Impossible India - Indien: Unmöglich! - Uwe Panten - E-Book

Impossible India - Indien: Unmöglich! E-Book

Uwe Panten

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Beschreibung

Indien - das große, immer noch weitgehend unbekannte Land: Land der Träume oder Land der Träumer, Atommacht oder Armenhaus, Weltmacht oder Entwicklungsland? Mit viel Empathie, aber auch mit wachem und unverstelltem Blick lässt uns Uwe Panten an dem teilhaben, was er in über vier Jahren in Indien und unter Indern gesehen und erlebt hat und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Eine lehrreiche, spannende, bewegende und ins Detail gehende Bestandsaufnahme mit einem überraschend deutlichen Ergebnis!

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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Honey

Inhalt

Ankommen in Delhi

Über dieses Buch

Grundsätzliche Betrachtung

Die Geschichte Indiens und Indiens Geschichten

Gandhi

„Partition“ und nationale Unabhängigkeit

Von Religionen, Gurus und Kasten

Kurioses

Reisen in Indien

„Shop until you drop!“-Einkaufen in Indien

Essen und Trinken in Indien

Der Inder an sich

Kommerzielle Engagements in Indien

Eine erfundene Geschichte

Kernsätze und Slogans

Politik in Indien

Indiens neue Politik

Wieder zu Hause

Hilfreiche Erläuterungen

Dank

Bibliografie

„If you wish to know something about India, you must empty your mind of all preconceived notions.

India is different… ...and would like to remain so.“

Indira Gandhi

Ankommen in Delhi

Seit acht Stunden sind wir jetzt in der Luft.

Der Flugkapitän hat die bevorstehende Landung angekündigt, das Rumpeln des Ausfahrens des Fahrwerks war schon zu hören und jetzt legt sich die schwere Boeing ein letztes Mal zur Seite und schwenkt auf den final approach ein. Die lebhaften Gespräche in der großen Kabine haben abgenommen. Vorbei sind die teilweise hartnäckigen Fragen der Passagiere und die geduldigen Erläuterungen der Flugbegleiterinnen zu „veg“ oder „non-veg“ Mahlzeiten und die „water-water!“ Bestellungen. Jetzt wollen alle nur noch schnell zur Toilette, um dann schon mal die ersten prall gefüllten Plastiktüten aus der Gepäckablage zu holen! Mit großer Neugierde beobachten meine Frau und ich das Verhalten der mehrheitlich indischen Passagiere und bestaunen die Geduld und die Deutlichkeit, mit der das Kabinenpersonal darauf hinweist, dass der Ausstiegsvorgang nicht schon vor der Landung begonnen werden kann! Also: Tüten zurück!

Wir wollen möglichst früh etwas von der 10 Millionenstadt Delhi zu sehen bekommen. Am Fenster drücken wir uns fast die Nasen platt. Viel ist jedoch nicht zu erkennen. Keine beleuchteten Autobahnen und keine grellen Leuchtreklamen. Aus der Höhe sieht es eher aus nach einem zunehmenden Meer von flackernden 25W Birnen, verteilt über eine größere Fläche. Von der Stadt ist noch nichts wirklich auszumachen und selbst die runway erkennen wir erst kurz vor dem Aufsetzen. Wir sind da!

Schier endlos erscheint uns der Weg, bis unsere Maschine den Ausstiegsterminal erreicht hat. An einen Ausstieg ist jedoch vorerst nicht zu denken. Mit dem Erreichen der Parkposition haben sich nahezu alle Passagiere wie auf ein Kommando erhoben und drängen sich nun auf den beiden schmalen Gängen zwischen den Sitzgruppen. Dazu das Handgepäck aus den Fächern über den Sitzen und all das, was vorher unter den Sitzen verschwunden war. Als wir unter den Letzten die Maschine verlassen, bekommen wir für einen ersten, kurzen Augenblick die Luft von Delhi zu spüren: Warme, verbrauchte Luft mit einer Duftkomposition aus Kerosin, Abgasen und verbrannten Gummireifen! Dann ein langer Weg durch das Flughafengebäude. Ab und zu in den Gängen ein Soldat oder Polizist in schmuckloser Khaki Uniform, bewaffnet mit einem Gewehr, das einem museumsreifen Jagdkarabiner ähnelt.

Um die Passabfertigung zu erreichen, vor der sich schon dichte Menschenschlangen gebildet haben, geht es mit einer langen Rolltreppe steil nach unten. Es ist schon über eine Stunde nach Mitternacht, aber es strömen noch immer Passagiere in die Halle, in der die Einwanderungsbehörde ihre Kontrollen durchführt. Auch hier ist Geduld erforderlich, aber alle warten mit der gleichen stoischen Ruhe, mit der die Beamten die Passabfertigung durchführen. Zum Glück werden wir abgeholt. Das erspart uns in der menschengefüllten Ausgangshalle und auch davor die bedrohlich erscheinende Auseinandersetzung mit den Jägern nach Taxikunden, deren aggressives Werben um Passagiere fast wie heiseres Hundebellen klingt: „Taxi, Sir!?“ Später habe ich gelernt, dass es fast unmöglich ist, nachts am Flughafen von Delhi einen Taxifahrer zu finden, dem man vertrauen könnte. Selbst heute würde ich es niemandem raten, dieses Risiko einzugehen. Ein bestellter Abholservice dort ist Gold wert.

Wir steigen im „Claridges“ ab.

Ein alt-ehrwürdiges Hotel mit englischem Namen und indischem Servicepersonal. Es liegt am Rande des riesigen Grüngürtels von Neu-Delhi, nur wenige hundert Meter vom Gandhi-Smriti entfernt, dem Haus, in dem Gandhi die letzten Monate seines Lebens gewohnt hat, bevor er dort erschossen wurde. Trotz dieser schlimmen Geschichte eine Gegend, in die man sich verlieben kann: Dieser Grüngürtel wurde in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts angelegt, um dort wunderschöne Villen im neo-klassizistischen oder sog. Kolonialstil für zumeist hochrangige Verwaltungsbeamte und andere hochgestellte Persönlichkeiten zu bauen. Mir ist keine Stadt der Welt bekannt, in der zentrumsnah so verschwenderisch mit Bauland umgegangen wurde. Heute wohnen dort immer noch ehemalige und aktive Top-Beamte oder Politiker. Jeder will dort wohnen, aber keiner will dort raus! Das nach jeder Wahl einsetzende Gerangel beschreiben und begleiten die Medien in regelmäßiger Wiederkehr in epischer Breite. Das hindert aber manche nicht daran, trotz verloren gegangenen Amtes auf ihr vermeintliches oder bisweilen mit grotesken Argumenten herbeigeredetes „Wohnrecht“ zu insistieren.

