Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
George Orwell beschreibt in seinem Werk 1984 den vollständigen Überwachungsstaat, durch den alle Ideale infernal ad absurdum geführt werden. Eine Liebesbeziehung scheitert durch Verrat. In Schöne Neue Welt zaubert Aldous Huxley wunschlos glückliche Retortenmenschen. Kritiker werden verbannt oder in den Suizid getrieben. Pina Petersberg entwickelt in Im Schatten des Burn-outs zunächst eine Anti-Utopie: Die Psychiaterin Pina soll das Qualitätssicherungssystem im Biokoka-Konzern perfektionieren, sodass der Absatz des superlativen Fitness-Drinks für die ultimative Leistungsstärke höchste Rekorde bricht. Leider treten unerwartete Nebenwirkungen auf: Es kommt zu einer Burnout-Epidemie. Kriminelle Energien stellen sich Pina und ihrem Rhodesian Ridgebackterrier Einstein in den Weg. Pina verliebt sich in den Schatten, der die Vision einer leistungsstarken Gesellschaft trübt. Eine Reise auf der Suche nach innerem Gleichgewicht und Sinnfindung führt sie schließlich in die friesische Karibik, wo sie in Lebensgefahr gerät. Wird sie ihre innere Reise fortsetzen und der Anti-Utopie entfliehen? Im Schatten des Burn-outs ist ein gelungener Roman über das Leben und Überleben in unserer Leistungsgesellschaft. So fantastisch wie das Leben selbst.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Pina Petersberg ist Psychiaterin und Psychotherapeutin mit langjähriger
klinischer Erfahrung. Fantasievoll angereichert schreibt sie in verfremdeter
Form und unter Pseudonym, inspiriert durch die unterschiedlichsten
biografische Erfahrungen. Alle Namen und Orte wurden geändert.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig. Sie können sich
nicht wiedererkennen.
Pina Petersberg
IM SCHATTEN DES
BURN-OUTS
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei der Autorin
Lektorat: Dr. Gregor Ohlerich
Titelfoto © Peter Atkins - Fotolia
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Eigentlich sollte es am Sonntag mit Freunden ein Spargelbuffet mit Erdbeeren zum Brunch geben, aber alles kam ganz anders.
Unser Büro im dreitausend Mitarbeiter starken Biokoka-Konzern erinnerte in seiner dreieckigen Konfiguration mit zwei aufeinandertreffenden großen Glasfronten an ein Schiffsbug, von uns auch entsprechend dekoriert. Ein holzgeschnitzter Fisch mit glänzenden Schuppen schwamm virtuell in der Fensterbank, als Segelmast diente der kahle, hoch aufgeschossene Stamm einer Yuccapalme in der Mitte und ein buntes Feng-Shui-Fähnchen wehte von der Decke und störte gelegentlich sehr große männliche Kunden, die dann irritiert nach oben schauten, obwohl sie sich schon selbst am Zenit der starren Hierarchie des Konzerns wähnten. An den Wänden auf ihrer Seite hatte meine freundliche und stets auf Harmonie bedachte lockenköpfige Kollegin Dina Postkarten mit Meeresblick in unterschiedlichen Stimmungen platziert, auf meiner Seite gab es ein Poster mit der Schiffsbibliothek in meinem Rücken. Adäquat für unser Ambiente erachtete ich den Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, sehr passend zu Licht und Schatten in unserem Konzern auch die Aufteilung in eine Kriegs- und eine Friedensseite. Als unser Firmament diente also die Verherrlichung Karls VI., dessen Fresko die Mittelkuppel zierte, das Bild gehalten von Herkules und Apoll. Ein weiteres Bild zeigte unsere Meerespferde, die nicht von Göttern gebändigt wurden, sondern ähnlich Lipizzanern bei der Morgenarbeit Kapriolen vollführten, Bocksprünge als Veredelung des Auskeilens aus dem natürlichen Kampfverhalten, wie schon zu Xenons Zeiten 400 v. Chr. im antiken Griechenland.
„Das schönste Büro”, lobte unser sonst etwas griesgrämiger, vom Frust der Jahre blass gewordener Seniorchef anerkennend wie Neptun auf dem Muschelwagen und wirkte einen flüchtigen Moment lang fast jugendlich.
Heute war die Stimmung düster, denn Regengüsse trommelten gegen die teilweise undichten, schon etwas blinden Fensterscheiben und formten unaufhörlich Rinnsale mit Überresten von unansehnlichen, schmutzigweißen Taubenexkrementen.
Es klopfte an der Bürotür und herein schoss unsere große, sommersprossige Nachbarin Roswitha mit der neumodischen Fliegenpilzkopf-Frisur, ebenfalls eine langjährige, liebgewonnene Kollegin.
„Hallo Pina, hallo Dina, ihr Lieben! Ich habe Erdbeeren für euch aus dem Garten geerntet, die kann ich unmöglich alle selbst essen.“
Sie platzierte stolz ihre Ausbeute auf unseren mit Akten überladenen Schreibtischen und wir tauschten kurz die wichtigsten Neuigkeiten vom Wochenende aus.
Plötzlich zerriss ein hoher, heulender Sirenenton die Idylle, noch ehe wir uns bedanken konnten. Ein Dauerton.
„Nanu, es war doch gar keine Übung geplant“, murmelte ich, während wir rasch unsere Aktentaschen, Autoschlüssel und Regenschirme ausgruben, um dem schwatzenden, durch die Korridore eilenden Pulk von Mitarbeitern zu folgen, durch das Treppenhaus bis zur Drehtür im Erdgeschoß, vor der sich eine gehorsame Schlange gebildet hatte.
„Ob es doch ernst ist?“, fragten wir uns.
Ich drückte die mittige Glastür zwischen den beiden Drehtüren auf, sodass sich die Schlange auflösen konnte und ins Freie kroch und die schnatternden Gespräche unweit vom Firmengebäude im Regen unter bunten, hastig aufgespannten Schirmen fortsetzte. Während ich nach vertrauten Gesichtern suchte, forderten die Notfallkoordinatoren durch Sprachrohre energisch auf: „Die Sammelstellen bitte umgehend in gebührendem Abstand vom Firmengebäude aufsuchen!“
Glücklicherweise stand mein Auto dort, sodass ich mich mit Kollegin Ilse zurückziehen konnte, schon deutlich durchnässt. Wir erfuhren, dass es sich wohl um eine Bombendrohung handelte. Polizisten mit Spürhunden suchten fieberhaft das Gebäude ab, während wir beschlossen, uns im benachbarten Teehaus aufzuwärmen. Während meine klammen Hände den Becher mit Chai-Latte umfassten, um die wohltuende Wärme aufzusaugen, sinnierten wir über Sinn und Zweck dieses plötzlichen Intermezzos.
