Im tiefen Herzen Afrikas - Carter Coleman - E-Book

Im tiefen Herzen Afrikas E-Book

Carter Coleman

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Beschreibung

Ein moderner Abenteuerroman inmitten der atemberaubenden Schönheit Afrikas, ein großer Erlebnisroman vom Zusammenprall der Kulturen und eine geradezu klassische Geschichte von Liebe und Verrat. Die junge Tansanierin Zanifa soll gemäß afrikanischer Tradition durch ein barbarisches Ritual verstümmelt werden. Rutledge Jordan, ein junger amerikanischer Entwicklungshelfer, versucht, das Mädchen davor zu bewahren. Daraus entsteht ein Kampf auf Leben und Tod.
(Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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EPUB
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Seitenzahl: 479

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Carter Coleman

Im tiefen Herzen Afrikas

Roman

Aus dem Amerikanischen von Günter Panske

FISCHER E-Books

Inhalt

Upendo na shukrani kwa: [...]Für Julie Nitakupenda Milele [...]Es ist die Leere, [...]APRILI 1APRILI 2APRILI 3APRILI 4–7MEI 7MEI 9JUNI 14JUNI 15JUNI 25JUNI 27JULAI 6JULAI 7JULAI 8JULAI 9JULAI 10JULAI 11JULAI 12JULAI 15JULAI 23AGOSTI 21AGOSTI 23AGOSTI 25AGOSTI 26AGOSTI 27–SEPTEMBA 8SEPTEMBA 9SEPTEMBA 25 – OKTOBA 5OKTOBA 13OKTOBA 18NOVEMBA 3NOVEMBA 4NOVEMBA 5NOVEMBA 6NOVEMBA 7NOVEMBA 8NOVEMBA 9

Upendo na shukrani kwa:

 

De Dee & Kevin Reilly für die zwei Jahre auf einer Bergspitze.

Julian Ozanne & Aidan Hartley, meine Brüder in Nairobi, die mich gesund gepflegt haben.

M.L.H. für Afrika und meinen Füllhalter.

Amu Jim McGehee

Susan Minot, Mhariri Bora

Das Dream Team: Lynn Nesbit, Larry Kirschbaum & Jamie Raab

Allen John & Dudley of Penniman, Noland & Coates

Meine Familie, die lange leiden mußte.

Für Julie Nitakupenda Milele

 

&

 

für Bret Easton Ellis Mwalimu Katili

Es ist die Leere, die der Fröhlichkeit folgt,

und ein jeder muß fort

Nach draußen in die gestrandete Nacht, denn sein

Schicksal ist es,

Ergebnislos zurückzukehren aus jener Helligkeit

Die Zeit vergehend aufruft …

 

John Ashbery

APRILI 1

Die Sonne war ein Mond. Rutledge Jordan folgte den Geräuschen von Modest Mbungus Füßen durch den Schlamm. Die bläßliche Kugel aus Licht glühte alle paar Minuten durch ein Loch hoch oben im Blätterdach. Die Fährte führte einen Berghang hinauf durch eine Art Tunnel aus gigantischen Farnen. Jetzt, zur Mittagszeit, war es dort dunkel wie die Nacht. Kalte nasse Blätter verhüllten den Pfad. Jordan fürchtete diese Riesenfarne, weil er zwischen ihnen einmal beinahe auf eine Usambara-Buschviper getreten wäre.

»Noch ist Zeit umzukehren«, sagte Mbungu in englisch.

»Geh du doch zurück«, sagte Jordan in suaheli. Er stieß gegen ihn. »Verzeihung.« Er konnte Mbungus helles Hemd erkennen, auch das Weiße in seinen Augen. Er tastete nach Mbungus Hand und hielt sie, während er sprach, eine Bantu-Sitte, deren er sich bediente. »Kehr doch um, wenn du glaubst, daß es falsch ist.«

Mbungu murrte und entzog ihm die Hand. Während er den Pfad hinauf entschwand, erwiderte er in suaheli: »Du könntest dich verletzen.«

Wie blind stapfte Jordan weiter und versuchte, mit Mbungu Schritt zu halten. Zweige klatschten ihm ins Gesicht. Er fragte sich, ob Mbungu ihn in dieser Dunkelheit im Stich lassen wollte. Jordan befand sich unten an einer steilen Steigung. Er rückte die Gurte seines Rucksacks an den Schultern weiter auseinander und lauschte der Stille. Die Vorstellung, er sei von der Fährte abgeirrt, erfüllte ihn mit Panik. Er beugte sich vor, grub seine Hände in den Schlamm und begann, den Hang hinaufzuklettern. Leise verfluchte er Mbungu, weil dieser darauf bestanden hatte, eine Abkürzung zu nehmen. Mbungu legte es darauf an, daß er sich verirrte. »Mm-buun-guu!« schrie Jordan. Die Dunkelheit blieb still.

Der Pfad führte zu einem Hain hoher, tausendjähriger Kampferbäume, durch deren Laub trübes Licht drang. Aus einer Höhe von fünfzig Metern fiel durch das vibrierende Blätterdach wie in einer Kathedrale schräg das Licht auf den trockenen Torfboden. Jordan sah, daß Mbungu an einem Baum am Rande des Hains lehnte und trat wortlos zu ihm. Mbungu spähte hinauf zum Blätterbaldachin. Er trug ein ausgeblichenes Ranger-Shirt und graue Khaki-Shorts, einen schwarzen Wollpulli, das Geschenk eines norwegischen Botanikers, das er sich jetzt um die Taille gebunden hatte, und ein Paar sogenannter Bean-Duck-Stiefel, die Jordan im Jahr zuvor, am Ende der langen Regenzeit, für ihn geordert hatte. Die Stiefel sahen wie neu aus, wahrscheinlich säuberte und ölte Mbungu sie jeden Abend.

Mbungu blickte zu Jordan. »Die Abkürzung über diesen Hang hat uns eine viertel Stunde gespart.«

Jordan warf einen Blick auf seine Armbanduhr und nickte schwer atmend.

»Kuluzu«, flüsterte Mbungu und deutete auf einen knapp zwanzig Meter entfernten Baum auf der anderen Seite der Kolonie uralter Kampferbäume.

Jordan richtete seinen Nikon-Feldstecher auf die Colobusaffen und holte sie so von etwa dreißig Metern auf weniger als zehn heran. Sie waren kaum einen Meter groß, hatten ein schwarzes Fell, weiße Bärte und Kappen, die sie im Wechselspiel miteinander pflegten; mit den Fingern kämmten sie durch ihre Bärte und Schwänze. Auf schmalen Asten hoch über dem Boden kamen die kuluzu zur Welt, und dort starben sie auch, ohne die Erde jemals berührt zu haben. Einer der Affen kreischte die beiden Männer dort unten auf dem Waldboden an. Die ganze Schar lief auf der anderen Seite des Baums die Äste entlang. Jordan sprintete unter ihnen quer über den Hang hinweg. Die Affen schwatzten aufgeregter und begannen, auf den Asten herumzuhüpfen, bis diese wie Sprungbretter federten. Eine nach der anderen katapultierten sich die schlanken Gestalten gut fünfzehn Meter durch grünes Licht und Schatten und landeten auf den Asten eines anderen Kampferbaums weiter unten am Berg.

»Das Alpha-Männchen«, sagte Mbungu und deutete mit der Hand.

Ein Affe blieb in dem Baum, wo der Clan gerastet hatte.

»Bwana Mbolo Kubwa«, sagte Jordan.

Bwana Großer Schwanz hüpfte vier-, fünfmal, bis der Ast vor dem Blick verwischte, und katapultierte sich dann in die Schatten.

Ein lautes Wuuuusch, das Geräusch von Luft, die durch einen Blasebalg gepreßt wird, durchbrach die Stille des Walds.

»Da kommt sie«, sagte Mbungu in englisch. »Chui ya anga.«

Der Kronadler tauchte hervor aus der Düsternis und hatte mit seinen Schwingen von fast drei Meter Spannbreite Mühe beim Manövrieren. Der Leopard des Himmels schlug seine Krallen in den Rücken des Affen und schwang mit ihm empor, stieß durch das Blätterwerk hoch oben. Der Trupp protestierte gegen die Hinrichtung wie aus einer Kehle, ein Urschrei von solcher Gewalt, daß Jordan sich die Ohren zuhalten wollte. Der Colobusclan versammelte sich um den mächtigen Stamm eines Kampferbaums.

»War das einer vom Elternpärchen?« Mbungu überquerte die Lichtung.

»Glaube ich kaum.« Jordan beobachtete die Colobusaffen. »Die Jagdgründe von Romeo und Julia befinden sich auf der anderen Seite des Bergkamms.«

 

Eine Viertelmeile weiter den Pfad hinunter konnten die Männer noch immer das Geheul der Affen hören.

»Heute ist der erste April.« Mbungu schüttelte den Kopf. »Der Tag der Narren. Und du bist einer von ihnen.«

Jordan nahm Mbungus Hand, sah ihm ins Gesicht. »Nur noch zwei Dutzend Himmelsleoparden gibt es in den Bergen.«

»Nestlinge sind so anfällig«, sagte Mbungu ruhig. »Schon der Schock, das Nest zu verlassen, kann für das Junge tödlich sein. Du kannst es mit irgend etwas infizieren.« In seinem festen Blick zeigte sich für einen Moment Beklemmung. Er war Waldhüter, und seine Bescheidenheit und seine profunde Kenntnis des Waldes gaben Jordan das Gefühl, ein Aufschneider zu sein, ein geschwätziger Amerikaner ohne irgendwelches Spezialwissen oder Verantwortungsgefühl.