Der Eingang des „Claridges“, zu dem eine breite Treppe hinauf führt, ist hell erleuchtet. Seitlich davon sind ein gutes Dutzend von Ambassador-Taxis aufgereiht. Der Ambassador stellt seit Jahrzehnten quasi das Rückgrat der indischen Mobilität dar. Er ist überall im Land zu finden. Es handelt sich hier um ein englisches Morris Modell aus den Fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, das in Indien nahezu unverändert nachgebaut wurde und immer noch wird. Dies hat den unschätzbaren Vorteil, dass es relativ einfach repariert werden kann und es nahezu in jedem Dorf Ersatzteile gibt bzw. diese schnell zu beschaffen sind. Vom Image her rangiert der Ambassador in Indien zwischen VW und Mercedes: Zuverlässig wie ein VW und repräsentativ wie ein Mercedes. Im Straßenbild von Delhi sieht man sie ständig, die mit viel Plüsch und niedlichen Gardinen, oft auch mit einem Stander, ausgestatteten Dienstwagen der Minister und der höheren Beamten, aber kurioserweise alle ohne die eigentlich unverzichtbare Klimaanlage. Stellt man sich einmal direkt vor einen Ambassador, öffnet die Motorhaube und wirft einen Blick in den Motorraum, sieht man als erstes…. seine eigenen Schuhspitzen! Dort, wo sich in westlichen Fahrzeugen Zusatzaggregate und Elektronik drängen, weht hier frischer Wind! Dennoch: Eine Fahrt in den butterweichen Polstern eines Ambassadors sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen, bzw. wird man ihr, bei einem längeren Aufenthalt in Indien, nicht entkommen!

In der Lobby des „Claridges“ und in dem sich von dort öffnendem großen Saal herrscht Hochbetrieb. Wir sind mitten in den Empfang zu einer indischen Hochzeit geraten. Allein die Damen in ihren eleganten, in allen Farben glänzenden, Saris kreieren ein Bild wie aus 1001 Nacht. Überwältigend der Schmuck, den sie tragen: Kein Finger, der nicht mindestens einen Ring mit Steinen trägt, selbst der Daumen wird nicht ausgenommen. Perlen- und Edelsteinketten in beeindruckender Üppigkeit und auch die schmuckbehängten Ohrläppchen tragen ihren Teil zum show-down bei. Toll! Das Schauspiel ist einfach faszinierend! Für einige Minuten vergessen wir unser eigentliches Ziel. Irgendwie kommen wir uns plötzlich vor, als befänden wir uns mitten in einem Bollywood Film. Die weit mehr als hundert sehr festlich gekleideten Personen generieren außerdem einen ordentlichen Geräuschpegel und einiges an Gedränge. Dennoch, als wir uns abwenden, werden wir zügig und zuvorkommend, eigentlich auch herzlich, eingecheckt und können endlich um drei Uhr morgens Ortszeit unser Zimmer beziehen. Erleichtert setzen wir uns aufs Bett. Das wäre geschafft!

Als wir beginnen, unseren Koffer zu öffnen, klingelt das Telefon. Etwas irritiert über einen Anruf zu dieser nachtschlafenden Zeit hebe ich ab. Am anderen Ende der Leitung die fröhlich klingende Stimme eines Inders, der mich freundlich in Indien willkommen heißt. Er nennt auch gleich den eigentlichen Grund seines Anrufs: Er ist ausgewiesener Kenner des Immobilienmarktes in Delhi und bietet mir seine Dienste für das Suchen eines Hauses an. Natürlich lehne ich ab und frage mich insgeheim, woher er meinen Namen, die Information über meinen Bedarf, meine Flugdaten und den Namen des gebuchten Hotels hat. Nach zwei weiteren Anrufern dieser Art bitte ich die Rezeption, keine weiteren Anrufe durchzustellen. Auch das funktioniert. Später lerne ich: Delhi ist ein Dorf! Geheim halten kann man hier kaum etwas!

Am nächsten Morgen beim Frühstück lernen wir indischen Service kennen: Ein topgepflegter und eingedeckter Frühstücksraum, weiß behandschuhte servants, die lächeln, wenn man sie anschaut, ein Büffet, das sowohl optisch als auch qualitativ besticht und aufgrund seiner Reichhaltigkeit begeistert. Ein vielversprechender Start in das Abenteuer Indien!

Wie vereinbart, erscheint auch unser Makler. Er ist Mitte vierzig, sehr gepflegt gekleidet, mit Anzug, weißem Hemd und Krawatte und er spricht gut englisch. Er fragt nach unseren Wünschen, erläutert uns den Tagesablauf und dann geht es in seinem Wagen in den tosenden Verkehr von Delhi. Jetzt überrascht uns zum ersten Mal das, was ich später nahezu täglich immer wieder erlebe: Eindrücke, die man nicht vergisst an fast jeder Straßenecke! Später habe ich die Fahrten durch Delhi verglichen mit Episoden, die uns der Fernsehjournalist Peter von Zahn vor Jahrzehnten mit seiner Serie „Die Reporter der Windrose berichten“ regelmäßig ins Wohnzimmer geliefert hat. Unser Makler steuert mit stoischer Ruhe seinen kleinen Wagen durch den Verkehr. Ich lerne bald, dass beim Fahren eins wichtig ist: Eine funktionierende Hupe!

Dabei ist die Hupe in Indien kein Warnsignal, es ist eine Art Kommunikationsinstrument! Tüüüüt oder tüt-tüt-tüt bedeuten etwas, das jeder versteht, auch wenn es wohl niemand übersetzen kann. Unser Makler kann beides: Er kommuniziert eifrig mit der Außenwelt, unterhält sich zeitgleich nett mit uns und bereitet uns sachkundig auf die vor uns liegenden Besichtigungen vor.

Etwas außerhalb der Stadt schauen wir uns sog. Farmhäuser an. Dies sind riesengroße Häuser auf riesengroßen Grundstücken am Rande der Stadt. Teilweise toll ausgestattet, aber auch mit nicht unerheblichen Nachteilen, die spätestens beim ersten Monsunregen zu Tage treten: Wassereinbruch, Stromausfall, Moskitos oder Affen und Schlangen, um nur einige Überraschungen zu nennen. Paradoxerweise -aber nicht untypisch für Indien- fährt man oft kilometerlang durch Trümmer- und Mülllandschaften, bevor man die Idylle am Stadtrand erreicht. Bei der heutigen Dichte des Verkehrs in Delhi scheinen diese Häuser, im Gegensatz zu der Zeit vor gut zehn Jahren, für viele keine akzeptable Lösung mehr zu sein, weil allein die Anfahrt ins Zentrum mehr als eine Stunde Fahrzeit beansprucht.

Nach einem Tag Besichtigungstour haben wir zwar unser Wunschhaus noch nicht gefunden, aber wir haben erste Eindrücke sammeln können, wie Häuser in Delhi aussehen. Abends im Hotelzimmer lassen wir diese Eindrücke noch einmal Revue passieren. Wir sind uns einig, dass wir auf keinen Fall „in der Walachei“ wohnen wollen. Wir wollen näher an die Stadt, aber auch nicht ins „Westend“, wo viele Diplomaten und Ausländer leben.

