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„Und wieder das sanfte warme Sommerwind-wehen-Gefühl, das meiner Seele wohl tut." schreibt Dora in ihr Tagebuch. Wenige Tage nur dauern diese Ferien, bleiben dem Wehen zum Wachsen. Ein kräftiger Wind spielt nun über den Stoppelfeldern, bietet kräftigen Widerstand den Radlern, lässt Röcke flattern, zerzaust die Frisur. Mit geröteten Wangen erscheinen sie zu eiligen Mahlzeiten mit der Großmutter, genießen jede Minute der verbleibenden Tage. Von einer ersten Liebe und anderen wichtigen Begegnungen im Leben handeln die Geschichten dieses Erzählbandes, die den Leser nach Paris, nach Afrika und in die Welt des Orients, aber auch in ein Altenheim im Dorf „nebenan“ führen.
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2015
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„Und wieder das sanfte warme Sommerwind-wehen-Gefühl, das meiner Seele wohl tut." schreibt Dora in ihr Tagebuch.
Wenige Tage nur dauern diese Ferien, bleiben dem Wehen zum Wachsen. Ein kräftiger Wind spielt nun über den Stoppelfeldern, bietet kräftigen Widerstand den Radlern, lässt Röcke flattern, zerzaust die Frisur. Mit geröteten Wangen erscheinen sie zu eiligen Mahlzeiten mit der Großmutter, genießen jede Minute der verbleibenden Tage.
Von einer ersten Liebe und anderen wichtigen Begegnungen im Leben handeln die Geschichten dieses Erzählbandes, die den Leser nach Paris, nach Afrika und in die Welt des Orients, aber auch in ein Altenheim im Dorf „nebenan“ führen.
Elisabeth Kühhirt-Hildebrandt,
in einer großen Familie in einem norddeutschen Pfarrhaus aufgewachsen, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.
Als Diplom Pflegewirtin (FH) und Lehrerin für Pflegeberufe hat sie zu Pflegepraxis und Pflegedidaktik publiziert, u.a. zur "Literatur im Pflegeunterricht“ (1987) und ein Theaterprojekt zum Festakt anlässlich des 100-jährigen Geburtstages der Schulgründerin der Krankenpflegeschule (1998).
In der Kindheit entstanden Geschichten, während der Ausbildungszeit Gedichte. Seit 2004 beschäftigt sie sich intensiv mit literarischem Schreiben. Seit 2014 leitet sie die Literaturwerkstatt der Mannheimer Abendakademie „Das Literarische Quadrat“ und ist Mitglied – zeitweise im Vorstand - des Literarischen Zentrums Rhein-Neckar e.V. „Die Räuber’77“.
Literarische Veröffentlichungen:
Prosa und Lyrik in diversen Anthologien, Nominierung für den Mannheimer Heinrich-Vetter-Literatur-Preis 2009 (Lyrik) und 2010 (Prosa) „Mein Blasheim - Geschichten von früher“ Kölle Druck Preußisch- Oldendorf(2008)
für
Martin und Wiltrud Konrad und Wolfram und Ullrich
Die Begegnung
Tango
Der Geburtstag
Luisas Nachtwandel
Die Perlenfrau
Komm, dass ich dich beschütze
Auf ewig hinter Glas
Ach Lotte!
Himmelsbrot
Fast wagt man es nicht, hinein zu gehen, in diesen Tempel der Kunst!
So hoch die Säulen, so gewaltig der Bau, so klein die Menschen, die sich verlieren in der Eingangshalle des „Metropolitan Museum“ in New York.
Nur einen winzigen Teil der Reichtümer können wir heute genießen, haben uns deshalb für die Bilder der Impressionisten entschieden.
Wie immer gehen wir getrennt.
Wir verabreden uns wie gewohnt, um uns später gegenseitig unsere Lieblingswerke zu zeigen.
Die Räume sind hoch, die Bilder dicht an dicht gehängt. Ich schlendere und lasse meine Augen wandern. Hin und wieder lassen sie sich nieder auf einem Bild, schlemmen in Farben und Formen, wandern weiter, kehren zurück, verweilen und ruhen aus. Bekannte Namen, bekannte Werke, staunende Begegnungen.