»Du weißt doch, daß einer der beiden Jungadler nicht überleben wird. Kain wird Abel umbringen«, sagte Jordan rasch. »Vielleicht hat Abel diesmal ja Glück.«

»Die Adler sterben aus. Ihr Lebensraum schrumpft. Auf diese Weise könnte es vielleicht einen mehr geben – hast du zu mir gesagt.« Mbungu zog die Stirn in Falten. »Sind das wirklich deine Beweggründe?«

»Ja.« Jordan ließ Mbungus Hand los.

*

»Jetzt ist es zu spät«, sagte Mbungu in suaheli. »Bis zum Eintritt der Dunkelheit schaffen wir’s nicht zurück. Du kannst es ja morgen wieder versuchen.«

»Kesho. Morgen.« Jordan befestigte an einem Pfeil eine Angelschnur. »Was für ein Afrikaner?«

»Es ist wahr, was sie sagen.« Mbungus Miene war ernst. »Weißmänner sind verrückt.«

»Landregenfieber.« Jordan spannte einen Pfeil gegen die Sehne eines Massai-Bogens.

»Du warst auch in der Trockenzeit verrückt«, sagte Mbungu.

Jordan zielte steil in die Höhe und schoß: Der Pfeil schnellte dreißig Meter hoch und prallte vom untersten Ast ab.

»Mist.« Jordan richtete die Sehne und hob den Pfeil vom Boden auf. Er schoß abermals, doch der Pfeil erreichte die Äste nicht einmal. Jordan folgte der Angelschnur in einen hohen Busch und zerkratzte sich Arme und Gesicht. Er versuchte es ein drittes Mal, ein viertes und ein fünftes.

»Gib mal her.« Ungeduldig streckte Mbungu eine Hand aus, als Jordan aus einem Busch gekrochen kam.

»Du hilfst einem Kriminellen.«

»Gibt’s denn nicht so was wie Ganovenehre?« Mbungu schoß den Pfeil über den Ast hinweg.

»Trink ein Bier, Kumpel«, sagte Jordan in suaheli und warf Mbungu eine grüne Heineken-Dose zu. Er band zwei Teile eines glatten roten Kletterseils zusammen und befestigte das eine Ende an der Angelschnur. Gemeinsam zogen sie das Seil über einen Ast und wieder herunter, um es am Baumstamm festzumachen. Jordan schlüpfte mit dem Oberkörper in einen Harnisch und klinkte zwei Jumar-Haken ans Seil. Er prüfte das Gerät: Die Metallbremse glitt das Seil hinauf, aber nicht herunter. Mit Fußschlaufen an der Steigvorrichtung konnte Jordan geradenwegs emporklettern, wobei er jeweils mit einem Fuß in einer Schlaufe stand, während der Fuß mit der anderen Schlaufe höherglitt.

Er lud sich einen Packen mit Nylonnetzen auf den Rücken des Harnischs und kletterte los. Keuchend und schnaubend kam er langsam voran. In einer Höhe von zwanzig Metern begann plötzlich ein Knie zu zucken; es hüpfte wie eine Nadel in einer Nähmaschine. »Entspannen«, flüsterte er. Er wußte, daß er gesichert war, doch das Gefühl, zwischen Himmel und Erde zu baumeln und von einem leichten Wind gedreht zu werden, wirkte aufs Nervenzentrum und sandte seinem Knie beunruhigende Signale.

Schweißgebadet und nach Luft schnappend erreichte Jordan den untersten Ast. Er löste seinen Harnisch und spähte dann, auf dem Ast stehend, hinauf in das Gewirr der Äste und Zweige. Das Nest lag zwanzig Meter weiter höher. Beim Weiterklettern verlor sich das Gefühl des Fallens, denn das Geäst wuchs hier dichter, und einmal hielt Jordan für einen Augenblick inne, um eine orangefarbene Orchideenblume zu betrachten, die sich an den Baumstamm klammerte. »Geliebte Mutter, geliebter Vater«, sprach er laut, während er ein kurzes Massai-Schwert aus einer Scheide an seinem Gürtel zog. »Nach all dieser Zeit ist mein Herz noch immer ruhelos. Heute bin ich auf einen großen Baum gestiegen, um vielleicht einen Adler zu retten.« Seine Stimme zitterte. Er hackte einen Ast von der Größe eines Spazierstocks ab, befreite ihn von seinen Blättern und bekam so einen Stab zur Selbstverteidigung. Er wischte sich den Schweiß von den Händen und setzte eine Motorradbrille auf. »Das gehört nicht zu meinem Job. Ich hab’s pro bono getan.«

Das Nest oben in der Baumkrone bestand aus zahllosen Zweigen und war größer als ein Doppelbett. Von unten konnte Jordan keinerlei Bewegung hören, nur den Wind, der in den Blättern raschelte. Langsam und mit festem Griff kletterte er einen kräftigen Ast hinauf, der das Nest auf der einen Seite stützte. Wenn sich ein Himmelsleopard kreischend auf dich stürzt, so schrei. Schwenke die Arme, und schrecke ihn mit deinem Gebrüll ab, wie man’s bei einem attackierenden Rhinozeros macht, schärfte Jordan sich ein, aus Furcht, in Panik zu geraten. Schlage ihm gegen den Leib, wenn er sich nicht aufhalten läßt. Orientiere dich, katapultiere dich über den Nestrand hinweg, pack das Junge und rolle weiter, bis du den breiten Ast auf der anderen Seite erreichst.

*

Rund dreißig Meter von ihrem Nest entfernt hockte eine Himmelsleopardin im hellen Licht über dem Blätterbaldachin eines Baumes. Langsam glitt ihr prüfender Blick über das blaue Himmelsgewölbe. Ihre Augen konnten auf sechs Meilen ein Kaninchen ausmachen. Während sie langsam den Kopf drehte, hob und senkte sich ihr Blick, und gleichzeitig löste jedes hungrige Piepsen der beiden Nestlinge eine starke Anspannung in ihr aus. Am Morgen, als ihr Gefährte das Nest bewacht hatte, war sie in weiten Kreisen durch den Regenwald geflogen, unentwegt auf der Suche nach Affen und Buschböcken, doch ohne ihren Partner, der Ablenkungsmanöver flog, wurde sie bald entdeckt von den Affenclans, die sich hurtig hinter dichtes Geäst zurückzogen. Sie war hungrig, sie konnte es jedoch tagelang ohne Nahrung aushalten. Das Schreien erinnerte sie daran, daß Nestlinge morgens und abends fressen müssen. Zwei Impulse widerstritten in ihr: für ihre Jungen zu jagen oder aber sie zu schützen vor Falken, Bussarden und rachsüchtigen Affen. Plötzlich tauchte am Rande ihres Gesichtsfeldes langsam der Kopf eines Primaten ganz dicht beim Nest auf. Sie ruckte ihren Kopf herum, sah, daß es ein Mensch war, hob dann vom Ast ab und umkreiste die Krone des Baums.

 

Jordans Augen befanden sich kaum mehr als eine Daumenbreite oberhalb der Blätter. Langsam schaute er sich um. Er kletterte höher und suchte mit den Augen den Himmel über dem Nest und die leicht wogende Oberfläche des ihn umgebenden Baldachins ab. Zwanzig Meter von ihm entfernt lugten aus der grünen Krone eines hochragenden Baums tote Äste mit braunen Blättern, die Wandung des Verstecks, das er sich, ein Jahr war es her, drei Monate nach seiner Ankunft in Afrika gebaut hatte, in der ödesten Phase seines Exils. Während der kurzen Regenperioden im November und in der Trockenzeit danach waren die Tage und Nächte, wo er sich von seiner Arbeit davonstahl, die einzigen Augenblicke, in denen er seiner Melancholie entkam.

Er streckte seine Hände in Löcher im Nestbelag, zog sich hoch auf das Gebilde aus Zweigen und reckte sich, um in das Nest zu spähen. Die Köpfe der Nestlinge bogen sich auf flaumigen, S-förmigen Hälsen zurück, sie schrien vor Hunger aus weitaufgerissenen Schnäbeln. Kain war fast doppelt so groß wie Abel, obwohl dieser nur einen Tag später zur Welt gekommen war. Kain stahl dem Kleinen das Futter. Abels Kopf trug die Wunden von den Schnabelhieben seines Bruders. Jordan machte sich bereit, über den Nestrand hinwegzurollen.

Während er sich, mitten bei seiner Rolle, flach auf dem Rücken befand, sah Jordan, wie der Himmelsleopard aus der Sonne hervortauchte, die Krallen von der Größe von Menschenhänden vorgestreckt vor einer breiten orangefarbenen und schwarzen Brust und mit fast drei Meter weit gebreiteten, an den Unterseiten schwarzweiß gemusterten Schwingen. Jordans heiserer Schrei blieb ihm in der Kehle stecken. Er erhob sich auf die Knie, als der Adler ihn am Hinterkopf traf und mit dem Gesicht auf den Boden des Nests schleuderte. Er stützte sich hoch und spie einen Mundvoll verwesendes Affenfell aus.

Plötzlich hatte er das Gefühl, als ob ihm acht Injektionsspritzen tief in die Schulter gestochen würden.

Ein Schraubstock schien sein Schlüsselbein zu zermalmen, und ein großer Schnabel hackte wie ein Eispickel gegen seine Motorradbrille. Jordan schrie.

Ein Brillenglas zerbrach. Jordans Blickfeld verschwamm, aber dann sah er dicht vor sich, wie in Großaufnahme, wäßriggelbe Augen in einem großen schwarzen Kopf, der von dunklen, weiß umrandeten Federn gekrönt wurde.

