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Der Aufbau der europäischen Einheit scheitert nicht zuletzt an tief verwurzelten Vorurteilen unter den Europäern, vor allem unter den Nordeuropäern gegenüber denen des Südens. Maria Elvira Roca Barea geht der Frage nach, woher diese Vorurteile kommen, die auf Spaniens imperialer Geschichte und auf dem schlechten Bild des Katholizismus gründen. Roca Barea legt mit diesem Buch den Grundstein, um das Verständnis unter den Europäern zu verbessern. Denn das ist eine notwendige Voraussetzung für ein freies, demokratisches und geeintes Europa, um inmitten der kommenden Turbulenzen zu überleben.
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Seitenzahl: 1031
Veröffentlichungsjahr: 2022
Ebook Edition
Titel
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Teil I Imperien und schwarze Legenden: Ein untrennbares Paar
1 Schwarze Legende: Ursprung und Bedeutung des Ausdrucks
Definition und Leugnung der Schwarzen Legende
2 Imperien: vom Imperium zum Imperialismus
3 Das Römische Reich und seine Schwarze Legende
Rom als ahnungsloses Imperium
Die Zerstörung Korinths (147 v. Chr.)
Die Orakel
4 Antiamerikanismus: die Schwarze Legende gegen die Vereinigten Staaten
Antisemitismus
Antiamerikanismus in Spanien
Das Alexandrinische Europa und die Vereinigten Staaten
Die Kollision mit dem Islam
5 Die Angst vor den Russen – damals und jetzt
Spanien und Russland
Die Wiege der Russenfeindlichkeit: das aufgeklärte Frankreich
Die Erfindung der Zivilisation
Angst und Prophezeiungen
Russland als ahnungsloses Imperium
Von Napoleon über Großbritannien zum Krimkrieg
Marx und Bakunin: Slawenfeindlichkeit und Rassismus
Russland heute
6 Die Angst vor dem Imperium: ein universelles Modell
TEIL II Hispanophobie zur Zeit des Imperiums: Ursprünge und Erscheinungsbilder
1 Italien
Von Marranen und Goten, schlechter und niedriger Herkunft
Rom und das spanische Imperium
Die Verwaltung des Imperiums
Die Verteidigung Italiens
Il Capitano Spavento und Lope de Vega
Hassliebe
2 Das Heilige Römische Reich, die Niederlande und England: Religionskriege oder Kriege gegen das Imperium?
Der Aufstieg nationalistischer Strömungen gegen die Universitas Christiana
3 Deutschland: Protestantismus und Rückfall in den Feudalismus
Martin Luther und sein Umfeld
Die Erfindung der Propaganda
Bürgerkrieg im Heiligen Römischen Reich
Verfolgung von Katholiken und anderen
4 England: von den Unschlagbaren bis Tony Blair
Die anglikanische Propagandafront
Religiöse Verfolgungen in England
Unschlagbare Armadas – spanische und englische Kriegsflotten
Das Gesetz des Schweigens
5 Die Niederlande: der ultimative Triumph der Propaganda
Tatsachen und Mythen
Bürgerkrieg in den Niederlanden
Der »Papierkrieg«: die Erschaffung des Mittagsdämons
Religiöse Verfolgungen in den Niederlanden
6 Die Inquisition und die Inquisition
Der Mythos der Inquisition
Das Heilige Offizium: einige Fakten
Die Hexen
Die Augen des Herrn Inquisitors
7 Amerika
Der spanische Stil des Imperiums: Städte, Straßen, Hospitäler
Städte und Straßen
Öffentliche Wohlfahrt: Hospitäler
Ausgaben medizinischer Texte
Bildung
Disziplinarverfahren mit Ausgangssperre
Propaganda: von Bartolomé de las Casas zur indigenistischen Linken
Von den Gesetzen der Indias zum Völkerrecht
»Wann genau setzte sich Peru in die Scheiße?«
Indigene Völker
Das ahnungslose Imperium
Religiöse Toleranz
TEIL III Die Schwarze Legende von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Übernahme und Leugnung
1 Hispanophobie im Zeitalter der Aufklärung
Die Perücken kommen1: Hispanophobie in der Aufklärung
Ein Blick über die Grenzen
Imperiophobie während der Aufklärung: Antiamerikanismus, Schwarze Legende, Russophobie und das Scheitern der imperialen Ambitionen Frankreichs
Russophobie
Antiamerikanismus und Degenerationstheorie
Wissenschaftlicher Rassismus: die Anfänge
Ein Kampf auf Leben und Tod um die Verwaltung der Moral: die Zerstörung der Gesellschaft Jesu
Universelle Zensur und das Verzeichnis verbotener Bücher der römischen Inquisition
Verfolgte und exilierte Aufklärer
Der endgültige Sieg des Gesetzes des Schweigens
2 Das 19. Jahrhundert: Nationalismus, Liberalismus und wissenschaftlicher Rassismus
Geschichte und Propaganda: der Triumph der nationalistischen Geschichtsschreibung
Von Luther zu Bismarck
England
Frankreich
Verwechslung von Literatur und Geschichte
Hintergrund
Die Renegaten
Die Schwarze Legende als Argument des wissenschaftlichen Rassismus und des Kolonialismus. Die Spanier als entartete, semitisch-antisemitische Rasse
Kolonialismus
Rassismus
Die Vertreibung der Juden im Jahr 1492
Die Übernahme der Schwarzen Legende: die Gespenster des spanischen Liberalismus
3 20. und 21. Jahrhundert. Schlussfolgerung
Eine Niederlage zu akzeptieren heißt, sie zu verdienen
Das Alte und das Neue Reich: vom Spanisch-Amerikanischen Krieg zur historischen Aufarbeitung
Film und Fernsehen
Die Krise des Jahres 2007: Spanien und die Risikoprämie (PIGS und GIPSY)
Jene Spanier und diese Spanier
Bibliografie
Dank
Anmerkungen
Cover
Inhaltsverzeichnis
Maria Elvira Roca Barea
IMPERIOPHOBIE
Rom, Russland, die Vereinigten Staaten und das Spanische Imperium
Aus dem Spanischen von Christine Merz
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Imperiofobia y leyenda negra. Roma, Rusia, Estado Unidos y el Imperio español«, © M.a Elvira Roca Barea, 2016.
Dieses Buch wurde durch einen Zuschuss der Acción Cultural Española (AC/E) unterstützt.
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN: 978-3-86489-838-9
© Westend Verlag GmbH, Frankfurt / Main 2022
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Redaktion: Maximilian David, Westend Verlag GmbH
Satz: Publikations Atelier, Dreieich
Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
Dass Ortega y Gasset sowohl innerhalb als auch außerhalb Spaniens einer der bekanntesten und einflussreichsten iberischen Intellektuellen war, ist nichts Neues. Er wurde in Deutschland ausgebildet und war diesem Land stets eng verbunden. Seine Werke wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Um sie der Leserschaft, die der spanischen Sprache nicht mächtig waren, vorzustellen, verfasste der Philosoph gewöhnlich »Nachworte für Engländer« oder »Vorworte für Franzosen«. Diese originelle Gewohnheit ist zwar nicht zur Tradition geworden, aber beim Schreiben dieses Vorworts für die deutschsprachige Leserschaft lasse ich mich, in aller Bescheidenheit, von seinem Vorbild leiten.
Die politische Situation in Spanien ist heute weitgehend vom Einfluss separatistisch-nationalistischer Bewegungen gekennzeichnet. Das ist aber auch in anderen europäischen Ländern der Fall. 2014 fand in Schottland ein Volksentscheid statt, bei dem mit knapper Mehrheit für den Fortbestand des Vereinigten Königreichs als Staat entschieden wurde. Der Nationalstaat als Modell der territorialen Organisation steckt offenbar in allen westlichen Gesellschaften in der Krise. Es muss jedoch eingeräumt werden, dass diese territorialen Spannungen in Spanien besonders ausgeprägt sind und die politische Agenda nicht erst in den letzten Jahren, sondern schon seit langem bestimmen. Diese Probleme gibt es bereits seit dem 19. Jahrhundert und sie treten in Krisensituationen zyklisch zutage, etwa während der beginnenden Finanzkrisen im Jahr 2007, die Spanien neben anderen Ländern besonders hart traf.
Imperiophobie hat eigentlich nichts mit dieser territorialen Krise zu tun, abgesehen von der Tatsache, dass das Buch zufällig im Herbst 2016 herauskam – genau auf dem Höhepunkt der territorialen Krise Kataloniens. Die Narrative, die infolge der Schwarzen Legende Spaniens seit Jahrhunderten in den westlichen Gesellschaften geglaubt werden, fanden Eingang in die politische Argumentation, mit der die Sezessionisten ihr Streben nach Unabhängigkeit rechtfertigen und im Ausland um Unterstützung und Verständnis werben. Die Gleichung ist einfach: Spanien ist immer das gleiche Spanien, das Spanien der Inquisition und der schrecklichen Eroberung Amerikas, das Spanien der Franco-Diktatur. Es ist eine Ausnahme unter den zivilisierten und demokratischen Nationen und hat es verdient, wegen seiner Verderbtheit und Barbarei vernichtet zu werden. Daher die heftigen Angriffe, die dieses Werk und seine Autorin erdulden mussten, und bei denen an Beleidigungen und Verleumdungen nicht gespart wurde.
