm«, sagt Katherine. »Lass uns hineingehen.«
Zwei Stallburschen haben die Pferde abgesattelt und reiben sie nun, miteinander scherzend, kräftig mit Strohbüscheln ab. Katherines grauer Wallach Pewter wirft den Kopf hin und her, sodass das Zaumzeug klirrt, und schnaubt Dunstschwaden aus wie ein Drache.
»Ganz ruhig, mein Junge«, sagt Katherine, nimmt ihn am Zügel, streicht ihm über die samtenen Nüstern und erlaubt ihm, an ihrem Nacken zu schnüffeln. »Er braucht etwas zu saufen«, sagt sie zu dem Stallburschen, als sie ihm die Zügel reicht. »Du bist Rafe, nicht wahr?«
»Ja, m’Lady. Ich erinnere mich an Pewter, ich habe ihm einmal einen Breiumschlag gemacht.« Röte huscht über seine Wangen.
»Ja, damals, als er lahmte. Das hast du sehr gut gemacht.«
Das Gesicht des Jungen verzieht sich zu einem Grinsen. »Danke, m’Lady.«
»Ich sollte dir danken«, sagt sie und dreht sich um, als Rafe Pewter zu den Stallungen führt. Sie nimmt ihre Stieftochter an die Hand und strebt den großen Portalen zu.
Wochenlang war sie wie betäubt vor Kummer, und sie wäre so kurz nach dem Tod ihres Mannes lieber nicht an den Hof gekommen, doch sie ist einbestellt worden – Meg ebenfalls –, und eine Einbestellung von der Tochter des Königs abzulehnen ist unmöglich. Außerdem mag Katherine Lady Mary, sie haben einander schon als kleine Mädchen gekannt und sogar eine Weile denselben Lehrer gehabt, als Katherines Mutter Marys Mutter diente – der Königin Katharina von Aragón –, ehe der König sie verstieß. Damals waren die Dinge noch einfacher, es war vor dem großen Schisma, das alles auf den Kopf gestellt und das Land gespalten hat. Bestimmt wird man nicht von ihr verlangen, bereits jetzt am Hofe zu bleiben. Mary wird ihre Trauerzeit respektieren.
Wenn sie an Latymer denkt und daran, was sie getan hat, um ihm das Sterben zu erleichtern, steigt in ihr Unruhe auf wie kochende Milch in einem Topf. Sie muss an das ganze Grauen denken, um sich mit ihren Taten zu versöhnen: seine verzweifelten Schreie, die Art, wie sein eigener Körper sich gegen ihn gekehrt hatte, seine drängenden Bitten. Seither hat sie in der Bibel immer wieder nach einem Präzedenzfall gesucht, doch es gibt darin keine Darstellung eines Gnadentods, nichts, was ihrer wunden Seele Hoffnung geben könnte, es gibt keine Ausflucht. Sie hat ihren Mann getötet.
Immer noch Hand in Hand betreten Katherine und Meg die Große Halle. Es riecht nach nasser Wolle und Kaminrauch, und es wimmelt von Leuten wie auf einem Marktplatz. Die Menschen tummeln sich in den Nischen und stolzieren durch die Galerien, um mit ihren feinen Gewändern anzugeben. Manche sitzen an den Seiten, spielen Brett-, Karten- oder Würfelspiele und schließen Wetten dazu ab. Hin und wieder, wenn jemand gewonnen oder verloren hat, erhebt sich ein Raunen. Katherine sieht, dass Meg alles mit großen Augen bestaunt. Sie war noch nie am Hof, eigentlich ist sie fast nirgendwo gewesen, und nach der Grabesstille von Charterhouse, wo alle schwarz gekleidet sind, muss dies hier für sie ein unsanftes Erwachen sein. In ihrer Trauerkleidung geben sie ein düsteres Paar ab zwischen diesen Scharen hell gekleideter Ladys, die mit sprudelndem Geschnatter an ihnen vorbeischweben und deren feine Kleider bei jeder Bewegung mitschwingen, als ob sie tanzten; die sich immerzu umsehen, ob auch jeder bemerkt hat, wie fein sie gewandet sind, oder um mit neidischem Blick festzustellen, wer noch besser herausgeputzt ist als sie. Es ist gerade Mode, kleine Hündchen wie einen Muff im Arm zu halten oder hinter sich hertrippeln zu lassen. Selbst Meg bringt ein Lachen zustande, als sie eines dieser Hündchen sieht, das auf der Schleppe seines Frauchens mitreist.
Pagen und Saaldiener eilen hin und her, und junge Diener drängen sich zu zweit durch die Menschenmenge mit schweren Körben voller Holzscheite, die dazu bestimmt sind, die Feuer in den öffentlichen Sälen zu schüren. Eine Armee von Küchenjungen ist mit lautem Scheppern und Klappern dabei, lange Tische für das Abendessen in der Großen Halle zu decken. Jeder von ihnen schleppt Stapel von Geschirr. Musikanten stimmen ihre Instrumente, deren dissonante Töne sich schließlich zu so etwas wie einer Melodie fügen. Endlich Musik, denkt Katherine und stellt sich vor, die Klänge würden sie mitreißen und umherwirbeln, bis ihr vor Glück die Luft wegbliebe. Doch dann verwirft sie diesen Gedanken. Sie wird noch nicht tanzen.
Sie bleiben stehen, als eine Garde vorbeimarschiert. Und Katherine fragt sich, ob die Wächter auf dem Weg sind, jemanden zu verhaften, was sie sogleich wieder daran erinnert, wie ungern sie an diesem Ort ist. Doch eine Einbestellung ist eine Einbestellung. Sie schnappt nach Luft, als zwei Hände aus dem Nichts auftauchen und sich auf ihre Augen legen, sodass sie meint, ihr spränge das Herz aus der Brust.
»Will Parr«, ruft sie lachend.
»Wie hast du das erraten?«, fragt Will und lässt die Hände sinken.
»Deinen Geruch würde ich überall erkennen, lieber Bruder«, scherzt sie, hält sich Ekel vortäuschend die Nase zu und dreht sich zu ihm um. Inmitten einiger Männer steht und strahlt er wie ein kleiner Junge; dort, wo eben noch sein Barett war, stehen seine messingfarbenen Haare ab; und seine sonderbaren Augen – eines wasserblau, das andere karamellfarben – funkeln in ihrer spitzbübischen Art.
»Lady Latymer, ich kann mich kaum noch erinnern, wann meine Augen Euch das letzte Mal erblicken durften.« Ein Mann tritt vor. Alles an ihm ist lang: eine lange, lange Nase, ein langes Gesicht, lange Beine; und seine Augen haben etwas von einem Bluthund. Doch die Natur hat es irgendwie gefügt, ihn trotz dieser Ausgefallenheiten recht vorteilhaft aussehen zu lassen. Vielleicht hängt es mit seinem unerschütterlichen Selbstvertrauen zusammen, das daher rührt, dass er der älteste der Howard-Söhne ist und der nächste Herzog von Norfolk.
»Surrey!« Ein Lächeln geht über ihr Gesicht. Vielleicht wird es mit diesen vertrauten Gesichtern rundherum am Hofe doch nicht so übel. »Schmiedet Ihr immer noch Verse?«
»Das will ich meinen. Es wird Euch freuen, zu hören, dass ich große Fortschritte gemacht habe.«
Einst, als sie fast noch Kinder waren, dichtete er ein Sonett für sie, und oft hatten sie seither darüber gelacht – auf »Tugend« hatte er »trügend« gereimt. Die Erinnerung daran lässt ein Lachen in ihr aufperlen. Eine seiner »kindischen Peinlichkeiten«, so hatte er es genannt.