»Hau auf die Kacke!« Zum erstenmal seit achtzehn Jahren fiel Jordan der Rat eines älteren Nachbarjungen ein: über die einzige Möglichkeit, die einem blieb, wenn man von einer Übermacht in die Enge getrieben wurde. Er rollte auf den Rücken und brachte den Himmelsleoparden aus dem Gleichgewicht. Er schlug dem Vogel mit der flachen Hand gegen den Kopf, und dieser schlitzte ihm mit dem Schnabel die Handfläche auf. Die Krallen drangen tiefer in seine Schulter. Mit geballter Faust schlug Jordan gegen die gefleckte Brust. Die Adlerin kreischte und konterte mit einem kräftigen Schnabelhieb gegen seine Wange. Jordan packte sie beim Hals und zwang sie auf den Nestboden, um ihre Krallen aus seiner Schulter zu lösen. Er drückte ihr die Kehle zu. Endlich lockerte sie ihren Griff, hieb dann jedoch wild mit beiden Krallen zu und riß eine tiefe Wunde in seinen Unterarm.

Jordan schleuderte sich quer über das Nest und griff nach Abel. Dessen Augen waren geschlossen, doch er schrie auf. Den Nestling zwischen seiner hochgewölbten Hand und dem Unterarm haltend, rollte Jordan über den Nestrand und landete rittlings auf einem großen Ast. Der Himmelsleopard setzte ihm nach.

Krallen rissen über seinen Kopf, als die Adlerin über den Baldachin hochschwang.

Jordan duckte sich aus dem grellen Sonnenlicht in das stille Dunkel der riesigen Albizea. Er keuchte und zitterte, den Körper voller Adrenalin. Abel schaute ohne Angst oder Arglist zu ihm hoch, der unschuldige Blick eines jungen Tieres. Er tat den Nestling in den Nylonbeutel, der an seinem Harnisch hing, und kletterte hinab. Schließlich saß er auf dem untersten Ast und fingerte an einem kurzen Stück Kletterseil, das er durch die metallene »Acht« zu stecken versuchte. »Außenwelt … genau fokussieren … konzentrieren«, schärfte er sich ein, in der Erinnerung an Merksprüche, die er während seiner High-School-Ausflüge zu den Smokey Mountains gelernt hatte. Endlich fädelte er das Seil durch die Acht, befestigte es an seinem Harnisch und schwang dann frei vom Ast fort. Wie eine Spinne an einem Faden glitt er, sich um sich selbst drehend, langsam hinunter.

Das saugende Geräusch eines Projektils durchschnitt die Luft, und Jordan drehte den Kopf und sah, wie der Himmelsleopard mit an den Leib gelegten Schwingen aus den Schatten hervorzuckte.

Er stieß sich vom Baum ab und schwang um den Stamm herum. Die Adlerin veränderte ihre Flugbahn und hielt auf ihn zu. Er bedeckte sein Gesicht. Der Himmelsleopard jagte vorbei und traf ihn mit zusammengekrümmten Krallen seitlich am Kopf. Für einen Augenblick verdunkelten die Schmerzen ihm die Sicht, und er fiel rückwärts. Er fand sich wieder, am Seil baumelnd.

In seinem Blickfeld tauchte, kopfstehend, Mbungu auf und schleuderte Steine in Richtung von Jordans Kopf.

Die gelben Augen und der riesige schwarze Schnabel waren nur ein kurzes Stück entfernt. Jordan schützte sein Gesicht mit den Armen.

»Taremka! Taremka!« rief Mbungu. Komm herunter!

Jordan zog sich hoch und löste das Seil, das sich in der »Acht« verklemmt hatte. Als er sich zu Boden fallen ließ, jagte die Adlerin herab und riß ihre Krallen über seinen Rücken. Jordan schrie auf. Mbungu warf einen langen Speer gegen die Adlerin und scheuchte sie in die Bäume.

»Pumbavu!« Mbungu nannte Jordan einen Idioten und stieß den Speer in den Boden. »Ist alles okay?«

Jordan beugte sich vor und atmete tief durch.

»Poleh«, sagte Mbungu mitfühlend und drehte vorsichtig Jordans Arm herum, um sich die Wunde anzusehen. »Poleh sana.«

»Bitte sag nicht poleh. Ich hasse dieses Wort.«

Mbungu nahm den Nylonbeutel von Jordans Harnisch und blickte hinein. »Wo willst du den kleinen Leoparden unterbringen?«

»Ich habe an dein Haus gedacht. Für ein Weilchen, bis er größer ist.« Jordan schnallte seinen Harnisch ab.

»Hapana«, weigerte sich Mbungu; dann, in englisch: »Nicht ohne die Genehmigung der Wildlife Division.«

»Du blöder Bürokrat.« Jordan preßte seinen Unterarm seitlich an seinen Körper und bewegte die schmerzende Schulter. »Es ist doch ein schwächlicher Nestling.«

»Es ist dein verdammter Nestling.« Mbungu schaukelte den Beutel dicht vor Jordans Gesicht.

Jordan zog das Seil vom Baum herunter, verstaute das Klettergerät in seinem Rucksack und lud ihn sich auf. »Gehen wir«, sagte er und nahm Mbungu den Beutel mit dem Jungadler aus der Hand.

»Gib mir den Rucksack.« Mbungu lachte. »Beruhige dich. Die Mutter wird nicht zurückkommen.«

»Vielleicht nicht.« Jordan fiel hangabwärts in Laufschritt. »Aber ich habe zuviel Schiß, um logisch zu denken.«

 

Bei einem dunstumhüllten Teefeld verließen sie den Wald. Reihen runder Büsche zogen sich mehrere hundert Meter in Richtung der Forest Research Station, einem weißen, rot überdachten Haus im Kolonialstil, wo früher ein Schweizer Pflanzer gewohnt hatte. Jenseits der Berge erstreckte sich der Horizont für zwanzig Meilen ostwärts zu einer dunklen Linie, wo die Küstenebene und der graue Dunst des Indischen Ozeans zusammentrafen. Kumuluswölkchen jagten über den strahlend blauen Himmel, der die tropische Dämmerung ankündigte.

»Ich hab’ dir ja gesagt, wir würden’s vor Einbruch der Dunkelheit nicht schaffen«, sagte Jordan in suaheli.

»Weil du soviel Angst hattest«, erwiderte Mbungu und beugte sich vor, um aus einem Bach zu trinken. »Du hast gescheut wie ein Buschbock.«

Jordan beäugte den Bach. »Von dem Wasser kriege ich Durchfall.«

»Es ist rein«, sagte Mbungu, während er aus seinen gewölbten Händen trank.

»Bist du sicher, daß du den Vogel nicht bei dir halten kannst, bis er groß genug ist, um über die Berge zu fliegen?« fragte Jordan.

Mbungu erhob sich und wischte sich mit dem Ärmel das Gesicht trocken. Er betrachtete Jordan mit dem gleichen schielenden Blick wie der zerlumpte Schwachsinnige, der am Eingang zum Waldreservat bettelte.

Jordan ging voraus zwischen den Reihen Büsche und dann quer über den Rasen zur Veranda des weißgetünchten Hauses, wo ein Hausboy bei einem Tisch wartete, auf dem eine Thermosflasche und Teetassen bereitstanden. Mbungu befahl dem Boy, heißes Wasser und Hühnerinnereien zu bringen, und folgte ihm dann ins Haus.

Jordan packte den Nestling in ein Sweatshirt und beobachtete, wie er den Kopf von Seite zu Seite ruckte. Durchsichtige, purpurfarbene Lider schützten seine leicht vorquellenden Augen.

Mbungu tat eine Schale und Verbandsstoff auf den Tisch. »Zieh dein Hemd aus.«

Jordan zuckte zusammen, als Mbungu den Schmutz und das getrocknete Blut aus den Verletzungen an seiner Schulter schrubbte und sie dann mit Jod ausspülte.

Lächelnd sagte Mbungu: »Mzungu sind ja solche Babys.«

»Da du weißt, wie niedrig die Schmerzschwelle des weißen Mannes ist«, sagte Jordan mit zusammengebissenen Zähnen, »könntest du ruhig versuchen, behutsamer zu sein.«

»Stephanoaetus coronatus.« Um Jordan abzulenken, sprach Mbungu die lateinischen Silben sehr langsam aus. »Wie wirst du den Nestling nennen?«

»Ich weiß nicht.« Jordan blickte zum Regenwald. Eine Linie dunkler Gipfel bildete eine grüne Insel, die sich aus dem wogenden Meer der Maisfelder rings um den Wald erhob. Eine breite, unten flache Kumuluswolke saugte durch unsichtbare Tentakel Wasserdunst zu sich herauf, indes sie am Himmel krängte wie ein gigantisches Kriegsschiff und die anderen Wolken gleichsam schrumpfen ließ.

»Dies hier muß sich ein Arzt ansehen«, sagte Mbungu, während er Jordans Unterarm verband.

»Ich werde morgen hingehen.«

»Erzähle ja nicht, wie du zu deinen Verletzungen gekommen bist.« Mbungu riß ein Stück Klebestreifen mit den Zähnen ab.

»Natürlich nicht.« Jordan wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Der Hausboy kam mit einem Tablett zurück. Er hielt Jordan eine Schale mit kleinen Lebern, Herzen und Nieren hin.

»Sio chakulu cha mzungu.« Jordan erklärte dem Boy, daß rohes Huhn für den weißen Mann keine Delikatesse ist.

