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Die Stadtgeschichte Wuppertals beginnt nicht erst mit dem 19. Jahrhundert. Das Wupperthal vor Wuppertal hat eine ganz eigene, spannende Geschichte, die es verdient, neu entdeckt und erlebt zu werden. Hier zeigen sich im Kleinen die großen politischen und sozialen Ereignisse europäischer Geschichte von den spätmittelalterlichen Verwaltungsreformen, über den 30jährigen Krieg bis zu den Ideen der Aufklärung und der frühen Industrialisierung. Schnickmanns Essays eröffnen einen Blick auf die häufig in Vergessenheit geratenen Geschichten des Wupperthals jenseits von rauchenden Schloten und dampfenden Stahlrössern auf Schienen. Das Buch bietet neue Perspektiven auf eine alte Geschichte, ohne die es die moderne nicht gäbe.
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Verlag Edition Köndgen
Im Verlag Edition Köndgen erscheinen Bücher und Geschenkartikel über Wuppertal, Schwelm und das Bergische Land. Die vielfältigen Facetten dieser Region werden darin lebendig präsentiert.
www.edition-koendgen.de
Vorwort
Die geteilte Stadt – Das Wupperthal im Spätmittelalter
Spätmittelalter und Verwaltungsreformen
Zeitlicher Rahmen
Territorialsicherung
Grenzziehung und Verwaltungsbezirke
Die fünf Ämter und Herrschaften des Wuppertals
Der Westen: Das Amt Solingen
Sonnborn und Vohwinkel
Schöller
Burg, Tafelgut und Kirche: Das Amt Elberfeld
Cronenberg
Elberfeld
Barmen, Ronsdorf und die Wupperschleife: Das Amt Beyenburg
Beyenburg
Ober- und Unterbarmen
Ronsdorf
Dönberg: die Unterherrschaft Hardenberg
Die Märkischen des Wuppertals: das Amt Wetter
Langerfeld
Nächstebreck
Fazit
Die Reformation im Barmer Nordosten
Reformation(en)
Kirchliches Leben um 1500 im Barmer Nordosten
Luthertum aus dem Osten
Reformierte aus dem Westen
Katholische Traditionalisten?
Fazit
Von Garnhändlern und Garnschmugglern – Oberbarmer Wirtschaftsgeschichte in der Frühen Neuzeit
Oberbarmen? Was ist das?
Die Bleicherei – Ursprünge in Oberbarmen
Äußere Umstände für den Erfolg des Bleichergewerbes
Das Garnnahrungsprivileg und seine Probleme
Klingelholl – Eine Dynastie von Garnhändlern
Händler, Meister Schmuggler – Konrad Klingholz aus Oberbarmen
Wirtschaftswachstum in Oberbarmen
Die Schweden kommen – Der 30jährige Krieg im Wupperthal
Einleitung
Der Erbfolgestreit um das Herzogtum Jülich-Kleve-Mark
Das Leben im Wupperthal des frühen 17. Jahrhunderts
Krieg, Krankheit und Katastrophen – Der Kriegsverlauf
Leben verändert sich – Der Krieg und seine Folgen für die Gesellschaft
Fazit
Glaube und Geld – Fromme Kaufleute im Wupperthal des 18. und frühen 19. Jahrhunderts
Der Blick von außen: Das Wupperthal als Teil des Bergischen Landes
Ein (neo-)liberales Paradies? Staatliche Einflussnahme im Bergischen Land
Im Amsterdamer Hinterland? Handel und Gewerbe im Bergischen
Fromme Kaufleute: Die Mentalität der Bergischen
Epilog:
Aus Städten, Dörfern und Stadteilen wird Wuppertal
Es gibt in Wuppertal Stadtführer, die ihre Touren durch die Quartiere und Stadtteile mit der Aussage beginnen, die Geschichte der Stadt beginne mit dem 19. Jahrhundert und der Industrialisierung. Diese Aussage mag durchaus ihre Berechtigung haben, denn tatsächlich geht mit der Industrialisierung ja auch eine Urbanisierung einher, bei der zahlreiche Menschen vom Land in die Stadt zogen und so nicht nur neue Arbeitskräfte, sondern auch soziale Probleme wie Armut, Hunger und Straftaten mit sich brachten. Insofern kann, wer mit offenen Augen durch Wuppertal geht und die mächtigen Fabrikanlagen aus Backstein, die verspielten Jugendstilmietshäuser, die prächtigen Gründerzeitvillen, die neugotischen Kirchen und nicht zuletzt die einzigartige Schwebebahn sieht, wirklich glauben, dass das Wupperthal eine Gründung des 19. Jahrhunderts sei.