„Da muss wohl jemand sehr ärgerlich auf unseren vorbildlichen, mehrfach preisgekrönten Konzern gewesen sein“, vermutete die mir gegenübersitzende Ilse stirnrunzelnd, die selbst sehr ehrgeizig war und entsprechende Karrierepläne verfolgte, aber noch nicht so recht zum Zuge gekommen war.
„Wundert dich das?“, hub ich an, um aufgestautem Ärger Luft zu machen, jäh meine Tirade abbrechend, als ich aus den Augenwinkeln wahrnahm, dass wir uns keinesfalls unter uns befanden, sondern in höchst wichtiger Gesellschaft mit der obersten Konzernleitung am Nachbartisch. Wir waren immerhin marktführend im Bereich biologischer Softdrinks und diverser Leckereien.
„Achtung“, zischte ich und schlürfte hastig die Reste des Milchschaumes in meinen knurrenden Magen, bevor wir bezahlten und höflich grüßend das Feld räumten. Als angestellte Psychiaterin gehörte ich schon seit fast zwei Jahrzehnten zum Inventar des Konzerns und war stets bemüht, die Etikette zu wahren und nicht aufzufallen. So kleidete ich mich eher schlicht und sportlich.
Nach unserer Rückkehr zur Sammelstelle erfuhren wir, dass die Geschäftsführung uns für heute freigab, da die Suche nach Sprengstoff zwar bisher nicht erfolgreich verlaufen wäre, aber uns aufgeweichten Pudeln andere gesundheitliche Gefahren wie eine erneute Epidemie der Schweinegrippe drohen könnten. Bereits im letzten Jahr hatte diese das Unternehmen durch eine Verdoppelung der Arbeitsunfähigkeitszeiten, darunter sogar von drei wichtigen Führungspersönlichkeiten, erheblich geschwächt. Tatsächlich klebten mir die vor Feuchtigkeit klammen Jeans samt T-Shirt auf der Haut und meine Pumps quietschten vor Nässe bei jedem Schritt. Eilig versteckte ich beides unter einem grau-violetten Blazer, der einzig trocken geblieben war, da er im Auto zurückgeblieben war.
Am nächsten Morgen war es zunächst ein beklemmendes Gefühl, in das verlassene Gebäude zurückzukehren, aber rasch vertrieb die gewohnte alltägliche Routine sorgenvolle Befürchtungen. Die Erdbeeren waren allerdings teilweise verschimmelt und mussten entsorgt werden, sodass die Spargelvariationen am Wochenende nicht mit frischer, sonnengereifter Ernte garniert werden konnten, sondern wir mit wässrigen Treibhausfrüchten vorliebnehmen mussten.
Pünktlich um 9 Uhr 30 schlug Yolanthe, die elegante Chefsekretärin, leicht wankend auf hochhackigen, schwarzen Lackschuhen den gewohnten Gong. „Biing“ hallte es sekundenlang durch die grauen, trostlosen Flure und mahnte uns zur Versammlung im Saal Alpha. Auch dieser Saal zeichnete sich durch eine beklemmende Atmosphäre aus, nur elektrisch durch Halogenleuchten notdürftig illuminiert, fensterlos. Auf dem Rednerpodium thronte nicht der Chef der Illuminati, sondern der Geschäftsführer, ebenfalls ein Perfektibilist, der sich die Verbesserung und Vervollkommnung des Betriebes zum Ziel gesetzt hatte. „Panther nannten wir ihn, weil er – einmal in Rage versetzt – brüllen konnte wie ein flammenspeiendes Wappentier. Eigentlich hieß er Herr Dr. Pantwitz. Er konnte dem Gegner sowohl heimlich auflauern, als auch sich der Anschleichjagd bedienen, um ihm so nahe wie möglich zu kommen. Die reflektierende Schicht seiner grünlich schimmernden Netzhaut spiegelte uns das fahle, künstliche Licht zurück. Der Vorhang seiner Pupille schob sich nur manchmal auf und ein Bild berührte sein Herz, aber meist erstarb es schnell in all dieser emotionalen Leere. Niemanden ließ er in seine Seele blicken. Er verharrte regungslos, für uns ein Monument von Stärke, Gerissenheit, aber auch kriegerischem Mut – und doch ein bisschen gefangen wie hinter Gitterstäben inmitten gesellschaftlicher und selbst auferlegter Zwänge.
Wir verteilten uns im Halbkreis, ehrfürchtig und gespannt. Zur Rechten die Juristen, die Elite des Hauses, deren Kopf Panther bildete, links das Fußvolk, die Mediziner, mittig die Ingenieure und Chemiker. Es war mucksmäuschenstill, ein beklommenes Schweigen, das nichts Gutes zu verheißen schien. Ich versuchte, hinter der barock proportionierten, durchsetzungsstarken Kollegin Mopsie dezent in Deckung zu gehen.
Panther hob seine in relaxtem Zustand sonore Stimme: „Guten Morgen. Ich begrüße Sie zu unserer heutigen außerordentlichen Generalversammlung.“ Die Mediziner würdigte er nur kurz mit einem prüfenden, abschätzenden Blick, der mich erschaudern ließ. „Wie Sie aus unserem letzten Rundbrief erfahren haben, ist wichtige Vorarbeit auf der Führrungsebene bereits am letzten Wochenende in einer sehr errgiebigen Sondersitzung geleistet worden, in welcher innovative Führrungsstrategien auf den Prrüfstand gestellt und zielführend adaptiert worden sind“. Wie um seiner Rede Nachdruck zu verleihen, rrollte er das „r“, sodass es zunächst gräulich, fast grollend klang, bis dieser Grauschleier wich und bei dem Wort „Führung“ einem selbstzufriedenen Schnurren glich. Ein stolzes, kaltes Lächeln huschte über sein sonst so bewegloses Gesicht.
Alsbald berichtete er ausführlich über die jüngste wirtschaftliche Strategie des Konzerns, seine Konsolidierungspläne für die gespannte Marktsituation und die jüngsten Absatzeinbrüche bei der Vermarktung unseres innovativen Fitnessdrinks „Biokoka“. Neue Forschungsinitiativen der Mediziner und Chemiker gemeinsam seien erforderlich, um den Geschmack noch unwiderstehlicher zu gestalten und vor allem, das Versprechen maximaler Leistungsfähigkeit und bio-psycho-physischer Resilienz bei sozial- und umweltbedingten unvorteilhaften Genexpressionen nach dem Genuss einzulösen. Die Ingenieure schließlich sollten dringlich alle technischen Geräte für die Produktion des Lebenselixiers einer eingehenden Prüfung und Rationalisierung unterziehen. Eine noch wirksamere Werbekampagne müsse ins Leben gerufen werden, da Kunden offensichtlich auf preisgünstigere, wenn natürlich auch weniger effektive Konkurrenzpräparate ausgewichen wären.