In diesem Buch werden die großen westlichen Imperien und ihr schlechtes Ansehen unter die Lupe genommen. Dabei richten wir das Augenmerk insbesondere auf den schlechten Ruf des spanischen Imperiums später als Schwarze Legende bezeichnet.. Entgegen allen Erwartungen an einen Text diesen Inhalts wurde er zum Bestseller und erhielt hervorragende Kritiken. Der ehemalige Vizepräsident der sozialistischen Regierung, Alfonso Guerra, bezeichnete es als »außergewöhnliches« Buch (Zeitschrift Tiempo, 6. September 2017). Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa widmete dem Buch in der Tageszeitung El País einen ausführlichen Artikel (15. September 2018), und Luis Alberto de Cuenca, Schriftsteller, Dichter und ehemaliger Leiter der spanischen Nationalbibliothek, bezeichnete es in der Zeitschrift Mercurio (25. März 2017) als eine »tiefgründige, sachliche und erschöpfende Studie«. Die zornigen und maßlosen Angriffe begannen erst, als Imperiophobie nach mehreren Jahren, während der es in der Kategorie Sachbuch auf der Bestsellerliste stand, mehr als 100 000 Mal verkauft wurde. Das war für einige (ausschließlich männliche) Universitätsprofessoren schwer zu ertragen, für die der Erfolg einer Gymnasiallehrerin aus einer Kleinstadt offenbar eine persönliche Beleidigung war.
So brachte ein der politischen Gruppierung Podemos nahestehendes Verlagshaus das Buch Imperiofilia heraus. Auf dessen Einband wurde in einem Werbetext behauptet meine Arbeit sei ein Produkt aus der Manufaktur Steve Bannons, eine Verleumdung, die vermutlich dazu beitrug, dass immerhin ein paar tausend Exemplare dieses Buchs beziehungsweise Pamphlets verkauft wurden. Das war diesem Verlag noch nie passiert. Danach wurde Pedro Sánchez mit der Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegungen und der Chávez-Befürworter von Podemos Regierungschef. Zur gleichen Zeit, als der Herausgeber der Tageszeitung El País Antonio Caño seines Amtes enthoben wurde und mehrere angesehene Journalisten, von denen einige seit Jahrzehnten für die Zeitung tätig waren, entlassen wurden, fand auch meine Zusammenarbeit mit der Tageszeitung ein abruptes Ende. Das war eine Folge des Abdriftens einer gemäßigten, sozialdemokratischen Partei wie der PSOE in die ideologische Ecke. In diesem Zusammenhang behauptete El País, dass mein Buch falsch wiedergegebene Zitate enthalte, wobei man sich auf einen Text eines der führenden Intellektuellen der Unabhängigkeitsbewegung bezog. Die Zeitung weigerte sich, meine Erwiderung zu veröffentlichen, sodass sie in einem anderen Blatt abgedruckt wurde. Die gegen mich gerichteten Angriffe gingen so weit dass mich eine Gruppe von Professoren und Intellektuellen in der Tageszeitung El Mundo verteidigte, unterstützt von mehr als hundert bekannten Persönlichkeiten des spanischen Kulturlebens, darunter der Philosoph Fernando Savater und Carmen Iglesias, Direktorin der Königlichen Akademie für Geschichte. Ich glaube eigentlich nicht, dass diese unschöne Geschichte für die deutschsprachige Leserschaft von Interesse ist, und wenn ich sie hier erzähle, dann nur, weil ich darum gebeten wurde. Verleumdung und üble Nachrede lassen sich nicht mit Vernunft und respektvollen Argumenten beantworten. Es gibt faulige Pfützen, in die man nicht hineintreten kann, ohne sich zu beschmutzen.
Aber der Anlass, Imperiophobie zu schreiben ist ein ganz anderer. Ich begann im Jahr nach der Zerstörung der Twin Towers während eines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten, mich mit der allgemein verbreiteten schlechten Meinung über Imperien zu beschäftigen. Es war das Ergebnis mehrerer Gespräche mit Amerikanern, die mir beharrlich erklärten, dass diese Anschläge eine verständliche, wenn nicht gar verdiente Strafe für die Übermacht der Vereinigten Staaten und deren außenpolitischen Fehlern seien. Ich habe vergeblich versucht, sie zum Nachdenken über die positiven Aspekte von Imperien zu bewegen, die es auch gab, und vor allem über das Engagement der USA für die Verteidigung der Demokratie in Westeuropa im 20. Jahrhundert, das der deutschsprachigen Leserschaft nur allzu gut bekannt ist. Dies ist eine Realität, der sich alle Europäer bewusst sein sollten, denn ohne die Unterstützung der Vereinigten Staaten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg würde es die Europäische Union heute nicht geben.
Meine Argumente, die ich in Gesprächen mit meinen Freunden in Boston vorbrachte, waren nicht besonders überzeugendund ich konnte sie nicht dafür gewinnen, dass sie die Schwarze Legende Amerikas hinterfragen; sie hatten sie weitgehend übernommen. Genau in jenem Winter 2003 las ich Philip Wayne Powells Tree of Hate, ein grundlegendes Werk über die Schwarze Legende Spaniens. Damals erinnerte ich mich an meine Gespräche mit Pedro Arroyal Espigares, Professor für Paläographie und ausgezeichneter Kenner der Klassiker, des Römischen Reichs und der Gründe, warum eben jenes in so einem schlechtem Ruf steht, obwohl zweifelsohne unsere Zivilisation ohne Rom nicht vorstellbar ist. Das zeigt sich sogar bei Theodor Mommsen, dessen Römische Geschichte jahrzehntelang die kanonische Sicht auf die römische Geschichte prägte. Band IV seines Werkes ist möglicherweise nicht geschrieben worden, weil er das Kaiserreich ablehnte.
Wie man sieht, hat mein Buch nichts mit den aktuellen Problemen Spaniens zu tun, und nur im Nachhinein, aufgrund der oben erwähnten Umstände (die Verwendung der Narrative der Schwarzen Legende als politisches Instrument durch die Sezessionisten und das Zusammentreffen der territorialen Krise mit der Veröffentlichung des Buches), wurde es damit in Verbindung gebracht.
War dieses Buch notwendig? Die Erforschung der Imperien ist so sehr von der Imperiophobie geprägt, dass jeder differenzierter Beitrag nützlich ist. Herfried Münkler, Professor für politische Theorie an der Humboldt-Universität zu Berlin, bedauert in seinem Buch Imperien. Die Logik der Weltherrschaft. Vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten (2005) diesen Mangel an Studien. Auf die Frage, was ein Imperium isterklärt er: »Womöglich ließe sich leichter eine Antwort darauf finden, wenn es in den vergangenen Jahrzehnten eine sozialwissenschaftlich ausgerichtete Imperiumsforschung gegeben hätte, die verlässliche Kriterien für Imperialität entwickelt hätte. Das ist jedoch nicht der Fall. Zwar sind eine unüberschaubare Fülle historiographischer Darstellungen zu einzelnen Imperien sowie bemerkenswerte komparative Arbeiten zum Imperialismus entstanden, aber die Frage, was ein Imperium ist und worin es sich von der in Europa ausgebildeten politischen Ordnung des Territorialstaates unterscheidet, ist so gut wie unbearbeitet geblieben.«
Münkler ist sich der moralischen Voreingenommenheit gegenüber über Imperien durchaus bewusst, und in diesem Punkt stimme ich ihm vollkommen zu. Er kommt zu dem Schluss, dass man in zwei Tagen nicht das aufholen kann, was bei der Grundlagenforschung jahrelang versäumt wurde.
Dies gilt für die Weltgeschichte und insbesondere für die Geschichte Europas, deren Entwicklung ohne Berücksichtigung der Geschichte der Imperien, aus denen Europa hervorgegangen ist, nicht verstanden werden kann. Es ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, die allgemein anerkannten Nord-Süd-Vorurteile zu erklären, ohne die Zeit der spanischen Vorherrschaft in Europa und die Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert zu berücksichtigen. Die Dialektik zwischen Protestantismus und Katholizismus war auch eine Dialektik der Macht, die die Entwicklung der europäischen Staaten und Deutschlands in ganz besonderer Weise beeinflusste. Ich denke, dass dieser Teil für die deutschsprachige Leserschaft besonders interessant sein könnte, nicht nur im Hinblick auf die religiösen Konflikte, sondern auch auf die religiösen Vorurteile, die sie hinterlassen haben und die nicht der Vergangenheit angehören, sondern auch heute lebendig und einflussreich sind. In diesem Sinne ist es notwendig zu versuchen, etwas weiter in die Zukunft zu blicken und sich aktiv mit den Schwierigkeiten auseinanderzusetzen, die diese verinnerlichten Vorurteile dem Projekt der Europäischen Union bereitet haben und weiterhin bereiten. Wenn sie nicht überwunden werden, ist eine echte Integration von Nord- und Südeuropa als Voraussetzung für eine Konsolidierung der EU nicht möglich. Im Falle Deutschlands ist das besonders wichtig, nicht nur, weil Deutschland eine zentrale Rolle beim Aufbau der EU spielt, sondern auch, weil es ein multikonfessionelles Land ist und ein eigenes Nord-Südgefälle in sich birgt.