Wer aber genau hinschaut und sich auch etwas außerhalb der durch die Wupper verbundenen großen Stadtteile aufhält, der entdeckt auch anderes. Kleine, verwinkelte Fachwerkbauten etwa oder eine mittelalterliche Dorfkirche neben frühneuzeitlichen Gemäuern, wie dies in Schöller der Fall ist.
Die alte Dorfkirche (12. Jh.) der Kirchengemeinde Gruiten-Schöller – der ältesten Gemeinde des Bergischen Landes (Sammlung Fabienne André)
Straßennamen und Bezeichnungen von Ortschaften lassen auf eine längst vergessene Vergangenheit jenseits von rauchenden Schloten und dampfenden Stahlrössern auf Schienen schließen.
Die aktuellste Stadtgeschichte der Stadt Wuppertal aus der Feder von Volker Wittmütz stammt aus dem Jahr 2013. Wittmütz, im Ruhestand befindlicher Professor für Regionalgeschichte an der Bergischen Universität und ehemaliger Vorsitzende der Abteilung Wuppertal des Bergischen Geschichtsvereins, fasst in der kleinen Geschichte der Stadt die ersten 1000 Jahre vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert auf 53 Seiten zusammen und bietet den folgenden 200 Jahre dafür Raum auf 92 Seiten (ohne Anhang). Das hat natürlich mit der Quellenlage zu tun, die für Mittelalter und Frühe Neuzeit ungleich schwieriger ist als für das 19. und 20. Jahrhundert, so dass man für diese beiden Jahrhunderte auch mehr findet.
Es hat aber auch damit zu tun, dass es Historiker gibt, die davon ausgehen, dass vor allem diese letzten 200 Jahre der Zeitraum ist, den die Menschen am interessantesten finden, wie mir ein weiterer emeritierter Professor einmal mitteilte.
Ich möchte in diesem Punkt widersprechen. Die Begeisterung für Mittelaltermärkte, die mittlerweile zu Massenevents werden, von denen Händler und spezialisierte Schausteller recht gut leben können, der Erfolg einer Filmreihe wie Herr der Ringe oder der Fernsehserie Game of Thrones zeigt doch durchaus, dass auch die Zeiträume, die vor dem Jahr 1800 liegen, interessant sind – auch wenn in den genannten Beispielen Fantasy-Elemente und gut geschriebene Drehbücher nicht außen vor gelassen werden dürfen.
Dennoch: Diese Begeisterung für die Zeit davor existiert, erst recht im Wupperthal. Während ich diese Zeilen schreibe, liegt neben mir ein Exemplar der Westdeutschen Zeitung. In ihr findet sich ein Nachbericht zu einer Veranstaltung der Bergischen Universität Wuppertal, die in der Elberfelder Citykirche stattgefunden hat. Es handelte sich um einen Vortrag des derzeitigen Professors für mittelalterliche Geschichte an der Bergischen Uni. Jochen Johrendt, der gleichzeitig auch Vorsitzender der Abteilung Wuppertal des Bergischen Geschichtsvereins (BGV) ist, sprach über die Grafen von Berg und ihre Ursprünge. Der Andrang zu dieser abendlichen Veranstaltung war so groß, dass Stühle herbeigeholt werden mussten.
Ich selber spreche zu Themen der Wuppertaler Geschichte vor dem Jahr 1800 vor nicht kleinem Publikum der Volkshochschule. Das Interesse an diesen Themen ist also da. Das mag auch daran liegen, dass der Begriff Heimat neuerdings wieder Konjunktur hat, dass die Region, in der man lebt, wieder mehr Interesse weckt als noch vor ein paar Jahren.