Unser Zimmer im „Claridges“ ist ausreichend groß und zweckmäßig eingerichtet. An den Wänden hängen einige kolorierte Bilder, die ich mir jetzt genauer anschaue. Sie sehen aus wie Seiten aus einem Comicheft der zwanziger oder dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Eine Geschichte, die in nur vier kleinen Zeichnungen mit kurzen Bildunterschriften erzählt wird, habe ich bis heute nicht vergessen.

Die Geschichte geht so:

Zwei englische Offiziere wollen in Indien auf Jagd gehen, um einen „blue bock“ (eine heute geschützte Gattung) zu strecken. Die Genehmigung dazu erhalten sie beim Dorfältesten. Tatsächlich gelingt es ihnen, bei letztem Büchsenlicht einem „blue bock“ am Waldrand den Schuss anzutragen. Als sie den Ort des Anschusses aufsuchen, stellen sie jedoch erschrocken fest, dass sie nicht den gewünschten Bock erlegt, sondern eine alte Frau aus dem nahegelegenen Dorf erschossen haben! Nun ist guter Rat teuer! Die Offiziere wenden sich an den Dorfältesten und nach endlos langem Palaver einigt man sich, die ganze Angelegenheit gegen eine „Ausgleichszahlung“ von 900 Rupees in die Dorfkasse zu vergessen. Die beiden Offiziere sind erleichtert.

Mehrere Wochen später erscheint plötzlich und überraschend der Dorfälteste bei den beiden Offizieren und fragt, ob sie nicht noch einmal auf einen „blue bock“ jagen wollen. Erstaunt über dieses Angebot fragen sie ihn, warum und wieso er denn auf dieses Angebot komme. Seine Antwort: „Women are in plenty, but rupees are scarce!“

Angesichts der andauernden Berichte über Misshandlungen und Vergewaltigungen von Frauen in Indien kann es einem bei solchem „Humor“ nur eiskalt den Rücken hinunter laufen!

Nur eine Woche haben wir Zeit, ein geeignetes Haus zu finden. Wir fahren kreuz und quer durch Delhi und schauen uns eine Vielzahl von Häusern an. Dann, am vorletzten Tag unseres Aufenthaltes -fast schon entmutigt- werden wir fündig! Unser Makler fährt uns in ein Wohngebiet, in dem nur Inder leben. Die Häuser stehen in großen, alten Gärten, ein Anblick, der wegen des rasanten Anstiegs der Baulandpreise in Delhi selten geworden ist. Das von uns angesteuerte Grundstück ist von einer hohen Mauer umgeben. Wir halten vor dem doppelflügeligen, schmiedeeisernen Gartentor, das aber durch die Belegung mit Schilfrohrmatten nicht einsehbar ist. Der Makler drückt energisch auf die Hupe: Tüüüt! Inzwischen weiß ich: Das heißt: „Tor auf!“ Und tatsächlich öffnen sich beide Torflügel und ein servant mit devot gesenktem Kopf lässt uns einfahren.

Das Haus, auf das wir nun zufahren, ist schon von außen eine Wucht: Ein weißer Klotz im Kolonialstil, so wie von uns erhofft und von den meisten für unmöglich gehalten, mit dicken Säulen an der repräsentativen, überdachten Veranda, die in den großen und äußerst gepflegten Garten hineinragt. Gebaut in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts von einem stadtbekannten deutschen Architekten in grundsolider Ausführung. Wir sind begeistert!

Am Abend soll dann das entscheidende Gespräch mit dem Hausbesitzer stattfinden. Auf der Fahrt dorthin gibt uns der Makler noch Tipps für die Verhandlung: Er weiß, welcher Preis gefordert wird und er erklärt uns, welcher Spielraum eventuell möglich ist. Wir sind aufgeregt.

Bei der Einfahrt ins Grundstück erkennen wir, dass sich das Eigentümerehepaar und die mit ihnen lebende alte Mutter, deren Mann das Haus hatte bauen lassen, filmreif im Garten zum Empfang der Interessenten aufgebaut haben. Beide Damen in eleganten Saris und der „landlord“ im dunklen Anzug. Auf dem Weg über den weitläufigen Rasen denke ich noch: „Wenn das mal gut geht“, da höre ich, dass unser Makler neben mir knatternd und geräuschvoll „einen fahren“ lässt! Ich weiß noch, dass mir damals in dem Moment so einige Dinge durch den Kopf gingen, aber ich wagte nicht, weder den Makler noch meine Frau anzuschauen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob nicht doch unsere indischen Gastgeber von dieser Erleichterung etwas mitbekommen haben, auf jeden Fall haben sie sich nichts anmerken lassen. Möglicherweise ist ja das Ganze mit seinen unterschiedlichen Auswirkungen in den weit geschnittenen Hosenbeinen seines Maßanzuges hängengeblieben. Dass ich dann die Damen zuerst begrüßte, war wohl ein Verstoß gegen indische Gepflogenheiten, ich bin mir aber sicher, dass ich allein dadurch zwei Fürsprecher auf meiner Seite hatte. Auch hatten sie wohl nicht mit einer Begrüßung in Hindi gerechnet, ihre wohlwollende Überraschung war ihnen anzumerken.

Im leeren Haus saßen wir dann in einer Runde auf Gartenstühlen und steckten die Rahmenbedingungen ab. Nach zwei Stunden waren wir uns einig. Der Mietvertrag wurde am nächsten Tag, kurz vor unserem Rückflug nach Deutschland, unterschrieben.

Das Abenteuer Indien konnte beginnen.

Über dieses Buch

Die Bibliografie am Ende dieses Buches deutet es an:

Viele kluge Frauen und Männer, darunter Professoren und Journalisten, haben Bücher über Indien geschrieben. Sie haben Fakten zusammengetragen, sie miteinander verknüpft, ein Bild, so wie ein Puzzle, zusammengefügt und ihre Schlussfolgerungen gezogen. Bisweilen sind ihre Darstellungen etwas reißerisch betitelt mit Vokabeln wie „Superpower Indien“ oder „Weltmacht.“ Sicherlich wurde dadurch die spontane Kaufentscheidung gefördert, aber wohl auch in gewisser Weise das analytische Ergebnis des Faktenkonvoluts präjudiziert.