Als ich Imperiophobie schrieb, war ich mir bewusst, dass mein Versuch einer globalen, vorurteilsfreien Vision von Imperien provokativ sein könnte. Die Leserschaft wird die übliche Interpretation, wonach jedes Imperium ein brutaler und übermächtiger Goliath im Gegensatz zu den schönen, tugendhaften, kleinen, david-artigen Völkern ist, in diesem Buch nicht finden. Dieser Teil des Buches (er macht fast ein Drittel aus), in dem ich ein Modell ausarbeite, das ich Imperiophobie nenne, und der der allgemeinen Untersuchung der Vorurteile gegenüber verschiedenen Imperien gewidmet ist, scheint jedoch nicht die Aufmerksamkeit der wütenden Kritiker auf sich gezogen zu haben, die eine überzogen autarkiebezogene und isolationistische Sicht von der spanischen Geschichte vertreten. Diese Sichtweise, die sowohl im rechten als auch im linken Flügel immer noch sehr lebendig ist, wurde zur Zeit der Franco-Diktatur geprägt, die stets die Ausnahmestellung Spaniens hervorhob. Aus historischer Sicht ist dieser Standpunkt nicht annehmbar, und ich gehe dagegen nicht ideologisch, sondern mit Argumenten vor. Erstens, weil sich die Geschichte des spanischen Imperiums nicht sehr von der anderer Weltreiche unterscheidet und weil der Zyklus des spanischen Großreichs bereits vor zwei Jahrhunderten abgeschlossen war. Und zweitens, weil das spanische Imperium nicht das Spanien von heute ist, so wie das Römische Reich nicht das Rom ist, das wir heute besuchen können. Die nationalistische Vorstellung (Volksgeist), wonach es ein ewig währendes, unveränderliches Spanien gibt, das sich ausdehnt und zusammenzieht, aber immer dasselbe Spanien ist, ist ein Unsinn, der nur aus einem mythologisch oder nationalistisch gefärbtem Blickwinkel aufrechterhalten werden kann. Allerdings darf die Geschichte ihre eigentliche Funktion, nämlich die Vergangenheit zu erforschen und begreifbar zu machen, nicht prostituieren, um zum Laufburschen einer Ideologie zu werden.
Auf den Zeugnissen, die den Menschen einen höheren oder niedrigeren moralischen Status ausstellen, haben diejenigen, die in Europa oder Amerika Spanisch sprechen, die schlechtesten Noten. Deshalb hat Donald Trump, als er erklärte, es sei notwendig, unerwünschte Einwanderer aus den USA zu vertreiben, das Wort »hombres« auf Spanisch verwendet: »get out the bad hombres”. Es hat den Anschein, dass das Adjektiv »bad« sich hervorragend als erläuterndes Adjektiv für das spanische Wort »hombre« eignet. Hin und wieder tun dies auch Minister aus EU-Ländern, wie zum Beispiel der niederländische sozialdemokratische Minister Jeroen Dijsselbloem, der 2017 sagte, die Länder des Südens könnten nicht erst ihr Geld für Alkohol und Frauen ausgeben und dann um Hilfe bitten. So etwas wird völlig unverhohlen von jemandem ausgesprochen, der sich scheinbar in einem Europa wohl fühlt, das eindeutig in zwei Menschengruppen eingeteilt ist: die Ehrlichen und Fleißigen im Norden und die Schurken und Faulen im Süden.
Die Verschiebung der Bedeutung des deutschen Wortes »welsch«, das ursprünglich in etwa »gallisch« und dann allgemein »Menschen, die südlich von Deutschland leben« bezeichnete, hin zu »unmoralisch«, »verlogen« oder »unanständig«, die wir in Teil II von Imperiophobie untersuchen, hat mit der Zeit der spanischen Hegemonie, mit den Religionskriegen und der antikatholischen Propaganda zu tun, die von diesen Konflikten hervorgerufen wurde.
Wie aus dem Gesagten hervorgeht, ist der Inhalt dieses Buchs keineswegs auf das Spanien des 21. Jahrhunderts beschränkt. Beginnend mit dem Römischen Reich geht es eher um die Geschichte des Abendlandes. Vielleicht hilft es, die Geschichte Europas, der ab der Zeit Karls I. viele Seiten gewidmet sind, besser zu verstehen und die vielen Vorurteile, die wir Europäer untereinander haben, zu überwinden.
Ich möchte dieses Vorwort nicht schließen, ohne Javier López Capapé für seine Bemühungen um die Übersetzung dieses Buches zu danken. Ich stehe in seiner Schuld, die ich nicht zurückzahlen kann und die ich öffentlich anerkennen möchte.
María Elvira Roca Barea
Universität Luxemburg
Um die Geschichte des Syntagmas »Schwarze Legende« [spanisch: Leyenda negra] zu verstehen, muss man mehreren, sich an verschiedenen Stellen kreuzenden Strängen folgen. Der Prozess ist an sich schon interessant und wird uns helfen, das historische Phänomen, dessen Bezeichnung auf der Verbindung dieser beiden Wörter beruht, besser zu verstehen.
Der Ausdruck »Schwarze Legende« wurzelt in einem ähnlichen Begriff mit gegensätzlicher Bedeutung: »Goldene Legende« beziehungsweise »Legenda aurea«, eine Antithese, deren Ursprung wir im Werk des Dominikaners Jacobus de Voragine (1230–1298) mit dem Titel Legenda sanctorum oder Legenda aurea finden. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Hagiografien, Beschreibungen von Heiligenleben. Von der enormen Beliebtheit des Werkes zeugt schon die Tatsache, dass etwa tausend Manuskripte und Inkunabeln des Textes und seiner Varianten erhalten sind. Die Lektüre dieses Buchs war im Spätmittelalter und in der Renaissance weit verbreitet. Im Jahr 1500 waren bereits 74 lateinische Ausgaben erschienen, drei Übersetzungen ins Englische, fünf ins Französische, acht ins Italienische, 14 ins Niederdeutsche und sechs ins Spanische.
Der Erasmismus zog mit der intellektuellen Überheblichkeit, die er vom Humanismus geerbt hatte, im 16. Jahrhundert gegen de Voragines Legenda aurea zu Felde. Der spanische Humanist und Philosoph Juan Luis Vives zeigte in seinem Werk De disciplinis keine Gnade. Doch der wütende Angriff des Erasmismus hinterließ keinen großen Eindruck und tat der Beliebtheit des Werks keinen Abbruch. Dessen Einfluss auf die Malerei, Bildhauerei, Reliefs und anderes war enorm. Wunderschöne Fresken, Altarbilder und zahlreiche Darstellungen von Fra Angelico, Signorelli oder Piero della Francesca haben ihren Ursprung bei de Voragine. Das Gemälde vom Heiligen Georg, der mit seinem Schwert einen Drachen tötet, oder das Bild des Heiligen Martin von Tours, der seinen Mantel in zwei Hälften teilt, gehen auf die köstlichen kleinen Geschichten von de Voragine zurück. Die Leser von Berceo haben sich eine ungefähre Vorstellung von der Sammlung des Dominikaners machen können. Die gnadenlose Kritik an de Voragines Werk hat jedoch nicht dazu geführt, dass seine Geschichten weniger gelesen wurden.1
Die Übersetzungen ins Spanische und die spanischen Ausgaben der Legenda aurea von de Voragine wurden unter dem Titel Flos sanctorum veröffentlicht. Sie waren so beliebt, dass nicht nur im Mittelalter, sondern auch viel später ähnliche Werke hervorgebracht wurden. So schrieb beispielsweise der Jesuit Pedro de Ribadeneira im 17. Jahrhundert einen Flos sanctorum in drei Bänden. Während der Romantik, als viele Menschen vom Mittelalter und der irrationalen Seite des Seins fasziniert waren, war das Interesse an der Legenda aurea außerordentlich groß. Das galt für den Katholizismus, ging jedoch darüber hinaus und erklärt die Heiligsprechung von Jacobus de Voragine im Jahr 1815. Sein Werk war Gegenstand zahlreicher Studien und gab Anlass zu philologischen Ausgaben in lateinischer (London und New York, 1897), englischer (London und New York, 1900), französischer (Paris, 1843, 1902 – zwei Ausgaben –, 1908) und anderen Sprachen.
Daher gab es den Ausdruck »Goldene Legende« beziehungsweise »Legenda aurea« bereits. Er war leicht verständlich, da er sich auf einen berühmten Text bezog, der diesen Begriff geprägt hatte. Kommen wir nun dazu, wie das Syntagma »Schwarze Legende« erstmals zur Sprache kam. Der Historiker Luis Español Bouché führt seine Entstehung auf das Jahr 1893 zurück und dokumentiert diese These in französischer Sprache: legènde noir. Zu jener Zeit erschien ein Werk von Arthur Lévy mit dem Titel Napoleon intime (Paris: E. Plon, Nourrit et Cie, 1893). Dort finden wir den folgenden Absatz:
»Wenn wir das Leben des Kaisers jedoch rechtschaffen untersuchen, wird sofort klar, wie die Wirklichkeit letztlich nicht viel mit den Legenden gemein hat, weder mit der Goldenen noch mit der, die wir als die Schwarze napoleonische Legende bezeichnen können. In Wirklichkeit war Napoleon weder ein Gott noch ein Monster.«
Napoleon intime wurde bald ins Spanische übersetzt und im Rahmen der Sammlung Nelson veröffentlicht. In Spanien lässt sich die Verwendung des Ausdrucks bis ins Jahr 1899 zurückverfolgen, als Pater Cayetano Soler in seinem Werk El fallo de Caspe, das dem Kompromiss von Caspe2 gewidmet ist, diesen folgendermaßen verwendete:
»Sagen wir, dass die Goldene Legende über unsere katalanischen Könige ebenso falsch ist wie die Schwarze Legende über die Könige kastilischer Abstammung.«3
Im selben Jahr bediente sich Emilia Pardo Bazán erstmals des Ausdrucks »Schwarze Legende«, mit dem sie sich auf Propaganda gegen Spanien bezog. Das geschah am 18. April 1899 in der Salle Charras in Paris während eines Vortrags mit dem Titel »L’Espagne de hier et celle d’aujourd’hui« [Das Spanien von gestern und das Spanien von heute]. Die Pariser Societé de Conférences reagierte auf das zu jener Zeit in Europa vorhandene Interesse zu erfahren, was mit Spanien geschehen würde, nachdem es die letzten Überreste seines Weltreichs verloren hatte, und lud Doña Emilia ein. Als gute Nachbarn waren die Franzosen besonders besorgt. Doña Emilia hielt ihren Vortrag auf Französisch, eine Sprache, die sie sehr gut beherrschte. Sie verwendete den Ausdruck »Schwarze Legende« mehrmals:
»Unser Unglück ist im Ausland wohl bekannt, und es mangelt nicht an denen, die es ungerechtfertigterweise übertreiben. Ein gutes Beispiel dafür ist das kürzlich erschienene Buch von M. Yves Guyot, das als eine Art Schwarze Legende, als Kehrseite der Goldenen betrachtet werden kann. Die spanische Schwarze Legende ist ein Schreckgespenst, das diejenigen heraufbeschwören, die unseren Niedergang ganz besonders kultivieren, und auch diejenigen, die nach überzeugenden Beispielen suchen, um eine bestimmte politische These zu untermauern.