Mbungu lachte, hackte ein Herz in zwei Hälften und schob die eine in den Schnabel des auf dem Tisch liegenden Nestlings. Seine schwarzen Augen blinkten. Jordan und Mbungu fütterten ihn abwechselnd. Rasch entschwand die Farbe vom Himmel. Die große Kumuluswolke richtete sich über dem Wald ein und schlang Nebelfinger um die Gipfel. Jordan zitterte und suchte in seinem Rucksack nach einem Pulli, fand dabei eine tagealte Daily News, die er am Morgen für Mbungu mitgebracht hatte.

»Tut mir leid, daß sie verknittert ist.« Jordan reichte ihm die Zeitung.

»Ich dachte schon, du hättest sie vergessen«, sagte Mbungu und ging ins Haus.

Jordan zog sich den Pulli über, nahm den Adler und folgte Mbungu in ein getäfeltes Zimmer mit einem Kamin. Mbungu zündete ein Feuer an und ließ sich dann mit der Zeitung in einem Sessel nieder. Jordan setzte den Adler auf den Boden beim Herd auf ein Sweatshirt.

»›Die Rückkehr der Demokratie.‹« Mbungu las laut die Schlagzeile vor und lachte bitter.

Jordan beobachtete, wie der Nestling die Augen schloß.

»Funktioniert das denn in deinem Land?«

»Gute Frage.« Jordan zog zwei lauwarme Heineken-Dosen aus seinem Rucksack.

»Ende des Jahres wirst du nicht mehr hier sein.« Mbungu öffnete eine Dose. Hinter ihm deckte der Hausboy nahe dem Kaminfeuer einen Tisch.

»Ja, stimmt.« Jordan streckte sich auf einem alten Brokatsofa aus. »Und?«

»Ich dachte nur …« Mbungus Stimme wurde leiser. Er nahm einen Schluck Bier. »Wie die mzungu so kommen und gehen.«

»Ich werde hierbleiben, bis der Vogel ausgewachsen ist«, sagte Jordan.

Mbungu nickte. Er langte nach einem Stück Eukalyptusholz auf dem Fußboden und warf es ins Feuer. »Das ist eine tolle Story, die du deinen Freunden erzählen kannst. Aufregender, als Bauern die Fischzucht beizubringen.«

Jordan starrte ihn durch die Schatten hindurch an. »Bwana, ich habe hart gearbeitet.«

»Ja, hast du.« Mbungu warf einen Blick zum Dinnertisch und erhob sich. »Aber ist es nicht das, was du dir wünschst? Ein afrikanisches Abenteuer etwas, das du mit nach Hause nehmen kannst?«

»Schau, Modest, ehe ich von hier fortgehe, möchte ich etwas tun.« Jordan stützte sich vom Sofa hoch. »Sawa, ich tu’s also wegen des Kicks. Aber es lohnt sich. Als ich Abel im Nest sah, wußte ich, daß ich ihn retten mußte.«

»Hast du dir das auch gut überlegt?« Mbungu ging zum Tisch. »Du wirst keine Zeit mehr haben, Bauern in der Fischzucht zu unterweisen. Auch keine Zeit für Abstecher nach Nairobi oder Daressalam, um Jagd auf weiße Frauen zu machen. Und keine Besuche zum Versteck. Keine …«

»Ich weiß«, sagte Jordan. »Aber der Vogel steht für mich an erster Stelle.«

 

Der Regen prasselte wie Kies auf das Dach. Jordan erwachte aus einem Traum in die Dunkelheit und brauchte einen Augenblick, um sich zu orientieren. Er glaubte, in seinem eigenen Haus auf der anderen Seite der Berge zu sein, sah dann jedoch Mbungus Stiefel im Schein des glimmenden Holzfeuers und erinnerte sich an die Blechdach-Jagdhütte seines Großvaters auf der anderen Seite der Erde. Er stellte sich vor, daß der Regen Löcher ins Blech trommeln würde und starrte in das Grau über der Lampe, bis oberhalb der Dachbalken Wellblechteile zu erkennen waren. Das Dach hob und senkte sich wie eine große Lunge.

»Regen, Mitternachtsregen, nichts als der wilde Regen«, rezitierte Jordan für sich, eine Gewohnheit seiner Einsamkeit in den vergangenen anderthalb Jahren. Er erhob sich vom Sofa, spürte die schmerzende Schulter. Dann pumpte er an einer Drucklampe, und der Raum füllte sich mit weißem Licht und einem lauten Dröhnen unter dem hämmernden Regen. Der Himmelsleopard schlief. Jordan öffnete die breite Eingangstür und trat aus dem Licht der Laterne in den heulenden Wind und die finstere Nacht. Dunstiger Regen wurde unter das Verandadach geblasen. Jordan setzte sich auf eine Bank an der Wand und fragte sich, was wohl Anna am 1. April tun mochte. Er drückte das Licht an seiner Armbanduhr und sah: 11.51. In Memphis war es fast vier Uhr nachmittags.

 

»DU WILLST WEG AUS DIESEM PROVINZNEST?« FRAGTE FRED Goldberg mit gesenkter Stimme, als Charles Coates sie allein an der Bar zurückließ, während er zum hinteren Teil des Restaurants ging. »Komm doch nach Dallas, und arbeite für mich.«

Jordan blickte hinter Mr. Coates her, der sich zwischen den Tischen hindurchmanövrierte.

»Charlie hört nicht mehr sehr gut, ist aber zu eitel, um sein Hörgerät zu tragen«, sagte Goldberg lauter.

»Das ist ein sehr freundliches Angebot, Fred.« Jordan erhob sein Glas und überlegte, daß er kaum etwas mehr hassen würde, als in Dallas für einen Großhändler von Autoteilen zu arbeiten. »Aber mir gefällt’s in Memphis. Meine Familie lebt seit dem Krieg von 1812 hier.«

»Die Rutledges oder die Jordans?« fragte Goldberg mit besonders breitem Texas-Akzent. Er war klein, rund und kahlköpfig und trug einen bräunlichen Baumwollanzug und dazu passende Stiefel aus Echsenleder.

»Beide«, sagte Jordan. »Klingt wahrscheinlich ziemlich prätentiös.«

»Aber euer Familienvermögen ist seit dem goldenen Zeitalter von König Baumwolle doch wohl ziemlich geschrumpft.« Irgendwie brachte Goldberg es fertig, trotz des breiten Akzents schnell zu sprechen.

»Wie bitte?« fragte Jordan.

»Sonst würdest du dich wohl kaum für Penniman, Noland & Coates jeden Tag vierzehn Stunden lang abschinden in der Hoffnung, daß sie dich in fünf Jahren zu einem Juniorpartner machen, damit du nur noch zwölf Stunden zu schuften brauchst. All die Plackerei, während die Golf spielen.« Goldberg lachte und schlug ihm auf den Rücken. »Ich beneide dich, mein Sohn. Ich weiß über meinen Großvater nichts, außer daß er im Zweiten Weltkrieg von den Nazis umgebracht wurde.«

Jordan wirkte unsicher; er wußte nicht, wie er reagieren sollte.

Goldberg stieg auf die Fußstange an der Bar, gewann zehn Zentimeter an Körpergröße, so daß ihn der Bartender besser sehen konnte, und bestellte eine weitere Lage.

»Hör zu, mein Sohn, ich freue mich, daß du das Paar aus Elchleder trägst.« Mit einem Nicken wies Goldberg auf die hellen Cowboystiefel, die aus den Hosenbeinen von Jordans Leinenanzug hervorlugten. »Ich habe sie dir geschenkt, weil du richtig gut hineinpaßt. Du könntest Rechtsberater der Autoabteilung werden. Ich kann dir garantiert doppelt soviel zahlen wie Charlie. Dallas wird dir gefallen.«

»Fred, im letzten Vierteljahr habe ich mich in Sachen Wiederverkauf von Autoteilen ziemlich sachkundig gemacht …«

»Du hast die Fährte schneller aufgenommen als ein Spürhund«, warf Goldberg ein, als der Bartender drei Gläser mit Bourbon und Eis auf den stählernen Tresen stellte.

»Danke, Fred.« Jordan grinste. »Aber ich glaube kaum, daß das ein Gebiet ist, dem ich mich weiter widmen möchte.«

»Aber da ist doch ein Haufen Geld zu machen«, jammerte Goldberg. »Du könntest eines Tages wiederkommen und die Rutledge-Plantage zurückkaufen. Mach deine Eltern stolz!«

Jordan lachte. »Meine Eltern?«

»Ich habe gehört, daß das Bauunternehmen deines Vaters nicht gerade floriert.«

»Mit wem hast du gesprochen?« Jordan zwang sich zur Höflichkeit.

»Ich mache in Memphis seit Jahr und Tag Geschäfte.« Goldberg blickte über seine Schulter und rief: »Schön, daß du wieder da bist, Charlie.«

»Hast du den jungen Jordan in die goldene Regel eingeweiht?« Charles Coates war groß und dünn. Er trug einen dunklen Anzug, der sein silbernes Haar hervorhob, und ein weißes Hemd im Kontrast zu seiner tief sonnengebräunten Haut; außerdem eine blaue Krawatte mit einem Wildentenmuster. Sein Gesicht wirkte säuerlich-ernst, eine Folge seines lebenslangen Kampfes mit Verdauungsstörungen.

»Wer das Gold hat, macht die Regeln«, sagte Goldberg glucksend.