Pünktlich zum 90jährigen Stadtgeburtstag war es mir daher ein Anliegen, diese ältere Geschichte einmal in Buchform aufzuarbeiten. Dabei ist keine wissenschaftliche Abhandlung entstanden. Die folgenden Texte bieten kaum neue Erkenntnisse, auch wenn hier und da sicherlich ein neuer Gedanke erarbeitet wurde, über den der geneigte Leser überrascht sein oder sich auch abarbeiten kann.
Die Beiträge sind in erster Linie aus anderen Büchern und Artikeln kompiliert. Diese sind am Ende jeden Kapitels angegeben. In erster Linie handelt es sich dabei um Bücher, in denen die Geschichte der Stadtteile dargestellt wird. Als Autor eines Buches zur Geschichte Wichlinghausens fiel mir auf, wie viel mehr Informationen in den Geschichten der einzelnen Stadtteile steckt als in den Werken zur Stadtgeschichte Wuppertals.
Neben der zeitlichen Fokussierung auf das 19. und 20. Jahrhundert ist bei diesen Werken der Fokus oft auf Barmen und Elberfeld gelegt, während die übrigen Stadtteile gar nicht oder nur dann Erwähnung finden, wenn in ihnen etwas Besonders passiert ist. Daher habe ich im vorliegenden Buch vor allem Stadtteilgeschichten gelesen und den großen Bogen recht klein gehalten.
Natürlich ist auch dieses Buch von mir mit einem gewissen Fokus entstanden. Alle Beiträge dieses Bandes sind aus Vorträgen, die ich in den letzten Jahren gehalten habe, hervorgegangen. Da ich in Wichlinghausen lebe, liegt mein Interessenschwerpunkt vor allem auf der Geschichte des Barmer Nordostens, der in diesem Band überproportional vertreten ist. Ich denke aber, da Elberfeld und Mittelbarmen in anderen Bänden oftmals überwiegen, kann auch der Blick auf Oberbarmen, Wichlinghausen und Nächstebreck hilfreich sein, Stadtgeschichte zu verstehen, zumal diese Ortschaften niemals alleine stehen, sondern miteinander vernetzt sind. Wir haben es immer mit Menschen zu tun, die sich in Bewegung setzen, um ihr Leben zu bestreiten. So mag auch ein Oberbarmer Garnschmuggler mit einem Schwager in Elberfeld für einen Menschen aus Vohwinkel genauso interessant sein, wie ein verfallender Rittersitz Hammerstein einem Ronsdorfer klar macht, wie furchtbar die Zeiten des 30jährigen Krieges im Wupperthal waren. Ein katholischer Dönberger wird sich vielleicht auch über eine Geschichte freuen, in der von der Reformation in Langerfeld erzählt wird, und der Cronenberger nimmt aus dem Besuchs Goethes in Elberfeld einen Eindruck mit, wie sehr Glaube und Geld die Kultur im Wupperthal im 18. Jahrhundert prägten.
Ich habe die einzelnen Essays in chronologischer Reihenfolge gelistet, sie sind aber auch ohne Probleme verständlich, wenn man einzelne Essays überspringt oder in anderer Reihenfolge liest. Die Essays reichen dabei vom Zeitraum des Spätmittelalters, über die Reformationszeit und den 30jährigen Krieg bis in das frühe 19. Jahrhundert hinein. Ich höre also auf, bevor die Stadt nach den Worten des eingangs erwähnten Stadtführers gegründet wurde. Und doch, so hoffe ich, wird so ein Eindruck entstehen, wie die Menschen im Wupperthal tickten, wie sie lebten und was diese alten Geschichten bis heute mit den Menschen unserer Heimatstadt zu tun haben.
Der erste Essay zur geteilten Stadt Wuppertal im Spätmittelalter ist zugleich der neueste Vortrag. Er wurde von mir im Januar 2019 an der Volkshochschule gehalten. Ich habe ihn für das Essay erweitert und um einzelne Informationen ergänzt, die ich durch mangelnde Zeit in den Vortrag nicht einbeziehen konnte.