Unsere Schwarze Legende beschuldigt uns, die Kolonien ausgebeutet zu haben. Jeder, der nach uns gekommen wäre, hätte sie doppelt so stark ausgebeutet, allerdings mit mehr Geschick. Ich habe das Recht zu behaupten, dass die spanische Gegenlegende, die Schwarze Legende, die von dieser ordinären Boulevardpresse – ein Schandfleck und eine Schmach der Zivilisation der Vereinigten Staaten – tausendmal verlogener ist als die Goldene Legende. Zumindest wurzelt diese in Tradition und Geschichte, und unsere Ruhmestaten anderer Zeiten entschuldigen und begründen sie. Im Gegenteil dazu verzerrt die Schwarze Legende unseren Charakter, ignoriert unsere Weltanschauung und ersetzt unsere Zeitgeschichte mit Minen und Gegenminen durch einen Roman vom Genre Ponson du Terrail, der es nicht einmal verdient, analysiert zu werden.«4
Man beachte, dass das Syntagma »Schwarze Legende« von den drei genannten Autoren (Arthur Lévy, Cayetano Soler, Emilia Pardo Bazán) erst nach dem Ausdruck »Goldene Legende« erwähnt wurde, denn als Kontrapunkt und Antithese war es noch immer eng mit dem Konzept verknüpft, in dessen Anlehnung es hervorgebracht wurde.
Der Vortrag von Doña Emilia blieb nicht unbemerkt. Er wurde innerhalb und außerhalb Spaniens, vor allem aber in Spanien, ausführlich kommentiert. Von diesem Moment an ging der Ausdruck »Schwarze Legende« wie ein Lauffeuer durch die spanische Presse, was auf die Gemütslage hinweist, in der sich das Land damals befand. Bereits am 20. April erschien in dem Abendblatt La Épocaein von Joaquin Maldonado Macanaz verfasster Kommentar mit dem Titel »Zwei Legenden«. Am 22. April wurde der Text auf Französisch in der Zeitschrift Revue Politique et Littéraire veröffentlicht.Noch am selben Tag wie Revue Bleue bot auch Blanco y Negro eine Fülle von Informationen über die Veranstaltung. Im Mai veröffentlichte Doña Emilia auf eigene Kosten den Text ihres Vortrags auf Spanisch zusammen mit anderen Texten zum Thema. Ab diesem Zeitpunkt häuften sich die Artikel in der Presse: La Época(17. Mai 1899), El siglo futuro. Diario Católico (6. Juni 1899), El Liberal (30. Juni 1899), La Escuela Moderna. Revista pedagógica hispano- americana (18. Juni 1900)5 …
Ein neuer Impuls – falls dieser überhaupt nötig war – ging von Vicente Blasco Ibáñez aus, der diesen Ausdruck 1909 bei zwei Vorträgen in Buenos Aires verwendete: »La Argentina vista por España« [Argentinien aus der Sicht Spaniens] und »La leyenda negra de España« [Spaniens Schwarze Legende]. Don Vicente sagte in dem total überfüllten Odeon-Theater:
»Ich möchte mit Ihnen über Spaniens Schwarze Legende sprechen, die infolge falscher Vorstellungen entstand und die mehrere Jahrhunderte lang als antipatriotische Propaganda in Umlauf gebracht wurden […]. Gehen wir nun näher auf das Thema ein, das, wie ich bereits sagte, den Titel La leyenda negra de España trägt. Dieser Titel ist nicht besonders präzise und scheint sich auf alles zu beziehen, was in unserer Vergangenheit mit religiöser Intoleranz zu tun hatte. Aber dieser Eindruck täuscht. Es gibt zwei Legenden über Spanien: die Goldene und die Schwarze Legende.«
Blasco Ibáñez hat diesen Ausdruck auf beiden Seiten des Atlantiks ziemlich oft verwendet, was von der Zeitschrift La correspondencia de España (»España y la exposición« [Spanien und die Weltausstellung]) am 27. Juli 1909) folgendermaßen kommentiert wurde:
»In diesen Tagen haben wir Blasco Ibáñez bei uns, der in einer Reihe von historischen Vorträgen galant eine Lanze für Spanien gebrochen hat. Bei dem Versuch, Spaniens Schwarze Legende – eine verleumderische und niederträchtige Legende – zu zerstören, die auf groteske Weise von ausländischen Historikern ins Leben gerufen wurde, um Spanien zu diskreditieren, sagte Blasco Ibáñez: ›Unsere Nation ist keine dekadente Nation, denn heute befindet sie sich auf dem Niveau der großen europäischen Nationen …‹«
Als Julián Juderías 1914 den Ausdruck »Schwarze Legende« für den Titel seines Buchs benutzte, hatte dieser Ausdruck bereits Fuß gefasst. Der Wahrheit zuliebe muss erwähnt werden, dass Juderías niemals behauptet hat, diesen Begriff geprägt zu haben. Ohne den Erfolg seines Werkshätte er allerdings wahrscheinlich zu keiner Zeit die Geschichte gehabt und die Bedeutung erzielt, die er heute hat. Juderías Werk wurde 1914 in der Wochenzeitschrift La Ilustración Española y Americana in fünf aufeinanderfolgenden Teilen unter dem Titel »La leyenda negra y la verdad histórica« [Die Schwarze Legende und die historische Wahrheit] veröffentlicht. Bemerkenswert ist, dass Juderías den Ausdruck ohne zusätzliches Adjektiv verwendete, was darauf hindeutet, dass er bereits ein Vorwissen bei der Leserschaft voraussetzen konnte.
Der Text wurde 1917 neu aufgelegt (Barcelona: Araluce). Diese zweite Ausgabe ist völlig überarbeitet und enthält neue bibliographische Angaben. Auch der Titel ist ein anderer: La leyenda negra: Estudios acerca del concepto de España en el extranjero [Die Schwarze Legende. Studien über das Bild Spaniens im Ausland]. Juderías Werk erhielt mit dieser Ausgabe seine endgültige Gestalt, und die nachfolgenden Editionen und Übersetzungen entsprachen mit geringen Abweichungen dieser in Barcelona erschienenen Ausgabe.
Wer war Julián Juderías? Zunächst einmal ein Mann von Welt. Er wurde in Madrid in eine Familie geboren, in der es üblich war, mehr als eine Sprache zu sprechen. Zu Hause lernte er Englisch, Französisch und Deutsch. Da der junge Julián Juderías Loyot ein ungewöhnliches Sprachtalent hatte, schickte ihn seine Familie, die zwar gebildet, aber nicht wohlhabend war, nicht ohne Mühe an die École spéciale des langues orientales [Schule für orientalische Sprachen] in Paris. Er beherrschte 16 Sprachen, darunter Französisch, Englisch, Deutsch, Bulgarisch, Ungarisch, Kroatisch, Russisch, Serbisch, Dänisch, Italienisch, Portugiesisch, Norwegisch und Schwedisch. Russisch war eine seiner Lieblingssprachen und er übersetzte Gogol, Puschkin, Gorki und andere. Er übertrug auch literarische Werke aus dem Portugiesischen, Schwedischen und Ungarischen ins Spanische. Bis 1903 lebte er drei Jahre lang in Odessa (Ukraine). Dort war er als Mitarbeiter im Sprachdienst im spanischen Konsulat beschäftigt. Damals war er 25 Jahre alt.6 Zu jener Zeit erkannte der junge Juderías, wie verzerrt das Bild von Russland war, das in der Öffentlichkeit Europas vorherrschte. Er wollte dieses Phänomen verstehen und kam bald zu dem Schluss, dass es sich um Propaganda gegen Russland handelte, die vor allem von Deutschland, Frankreich und Großbritannien ausging und den Kontinent kritiklos überschwemmte. Aus diesen Überlegungen ging eines seiner ersten Werke hervor: Rusia contemporánea [Das zeitgenössische Russland] (Madrid: Imp. Fortanet, 1904). Man kann sagen, dass Juderías in den Geschichtswissenschaften einen neuen Weg ebnete. Er war sicherlich der Erste, der erkannte, dass es eine gegen Imperien gerichtete Propaganda gibt und negative archetypische Bilder mit dem Ziel in die Welt gesetzt werden, den gefürchteten Nationen zu schaden.
Sein Werk La leyenda negra brachte ihm in der Öffentlichkeit und in akademischen Kreisen Anerkennung ein und kurz vor seinem Tod wurde er zum Mitglied der Real Academia de la Historia [Königliche Akademie der Geschichte] berufen. Aber dies waren nicht seine einzigen Werke. Er war Autor zahlreicher in der Presse veröffentlichter Essays und Artikel, Dutzender von Übersetzungen aus verschiedenen Sprachen, historischer Forschungsarbeiten und zahlreicher sozialpolitischer Studien im Dienste der verschiedenen Ministerien, in denen er tätig gewesen war. Juderías war ein vorbildlicher Beamter, der niemals eine hochgestellte Position erreichte, aber seinem Land mit seinem Talent und Können diente. Er arbeitete hart für das Institut für Sozialreformen und beschäftigte sich mit Themen wie Jugendkriminalität, Frauenhandel und Prostitution, Jugendschutz, Bettelei und Kleinkrediten (heute bekannt als Mikrokredite) im ländlichen und städtischen Umfeld. 1906 veröffentlichte er La miseria y la criminalidad en las grandes ciudades de Europa y América [Elend und Kriminalität in den Großstädten Europas und Amerikas], womit er dem Staatsministerium ein besseres Verständnis von diesen sozialen Problemen vermittelte und Wege zu ihrer Bewältigung vorschlug. 1909 schrieb er El problema de la mendicidad: medios prácticos para resolverlo [Das Problem des Bettelns und praktische Lösungen]. Seine Sorge galt insbesondere benachteiligten Kindern. 1910 veröffentlichte er Los tribunales para niños: medios para implantarlos en España [Kindergerichte: Möglichkeiten sie in Spanien einzuführen] und 1912 La infancia abandonada: leyes e instituciones protectoras [Verwahrloste Kindheit: Gesetze und Institutionen zum Schutz der Kinder]. Dank seiner Bemühungen wurde Spaniens Jugendrecht, das bereits ziemlich modern war und zu jener Zeit zu den fortschrittlichsten der Welt gehörte, weiterentwickelt und ausgebaut.