„Neptun“, schloss er mit Nachdruck, „nun bitte eine Analyse der Sicherheitsvorkehrungen während des Bombenalarmes.“
Neptun fuhr zusammen und war sichtlich schlecht vorbereitet. „Äh“, setzte er zögerlich an, nach den passenden Worten ringend. „Zunächst: Die Alarmierung und Evakuation aller Beteiligten klappte ja reibungslos.
„Fehlermeldung“, meldete sich ein älterer, hagerer Jurist unter den grauen Eminenzen mit schriller, aufgeregter Stimme zu Wort und bekam einen Flush, sodass er Sekunden lang aussah wie eine überreife Tomate, die zu platzen drohte, ehe er sich wieder mausgrau entfärbte. „Ich habe Pina beobachtet, wie sie die mittige Glastür zwischen den Drehtüren aufstieß, nachdem sich trotz der Notfallsituation bereits Mitarbeitertrauben aufgereiht hatten.“
„Hört, hört“, ging ein Raunen durch die Menge, und „Unerhört“, schrie Panther erbost. „Die Drehtüren sind in Notfällen bei sofortiger Dispensation strengstens untersagt!“ Sein strenger Blick schweifte erneut sorgsam prüfend in die Runde. Es gab kein Entrinnen.
„Pina!“
Leider hatte er mich hinter der barocken Kollegin entdeckt, die sich nun müde in ihrem Stuhl zurücklehnte und so den Blick auf mich freigab. Ich drehte mich etwas seitlich, um mich weniger zu exponieren, nichts Günstiges ahnend.
„Pina!“, wiederholte Panther mit Nachdruck und einer Nuance Ironie, indem er plötzlich den zuvor aufgebrachten Tonfall wechselte. „Das war Spitze. Ich erwarte von Ihnen, das Sie von nun an alle Qualitätsmanagementmaßnahmen für die Werbekampagne in Ihre zarte Hand nehmen, damit sich auch bei den Kunden und Kundinnen in Zukunft Tür und Tor öffnen.“
Alle Augen richteten sich fragend auf mich. Da mir die von meinem Mandelkern signalisierte Flucht aus diesem düsteren Innenraum unmöglich war, blieb nur die sekundenlange Erstarrung als Relikt eines Totstellreflexes.
Nach wiedergewonnenem Erwachsenenmodus antwortete ich gehorsam und fast unterwürfig mit „Ja, Herr Dr. Pantwitz“.
Durch dieses Intermezzo hatte Neptun merklich an Zeit und Sicherheit gewonnen. Die meist freundliche, attraktive, brünette Juniorchefin Edeltännchen, kürzlich frisch gekürt, schob ihm rasch den jüngsten Notfallplan unter, den er mit monotoner Stimme rezitierte, bis Panther barsch unterbrach.
„Papperlapapp, alles irrelevant!“ Und: „Fahren Sie bitte fort, Edeltännchen“. Diese ließ sich nicht lange bitten. Nicht umsonst hatte sie das strenge Assessment bestanden, während ich im Stressinterview von einer ebenfalls anwesenden, mehr farblosen als grauen Eminenz namens Fade aufgrund mangelnder affektiver Schwingungsfähigkeit aussortiert worden war. (Unmöglich hatte ich affektiv differenziert auf diesen Langweiler reagieren können.) Edeltännchen war Ökonomin und schwang optimal mit allen Alphatieren. Selbst Panther zeigte sich beeindruckt von ihrem Know-how, ihrer Wortgewandtheit und ihrem frischen Auftreten. Nur initial zitterte sie bei ihrer PowerPoint-Präsentation etwas vor Anstrengung, fing sich aber zunehmend.
„Macht PowerPoint nicht dumm?“, zischelte Trixi mir zu, eine hoch aufgeschossene, staksige Kollegin, die trotz guten Appetits magersüchtig wirkte und stets auf Krawall gebürstet war. Insgeheim vermutete ich bei ihr eine Schilddrüsenüberfunktion und beschloss, sie bei der nächsten Gelegenheit dezent an eine diesbezügliche Laborkontrolle zu erinnern. Panther jedoch war durch Edeltännchens Vortrag sichtlich besänftigt und erinnerte mich an eine große, satte Katze, die sich nach dem Verzehr eines besonderen Leckerbissens zufrieden die Lefzen leckte.
Aber es gab noch einen weiteren kleineren Zwischenfall. Unter „Sand im Getriebe“ meldete sich die energische Betriebsärztin Gesine mit ihrem strengen, grau melierten Knoten am Hinterkopf zu Wort. Sie hatte herausgefunden, dass zur Personalgewinnung inzwischen eine Zulage gewährt wurde.
„Ich erwarte von Ihnen eine Anpassung unserer Gehälter und zwar nach Alter und Erfahrung gestaffelt.“
Der Haarknoten vibrierte aufgrund ihrer Anspannung. Nun, sie hatte die satte Raubkatze unmittelbar nach ihrer Siesta erwischt. So nahm Panther diese Forderung ruhig, scheinbar gelassen zur Kenntnis.
„Wir werden sehen“, äußerte er fast verbindlich und forderte mit bewährter, hoheitsvoller Handgestik die Mannschaft auf, sich wieder dem laufenden Tagesgeschäft zu widmen. Die Mediziner zogen gehorsam die Köpfe ein. Als ich verstohlen hinter mich blickte, entdeckte ich nur noch die stumme Masse der Arbeitnehmerüberlassenen, auch „Anüs“ genannt, in sackförmigen, wahlweise beigefarbenen oder grauen Kitteln, die uns an Resignation bei Weitem übertraf.
Bezeichnenderweise schrieben wir Freitag, den 13., zweieinhalb Jahre in der Zukunft. Sollte das ein böses Omen sein? Nur eine Stunde bekam ich in der Mittagspause vom Ersthelferkurs frei, um die Abschiedsfeier einer langjährigen befreundeten Kollegin zu besuchen. Sie war nur zwei Jahre älter als ich und verabschiedete sich wie die meisten der erfahrenen Kollegen in Altersteilzeit. Danach war Schnitt und nichts ging mehr in Bezug auf Frühpensionierung. Aufgrund des Spezialistenmangels war diese Regelung zwar für ihre Günstlinge ideal, die „Hinterbliebenen“ ließ sie allerdings mit Bergen von zu erledigender Arbeit zurück, die neben der Schulung jüngerer Kollegen wartete. Insgesamt so sinnvoll wie eine Drohne, die nicht starten konnte, auf einem Flugplatz, auf dem man nicht landen konnte. Verantwortlich fühlte sich niemand.
