Immer nur virtuell - Andreas Degkwitz - E-Book

Immer nur virtuell E-Book

Andreas Degkwitz

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Beschreibung

Während Jochen Wirtschaftsinformatik studiert, entdeckt er die Traditionen des Lesens und Schreibens; dabei hat er Erlebnisse, die ihn begeistern. Seine Schwester Silke studiert Medienwissenschaft; ihr geht es auch so. Der digitale Wandel entmaterialisiert die real erfahrbare Welt und schränkt die Möglichkeit zu erleben ein. Denn tatsächliche Erlebnisse gibt es im Internet nicht. Dass Lesen und Schreiben zunehmend digital erfolgen und im traditionellen Modus mehr und mehr schwinden, beruht aber eher darauf, dass wir die Wertschätzung dieser Basiskompetenzen verloren haben oder dabei sind, sie zu verlieren.

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Seitenzahl: 62

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Epilog

Meine Eltern

Digital Natives?

Teenager

Digitalität

Erlebnisse

Protest

Kosmos

Gesicht zeigen

Ein Interview

Susi

Showtime

Alt & Jung

Epilog

Epilog

Dicke Bücher zu lesen, passt nicht mehr in unsere Zeit. Überhaupt Bücher zu lesen, gilt als Old School und als sicher nicht relevant. Wer profitiert vom Lesen? Wer kann sich Lesen leisten? Der Bildschirm eines Laptops oder Smartphones bietet mit Suchmaschinen und Postings sozialer Netzwerke sekundenschnell alles an Daten, Infos und Wissen, die für jede Herausforderung von Relevanz sein können und zu ihrer Bewältigung beitragen. Was sind da schon Bücher? Lohnt es sich, Bücher zu lesen? Wahrscheinlich nicht. Denn sie zwingen uns wahrgenommen zu werden, was uns weder hilft noch weiterbringt. Einfach nur Zeitverschwendung! Kann Bildung uns helfen, Probleme lösen? Tragen Bücher tatsächlich dazu bei? Das Internet und digitale Medien machen unser Leben leichter. Dann agieren wir effizient, kommen rasch zu Lösungen und sind hochgradig kommunikativ, ohne im bisherigen Modus lesen, schreiben oder rechnen zu müssen. Denn Informationstechnik nimmt uns das alles ab und leistet diese Basiskompetenzen anstelle unserer selbst. Was kann besser funktionieren und alle Schwierigkeiten ausräumen als alles das, was Künstliche Intelligenz uns ermöglicht? Wie helfen uns Bücher? Was haben wir von Kultur? Die Freiheit, die uns digital verfügbare Informations- und Wissensgüter bieten, löst Probleme und führt uns in eine neue Welt, an der wir alle teilhaben können, ohne auf traditionelle Basiskompetenzen, wie auch auf Bildungs- oder Kulturgüter angewiesen zu sein. Vielmehr sind wir weltweit vernetzt und stets auf aktuellem Stand ... aber alles ist stets virtuell.

Meine Eltern

Ich heiße Jochen und bin Anfang der neunziger Jahre in Böblingen im Großraum Stuttgart geboren. Dort hat die deutsche Autoindustrie mit ihren Zulieferern seit langem einen beachtlichen Schwerpunkt. Fünf Jahre später – nach zwei Fehlgeburten – brachte meine Mutter, Christel, meine Schwester, Silke, zur Welt. Weitere Geschwister habe ich nicht. Mein Vater, Kurt, war zunächst in einer Personalagentur angestellt, die ihren Sitz in Stuttgart City hatte. Mitte der 2000er Jahre machte er sich mit zwei Kollegen selbstständig. Eine Büroetage in der Stuttgarter Innenstadt war Kurt zu teuer. In Böblingen kaufte er ein zweistöckiges Einfamilienhaus; in dessen Erdgeschoß befanden sich die Büroräume der neu von ihm gegründeten Personalagentur. Er bezahlte das Haus mit einer kleinen Erbschaft, die ihm seine Eltern noch zu Lebzeiten vermachten, mit eigenen Ersparnissen und einem Kredit, dessen Rückzahlung einigen Erfolg der von ihm gegründeten Agentur erforderte. Im ersten Stock und im Dachgeschoß dieses Hauses wohnten wir als Familie – das war eine schöne Zeit.

Schließlich wurde Christel die Sekretärin von Kurt und seinen beiden Kollegen und trug damit zur Wirtschaftlichkeit des Betriebs der Agentur bei. Christel hatte eine Ausbildung für Bürokommunikation gemacht und war als erstes bei dem Unternehmen tätig gewesen, bei dem Kurt seine Karriere begonnen hatte; sie hatten sich dort kennengelernt. Als Kurt und Christel geheiratet hatten und mit Jochen und Christel eine Familie geworden waren, bewarb sie sich erfolgreich auf Halbtagsjobs als Büroassistenz in einer Rechtsanwaltskanzlei, in einer Gemeinschaftspraxis von Hausärzten und bei der Sparkasse, bevor sie bei Kurt eintrat.