Gemeinsam mit mir schlendern viele Menschen an diesem Nieselregentag durch die Hallen, viele alleine, manche paarweise. Leise unterhalten sie sich in unterschiedlichen Sprachen, machen sich mit kleinen und großen Gesten aufmerksam auf Details, freuen sich.
Das Schauen in den schlecht belüfteten Räumen macht müde. Ich lasse mich auf einer der breiten Ruhebänke nieder.
Von meinem Platz aus kann ich in mehrere Räume hineinsehen und habe eine reiche Auswahl besonderer Kunstwerke um mich herum.
Eigentlich kann ich die Fülle gar nicht verkraften! Ich bin müde, meine Füße schmerzen.
Gerne würde ich die Zeit für den Rundgang verkürzen, eine Kaffeepause einlegen.
Unentschlossen mache ich mich wieder auf den Weg.
Die Räume und Rahmen der Bilder werden kleiner, viele Nischen, immer wieder entdecke ich ein Wunderwerk hinter einer Trennwand.
Verschwunden meine Müdigkeit.
Ich spiele „suchen und finden“, lasse mich überraschen bei jedem neuen Fund.
Ich erreiche Degas. Nicht, dass ich ihn besonders gesucht hätte. Doch wie verzaubert fühle ich mich plötzlich von den hin gehauchten Kreideskizzen, die den Tanz in allen Facetten festhalten: die Bewegungen des Körpers, der Beine, der Füße, der Hände, das Fliegen der Hüllen, die wie aus Nebel gewebt. Dazu die Gesichter: gezeichnet von der Hingabe an die Musik.
Und plötzlich steht sie vor mir, die kleine schwarze Figur im rosa Tutu auf dem hohen Podest!
Die Beine gekreuzt, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Kopf leicht nach vorne geneigt steht sie dort, so, als hätte sie schon lange auf mich gewartet und freue sich nun, mich hier begrüßen zu dürfen. „Es wird Zeit, dass du kommst.
Mein Auftritt beginnt. Und du darfst nicht fehlen, denn ich tanze, nur für dich.“ scheint sie zu sagen.
Ich weiß: Gleich wirst du dich auf deine Zehenspitzen erheben, ganz leicht wird die Bewegung sein, wenn du dich loslöst vom Boden, dich streckst, die Arme zur Seite nimmst, dich von den Fingerspitzen in die Höhe ziehen lässt, den Kopf in den Nacken legst, zu schweben beginnst, fliegst, elfengleich!
Und dann wird die Musik einsetzen, und ein Traum wird in Erfüllung gehen. Leicht wie eine Feder wirst du vor mir her schweben. Ich werde dich mit meinem Atem bewegen. Du wirst mir folgen, wenn ich dir die Sprache der Musik zuflüstere. Leise werden wir sie summen, nicht hörbar für andere.
Und langsam wird meine Verwandlung beginnen.
Auch ich werde mich auf die Zehenspitzen erheben, ganz leicht wird die Bewegung sein, wenn ich mich löse vom Boden, mich strecke, die Arme zur Seite nehme, mich von den Fingerspitzen in die Höhe ziehen lasse, zu schweben beginne, fliege!
Aber ich fliege nicht! Ich schwebe nicht!
Meine Füße lösen sich nicht vom Boden.
Meine Fingerspitzen ziehen vergeblich.
Ihre Kraft reicht nicht aus.
Der Kopf fällt auf die Brust,
die Arme sinken herunter,
die Beine ziehen meinen Körper auf die Erde.
Dort bleibe ich liegen, unendlicher traurig.
Als ich nun dich, meine Tänzerin, anschaue, sehe ich, dass du aufgehört hast zu tanzen. Du stehst da, die Beine gekreuzt, die Arme auf dem Rücken verschränkt, den Kopf leicht nach vorne geneigt.
Aus deinen Augen ist das Leuchten verschwunden, kummervoll siehst du zu mir herab. Nur dein Nebelkleid schwebt um dich herum, dein Zopf scheint zu hüpfen.
„Hier bist Du. Ich habe dich gesucht. Magst du mit mir einen Kaffee trinken?“ höre ich Friedrichs Stimme.