Wir feierten also mit einer gebührenden Portion Galgenhumor.
„Abschied ist ein scharfes Schwert. Es kann alles nur besser werden“, witzelte Trixi und lächelte ironisch tänzelnd, als wolle sie nicht wahrhaben, was für eine schmerzliche Lücke jeder weitere Abschied reißen würde. Betroffen sah ich sie an. Bekanntlich konnten Ironie und Zynismus Symptome der Überforderung und des beginnenden Burn-outs sein. Tatsächlich erschien sie mir heute besonders ausgemergelt, hohlwangig und zerbrechlich, aber ich wagte es nicht, sie darauf anzusprechen. Sie konnte zickige Hiebe austeilen, wenn man ihrem verletzlichen „inneren Kind“ zu nahekam.
Helenas fürsorglicher Mann Peter, ebenfalls Mediziner und ehemaliger, schon pensionierter Kollege, hatte durchblicken lassen, dass demnächst gemeinsame Spanienreisen geplant seien. So hatten die Sekretärinnen ein wunderschönes spanisches Ambiente dekoriert mit entsprechenden Fotos und Postern aus den weißen Dörfern in Andalusien an der strahlenden Costa de la Luz, das königliche Granada vor den schneebedeckten Gipfeln der Sierra Nevada an den Wänden, Deko in andalusischer Folklore. Helena wirkte feurig mit ihrer roten Rose im dauergewellten, schwarzen Haar und trug ein knallrotes, eng tailliertes Chiffonkleid, mit dem sie den Hauch von Trauer abzuwehren schien, der in ihren dunklen Augen schimmerte. Im Hintergrund erklang Salsa-Musik und unser Tanzlehrer Semino mit den elastischen Beinen und dem mexikanischen Hut, der seine kleine, ovale Glatze am Hinterkopf geschickt kaschierte, und seine rassige Begleiterin mit dem verführerischen Lächeln gaben uns einen Einführungskurs zu fröhlichen lateinamerikanischen Klängen. Ein Fotoalbum aus unserem gemeinsamen Arbeitsleben lag auf dem Gabentisch, auf den ersten Seiten Helena im blühenden Alter von fünfundzwanzig Jahren zu Beginn ihrer Karriere. An der Eingangstür prangte ihr Bild als süßes, glatzköpfiges Baby, nur ein schwacher, dunkler Flaum ließ ihre spätere Lockenpracht erahnen. Es gab Tapas und Sangria, spanische, apart gewürzte Köstlichkeiten mit reichlich „Ajo“ für ein langes, gesundes Leben.
Schließlich läutete die leitende kräftige Sekretärin mit dem Spitznamen „Mutter“ mit Nachdruck ein bronzenes Glöckchen, das Signal für die Redner. Zunächst trat Neptun ans Podium.
„Ich lasse Sie ungern gehen, nach so vielen Jahren des fleißigen, unermüdlichen Einsatzes. Es hatte immer Hand und Fuß, was Sie entschieden“, hub er pathetisch seine Lobeshymne an und schaute Beifall heischend in die Runde. Es folgte ein höfliches Klatschen. Dann schilderte er und lobte Helenas von Erfolg gekrönten Werdegang, bedauerte ihr Ausscheiden und bedankte sich in feierlichen Worten, um ihr alles Gute zu wünschen. „Ich möchte Sie nicht gehen lassen“, beharrte er und wirkte hilflos wie ein verlassenes Kind, das sich zurück an die nährende Mutterbrust wünschte.
Da ich mir ebenfalls die Erlaubnis für einen Beitrag geholt hatte, las ich „Die spanische Tänzerin“ von Rainer Maria Rilke. Die Gelegenheit am Ende nutzte ich gern, mit „kleinem Fuß“ aufzustampfen und Helena und uns Hinterbliebenen auch weiterhin eine glückliche innere und äußere Balance zu wünschen – trotz Helenas Rollenwechsel zur Rentnerin und drohender personeller Engpässe hier im Konzern. Ein wenig eng ums Herz wurde mir bei diesen Worten und dem bevorstehenden beruflichen Abschied schon. Etwas beneidete ich sie auch darum, in Zukunft sich ganz ihren interessanten Hobbys widmen zu dürfen. Tröstlich, dass wir uns schon am Wochenende zum Brunch wiederträfen.
Semino wirbelte mit seiner zierlichen Begleiterin ein akrobatisch anmutendes Solo mit schwindelerregenden Spins, ein Crescendo und Decrescendo und schließlich ein letztes she goes. „Der Generationenwechsel“, wie Panther es beschrieb, nahm seinen Lauf. Nur wuchs nichts Neues nach.
Jäh erstarben die fröhlich ausgelassenen Klänge, als ein lautes, dumpfes Klopfen an der Tür die mediterranen Träume durchbrach. Liliane, die zweite Geschäftsführerin stöckelte auf modischen Pumps, natürlich im Tiger-Design, auf die Bühne, dazu passend ihr förmliches schwarzes Chanel-Kostüm und ein gesprenkeltes Seidentuch auf braunem Untergrund um den welken, leicht faltigen Hals geschlungen, das ihr eine geschmeidige Eleganz – wie auf Samtpfoten – verlieh. Der Dresscode stimmte exakt. Ihre blondgefärbten, dünnen Haare waren sorgsam gestriegelt. Ein biederer Seitenscheitel ließ die blasse Kopfhaut durchscheinen und kontrastierte mit ihrem gelblich-braunen, dick aufgetragenen Make-up. Ihre etwas wulstigen, zu stark geschminkten, weinroten Lippen erinnerten an einen Schmollmund, der bessere Zeiten erlebt hatte, doch die schlaffen, nach unten gerichteten Winkel ließen Bitterkeit, Enttäuschung und Härte vermuten. Ihre kalten, wässrig blauen Augen verrieten keinerlei menschliche Regung. Insgeheim taufte ich sie Tiger-Lilly, und tatsächlich, die Dressurnummer ließ nicht auf sich warten.