Dennoch sehen heute nicht alle Autoren oder Beobachter Indiens Indien auf dem Weg zur Supermacht. Vielmehr scheint es, als ob eine Art Gegenbewegung zur neuen Politik Indiens entstanden ist, die sich trotz aller euphorischen Visionen des offiziellen Indien den Blick auf die Realitäten des Landes nicht hat verstellen lassen. Allein die flächen- und bevölkerungsmäßige Größe des Landes, von Indern nicht selten als seine Stärke bezeichnet, ist eine nicht wegzudiskutierende Last, deren seit Langem bestehende Mängel weder in einem „großen Wurf“, geschweige denn in einer einzigen Legislaturperiode einer Regierung, beseitigt werden können. Armut, Bildung, Gesundheit, Trinkwasserversorgung, Infrastruktur, Ausbildung von Fachkräften und ein nur zu oft wenig effizienter Verwaltungsapparat sind nur einige der „Baustellen“, die in Angriff genommen und beseitigt werden müßten, soll es zu einer grundlegenden und für jedermann spürbaren Änderung der Verhältnisse kommen.

Mir geht es jedoch nicht darum, einer der beiden groben Einschätzungen -Supermacht oder doch nur Entwicklungsland- Recht zu verschaffen, sondern Gründe darzulegen, warum dieses Indien so ist, wie es ist, welche Faktoren maßgeblich zum jetzigen Zustand beigetragen haben und welche positiven Entwicklungschancen sich unter Berücksichtigung welcher Vor- und Rahmenbedingungen ergeben könnten.

Als ich im ersten Jahr meines insgesamt über vierjährigen Aufenthalts in Indien Lehrgangsteilnehmer des renommiertesten politischen und militärpolitischen Lehrgangs Indiens, den der Staat für hochrangige Beamte und Offiziere (einschließlich einiger Ausländer) anbietet, war, wurde ich in den dort gehaltenen, oft sehr eindrucksvollen, Vorträgen mit dem Begriff des „mindset“ konfrontiert. Immer wieder wurde, sowohl von Vortragenden, als auch von Lehrgangsteilnehmern, die Formulierung gebraucht: „We have to change our mindset!“ Oft stand diese Forderung am Ende einer Negativliste von Ereignissen, deren Eintreffen oder Existenz man zwar bedauerte, deren Abwendung oder Verhinderung aber offensichtlich nicht möglich gewesen war. Mir erschien dieser Wunsch nach einer Änderung des „mindset“ ähnlich der auch schon einmal in unserem Land von allerhöchster Stelle aufgestellten Forderung, ein „Ruck“ müsse durch unsere Gesellschaft gehen. Das ist aber, weder bei uns, geschweige denn in Indien, ein leichtes Unterfangen und ich werde nicht der Hybris verfallen, zu diesem „Unternehmen“ Ratschläge erteilen zu wollen.

Vielmehr will ich mich auf den Weg machen, den indischen mindset zu suchen, zu finden und Erklärungen hinsichtlich seiner Ausprägung und Eigenartigkeit zu formulieren. Erstaunlicherweise kommt der Begriff des mindset in keinem der in der Bibliografie aufgelisteten Bücher vor. So mache ich mich allein auf die Suche nach dem, was man, um einen technischen Ausdruck zu wählen, als zentrales Steuerelement allen indischen Denkens und Handelns bezeichnen könnte. Am Ende aber wird, das kann ich jetzt schon sagen, keine einprägsame oder griffige Formel stehen! Indiens Größe und Vielfalt verbieten dies. Aber ich werde Ihnen Indien und die Inder aus über vierjährigem eigenen Erleben vor Ort und unter und mit ihnen beschreiben. Die Authentizität des Erlebten steht dabei im Vordergrund. Historische und politische Fakten dienen der Erhärtung meiner Feststellungen, sie sind jedoch, paradoxerweise, nur zu oft keine Erklärung für das beschriebene Handeln.

Bei dieser Vorgehensweise kommt man nahezu zwangsläufig in Grenzbereiche der sog. political correctness, will man Zustände in Indien und das Verhalten der Menschen dort deutlich und ungeschminkt darstellen. Allerdings bleiben die von mir benutzten Formulierungen und Wertungen deutlich hinter dem zurück, was man zu hören bekommt, wenn Inder selbst ihr Land und die in ihm herrschenden Verhältnisse bewertend darstellen.

Was in diesem Buch über Indien oder „die Inder“ gesagt wird, beruht natürlich, trotz mehrerer Jahre des Aufenthaltes dort, auf einer begrenzten Anzahl eigener Erlebnisse. Jedoch haben sich die Erkenntnisse vielfach bestätigt. Aber auch wenn die kritischen Beschreibungen und Bewertungen wie ein roter Faden das Gesagte verbinden, so wird -hoffentlich- auch deutlich, dass die Motivation des Autors zur Niederschrift des Erlebten aus der Sympathie, manche würden es sogar Liebe nennen, für das Land und seine Menschen herrührt. Die Authentizität Indiens und seiner Menschen, die überwältigende Vielfalt des Landes, deren extreme Pole von steinreich bis bettelarm alles in den Schatten stellen, was unser wohl geordnetes Europa und wir als Europäer je gesehen haben und wir uns in vielen Fällen noch nicht einmal vorstellen können, ist ein lebender Beweis dafür, wie bunt, wie schön, wie hart -und letztlich doch- wie lebenswert dieses Leben ist.

Wer Indien nicht nur durch die Scheiben eines klimatisierten Reisebusses angeschaut hat, sondern es über einen längeren Zeitraum wirklich erlebt, d.h. gefühlt, gerochen, geschmeckt, gehört und gesehen hat, und wer sich dabei noch den berühmten Satz von Saint Exupéry aus dem „Kleinen Prinzen“ zu eigen gemacht hat „man sieht nur mit dem Herzen gut“, der wird in seinem Innersten beeindruckt, nachdenklich und vielleicht sogar verändert in seine Heimat zurückkehren.

Ganz ähnlich hat es Herrmann Hesse, wenn auch vor längerer Zeit, ausgedrückt:

„Wer einmal nicht nur mit den Augen, etwa als Luxusreisender auf einem Touristendampfer, sondern mit der Seele in Indien gewesen ist, dem bleibt es ein Heimwehland, an welches jedes leiseste Zeichen ihn mahnend erinnert.“ (Herrmann Hesse: „Sehnsucht nach Indien“ in Lesebuch von Goethe bis Grass, Herausgeber: Veena Kade-Luthra bei Beck´sche Reihe, München 1993).

Sein Satz stammt allerdings aus einer Zeit, als die Menschen im Westen Indien als eine Art träumerisch verklärten Gegenpol zur rational durchorganisierten westlichen Welt ansahen. Die dort vermuteten geistigen Reichtümer haben viele Menschen nach Indien gebracht, u.a. die Beatles und Günter Grass, aber allein an diesen beiden Beispielen und deren Bewertungen zeigt sich, wie unterschiedlich das Resümee eines solchen Aufenthaltes ausfallen kann.