»Es tut mir leid, Euch in Trauer zu sehen«, sagt er ernst. »Doch ich habe gehört, wie sehr Euer Gemahl gelitten hat. So ist es vielleicht eine Gnade, dass er endlich sterben durfte.«
Sie nickt, ihr Lächeln schwindet, sie findet keine Worte, die sie ihm entgegnen könnte, fragt sich, ob er sie verdächtigt, und sucht in seinen Gesichtszügen nach Zeichen, die auf Verdammung hinweisen. Sind die Umstände von Latymers Tod bekannt geworden? Verbreitet sich die Nachricht in den Gängen des Palasts? Vielleicht haben die Einbalsamierer etwas festgestellt – ihre Sünde, eingeschrieben in die Eingeweide ihres toten Ehemanns. Sie verbannt den Gedanken. Was sie ihm verabreicht hat, hinterlässt keine Spuren, und in Surreys Ton klingt kein Vorwurf an, da ist sie sich sicher. Sollte etwas auf ihrem Gesicht zu sehen sein, werden sie glauben, es sei ihre Verzweiflung und ihr Kummer – und dennoch hämmert ihr Herz.
Sie reißt sich zusammen. »Darf ich Euch meine Stieftochter Margaret Neville vorstellen?«
Meg steht ein wenig abseits, und ein kaum verhohlenes Entsetzen offenbart sich in ihrem Gesicht bei der Aussicht, all diesen Herren vorgestellt zu werden, selbst wenn einer davon ihr Stiefonkel Will ist. Megs Unbehagen ist Katherine zuzuschreiben. Seit jenen verfluchten Ereignissen in Snape hält Katherine sie, so gut sie kann, von Männern fern, doch jetzt hat sie keine Wahl. Außerdem wird sie irgendwann einmal heiraten müssen. Katherine wird diese Ehe arrangieren, so erwartet man es von ihr, doch noch ist das Mädchen, weiß Gott, nicht bereit dafür.
»Margaret«, sagt Surrey und nimmt Megs Hand. »Ich kannte Euren Vater. Er war ein bemerkenswerter Mann.«
»Ja, das war er«, flüstert sie mit mattem Lächeln.
»Willst du mich nicht deiner Schwester vorstellen?« Ein Mann ist hervorgetreten, groß, fast so groß wie Surrey. Er zieht sein Samtbarett mit einer Straußenfeder, lang wie ein Schürhaken, die wippt und tanzt, da er es mit großer Geste hin und her schwenkt.
Katherine unterdrückt ein Lachen, das aus dem Nichts in ihr aufsteigt. Seine Kleidung ist spektakulär, er trägt ein Wams aus schwarzem Samt, aus dessen Schlitzen karmesinroter Satin hervorblitzt und das mit einem Zobelkragen verbrämt ist. Als er sieht, dass sie den Zobel bemerkt, streicht er darüber, als wolle er seinen Stand hervorheben. Sie zerbricht sich den Kopf, um sich der Luxusgesetze zu entsinnen und wer nach der Kleiderordnung berechtigt ist, Zobel zu tragen, damit sie diesen Mann einordnen kann. An den Händen trägt er schwere Ringe, zu viele für den guten Geschmack, doch seine Finger sind feingliedrig und lang. Jetzt wandern sie vom Zobel zu seinem Mund. Ohne zu lächeln, fährt er sich mit dem Mittelfinger langsam und besonnen über die Unterlippe. Doch es sind seine Augen, lavendelblau – obszön blau –, und sein entwaffnend freimütiger Blick, die ihr die Röte ins Gesicht treiben. Sie schaut ihn nur einen Moment an und nimmt ein ganz leises Lidzucken wahr, ehe sie den Blick zu Boden senkt.
Hat er ihr zugeblinzelt? Eine Unverschämtheit. Er hat ihr zugeblinzelt. Nein, sie muss es sich eingebildet haben. Aber warum bildet sie sich ein, dass dieser Gimpel in seinem übertriebenen Aufzug ihr zublinzelt?
»Thomas Seymour, das ist meine Schwester Lady Latymer«, macht Will bekannt, den offenbar amüsiert, was immer da gerade geschehen ist.
Sie hätte es wissen müssen. Thomas Seymour hat den zweifelhaften Ruhm, der »ansehnlichste Mann bei Hofe« zu sein, das Objekt beständigen Tratsches, jugendlicher Schwärmereien, gebrochener Herzen sowie ehelichen Unfriedens. Insgeheim muss sie anerkennen, dass er gut aussieht; er ist ein wunderschöner Mann, das ist nicht zu leugnen, aber sie wird seinem Zauber nicht erliegen, dafür hat sie schon zu viel erlebt.
»Es ist mir eine Ehre, my Lady«, sagt er mit einer Stimme, die so weich ist wie gerührte Butter, »Euch am Ende endlich kennenzulernen.«
Surrey verdreht die Augen.
Das ist nun wirklich lächerlich, denkt sie sich. »Am Ende und endlich!« Die Worte rutschen ihr heraus, ehe sie es verhindern kann; sie kann nicht anders, sie will diesen Mann in die Schranken weisen. »Oh, mein Gott!« Sie legt eine Hand an die Brust und heuchelt übertriebene Überraschtheit.
»In der Tat, my Lady, ich habe von Euren Reizen gehört«, fährt er ungerührt fort. »Und diesen nun ausgeliefert zu sein, lässt mich nicht die richtigen Worte finden.«
Sie fragt sich, ob er mit den Reizen ihren kürzlich erlangten Reichtum meint. Die Nachricht von ihrer Erbschaft muss die Runde gemacht haben. Will zum Beispiel kann nie den Mund halten. Sie verspürt leichten Ärger über das Geplapper ihres Bruders.
»Nicht die richtigen Worte?« Nicht ungeschickt, denkt sie und sucht nach einer geistreichen Entgegnung. Sie heftet den Blick auf seinen Mund, da sie es nicht wagt, ihm wieder in die Augen zu sehen; doch seine feuchte rosa Zunge zieht das Licht auf verstörende Weise auf sich. »Surrey, was denkt Ihr? Seymour wird doch nicht seine Zunge verschluckt haben?« Surrey und Will fangen an zu lachen, während sie eiligst überlegt, was sie ihm noch versetzen könnte. Dann zirpt sie: »Es könnte sein Verderben sein!«
Die drei Männer brechen in Gelächter aus. Katherine triumphiert; ihr Esprit hat sie nicht verlassen, selbst angesichts dieser verwirrenden Person.
Meg starrt ihre Stiefmutter entgeistert an. Sie hatte bisher wenig Gelegenheit, diese Katherine kennenzulernen: schlagfertig und doch vornehm. Katherine wirft ihr ein beruhigendes Lächeln zu, als Will sie Seymour vorstellt, der sie ansieht, als wäre sie etwas Essbares.
Nun nimmt Katherine sie an die Hand und sagt: »Komm, Meg, wir kommen sonst zu spät zu Lady Mary.«
»So kurz, aber so bezaubernd«, sagt Seymour mit einem gezierten Lächeln.
Katherine ignoriert ihn, drückt Surrey einen Kuss auf die Wange, dreht sich im Weggehen noch einmal halb um und neigt aus Höflichkeit den Kopf andeutungsweise in Seymours Richtung.