Der zweite Vortrag wurde von mir anlässlich des Reformationsjubiläums im Jahr 2017 gehalten. Ich sprach im Stadtteilzentrum Wiki, der Wichlinghauser Kirche an der Westkotter Straße in Wichlinghausen. Er beruht auf einem sehr kurzen Text, den ich anlässlich des Reformationsjubiläums im Gemeindegruß der Kirchengemeinde Wichlinghausen-Nächstebreck veröffentlicht habe. Nach der Veröffentlichung wurde ich von der Gemeinde Langerfeld angefragt, ob ich den Text auch dort noch einmal veröffentlichen wolle, was ich gerne tat und ihn um spezifische Langerfelder Aspekte erweiterte. Die Ergebnisse meiner Recherchen sind in den abgedruckten Text dieses Bandes eingeflossen.
Der dritte Text dieses Buches wurde 2018 in der Färberei in Oberbarmen gehalten. Dort erzählte ich bei Kaffee und Kuchen von der Wirtschaftsgeschichte Oberbarmens, die viel mit der Garnnahrung und dem Bleicherhandwerk zu tun hat. Im Nachhinein wurde mir gesagt, für einen Vortrag seien zu viele Zahlen darin gewesen. Ich hoffe, diese können durch den Abdruck hier besser verstanden werden.
Anlässlich des 400jährigen Erinnerns an den Beginn des 30jährigen Krieges im Jahr 2018 hielt ich einen Vortrag in der Bergischen Volkshochschule zu diesem Krieg und seinen Auswirkungen auf das Wupperthal. Als ich diesen Vortrag auf meinem Rechner suchte, fand ich einzig den aus ihm entstandenen Gastbeitrag in der Westdeutschen Zeitung, für den ich in einem Leserbrief überschwänglich gelobt wurde. Für einen Essay selber reichte der Artikel nicht aus, aber ich erinnerte mich den Vortrag ausschließlich mit Hilfe von Notizen gehalten zu haben. So musste ich das abgedruckte Essay aus diesen rekonstruieren und erweiterte ihn dabei gleich um weitere Ereignisse aus bis dahin von mir vernachlässigten Stadtteilen.
Der letzte Essay dieses Bandes ist zugleich der älteste. Die Vorüberlegungen dazu gehen auf das Jahr 2015 zurück. Ich durfte ein Buch über die Geschichte Wichlinghausens mit Mitteln der Sozialen Stadt Oberbarmen/Wichlinghausen schreiben. Die damit einhergehende Abwicklung wurde vom Bergischen Geschichtsverein übernommen. Beim Schreiben viel mir auf, wie sehr das wohlhabende Bürgertum des 18. Jahrhunderts mit der Gründung der Kirchengemeinde Wichlinghausen verbunden war. Ich verfolgte diese Spur auch für andere Gegenden Wupperthals und konnte so recht fix die Verbindung zwischen Glauben und Geld, bedingt weniger durch den Calvinismus, als durch den Pietismus, ausmachen.
Es folgten mehrere Vorträge zum Thema, einer für die Kirchengemeinde Wichlinghausen-Nächstebreck, einer bei Verein(t) in Wuppertal im Büngerhaus an der Wichlinghauser Straße, einer Zweigstelle der Färberei, in der der BGV Wuppertal für kurze Zeit sein Büro hatte, bevor er zusammen mit dem Gesamtverein in das Elberfelder Kolkmannhaus umzog, aber auch für die Volkshochschule. Im Jahr 2017 konnte ich im Rahmen des Georg-Forster-Kolloquiums an der Uni Kassel den Vortrag zudem vor einem Nicht-Wuppertaler Publikum halten. Ausgangspunkt war hier, ein Satz Forsters in seinen Ansichten vom Niederrhein, in dem er das Bergische Land zu einem Hort des Neoliberalismus erklärte. Dieser Vortrag ist 2018 in den Georg-Forster-Studien erschienen. Er bildet die Grundlage für das hier abgedruckte Essay.