Mein Buch will und soll Sie motivieren, Indien zu bereisen, näher kennen zu lernen und vielleicht sogar zum Standort einer kommerziellen Unternehmung zu machen. Es richtet sich also nicht nur an Touristen, sondern auch an mutige, oft aber auch sträflich ahnungslose, Investoren, die in Indien Millionen, in Extremfällen sogar Milliarden investieren wollen oder wollten, aber in nicht wenigen Fällen ihre Projekte in der genannten Größenordnung „in den Sand“ gesetzt haben. Allein über diesen wirtschaftlichen Bereich könnte man ein umfangreiches Buch füllen und zusätzlich, als Konsequenz, ein Lehrbuch verfassen.

Kein Zweifel, für Indien gilt die Erkenntnis: „Wenn Du Dich in einen anderen Kulturkreis begibst, mache Dich vorher klug!“

Die Lektüre wird Ihnen helfen, Indien und „die Inder“ zu verstehen, ihr Handeln und Verhalten vorausschauend zu erkennen, sowie Umgangs- und Verhaltenssicherheit im Alltag, aber auch in anspruchsvollen Begegnungen, zu erwerben. Indien kann, auch im direkten Wortsinn, eine Bereicherung für den Besucher darstellen, zu welchem Zweck auch immer. Aber hüten Sie sich vor zu viel Selbstbewusstsein! Es könnte, genauso wie Blauäugigkeit, zur größten Enttäuschung Ihres Lebens führen.

Auch für all´ diejenigen, die noch nie in Indien waren und auch niemals dorthin möchten, kann dieses Buch eine Hilfe und eine Bereicherung sein: Realistisch zu erfahren, wie anders die Welt auf der anderen Seite unseres Globus ist und unter welch anderen Bedingungen dort das Leben von Millionen von Menschen abläuft, kann das oft auf Anspruchsdenken ausgerichtete Leben eines „Westlers“ ordentlich erschüttern und möglicherweise zu einer Neuorientierung führen. Und wer als Leser die vielen Eindrücke nicht gleich oder sogar nur bewertend zur Kenntnis nimmt, sondern dem Staunen eine Chance gibt, dem wird mit großer Sicherheit am Ende ein Gefühl der Dankbarkeit geschenkt werden, nämlich darüber, das Glück gehabt zu haben, in unserer westlichen Welt geboren worden zu sein.

Grundsätzliche Betrachtung

Dem Neuankömmling in Indien stellt sich das Land zunächst einmal mit einprägsamen Slogans und großartigen Schlagwörtern vor: „The largest democracy of the world“ ist eins davon, „Land of God“ ein weiteres und „Unity in diversity“ als ein erster Hinweis auf das Nebeneinanderherbestehen von eigentlich Unvereinbarem. Würde man mich auffordern, Indien in einem Satz zu beschreiben, was eigentlich unmöglich ist, würde ich nur sagen: “Indien ist anders!“ Indien kann man nur sehr unvollkommen theoretisch erklären und darstellen, so wie man dies mit Deutschland oder jedem anderen Land in Europa könnte. Indien muss man erschauen und mit allen seinen Sinnen erleben, um es in seinem Charakter auch nur einigermaßen erkennen zu können. Indien hat eine Vielzahl, besser: Eine Unzahl von Facetten, die oft eher zur diversity als zur unity beitragen, die sich teilweise widersprechen, keinen Sinn machen oder sich gegenseitig völlig ausschließen.

Wer Indien beschreiben will, sollte sich um Fakten bemühen. Da allerdings fängt das erste Problem bereits an: In Indien gibt es keine zuverlässige Quelle für statistische Daten. Agenturen, die Statistiken herausgeben, stützen sich auf grobe Schätzungen oder liefern einfach nur die Zahlen, die politisch gewünscht werden. So würde kein Inder eine Rupie darauf wetten, dass die derzeitige Bevölkerungszahl tatsächlich bei 1,2 Milliarden liegt oder ob Delhi 14 oder 16 Millionen Einwohner hat. Was bedeuten schon ein paar Millionen bei einer Gesamtbevölkerung von über einer Milliarde? ( An dieser Stelle muss aber auch gesagt werden, dass z.B. Jean Drèze und Amartya Sen in ihrem Buch „Indien, ein Land und seine Widersprüche“, erschienen bei C.H. Beck, München 2014, eine Fülle von Fakten, Statistiken, Erhebungen und Verlaufskurven bringen, die aus meiner Sicht einmalig und wohl auch belastbar sind. Auf jeden Fall stützen diese Fakten die in diesem Buch abgegebenen Bewertungen.)

Wie auch immer: Indien hat etwa 15x mehr Menschen als die Bundesrepublik Deutschland und ist nahezu 10x größer als unser Land. Gut 3000 km lang und ebenso breit ist es politisch untergliedert in 29 Bundesstaaten und 7 Unionsterritorien. Der größte Bundesstaat, Madhya Pradesh, ist immer noch 25% größer als die Bundesrepublik Deutschland und hat etwa 80 Millionen Einwohner. Die statistische Analphabetenquote Indiens liegt bei etwa 50%, in einigen Bundesstaaten und insbesondere für Frauen ist sie jedoch deutlich höher. Laut Verfassung ist Hindi die Landessprache, aber gleichzeitig sind 18 andere Sprachen als Bundesstaatssprachen zugelassen. Englisch ist die Sprache für gesetzgeberische und juristische Angelegenheiten. Allerdings beherrschen nur etwa 5% der Inder die englische Sprache gut, weitere 5% leidlich, der übrige Teil der Bevölkerung nicht. Damit sprechen zwar über 100 Millionen Inder Englisch, aber es ist letztlich nur ein geringer Teil der Bevölkerung. Dies mag für viele Leser überraschend sein, aber die Tatsache, dass in unseren Medien nahezu ausschließlich englisch sprechende Inder zu Wort kommen, nährt nun einmal die Perzeption, dass alle Inder englisch sprechen. Diese Einschätzung ist jedoch falsch.

Über 70% der Inder leben auf dem Land. Diese Tatsache ist eine Erklärung für die hohe Analphabetenquote und gleichzeitig ein nicht zu unterschätzender konservativer Beharrungsfaktor, der bei allen politischen Reformvorhaben zu berücksichtigen ist.