»Ich begleite euch«, sagt Will, schiebt sich zwischen die beiden und hakt sich bei ihnen ein.
Als sie die Treppe hinaufgegangen und außer Hörweite sind, zischelt Katherine: »Will, ich würde es vorziehen, wenn du meine Erbschaft nicht mit deinen Freunden diskutierst.«
»Du bist vorschnell mit deinen Anschuldigungen, liebe Schwester. Ich habe nichts gesagt. Es ist einfach bekannt geworden, das war ja unvermeidlich, aber …«
Sie fällt ihm ins Wort. »Was sollte das dann alles mit meinen sogenannten Reizen?«
Er lacht. »Kit, ich glaube, er meinte tatsächlich deine Reize.«
Sie schnaubt.
»Musst du denn immer die grimmige ältere Schwester sein?«
»Tut mir leid, Will. Du hast recht, du kannst nichts dafür, dass die Leute schwatzen.«
»Nein, ich sollte mich entschuldigen. Du hast schwere Zeiten hinter dir.« Er zwickt in die schwarze Seide ihres Kleids. »Du bist in Trauer. Ich sollte feinfühliger sein.«
Schweigend gehen sie durch die lange Galerie zu Lady Marys Gemächern. Will scheint über irgendetwas zu grübeln, und Katherine argwöhnt, er wünsche sich insgeheim, er wäre selbst in Trauer – in Trauer um seine Frau. Die beiden verabscheuen einander seit dem ersten Augenblick, als sie sich kennengelernt haben. Anne Bourchier, die einzige Erbin des betagten Earl von Essex, war die Trophäe, die ihre Mutter für den einzigen Sohn erringen wollte und für die sie sich fast ruiniert hatte. Mit Anne Bourchier verknüpften sich große Hoffnungen, allein schon der Adelstitel von Essex hätte die Parrs wieder ein, zwei Stufen nach oben bringen können. Doch die Heirat hat dem armen Will gar nichts eingebracht, keine Kinder, keinen Titel, kein Glück; nur Schande, denn der König hat die Grafschaft Cromwell zum Geschenk gemacht, und Anne ist mit einem Landpfarrer durchgebrannt. Will kann diesen Skandal nicht abschütteln; Scherze wie »klerikale Irrtümer«, »Pfaffenlöcher« und »Pfarrnasen« verfolgen ihn. Die Komik an der Sache erschließt sich ihm nicht. Und sosehr er sich auch bemüht, es gelingt ihm nicht, den König dazu zu bringen, einer Scheidung zuzustimmen.
»Denkst du an deine Frau?«, fragt sie.
»Woher weißt du das?«
»Ich kenne dich, Will Parr. Besser, als du glaubst.«
»Sie hat mit diesem verfluchten Pfaffen ein weiteres Bankert gezeugt.«
»Ach, Will, irgendwann wird der König ein Einsehen haben, und dann kannst du Lizzie Brooke zu einer ehrbaren Frau machen.«
»Lizzie verliert allmählich die Geduld«, klagt Will. »Wenn ich an die Hoffnungen denke, die Mutter in meine Vermählung gesetzt hat, und was sie alles angestellt hat, damit sie zustande kam.«
»Nun, zumindest hat sie das Scheitern nicht mehr miterlebt. Vielleicht ist das ein Trost.«
»Es war ihr größter Wunsch, die Parrs gesellschaftlich wieder aufsteigen zu sehen.«
»Unser Blut ist gut genug, Will. Vater diente dem alten König, und sein Vater diente Edward IV., und Mutter diente der Königin Katharina.« Sie zählt die Verdienste an den Fingern ab. »Genügt das nicht?«
»Das ist Urzeiten her«, brummt Will. »Ich kann mich an Vater nicht einmal mehr erinnern.«
»Ich habe auch nur sehr vage Erinnerungen an ihn«, sagt sie, obwohl sie sich deutlich an den Tag seiner Beerdigung erinnert; wie zornig sie war, dass man sie mit sechs Jahren für zu jung erachtete, dem Begräbnis beizuwohnen. »Außerdem hat unsere Schwester Anne allen fünf Königinnen gedient, und jetzt dient sie der Tochter des Königs – und wahrscheinlich werde ich das auch bald wieder tun.« Der Ehrgeiz ihres Bruders irritiert sie; sie möchte ihm am liebsten sagen, wenn ihm der Aufstieg der Parrs schon so wichtig sei, solle er sich doch bei den richtigen Leuten einschmeicheln und nicht bei solchen Kerlen wie Seymour. Seymour mag zwar Prinz Edwards Onkel sein, doch das Ohr des Königs hat sein älterer Bruder Edward, der Graf von Hertford.
Will fängt wieder an zu grummeln, doch er scheint sich zu besinnen. Sie schlängeln sich weiter durch die Menschenmenge, die sich vor den königlichen Gemächern tummelt.
Dann drückt Will Katherines Arm und fragt: »Was hältst du von Seymour?«
»Seymour?«
»Ja, Seymour …«
»Nicht viel«, sagt sie schnippisch.
»Findest du ihn nicht grandios?«
»Nicht sonderlich.«
»Ich dachte, wir könnten versuchen, ihn mit Meg zu verheiraten.«
»Mit Meg?«, platzt sie heraus. »Hast du den Verstand verloren?«
Alle Farbe ist aus Megs Gesicht gewichen.
Er würde dieses arme Kind bei lebendigem Leibe verschlingen, denkt sie. »Meg wird jetzt niemanden heiraten. Nicht, solange ihr Vater noch nicht einmal kalt ist.«
»Ich habe doch nur …«
»Eine lächerliche Idee«, entgegnet sie scharf.
»Er ist nicht so, wie du denkst, Kit. Er ist einer von uns.«
Will meint damit, so nimmt sie an, Seymour sei ein Anhänger der neuen Religion. Sie mag es nicht, mit den Erneuerern am Hofe in einen Topf geworfen zu werden, ihre Überzeugungen behält sie lieber für sich. Im Laufe der Jahre hat sie gelernt, dass es sicherer ist, bei Hofe eine gewisse Undurchsichtigkeit zu kultivieren.
»Surrey mag ihn nicht«, sagt sie.
»Ach, das ist nur eine Familienangelegenheit, da geht es nicht einmal um Religion. Die Howards halten die Seymours für Emporkömmlinge. Das ist für Thomas ohne Bedeutung.«
Katherine prustet.
Will wendet sich von ihnen ab, um das neue Gemälde des Königs zu bewundern, das in der Galerie hängt. Es ist so neu, dass Katherine die Farben noch riecht; sie sind lebhaft, und alle Details sind in Gold hervorgehoben.
»Ist das die letzte Königin?«, fragt Meg und zeigt auf die düstere Frau mit der Giebelhaube neben dem König.
»Nein, Meg«, flüstert Katherine und legt den Zeigefinger an die Lippen. »Am besten erwähnst du hier die letzte Königin nicht. Das ist Königin Jane, die Schwester von Thomas Seymour, den du gerade kennengelernt hast.«
»Aber warum Königin Jane, wenn es seitdem doch schon zwei weitere Königinnen gegeben hat?«
»Weil Königin Jane ihm den Erben geschenkt hat.« Sie verschweigt, dass Jane Seymour starb, bevor der König ihrer überdrüssig wurde.