Der vorliegende Band wäre nicht erschienen, wenn nicht zahlreiche Menschen mir wohlwollend gegenübergestanden hätten. Zu diesen Menschen zählt Thomas Helbig von der Edition Köndgen, der diesem Buch zutraut, dass es sich verkauft, dazu zählen aber auch all diejenigen, die mir die Möglichkeit geboten haben, die Vorträge zu halten, auf denen das Buch basiert. Zu nennen sind hier Dr. Detlef Vonde von der Bergischen Volkshochschule, der meine Vorträge regelmäßig in das Programm der VHS aufnimmt, die Kirchengemeinde Wichlinghausen-Nächstebreck, in der ich seit nunmehr über 10 Jahren im Bereich der Erwachsenenbildung Vorträge halten darf, Iris Colsman, die Geschäftsführerin der Färberei, Eric Stöcker, der Leiter des Stadtteilzentrums Wiki, Prof. Dr. Stefan Greif von der Universität Kassel, Dr. Sigrid Lekebusch, die mich als Vorsitzende des BGV Wuppertal in dessen Beirat holte, der leider viel zu früh verstorbene Hans-Joachim de Bruyn-Ouboter, meine Mutter Dorothee Schnickmann, die all zu oft unfreiwilliges erstes Publikum wurde und nicht zuletzt dem mir folgenden Publikum, das mich mit seinem Interesse darin bestärkt hat, hier ein Thema zu bearbeiten, bei dem es sich lohnt weiter zu machen.
Gewidmet ist dieses Buch meiner wunderbaren Frau Doucia Schnickmann-Puabo, die dieses Buch wohl nie lesen wird und es trotzdem durch ihre Liebe unterstützt hat. Nalingi yo, mon cœur.
Die 1000 Jahre, die das Mittelalter dauerte, werden gerne als eine finstere Zeit beschrieben, in der ein gesellschaftlicher Fortschritt nicht stattgefunden habe. Diese Behauptung ist schlichter Unsinn, hält sich aber hartnäckig in vielen Köpfen. Eine dieser gesellschaftlichen Entwicklung, die sich im Mittelalter vollzogen, befasst sich mit dem Werden von Staaten und der Sicherung von Einflusszonen sowie politischer Macht. Gerade auch im Bergischen Land und besonders an der Entwicklung des Gebietes der heutigen Stadt Wuppertal zeigt sich dies ganz besonders.
Die Geschichtsschreibung teilt die Geschichte in Epochen ein. Diese Epochengrenzen sind immer wieder abhängig von der aktuellen Fachdiskussion und auch von der Region, über die man forscht. Besonders deutlich wird das etwa dann, wenn man den europäischen Kontinent verlässt. Die klassische Einteilung der Geschichtsschreibung in Epochen, also in Antike, Mittelalter und Neuzeit, ist auf anderen Kontinenten nicht möglich. Aber auch innerhalb Europas sind diese Epochengrenzen äußerst flexibel. Während man etwa die Antike in die Mittelmeerregion verlegt, ist derselbe Zeitraum im Bereich Mittel-, Ost- oder Nordeuropas eher der Ur- und Frühgeschichte zuzuschreiben.
Ähnliches gilt auch für das Spätmittelalter, das an der Schwelle steht, zwischen dem, was wir gemeinhin als Mittelalter und dem was man als Renaissance bezeichnen kann. Während in Italien und auch Spanien die Kunst durch die humanistische Bewegung zu neuer Hochform kommt, und man das mittelalterliche Kunstverständnis hinter sich lässt, ist das in Mitteleuropa noch lange nicht der Fall. Dennoch wird das Mittelalter in Europa als ein Zeitraum dargestellt, der zwischen 500 und 1500 liegt, denn das sind im Normalfall die Grenzen, die Historiker für die Epoche des Mittelalters annehmen, wissend, dass gerade die Daten am Anfang und am Ende fließend sein können.