Wir sollten uns nun kurz mit dem scheinbar harmlosen Wort »Legende« befassen. Seine gegenwärtige Bedeutung weist Zusammenhänge mit der Geschichte Spaniens und der Propaganda gegen Spanien auf. Der Ursprung des Begriffs ist das Partizip Perfekt Passiv des Verbs lego: was zu lesen ist; Dinge, die zu lesen sind. Die Bedeutung, die im Diccionario de la Real Academia (DRAE) [Wörterbuch der spanischen Sprache, herausgegeben von der Königlichen Spanischen Akademie [für Sprache], 22. Ausgabe, 2001] zuerst aufgeführt ist, lautet »Handlung des Lesens«, gefolgt von »Werk, das gelesen wird«. Die nachstehende Bedeutung des Wortes bezieht sich bereits auf de Voragine: »Geschichte über oder Aufstellung der Leben eines oder mehrerer Heiliger.« Die zuerst genannten Bedeutungen herrschten bis vor Kurzem im allgemeinen Sprachgebrauch vor. Ich erinnere mich daran, wie ein alter Mann aus meinem Dorf (El Borge, Málaga) in den 1980er Jahren (er war zu dem Zeitpunkt ebenfalls etwa achtzig Jahre alt) sagte: »Von der Legende der Bücher verstehst du mehr als ich, aber von der Legende des Lebens weiß ich mehr als du.« Die aus dem Protestantismus hervorgegangene neue Bedeutung ist im DRAE an vierter Stelle aufgeführt: »Schilderung von Ereignissen, die eher auf Traditionen und Wundern als auf historischer Wahrheit beruhen.«
»Legende« als traditionelle Erzählung, die nicht der historischen Wahrheit entspricht, ist eine begriffliche Erweiterung, die sich mit der protestantischen Reformation anbahnte und im Zuge der Romantik und im Einklang mit der neuen Bedeutung, die der Begriff im Englischen erhielt, auf das Spanische und andere romanische Sprachen ausgedehnt wurde. Im Englischen vollzog sich dieser Bedeutungswandel während der ersten Jahre des aufkommenden Protestantismus, als davon ausgegangen wurde, dass die Goldene Legende ein Hirngespinst sei, das jeder Grundlage entbehre. Folglich geht auch dieser Begriff auf das beliebte Werk von Jacobus de Voragine zurück. Das heißt, dass nicht nur der Ausdruck »Schwarze Legende«, sondern auch die derzeitige Bedeutung des Wortes »Legende« auf den Protestantismus und die Religionskriege zurückzuführen sind. Nach dem Bruch Heinrichs VIII. mit Rom verlagerte sich die Bedeutung des englischen Begriffs legend, der sich auf das populäre Werk von de Voragine und die katholische Hagiographie bezog, auf eine Erzählung mit zweifelhaftem Wahrheitsgehalt.7 Im 16. Jahrhundert machten sich englische Protestanten und andere die Angriffe vonseiten des Erasmismus zunutze, um gegen die beim Volk so beliebte Goldene Legende des Dominikaners zu Felde zu ziehen. Die Heiligen und Märtyrer der Reformation waren echt, während die katholischen Heiligen und Märtyrer lediglich Figuren aus einem Märchen waren. Aus ebendiesem Grunde änderte sich die Bedeutung des Wortes »Legende«. Die protestantische Hagiographie entsprach der Wahrheit. Die katholische Hagiographie war eine Legende. Als Beleg der protestantischen Hypothese verfasste beispielsweise John Foxe (1516–1587) sein Werk Acts and Monuments, auch bekannt als Foxes Buch über die Märtyrer. Es ist unverzichtbar, wenn man die Anschauung, die die Engländer üblicherweise von Maria Tudor oder der katholischen Kirche und den Katholiken hatten, verstehen will. Die Volksmeinung wurde viele Hundert Jahre lang von diesem Werk beeinflusst.8 Die Erstausgabe wurde nach mannigfaltigen Wechselfällen 1559 in Basel auf Latein mit dem Titel Acta et Monumenta veröffentlicht, wurde aber schon bald bekannt als The Book of Martyrs: Containing an Account of the Sufferings & Death of the Protestants in the Reign of Queen Mary the First. Der Erfolg war riesig und Foxe wurde zu »England’s first literary celebrity«. In Teil II des vorliegenden Buches werden wir auf die Arbeit von Foxe – eine mächtige Propagandamaschine – zurückkommen. An dieser Stelle beschränken wir uns auf den Hinweis, dass die moderne Kritik es mit dem Wahrheitsgehalt von Foxes protestantischen Hagiographien nicht besonders gut meinte. Dessen geniale Fähigkeit zur Mythenbildung wurde indes von niemandem infrage gestellt, denn Foxes Vorgehensweise war dem von de Voragine sehr ähnlich.9 Da die Bedeutung des englischen Wortes legend mit de Voragine in Verbindung gebracht wurde, verschob sich im 16. Jahrhundert in der englischen Sprache die Bedeutung des Wortes, die ursprünglich in Anlehnung an das Lateinische in etwa »Lektüre« gleichkam, hin zu einer mehr oder weniger glaubwürdigen Erzählung.
Das Syntagma »Schwarze Legende« erschien sinnvoll und kam zum angemessenen Zeitpunkt auf, um einem seit Langem empfundenen Unbehagen einen Namen zu geben. Auf diese Weise wurde ein so starker Zusammenhang mit der Propaganda gegen Spanien hergestellt, dass weder auf Spanisch noch in anderen Sprachen eine Volksbezeichnung vonnöten gewesen wäre. Black legend, legènde noir, leggenda nera … beziehen sich per se auf Spanien und das Syntagma wird normalerweise nicht von einem Adjektiv begleitet. Zweifellos geht die Tatsache, dass »Schwarze Legende« und antispanische Propaganda mit der Zeit fast gleichgesetzt werden, auf einen langen Prozess zurück, der mit dem Buch von Juderías auf den Punkt gebracht wurde. Natürlich kann der Ausdruck auch auf andere Situationen angewandt werden, und so finden wir Bezüge auf Russen, Amerikaner, Ottomanen und andere Völker. Das gilt nicht nur für Imperien, sondern auch für Personen und die verschiedensten Ereignisse. Wenn jedoch von einer russischen, japanischen oder napoleonischen Schwarzen Legende die Rede ist, wird dieser Ausdruck sowohl auf Spanisch als auch in anderen Sprachen immer mit Bezug auf die spanische Geschichte und die spanische Legende verstanden. Das Adjektiv »russisch«, »japanisch« oder »napoleonisch« muss stets hinzugefügt werden. Andernfalls bezieht sich die Phrase automatisch auf Spanien.
Zu welchem Zeitpunkt fand diese Angleichung statt? Die Gleichstellung der Termini begann in den Jahren, die auf die Veröffentlichung des Buches von Juderías folgten. 1949 hatte sich dieser Prozess im englischsprachigen Raum bereits vollständig konsolidiert. In diesem Jahr veröffentlichte Carlos Dávila einen Artikel mit dem Titel »The Black Legend« ohne weitere Angaben.10
In der englischen Version der beliebten Wikipedia lesen wir:
»Deriving from the Spanish example the term black legend is sometimes used in a general way to describe any form of unjustified demonization of a historical person, people or sequence of events«.11
Die französische Version vermittelt mehr oder weniger dasselbe:
»Une légende noire est une expression désignant une perception négative d’un personnage ou d’un évènement historique. Généralement infondée ou partielle, elle ne peut se confondre avec la vérité historique. L’expression fut introduite à propos de l’Espagne et du peuple espagnol en 1913 par Julián Juderías.«12
Es gibt zahlreiche Definitionen der Schwarzen Legende. Die klassische Definition stammt von Julián Juderías:
» … fantastische Erzählungen über unser Vaterland, die das Licht der Öffentlichkeit in fast allen Ländern gesehen haben; die grotesken Beschreibungen, die immer wieder über den Charakter der Spanier als Individuen und als Kollektiv gemacht wurden; die Leugnung oder mindestens systematische Ignorierung von allem, was für uns vorteil- und ehrenhaft ist in den verschiedenen Manifestationen unserer Kultur und Kunst; die Anschuldigungen, die zu jeder Zeit gegen Spanien vorgebracht wurden und die sich zu diesem Zweck auf übertrieben dargestellte Ereignisse stützten, schlecht interpretiert oder zur Gänze falsch, und schließlich die Behauptung, die in im ersten Moment respektabel und wahrhaft scheinenden Büchern enthalten ist und vielfach reproduziert, kommentiert und in der ausländischen Presse aufgebauscht wird, dass unser Vaterland vom Standpunkt der Toleranz, der Kultur und des politischen Fortschritts aus betrachtet eine bedauernswerte Ausnahme innerhalb der Gruppe der europäischen Nationen sei.«13
Die Definition, die mir persönlich am besten gefällt, weil sie so passend und präzise ist, stammt von Maltby. Die Schwarze Legende ist »die Meinung, dass die Spanier in Wirklichkeit anderen Europäern in jenen Eigenschaften unterlegen sind, die gemeinhin als zivilisiert angesehen werden«.14 Auch die Definition des DRAE, wonach es sich um eine »seit dem 16. Jahrhundert verbreitete Meinung gegen alles Spanische« handelt sowie um eine »im Allgemeinen unbegründete, verallgemeinernde negative Einstellung über jemanden oder etwas« ist prägnant und eindeutig. Das sind im Wesentlichen die Bedeutungen, die auf Englisch und Französisch in Wikipedia aufgeführt sind und die in den Wörterbüchern Webster und Oxford erscheinen.