»Nein, Rut und ich haben uns gerade über seine glorreiche Familiengeschichte unterhalten.«

»Die Rutledge Raiders.« Mr. Coates nickte feierlich. »Elijah Rutledge hat bei der Verteidigung von Vicksburg den Tod gefunden.«

»Es wird auch erzählt, daß er wegen Pferdediebstahl aufgehängt wurde«, sagte Jordan.

»Yankee-Propaganda.« Mr. Coates sah Jordan an.

»Nun, Mr. Coates, darüber ist man sich in der Familie keineswegs einig.«

Der Seniorpartner musterte Jordan mit dem durchdringenden Blick, mit dem er bei Besprechungen alle anderen zum Schweigen zu bringen pflegte.

»Wo kommt der Name Jordan eigentlich her?« fragte Goldberg.

»Von dem Jordan-Fluß«, erwiderte Mr. Coates.

»Und worauf läßt sich der Name des Flusses zurückführen?«

»Ich glaube nicht, daß er lateinischen Ursprungs ist«, meinte Jordan.

»Natürlich nicht. Es ist hebräisch. Es bedeutet: ›der Absteigende‹. Das kommt von dem Wort für hinuntergehen. Du bist derjenige, mit dem es abwärtsgeht.« Goldberg lachte und schwenkte eine Hand vor seinem Mund, wobei seine Finger ein V formten.

Jordan versuchte zu lächeln.

Mr. Coates schien das Wortspiel nicht zu verstehen. Er schaute nach unten, dann zu Jordan. »Warum haben Sie Stiefel an?«

»Nun ja, Sir, Mr. Goldberg hat sie mir geschenkt.« Jordan gab sich Mühe, nicht zu lächeln. »Ich hielt das für akzeptabel an dem Tag, wo wir den Abschluß …«

»Lassen Sie das nicht zur Gewohnheit werden.«

»Natürlich. Ich …«

»Fred, draußen wartet unser Auto«, sagte Mr. Coates und ging zur Tür.

»Wir reden noch miteinander.« Goldberg zwinkerte Jordan zu und drückte ihm mit sehr kräftigem Griff die Hand.

»Freu mich drauf«, sagte Jordan.

 

Jordan saß auf einem Hocker und blickte jetzt am Abend hinüber zum Peabody Hotel auf der anderen Straßenseite. Die Blöcke aus Kalkstein, gelblich im Schein der Straßenlaternen, erinnerten ihn an irgendein Gemälde, doch es wollte ihm nicht einfallen, an welches. In der vorderen Fensterscheibe sah er sein eigenes schwankendes Abbild, einen dünnen Menschen von achtundzwanzig in einem Zweireiher aus Leinen mit dunklen Tränensäcken unter seinen hellblauen Augen und mit kurzem sandbraunem Haar, und er konnte sich vorstellen, wie er als grauhaariger alter Mann mit schmallippigem Mund aussehen würde. Am Nachmittag hatte der Managing Partner Jordan in sein Büro gerufen und zu ihm gesagt, er werde für den Abschluß des sogenannten Car-Zone-Deals einen »substantiellen Bonus« erhalten. Zehntausend Dollar. Etwa zehn Dollar pro Stunde.

Eine attraktive Brünette kam ins Restaurant. Schwarze Jeans. Schwarzes, ärmelloses Hemd und Stütz-BH. Schwarze Cowboystiefel. Sie überquerte den Terrazzoboden und nahm einige Hocker entfernt Platz.

»Hallo«, sagte Jordan. »Sind Sie ein Cow-Girl?«

»Nein.« Die Frau machte ein unfreundliches Gesicht. »Ich bin eine Lesbe.«

»Was ist das – eine Lesbe?« fragte er.

»Ich liebe es, Mädchen zu küssen.« Die Frau drehte sich zur Seite. Sie winkte dem Bartender und betrachtete dann Jordans Cowboystiefel. »Sind Sie ein Cowboy?«

»Nein«, sagte Jordan. »Ich bin wohl auch lesbisch.«

Die Frau bestellte einen Drink. Jordan warf einen Blick auf seine Armbanduhr und schaute dann hinaus. Auf der stählernen Bar zitterte leicht das reflektierende Licht, als jetzt Anna durch die Glastür kam. Sie trug ihr dunkles Haar lang und hatte ein einfaches Navy-Kleid an, das locker von ihren Schultern herabhing und ihre Kurven nur andeutete.

Jordan winkte. »Hallo, meine Schöne.«

»Hallo, Liebster.« Annas Stimme war tief, kehlig. Sie trat dicht heran. Ihr Kopf reichte ihm gerade bis zum Hals.

Er beugte sich vor und küßte sie. Braune Augen. Ein Hauch von Parfüm.

»Du siehst wie ein Zombie aus.« Anna glitt auf einen Hocker.

»Ich kann’s gar nicht erwarten, hinauf in die Berge zu kommen.«

»Dewars on the Rocks«, bestellte Anna und beugte sich dann seitwärts. Leise sagte sie: »Die hübsche Frau dort ist eine Lesbe. Neue Lehrerin am Kunstcollege.«

»Ich weiß.«

»Woher denn?« Anna runzelte die Augenbrauen.

»Sie hat’s mir gesagt.« Jordan ließ das Eis in seinem Glas wirbeln.

»Hast du versucht, sie anzumachen?« Anna lachte, doch sie meinte es ernst.

»Ach, meine Süße«, sagte Jordan und legte einen Arm um Annas Schultern. »Ich habe heute einen hübschen Bonus bekommen. Und jetzt hab’ ich genug für eine Anzahlung auf das Haus.«

»Ist ja toll, Baby«, sagte Anna fröhlich. Ihre Eltern hatten dem Paar schon lange das Geld für die erste Rate angeboten. Doch Anna wollte das nicht.

Jordan drückte ihre Schulter und wartete auf die Vorwürfe, mit denen er schon seit einem Vierteljahr rechnete. »Wie ist denn dein Tag gewesen?«

»Packerei und Papierkram.« Anna sah ihm ins Gesicht. »Alles für die Show vorbereiten.«

Jordan wollte gestehen, Anna um Vergebung bitten und schwören, daß er ihr für immer treu sein werde; doch fürchtete er, sie werde ihm nie wieder vertrauen; auch war er sich nicht sicher, daß er ein solches Versprechen würde halten können. »Was ist die nächste Station für die Show?«

»Atlanta.« Anna schlürfte ihren Scotch. »Willst du zur Eröffnung hin?«

»Na und ob.« Jordan konnte nichts Verdächtiges in ihren Augen entdecken. »Ich mag Atlanta.«

»Du kannst dich ja bei deinen früheren Kommilitonen schlecht benehmen«, sagte Anna. »Stell dir einfach vor, daß du noch immer an der Vanderbilt bist.« Die Schatten bei ihr waren offenbar verflogen.

Jordan bestellte einen dritten Bourbon und Wasser. »Ist schon komisch. Vorhin habe ich in der Glasscheibe dort mein Abbild gesehen, und da saß ich plötzlich vierzig Jahre später im selben Anzug.«

»Hast du auch mich bei deiner Guckerei gesehen?«

»Da bist du doch …« Jordan nahm ihre Hand und blickte zu der Glasscheibe. »Eine wunderschöne Großmutter.«

»Und du wirst mich niemals gegen ein neueres Modell eintauschen?«

»Nein, niemals«, sagte Jordan zu ihrem Spiegelbild.

APRILI 2

Am Morgen lag über dem Regenwald eine Wolke, ein flaches graues Dach, das knapp hundert Meter oberhalb des Schweizer Hauses den Blick zum Gipfel versperrte.

»Vergiß den Arzt nicht! Dein Unterarm muß genäht werden«, sagte Mbungu.

»Sawa.« Jordan sagte okay und tat zwei Handvoll Stroh in einen kleinen Kasten, der auf den Gepäckständer der kleinen Honda geschnallt war, die vom Friedenscorps gestellt worden war. Mit Watte polsterte er die Innenseiten des Kastens.

Der Nestling wälzte sich unten beim Hinterrad auf dem Boden.

»Fahr nicht wie ein Verrückter«, sagte Mbungu.

Jordan bückte sich und hob den jungen Adler hoch.

»Sonst bringst du den Vogel um«, betonte Mbungu auf englisch.

»Sorg dich nicht um den Vogel, Bwana.« Jordan preßte seinen Handrücken behutsam in die Watte und das Stroh und formte für den Nestling eine kleine Mulde. Über den Kasten spannte er Maschendraht, den er mit abgeschnittenen Stücken eines Schlauches am Gepäckständer befestigte. »Ich brauche jemand zum Liebhaben.«

 

Normalerweise dauerte die Fahrt über die Usambara Mountains zurück zum westlichen Escarpment zwei Stunden. Doch nach zweistündigem anhaltendem Regen, der wahre Bäche von Schlamm durch die tiefen Furchen der Straße schwemmte und die Sichtweite auf zehn Meter beschränkte, hatte Jordan erst die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Um sich von der Nässe und der Kälte abzulenken, sang er laut, während er sich immer wieder zu der kleinen Plane umblickte, welche den Kasten bedeckte. Der Nestling war nicht schlimmer dran als bei einem Sturm, den er in einer Baumkrone hätte überstehen müssen. Jordan fragte sich besorgt, wie lange er auf den steilen Hängen wohl den Griff der Bremse würde halten können, denn der Riß zwischen seinem Daumen und dem Zeigefinger der linken Hand schmerzte stark. Unaufhörlich prasselte der Regen herab, während die pochende Wunde zur stechenden Qual wurde. Jedesmal, wenn Jordan die Bremse betätigte, schrie er auf. Nach einer Weile hörte er auf zu singen und fuhr in verbissenem Schweigen weiter, während er sich fragte, ob er sich des Nestlings überhaupt hätte annehmen sollen.