Das statistische Pro-Kopf-Einkommen pro Jahr liegt bei etwa 1500 US Dollar, in Deutschland ist es fast 30 mal höher. Tatsächlich kann der Unterschied noch deutlicher zu Ungunsten Indiens ausfallen, da dort die Einkommensunterschiede gravierend sind und diese Extreme bei der statistischen Ermittlung abgemildert werden. Etwa 30% der Inder leben unterhalb der sog. Armutsgrenze, ein Begriff, der in Indien an der täglich zur Verfügung stehenden Geldmenge fest gemacht wird. Für das Leben auf dem Dorf sind das 27 Eurocent pro Tag, in der Stadt sind es 33 Eurocent. Wer unter diese Betragsgrenze fällt, gilt als arm, wer darüber liegt, gilt als normal. Andere Faktoren, ob man etwa ein Dach über dem Kopf hat oder Trinkwasser zur Verfügung steht, spielen keine Rolle, sind aber absolut nicht selbst-verständlich. Maßnahmen zur Verbesserung der Situation konzentrieren sich nur zu oft auf eine Manipulation der Zahlen, nicht jedoch auf Anstrengungen, um eine fühlbare Besserstellung der Ärmsten zu erreichen. Dabei sind Lebensmittel bei weitem keine Mangelware in Indien. Die Märkte quellen über, insbesondere bei agrarischen Produkten. Die permanente Preissteigerung und ganz besonders Missernten machen sich jedoch sofort beim Endverbraucher bemerkbar. Lagervorräte, mit denen Engpässe ausgeglichen werden könnten, gibt es kaum, weil in den Lagerhäusern wegen Strommangel oder Stromausfall die Kühlung oft nicht funktioniert und die Vorräte dadurch verrotten. Im Punjab, dem Bundesstaat, der die meisten Agrargüter produziert, sind sogar Strom, Wasser und Abfallbeseitigung für Landwirte bzw. landwirtschaftliche Zwecke kostenlos. Als Folge dieses nur scheinbar paradiesischen Zustandes ist jedoch dies eingetreten:

Die Privilegien werden nicht nur, wie eigentlich vorgesehen, in der Landwirtschaft genutzt, sondern durch geschicktes, aber illegales, „Anzapfen“ auch in Privathäusern bzw. durch Unberechtigte. Trinkwasser wird als kostenfreies Gut, wie oft auch sonst an öffentlichen Wasserstellen im Land, bedenkenlos verschwendet. Die Folgen dieses Verhaltens sind Strommangel und Trinkwasserknappheit. Flüsse und Landschaften werden durch unzureichend organisierte Müllbeseitigung und unverantwortliches sowie unaufgeklärtes Verhalten der Verbraucher nachhaltig geschädigt. Keine der politischen Parteien würde es wagen, eine Rücknahme der für die ausgewählte Verbraucher- bzw. Erzeugergruppe vorteilhaften, letztlich aber durch massenhaften Missbrauch für die Gesamtgesellschaft schädlichen Regelung zu fordern. Wählerstimmen- und Machtverlust für die entsprechende Partei und ihre Repräsentanten wären die unvermeidliche Folge.

So ist Modi nach dem am Ende müde, verbraucht und energielos wirkenden Manmohan Singh wie ein neuer Heilsbringer begrüßt worden. Aber mehr noch als das Zurückbleiben der Kongressregierung hinter ihren selbstgesteckten Zielen war wohl der Grund für den Wahlsieg Modis die Perzeption der indischen Wähler, dass dieser für etwas stand und steht, das jeder Inder als Gipfelpunkt einer nationalen Entwicklung ansieht: Indien als Großmacht!

Indien soll eine Großmacht werden! Und dies nicht nur im regionalen oder überregionalen Bereich, sondern eine richtige „Superpower“. Man orientiert sich dabei an den USA oder China oder an einer Macht, wie es die Sowjetunion einmal war.

„India emerging as a superpower in the next two, three decades” ist eine, übrigens nun schon seit Jahrzehnten, benutzte Formulierung, die immer wieder mit Stolz, Wohlwollen und vor allen Dingen ohne Fragezeichen gebraucht wird. Modi bedient diesen Traum. Ob einer seiner ersten Anstöße zu Veränderungen im Land, der landesweite Toilettenbau, weitgehend ohne Anschluss an die Kanalisation, einen Schritt hin zu dem großen Ziel darstellt, erscheint allerdings schwer vorstellbar. Er, der in den indischen Medien als „loner“, also als Einzelgänger, dargestellt wird, und dies auch wohl ist, hat bis zum Schreiben dieser Zeilen Ende 2016 noch keinen „Masterplan“, nur einzelne, teilweise sehr oder sogar zu ambitioniert wirkende Projektideen vorgelegt. Noch ist es zu früh, um zu belegen, dass der Name Modi zu einem Qualitätssiegel wird!

Dennoch oder vielleicht gerade deswegen ist der Hype um seine Person ungebrochen. Medienwirksam setzt er sich in Szene. Das Volk jubelt ihm zu. Ist er endlich der, den man sich seit Jahrzehnten gewünscht hat und der nun wirklich Indien zu neuen Ufern führt? Auf der Welle einer nationalen Idee „Indien auf dem Weg zur Supermacht“ lässt sich gut surfen. Rationale Argumente oder gar Warnungen bleiben auf der Strecke. Die Überzeugung, dass es so kommen wird, wird überraschenderweise selbst dann zum Ausdruck gebracht, wenn Experten vorher extrem kritische Analysen bezüglich Indiens Entwicklung vorgetragen haben. Es gehört eben zu den Unverständlichkeiten indischen Denkens und Handelns, dass Wunschvorstellungen kritische Analysen vergessen machen können. Das Erfordernis von wirtschaftlicher Stärke als Grundvoraussetzung jeder politischen und militärischen Machtstellung wird bejaht, aber anscheinend sofort wieder vergessen. Beim Hinweis auf die vielen, oft seit Beginn der Unabhängigkeit bestehenden Unzulänglichkeiten, Versäumnisse und Fehlentwicklungen, wird immer wieder auf einige wenige Vorzeigetechnologien verwiesen, die als Indikatoren für eine insgesamt positive Entwicklung gelten sollen.

Tatsächlich gibt es in Indien einige Technologiebereiche, in denen Weltniveau erreicht wurde: Die Erfolge der indischen Weltraumbehörde ISRO (Indian Space Research Organisation) sind heute das Aushängeschild indischer Forschung und Technologie. ISRO hat seit den siebziger Jahren schrittweise und unter Ausnutzung internationaler Kooperationsprogramme, auch mit Deutschland, ein Weltraumprogramm aufgebaut, das Indien zu einem vollwertigen Mitglied des exklusiven Clubs der Weltraumstaaten gemacht hat. Indien war relativ früh in der Lage, mit eigenständig entwickelten und produzierten Trägerraketen Fernerkundungs- und andere Satelliten in eine Erdumlaufbahn zu befördern. Die Marsmission stellt den bisherigen Höhepunkt dieser Entwicklung dar. Dies ist ohne Abstriche anzuerkennen.

ISRO ist auch auf dem Gebiet der Entwicklung und Herstellung von Kommunikationssatelliten sehr erfolgreich. So verfügt Indien über eins der größten, wenn nicht das größte, zivile nationale Kommunikationssatellitensystem.