Im Rahmen dieser Überprüfung der Lexika sollten drei Punkte hervorgehoben werden: Die Schwarze Legende ist eine Meinung, sie ist gegen Spanien gerichtet und sie ist unbegründet. Alle Wörterbücher und Enzyklopädien, die ich auf Spanisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Griechisch, Russisch und Niederländisch konsultiert habe, stimmen in diesen drei Punkten überein. In den letzten Jahrzehnten ist es jedoch zu einem Gemeinplatz geworden, die Existenz der Schwarzen Legende oder zumindest einiger ihrer oben genannten Merkmale zu leugnen.
Das Zweite Programm der spanischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Televisión Española strahlte am 10. Juni 2012 um 22.00 Uhr im Rahmen der Reihe Lonely Planet ein Reiseprogramm aus, das sich mit der Ära der Entdeckungen im 15. und 16. Jahrhundert befasste: mit den Engländern, Niederländern, Portugiesen, Türken und Spaniern. Großartige Abenteuer und transozeanische Routen werden gezeigt. Nur im Fall der Spanier werden traurige und wenig erbauliche Fakten erwähnt, und zwar einige Minuten lang. Überraschenderweise geschieht dies nicht einmal im Fall der Türken, und die junge Frau mit dem Aussehen einer ewigen Teenagerin, die die Moderatorin abgibt, ignoriert locker sämtliche Geschlechterperspektiven und kommentiert euphorisch die Schönheit des Topkapi-Palasts in Istanbul mit seinen vielen schönen und attraktiven Eunuchen. Nur die Spanier raubten, töteten und zerstörten die paradiesischen Kulturen der Eingeborenen. Die Reihe Lonely Planet ist eine englische Produktion der BBC, die sich enormer Beliebtheit erfreut. Das Programm wurde rund um den Globus ausgestrahlt, von Japan bis Südafrika. Es ist nicht gerade ein intellektuelles Wunderwerk und nicht für eine aufgeklärte Öffentlichkeit gemacht. Es bringt lediglich einige Plattitüden zum Ausdruck und trägt zu deren Verewigung bei. Ginge es um antisemitische Vorurteile oder um Feindseligkeiten gegen Schwarze, wäre dies schon lange ein Verbrechen gewesen, aber da die Hispanophobie zu einer Art von Rassismus gehört, die von Anfang an mit einem Imperium in Verbindung gebracht worden ist, steht sie unter dem Vorzeichen der Wahrheit und genießt das Ansehen intellektueller Achtbarkeit. In diesem Buch werden wir zu erklären versuchen, dass die Angst vor dem Imperium eine Art nach oben gerichtetes rassistisches Vorurteil ist und im Wesentlichen den nach unten gerichteten rassistischen Voreingenommenheiten gleichkommt, jedoch sehr viel besser vertuscht, da diese Art von Vorurteil mit einer intellektuellen Huldigung einhergeht, die seine wahre Natur beschönigt und seinen Wahrheitsanspruch rechtfertigt.
Die Leugnung der Schwarzen Legende verzeichnet in den letzten Jahrzehnten einen Aufwärtstrend. Manchmal wird die Auffassung vertreten, dass es so etwas weder gab noch gibt, und andere Male wird gesagt, dass die Schwarze Legende nicht mehr existiert. A priori scheint das eine gute Sache zu sein, über die wir uns freuen sollten. Der Hispanist Henry Kamen argumentiert, dass die Schwarze Legende längst aus dem angelsächsischen Raum verschwunden ist, wie die Episode der Reihe Lonely Planet vom 10. Juni ja deutlich zeigt. Kamens eigene Arbeiten veranlassen nicht zum Optimismus hinsichtlich des Verschwindens der Vorurteile gegen Spanien. Er selbst beweist, dass er eine ganze Reihe davon geerbt hat und sich nicht sonderlich schämt, die objektive Wahrheit jedes Mal zu opfern, wenn dies vor dem Altar eines anderen Gottes vonnöten ist. Auch wenn wir zahlreiche Beispiele aufführen könnten, werden wir uns an dieser Stelle auf einige wenige beschränken. Die spanische Tageszeitung El Mundo (15. Juni 2005) veröffentlichte einen Artikel über Trafalgar15, in dem eine solche Menge an Ungenauigkeiten (darunter die Unkenntnis der elementarsten Bibliographie zum Thema) oder einfach Unwahrheiten zusammengetragen wurden, dass der spanische Schriftsteller Arturo Pérez-Reverte mit einem irritierten Artikel darauf reagierte, der der Fachkompetenz von Herrn Kamen einige Kratzer zufügte. Im Jahr 2002 veröffentlichte die Zeitschrift Clio (Nr. 26) einen weiteren Artikel unter dem Titel »Felipe II: un rey tolerante frente a la leyenda negra«16. Hier behauptet Kamen, dass die spanischen Verschwörungen zu Maria Stuarts Tod führten. Dann macht er als professioneller Historiker bezüglich der Spanischen Armada Philipps II. im Kampf gegen England so verblüffende Aussagen wie diese:
»1588 liefen 130 Schiffe mit 18 000 Mann an Bord aus dem Fluss Tajo aus. Aber das Zusammentreffen mit den Galeonen, die unter dem Kommando des Herzogs von Medina-Sidonia standen, mit den Truppen Flanderns fand niemals statt. Die Galeonen waren den Engländern zahlenmäßig und in Qualität unterlegen, sodass die Engländer die Armada zwangen, in die Nordsee zu fliehen und entlang der irischen Küste nach Spanien zurückzukehren. Etwa 40 der 68 verbliebenen Schiffe wurden zerstört und die menschlichen Verluste betrugen ca. 15 000 Mann.«
Der gesamte Absatz ist Wort für Wort und Fakt für Fakt falsch, wie wir später zeigen werden.
2003 veröffentlichte Kamen sein Werk Empire, das heftige Kritik hervorrief. Kamens These lautet, dass Spanien ein armes Land war (in Bezug auf wen oder was?) und nur infolge des Erbes der österreichischen Dynastie der Habsburger zur Weltmacht wurde (die Hervorhebung stammt von der Autorin) und dass es ausschließlich dank des »Silber[s], das Mitte des 16. Jahrhunderts in Amerika entdeckt wurde«, »… ein riesiges multinationales Unternehmen aufbauen konnte« (El Mundo, 21. August 2001). Für ihn wurde Spanien Hals über Kopf zur Weltmacht, mit anderen Worten, Spanien baute kein Imperium auf, sondern es fiel ihm rein zufällig in den Schoß.17 In Wirklichkeit trug Kamen sein Scherflein zur Theorie des ahnungslosen Imperiums bei, ein faszinierender Gemeinplatz aller Schwarzen Legenden und natürlich auch der spanischen. Kamens Fehler besteht allerdings darin, dass er, wie viele andere, die Umstände mit den Ursachen verwechselt. Zu territorialen Zusammenschlüssen aus dynastischen Gründen kam es in Europa häufig. Sie haben fast nie zu einem Imperium geführt, und schon gar nicht zu einem so großen und mächtigen wie dem spanischen.
Andererseits darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Spanien zu dem Zeitpunkt, als das Silber entdeckt wurde, bereits eine Weltmacht war. Natürlich waren die Silberminen eine gute Finanzquelle, die einem bereits existierenden Imperium, das wie alle anderen Weltreiche, Staaten, Familien und Personen Geld brauchte, gerade recht kam.
Hätte es keine Silberminen gegeben, hätte sich das Imperium auf anderem Wege um Finanzierung bemüht. Weder die Silberminen Hispaniens schufen das Römische Reich noch die Silberminen Amerikas das spanische Imperium. Andererseits zeugt es von großer Engstirnigkeit, ein Imperium – sei es das spanische, das osmanische, das nordamerikanische oder irgendein anderes – mit »einem multinationalen Unternehmen« gleichzusetzen. Imperien sind historische und soziale Phänomene planetarischen Ausmaßes, die so komplex und schwer zu verstehen sind, dass sie nur mittels methodischem Vorgehen erforscht werden können.