Christel war außerordentlich tüchtig und Arbeit gewöhnt. Sie stammte aus einem Dorf auf der Schwäbischen Alb; dort hatten ihre Eltern ein kleines Lebensmittelgeschäft und einige Hektar Ackerland, um Obst und Gemüse anzubauen sowie Gänse und Hühner zu halten. Ihre Eltern waren nicht glücklich, dass sie für ihre Ausbildung nach Stuttgart zog. Lieber hätten sie Christel in ihrem Geschäft und in der Ortschaft, in der sie lebten, behalten. Doch Christel wollte mehr von der Welt erfahren als nur die Schwäbische Alb und brach auf in die große Stadt. Da war sie sechzehn Jahre alt und hatte die Mittlere Reife.

Kurts Vater betrieb ein Autohaus in einer oberschwäbischen Kleinstadt; dort waren Kurt und sein älterer Bruder auch geboren. Ihre Mutter leitete die Marketingkampagnen für den Verkauf der Fahrzeuge, die sich im Angebot des Autohauses befanden. Die beiden Brüder hatten das Gymnasium in der Stadt besucht. Kurt war dann auf eine Fachhochschule gegangen und hatte ein Studium der Betriebswirtschaft absolviert. Sein Bruder machte eine Lehre und anschließend den Meister als Automechaniker; denn er wollte das Autohaus übernehmen. Daran hatte Kurt kein Interesse; er konnte mit Autos nichts anfangen und hatte für Handwerk das Händchen nicht. Allerdings machte er mit Zustimmung seiner Eltern ein freiwilliges Praktikum in ihrem Autohaus und lernte auf diese Weise die Abläufe für den An- und Verkauf von Autos bis ins Detail kennen. Sein besonderes Interesse für die Personalentwicklung in unterschiedlich großen Betrieben brachte ihn zu der Agentur in Stuttgart und anschließend zu seinem Schritt in die Selbstständigkeit, die er erfolgreich realisierte.

Als meine Eltern im ersten Jahr ihrer Neugründung an einem warmen, sonnigen Spätsommerwochenende auf ihrer Terrasse bei einem Glas Wein zusammensaßen, zogen sie eine erste Bilanz.

„Eine solche Gelegenheit wie heute, ein solches Aufatmen wie jetzt haben schon lange nicht mehr gehabt“, äußerste Kurt, „wann haben wir uns das letzte Mal in aller Ruhe unterhalten?“

„Es ist viel zu tun“, erwiderte Christel, „und es wird nicht weniger werden, obwohl wir außerordentlich fleißig sind. Wir haben auf jeden Fall einen super Start hingelegt.“

„Uns fehlt die Zeit, um zu verschnaufen und uns auszutauschen“, bemerkte Kurt, „oft habe ich den Eindruck, dass wir im Papier ersticken und zu viel Zeit für unsere Aktenführung, aber auch für Kommunikation mit Kunden und Terminabstimmung verbrauchen.“

„Das sehe ich auch so“, bestätigte Christel, „ist aber nicht überraschend. Wir haben keine WEB-Seite, uns fehlen Mailadressen und eine digitale Registratur. Wir arbeiten so, als gäbe es das Internet nicht und den Computer nur für die Sekretärin. Meine Beschäftigung mit Schreib- und Kalkulationsprogrammen zeigt, dass es für Schriftsätze, Abrechnungen und Terminfindung mit dem Computer deutlich schneller geht. Da gibt es noch Luft nach oben.“

„Du hast recht“, stimmte Kurt ihr zu, „wir sollten die Abläufe unserer Agentur möglichst umfassend automatisieren. Dann sind wir wesentlich effizienter und leisten mehr mit weniger Zeit. Für die nächste Teamsitzung werde ich das Thema auf die Tagesordnung setzen und auf jeden Fall ansprechen.“

„Das ist eine gute Idee“, bemerkte Christel, „dagegen wird niemand Einwände haben, dass wir Wege gehen, die uns effektiv weiterbringen.“

„Kümmern wir uns genügend um Jochen und Silke?“, fragte Kurt offenbar etwas besorgt, „nehmen wir uns für die beiden auseichend Zeit?“

„Mit ihren Laptops sind die beiden gut beschäftigt. Auch mit dem Smartphone kennen sie sich schon aus. Da mache ich mir keine Sorgen“, beruhigte Christel.

„Das höre ich gern“, äußerste Kurt, „so werden sie rasch mit IT vertraut. Das macht mich fast stolz.“

Digital Natives?