»Dann ist das also Prinz Edward.« Meg deutet auf den Jungen, der wie eine Miniaturversion seines Vaters aussieht und dessen Haltung nachahmt.
»Ja, das ist er. Und die hier«, sie deutet auf die beiden Mädchen, die in den Bildecken schweben wie zwei Schmetterlinge, die sich nirgends niederlassen können, »das sind Lady Mary und Lady Elizabeth.«
»Ich sehe, Ihr bewundert mein Porträt«, ertönt von hinten eine Stimme.
Die Frauen drehen sich um.
»Will Sommers!«, ruft Katherine erfreut. »Euer Porträt?«
»Seht Ihr mich denn nicht?«
Sie schaut noch einmal hin und entdeckt ihn dann im Hintergrund des Gemäldes.
»Ach, da seid Ihr. Das hatte ich übersehen.« Sie wendet sich zu ihrer Stieftochter. »Meg, das ist Will Sommers, der Narr des Königs, der ehrlichste Mann am Hofe.«
Er streckt die Hand aus und zieht eine Kupfermünze hinter Megs Ohr hervor, womit er ihr ein selten beschwingtes Lachen entlockt.
»Wie habt Ihr das gemacht?«, zwitschert sie.
»Zauberei«, antwortet er.
»Ich glaube nicht an Zauberei«, sagt Katherine. »Aber ich erkenne einen guten Trick, wenn ich ihn sehe.«
Sie lachen noch immer, als sie Lady Marys Gemächer erreichen, über deren innere Tür Marys Lieblingszofe, Susan Clarencieux, ganz in Dottergelb gekleidet, wacht und sie wie eine Natter anzischt.
»Sie hat mal wieder Kopfschmerzen«, haucht Susan mit knappem Lächeln. »Seid leise.« Sie mustert Katherine von oben bis unten, als rechne sie die Kosten ihrer Kleidung zusammen und finde sie dürftig; dann sagt sie: »… sehr fade und dunkel. Das wird Lady Mary nicht gefallen.« Sie schlägt sich die Hand vor den Mund. »Verzeiht, ich vergaß, dass Ihr in Trauer seid.«
»Schon vergessen«, entgegnet Katherine.
»Eure Schwester ist im Privatgemach. Entschuldigt mich, ich muss mit …« Sie beendet den Satz nicht, schlüpft zurück in das Schlafzimmer und schließt leise die Tür hinter sich.
Sie betreten den Raum, wo vereinzelte Ladys mit ihren Nadelarbeiten beschäftigt sind. Katherine nickt ihnen grüßend zu, ehe sie ihre Schwester Anne in einer Fensternische erblickt.
»Kit«, sagt Anne. »Welch eine Freude, dich endlich zu sehen.« Sie steht auf und schließt ihre Schwester in die Arme. »Und Meg.« Sie küsst Meg auf beide Wangen.
Das Mädchen ist sichtlich gelöster, seit sie sich in den Frauengemächern befinden.
»Meg, warum siehst du dir nicht die Wandteppiche an? Ich glaube, auf einem ist dein Vater dargestellt. Schau mal, ob du ihn entdeckst.«
Meg schlendert zum hinteren Ende des Gemachs, und die beiden Schwestern setzen sich auf eine Bank in der Fensternische.
»Also, was ist der Anlass? Was glaubst du, weshalb ich einbestellt wurde?« Katherine kann den Blick kaum von ihrer Schwester abwenden, ihrem entspannten Lächeln, dem durchsichtigen Schimmer ihrer Haut, den hellen Ringellöckchen, die unter ihrer Haube hervorlugen, und dem perfekten Oval ihres Gesichts.
»Lady Mary soll Patin werden. Nur einige wenige wurden gebeten, dabei zu sein.«
»Also nicht nur ich … Da bin ich froh. Wer wird denn getauft?«
»Ein Wriothesley-Baby. Ein Töchterchen mit Namen …«
»Mary«, sagen sie beide gleichzeitig und lachen.
»Ach, Anne, es tut so gut, dich zu sehen. Mein Haus ist wirklich düster.«
»Ich werde dich in Charterhouse besuchen, wenn Prin…« Sie schlägt beide Hände vor den Mund. »Wenn Lady Mary mir die Erlaubnis erteilt.« Sie neigt sich ganz nah an Katherines Ohr und flüstert: »Lady Hussey wurde in den Tower geschickt, weil sie sie Prinzessin genannt hat.«
»Ich erinnere mich«, sagt Katherine. »Aber das ist Jahre her, und sie hat es bewusst, aus Widerstand, getan. Das war etwas anderes. Einen Versprecher würde man nicht bestrafen.«
»Ach, Kit, du warst lange nicht mehr hier. Hast du vergessen, wie es hier ist?«
»Ein Schlangennest«, murmelt sie.
»Ich habe gehört, der König hat Huicke zu deinem Gemahl geschickt«, sagt Anne.
»Ja. Aber ich weiß nicht, warum.«
»Dann wurde Latymer wohl begnadigt.«
»Das nehme ich an.«
Katherine hat Latymers Rolle bei dem Aufstand nie ganz verstanden. Die »Pilgerfahrt der Gnade« hatte man es genannt, als sich der gesamte Norden – vierzigtausend katholische Männer, so hieß es – gegen Cromwells Reformation auflehnte. Einige der Anführer waren bis zu den Zähnen bewaffnet nach Snape gekommen. Es hatte hitzige Diskussionen in der Halle gegeben und viel Geschrei, aber den Kern der Auseinandersetzung hatte sie nicht begriffen. Als Nächstes hatte sie mitbekommen, dass Latymer sich widerstrebend zum Aufbruch rüstete. Er hatte ihr gesagt, sie bräuchten Männer wie ihn als Anführer. Sie fragte sich, womit sie ihm wohl gedroht hatten, denn Latymer war nicht leicht zu etwas zu nötigen, auch wenn er ihre Sache für berechtigt hielt, denn die Klöster waren geschleift, die Mönche an den Bäumen aufgehängt und mit ihnen eine ganze Daseinsform zerstört – und, nicht zu vergessen, die geliebte Königin war aus dem Weg geräumt worden, und diese junge Boleyn wickelte den großen König um den kleinen Finger. So jedenfalls stellte es Latymer dar. Aber die Waffen gegen seinen König erheben – das entsprach so gar nicht ihrem Gemahl, wie sie ihn kannte.
»Du hast nie darüber gesprochen«, sagt Anne. »Über den Aufstand, meine ich. Darüber, was in Snape geschah.«
»Das möchte ich lieber vergessen«, entgegnet Katherine und beendet das Thema.
Am Hofe wurde damals eine Darstellung der Ereignisse herumerzählt. Es war allgemein bekannt, dass Latymer, als die Armee des Königs die Rebellen in die Defensive gedrängt hatte, nach Westminster reiste, um beim König um Begnadigung anzusuchen. Die Rebellen dachten, er hätte die Seite gewechselt, und schickten Murgatroyd und seine Leute nach Snape, die Katherine und Meg als Geiseln nahmen und das Schloss plünderten – eine gute Geschichte, die viel Anlass zu Tratsch bot. Doch selbst ihre Schwester wusste nichts von dem toten Baby, Murgatroyds Bastard. Auch nicht, dass sie sich aus Verzweiflung dem Wüstling hingegeben hatte, um Meg und Dot aus seinen Klauen zu retten – das war das finsterste Geheimnis von allen. Sie hatte zwar die Mädchen gerettet, doch die Frage, was Gott davon hält, quält sie weiterhin, denn laut den Gesetzen der Kirche ist Ehebruch Ehebruch. Katherine hat oft überlegt, warum all die anderen Anführer, auch Murgatroyd, gehängt wurden – zweihundertfünfzig Männer wurden nach dem gescheiterten Aufstand im Namen des Königs hingerichtet –, aber nicht Latymer. Vielleicht hatteer sie tatsächlich verraten. Murgatroyd jedenfalls musste es angenommen haben. Sie glaubt lieber, dass Latymer loyal geblieben ist, so wie er es immer behauptet hatte – was für einen Sinn hätte das sonst alles? Doch die Wahrheit wird sie nie erfahren.