„Panther wünscht hier keine Fiesta“, äußerte sie in bestimmten Ton, der keine Widerrede duldete, und schüttelte ihre strähnige Haarmähne zur Verstärkung, was wenig überzeugend wirkte und ihre emotionale Kargheit noch unterstrich. „Die Stempeluhren sind entsprechend zurückgestellt, sodass Sie Gelegenheit haben, die ausgefallene Produktion bis heute Abend nachzuarbeiten.“ Prüfend schaute sie in die Runde, jeden von uns taxierend, und blieb schließlich an Helena hängen. „Ihre Karte wurde bereits deaktiviert. Ich begleite Sie gern durch das Check-out. Alle Lücken werden von unseren Headhuntern gefüllt.“
Rasch umarmte ich Helena. „Wir sehen uns“, raunte ich ihr zu. Wir rückten unsere Masken ins rechte Licht und innerhalb von Sekunden löste sich die Versammlung auf. Der Catwalk war vorerst beendet.
Auch ohne Helena nahm die gleichförmige tägliche Routine im Konzern ihren Lauf. Mühelos verteilte Edeltännchen die bisher ihr zugedachten virtuellen Aktenberge und E-Mails auf die Hinterbliebenen. Da ich Fachkollegin war, landete der Hauptanteil in meinem PC. Ich fühlte mich erschlagen. Glückliche Helena!
Gesine, die resolute Betriebsärztin mit dem leeren Hühnernest am Hinterkopf, war hartnäckig. Sie schrieb wortreiche Bittgesuche an die Geschäftsführung zur Gewährung einer saftigen Gehaltserhöhung, begründet mit der lawinenartigen Steigerung der Arbeitsanforderungen in quantitativer und qualitativer Hinsicht infolge der großzügigen Frühpensionierungen, in deren Genuss wir nicht mehr kommen würden. Unverhohlen die Drohung, dass wir uns anders orientieren könnten, noch ehe der frostige nächste Winter nahte, die wir gehorsam unisono unterzeichneten. Beklommenheit machte sich breit – wie würde Panther auf diese Provokation reagieren? Hatten wir den Bogen überspannt? Fade, seine erste graue Eminenz, den ich so langweilig fand, kündigte in einer umständlichen E-Mail seine Erscheinung vor versammelter Mannschaft an. Edeltännchen begrüßte ihn mit den gebührenden höflichen Floskeln. Anschließend herrschte nicht Panther, sondern eine gespannte Stille, elektrisierend aufgeladen, sodass nur das Ticken der großen, altmodischen Wanduhr zu hören war, als der Sekundenzeiger unermüdlich seine Runden drehte, zirkulierend wie die Spiralen unserer automatischen negativen Gedanken. Aber es kam wider Erwarten anders.
„Verehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, hub Fade in monoton devoter Stimmlage an, wiederholend, wie um uns noch mehr auf die Folter zu spannen: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, Panther möchte Ihre Anstrengungen gebührend anerkennen und gewährt Ihnen eine monatliche einheitliche Zugabe, deren Höhe Ihnen individuell in den nächsten Tagen errechnet wird.“
Die allgemeine Anspannung löste sich und Überraschung spiegelte sich auf unseren Gesichtern, bei den langjährigen Hinterbliebenen gepaart mit Misstrauen in Erwartung des genauen Preises dafür. Gesine nickte anerkennend, einzelne graue Haarsträhnen hatten sich bei der Aufregung gelöst und waren unfreiwillig zu Nestflüchtern geworden. Besser diese, als wir alle.
„Panther erwartet dafür, dass Sie in Zukunft auf semi-private Versammlungen verzichten und sich voll und ganz den anspruchsvollen Unternehmenszielen widmen. Das Soll-Output für diesen Monat entnehmen Sie der aktuellen Rundmail. Jegliche Abweichungen werden unweigerlich sanktioniert. Guten Tag, meine verehrten Damen und Herren.“
Er verbeugte sich förmlich und dienerte so laut- und farblos davon, wie er gekommen war, eine fade Marionette seiner selbst.
„Hört, hört“, schwatzte es durcheinander wie ein aufgebrachter Hühnerhaufen. „Kinder, Kinder!“ Gesine klatschte in die großen, kräftigen Hände, zur Ordnung mahnend. „Besonnenheit!“
„Das hat doch einen Haken“, vermutete eine kleine, schmächtige Kollegin namens Katinka mit so piepsiger Stimme, dass sie mich an ein graues, unscheinbares Mäuschen erinnerte.
„Na, es wird gebührende Abzüge geben“, vermutete Gert, der warmherzige, lustige Chirurg, der heute ernst dreinschaute, musste er doch seine Zwillinge durch das teure Auslandstudium bringen, und das, obwohl seine Frau gerade ihren Job in einem Konkurrenzunternehmen verloren hatte. Die kleinen Grübchen auf seinen schwindenden Pausbacken waren Sorgenfalten gewichen.
„Ich schlage vor, wir warten zunächst das Monatsende mit den Abrechnungen ab.“ Gesine achtete sorgsam darauf, die Situation nicht voreilig zu bewerten.
„Dies ist zumindest ein Etappensieg“, bemühte ich mich, die Dinge positiv zu sehen.
Mutter, die erste Sekretärin, schneite herein. „Neptun braucht Unterstützung bei seinem jüngsten Projekt und ist schon sehr ungeduldig.“
Katinka eilte flink, leichtfüßig wie ein scheues Reh zu seiner Unterstützung, während wir in unsere Büros zurückkehrten.
Angie II, Adoptivtochter und Nachfolgerin der ersten Bundeskanzlerin, bemühte sich ebenso wie Gesine redlich, allerdings nicht im Tarifkampf, sondern um das Empowerment der Energiewende. Doch die Explosion der Grünstrompreise limitierte naturgemäß ihre Erfolge, sodass unwetterartige Niederschläge sich unaufhörlich überboten. Nicht mehr von Jahrhundertfluten war die Rede, sondern von Jahresfluten. Infolge der Klimaerwärmung schmolzen die Pole und Gletscher zusehend, selbst Iglus konnten nur aus Kunststoff oder mit Thermobarriere als Kühlaggregat konstruiert werden. Angie II, obgleich nicht Pfarrerstochter und auch nicht genetisch verwandt mit ihrer erfolgreichen Adoptivmutter, predigte durch Modelllernen ähnlich gleichförmig-distanziert, mütterlich-beruhigend und fürsorglich, böse Zungen nannten ihre Intonation „einschläfernd“, kontrastierend mit der Brisanz der katastrophalen Naturereignisse, die sich überschlugen. Auch sie strahlte Ruhe aus und formte, wie bereits der heilige Johannes um 1450, die Hände zur Raute, die Finger nach unten weisend.