Ich bin der Ansicht, dass die Idee, dass die Schwarze Legende das Ergebnis der Komplexe der Spanier und unserer neurotischen Sorge um die Meinung anderer ist, französischen Ursprungs ist. Ich bin dieser These bei Pierre Chaunu begegnet, der sie erstmals in den 1960er Jahren zum Ausdruck brachte:
»Die Schwarze Legende ist das Spiegelbild einer Spiegelung, ein doppelt deformiertes Bild, das Bild Spaniens, so wie Spanien es sieht. Die Besonderheit der Schwarzen Legende gründet nicht in der vermeintlich besonders negativen Kritik, sondern in der Tatsache, dass das Bild, das von Spanien im Ausland vorherrscht, in Spanien mehr Betroffenheit hervorgerufen hat als in jedem anderen Land.«
Möglicherweise hatte Chaunu erkannt, was die Spanier damals hören wollten und mussten. Wie wir zeigen werden, ist es jedoch höchst ungewiss, ob dieses Vorurteil tatsächlich verschwunden ist.18 Chaunus Ansatz fand unter Akademikern im In- und Ausland großen Anklang. In weitaus geringerem Maße beeinflusste er auch die öffentliche Meinung. Er wurde von spanischen Intellektuellen aufgegriffen und so lange wiederholt, bis er schließlich zu einem Markenzeichen der Moderne wurde. Wer die Schwarze Legende leugnet, ist ein moderner Spanier und kein komplexbeladener Außenseiter. Carmen Iglesias, die die Worte Chaunus fast identisch wiederholt, ist der Ansicht, dass die Schwarze Legende nichts anderes ist als »das Bild Spaniens im Ausland, so wie Spanien es wahrnimmt«. In diesem Spiegelwerk ist die Schwarze Legende eine Schöpfung der spanischen Wahrnehmung und lebt im Bewusstsein der Spanier, nicht in der Außenwelt:
»Sie [die Schwarze Legende] setzt sich … aus den negativen Zügen zusammen …, die das spanische Bewusstsein in seinem Selbstbild wahrnimmt.«19
Aber es kommt vor, dass die Schwarze Legende nicht ausschließlich im Bewusstsein der Spanier ruht, sondern in der Wahrnehmung unserer Nachbarländer, insbesondere der protestantischen. Sie lebt auch in uns, was keineswegs überraschend ist. Imperiale Völker übernehmen in der Regel in unterschiedlichem Maße die Propaganda gegen das Weltreich und tragen sogar zu ihrer Verbreitung bei. Beachtenswert ist, dass die Schwarze Legende in der islamischen Welt, in Russland oder Japan nur einen geringen oder gar keinen Einfluss hat. Historisch hatte Spanien wenig Kontakte mit Japan oder Russland, aber das kann man keinesfalls in Bezug auf die islamischen Nationen behaupten, und trotzdem gibt es an dieser Front keine Spur von Schwarzer Legende. Merkwürdig, nicht wahr?
Die Schwarze Legende ist ein ganz und gar nachvollziehbares und keineswegs einzigartiges historisches Phänomen, dessen Besonderheit, wenn überhaupt, im Falle Spaniens darin besteht, dass es aus verschiedenen Gründen, vor allem religiöser und ideologischer Art, über die ursprünglichen Umstände, aus denen es hervorgegangen ist, hinaus Bestand hat. Die Angst vor dem Imperium sollte nicht mit der üblichen Palette nationaler Klischees und Vorurteile verwechselt werden. Sie betrifft und betraf Spanien ebenso wie andere Weltmächte, derzeit insbesondere das amerikanische und das russische Imperium. Als Spanien verstand, dass das Stereotyp der Verteufelung das spanische Imperium überlebt hatte, reagierte dieses Land auf die Legende, und zwar mit Nachdruck. Der Ausdruck »Schwarze Legende« entstand im Kontext des Jahres 1898, genau zu dem Zeitpunkt, als Spanien von einer neuen aufstrebenden Weltmacht besiegt wurde, seine letzten überseeischen Besitztümer verlor und sich einige Spanier der Intensität und Wirksamkeit der Propaganda gegen Spanien bewusst wurden.
Ricardo García Cárcel schrieb sein gut dokumentiertes Werk La leyenda negra. Historia y opinión nicht mit dem Ziel, »die Schwarze Legende zu begraben, unter anderem, weil dies ein imaginärer Kadaver sei«, sondern um dazu beizutragen, »den Glauben an diesen Mythos namens Schwarze Legende zu begraben, da dieser weder eine Legende noch schwarz sei, denn die Schwärze wird von anderen Farben – von Rosa bis Gelb – aufgewogen.«20 Das Buch geht von der Annahme aus, dass die mythenumwobene Schwarze Legende niemals existiert habe, weil es keine systematische, grausame, einhellige und absichtlich destruktive Kritik an Spanien oder den Spaniern gegeben habe. Die Existenz der Schwarzen Legende kann nicht mit der Begründung geleugnet werden, dass es keine universelle und organisierte Verschwörung gegen Spanien gibt oder gab. Es gibt auch keine solche weltumfassende Verschwörung gegen die Vereinigten Staaten. Trotzdem kommt einem die amerikanische Schwarze Legende auf Schritt und Tritt in den Sinn, und zwar mit einer solchen Beharrlichkeit, dass es nicht notwendig ist, nach ihr zu suchen.
Abgesehen von dem kleinen Ausrutscher, die Erfindung des Ausdrucks Julián Juderías zugeschrieben zu haben, sind García Cárcels Feststellungen völlig unakzeptabel. Es gibt die Schwarze Legende, es ist eine Legende und sie ist schwarz. Ich denke nachgewiesen zu haben, inwieweit der Bedeutungswandel des Begriffs »Legende« mit der Propaganda gegen Spanien und protestantischen Vorurteilen zusammenhängt. Er ist nicht das Ergebnis der Neigung, die Spanien laut García Cárcel hat, sich in dem Labyrinth seiner Identitätszeichen zu deprimieren, sich selbst im Spiegel zu betrachten und Vergnügen daran zu finden, selbstbezogen und getrieben von einem seltsamen Minderwertigkeitskomplex über die Meinungen anderer nachzugrübeln, als ob die Neigung zur Selbstkritik eine Besonderheit der Spanier und nicht eine Neigung aller westlichen Großmächte wäre. Im Moment gibt es kein Volk, das neurotischer und komplexbeladener der Meinung anderer gegenübersteht als die Amerikaner oder Russen, und es scheint nicht so, als ob sie aus diesem Grund ihre eigene Schwarze Legende erfunden hätten.
Dies ist nicht das einzige Argument, mit dem García Cárcel die Schwarze Legende leugnet. Ein weiteres ist, dass es mehr Schwarze Legenden gibt und dass auch andere Länder und Realitäten einen schlechten Ruf haben. Dieses Argument bringt die spanische Schwarze Legende jedoch keineswegs zum Verschwinden. Woher kommt aber dieses Bestreben, die Schwarze Legende zu leugnen? Dieser Sachverhalt ist sehr viel interessanter, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.21 Diesen gespenstischen alten Zopf zu leugnen, der die Generationen, die die letzten Überreste des Imperiums verloren hatten, so sehr quälte, ist der erste Schritt eines modernen Spaniers ohne Komplexe, der genau so ist wie jeder andere europäische Bürger. Jedoch dafür, dass Spanien niemals von dem Komplex der Schwarzen Legende betroffen gewesen ist, finden wir einige merkwürdige Aussagen:
»Spanien hat nie eine besonders aufgeschlossene Haltung gegenüber dem Fremden gezeigt.« (S. 22).
»Die spanische Haltung gegenüber ausländischen Elementen war nicht gerade besonders integrativ. Deshalb wurden Juden und Morisken verurteilt, die Spanier waren, ebenso wie die Altchristen.« (S. 22).
»Wenn diese Haltung gegenüber den anderen Spaniern eingenommen wurde, was sollte dann aus den Nicht-Spaniern werden?« (S. 23).
»Alle spanischen Intellektuellen des 15. Jahrhunderts waren fremdenfeindlich (Pulgar, Gómez Manrique, Sánchez de Arévalo, Diego de San Pedro)« (S. 23, Anmerkung 2).
An dieser Stelle sollte daran erinnert werden, dass die Judenvertreibung eine Konstante im spätmittelalterlichen und modernen Europa war: England im Jahr 1290, Frankreich 1306 und so weiter, und dass es sich nicht um eine rein spanische Angelegenheit handelte. In allen Ländern wurde härter vorgegangen als in Spanien, und den Juden wurde nicht die Möglichkeit gegeben, zu konvertieren oder ihre Besitztümer zu veräußern.
Die Vertreibung im Jahr 1492 war besonders traumatisch, weil die Juden sehr gut in die spanische Gesellschaft integriert waren. Es gibt nur ein Sefarad in der Geschichte Israels. Was die Morisken betrifft, so stellte der Krieg in Granada, der auf den großen Aufstand folgte, die Sicherheit des Landes in Frage. Das Infanterieregiment Flandern musste eingeschaltet werden, und es bestand die berechtigte Furcht vor einer Landung der Türken oder Berber an den Küsten Granadas und Almerias, die nicht gerade deshalb nicht stattfand, weil die maurischen Kriegsherren es nicht versucht hätten.
Zu sagen, dass die gesamte spanische Intelligenz des 15. Jahrhunderts fremdenfeindlich war, ist eine unverständliche Übertreibung, besonders wenn man in die Auflistung Pulgar und Diego de San Pedro aufnimmt, die beide Konvertiten waren. Das Werk beider ist durchdrungen vom Paulismus und der Idee der absoluten Gleichheit aller Christen ab dem Moment ihrer Taufe. Auch ein Satz wie das »alte föderale Regime der Katholischen Könige« ist nicht zu verstehen. Vor dem 18. Jahrhundert von Föderalismus zu sprechen, also vor Montesquieu und Jefferson und anderen Theoretikern der Demokratie, ist Unsinn.22
In einem später erschienenen Buch bestreiten Mateo Bretos und García Cárcel erneut, dass es die erwähnte Schwarze Legende jemals gegeben habe, denn ihrer Meinung nach entbehrten diese negativen Standpunkte nicht einer »historischen Grundlage« und sie waren auch nicht so schwarz, sondern tendierten eher zum Grau mit Variationen, und natürlich wurde die Schwarze Legende stets durch die Rosa Legende ausgeglichen.23 Es ist schwierig, die Existenz von etwas zu leugnen, das in mehreren Sprachen einen eigenen Namen hat. Wenn in der Aula einer Londoner, dänischen oder russischen Universität jemand die »Rosa Legende« erwähnt, muss er erklären, was er darunter versteht. Wenn er allerdings »Schwarze Legende« sagt, braucht man diesem Begriff nicht einmal einen Völkernamen beizufügen. Tatsächlich haben Bretos und García Cárcel ihr Werk nicht La leyenda negra española [Die spanische Schwarze Legende]genannt, sondern einfach La leyenda negra [Die Schwarze Legende], denn die Schwarze Legende ist schlechthin die spanische, und sie braucht keine weiteren Angaben, weder auf Spanisch noch in anderen Sprachen. Ihre Existenz kann nicht mit der Begründung geleugnet werden, dass sie auf Tatsachen basiert. Das ist so, als würde man sagen, dass das Märchen Schneewittchen wahr ist, weil es Stiefmütter und Spiegel gibt. Die gegen Imperien gerichtete Propaganda ist ein Prozess der Verteufelung, der von der Wirklichkeit ausgehend bis ins Groteske reicht, aber der Pamphletist weiß, dass eine Mischung aus Witz und Wahrheit am wirksamsten ist. Ein bekanntes Sprichwort besagt, dass es keine größere Lüge als die halbe Wahrheit gibt. Aber mit der Wahrheit zu lügen ist immer noch eine Lüge.