»Hast du je etwas über Latymer gehört und warum er begnadigt wurde, Anne? Kursieren darüber Gerüchte bei Hofe?«
»Mir ist nichts zu Ohren gekommen, liebe Schwester«, sagt Anne. Sie berührt Katherines Ärmel und lässt ihre Hand einen Moment dort ruhen. »Denk nicht mehr darüber nach. Was vorbei ist, ist vorbei.«
»Ja.« Doch sie kann sich nicht von dem Gedanken befreien, dass die Vergangenheit die Gegenwart zerfrisst wie ein Schädling einen Apfel.
Sie blickt durch das Gemach zu Meg, die auf den Wandteppichen aufmerksam nach einem Ebenbild ihres Vaters sucht. Zumindest ist sein Bild nicht überstickt worden, wie es mit anderen geschehen ist. Sie schaut wieder zu Anne, der lieben, treuen, unkomplizierten Anne. Sie hat etwas an sich – eine Frische, als trage sie mehr Leben in sich, als sie womöglich bändigen kann. Plötzlich erkennt Katherine, warum das so ist. Ihr Herz klopft, sie lehnt sich vor und legt eine Hand auf Annes Mieder. »Gibt es etwas, das du mir verheimlichst?« Sie fragt sich, ob ihr Lächeln den Anflug von Neid verbirgt, der sie angesichts der Fruchtbarkeit ihrer Schwester überfällt. Alles an Anne verrät das Blühen und Gedeihen der Schwangerschaft, die Katherine sich selbst so sehr gewünscht hat.
Anne wird rot. »Wie kommt es nur, dass du alles weißt, Kit?«
»Eine wundervolle Neuigkeit.« Die Worte bleiben ihr fast in der Kehle stecken; ihre Witwenschaft ist eine harte, unumstößliche Tatsache und die Aussicht auf ein Kind jetzt – in ihrem Alter – nichts als eine ferne Fantasie; sie hat keinen einzigen lebenden Nachkommen ihres Namens, nur das tote Baby, von dem nie gesprochen wird.
Ihre Gedanken müssen nach außen gesickert sein, denn Anne legt tröstend eine Hand auf die ihre und sagt: »Auch für dich gibt es noch Möglichkeiten, liebe Schwester. Du wirst bestimmt wieder heiraten.«
»Zwei Ehemänner sind, glaube ich, genug«, erwidert Katherine und beendet damit entschieden das Thema. Doch dann flüstert sie: »Aber ich freue mich für dich. Ich weiß, das wird kein kleiner Katholik, der Lady Mary zur Patin haben wird.« Anne legt mit einem »Psst« einen Finger an die Lippen, und die beiden Schwestern lächeln sich verstohlen an. Anne greift nach dem Kreuz, das um Katherines Hals hängt. »Mutters Diamantkreuz«, sagt sie und hält es hoch, sodass sich das Licht in ihm bricht. »In meiner Erinnerung war es viel größer.«
»Du warst kleiner.«
»Es ist lange her, dass Mutter gestorben ist.«
»Ja«, sagt Katherine, doch sie kann einzig daran denken, wie lang die Witwenschaft ihre Mutter gedauert hat.
»Und diese Perlen.« Anne spielt immer noch mit dem Kreuz. »Sie sind beinahe rosa. Das hatte ich vergessen. Ach je, eines der Glieder ist locker.« Sie beugt sich weiter vor. »Lass mich sehen, ob ich es richten kann.« Die Zunge spitzt aus ihrem Mund, so konzentriert ist sie, als sie die beiden offenen Enden der Glieder mit Daumen und Zeigefinger zusammendrückt.
Katherine gefällt diese Nähe. Sie kann den Duft ihrer Schwester einatmen, er ist süß und wohlig wie von reifen Äpfeln. Sie dreht sich ein wenig mehr zur Wandtäfelung, damit Anne besser an ihren Hals kommt. Auf dem Holz sieht sie plötzlich deutlich, wo die Initialen CH weggeschabt worden sind. Arme kleine Catherine Howard, die letzte Königin, dies müssen ihre Gemächer gewesen sein. Natürlich waren sie das, es sind die besten im Palast, abgesehen von denen des Königs.
»So«, sagt Anne und lässt das Kreuz wieder auf Katherines Kleid gleiten. »Du willst doch nicht eine von Mutters Perlen verlieren.«
»Wie war es mit der letzten Königin, Anne? Du hast dich recht ausgeschwiegen über sie.« Katherines Stimme ist zu einem Flüstern geworden, und gedankenverloren berührt sie die abgeschabte Stelle an der Vertäfelung.
»Catherine Howard?«, fragt Anne.
Katherine nickt.
»Sie war so jung, Kit, jünger noch als Meg.«
Sie schauen beide hinüber zu Meg, die dem Mädchenalter kaum entwachsen scheint.
»Sie hatte nicht die nötige Erziehung für eine so hohe Stellung. Norfolk entzog sie dem weiteren Zugriff des Howard-Clans, damit sie seinen eigenen Zwecken diente. Ihre Manieren, Kit – du kannst dir nicht vorstellen, wie plump und hohl sie war. Aber sie war ein hübsches Ding, und der König war völlig hilflos angesichts ihrer …«, Anne sucht nach dem richtigen Wort, »… ihrer Reize. Ihr Appetit war ihr Verderben.«
»Ihr Appetit auf Männer?«, fragt Katherine und wispert noch leiser. Die Köpfe der Schwestern stecken jetzt eng zusammen, und ihre Gesichter haben sie halb zum Fenster gedreht, damit niemand sie belauschen kann.
»Sie war geradezu eine Getriebene.«
»Mochtest du sie, Anne?«
»Nein … ich glaube nicht. Sie war unerträglich eitel. Aber so ein Schicksal hätte ich niemandem gewünscht. Aufs Schafott zu gehen und so jung. Kit, das war schrecklich. Wir Hofdamen wurden eine nach der anderen befragt. Ich hatte keine Ahnung, was da geschah. Einige müssen gewusst haben, was sie getrieben hat, dass sie die Affäre mit Culpepper vor den Augen des Königs fortgesetzt hat.«
»Sie war einfach ein junges Mädchen. Man hätte sie nie in das Bett eines so alten Mannes stecken dürfen, König oder nicht.«
Schweigend sitzen sie eine Weile da. Durch die Rautenscheiben sieht Katherine in der Ferne eine Gänseformation über den See fliegen. »Wer hat dich verhört?«, fragt sie schließlich.