Irgendwie mochte ich sie, sie war mir eine Art Vorbild, versprühte sie doch einen gewissen Ostcharme. Von Burn-out keine Spur. Bei aller Sparsamkeit, Nüchternheit und Prinzipientreue war sie durchaus lebensklug und effizient. Die Bürgerinnen und Bürger waren die marktkonforme Demokratie gewöhnt, auch hatte die geistige Flexibilität bei den steigenden Außentemperaturen sich tendenziell reziprok entwickelt, ebenso wie die Fertilität des empfindlicheren männlichen Geschlechtes, die zusätzlich durch die Kontamination der Gewässer mit ultrafeinen Plastikpartikeln minimiert wurde. Auch äußerlich, zumindest stilistisch, hatte Angie II sich ihrer Adoptivmutter angeglichen, trug ähnliche Blazer in changierenden Farbtönen, allerdings – aus Kostenbewusstsein und nicht, um die Bevölkerung zu foppen – als Wendejacken, was als opportunistische, pragmatische Verwandlungskünstlerin besonders gut ankam. Gelegentlich legte sie einen Zwischenstopp bei Karl Lagerfeld in Paris ein, um sich beraten zu lassen. Um ihre untere Gesichtspartie trotz schlankerer Silhouette straff zu bewahren und gleichzeitig die Gunst der jüngeren Generation zu gewinnen, trug sie seitlich der Mundwinkel jeweils ein dynamisches Piercing, das zur Korrektur von Faltenbildung schraubenförmig adjustiert werden konnte, abhängig davon, ob die situativen Erfordernisse mütterliche Wärme, kühle Arroganz oder schüchterne Zurückhaltung verlangten.
Obwohl bereits Sommeranfang, ergossen sich folglich auch dieses Jahr sintflutartige Niederschläge. Wer es sich leisten konnte, hatte sein Haus zu einem Pfahlbau umgerüstet, lebte bereits in einem Hausboot oder hatte rückgebaut. In den Mietshäusern mussten in den Überschwemmungsgebieten die unteren Etagen ausgebootet werden. Dies war wesentlich kostengünstiger, als die Ausbesserung der durch Hitzewellen porösen Deiche. Lediglich die Tierwelt war nahezu unprotegiert und den Naturgewalten ausgeliefert. Überraschenderweise verkraftete sie diese erstaunlich gut. Die Mücken vermehrten sich rasant und entwickelten sich zu besonders blutrünstigen, unangenehmen Plagegeistern. Einige Laufkäfer mutierten zu wendigen Flugbooten und auch Ameisen verknoteten erfindungsreich ihre flinken Beine zu Rettungsbooten, während sie mit den Armen unermüdlich ruderten. Koi-Karpfen tummelten sich auf Wiesen, Schwäne, Hechte und Welse erkundeten neue Reviere auf überfluteten Äckern.
Für die weniger flexible Tierpopulation hatte Panther eine besondere Werbekampagne ersonnen: Er hatte eine schwimmende Arche vor dem Konzern stationiert, in welcher gestrandete Tiere Asyl fanden, unter anderem herrchenlose Hunde jeglicher Rassen, vom Chihuahua bis zum Kampfhund, aber auch ein völlig verschrecktes Kälbchen, eine braunweiß gescheckte Katzenmutter namens Flöcki mit ihren possierlichen Jungen und freundlicherweise mein braunes, stattliches Rentnerpferd Antoinette mit dem sternförmigen Abzeichen, da das sie beherbergende Rittergut für Pferdesenioren weitreichend überflutet war. Mangels Veterinärmedizinern war die medizinische Versorgung der tierischen Gäste unsere Aufgabe. Dies dauerte natürlich empfindlich länger, und selbst für Bagatelleingriffe wie eine Venenpunktion mussten die Tiere von unserer Anästhesistin in Narkose versetzt werden, damit wir in Ruhe fündig wurden, unterschied sich doch die Anatomie von der menschlichen teilweise empfindlich.
Nun war Panther nicht durch die Flut der Ereignisse zu Menschlichkeit mutiert, sondern er erwartete von uns – ganz nebenbei – Tierversuche in Bezug auf die Verträglichkeit und Effektivität seines Lebenselixiers, was mich in erhebliche Gewissenskonflikte stürzte, waren diese doch bereits von Angie I bei Strafe untersagt worden. Natürlich waren aufgrund der geringen Tierpopulation keine Doppelblindstudien vom ersten Evidenzgrad möglich, sondern lediglich Einzelfallanalysen, die allenfalls Expertenmeinungen vom Evidenzgrad 4 spiegelten. Sollte ich den frisch gebackenen Mediator des Konzerns, der gerade seine diesbezügliche Weiterbildung abgeschlossen hatte, zu dieser Problematik befragen? Hier meldeten sich bei mir erhebliche Zweifel an, schließlich war er noch in der Probezeit und bisher lediglich dadurch aufgefallen, dass er sich zur näheren Orientierung beflissentlich und übereifrig selbst zu unwichtigen Details Notizen machte, vermutlich, um für seinen monatlichen Report an die Geschäftsführung überhaupt einen Inhalt und damit eine Daseinsberechtigung zu kreieren. Dies schloss ich alsbald aus. Ebenso gut hätte ich diesen Entscheidungskonflikt auch Panther direkt soufflieren können. Klüger erschien es mir, mich bei einer günstigen Gelegenheit während des Abwaschens mit der erfahrenen Kollegin Gesine zu beraten, zumal sie selbst an der Problematik als Besitzerin einer noch kürzlich aufgenommenen Yorkshire Terrierin mit dem spitzbübischen Namen Pfiffie emotional beteiligt war.
„Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“, bemerkte sie zutreffend. „Wir haben auch Macht, denn Panther kann nicht alles kontrollieren und ist in gewissem Maße auf ein Vertrauensverhältnis angewiesen.“
„Wäre es eine Idee, die chemische Abteilung um eine tierbekömmliche, entsprechend auch für animalische Organismen wohlschmeckende Abwandlung zu bitten, sozusagen um einen Cocktail, der bei Ultrafiltration in den Nieren zu Metaboliten abgebaut wird, die in Panthers Schnelltest ebenfalls ihren Nachweis finden?“, sinnierte ich.