Lange vor dem Erscheinen dieser Bücher kam 1971 Maltbys Werk über die Schwarze Legende in England von 1558 bis 1660 heraus. Er weist hier die Vorstellung zurück, dass es in Wirklichkeit gar keine Schwarze Legende gibt und diese mehr oder weniger das Ergebnis der Vorstellungskraft der Spanier ist. Der amerikanische Gelehrte hält diese Verleugnung für einen Teil der Schwarzen Legende selbst:
»Die ihm [Spanien] feindlich gesinnten Ausländer behaupten, dass sie [die Spanier] darin [in der Schwarzen Legende] eine Art paranoiden Massenbetrug entdeckt haben, der durch ihre ,Isolation’ von der wichtigsten Strömung des Lebens in Europa verursacht wurde.«24
Wenn die Schwarze Legende eine Fata Morgana, ein sich gespiegelter psychischer Komplex ist oder einfach nicht existiert, ist es überraschend, dass der American Council on Education der Vereinigten Staaten 1944 einen umfassenden Bericht erarbeitet hat, der sich mit den Vorurteilen gegen die Spanier befasst, die in den Lehrbüchern für die Grund- und Sekundarschule und auch in anderen Texten verewigt sind. Darin ist Folgendes zu lesen:
»Ein noch schwerwiegenderes Problem [als die vielen Fehler bezüglich der tatsächlichen Vorkommnisse] ist die Verewigung der Schwarzen Legende über die Unfähigkeit, Grausamkeit, Fähigkeit zum Verrat, Gier und den Fanatismus der Spanier (und in geringerem Maße auch der Portugiesen), die in unserem Lehrmaterial, insbesondere in den Geschichtsbüchern, die sich mit der Kolonialzeit Amerikas befassen, weit verbreitet ist. […] Die Legende ist stark im antikatholischen England des Elisabethanischen Zeitalters verankert und ist folglich ein Teil des kolonialen Erbes unserer Nation […]. Die schädlichen und ungenauen Vergleiche zwischen der Kolonisierung durch die Engländer und die Spanier, die noch heute in unseren Geschichtsbüchern zu finden sind, belegen deutlich das Fortbestehen der Schwarzen Legende. Viele Schriftsteller der Vereinigten Staaten haben seit Beginn der lateinamerikanischen Unabhängigkeit im Rahmen eines natürlichen Übertragungsprozesses die hispanoamerikanischen Bevölkerungsgruppen dieser Länder – Nachkommen von Spaniern und Portugiesen – mit dem Pinsel der Schwarzen Legende beschmiert. Dieses Vorurteil ist in diesem Jahrhundert zwar weitgehend abgebaut worden, aber es ist noch immer sehr stark und schmerzhaft. In fast allen in diesem Bericht erwähnten Studien wurden Belege für dieses Vorurteil gefunden. Die Abschaffung der Schwarzen Legende und deren Auswirkungen auf unser Verständnis von Lateinamerika ist eine der größten Herausforderungen, vor der wir aus pädagogischer und intellektueller als auch politischer Sicht stehen.«25
In dem über hundert Seiten langen Bericht werden Lehrbücher, Geschichtsbücher und andere Quellen auf Fehler, Ungenauigkeiten und sogar Lügen über Spanien und Lateinamerika, die Vorurteile gegenüber Spanien bewirken, überprüft. 1971 gestand Powell ein, in den letzten dreißig Jahren »Texte für Primar- und Sekundarschulen im Zusammenhang mit hispanischen Ländern [geprüft zu haben]. Von lobenswerten Ausnahmen abgesehen, bleiben die meisten grundlegenden Fehler bestehen.«26 Kürzlich ist das Buch der belgischen Autorin Christiane Stallaert mit dem Titel Ni una gota impura. La España inquisitorial y la Alemania nazi [Kein einziger unreiner Tropfen. Das inquisitorische Spanien und das Nazi-Deutschland] auf Spanisch erschienen.27. Frau Stallaert setzt Inquisition und Nationalsozialismus gleich, nennt die Blutreinheit einen Holocaust und erklärt die Rückständigkeit Spaniens mit seinem säkularen Rassismus. Das Buch ist eine Anhäufung von Ungereimtheiten, die keine Antwort wert sind. Aber es dient uns zu einem Zweck: Wenn die Schwarze Legende ein psychisches Phänomen des komplexbeladenen Geistes der Spanier ist, dann waren wir in der Lage, diesen Komplex jahrhundertelang und Tausende von Meilen weit zu verbreiten. Ein außergewöhnliches Beispiel für psychische Übertragung!
Lange vor Juderías waren sich andere Schriftsteller aus Spanien und anderen Ländern der Virulenz der gegen Spanien gerichteten Propaganda bewusst und sie versuchten, auf die Verleumdungen zu reagieren, mit denen dieses Land diffamiert wurde. Mit seinem Werk España defendida war Quevedo wenn nicht der Erste, so doch einer der Ersten. Diese Versuche zur Verteidigung Spaniens beruhten immer auf der Initiative von Einzelpersonen, und selbst García Cárcel räumt ein, dass das Imperium niemals »eine Schule« hervorbrachte, die organisiert und umfassend auf die antispanische Propaganda reagierte.
Unser Untersuchungsgegenstand ist die Angst vor dem Imperium: Schwarze Legenden, die die Imperien fast wie ein fester Bestandteil ihrer selbst begleiten, insbesondere im Fall Spaniens. Wir werden versuchen, so präzise wie möglich herauszufinden, was diese Schwarzen Legenden sind, wie und unter welchen Bedingungen sie hervorgebracht und verbreitet werden, wodurch sie verursacht werden und auf welchen Klischees sie beruhen. Vielleicht werden wir auf diese Weise besser verstehen, was die Größe und Schwäche des vergangenen Imperiums und der dazugehörigen Schwarzen Legende ausmacht, die die Spanier der Moderne geerbt haben. Aber bevor wir zur näheren Beschreibung der Schwarzen Legenden der Imperien und ihrer Bedeutung übergehen, müssen wir zumindest klären, was ein Imperium eigentlich ist. Und das ist alles andere als einfach!
Es ist recht nützlich, uns zunächst mit der Bedeutung des Wortes Imperium zu beschäftigen, und das nicht nur wegen einer Vorliebe für Etymologien. In allen Sprachen, in denen dieses Wort vorkommt, gehen dessen Bedeutungen und die feinen Unterschiede auf das antike Rom zurück. Das Wort »Imperium« leitet sich bekanntlich von dem lateinischen Wort imperium ab. Bereits in der Sprache der Römer hatte es zahlreiche Abgrenzungen und Konnotationen, die alle sehr interessant sind. A. H. M. Jones definiert imperium als »… die vom Staat auf eine Person übertragene Befugnis, das zu tun, was sie als im besten Interesse des Staates liegend erachtet«.1 In der archaischen Zeit ist imperium ein von einem Magistrat creatus cum imperio im Einklang mit der lex curiata de imperio erteiltes Mandat zur Mobilisierung der Armee. Dementsprechend bezeichnete das Wort die Befähigung und Befugnis einer oder mehrerer Personen zur Ausübung der militärischen Befehlsgewalt. In Analogie dazu dehnte sich die Bedeutung des Begriffs auf andere Bereiche aus, in denen der Magistrat cum imperium Befugnisse hatte. Bei ihm lag die Gesetzesinitiative, er berief den Senat ein, aber vor allem hatte er das imperium militiae, die Befehlsgewalt über das Heer. In Latein hieß es summo in imperio esse, die höchste Gewalt in den Händen haben. Der Magistrat cum imperium konnte diese Gewalt nur ein Jahr lang ausüben. Wie bereits erwähnt, musste ihn eine lex curiata dazu berechtigen. Da der Mensch nicht per se das Sagen hatte, sondern ihm dieser rechtliche Status erst zugewiesen werden musste, musste der mit der höchsten Gewalt ausgestattete Magistrat von äußeren Symbolen seiner Macht begleitet werden, den Liktoren [Amtsdiener], die die Fasces bei sich führten, das heißt, ein paar Herren, die eine Doppelaxt in einem Rutenbündel trugen.
Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes imperium, die nie verloren gegangen ist, weitete sich in dem Zeitraum vom dritten bis zum ersten Jahrhundert vor Christus aus und bezog sich schließlich auf ein bestimmtes Gebiet.2 Spätestens seit der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts vor Christus wurde imperium romanum im gleichen Sinne verwendet wie heute »Römisches Reich«. In Plinius dem Älteren lesen wir:
»Durant ut fuere, Thebata et, ductu Pompei Magni terminus Romani imperi, Oruros, a Zeugmate L.CC« (NH