»Bischof Gardiner.«
»Hattest du Angst?«
»Ich war wie gelähmt, Kit. Er ist ein übler Geselle. Niemand, mit dem man sich anlegen sollte. Ich habe einmal mit angesehen, dass er einem Chorknaben den Finger verrenkt hat, nur weil der einen Ton falsch gesungen hatte. Ich wusste nichts, also konnte er wenig mit mir anfangen. Wir alle hatten jedoch noch die Boleyn-Geschichte im Kopf.«
»Natürlich, Anne Boleyn. Da ist es genauso ausgegangen.«
»Ganz genauso. Der König zog sich zurück, weigerte sich, Catherine zu empfangen, ebenso wie er es mit Anne gemacht hatte. Das arme Mädchen war außer sich vor Angst. Nur im Unterkleid rannte sie heulend über den langen Gang. Ich habe ihre Schreie noch immer im Ohr. Der Gang wimmelte von Leuten, aber keiner sah sie auch nur an, nicht einmal ihr Onkel Norfolk. Kannst du dir das vorstellen?« Anne nestelt an ihrem Kleid und zieht einen losen Faden heraus. »Gott sei Dank wurde ich nicht dazu bestimmt, ihr im Tower zu dienen. Das hätte ich nicht ertragen, Kit. Danebenstehen und zusehen, wie sie aufs Schafott steigt. Ihr die Haube aufbinden. Ihren Nacken entblößen.« Anne zittert merklich.
»Armes Kind«, murmelt Katherine.
»Gerüchte besagen, der König suche eine sechste Frau.«
»Wer ist im Gespräch?«
»Die Gerüchte schwirren wie üblich. Jede unvermählte Frau ist im Gespräch, selbst du, Kit.«
»Absurd«, murmelt Katherine.
»Aber auf Anne Bassett setzen die meisten«, fährt Anne fort. »Dabei sie ist auch nur ein Mädchen, jünger sogar als das letzte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich wieder so ein junges Ding nimmt. Catherine Howard hat ihn bis ins Mark erschüttert. Aber dessen ungeachtet bugsiert die Bassett-Familie die kleine Anne stets in den Vordergrund. Sie haben sie mit ganz neuer Garderobe ausstaffiert, damit sie prunken kann.«
»Ja, so ist das hier«, sagt Katherine und seufzt. »Weißt du, dass Will eine Heirat zwischen Meg und diesem Seymour vorgeschlagen hat?«
»Das wundert mich überhaupt nicht.« Anne verdreht die Augen. »Die beiden halten zusammen wie Pech und Schwefel.«
»Daraus wird nichts«, sagt Katherine bestimmt.
»Du hast dich also nicht von dem größten Charmeur des Palasts bezirzen lassen?«
»Kein bisschen. Ich fand ihn …« Sie findet nicht die richtigen Worte; es verwirrt sie, dass Seymour ihr während dieser letzten Stunde immer wieder in den Sinn gekommen ist. »Ach, du weißt schon.«
»Die hier wären nicht deiner Meinung«, sagt Anne und deutet mit dem Kopf zu einigen jungen Zofen, die um die Feuerstelle herumsitzen, schwatzen und so tun, als würden sie nähen. »Du solltest mal sehen, wie aufgeregt sie umherflattern, wenn er vorbeigeht. Wie Schmetterlinge in einem Netz.«
Katherine zuckt die Achseln und sagt sich, dass sie keiner dieser Schmetterlinge ist. »War er denn nie verheiratet? Er muss doch so um die neunundzwanzig sein.«
»Vierunddreißig!«
»Er sieht jung aus für sein Alter«, sagt sie überrascht. Doch am meisten beschäftigt sie, dass Thomas Seymour älter ist als sie.
»Ja, in der Tat …« Anne macht eine Pause und fügt dann hinzu: »Ich meine mich zu erinnern, dass man ihn mal mit der Herzogin von Richmond in Verbindung gebracht hat.«
»Was, mit Mary Howard?«, fragt Katherine. »Ich dachte, die Howards und die Seymours seien …«
»… sich nicht freundlich gesonnen … ja, deshalb ist vermutlich nie etwas daraus geworden. Ich persönlich glaube, er spart sich für eine noch glanzvollere Partie auf.«
»Nun, dann wäre Meg ohnehin nicht geeignet.«
»Sie hat doch jede Menge Plantagenet-Blut in sich«, sagt Anne.
»Das mag sein. Ich würde sie eine gute Partie nennen. Aber keine glanzvolle.«
»Das ist wahr«, sagt Anne.
Meg reißt sich von den Wandteppichen los, kommt und setzt sich zwischen die beiden. Die Zofen mustern sie von oben bis unten, als sie an ihnen vorbeigeht, einige tuscheln.
»Hast du deinen Vater entdeckt, Meg?«, fragt Anne.
»Ja, ich bin sicher, der auf dem Schlachtfeld neben dem König, das ist er.«
Unruhe entsteht, als Susan Clarencieux aus Marys Schlafgemach schlüpft und mit jener herrischen, aber leisen Stimme, die ihr eigen ist, ankündigt: »Sie wird nun angekleidet.« Und zu Katherine gewandt: »Sie hat darum gebeten, dass Ihr ihre Garderobe auswählt.«
Katherine, die bemerkt, dass Susan sich vor den Kopf gestoßen fühlt, entgegnet: »Was würdet Ihr vorschlagen, Susan? Etwas Nüchternes?«
Susans Züge entspannen sich. »O nein, ich denke, eher etwas, das sie aufmuntert.«
»Ihr habt vollkommen recht. Dann eher etwas Helles.«
Susans Gesicht verzieht sich zu einem unbehaglichen Lächeln. Katherine weiß, wie sie mit diesen aalglatten Höflingen und ihren Unsicherheiten umgehen muss. Das hat sie von ihrer Mutter gelernt.
»Und sie wünscht«, fügt Susan hinzu, als Katherine sich ihr Kleid glatt streicht und ihre Haube zurechtrückt, »dass man ihr das Mädchen vorstellt.«
Katherine nickt. »Komm, Meg. Wir dürfen sie nicht warten lassen.«
»Muss ich denn mitkommen?«, flüstert Meg.
»Ja, du musst.« Schroffer, als sie eigentlich will, greift sie nach Megs Arm und wünscht sich, das Mädchen wäre weniger unbeholfen. Schon rügt sie sich innerlich für ihre Grobheit und erklärt: »Sie mag ja die Tochter des Königs sein, aber man muss sich nicht vor ihr fürchten. Du wirst schon sehen.« Als sie Meg über den Rücken streicht, fällt ihr auf, wie dünn sie geworden ist, ihre Schulterblätter stehen ab wie Stummelflügelchen.
Lady Mary sitzt in einem Seidengewand in ihrem Schlafgemach. Sie wirkt schwach, und ihr Gesicht ist verquollen; sie scheint jede Jugendlichkeit verloren zu haben. Katherine rechnet im Kopf nach und versucht sich zu erinnern, wie viel jünger Mary ist als sie. Obwohl es nur etwa vier Jahre sind, siehtMary runzlig aus, denkt sie, und ihre Augen haben einen fiebrigen Glanz – zweifelsohne eine Hinterlassenschaft dessen, wie ihr Vater mit ihr umgegangen ist. Nun lebt sie wenigstens am Hof, wo sie hingehört, und ist nicht mehr an einem feuchten, fernen Ort versteckt und weggesperrt. Ihre Lage aber ist weiterhin unsicher, und seit ihr Vater das Land spaltet, um zu beweisen, dass er nie wahrhaftig mit ihrer Mutter vermählt gewesen sei, schwebt über der armen Mary der Makel der Unehelichkeit. Kein Wunder, dass sie an dem alten Glauben festhält; er ist ihre einzige Hoffnung auf Rechtmäßigkeit und eine gute Verheiratung.