Aus technologischer Perspektive muss auch das schon 1948 begonnene und eigenständig betriebene Kernenergieprogramm nach den Tests von Mai 1998 als erfolgreich angesehen werden. Indien hat mit diesem Programm immer zivile und militärische Zwecke gleichermaßen verfolgt, um sich die sog. nukleare Option offen zu halten. Nach anfänglichen Missfallensäußerungen scheint es so, als habe sich die Welt, einschließlich Deutschlands, inzwischen an die Situation gewöhnt, auch wenn Indien dem Atomwaffen-Sperrvertrag nicht beigetreten ist. Ein schönes Beispiel der normativen Kraft des Faktischen.

Auch in der Softwareentwicklung und –herstellung, besonders für ausländische Kunden wie internationale Fluggesellschaften oder Banken, hat sich Indien einen weltweit guten Ruf erworben. Neben dem Export gehören sie zu den Stärken der indischen Informationstechnologie. Software aus Indien ist begehrt wegen der bemerkenswerten Kreativität der indischen Ingenieure und Techniker sowie wegen des günstigen Kostenfaktors. Trotz jährlicher Steigerungsraten macht dieser Bereich jedoch insgesamt nur etwa 3 Prozent des indischen Bruttosozialproduktes aus. Im Übrigen ist Indien auch führend in der „Produktion“ von Ingenieuren. Kein Land bildet weltweit mehr Ingenieure aus. Aber: Spitzenleute wandern ab in die USA, vereinzelt auch nach Europa oder finden in den relativ begrenzten Hochtechnologiebereichen in Indien Anstellung. Ein großer Teil findet allerdings entweder wegen des geringen Entwicklungsstandes des Landes oder wegen zu geringer Qualifikation keine Anstellung.

Im Bereich der Rüstungsindustrie gibt es trotz großzügiger Bereitstellung von Mitteln nur sehr begrenzte „Erfolge“. Dies gilt auch für das erklärte Ziel, „totally indigenous“ Produkte, also Produkte, die ohne ausländische Unterstützung allein im Land entwickelt und produziert werden, herstellen zu wollen. So kommt z.B. das bereits in den frühen achtziger Jahren begonnene Programm für den Kampfpanzer Arjun, benannt nach Arjuna, einer der wichtigsten Heldengestalten aus dem indischen Epos Mahabharata, nicht wirklich voran. Behaftet mit z.T. haarsträubenden Mängeln und trotz eines Antriebsaggregats aus Deutschland, das bei uns allerdings als Auslaufmodell galt und für das der gesamte Aufbau noch einmal geändert werden musste, wurde der Öffentlichkeit jahrelang das gleiche Vorführmodell präsentiert. Dass seit dem Jahr 2000, parallel zur Weiterentwicklung des Arjun, mehr als 300 russische Kampfpanzer T-90 in die Armee eingeführt wurden, macht deutlich, wie groß das Vertrauen in die Eigenentwicklung ist und wie schwer es dem Land fällt, die Eigenentwicklung zu einem guten Ende zu führen. Inzwischen sind allerdings gut hundert Arjun in die Armee eingeführt. Ob sie nach einem Entwicklungszeitraum von fast dreißig Jahren tatsächlich und wirklich alle geforderten Kriterien erfüllen, bleibt fraglich.

Ebenfalls seit den achtziger Jahren wird das Light Combat Aircraft (LCA, heute: Tejas) entwickelt, das nach indischer Beschreibung ein leichtes Kampfflugzeug mit hoher Waffenzuladung werden soll. Das bei so einer Verquickung von gegensätzlichen Extremen, leichtes Flugzeug einerseits und hohe Waffenzuladung andererseits, das Projekt bis heute nicht aus der Testphase heraus gekommen ist, ist nachzuvollziehen. Höchst verwunderlich aber ist, dass gerade dieses Flugzeug nun zu dem MRCA (Multi Role Combat Aircraft) werden soll, das monatelang vorher in einem „Wettbewerb“ verschiedener ausländischer Hersteller und ohne Beteiligung indischer Firmen oder Wettbewerber als das Geeignetste ausgesucht wurde.

Die Freude Frankreichs über die Erklärung der Rafale zum Sieger des Wettbewerbs und damit zur Hoffnung auf den Erhalt eines Auftrags zur Herstellung und Lieferung von 130 Kampfflugzeugen währte nicht lange. Kurz nach der Übernahme der Amtsgeschäfte durch die Regierung Modi wurde der in Rede stehende Auftrag auf 30 Stück gekürzt. Zusätzlich wurden weitere Forderungen seitens Indien gestellt. Der größte europäische Flugzeughersteller EADS, der mit seinem Typhoon-Modell nur den zweiten Platz dieses Schein-Wettbewerbs belegt hatte, angeblich wegen eines zu hohen Stückpreises, hatte wohl zu lange an einen fairen und transparenten Wettbewerb geglaubt, wie er von höchster Stelle aus versprochen worden war. Am Ende musste er einsehen, dass er, bildlich gesprochen, am Nasenring durch die Manege gezogen worden war. An anderer Stelle werde ich auf diesen Fall und ähnliche Beispiele noch näher eingehen.

Zur angesprochenen Verzögerung des Tejas Projektes hatte auch beigetragen, dass man trotz der vollmundigen Forderung nach einem „totally indigenous“ Endprodukt von Anfang an wusste, dass die Entwicklung eines eigenen Triebwerks nicht leistbar sein würde. Man hatte deshalb auf eine Beschaffung aus dem Ausland (Deutschland oder USA) gesetzt. Da aber nach den Nukleartests im Mai 1998 die Lieferung wichtiger Rüstungsgüter nach Indien für einige Zeit unterblieb, konnte die endgültige Festlegung auf ein amerikanisches Triebwerk (von General Electric) erst im Jahr 2013 erfolgen. Die nunmehr offensichtliche Neufestlegung des Auftrags für das Tejas setzt jedoch umfangreiche Änderungen voraus: Man kann sagen, ein ganz anderes Kampfflugzeug als bisher geplant muss entwickelt werden. Bis dieses neue Flugzeug bereit steht, wenn es denn überhaupt kommt, werden weitere Jahrzehnte ins Land gehen.

Alle diese Projekte, aber bei weitem nicht nur militärische, leiden an einem inner-indischen Syndrom, das möglicherweise mehr als alles andere dafür verantwortlich ist, dass sie nicht oder kaum vorankommen. Es ist das, was die Inder selbst als „mindset“ bezeichnen. Darunter versteht man mehr als den Charakter, es ist u.a. Herangehensweise an ein Problem sowie der Ablauf eines Entscheidungsprozesses. Defizite sind berufliche Ethik, Ehrgeiz, Wille, Durchhaltevermögen, Teamwork, Verlässlichkeit, Genauigkeit und Pünktlichkeit, um nur einige zu nennen. Oft wird Deutschland in diesem Zusammenhang als leuchtendes Beispiel dargestellt.