 

Durch einen Regenvorhang hindurch erblickte Jordan schließlich den klaren Himmel. Ein heißer Savannenwind wehte das Escarpment herauf und hielt den Sturm vom Felsrand fern. Jordan konnte die Weiten der Massai-Steppe sehen, ein Wüstenblau, das im sanften Licht der tiefstehenden Sonne ein Meer zu sein schien. Ferne Hügelketten, kaum sichtbar im gleißenden Licht des Tages, zeichneten sich jetzt ab gleich purpurnen Zähnen, die gezackt über den weiten Horizont verliefen. Jordan kam an einer alten lutheranischen Kirche aus grau gestrichenen Brettern vorbei, deren Fenster schon lange zerbrochen waren, mit einem offenen, völlig abgedeckten Dach und einem Hof, der von Bougainvillea-Büschen überwuchert war. Auf dem Weg schoben Kinder in zerrissenen Shorts und zerlumpten Kleidern ein selbstgebasteltes Fahrrad mit Holzrädern.

Jordan winkte und bog in eine Lücke in einer Reihe hoher Büsche, die den Rasen vor seinem Quartier umschlossen: das alte Pfarrhaus der verfallenen Kirche – ein Steincottage mit einer überdachten Vorder- und Hinterveranda, das auf eine eintausend Meter hohe Felswand hinausging. Stets, wenn er hier hinter den Heckenwällen verschwinden konnte, fühlte er sich befreit von den Tausenden von Augenpaaren, die ihn beobachteten, wohin auch immer er ging, und den Scharen von Kindern, die ihn von nirgendwoher umringten. Omali, der Wächter, saß auf der Veranda und schnitzte ein Gesicht in einen Kürbis. Omali war der einzige Luxus, den das Friedenscorps Freiwilligen zugestand.

»Der andere Kürbis war faul.« Mit seinem Messer deutete Omali auf einen Komposthaufen auf der anderen Seite des Hofes. Die Kürbislaterne, Jack-o-Lantern genannt, war ein Brauch, der mit Hilfe von eingeschmuggelten Samenkörnern aus Amerika nach Tansania gekommen war, wo sie als permanenter Talisman in Gebrauch war, um Sambaa-Diebe zu verscheuchen.

»Danke, Bwana«, sagte Jordan und hielt bei der Veranda an. Er band den Kasten vom Gepäckständer los und trug ihn zur Eingangstür, blieb jedoch kurz stehen, um seine Hand über den Kürbis zu schwenken. Omali sah mit ernster Miene zu, während Jordan ein mittelalterliches Gebet murmelte, das in Schmucklettern früher in seinem Kinderzimmer gehangen hatte: »Lieber Gott, behüte uns vor Geistern, Gespenstern, vielbeinigen Kreaturen und Dingen, die nachts umherschleichen.«

Jordan betrat die frühere Pfarre, einen zentralen Raum mit einem Schlafzimmer auf jeder Seite und einer Küche entlang der Rückseite. Es gab Lampen, die vor Jahrzehnten ein deutscher Priester angebracht hatte in der Hoffnung auf elektrische Leitungen, die jedoch niemals gelegt worden waren. Die Wasserbecken hatten verrostete Hähne und Rohre, die zu einem verrotteten und von Buschwerk überwucherten Holztank führten, der auf dem Nebenhof auf Pfählen stand. Jordan holte sich Wasser vom Blechdach, und während der Trockenzeit holte er welches mit Hilfe seines Motorrads von einem rund eine Meile entfernten Fluß. Jetzt stellte er den Kasten im Hauptzimmer auf einen runden Tisch. Behutsam trocknete er den schlafenden Jungadler und formte dann aus dem Handtuch ein Nest. Langsam schälte er sich aus seiner durchnäßten Kleidung und ließ sich nackt auf die Couch fallen. Wie verträumt betrachtete er die Wunde an seiner rechten Hand. Er löste den Verbandsstoff an seinem linken Unterarm und zog vorsichtig die Haut von der tiefen V-förmigen Verletzung zurück. Deutlich erkannte er einen grauen Streifen Eiter. Er ließ seine Haut los, wollte nicht noch mehr sehen und ging in Gedanken die notwendige Prozedur durch: die Wunde mit Betadine-Lösung auswaschen, dann etwas auftragen, das …

Quie-quie-quie!

Das unbekannte Geräusch ließ Jordan zusammenfahren.

Quie-quie-quie!

Ihm fiel ein, daß im Haus kein Fleisch war. Mühsam erhob er sich von der Couch und ging hinaus auf die Veranda zu Omali.

»Hol die Ziege«, sagte Jordan.

Omali sah ihn entsetzt an.

»Was ist denn lo …« Jordan merkte, daß er nackt war. Er stürzte ins Haus und suchte wild in seinem Schlafzimmer.

Quie-quie-quie!

In einem Korb fand er schmutzige Kleidung, zog sie an und lief wieder hinaus.

Omali war gerade dabei, um die Hausecke zu entschwinden.

»Wo ist die Ziege?« Jordan blickte über den Hof hinweg zur verfallenen Kirche.

Omali drehte sich langsam zu ihm herum.

Jordan wiederholte »Mbuzi iko wapi?«

»Sie hat das Seil durchgebissen und … und … ist den Felsen hinuntergestürzt.« Omalis Worte klangen verwischt. Er trug einen langen wattierten Umhang oder Mantel, den Jordan noch nie gesehen hatte, ein Stück, das vermutlich vor kurzem auf dem Markt in Lushoto aufgetaucht war und aus Amerika stammte. Die Ziege hatte er wahrscheinlich verkauft, um mit dem Erlös den neuen Mantel zu erstehen.

»Mwongo«, sagte Jordan: Lügner.

»Mimi sio mwongo.« Omali stritt es ab, sah Jordan an, blickte dann auf seine eigenen Füße.

»Es war nicht deine Ziege«, sagte Jordan langsam. »Du hast niemals irgend jemand geholfen. Niemand würde dir jemals eine Ziege schenken.«

»Es war doch nicht meine Schuld.« Omali hob den Kopf und wischte sich mit dem Handrücken den Mund. »Es war ein Akt Gottes.«

»Ich zieh’s dir von deinem Lohn ab«, sagte Jordan und drehte sich um.

»Aber das wäre ja der Lohn von zwei Wochen.« Omali folgte ihm über die Veranda.

»Ich werde es auf sechs Monate verteilen.« Jordan hörte, wie Omali hinter ihm her schwankte.

»Bitte, Bwana, es war ein Akt Gottes.«

»Du nichtsnutziger Säufer«, sagte Jordan auf englisch. »Nachts pennst du, und am Tag beklaust du mich.« Jordan hätte ihn am liebsten gefeuert, doch Omali gehörte gleichsam mit zur Kirche; ein Cousin von ihm arbeitete in der Stadt im bischöflichen Büro. Es war unhöflich, aus dem Geflecht einer großen afrikanischen Familie eine einzelne Faser herauszureißen. Falls Jordan Omali feuerte, würde der Cousin vielleicht versuchen, Jordan aus dem Haus hinauszuwerfen, und Jordans Domizil hier oben am Felsrand oberhalb der Ebene war für ihn in den Usambara Mountains zweifellos das Paradies.

»Du weißt, ich spreche nicht englisch.« In dem knöchellangen Frauenmantel sah Omali lächerlich aus. »Bitte, Bwana, ich bin ein armer Mann. Ich habe acht Kinder zu ernähren.«

Was für ein Leben, dachte Jordan. »Okay, bwana.«

»Ahsante, bwana.« Omali dankte ihm.

»Falls wieder etwas verschwindet, fliegst du.« Jordan versuchte es mit einem strafenden Blick.

»Ahsante, bwana.« Omali lächelte. »Ahsante.«

 

Die Wunde an seiner Hand saugend, fuhr Jordan den Weg entlang. Er kam zu einer Schar barfüßiger Jungen in Shorts, die einen Ball kickten, der aus zusammengepreßten und mit Schnüren umbundenen Plastiktüten bestand.

»Jambo Bwana Samaki.« Die Kinder riefen ihm zu. Hallo, Master Fisch. Tausende von Sambaa in den Bergen kannten ihn und sein Gewerbe, seine weiße Haut machte ihn zur Berühmtheit.

»Verkauft irgendwer hier in der Nähe Hühner?«

»Ja, meine Mutter«, sagte einer der Jungen und beförderte den Ball mit dem Knie in die Höhe.

»Schnell. Lauf und frag sie.«

Der Junge gab dem Ball einen Tritt und rannte durch eine Lücke in einer Hecke davon.

»Laß mich mal auf dem Motorrad fahren«, sagte ein Junge. Mit einem Lächeln breitete er die Arme, als halte er einen unsichtbaren Lenker.

Jordan betrachtete ihn wortlos.

Ein anderer Junge äffte nach, wie Jordan an seiner Hand saugte.

Der erste Junge kam durch die Hecke zurückgerannt. »Sorry, Master Fisch. Sie hat ihr letztes Hühnchen gestern verkauft.«

Jordan fuhr weiter, bis er zu einer Ansammlung von Hütten kam, wo eine Gruppe von Frauen, auf Matten sitzend, einander die Haare flochten. Bevor sie die unangenehm lange traditionelle Begrüßung beginnen konnten, eine endlose Folge von Fragen über Wetter und Ernte und Arbeit und Familie, fragte Jordan rasch: »Verkauft hier irgendwer Hühner?«

Die Frauen quittierten sein unhöfliches Herausplatzen mit verschlossenen Gesichtern.