Innerhalb der Mittelalterforschung wird die behandelte Epoche noch einmal in drei kleinere Abschnitte eingeteilt. Es beginnt mit dem Frühmittelalter, mit dem man im Normalfall solche Figuren wie Karl den Großen oder die Ottonen in Verbindung bringt, geht weiter über das Hochmittelalter, mit dem sich solche Namen wie Friedrich Barbarossa oder auch Friedrich II. verbinden und schließt mit dem Spätmittelalter, indem man gemeinhin einen Niedergang der mittelalterlichen Ordnung erkennt, weil die eindeutigen Zuordnungen von Dynastien und Zeiten nicht mehr so gegeben sind wie im Früh- oder Hochmittelalter. Dieser Zerfall der ständischen, politischen und wirtschaftlichen Ordnung geht einher mit Veränderungen, die Auswirkungen auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens haben. Unter anderem ist dieser Verfall, der hier zu fassen ist, auch der Tatsache geschuldet, dass die Mittelalterhistoriker nun ganz andere und vor allen Dingen mehr Quellen zur Verfügung haben, als Sie dies im Früh- und Hochmittelalter hatten. Aber mehr Quellen zu haben, macht Sachen immer komplex.
Das Spätmittelalter ist normalerweise der Zeitraum der letzten 250 Jahre, bevor das Mittelalter endet. Das bedeutet, die Rede ist von der Epoche des späten 13. Jahrhundert bis hinein in das 15., vielleicht frühe 16. Jahrhundert. Das ist auch der Zeitraum, in dem Historiker tatsächlich die ersten schriftlichen Nachweise der meisten Wuppertaler Hofschaften und Orte in den Quellen finden können, sodass es sich anbietet, die Geschichte des Wupperthals im Spätmittelalter anschauen zu wollen.
Mit dem Jahr 1225 war der letzte wirkliche Graf von Berg verstorben. Somit fängt auch im Bergischen Land eine Zeit an, in der Dynastie und Herrschaft nicht mehr zusammen gehören. Durch eine Erbverbindung wurde der Herzog von Limburg gleichzeitig auch Graf von Berg. Die Forschung zum Mittelalter im Bergischen Land geht davon aus, dass das Spätmittelalter auch für unsere Region vor allem mit der Tatsache des Territorialerwerbs und der territorialen Sicherung verbunden ist. Darunter versteht man einmal die militärische Expansion um sein Territorium zu vergrößern, es bedeutet aber auch, dass man Fremdherrschaft, die sich innerhalb des eigenen Territoriums abzeichnet, abzuschaffen oder in die eigene Herrschaft miteinzubeziehen versucht.
Wenn man auf die Region der Grafschaft Berg schaut, stellt man sehr schnell fest, dass das Territorium im 13. Jahrhundert zwar als solches recht groß war, denn es reichte von Beyenburg bis zum heutigen Köln-Mülheim, aber gleichzeitig zahlreiche Höfe und Ortschaften anderen Herrschern gehörten. Gleichzeitig gibt es eine ständige Rivalität mit den Grafen von Mark, die ähnlich wie die Bergischen Herrscher über ein großes Territorium verfügen, das aber mit vielen kleinen fremden Herrschaften durchsetzt ist. Zum Teil sind diese Herrschaften märkischer Natur, wenn sie im Bergischen liegen, oder sie sind bergischer Natur, wenn sie im Märkischen liegen. Für das Bergische Land kommt zudem eine wachsende Rivalität mit dem Erzbistum Köln hinzu, das seit den Zeiten Karls des Großen der eigentliche Territorialherr der rheinischen und auch zum Teil westfälischen Länder war.
Zur Durchsetzung dieser territorialen Interessen gab es vor allem zwei Möglichkeiten. Zum einen war die militärische Expansion immer eine Option, die aber mit erheblichen, nicht absehbaren Kosten verbunden war. Die zweite Möglichkeit war zwar auch mit hohen Kosten verbunden, hatte allerdings bei klugen Verhandlungen durchaus die Möglichkeit, es mit einer übersichtlicheren Kostenentwicklung zu tun zu haben. Hier ging es darum, dass man anderen Herrschern Gebiete abkaufte, die diese als schlecht regierbar empfanden, weil sie z.B. weit weg von ihrem eigentlichen Regierungsbezirk lagen, sodass sie diese gerne loswerden oder veräußern wollten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass einer der ersten Wuppertaler Orte, die im Spätmittelalter in den Besitz der Grafen von Berg übergehen, die Ortschaft Barmen ist, die 1247 den Grafen von Ravensberg bei Bielefeld von den Grafen von Berg abgekauft wurde.