„We have to change our mindset“ ist eine von indischen Analytikern oft aufgestellte Forderung, die allein angesichts der indischen Bevölkerungszahl als nicht realisierbar erscheint. Hätte man dennoch den Willen, eine solche Forderung zu verwirklichen, so wäre dies nur über breit angelegte Erziehungs- und Ausbildungsmaßnahmen zu erreichen, für die jedoch im derzeit bestehenden politischen Spektrum keine Mehrheiten zu finden sind. Alle indischen Analytiker, denen ich zugehört habe, sahen Indien auf dem Weg zur Großmacht und veranschlagten dafür 30 oder auch 50 Jahre. Aber sie alle basierten auf Annahmen und setzten entscheidende Veränderungen voraus, deren Eintreten eigentlich damals schon nicht zu erwarten war. Heute entlarvt sich die damalige Realitätsferne als bittere Wahrheit, die aber nicht als solche von allen zur Kenntnis genommen wird. Aber auch das scheint eine Charakteristik des mindset zu sein.

Abdul Kalam, ehemals wissenschaftlicher Berater des Premierministers, Visionär, geistiger Vater der indischen Raketentechnologie, dem Aushängeschild indischer Forschung und Technik, wohl auch Vater der Nukleartests, Karrierist bis hin zum Präsidenten der Republik und Vorzeigemuslim einer sonst hinduistisch ausgerichteten Regierungselite, war ein geradezu beispielhaft auf unerschütterlichen Optimismus ausgerichteter Vertreter dieser Zunft. Bis zu seinem plötzlichen Tod im Juli 2015 war sein Slogan: „We can do it!“ („Wir schaffen das!“) und er sah Indien als ein „developed country" im Jahr 2020 voraus. Angesichts beachtlicher Einzelleistungen, wie z.B. im Bereich Trägerraketen und Satelliten, waren und sind noch immer viele geneigt, ihm zu glauben. Allerdings kann Kalam mit zu all denen gezählt werden, die glauben, bzw. glaubten, Weltmachtstatus erreicht zu haben, wenn man im Besitz bestimmter einzelner Attribute einer Weltmacht ist, wie sie in Indien und von Indern gesehen werden: Nuklearwaffen z.B. gehören dazu, aber auch große und eindrucksvolle Streitkräfte, die über Flugzeugträger und Mittel- und Langstreckenraketen verfügen, ebenfalls und natürlich ein permanenter Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Kalam war bis zu seinem Ende ein Gernredner, aber auch ein gern gesehener bzw. gehörter Redner. Allerdings sind die zeitlichen Festlegungen seiner Voraussagen zum Schluss weniger bzw. weniger konkret geworden.

Den indischen Erfolgen oder Teilerfolgen in einigen Nischenbereichen, von denen man sich nicht blenden lassen sollte, stehen erhebliche Mängel in nahezu allen Bereichen des täglichen Lebens gegenüber.

Die in den Nischenbereichen erreichten Normen konnten in keiner Weise in den Alltagsbereich übertragen werden. Die Mehrzahl der indischen Industrieprodukte ist wegen mangelhafter Qualität außerhalb Indiens nicht zu verkaufen. Es ist offensichtlich, dass ein solcher Zustand den Aufbau des Landes nicht unterstützt.

Hinzu kommt, dass Indiens gesamte Infrastruktur so marode ist, dass sie eine wirtschaftlich positive Entwicklung nicht nur graduell hemmt, sondern erhebliche Investitionen erfordert, bevor ein wirtschaftlicher Aufschwung in Gang gesetzt werden kann. Straßen, Häuser, Häfen, Flugplätze, Kommunikationssysteme, Strom- und Wasserversorgung, sie alle befinden sich oft in einem so desolaten Zustand, dass sie nur unter sehr starken Einschränkungen ihren Auftrag erfüllen und bisweilen sogar lebensbedrohend sind. In diesem Zusammenhang ist auch der extreme Unterschied zwischen Stadt und Land zu betrachten: Fährt man mit dem Wagen aus Delhi hinaus aufs Land, so ist dies oft schon nach wenigen Kilometern eine Zeitreise vom 21. Jahrhundert ins Mittelalter. Selbst wenn in indischen Städten, auch in Delhi, das Stadtwasser, übrigens in gesundheitsgefährdender Qualität, nur zwei Stunden am Morgen und zwei Stunden am Abend ins Haus kommt, oft übrigens nur mit Hilfe illegaler „Booster“-Pumpen, die das Wasser für den privaten Haushalt aus dem Netz absaugen (zum Nachteil derer, die sich eine solche Pumpe nicht leisten können), es gefiltert und gekocht werden muss, bevor es verwendet werden kann, der Strom mehrfach am Tag, manchmal für Stunden, ausfällt und die Luftverschmutzung extreme Ausmaße angenommen hat, ist das Land, und 70% der Inder wohnen auf dem Land, noch sehr viel schlimmer dran.

Wasser ist bezüglich Verfügbarkeit und Qualität das größte Problem. In dieser Hinsicht befindet sich Indien auf der Stufe eines Entwicklungslandes. Wenn z.B. im Distrikt Rohtak, ca. 70 km nordwestlich von Delhi, die dort befindliche Wasseraufbereitungsanlage bestreikt wird oder defekt ist, hat die gesamte indische Hauptstadt kein Wasser. Außerhalb der Stadtzentren, selbst in Delhi, wird das Wasser an öffentlichen Wasserplätzen mit Handpumpen in metallene Gefäße befördert, die dann auf dem Kopf, meistens übrigens von Frauen, zum Wohnplatz der Familie getragen werden. Für diese Tätigkeit sind in manchen Landesteilen bis zu vier Stunden pro Tag aufzuwenden. Das Wasser ist von miserabler Qualität und selbst tiefstes Grundwasser ist extrem belastet. Als wir unser Haus in Delhi bezogen, war gerade ein neuer Brunnen für die Gartenbewässerung gebohrt worden. Bei 35m Tiefe war man fündig geworden. Nach vier Jahren war der Wasservorrat dieses Brunnens erschöpft. Ein neuer Brunnen musste gebohrt werden. Bei 75m Tiefe war man erfolgreich!

Auch im Bereich des Gesundheitswesens gibt es gravierende Defizite: Eine effektive Gesundheitsvorsorge auf dem Land existiert nicht, in den Städten ist sie für einen Großteil der Menschen nicht bezahlbar. Doch damit nicht genug: Selbst das Grundschulsystem, das als tragender Pfeiler jeder gesellschaftlichen Entwicklung angesehen werden muss, ist bei weitem nicht flächendeckend und insgesamt in einem desolaten Zustand. Staatliche Förderungsmaßnahmen sind oft kaum wahrnehmbar. Hier ist es interessant zu wissen, dass 85% der Gelder, die zur Verbesserung der Armutssituation in Indien bereit gestellt werden, in, nach indischer Ausdrucksweise, den „pipelines“ versickern, also gar nicht bei den Bedürftigen ankommen. Die in der gesamten indischen Bürokratie und Justiz anzutreffende Bestechungs- und