»Verzeiht mir! Ich bin in Eile. Hat jemand Hühner?«

»Alle Hühner hier sind krank geworden und gestorben«, sagte eine Frau.

»Das ist ja schrecklich. Tut mir leid.« Jordan fuhr weiter und fragte jeden, den er sah. Dem Anschein nach hatte irgendeine Krankheit alle Hühner in der Umgebung umgebracht. Jordan stoppte bei einer Reihe von Mädchen, die hell gekleidet waren und auf ihren Köpfen Plastikeimer voll Wasser balancierten. Er fragte eine: »Weißt du, wo ich ein Huhn kaufen kann?«

Wortlos ging sie weiter, den Blick auf die Straße gerichtet.

Jordan stellte dem zweiten Mädchen dieselbe Frage.

Stumm schritt sie vorüber.

Jordan fragte das dritte Mädchen.

Sie schien seine Worte nicht zu hören.

Er fragte das letzte Mädchen.

Sie ging schneller, um die anderen einzuholen.

Murmelnd fuhr er einen steinigen Abhang hinunter. Unten sah er einen Mann, der betrunken hangaufwärts torkelte. Jordan bremste stark und rutschte durch den Schlamm. Der Mann fuhr mit schreckensstarren Augen auf und schrie und fiel in das Elefantengras am Straßenrand.

»Verzeihung«, sagte Jordan. »Ich wollte nur fragen, ob du weißt, wo ich ein Huhn kaufen kann.«

»Ngolo«, sagte der Mann.

»Im Ngolo-Dorf?« Jordan blieb auf dem Motorrad sitzen, während er den Mann wieder auf die Beine zog.

»Ja.« Der Mann wischte sich den Schlamm von seiner geflickten Hose. »Mama Zanifa hat viele.«

»Danke.« Jordan gab die Fußbremse frei, so daß das Motorrad hangabwärts rollte, bevor der alte Mann ihn anbetteln konnte. »Mama Zanifa«, wiederholte er, um es sich einzuprägen. Die Mutter von Zanifa.

 

»Mzungu! Mzungu!« Ein Dutzend Kinder rannten auf die Honda zu, als Jordan zehn Minuten später das Ngolo-Dorf erreichte. Weißmann! Weißmann! »Mzungu! Mzungu!«

»Ich bin der König der Hexen, der Nachtgeister und der Vampire«, sagte Jordan in suaheli; und dann, mit gesenkter Stimme: »Rührt ja nicht das Motorrad an!«

»Gib mir Geld.« Ein Junge mit einem strahlenden Lächeln übte sein Englisch.

Jordan beachtete ihn nicht weiter und richtete seinen Blick auf das Dorf am Berghang. Er fragte, wo Mama Zanifa wohnte.

»Das letzte Haus. Das große.« Der Junge deutete auf ein Dach inmitten von Bananenbäumen.

Jordan ging zu Fuß weiter. Er folgte einem Weg und sah, wie aus den Türöffnungen der Lehmhütten Rinder hervorlugten. Alte Frauen mit runzligen Gesichtern saßen auf niedrigen Hockern und Stühlen aus Segeltuch im Schatten der hohen tropischen Hecken, die die kleinen Höfe unterteilten. Auf dem Boden stolzierten inmitten kunterbunter Hühnchenscharen Hennen durch das Dorf. Sie glichen nervösen Fischschwärmen und schienen hangaufwärts zu einem zweistöckigen Haus zu streben. Mit Ausnahme einstiger kolonialer Plantagengebäude hatte Jordan in den Bergen noch nie solch ein Haus gesehen. Die Lehmwände waren rosa getüncht, und die Fenster, groß wie Mzunu-Fenster, hatten knallrot gestrichene Rahmen.

Er sah eine Frau, die vor einem eingezäunten Blumengarten einige Handvoll trockener Körner auf den Boden warf.

»Friede«, sagte Jordan in suaheli. Er war verblüfft über ihre auffallend helle Hautfarbe und das wellige schwarze Haar unter ihrem Turban. Sie trug eine gelbe, um ihre Beine gewickelte kanga und eine weiße Bluse und stand sehr gerade, in den gekreuzten Armen eine leere, geflochtene Schale, deren oberer Rand gegen ihre Brüste drückte.

»Karibu.« Ihre Stimme war tief. Willkommen.

Jordans Blick schweifte unwillkürlich von ihrem Gesicht zum Ansatz ihrer Brüste. Mit den Fingern berührte er die Schwellung an seiner Schläfe. Er fühlte sich schwach.

»Du hattest einen Unfall mit deinem Motorrad?« Die Frau griff nach seinem Handgelenk und hob behutsam seinen Arm. »Ich habe ein Motorrad gehört.«

»Ich habe mit einem Himmelsleoparden gekämpft«, sagte Jordan »Und beinahe verloren.«

Haaah, es war ein flacher, überraschter Atemstoß.

»Verkaufst du Hühnchen?« Jordan seufzte. »Ich muß einen hungrigen Jungadler füttern.«

»Ja. Aber laß mich deine Wunden säubern!« Die Frau zog ihn zum Haus.

»Keine Zeit.« Jordan befreite sein Handgelenk, während er sich vorstellte, wie sie Kaninchenfell auf seine Verletzungen kleisterte. »Der Adler wird sterben, wenn ich ihn nicht bald füttere.«

»Komm.« Über einen Weg führte sie ihn zu einer Pforte in der Hecke.

»Bei allen anderen hat eine Krankheit die Hühner umgebracht. Wie kommt es, daß deine es überlebt haben?«

»Alle andern sind zu geizig, um Medizin zu kaufen«, sagte sie.

»Onatoka wapi?« Jordan fragte, woher sie stammte, eine höfliche Frage bei einer formellen Begrüßung.

»Mein Großvater war ein Deutscher«, sagte Mama Zanifa.

Jordan betrachtete ihr Gesicht. Sie hatte eine Adlernase. Ihre Augen waren hellblau, fast grau.

Sie kniff sie zusammen. »Möchtest du Tee trinken?«

»Ich wünschte, ich hätte Zeit. Aber mein Baby könnte sterben.«

»Nicht einmal eine einzige Tasse? Kitu moja tu?« Nur das eine – sie gebrauchte einen Ausdruck, bei dem »nur das Eine« das wichtigste aller Rituale meinte: das der fleischlichern Vereinigung.

»Ich kann wirklich nicht«, sagte Jordan.

»Ein andermal.« Sie lächelte und rief: »Zanifa, bringe eine Henne und ihre Küken.« Zunächst verlangte sie den doppelten Preis, der in Lushoto für Hühner galt. Jordan handelte sie auf die Hälfte herunter und vereinbarte mit ihr, daß vom nächsten Tag an alle drei Tage eine Henne mit ihrer Brut bei ihm abgeliefert würden. Er sagte zu ihr: »Mehr als eine Henne kann ich heute abend nicht bewältigen.«

Ein junges Mädchen kam mit einem Korb herbei. Sie hatte eine Schuluniform an. Eine einfache weiße Bluse bedeckte volle Brüste, und unter einem burgunderroten Rock verbargen sich lange Beine. Sie hatte die Gesichtszüge ihrer Mutter. Ihre Haut war genauso hell, doch ihre Augen waren fast schwarz.

»Shikamoo«, sagte Zanifa zu den Erwachsenen. Ich küsse eure Füße.

»Marahaba«, sagte ihre Mutter. Erfreut.

Jordan murmelte eine Antwort.

»Warum siehst du meine Tochter so an?«

»Sie ist schön. Ich …« Vergeblich suchte Jordan nach dem Suaheli-Wort für malen. »Ich würde gern ein Bild von ihr machen.«

»Eine Fotografie?« fragte die Frau argwöhnisch.

»Nein«, sagte Jordan. »Ich benutze Farben und einen Pinsel.«

»Du könntest sie an ihrem Hochzeitstag malen«, sagte die Mutter. »Zanifa ist mit Sultani Kimweri verlobt.«

Jordan überlegte, ob seine Frage als unhöflich aufgefaßt werden konnte, und gab sich Mühe, höfliche Worte zu finden; dann fragte er: »Hat … hat er nicht schon Ehefrauen?«

»Eine, aber sie war eine Ziege, die Tochter eines Häuptlings vom Kilimandscharo, die er auf Befehl seines Vaters mit sechzehn heiraten mußte. Bevor er nach England ging. Sie hat ihm keine Kinder geschenkt.«

»Wann ist die Hochzeitsfeier?« fragte Jordan und starrte Zanifa an, die wegblickte.

»Zu Beginn der kurzen Regenzeit«, erwiderte Mama Zanifa.

Jordan überlegte, daß man wohl, wegen symbolischer Fruchtbarkeit, Hochzeiten und Regenzeiten gleichsam koordinierte. »Acht Monde, von jetzt an gerechnet?«

»Ja«, sagte Mama Zanifa.

Zanifa blickte auf ihre Sandalen.

Jordan fragte: »Wie alt bist du?«

»Sechzehn«, sagte sie leise.