Traurig und alleine saß sie damals auf der Bank am Rand der Tanzfläche. Zwei Wochen hatte sie gefehlt und konnte am Fest in der Mitte des Kurses nicht teilnehmen, weil sie ins Landschulheim fuhren. Dem Jungen, der sie einladen wollte und der ihr sehr gut gefiel, musste sie absagen. Zwei Wochen lang fiel das Tanzen aus, das sie sich so sehr gewünscht hatte und das die Eltern endlich erlaubten. Sogar der Großvater hatte sich dafür eingesetzt, obwohl er Tanzen eigentlich für eine Erfindung des Satans hielt, Menschen zur Sünde zu verführen. Heute sei es aber wohl wichtig für gesellschaftliches Auftreten, meinte er.
Sie hatte sich gefreut auf die Bewegung im Takt der Musik, auf die fliegenden Kleider beim Walzer, auf die fröhliche Ausgelassenheit beim Boogie. Sie konnte nicht verstehen, was daran sündig sein sollte.
Da saß sie also auf der Bank. Die Mädchen waren in der Überzahl, die Jungen hatten ihre neuen Freundinnen aufgesucht. Ihr Verehrer hatte eine andere gefunden. Sie lachten mit einander auf der Tanzfläche.
Da forderte der Lehrer sie auf, eindeutig sie, die auf der Bank, die zwei Wochen gefehlt hatte.
„Kein Vorzeigeobjekt!“ fand sie.
Zitternd verließ sie ihren sicheren Sitz, begab sich an seine Seite, wurde zur Tanzfläche geführt.
„Ich kann das doch gar nicht! Habe gefehlt in den letzten Stunden. Keine Ahnung, wie man den Tango tanzt!“
Verzweifelt flüsterte sie es ihm zu.
„Still!“ sein herrischer Befehl. „Ich weiß. Niemand wird es merken. Verlass Dich auf mich!“ Nie zuvor wurde ihr so eindeutig ein „Nichtkönnen“ untersagt. Die Musik setzte ein. Sie verließ sich auf ihn.
Konzentriert folgte sie seinen wortlosen Befehlen, sorgsam darauf bedacht, seinen Füßen nicht im Weg zu sein. Er hielt sie mit festem Griff. Sie konnte nicht anders, sie musste sich fügen.
Und tat es gerne. Denn plötzlich spürte sie den Rhythmus, die Führung der Melodie, die sie von Schritt zu Schritt leitete. Sie folgte und erlebte eine Freude am Tanzen, die sie so bisher nicht erlebt hatte. Die Hand des Lehrers, seine Haltung, seine geheimen Befehle ließen auch die schwierigen Figuren gelingen. Mit einer Leichtigkeit bewegte er sie durch den Raum, dass sie fliegen wollte, mit ausgebreiteten Armen. Er holte sie zurück, in seinen schützenden Bann.
Sie hörte ihn flüstern: „Gut machst Du das!“
Und dann gab er sie noch einmal frei. Wie ein Drachen im Wind fühlte sie sich von der Musik und dem Rhythmus getragen.
Und noch einmal holte er sie zurück: zum Abschied, zur Verbeugung, zum Knicks. Sie konnte es nicht hindern, das Lachen, das sie dem Tanzlehrer schenkte, zum Dank für den Tango, der sich ihr eingebrannt.
Jetzt – Jahre später, schon viele Monate allein - sehnte sie sich nach einer Umarmung, nach körperlicher Nähe, Bewegung im Rhythmus von Musik. Plötzlich sah sie sich auf der Bank im Saal der Tanzschule. Nie mehr hatte sie einen Tänzer gefunden, der sie so führte wie der Lehrer. Selten erlebte sie diese bedingungslose Harmonie, die ihr den Tango damals erschloss. Den Traum vom perfekten Einklang hatte sie verborgen wie einen Schatz.
„Tango ist in, auch für Singles in meinem Alter!“ Der Gedanke ließ sie nicht mehr los. So buchte sie den Kurs.
Der Begleiter an ihrer Seite heute sieht blendend aus, tanzt gerne und gut – wie so viele Männer, die ihr im Leben begegneten. Er macht ihr Komplimente und scheint überzeugt von seiner Verführungskunst.
Er gefällt ihr. Mehr nicht.