Zur Begrüßung kräuselt sich ihr schmaler Mund zu einem Lächeln. »Katherine Parr«, sagt sie. »Ach, wie froh ich bin, Euch wiederzuhaben.«
»Es ist mir eine große Ehre, hier zu sein, my Lady«, entgegnet Katherine. »Doch nur die Taufe führt mich heute zu Euch. Ich habe gehört, Ihr übernehmt die Patenschaft für das neue Wriothesley-Baby.«
»Nur heute? Das ist eine Enttäuschung.«
»Ich muss die Trauerzeit für meinen verstorbenen Gemahl achten.«
»Ja«, sagt Mary leise, hebt die Hand, schließt die Augen und drückt einen Moment lang die Stelle zwischen den Brauen.
»Leidet Ihr Schmerzen? Ich kann Euch etwas zusammenmischen«, sagt Katherine und beugt sich vor, um über Marys Stirn zu streichen.
»Nein, nein, Tinkturen … habe ich mehr als genug«, antwortet Mary, setzt sich auf und atmet tief ein.
»Vielleicht hilft es, wenn ich Eure Schläfen reibe.«
Da Mary zustimmend nickt, stellt Katherine sich hinter sie, legt die Fingerspitzen sanft seitlich auf Marys Stirn und lässt sie kreisen. Durch die pergamenten dünne Haut schimmern verengte blaue Äderchen. Mary schließt die Augen und lässt den Kopf nach hinten an Katherines Mieder sinken.
»Die Nachricht von Lord Latymers Tod hat mich betrübt, wirklich sehr betrübt.«
»Das ist sehr freundlich, my Lady.«
»Aber Ihr werdet doch bald wiederkommen, Katherine, um mir in meinen Gemächern zu dienen … ich brauche dringend Freundinnen. Nur Eurer Schwester und Susan kann ich vollkommen vertrauen. Ich möchte von Frauen umgeben sein, die ich kenne. Es gibt so viele Ladys in meinen Gemächern – ich weiß nicht einmal, wer sie sind. Ihr und ich haben als Kinder denselben Lehrer gehabt, Katherine, Eure Mutter hat meiner Mutter gedient. Ich fühle mich Euch nahe, als wären wir verwandt.«
»Es ehrt mich, dass Ihr so über mich denkt«, entgegnet Katherine, die erst jetzt erkennt, wie einsam das Leben für eine Frau wie Mary sein muss. Eigentlich sollte sie schon längst mit einem prächtigen ausländischen Herrschersohn verheiratet sein, ihm eine Prinzenschar geboren und das Bündnis Englands mit einem bedeutenden Land gefestigt haben. Doch sie wird hin und her geschubst, mal ist sie in Gnaden geduldet, mal in Ungnade gefallen, mal ehelich, mal unehelich. Niemand weiß, was man mit ihr machen soll, am wenigsten ihr Vater.
»Hängt Ihr noch dem wahren Glauben an, Katherine?«, fragt Mary, die nun nur noch flüstert, obwohl niemand außer Meg zugegen ist, die verlegen hinter ihrer Stiefmutter steht. »Ich weiß, Euer Bruder bekennt sich zu der Reform und Eure Schwester und ihr Mann ebenfalls. Doch Ihr, Katherine, Ihr wart lange mit einem Lord aus dem Norden verheiratet, und dort herrscht noch der alte Glaube.«
»Ich folge dem Glauben des Königs«, entgegnet Katherine in der Hoffnung, dass ihre unbestimmte Antwort nicht zu Unterstellungen führt. Sie weiß nur zu gut, wie die Dinge im Norden stehen, wenn es um den Glauben geht. Sie kann daran nicht denken, ohne Murgatroyds grobe Hände auf sich zu spüren und den Gestank seines ungewaschenen Körpers zu riechen. Sie versucht, den Gedanken zu vertreiben, doch er bleibt.
»Dem Glauben meines Vaters«, sagt Mary. »Im Herzen ist er noch immer Katholik. Auch wenn er mit Rom gebrochen hat. Ist es nicht so, Katherine?«
Katherine hat sie kaum gehört, sie muss unvermeidlich an ihr totes Baby denken, an dessen dunkle Augen, die sich plötzlich öffneten, und an den beunruhigenden Blick, der sie daran erinnerte, woher es kam. Doch sie fasst sich wieder und antwortet: »So ist es, my Lady. Glaubensdinge sind nicht mehr so eindeutig, wie sie einmal waren.«
Sie verabscheut ihre Zweideutigkeit und findet sich nicht besser als all die anderen niederträchtigen Höflinge. Aber sie bringt einfach nicht den Mut auf zuzugeben, wie sehr sie dem neuen Glauben indessen anhängt. Marys Enttäuschung wäre für sie unerträglich. Das Leben dieser Frau ist eine einzige Aneinanderreihung großer Enttäuschungen, und Katherine will keinesfalls eine weitere hinzuzufügen, und sei sie noch so klein, indem sie die Wahrheit sagt.
»Mmm«, murmelt Mary. »Ich wollte, sie wären es. Ich wollte, sie wären es.« Sie nestelt gedankenverloren an einem Rosenkranz, dessen Perlen klackern, als sie sie über den Seidenfaden schiebt. »Und das ist Eure Stieftochter?«
»Ja, my Lady. Erlaubt mir, Euch Margaret Neville vorzustellen.«
Zögerlich tritt Meg einen Schritt vor und macht dann einen tiefen Hofknicks, wie man es ihr beigebracht hat.
»Kommt näher, Margaret«, bittet Mary. »Und setzt Euch, setzt Euch.« Sie deutet auf einen Hocker neben sich. »Nun, sagt mir, wie alt Ihr seid.«
»Ich bin siebzehn, my Lady.«
»Siebzehn. Und vermutlich seid Ihr jemandem versprochen, oder?«
»Ich war es, my Lady, doch er ist gestorben.«
Katherine hat ihr angeraten, dies zu sagen. Es wäre nicht klug, kundzutun, dass ihr Verlobter einer jener Männer war, die nach der Pilgerfahrt der Gnade wegen Hochverrats gehängt wurden.
»Nun, wir werden Euch einen Ersatz finden, nicht wahr?«
Nur Katherine scheint zu bemerken, dass aus Megs Gesicht jegliche Farbe weicht.
»Ihr dürft Eurer Stiefmutter helfen, mich anzukleiden.«
Die Messe nimmt einfach kein Ende. Meg rutscht unruhig hin und her, und Katherines Gedanken wandern zu Seymour und seinem verwirrenden Blick, zu diesen lavendelblauen Augen. Allein schon an ihn zu denken versetzt sie in Unruhe, sodass ihr Inneres krampft. Sie zwingt sich dazu, an die lächerliche, wippende Feder zu denken und an seinen Pomp, von allem zuviel, dann konzentriert sie sich wieder auf den Gottesdienst.