Im Bereich der militärischen Expansion ist vor allem die Schlacht von Worringen von 1288 zu nennen, bei der die bergischen Grafen zusammen mit dem Herzog von Brabant und den Grafen von der Mark gegen den Erzbischof von Köln in den Krieg zogen und die Schlacht glorreich gewannen. So waren sie in der Lage, sich den Ambitionen des Kölner Erzbischofs, der sich selbst wieder zum Oberhaupt der Region machen wollte und dabei die bereits erstrittenen Rechte der weltlichen Herrscher missachtete, entgegenzustellen und sich selbst von dieser Herrschaft zu befreien.
Nachdem dieser äußere Feind mit vereinten Kräften besiegt worden war, stellte sich die Frage, wie die Territorien als solche bestimmt werden konnten. Die Grafen von Berg machten mit ihren beiden Nachbarn, im Nordosten den Grafen von Mark, im Süden den Grafen von Sayn, Verträge, in denen über die Grenzziehungen der Regionen verhandelt wurde. Dazu gehörte unter anderem auch die Verteidigung der Länder gegen weitere Invasoren. Allerdings wurde dabei nicht ins Detail gegangen, denn obwohl die Territorien recht groß waren, waren sie eher dünn besiedelt, so dass es ganze Regionen gab, die als gemeinsames Grenzland galten. Erst in den Jahrhunderten danach wurde diese grobe Grenzziehung zu einem Problem.
Neben diesen nicht wirklich definierten Außengrenzen, wurden auch innerhalb der Herrschaften neue Grenzen gezogen. Die Einteilung in unterschiedliche Verwaltungsbezirke sorgte dafür, dass die Regierung wesentlich vereinfacht wurde. Den einzelnen Herrschern war es aufgrund der Fülle an Ortschaften und Rechten, die mit diesen Ortschaften einhergingen, schier unmöglich, zentral einen Überblick über all ihre Besitzungen zu behalten, so dass eine Dezentralisierung innerhalb der Grafschaft Berg zutage trat, die als Ämterverfassung bezeichnet wird. Es handelt sich dabei um ein Erfolgsmodell, das sich in zahlreichen Territorien Europas im Spätmittelalter zeigte. So hat auch die Grafschaft Mark eine solche Ämterverfassung etabliert.
Auch dieser Aspekt ist für die geteilte Stadt des Wupperthals im Spätmittelalter entscheidend. Während bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Ämter in der Grafschaft Mark zu fassen sind, finden sich erst in der Mitte des 14. Jahrhunderts die Erwähnungen der acht bergischen Stammämter, die 1363 das erste Mal in den Quellen auftauchen. Diese acht Ämter sind Angermund, Monheim, Mettmann, Solingen, Miselohe, Bornefeld, Bensberg und Steinbach. Für die Geschichte der Stadt Wuppertal ist dabei von diesen acht Ämtern einzig das Amt Solingen von entscheidender Bedeutung.
Im Lauf des Spätmittelalters kommen zu diesen acht Urämtern weitere Ämter hinzu. Unter anderem folgt bereits 1390 das Amt Beyenburg. Das spätere Amt Elberfeld, kann erst um das Jahr 1430 als bergisches Amt betrachtet werden, da es bis zu diesem Zeitpunkt nicht unter bergischer Herrschaft stand, sondern ein Außenposten des Erzbistums Köln war. Nicht zu vergessen ist außerdem die sogenannte Unterherrschaft Hardenberg, die begrifflich immer zwischen Unterherrschaft und Amt divergiert, bis sie schließlich tatsächlich als Unterherrschaft erkennbar bleibt. Dieses Territorium, war bereits 1354 in die Hoheit der Grafen von Berg übergegangen.