Ein anderer fällt ihr auf. Ungelenk, im verbeulten Anzug mit einer altmodischen Krawatte, wirkt er grau, korrekt. Höflich hat er seine Partnerin auf die Tanzfläche gebeten, unsicher die ersten Schritte gewagt.
Er ist ihr aufgefallen. Sie weiß nicht warum.
Sie hat ihn bemerkt, ihm ein Lächeln geschenkt, das ihn verwirrt.
Unglücklich war auch er, in einem ungeliebten Leben voller Gehorsam und Pflichten. Den Traum von den eigenen Wünschen hatte er vergraben, vergessen das Versteck, den Tango-Kurs gebucht ohne zu wissen warum.
„Eine Dummheit, ein sinnloses Unterfangen“ dachte er, die Fremde in seinem Arm, ihr Gewicht auf der Schulter, als ihn das Lächeln der anderen Frau zum ersten Mal streifte.
Müde betritt er die Schule zur nächsten Lektion.
Der Kurs hat begonnen. Ein Paar tanzt alleine durch den Raum. Der Lehrer erklärt seine Stärken und Schwächen. Wie hölzern wirkt das Gleiten über die Fläche, wie Puppen auf der Spieluhr die beiden, mechanisch bewegt. Ein neues Paar soll sich stellen. Der Zuspätkommer wird ausgewählt. Für eine Dame muss er sich entscheiden, er, der bisher keine Partnerin fand. Hilflos schaut er sich um im Raum.
Da trifft ihn erneut ihr Blick, wie ein Sonnenstrahl durch die Linse gebündelt.
Nicht er hat sie ausgesucht! Sie hat ihn gefordert, mit ihren Augen, ihrer Haltung! Und er hat es bemerkt und erwidert. Niemand außer ihnen hat es gespürt.
Er führt sie zur Mitte.
Sie stellen sich auf, einander gegenüber, fühlen die Nähe, die Erwartung des anderen, die wachsende Spannung. Und nun hält er sie. Seine Hand liegt an ihrer Seite, ihre Hand berührt seine Schulter. In seine Linke legt sie ihre Rechte, federleicht. Vorsichtig wagen sie die ersten Schritte, beginnend er, folgend sie, wie für einander bestimmt, ab der ersten Bewegung.
Kein Auge haben sie mehr für die anderen heute, konzentriert auf die geheimen Wünsche des Partners, die leisen Bewegungen, die angedeuteten Gesten, das beginnende Drehen des Kopfes, des Körpers, der Füße.
Sie sehen sich nicht an. Sie erleben die Musik, erleben, wie sie getragen werden von den Klängen, den Rhythmen. Im Gleichklang bewegen sich ihre Füße, ihre Körper. Sie sehen nicht die Menschen im Raum, die sich darauf konzentrieren, Fehler, mangelhafte Harmonie, rhythmische Patzer zu entlarven.
Doch es gibt nichts zu entdecken. Wie Voyeure folgen die Zuschauer einem Spiel von Geben und Nehmen, von Führen und Folgen, Drehen und Wenden, Verschlingen und Lösen.
Dann endet die Musik, Schweigen einen Moment lang, es folgt der Applaus.
Das Tangopaar erwacht. Sie fühlen sich bis in die kleinste Zehe - ein Mann, eine Frau!
Der Bus hält um 23.55 Uhr an einer belebten Kreuzung südlich vom Quartier Latin. Der Führer verkündet per Mikro die Sensation:“ Alle Fahrgäste der Tour „Paris bei Nacht“ haben nun die Gelegenheit, sich in dem berühmten Studentenviertel, in dem sich schon Sartre und Simone de Beauvoir trafen und mit der linken Intelligenz die Nächte hindurch diskutierten, umzusehen und ein wenig von der Atmosphäre in den Lokalen hier zu schnuppern. In vierzig Minuten treffen wir uns wieder im Bus. Sie erhalten jeder von mir einen Franc als Unkostenbeitrag, wenn Sie etwas konsumieren müssen. Wie gesagt: in vierzig Minuten, um 0.45 Uhr, im Bus zur Weiterfahrt.“
Inzwischen ist es 0.00 Uhr. Linda hat Geburtstag.
Vor fünfundzwanzig Jahren kam sie auf die Welt.