Lady Mary wirkt so zerbrechlich; da scheint es ein Wunder, dass sie den Säugling auf dem Arm halten kann, denn er ist rund und robust, seine Lungen würden selbst den Teufel das Fürchten lehren. Bischof Gardiner, dessen fleischiges Gesicht wirkt, als wäre es aus weichem Wachs, zelebriert den Gottesdienst. Er zieht ihn in die Länge, und seine langsame, endlos tönende Stimme lässt das Latein hässlich klingen. Unweigerlich muss Katherine daran denken, dass er ihre Schwester verhört, dass er ihr Angst eingejagt hat – und auch der Finger des Chorknaben geht ihr nicht aus dem Sinn. Es heißt, Gardiner sei in den letzten Jahren immer näher an den König herangerückt und der König suche seinen Rat ebenso sehr wie den des Erzbischofs. Das Kind schreit mit hochrotem Kopf ohne Unterlass, bis ihm das geweihte Wasser über den Kopf gegossen wird. Unmittelbar darauf ist das kleine Mädchen vollkommen still, als hätte man ihm den Satan ausgetrieben. Und Gardiner schaut so selbstgefällig, als wäre es sein und nicht Gottes Werk.
Der König wohnt der Zeremonie nicht bei. Und Wriothesley, der Vater des Kindes, wirkt deswegen verstört. Der Mann ist wie ein Frettchen; ständig zeigt er einen Gesichtsausdruck, als wolle er sich entschuldigen, und er hat einen Hang zum Schnüffeln; er ist der Lordsiegelbewahrer, und manche meinen, er halte, gemeinsam mit Gardiner, die Zügel von ganz England in der Hand, doch seinem Aussehen nach käme man nicht darauf. Katherine bemerkt, dass er mit seinen schlammbraunen Augen immerfort beklommen zur Tür blickt, während er geistesabwesend seine Fingergelenke knacken lässt, sodass Gardiners Gedröhn gelegentlich von einem weichen knorpeligen Klacken unterlegt wird. Eine derartige Kränkung könnte bei einem König, dessen Launen sich aufs Geratewohl ändern, alles bedeuten; der Lordsiegelbewahrer mag zwar die Zügel Englands in der Hand halten, doch ohne die Gunst des Königs bedeutet das gar nichts. Eigentlich sollte Wriothesley alles über die Launenhaftigkeit des Königs wissen; schließlich war er einmal ein Protegé Cromwells, doch er hat sich rechtzeitig aus dieser Verbindung davongestohlen, kaum dass sich das Blatt wendete – noch einer, dem nicht zu trauen ist.
Nachdem die Feierlichkeit vorüber ist, gehen alle geordnet hinter Lady Mary hinaus, die sich fest an Susan Clarencieux’ gelb gewandeten Arm klammert, so als würde sie jeden Augenblick zusammenbrechen. Mit ihren Hofdamen im Gefolge schreitet sie über den langen Gang durch eine Schar von Höflingen, die bei ihrem Näherkommen Platz machen. Seymour ist unter ihnen, und zwei jüngere Mädchen kichern albern, als er sie anlächelt und diese alberne Feder in ihre Richtung neigt. Katherine schaut weg und gibt sich den Anschein, als interessierte sie sich brennend für die Kommentare der alten Lady Buttes über die Kleidung der jungen Leute, über deren lockere Auslegung der Aufwandsgesetze und den Niedergang der Höflichkeit. Zu ihrer Zeit, so fährt Lady Buttes fort, sei es noch anders gewesen, und ob heute denn niemand mehr wisse, wie man den Älteren Respekt zolle. Katherine hört undeutlich Seymour ihren Namen und eine – zweifellos heuchlerische – Schmeichelei über ihren Schmuck aussprechen. Mit einem angedeuteten Nicken sieht sie kurz in seine Richtung, ehe sie sich wieder Lady Buttes’ Litanei öder Klagen zuwendet.
Kaum sind sie wieder in Lady Marys vergleichsweise ruhigen Gemächern angelangt, drängt Susan Clarencieux sie alle hinaus in die äußeren Räume und geleitet Mary, die am Rande eines Zusammenbruchs zu sein scheint, in ihr Schlafzimmer. Da die jüngeren Mädchen nun unter sich sind, legen sie plappernd und kichernd ihre kunstvollen Hauben ab und lockern ihre Kleider. Die Frauen tummeln sich leise in Grüppchen, bis sie sich schließlich zum Lesen oder zur Handarbeit setzen und ihnen Würzwein gereicht wird. Katherine will gerade Abschied nehmen, als sich draußen vor der Tür ein Getöse erhebt, Getrommel und Gesang, unterlegt mit Lautenklängen und heftigem Fußstampfen. Alle Mädchen greifen nach ihren Hauben, setzen sie sich rasch wieder auf und helfen einander, sie festzubinden und widerspenstige Haarsträhnen darunter zu verstecken, derweil sie sich in die Wangen kneifen und auf die Lippen beißen.
Die Türen fliegen auf, und zu einer Kakofonie aus Geklatsche und Gejauchze tänzeln maskierte Musikanten in das Gemach. Sie hüpfen in einem komplizierten Reel umher, beschreiben Achten und drängen die Hofdamen an die Wände. Katherine steigt auf einen Schemel und zieht auch Meg zu sich hinauf, damit sie über die Köpfe der anderen hinwegschauen können. Sie spürt, dass die Stimmung im Raum sich zu einem gezügelten Rausch steigert, ähnlich der elektrischen Ladung vor einem Gewitter.
Katherines Schwester Anne packt eines der Mädchen am Arm und weist es an: »Hol Susan. Sag ihr, Lady Mary soll herauskommen, sag ihr, sie hat Besuch.«
Mit kaum verhohlenem Japsen sieht Katherine nun, worum es bei dem ganzen Aufhebens geht – inmitten der umherwirbelnden Musikanten befindet sich, humpelnd und seine hünenhafte Gestalt wiegend, der König. In seiner Musikantentracht, ein Bein schwarz, das andere weiß, gibt er ein absurdes Bild ab. Katherine erinnert sich, dass er Jahre zuvor schon einmal so etwas getan und geglaubt hatte, er wäre bis zur Unkenntlichkeit verkleidet. Der ganze Hof hatte das alberne Spiel mitgespielt, weil er doch sehnlichst herausfinden wollte, ob die Leute von ihm als Mensch ebenso begeistert wären wie vom König. Auch damals war er mit seinen schönsten Höflingen einfach hereingeplatzt, und er, der alle anderen um Haupteslänge überragte und geschmeidig, muskulös und kraftvoll war, bot wahrhaftig einen imposanten Anblick; seine Wirkung war absolut entwaffnend, insbesondere für Katherine, damals noch ein kleines Mädchen. Doch noch immer solche Kapriolen zu schlagen, obwohl er kaum in der Lage ist zu stehen, ohne dass ihn zu beiden Seiten jemand stützt, und sich in einen Musikantenwams zu zwängen, das seine Leibesfülle nur mühsam mit gespannten Schnüren zusammenhält – das riecht nach Verzweiflung. Und dass er in Begleitung so wohlgestalter Männer wie seinen hübschen jungen Saal- und Kammerdienern ist, von der Jagd athletisch und vor Lebensfreude berstend, das macht die ganze Farce noch unendlich schlimmer.
Meg steht mit offenem Mund da.
»Der König«, flüstert Katherine. »Wenn er die Maske abnimmt, musst du erstaunt tun.«
»Aber warum denn?« In Megs Gesicht spiegelt sich Bestürzung.
Katherine zuckt die Achseln. Was soll sie sagen? Der ganze Hof muss an der Illusion mitwirken, die den König glauben lässt, er wäre jung und würde um seiner selbst willen geliebt – auch wenn er heute den Menschen in Wahrheit nichts anderes als Angst einflößt. »So ist das bei Hofe, Meg«, sagt sie. »Manches hier entzieht sich der Erklärung.«