„Perfekt!“ Gesine strahlte. „Ich konsultiere sogleich unsere Nachbarn, schließlich habe ich gestern bei einem Schüttelfrost mit meinem Heizkissen ausgeholfen. Wichtig ist nur, das die Ecstasy-ähnliche, dopaminerge Wirkung erhalten bleibt. Allerdings unter der Nebenwirkungsgrenze.“
Bereits am nächsten Morgen hatten die Chemiker eine entsprechende Rezeptur gemixt und Antoinette, aufgrund der Ausdehnung ihrer Körperoberfläche und des günstigen Body-Mass-Indexes, war zum Versuchskaninchen auserkoren. Da das Getränk süß schmeckte, mundete es. Genüsslich leckte sie sich die rosa tingierten Nüstern, schnaubte doppelt zu unserer Erleichterung und säuberte minutiös mit ihrer großen Zunge die provisorische Krippe. Ein voller Erfolg! Psychische Nebenwirkungen im Sinne von Unruhe oder Agitation traten akut nicht auf, im Gegenteil, Antoinette wirkte erfreulicherweise überaus im Gleichgewicht. Die anderen Tiere in der Arche forderten nun ungeduldig ihren Tribut, sodass wir eilig aus der chemischen Abteilung Nachschub orderten. Ich bat die Ingenieure um eine direkte Pipeline zur Optimierung der Versorgung. Allerdings durften sie auf keinen Fall undicht sein, um Überdosierungen in den potenziell toxischen Bereich zu vermeiden.
Rasch entwickelte sich eine Gewöhnung an das wohltuende Lebenselixier, wenn nicht gar psychische Abhängigkeit. In immer kürzeren Abständen forderte die Tierpopulation vehement und lautstark Nachschub ein, es war ein Kratzen und Scharren, Schnauben, Wiehern, Schnurren und Miauen, Muhen und Bellen. Alle Register wurden gezogen. War es nicht der Erfolg für seine Droge, den sich Panther erträumt hatte? Oh weh, mit diesem sensationellen Ergebnis hatten wir nicht wirklich gerechnet.
Bald schon tauchte Shiny, der schlaksige, kahlköpfige Pressereferent auf, um an die lokale Presse Bericht zu erstatten.
„Pina, bitte, schwing dich zum Posing auf Antoinettes Rücken“, forderte er mich enthusiastisch auf. Und das noch dazu mit einem Tritthocker! (Aus dem Alter, in dem ich von hinten über die Kruppe aufgrätschen konnte wie beim Voltigieren, war ich heraus.) Glücklicherweise gelang es mir, diesen Auftrag, mit dem ich mich nicht wirklich identifizierte, an eine junge, hübsche Azubi zu delegieren, die sichtlich gern diese Chance der Publicity ergriff und wirksam ihre blonde Mähne und die nostalgischen Hängerohrringe in Position schüttelte. Gern ließ sich Panther mit ihr für die Titelseite ablichten, mit vor Stolz geschwellter Brust neben Siliconpolstern stehend, denn die modische Azubi hatte der Natur nachgeholfen.
Nach einer Woche war der Spuk vorbei. Die Gäste hatten ihren Zweck erfüllt und bei sinkenden Pegelständen und nach erfüllter Werbemission wurden die Lieblinge zu ihren Besitzern entlassen. Antoinette erhielt eine ausschleichende Dosis Lebenselixier und wurde aufbauend auf Vollwertkost mit Möhren, Äpfeln, Heu und Hafer umgestellt, während ihr Konterfei weiter mit Panther an ihrer Seite auf Werbeplakaten prangte. Von nun an graste sie ökologisch in meinem Mondscheingarten inmitten einer weißen Blumenpracht von Hortensien, Rosen, Margeriten, Rhododendron und nicht zuletzt Gänseblümchen, die allabendlich in der Dämmerung leuchteten, wenn ich von meinem Tageswerk heimkehrte.
Panthers Modellprojekt, die essbare Stadt, war ebenfalls zu großen Teilen überflutet worden. Wenn ich auch sonst wenig Mitleid mit Panther hatte, dies tat mir aufrichtig leid, denn in dieser Stadt wuchs in allen Gärten Gemüse und Obst, ebenso wie auf Brachflächen Nutzpflanzen angebaut wurden, insbesondere Kartoffeln, Möhren und Bohnen. Wein rankte an Friedhofsmauern. Auf den Dächern wuchs Gemüse unter Plexiglas, so reiften Gurken, Salat, Tomaten, Basilikum und köstlich erfrischende aromatische Wassermelonen. Diese Form der Selbstversorgung war transparent und schaffte Nähe zur Landwirtschaft und urbanen Natur. Die Produkte waren ausgezeichnet durch ihre Regionalität, Frische, geringe Schadstoffbelastung, kurze Transportwege und Wertschöpfungsketten. Es war eine Form des Rückzuges auf das Wesentliche, Authentische vor der eigenen Haustür. Purismus statt Hype. Alle Bewohner gingen äußerst achtsam mit diesem neuen Lebensraum um und hatten sich jeweils mit ihren individuellen Fähigkeiten bei der Gartenpflege eingebracht: die jüngeren mit ihrer körperlichen Kraft und Geschicklichkeit bei der Anlage und Pflege der Beete und der Beseitigung überflüssiger Zierpflanzen, beim Fällen nun nutzloser Nadel- und Laubbäume, während die ältere Generation ihren Erfahrungsschatz bereitstellte. Hierdurch war ein enormer sozialer Zusammenhalt entstanden, nicht nur unter den Bürgerinnen und Bürgern, auch in der Tierpopulation. Kein Hund oder Straßenköter hob mehr sein Bein an diesem essbaren Grünraum. Selbst die Hündinnen pinkelten in Gullys. In einem effizienten, ökologischen Kreislaufsystem nutzen die Gärtner Sonnenenergie, Regenwasser, Abwärme und Abwasser der Gebäude. Panther hatte dieses Vorzeigeprojekt besonders dadurch honoriert, dass es acht Wochen Biokoka in Hülle und Fülle geben sollte, zu Werbezwecken natürlich und mit dem entsprechenden Medienrummel verbunden. Nun war der Deich durch diese ungewohnte Vegetation an einer entscheidenden Stelle porös geworden und die innovative Pracht wurde nach dem Dauerregen von reißenden Strömungen überschwemmt. Eilig ließ Panther von Mutter, der fürsorglichen, dabei energischen ersten Sekretärin, eine außerordentliche Sitzung der gesamten Belegschaft einberufen.