 

Die Tropennacht fällt wie eine Guillotine, dachte Jordan, als er in der Dunkelheit mit seinem Motorrad aufbrach, im Rucksack hinten die herumkrabbelnde Henne. Immer wieder tauchte Astgewirr auf, gespenstisch im Scheinwerferlicht, und nahm unheilvolle Formen an. Jordans Helm erhitzte sich wie eine Art Gesichtssauna. Der Augenschirm beschlug völlig, so daß er ihn hochklappen mußte. Über Brust und Rücken floß der Schweiß in Strömen hinab und durchnäßte sein Hemd. Jordan wußte, daß er Fieber hatte; doch die plötzliche Hitzewelle in seinem Körper betäubte seine Wunden, und dafür war er dankbar. Eine Gottesanbeterin flog ihm ins rechte Auge, und er kam von der Straße ab, fuhr in ein Gebüsch und fiel auf die Seite. Wütend stellte er das Motorrad auf die Räder und trat auf den Anlasser, wieder und immer wieder. Er nahm seinen Helm ab und trat erneut mit seinem Fuß. Endlich sprang der Honda-Motor an. Jordan fuhr durch die Nacht mit ganz schmalen Augen wegen der fleuchenden Kreaturen, die im Scheinwerferlicht wimmelten, bis er endlich die bösen Augen des Kürbisses auf seiner Veranda sah.

Schwitzend und wie benommen zerhackte Jordan die Henne und schnitt Herz und Leber heraus für ein üppiges Mahl. In dem Handbuch »Falken und Falknerei« sah er sich die Fotos an, auf denen Falkner Nestlinge mit Pinzetten fütterten. Im Buch wurde ein Junges, das aus einem Nest genommen worden war, ein »Eyas« genannt. Auch der erwachsene Adler bleibt ein Eyas, ein Vogel, der im eindrucksfähigsten Alter aus der natürlichen Welt in die Welt des Menschen gebracht worden ist.

Das Eyas sah aus wie eine deformierte Kreatur, das auf dem Boden eines Flechtkorbs nach Protein schrie. Es verschlang die Stückchen der Hühnerorgane, und sein Kropf schwoll an zur Größe eines Golfballs. Schließlich ließ das gesättigte Eyas seinen Schnabel auf dem prallen Kropf ruhen. Der unmöglich lange Hals ringelte sich auf seinem krötenartigen Körper. Die Flügel glichen kurzen Flossen. Aber für Jordan war das Eyas kein Neutrum. In seiner Vorstellung war der Nestling weiblich, da er gelesen hatte, daß Raubvögel aus Achtung vor dem stärkeren Geschlecht mit »sie« bezeichnet werden.

In der Küche fand Jordan im großen Erste-Hilfe-Kasten des Friedenscorps Chloroquin-Malaria-Tabletten und versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte Mal von dem Parasiten heimgesucht worden war – im Januar vielleicht. Er stellte die Laterne auf den Küchentisch und plazierte im Halbrund mehrere brennende Kerzen. Er öffnete eine große Flasche Eusol, die antiseptische Lösung, die vor Jahren an der Universität von Edinburgh entwickelt worden war zwecks billiger und leichter Herstellung in den Kolonien. Mit einem sterilen Stäbchen schob Jordan die zerrissenen Hautlappen an seinem Unterarm zurück. Zum erstenmal sah er sich die starken Farben des Inneren seines Organismus genau an. Der Anblick war genauso fremdartig wie der des geschlachteten Huhns. Die Fettzellen waren Trauben aus fluoreszierendem Gelb, die Muskeln hatten ein üppiges dunkles Purpur. Eine grüne Ader wand sich wurmartig durch das Fleisch. Die Wunde war dreckig.

Jordan trat zur anderen Seite und kippte zwei Gläser Gin hinunter. Mit den Zähnen öffnete er eine Flasche Wasserstoffsuperoxyd und goß es in die Wunde, bis der weiße Schaum auf den Tisch rann. Er spritzte rote Betadine auf einen sterilen Wattebausch und reinigte die Wunde. Seine Überempfindlichkeit machte die Prozedur fast unerträglich. Er versuchte die Schmerzen auszublenden, indem er sang.

Jordan spritzte noch mehr Betadine auf einen anderen Wattebausch, holte tief Luft und schrubbte das nackte Fleisch. Mit kühlem Eusol spülte er den brennenden Schaum aus der Wunde und sah noch mehr Schmutz. Noch einmal. Jordan dachte an die Massai-Krieger, die weder zucken noch schreien, wenn ihnen einer der Älteren mit einer groben Klinge die Vorhaut abtrennt. Ihre Mütter, die das Zeremoniell an der Peripherie verfolgen, jammern und winden sich für sie. Jordan dachte an seine Mutter auf der anderen Seite des Planeten. Beim Schrubben schloß er die Augen und sah, wie Mama Zanifa sterile Päckchen aufriß und Kaninchenfell in die tiefe Wunde schüttete. Er wischte sich mit der Hand über die Stirn. Sie war schweißbedeckt.

Jordan schwankte ins Schlafzimmer, kroch hastig unter das Moskitonetz und zog es straff, wobei er den unteren Teil des Netzes zwischen Bettgestell und Matratze stopfte. Hier fühlte er sich sicherer als irgendwo sonst in Afrika. Keine Ratten, Insekten oder Schlangen konnten an ihn heran. Rundum abgeschirmt, befand er sich in einer trostvollen Geborgenheit, wie auf einem verzauberten Plätzchen inmitten eines gefährlichen Gartens.

APRILI 3

Die Schreie des Eyas weckten Jordan auf. Fahlgraues Licht sammelte sich in der Ruhe des Raums, während der Planet die Berge der Sonne entgegendrehte. Jordan streckte seine Füße durch das Netz auf den kalten Boden. In der Küche hatten die Ratten den toten Hühnerkörper auf dem Holztisch angefressen. Jordan schnitt ein paar Stückchen Fleisch ab und fütterte damit das Eyas, grübelte über einen Namen nach. Er betrachtete den flaumigen Nestling, der hier so allein und fremd war. Pasipo. Dieser Name fiel Jordan ein. Wo da nichts ist.

»Pah-SIE-poh«, sagte er scharf. »Ungezogen, Pasipo.«

 

Das Fieber kehrte in einem plötzlichen Schweißausbruch zurück. Er lag unter dem Moskitonetz, zu schwach, um sich zu bewegen, und er wußte, daß die Malaria nicht auf das Chloroquin reagierte, daß diese Art der Malaria mit ziemlicher Sicherheit gegen das synthetische Chinin resistent war. Blieb noch Larium, eine neue Droge, von der man wußte, daß sie Halluzinationen bewirkte, die noch lange nach der Malaria auftauchten. Er erinnerte sich an das Mädchen, das gerade von einem Bibel-College im Mittelwest gekommen war, eine Mathematiklehrerin in einem Wüstendorf zweihundert Meilen weiter westlich, die ihren Schülern monatelang an jedem Schultag viele Stunden aus der Bibel vorlas, bevor das Hauptbüro in Daressalam sie als nervenkrank einstufte. Sie hatte einmal pro Woche Larium als Malaria-Prophylaxe genommen.

Der Regen hämmerte auf das Blechdach des Pfarrhauses. Unsicher bewegte sich Jordan über den rutschigen, gestrichenen Küchenfußboden. Der Medikamentenkasten lag geöffnet inmitten heruntergebrannter Kerzen sowie auch Knochen und Fleischstückchen und getrockneten Hühnersäften. Jordan fand das Larium, riß die Aluminiumhülle auf und schluckte eine Tablette, die er mit gefiltertem Wasser aus einem kleinen zylinderförmigen Behälter auf dem Tisch nachspülte. Nachdem er Pasipo gefüttert hatte, ließ er sich auf das Sofa fallen und legte einen Arm quer über die Augen als Schutz gegen das schmerzende Licht.

 

Hodi … Hodi … Hodi. Jemand rief, und Jordan erwachte aus Malaria-Träumen in einen Raum voller Schatten. Langsam raffte er sich vom Sofa hoch. Draußen vor der mit Maschendraht bespannten Tür auf der Veranda konnte er Gestalten sehen. Er schwankte auf sie zu, doch sie schienen zu vibrieren und miteinander zu verschmelzen. Wirbelnd begann sich alles um ihn zu drehen, und er fiel auf den Holzfußboden. Er schloß die Augen gegen das rotierende Zimmer, doch sein Kopf war erfüllt von taumelnden Bildern. »Mama«, murmelte er. Irgend jemand hob ihn auf das Sofa. Er öffnete die Augen. Das Zimmer rotierte horizontal und sauste wiederholt durch sein Gesichtsfeld.

Er schloß die Augen. Jemand legte ein kühles, feuchtes Tuch auf seine Stirn. Seidenweiche Fingerkuppen strichen über seinen Arm. Jemand knöpfte sein Hemd auf, trocknete mit einem Handtuch seine Brust, hob dann seinen kikoi-Schurz und wischte seine Beine und Füße. Er hörte Wörter ohne Sinn. Eine Ewigkeit verging. Er schrie.

Eine Hand packte seine Hand mit festem Griff. Eine verschwommene Gestalt umkreiste ihn. Vom Schweif eines Kometen sprühten elektrische Funken.

»Bitte aufhören«, flehte er. »Bitte aufhören. Bitte aufhören!«

»Poleh. Poleh«, sagte ein sanfte Stimme. Das Wort durchdrang den verrückten Wirbel der Bilder so besänftigend wie ein Mantra. Gerate nicht in Panik, sagte Jordan zu sich selbst. Kontrolliere deine Atmung. Atme langsamer, und dein Sehvermögen wird folgen. Er spürte, wie sich die Muskeln zwischen seinen Rippen dehnten, als sich seine Lunge mit Luft füllte, und hörte, wie seine Rippen beim Ausatmen knackten. »Poleh.« Die Stimme sprach so langsam, daß jedes Wort gefüllt schien mit dem Rhythmus seiner Worte. »Poleh.«