„Neptun“, hub Panther bedeutungsschwer an, „ich lege die Rettungsaktion unseres Vorzeigeobjektes vertrauensvoll in Ihre erfahrenen Hände – die ja bekannter Weise mit allen Wassern gewaschen sind“, endete er in dem ihm eigenen, leicht ironischen Tonfall und lächelte jovial und selbstgefällig. „Ich hoffe, Sie machen Ihrem Namen alle Ehre.“
Neptun lief puterrot an vor Überraschung, denn insgeheim bereitete auch er sich auf seine Pensionierung vor und hatte gehofft, es sei Zeit, dass das Ruder von Nachwuchskräften oder zumindest jüngeren Kollegen geschwungen wurde. Aber er fing sich alsbald und ließ Gummistiefel austeilen.
„Präferieren Sie lange Öljacken oder Goretex-Anzüge?“, fragte er pragmatisch in die Runde. Sofort entbrannte eine lebhafte Diskussion und das Team spaltete sich in die Anhänger der alt bewährten signalfarbenen gelben Öljacken und die Verfechter von Atmungsaktivität durch Luftdurchlässigkeit gegen Transpiration. Ich enthielt mich diplomatisch der Stimme, was mir einen Ellbogenstoß von Gesine einbrachte, die Unentschiedenheit nicht ausstehen konnte. Schließlich stimmte Neptun zu, dass alle Rettungskräfte wahlweise ausgestattet werden durften, solange das Konzern-Logo sichtbar imprimiert war und auch die Goretex-Jacken eine gelbe Signalfarbe aufwiesen.
Für den folgenden Morgen bestellte Neptun den Betriebsbus und kommandierte die gesamte Belegschaft unseres Konzerns – selbst die ältere Generation – zum Füllen von Sandsäcken ab. Der ärztliche Dienst hatte außerdem notdürftig erste Hilfe zu leisten.
Meine besondere Mission war es, an die frustrierte Bevölkerung der essbaren Stadt unser Lebenselixier zur Förderung regenerativer Energien zu verteilen. Dies hinterließ ein unangenehmes Gefühl in meiner Magengrube, denn ich war keineswegs von der nur wohltuenden Wirkung unserer Hausmarke überzeugt und es erfüllte mich mit Trauer, dass selbst die Not dieser vom Schicksal gebeutelten Menschen noch zu kommerziellen Zwecken genutzt werden sollte. Es war ja keinesfalls ein freigiebiges, uneigennütziges Geschenk von Panther, sondern er erhoffte sich durch den Reklameeffekt weitere Absatzsteigerungen. Deshalb murmelte ich bei der Abgabe an sich mir erwartungsfroh entgegenstreckende Arme schuldbewusst und kaum hörbar: „Grüner Tee mit Zitrone stärkt auch sehr gut die Abwehrkräfte“ und verteilte zusätzlich Senchabeutel aus meinem eigenen Bestand.
Ein kleines, rothaariges Mädchen mit Sommersprossen spuckte den Energydrink tatsächlich aus, offensichtlich hatte sie ein gesundes Empfinden. Ihre Mutter, in Gummistiefeln, zerzaust und durchnässt von allen Strapazen, zog sie eilig weg, während sie in die Pfützen stapfte und aufmüpfig krähte: „Plitscheplatsch, pudelnass. Das macht Spaß.“ Ich bereitete ihr die Freude, gemeinsam in meinen nagelneuen, signalgelben Gummistiefeln durch die Miniaturseenlandschaft zu stapfen. Sie fand mich lustig, vermutlich, weil ich mit meinen grünen Augen mit den von vielen Regentropfen leicht geröteten Rändern und den vor Feuchtigkeit struppigen Haarsträhnen, die in alle Richtungen abstanden, aussah, wie das Pendant zum Wassermann. Es fehlte da nur der Seetang.
Nach zwei Tage dauerndem, unermüdlichen Einsatz war endlich Land in Sicht, die Pegelstände sanken. Erste Anwohner konnten in ihre Häuser zurückkehren und die Aufräumarbeiten dort fortsetzen. Offensichtlich hatten sogar die meisten Nutzpflanzen am Boden überlebt, wenn auch die Ernte dieses Jahr karger ausfallen würde und überwiegend durch den Dachanbau bestritten wurde. Tatsächlich steigerte diese erfolgreich unterstützte Rettungskampagne den Absatz unserer Wunderdroge Biokoka nahezu um das Doppelte.
Nachdem wir erschöpft in den Konzern an unsere Schreibtische zurückgekehrt waren, nahm dementsprechend der Papierkrieg zu, denn alle Details der erfolgreichen Rettungsaktion mussten für die Metaanalysen minutiös dokumentiert und ausgewertet werden. Hierfür wurde aus zeitökonomischen Gründen und zur Optimierung der Effektivität die elektronische Akte optimiert. Leider steckte ihre Technik noch in den Kinderschuhen. Sie konnten nur schrittweise und nach dem Käsekästchenprinzip von billig akquirierten Hilfskräften seitenweise eingescannt werden. Das Entziffern der Käsekästchen war sehr mühsam und zeitintensiv, denn jede Seite musste einzeln angeklickt werden und es war nicht möglich, zu scrollen oder gar elektronisch zu blättern. Das blieb Zukunftsmusik. Übersichten gab es nur im Miniaturformat, sodass Stecknadeln in Heuhaufen gesucht werden mussten. Meine Augen brannten, die Bindehaut trocknete aus und bereits am frühen Nachmittag flimmerten und tanzten mir die elektronischen Buchstaben auf der Nase herum. Sie führten ein Eigenleben. Was ich nicht auf den Schirm bekam, würde früher oder später eine wie auch immer geartete Kontrollinstanz auf den Screen rufen. Diese Furcht nagte an mir, die ich hilflos wie in einem Hamsterrad gegen die Schrumpfung der Gegenwart ankämpfte.
Zum Scannen flog Fade Leiharbeiter aus Übersee ein. Sie wurden wie Ware gehandelt, teilweise direkt durch wechselnde Überlasserfirmen oder über weitere Ombudsmänner. Er setzte sie auch für Putz- und Botendienste und für die Registratur ein, sowie für jedwede mögliche Anlerntätigkeit. So konnte die Konzernleitung die Konkurrenzfähigkeit erhöhen, indem sie flexibel Einstellungen und Kündigungen vornahm. Zahlreiche Anüs, Arbeitnehmerüberlassene, waren der deutschen Sprache zunächst gar nicht mächtig. Die Headhunter der Leihfirmen zwangen sie bereits in ihrem Heimatland, befristete Verträge zu unterzeichnen, ebenso wie die fristlose Kündigung, die den armen Geschöpfen also jederzeit bei Nicht-Funktionieren unter die Nase gerieben werden konnte. Jeden Tag mussten sie damit rechnen, dass es ihr letzter sein könnte in relativer Sicherheit an einem Ort, der für sie paradiesische Zustände zu versprechen schien, sollte
